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Nr. 12 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Gießener Konzertverem.

Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß sich die Schaffenden, nachdem die monumentalen «rohen Formen vergangener Jahrzehnte schlecht- firn nicht mehr zu überbieten sind, wieder den Heineren Formen der früheren Jahrhunderte zu- wenden. Damit gehen sic aber auch wieder an die Quelle zurück, aus der sich die großen For­men allmählich bildeten und gewinnen so wre- herum Ansatzpunkte für eine neue Entwicklungs* reihe. Denn wenn der Heutige in der alten Form gestaltet, so trägt sein Schaffen doch einen anderen Charakter.

Mit der Entwicklung der Form zur Große war auch eine Steigerung der technischen Mittel Hand in Hand gegangen: die Instrumente tour* den in ihrem Dau den verstärkten Anforderun­gen der Chromatik angepaßt, man denke z. B. emnial an die technischen Möglichkeiten auf dem alten Raturhom und dem jetzigen Dentilhorn. Dann aber hat auch die harmonische Entwick­lung des vergangenen Jahrhunderts ihr eigenes Gesicht getragen, und letzten Endes hat auch das hörende Publikum seine Aufnahmefähigkeit dem anfangs so neu und ungewohnt Erschei­nenden gegenüber gesteigert. r

Geht nun ein Moderner mit diesen Mitteln an die alten Formen heran, jo wird er da das Ringen um die Form als solche fortfüllt, nm so mehr eine Vertiefung und Vergnügung seines Stiles geben und ihn zu sublimiertester Feinheit steigern. Und ist er wirklich ein Mu­siker mit Herzblut, d. h. quellen aus ihm her- aus die Melodien in Frische. Natürlichkeit und Beseeltheit. frei von kühler Refrekllon, dann wird er stets das Echo des Hörers ftndcn. denn er gibt ja dann das. was der Hörer von der Moderne erwartet, Geist der Gegenwart, getragen vom Persönlichen, in klarer <5orm.

ilnö wir sehr das bei demDivertimento von Paul Grüner zutrifft, bewies der starke Beifall nach dem Ende dieses stimmungsvollen, man möchte fast sagen, liebenswürdigen Werkes. Wie unendlich fein hat Gräncr jede Klangfarbe nut ihrer Charakteristik zur thematischen Arbeit heran­gezogen. und wiederum wie natürlich und selbst- verständlich war der Fluß der einzelnen Stimmen, «in so feines durchsichtiges Stimmengetoebe. eine fo jugendfrische, unverbrauchte Melodik!

Nicaragua.

Don Dr. Paul Rohrbach.

3n der Sonderbotschaft des Präsidenten Eoolidge vom 10. 3anuar über die Politik der Vereinigten Staaten in Mittelamerika steht der Satz:

Die Eigentumsrechte der Vereinigten Staa­ten an der Kanalroute von Ricaragua, zusam­men mit den Verpflichtungen, die aus den Ka­pitalsanlagen aller Klassen unserer Bürger in Ricaragua fließen, versetzen uns in die Lage einer besonderen Verantwortlichkeit."

Der Ausdruckbesondere Verant­wortlichkeit" ist die bekannte Umschreibung fürAnspruch auf ein Protektorat". Zunächst steht in der Lat fest, daß seinerzeit zw ischen der Republik Ricaragua und den Ver­einigten Staaten ein Vertrag des Inhalts ge­schlossen worden ist, daß die Rordamerikaner das ausschließliche Recht aus den Bau eines zweiten interozeanischen Kanals durch das Gebiet der Republik erhalten, falls ein solcher Bau sich als iwtwendig erweist. Dazu muß mast zunächst an zwei Stellen die geogra­phischen Verhältnisse in Betracht ziehen.

