Einzelbild herunterladen

Nr. 2T5 Erster Blatt

1ZZ. Jahrgang

Mittwoch, Septemder (927

Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Schalle.

monatsiBejugspreis:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:

Frankfurt am Main 11686.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

VnlS und Verlag: vrühl'sche UniverfitSts-vuch- und Zteindruckerel «.Lange in Sieben. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für V mm Höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen van 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvarschrist 20°, mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wich. Lange. Derantwartlich für Politik Dr. Fr. Wich. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriat; für den übrigen Ter! Ernst Dlumschein; für den An- zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Die Abrüstungsdebatte in Genf.

Der zweite Akt.

Der polnische Antrag, der länger als eine gan^e Woche den Völkerbund und seine zwei Dutzend aktiven Außenminister in Bewegung ge­setzt hat, ist im Ausschuß verschwunden, wo Herr B e n e s ch ihn in freundliche Behand­lung nimmt und zweifellos noch den Versuch machen wird, ob nicht doch noch etwas im Sinne ber französisch-polnischen Politik herauszuholen ist. Er wird aber, falls er sich mit diesen Ab­sichten tragen sollte, an dem Widerstand Eng­lands scheitern. Der Vorstoß Polens hat also fraglos mit einem Sieg Deutschlands geendet; Die Bemühungen nach einem Ost-Locarno sind gescheitert. Trotzdem wäre es verfehlt, von einem Deutschen Erfolge sprechen zu wollen, da es mehr als zweifelhaft ist, ob Deutschland, falls es allein gestanden hatte, stark genug gewesen wäre, um das fein gesponnene Intrigennetz zu zerreißen. '

Aber England wollte nicht. Cham- berla.n hat das mit einer brutalen Offenheit, die in diesen Kreisen vorsichtiger Höflichkeiten doppelt gewirkt hat, ausgesprochen, daß Englands Zugeständnisse mit seinen Locarno-Verträgen er­schöpft sind und daß England nicht in der Lage ist. irgendwelche weiteren Sicherheitshypotheken auf den Frieden Europas au bewilligen, vermut­lich, weil die englischen Kolonien selbst wider den Stachel lökten, die keine Lust verspüren, noch einmal für die kontinentale Politik des Mutter­landes ihre Knochen zum Markt zu tragen. Chamberlain konnte also nicht und wollte nicht. Ihm ist auch Driand beigetreten, der wegen dieses Antrages die Engländer nicht brüs­kieren wollte, und so war es von den beiden Außenministern eigentlich nur eine billige Geste der Liebenswürdigkeit, daß sie versicherten, sie würden Dr. Stresemann nicht im Stich lassen und nichts gegen ihn tun. Entscheidend war selbst­verständlich für sie, daß sie den Interessen ihres Landes nützten. Das hat den Ausschlag gegeben, das andere ist nur Kulisse gewesen.

immerhin, auch dieser Sieg ist nur negativ ge­wesen, er hat vom Standpunkt Deutschlands e i n Unheil verhindert, hat aber nichts Nütz­liches gebracht. Kein Wunder, wenn deshalb in Deutschland selbst ein gewisses Gefühl der Ent­täuschung Platz greift, nicht nur bei den Enthusiasten des Völkerbundes, sondern auch bei den Skeptikern, die zum mindesten nun von beutfdjer Seite aus ft örtere Töne in d e r B et onung deut­scher Ansprüche erwartet hätten. Man würde es in gewissen Kreisen gern gesehen haben, wenn die deutsche Delegation die Gelegenheit benutzt hätte, um, anstatt mit verblümten Wendungen, hinter denen höchstens die geborene» Diplomaten das Rich­tige lesen, in unmißverständliche» Sätzen die A n - spräche anzumelden, die wir sowohl in der Frage der Abrüstung, wie auch in dem end­gültigen Verschwinden der Besatzung des Rheinlandes geltend zu machen haben.

Dr. Stresemann ist nach Gens, geiatjren mit der Zusicherung, daß er eine verständliche Sprache führen würde. Ec hat sich aber offenbar diesen Triumph versagt, weil er geglaubt hat, daß jedes laute Wort in dem Augenblick mehr schaden als nützen würde. Es war ihm gelungen, dem pol­nischen Manuskript sämtliche Giftzähne auszu­ziehen und das Eigentliche in das Gegentell zu verkehren. Gegen eine Betonung friedlicher Ver­ständigung hat Deutschland nicht das Geringste einzuwenden, wir hätten sogar die widerspruchs­lose einftimmige Annahme der von uns gebillig­ten Entschließung sehr gerne gesehen, weil sie eine neue Dokumentierung des Tatbestandes war, daß alles geschehen ist, um non uns den Frie­den ficherzustellen, daß also nun auch d i e S i e g e r ft a a t e n die Folgerung aus der deut­schen Haltung ziehen müßten.