Der Panamakanal ist fertig, und seine gegenwärtigen Leistungen für den Schiffsverkehr Genügen für absehbare Zeit vollauf. Er liegt aber bekanntlich In einer durch Erdbeben gefähr­deten Zone und kann jeden Tag durch eine vulkanische Erschütterung, die nicht einmal be­sonders groß zu sein braucht, aus kürzere oder längere Zeit unbrauchbar gemacht werden. Diese Besorgnis ist so alt wie der Kanalbau selbst. Außerdem befürchtet man auf amerikanischer Seite, daß im Fall eines Konfliktes mit Japan die Japaner trotz der scharfen Bewachung des Kanals durch überraschende Flugzeugangriffe oder durch Verrat ein Mittel zur Zerstörung von Schleusen oder anderen wichtigen Anlagen finden würden. Für solche Angriffe sind ver­schiedene Stützpunkte denkbar, zum Beispiel auf mexikanischem Boden oder auf den zu Ecuador gehörigen Galäpagos-Jnseln, die. ge­rade unter dem Aequator, dem Kanal auf eine Entfernung von 800 Seemeilen gegenüberliegen. Aus diesem Grunde bemühen sich auch die Ame­rikaner, den Archipel von Ecuador zu kaufen bisher vergeblich. Die Möglichkeit, daß die Ja­paner rechtzeitig ein Flugzeuggeschwader auf die Inseln bringen, oder sich mit den Mexikanern entsprechend verständigen, liegt ohne weiteres vor, zumal bei der Abneigung und dem Miß­trauen. das gegenüber den Rordamerikanern in den meisten lateinamerikanischen Ländern leben­dig ist. Gelänge es im Fall eines Konflikts den Japanern, den Panamakanal unbrauchbar zu machen, vielleicht in einem Augenblick, wo der größte Teil der amerikanischen Flotte sich im Atlantischen Ozean befindet, so könnten sich dar­aus sehr gesährliche militärische Folgen für die Lage an der ganzen Westküste der Union und überhaupt im Stillen Ozean ergeben.

'Natürlich ist auch c i n zwe iter K a n a l leine absolute Versicherung gegen solche Mög­lichkeiten. aber einen gewissen Sicherungs- faftor bildet er doch. Daher ist es begreiflich, daß die Vereinigten Staaten dauernd die Even­tualität eines zweiten Kanalbaus im Ange haben und über ihr Dertragsrecht in Ricaragua sorgfältig wachen. Der Ricaragua-Kanalbau würde zunächst den ins Caribische Meer mün­denden Fluß San Juan, den wasserreichen Ab­fluß des Ricaragua-Sees. mit Hilfe von Schleu­senanlagen in einen Fahrweg für große Schiffe verwandeln, dann den nur 33 Meter über dem Meere gelegenen Ricaraguasee durchqueren und zuletzt die Landenge zwischen dem See und dem Stillen Ozean zu durchstechen haben, die nur ein Drittel so breit ist. wie die Landenge von Pa­nama. Auch die Crdbebengefahr ist an dieser Stelle, wie man glaubt, geringer als irgendwo anders in ganz Mittelamcrika. Die Gesamtkosten würden geringer fein, als beim Panamakanal.

Mit Rücksicht auf die Kanalfrage ist es seit langem Ziel der amerikanischen Politik, in R i - caragua eine gefügige Regierung zu haben und außerdem dort so viel wie möglich andere Interessen, vor allen Dingen Landbesitz. Plan­

tagen und sonstige Kapitalsanlagen, zu schaffen. Gegen die von den Amerikanern protegierte Re­gierung in Ricaragua hat sich, wie das in Mittel- und Südamerika üblich ist. eine Revo­lution erhoben. Die Revolutionäre tragen selbst­verständlich die Flagge des Patriotismus und der ungeschmälerten Selbständigkeit des Landes vor sich her und haben sich, ebenso selbstverständ­lich. an den Gegenspieler von Washington, den mexikanischen Präsidenten Calles, um Hilfe, d. h. um Geld. Gewehre und Munition, gewendet. Die dritte Selbstverständlichkeit ist. daß jetzt auch in Mexiko gegen Calles Aufstände aus- gebrochen sind, denen die amerikanische Finan­zierung hilfreich zur Seite steht.

Mexiko ist eins der petroleumreich st en Sänbcr der Welt. Die mexikanische Petroleum­region liegt bei Tampico, im Staat Tamaulipas. nördlich von Vera Cruz. In früheren Jahren, als die imenfe Reichhaltigkeit der Oelzone von Tamvico noch nicht erkannt war und als man in Mexiko froh war. ausländisches Kapital und leistungsfähige Besteuerungsobjekte ins Land zu bekommen, wurde mit Petroleumkonzessionen frei­giebig gewirtschaftet. Die Konzessionen wurden unbeschränkt und mit dauernden Besitzrechten an dem Grund und Boden erteilt. Allmählich merkten die Mexikaner aber, daß sich hier bei ihnen eine gewaltige fremde Macht etablierte und daß deren Leistungen für den mexikanischen Staat verhältnismäßig gering waren. Präsident Callcs hak cs nun unternommen, durch eine allerdings scharfe Gesetzgebung, nicht nur für die Zukunft, sondern auch rück greif end auf be­

reits in früheren Jahren verliehene Rechte, da- Staatsintercffe gegenüber den Oclgesellschaften zu sichern. Das beteiligte englische und holländische Kapital hat sich gefügt: die amerikanische Regierung aber protestiert.

Die Konflikte wegen Tampico und we^en Ricaragua haben also einen nahen inneren Zu- sammeichang. In Ricaragua handelt eS sich haupt­sächlich um das Kanalrecht. Eine nicaragua­nische Regierung, die nicht von Washington ab­hängig wäre, sondern statt dessen sich auf das stammverwandte Mexiko stützte, wäre, falls ein­mal die Kanalsrage akut wird, für die Vereinig­ten Staaten vielleicht sehr unbequem. In Tam­pico stehen gewaltige Geldinteresfen auf dem Spiel, und bei der unmittelbaren Verknüp­fung. die in den Washingtoner Regionen zwischen Kapital und Politik besteht, ergeben sich Ton und Inhalt der von dort nach Mexiko gesandten Roten von selbst.

Käme es einfach auf das materielle Kräfteverhältnis an, so wären die Vereinigten Staaten natürlich imstande, sowohl mit Mexiko als auch mit Ricaragua kurzen Prozeß zu machen, eine offene Gewaltpolitik namentlich gegenüber Mexiko, würde aber sofort in ganz Lateinamerika bte ohnehin herrschende Antipathie in Helle Flam­men ausbrechen lassen und das Beispiel Chinas gegenüber England hat ja gezeigt, daß in solchen Fällen Kanonen und Bajonette nicht mehr, wie früher so oft. die allhelfenden Mittel find, um den Standpunkt deö Bewaffneten gegenüber dem Unbetoaffnetcn durchzusehen.

Politisches Petroleum.

Von unserem römischen L.-Korrespondenten.

Rom, Mitte Januar.

Das Album der Staatsverträge, immer reich.

Petroleum dasür sehen.

ilnö für Italien, den

jedoch nicht mannigfaltig gewesen, ist seit dem Kriege durch zahlreiche Reuerscheinungen ver­mehrt und dadurch so dick und bunt geworden, daß der Laie verständnislos darin blättert und der Historiker und Politiker manchen Schweiß- tropscn daransetzcn muh, um auf den ilrgrunö der Dinge zu stoßen. Alle Verträge, wie sie auch immer getauft sein mögen, haben natürlich wie seit altcrshcr den Zweck, den Frieden und die guten Beziehungen zu den Rachbarstaaten aufrecht zu erhalten. So will es die Etikette. Rur das tückische Schicksal ist daran schuld, wenn es anders kommt. Wir haben nun nicht mehr bloß Bündnisse, Schuh-, Sicherheits- und Protektoratsverträge, außer den Handelsverträ­gen, den Konzessionen und Interessensphären, sondern auch Mandats-, Völkerbunds- und Freundschaftsverträge, um nur die wichtigsten Gattungen zu nennen. Zwischen den Friedens­verträgen. die, wie der Versailler, mit Blut geschrieben wurden, folglich wieder Blut wecken werden, und den Handelsverträgen, bei denen einwandfreie Bureautinte durch die Feder floh, stehen die Verträge, die mit Petroleum geschrieben werden. Zu dieser interessanten Sorte zählt das Abkommen, das die italienische Großmacht mit dem halbkultivierten Skipetaren- staat Albanien abgeschlossen hat.