Wenn aber Dr. Stresemann nach seiner Ein­schätzung der Kräfteverhältnisse in der Vollver­sammlung selbst in diesem Augenblick das nicht unterstreichen wollte, dann kann damit nicht ge­sagt sein, daß er das nicht noch in Genf nachholt. Denn das Ziel unserer Poiuik bleibt unter allen ilmftänöen, wie auch die Regierungsloalition bei uns aussehen mag, dasselbe, Höch.ens die Mittel und die Taktik können wechseln. Cs ist Glaubens­satz für uns alle, daß nach juristischem und mora­lischem Recht kein fremder Soldat mehr auf deutschem Boden stehen dürfte. Es ist ebensosehr Glauberrssah. daß Deutschland nur unter der Bedingung der baldigen Gefolgschaft der anderen die erzwun­gene Abrüstung durchführte. . daß also unsere Abrüstung sich nicht aufrechlerhalien läßt, wenn die anderen statt dessen ihr Wettrüsten fort- setzen. Cs war daher recht geschickt, daß gerade Gras Bernstor ff in der Kommission diese Töne aaftin'-en ließ und gegenüber der Hinaus­zögerungspolitik anderer Mächte auf eine Be­schleunigung der Arbeiten der vorlaufrgen Abrüstunaskonferenz bestand.

Datnit hat der zweite Akt der deutschen Politik in Genf begonnen. Wie sie fortgesetzt werden soll, weiß vermutlich zur Stunde auch ine deutsche Dele­gation noch nicht, »>eil sie sich in den nächsten Züqen nach dem Verhalten der anderen richten muß. Die Locarnomächte haben bisher noch nicht beraten und es macht den Eindruck, als ob 5äerr Briand zwar eine einladende Handbewcgurg in den Konferenzsaal macht, aber gleichzei t i q d j e Tür zuhält, damit die Locarnomachte sich nicht allein finden können. Er.selbst muß wissen,

daß er damit nur auf Zeitgewinn arbeiten kann. Er kann die vertrauliche Aussprache verhindern, er kann aber nicht verhindern, daß Deutschland ent­weder während der Fortsetzung der Völkerbunds- tagung die Besatzung doch im Plenum anschnei­det oder später unmittelbar an die Oeffent- lichkeit tritt, um den Locarnomächten die Frage vorzulegen, ob sie die selbstverständliche Folgerung aus dem ziehen wollen, was sie gesagt haben und die Besatzungsfrist vermindern. Herum kommt Herr Briand um eine solche Auseinandersetzung nicht. Deshalb wäre es für ihn besser und vielleicht für uns erfolgversprechender, wenn sie möglichst rasch und in kleinem Kreise erfolgte.

Die Ausschußbecaiungen.

Genf, 13. Sept. (Wolff.) 3m Abrüstungs­ausschuß der Völkerbundsverfammlung empfahl heute nachmittag in längerer Rede

der belgische Senator de vrouckere

eine individuelle Rüstungsverininde- rung und meinte, es fei oft leichter für ein Land, die Zahl seiner Truppen effektiv zu vermindern, als sich zu einer Verminderung zu verpflichten; Denn das erstere stehe im Einklang mit der eigenen Auffassung über die Sicherheit, das zweite könne ihr aber zuwiderlaufen. Unter Bezug­nahme auf Graf Demstorsf, dem er vollkommen Recht gibt, legte er Artikel 8 des Paktes in Zusammenhang mit der Präambel von Teil 5 des Versailler Vertrages als eine Ver pf lich - tung mindestens zur Rüstungsverminderung aus, und zwar so binöenö, daß sich dabei kein einzel­nes Mitglied auf die Richterfüllung durch ein anderes Mitglied berufen könne. Die vollzogene Rüstungsverminderung bei einzelnen werde im übrigen vielleicht überkompensiert durch die Er­höhung bei anderen. Auch die Erhaltung des Döl- kerfriedens sei, so erklärte der Redner weiter, eine obligatorische Verpflichtung f-ü r den Völkerbund, und es müsse deshalb eine Einrichtung geschaffen werden, um diesen in den Stand zu setzen, sich über die politische