Ein ungeschriebenes internationales Gesetz verlangt, daß bei keiner diplomatischen Ver­einigung. und gehe sie einem Volke bis ans Mark, der Betriebsstoff mit Ramen genannt werden darf, dem sie ihre Entstehung verdankt, der mächtigste unserer Zeit: das Petroleum. Es hat der unbekannte Gott zu bleiben, man darf zu ihm beten und ihm Altäre errichten, aber niemals öffentlich. Andernfalls würde eine nackte Ausbeutungskonzession daraus und das schickt sich nicht. Ist das Rohöl noch dazu mit politischen Stoffen durchsetzt, so bleibt gar kein besserer Ausweg übrig als der Freundschaftsvertrag, das Mandat oder der Sicherheitsvertrag. Der un­übertroffene englische Geschäftsgeist hat es bei der Ramengebung zu einer vorbildlichen Meister­schaft gebracht: hieß es früher, der Brite sage Gott und meine Kattun, so darf man jeht getrost

gelehrigen Schüler des britischen Weltreiches, bedeutet eben Albanien dasselbe wie Meso­potamien für den Meister. Werfe man also im Glashause nicht mit Steinen.

Wenn irgendein Rachbar, so hat überdies 3talien das Recht, in Albanien Fuß zu fassen. Warum sollte Valona nicht das Malta der Adria werden dürfen? Warum Rom nicht die alba­nischen Berge besehen dürfen, wenn Belgrad die schwarzen einsteckte? Warum die Agip nicht das Petroleum verwerten dürfen, um das sich schon die Standard und die Shell rauften, also aus weiter Ferne gekommene Interessenten? Mischt sich ja Italien auch nicht in Mexiko ein, nur beim Rachbarn, wie Uncle Sam.

Außerdem hat Italien schon etwas fie­le i ft e t, wo die andern nur plündern wollten. Schon während der Besetzung des Landes in den Kriegsjahren von 1915 bis 1920 wurde vorbe­reitet, ein Stück Zivilisation geschaffen, das sich sehen lassen kann. Treffliche Straßen verbinden heute nicht nur die Küstenstädte. Durazzo und Valona. sondern die Hauptstadt Tirana mit Koriha und Argirocastro, also das adriatische mit dem griechischen Jnselmeer. HebcraH stößt man auf den stillen, rührigen Pionier der gegen­überliegenden Großmacht und was Fortschritt in diesem bisher unwegsamen Derglande heißt, mag aus der Tatsache ermessen werden, daß seinerzeit der Mbret, Prinz von Wied, zum grenzenlosen Staunen seiner Untertanen eine Art Teufelserfindung aus ©urobien kommen lassen mußte, das erste W. C.

Aus der Lafette sitzt in modernen Kriegen immer der Ingenieur und so konnte es nicht ausbleiben, daß die feldgrünen Geologen zu schürfen anfingen, wo das Rcgentoasser so merk­würdig fett und schillernd abfloß. Die Sondie­rungen ergaben bedeutsame Lager von öligen Rohstoffen in allen Aggregatzuständen. An vie­len Stellen entweicht das Pettoleum in Gas­form feit Jahrtausenden in die Lust! In reiche Rebenstoffc ist das flüssige gebettet, nicht fehlen Zement. Kupfer. Schwefelkies, Eisenerze und Kie­selerde, und alle Hauptbedingungen für die industrielle Ausbeutung sind gegeben, vor allem Wasserreichtum, eine außerordentlich günstige

Und mit welcher Liebe nahmen sich die Frankfurter dieses Werkes an, das war echte Musizierfreude, ein Dirigentenmeisterstück von Dr. T e m e s v a r h, der mit Delikatesse die seine instrumentale Zeichnung herausarbeitete.

Chopins Klavierkonzert in ll-Moll kann als der Typ des romantischen Klavierkonzertes gelten. Hatte das Deethovensche Konzert shm- phonischen Charakter getragen und Solopart und Orchester miteinander verwebt, so gibt das ro­mantische Konzert vielmehr dem Solisten Raum. Dem Virtuosen wird immer mehr Recht ein­geräumt. das Orchester kommt in feiner Aus­drucksfähigkeit weniger zur Geltung. Unter der zahlreichen Zeitproduttivn hat gerade Chopin sich mit seinen beiden Konzerten seinen Platz bis in unsere Zeit hinein behauptet: denn er ist nicht wie viele seiner Zeitgenossen der Zeit­mode und damit der Vergessenheit Versalien, sondern seine Werke tragen starke persönliche Züge durch seine ausgeprägte Rasseeigentümlich­keit. Man wird seinen Konzerten immer wieder gern begegnen, wenn sie in solcher Form ge­boten werden, wie im letzten Konzert durch Lubka K o l e s s a.

Ein neu entdeckter Stern, der, aber überaus glanzvoll strahlt, und der auch für die Zukunft seinen Platz am Kunsthimmel behaupten wird. Selten wird man das -Moll-Konzert so hören wie von Lubka Kolcsfa. Zern von allem Klavier- titanen- und Virtuosentum, ganz Sachlichkeit: ein Aufgehen im Werk, das das Publikum zur hellsten Begeisterung zwingen mußte. Denn die Solistin verfügt über das nötige Rüstzeug, es ist ihr ganz zur Ratur geworden, und in ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit wuchs sie mit dem Werk und das Werk mit ihr. Diese Kraft des Anschlags und wiederum diese Weichheit und innige Beseeltheit der Kantilene; diese perlen­den Passagen, aber nur sachliche Hingabe, ohne Eitelkeit, ohne Maniriertheit: dieses Sprühen im Rondo vivace! Und war nicht schon ihr Aeuheres dazu angetan, ihr die Sympathien des Publi­kums zu wecken?

So war der Erfolg so stark, wie er größer nicht gedacht werden kann. Ein seltener Augen­blick!

Entsprechend der Anlage des Konzerts kam das Orchester nur an wenigen Stellen zur Gel­

tung. aber auch da zeugte jeder Ton von einem Mitgehen mit dem Solisten. Voll entfalten sollte es sich in der ll-Dur-Symphonie von Brahms.

Brahms gehört zu den Persönlichkeiten der Musikgeschichte, die von führendem Einfluß auf eine ganze Epoche waren, die aber andererseits in ihrer Umwelt die größte Gegensätzlichkeit fanöcn. Und damit erklärt es sich, daß Brahms in feiner Bedeutung nicht immer voll gewürdigt wurde, insbesondere als Symphoniker. Man ist auch jetzt immer wieder geneigt, ihn als einen Formalisten hinzustellen. Sicher mit Unrecht. Denn gerade er schrieb nur das nieder, was ihm innerstes Erlebnis geworden war. Allerdings wird man selten bei ihm auf irgendeine Be­gebenheit verweisen können, die sich konform in seinem Werk widerspiegelt: sondern fein Schaffen sieht alles von einer höheren Sphäre: nicht mehr die individuelle Handlung ist zu erkennen, wohl aber ihr geistiger Riederschlag, als Ausdruck seiner persönlichen Weltanschauung, als Erleben von Spannungen und Losungen. Es wäre verfehlt, bei ihm irgendein poetisches ^Programm unter­zulegen. die zwischen den Tonen gebundenen rhythmischen und melodischen Kräfte geben seinem Werke den Pulsschlag und damit das Leben. Denn gerade im Gegensatz zur vorausgegangenen romantischen Epoche betont er gleich Beethoven die Kraft des Rhythmischen, und durch die Ver­bindung von rhythmischen und melodischen, bzw. harmonischen Akzenten erhalten seine Themen plastische Schärfe. Und wenn er die sogenannte _ durchbrochene" Verarbeitung der Themen in Beethovenscher Form wieder durchführt, fo wen­det er sich damit ganz dem klassischen Symphonie- ideal zu. erweitert cs aber auf seine Weife durch neue harmonische Mittel. Ausnützung der seiner Wesensart besonders zusagenden Kontrastwirkung von Dur und Moll (toie z. B. in den ersten Takten des ersten Satzes: oder in dem Anwenden der äolischen Septime im dritten Satze).