Lage dauernd und offiziell zu unterrichten, wie das jeder kleinste selbständige Staat tue. Seine Ausführungen, die gegenüber der eigentlichen Aufgabe der Abrüstung toenigftenS für den gegenwärtigen Augenblick einen ausgesprochenen Zug der Resignation aufwcifen, laufen in ihrer Gesamtheit darauf hinaus, aus dem Pakt sell>st mit Hilfe von Auslegungen und verschärf­ter Anwendung Mittel zu einer vorbereitenden Arbeit zu schöpfen, die die Lücken bis zum Ein­treten einer günstigeren Konjunktur ausfüllen könnten.Das wäre ein sehr bescheidenes Werk"', so schloß de Broucköre,aber immer­hin etwas. Das Gewissen der Welt erwartet mehr, aber der Völkerbund ist nur ein Reflex der Regierungen, und diese sind nur Reflexe ihrer Völker. Die Konjunktur können wir nicht selbst schaffen, aber wir müssen vorberei­tende Arbeit leisten, bis sie eintritt"

Der polnische Delegierte Lokal begründete dann den polnischen Antrag, wobei er von dem Gedanien au5g nq, _ daß die technischen Vorarbeiten für die Abrüstung schon erheblich weitergediehen feien als ine politischen, die doch entscheidende Bedeutung hätten. Die breiten Massen mühten das Gefühl der Sicher­heit haben, das nur durch Garantien, und Sanktionen bewirkt werde» könne. Sokal nahm dann auf die Erklärung Stresemanns Be­zug, der jede kriegerische Auseinandersetzung von Konflikten verpönt habe; er unterstrich dessen Auffassung über die Tragweite moralischer Garantien. 3n einer Auseinandersetzung mit dem Italiener Scialoja wies Sokal darauf hin, daß der Gedanke, eine feierliche Erklärung könne abträglich für die Staatsverpflichtungen selbst sein, ihm durchaus verfehlt erscheine. Er sei mit Deutschland, England und Frankreich einig, daß eine feierliche Erklärung guten Erfolg haben müsse.

Der holländische Delegierte Loudon vertrat den bekannten Antrag seiner Delegation. Das Genfer Protokoll schläft," so meint er,aber sein Geist s chweb t über uns und wir

Der Kampf um das Keichsfchulgesetz

Kein Kompromiß zwischen Zentrum

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 14. Sept. In letzter Zeit war die Rede davon, daß zwischen Zentrum und Deutscher Volkspartei ein Schulkoinpromiß ab­geschlossen werde. Diese Nachricht fußte ledig­lich auf einige» Besprechungen, die ganz un­verbindlich zwischen den, Zentrumsabgeordne­ten Rheinländer und dem Abgeordneten der Deutschen Volkspartei Runkel über das Reichs­schulgesetz stattgefunden haben. Nachdem bereits der offizielle'Pressedienst der Deutschen Volkspartei fest- gestellt hat, daß die Mitteilung jeder Grundlage entbehrt, und daß die Arbeite» zum Reichsschul­gesetz nicht früher ausgenommen würden, als bis der Reichstag zusammengetreten sei, wird heute auch von derGermania" betont, daß irgend- welche bindende Erklärungen oder Abmachungen vor dem Zusammentritt der Fraktionen gar nicht möglich sind.

Die ganz unverbindlichen Verhandlungen, die bisher stattgefunden haben, und an denen nicht nur oolksparteiliche und Zentrumsabgeordnete, sondern auch deutsch nationale Abgeordnete teilgenommen haben, haben sich um die Forderung der Deutschen Dolkspartei gedreht, daß die S i- »i u l t a n s ch u l e n in Baden, Hessen und Nassau erhalten bleiben sollen, und daß bar- über hinaus auch T h ü r i n g e n in dieses Reser­vat einbezogen werden soll. Daß die Differenzen in der Schulfrage zwischen Deutscher Volkspartei und Zentrum noch ziemlich weit von der Beilegung ent­fernt sind, zeigen die Ausführungen, die der Vor- sitzende der Reichstagsfraktion der Deutschen Volks- uartei, Dr. Scholz, in Königsberg gemacht hat, und der Kommentar derGermania" zu dieser Rede. Das Berliner Zentrumsblatt, das fragt, ob cs sich hier um die Politik des Herrn Scholz ober um die der Volkspartei handelt, erklärt:Wenn in der Schul- und Konkordatsfrage für die Deutsche Volkspartei diese Grundsätze maßgebend sein sollten, so hat Herr Dr. Scholz bie Lebensfähigkeit ber Re- aierungskoalition doch wohl überschätzt. Zumal, lven» man seine Aeußerung über die Reichsfarben,die wir nicht lieben", hinzunimmt.

Die Entwicklung der Volksschule in Preußen.

Das Ergebnis der Polksschulerhebrmg.

Berlin, 13. Sept. (Sil.) Die Statistische Korrespondenz veröffentlicht die vorläufigen Er­gebnisse der preußischen Schulerhebung vorn 2o. Rovember 1926. die angesichts der bevorstehen­de» Beratungen über den Reichsschulgesetzent- wurf besonderes Interesse beanspruchen können. Hiernach ist mit der vorletzten Erhebung im Jahre 1921 die Zahl der Schüler von 5 461 594 auf 4 136 665, also um 24,26 P r o z. zurückgegangen Dic'er Verminderung der Schüler za hl steht nut e ne unerhebliche Abnahme der Schulen gegenüb.r. näm­lich von 33 281 auf 32 906 ober um 1,13 Proz. Eine Verminderung weisen gleichfalls die Leh r-

unb Deutscher VoiksparLei. Personen auf, und zwar von 116 584 auf 109 187 oder um 6,34 Proz. Rach dem Geschlecht gegliedert, ist die Zahl der Knaben um 23,13, die der Mädchen um 24.39 Proz. zurückgcgcin- gen. Was die Frage der getrennten ober gemein­schaftlichen Erziehung an geht, so machten schon im Jahre 1921 die gemischten Klassen 62,21 Proz. aller Klassen aus. Dieser Anteil hat sich im Jahre 1926 auf 63,48 Proz. erhöht. Besonders interessant ist die Glied.rung nach der Konfession. Die Zahl der evangeli­schen Schüler ist um eine Kleinigkeit mehr zurückgegangen als die der katholi­schen,um 25,06 Prozent bei den evangeli­schen, um 24,36 Proz. bei den katholischen. Zugenommen haben die Schüler, die keiner Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft an­gehören, und zwar von 41 732 auf 50 855. Ver­gleicht man die konfessionelle Gliederung der Schüler, so zeigt sich, daß die Zahl der evan­gelische» Schulen von 23 159 auf 22854 ober um 1,32 Prozent zurückgegangen, dagegen die Zahl der katholische» Schulen von 8638 auf 8721 oder um 0,96 Prozent gestiegen ist. Sehr stark ist der Rückgang der jüdischen Schulen (93 gegen 153 oder 39,22- Prozent weiiiger). Auch die paritätischen Schulen weisen eine Abnahme von 1331 auf 1233 oder um sieben Prozent auf. Schulen ohne Religions­unterricht (sogenannte Sammelschulen) sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Solche Sammel­schulen 'existierten am Zahltage 171 mit 161 Lehr­personen und 49 970 Schülern.

Die Zahl der planmäßigen Schul­st e l l e n ist bei den evangelischen Schulen um 8,08 Prozent gesunken, bei den katholischen um 5,33 Prozent, bei den jüdischen um 33,83 Prozent, bei den paritätischen um 4,1 Prozent. Was die Konfession der Lehrer angeht, so ist die Zahl der evangelischen Lehrer um 7,99, die der katholischen um 5,11, bie ber jüdischen um 29,41 Prozent zurückgegangen, dagegen haben die Leh­rer, die freireligiösen Gemeinschaften oder keiner Religions- oder Weltanschauungsge­meinschaft angehören, von 153 auf 333 ober um 120,9 Prozent zugenommen.