Der vergeistigte Ausdruck prägt sich in den Sym­phonien in einer Abkehr von individueller sinn­licher Klangfarbe aus. Mag so seine Instrumenta- non nicht jedem farbfreudig genug erscheinen, so ist sie doch wiederum voller Feinheiten in der stimmlichen Verwebung.

Ein großer Zug geht durch den ersten Satz mit seinen gegensätzlich gestimmten Themen. Das An­dante ist ein Klangidyll voller Schönheit, während

Samstag, 15. Januar 1927

topographische Lage und ausbaufähige Trans­portwege.

DaS albanische Petroleum ist von einer aus­gezeichneten Qualität, feine Dichte beträgt 0,908 bis 0,975 gegen 0,777 beim persischen, 0,836 beim russischen, 0,843 beim hannovcranischen. 0,865 beim kanadischen und 0,879 beim japanischen Rohöl. Die Dichte Pcmünöert sich mit der Diese deS Lagers, nach Daum(gradcn gemessen spielt sie zwischen 0,909 und 0,979. Selenitza. eineS der Hauptlager, liefert ein Erdpech von 1.0344 spezifi* schem Gewicht (Trinitatisinseln 1.0994, Bermudas 1,0823); chemisch betrachtet, kann es sich an Reich' tum mit den besten bisher bekannten Materialen messen, betragen doch die unreinen Beimischungen nur 13,4 gegen 23.4 gegenüber dem mexikanischen Erdpech. Bei der Destillierung ergibt sich nach Coguand: 43 Prozent Leicht- und Schweröle. 43 Prozent Koks. 16 Prozent Schlacken. Besonders entwicklungsfähig erscheint die Industrialisierung desjenigen Produktes, das nach der gänzlichen Durchhcchelung deS Petroleums als unbestimm­ter. schwarzer Punkt zurückbleibt: der Asphalt.

Die schneidende Rivalität zwischen den Welt- firmen. den übermächtigen angelsächsischen und russischen Oeltrusts. hat der italienischen Privat­industrie einen schweren und vernichtenden Kanrps geliefert. biS endlich Mussolini eingriff und durch staatliche Unterstützung oder besser gesagt. Verstaatlichung der bankrotten Unter­nehmen den Umschwung herbeiführte. Roch ist das Ringen, von dessen riesigem Ausmaß und erbitterten Zähigkeit sich der Außenstehende, der einfach an der nächsten Straßenpumpe sein Ben- zin kauft. daS Cdelprodukt des Petroleums, keine Vorstellung machen kann, nicht zu Ende, aber schon zeichnet sich der Sieg Italiens ab, der durch die Besprechungen Mussolinis mit Chamberlain eingeleitet wurde und durch die englische Zu­stimmung zum entscheidenden Vertrag mit Al­banien eine sichere Unterlage erhielt. Vorher beherrschten die amerikanische Standard Oil und die englische Royal Dutch Shell vollkommen den italienischen Markt, jetzt fängt Italien an. sich selbständig zu machen. Rur nebenbei sei er­wähnt. daß der Oel- und Benzinimport natürlich auch stark auf die Handelsbilanz und damit wie­der auf die Valuta drückt. Die Politik ist heute vom Welthandel nicht mehr zu trennen.

Alle privaten Unternehmungen waren, wie gesagt, an der übermächtigen Auslandkonkurrenz zerschellt, die Azienda Generale Jtaliana Petroli (Agip) erst kam auf eigene Füße zu stehen. Raummangel verbietet cs, näher auf die inter­essante Geschichte der Entstehung dieser Gesell­schaft einzugehen, die, was wäre natürlicher, freilich auch viele Gegner hat. gerade wegen der staatlichen Unterstützung. Die Cun (Confor- zio Utenti Rasta), die Gnom (Societn Razivnalc Oll Minerali) bilden die Etappen. Die Snom hatte vom Raphtafyndikat U.R.S. S. für den Vertrieb des russischen Petroleum- eine Art Monopol erhalten, aber da die Standard Oil die Hauptkundin der U. R. S. S. ist, bestimmte der Amerikaner trotzdem den Grundpreis des russi­schen Petroleums in Italien. Finanzminister Volpi reichte der notleidenden Gesellschaft und ihren notlcibenben Wechseln im Interesse des Staates die Hand, die Snom ging in die Agip auf. Starke Interessengegensätze, die wiederum nach Rumänien hinüberspielen, waren zu über­winden, führten zur Gewährung einer Anleihe art Rumänien von 200 Millionen Lire seitens der halbstaatlichen Agip, zur Aufsaugung vcr- schiedener italienisch-rumänischer Gesellschaften, wie der Prahova. der Petrvlifera latina u. a.. und der Uebernahme der betreffenden Leiter in die Agip. So wurde der Vizepräsident der Pra* hova. Anorctti, technischer Direktor der Agip. Die Russen wurden bald mürbe, als ihnen die Bodenkonzession für die Anlage von Reservoiren in Italien verweigert wurde, sie sehen sich auf Verhandlungen angewiesen. Die im vorstehenden gegebene Darstellung wird aber zum Teil von den Gönnern der Agip beftritten, ihr Vor­sitzender. Senator Conti, teilt durchaus die gün­stige Meinung des Finanzministers Volpi auch über die Entwicklungsmöglichkeiten. Welche Be­deutung für Italien das Petroleum hat. mag man daraus ersehen, daß von den 900 000 Ton­

dos Poco Allegretto mit seinem Cello« bzw. Horn- thema einen eigenen Charakter trägt. Das tragisch angelegte Finale in ?-Moll wendet sich zu einem lichten Bertlingen in Dur.

Die Durchführung einer Brahms-Symphonie ist ein Prüfstein für die geistige Auffassung des Diri­genten für sein musikalisches Können. Und mit welcher Klarheit, welcher Nachgiebigkeit dem einzel- nen Thema gegenüber wurde das Werk vor uns ausgebreitet! Hatte Dr. T e m e s o a r y im vorigen Konzert Bruckner? gesättigte Klangwelt erweckt, so wurde er hier zum berufenen Künder des geistig ganz anders eingestellten Werkes. Das Orchester leistete besonders in seinen Solostimmen Hervor­ragendes.

Das vollbesetzte Haus war von gehobener Festes- stimmung durchflutet: dem Konzertverein die sicherste (Gewähr' für sein Verdienst um das Kunstleben Gießens.in

Generalmusikdirektor Rosenstock verläßt Darmstadt.

Generalmusikdirektor Josef Ros en stock hat feine Stellung beim Hessischen Landestheater ge­kündigt und wird in der kommenden Spielzeit die Opernleitung am Staatstheater in Wiesbaden übernehmen. Rosenstock stammt aus Wien, wo er an der Akademie für Musik und darstellende Kunst ein Schüler Franz Schreckers war. dessen Unterricht er im Klavierspiel und in Kompo­sitionslehre genoß. Er wirkte dann mehrere Jahre als Pianist in der Oefsentlichkeit und wurde zweiter Kapellmeister beim Philharmonischen Chor in Wien und sodann Lehrer an der Opemschule und Hochschule für Musik in Berlin. Rach kurzer Wirkungszeit als musikalischer Assistent am Württembergischen Landestheater in Stuttgart, kam Rosenstvck im Jahre 1922 als Kapellmeister an das Hessische Landestheater in Darmstadt. Im Sommer des Jahres 1925 wurde er zum ersten Kapellmeister ernannt und nach dem am 2. September 1925 erfolgten Tode des General- musillürektors Michael Balling mit der vor­läufigen Versehung von dessen Posten beauftragt. Anfangs Oktober wurde et Generalmusikdirektor Unter Rosenstocks Leitung haben in Darmstadt zahlreiche bedeusame musikalische Veranstaltungen stattgefunden. Opernuraufführungen und Konzerte