Für dreSimuttanschule in Nassau

Wiesbaden, 14. Sept. (Vriv.-Tel.) In einer gemeinsamen Besprechung haben der Allge­meine Lehrerverein im Regierungsbezirk Wiesbaden, die Konferenz der evangelischen Religionslehrer und -lehrerinnen der Volks-, Mittel- und höheren Schule» in Nassau, der nassauische P f a r r o e r e i n , der evan­gelische Bund und der Presseausschuß des Landeskirchenrates in Nassau über die Stellungnahme ihrer Organisationen zur Frage der nassauischen Simultanschule beraten. Es wurde fest- gestellt, daß das gemeinsame Ziel der vorgenannten Körperschaften immer die E rhal. ung der be­stehenden nassauischen Simultanvolksjchulverhältnisse bleibe.

reagieren auf seine Wirkung." Die Annahme des Artikels 36 durch Deutschland, dieses Zeichen guten Willens, sei ein großer Schritt auf dem Wege zum Frieden. Frankreich habe fast angenommen und werde dank ber Bemühungen Paul-Boncours hoffentlich bie Be­dingung seiner früheren Aufnahme fallen lassen. Er forderte zum Schluß einen Modell» schiedsvertrag und das Verbot, auch so- genannterlegaler Kriege", das er in dem pol­nischen Vorschlag vermisse. Die Formel müsse nach dem Muster von fiocamo umgestellt werden und nicht auf den bloßen Angriffskrieg beschränkt bleiben.

Der Franzose Paul Boncour als letzter Redner verteidigte mit einem außer­gewöhnlichen Aufwand an oratorischen Mitteln die Arbeit der vorbereitenden Abrüstungskom- mission. Er hält die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, sondern meint nur,das Schiff fei momentan auf dem Riff der Marine» abrüstungskonrmission festgefahren. Er er­klärte, bie wirkliche Last, bie auf dem Abrü­stungsproblem lag unb liege, fei die Sicher­ste i t s f r a g e. Die Wassenabgabe eines Volkes könne nur erfolgen, so erneuerte er die For­derung des Genfer Protokolls, indem ihm die Sicherheit gewährt werde, entscheidenden! alts über die Waffen der anderen Völker verfügen zu kön­nen. Das Protokoll lebt noch, so be­hauptete er, und erwartet die Rattsikatton der fehlenden Staaten. Locarno fei nur eineAn­wendung dieses Protokolls, auf einen nein, mehrere der exponiertesten Punkte Europas". Die Funküon des Völkerbundes als einer Art Ka­tasterstelle für das Registrieren von Verträgen unb Resolutionen genüge nicht.

Die Situation in Gens.

Boransftchilich keine Besprechung der Locarnomachte.

B e t (i n , 13. Sept (MTV.) Rach den hier vor­liegenden Informationen aus Gens rechnet man nicht mehr damit daß die angekündigte Besprechung der Locarnomachte noch stattfinden wird. Der Grund dieses Verzichtes dürfte darin zu suchen sein, daß man gewisse Mißstimmungen der kleinen Machte, die in den letzten lagen verschiedentlich zum Ausdruck gekommen sind, nicht noch ver­mehren möchte. Zum anderen ist anzunehmen, daß die Fragen, die die Locarnomächte besonders interessieren, bereits in den Linzeibespre­chungen zwischen den Außenministern geklärt worden sind. Entgegen den bisherigen Dispositionen wird übrigens Chamberlain erst am Samstag abreisen, um dann seinen Urlaub am Mittelmeer zu verbringen. Mit der Rückkehr des Reichsauhenministers Dr. Stresemann wird für An'ang oder Mitte nächster Woche ge­rechnet. Der Zeitpunkt hängt davon ab, welchen Verlauf die Verhandlungen in d'' Abrüstungs- k o m m i s s i o n nehmen. Das verhalten Polens wird dafür bestimmend sein, ob diese Verhandlungen schnell oonffatten gehen oder ob man wieder vor derselben Situation steht, wie am Anfang.

Deutschland und die finnische llatsiandidaiur.

Genf. 13. Sept. (TTk.) Der finnländische Außenminister Voivnmaa erllärte dem Ver­treter ber Delunion über bie Kandidatur Finn­lands zum Völierbunbsrat, Finnland hoffe, baß feine Kandidatur für Deutschland im Hinblick auf die deutsch-finnländische Zusammenarbeit im Bal­tikum von Interesse fein werde. Finnland stosse fest mit Untefftütjung Deutschlands auf feine Wahl rechnen zu können. Die öffent­liche Meinung Finnlands würde auf das pein­lichste berührt fein, und es als eine schwere Ent­täuschung empfinden, wenn Deutschland zu der Kandidatur Finnlands eine ablehnende Haltung einnehmen würde. Dieses wäre um so bedauer­licher, als Finnland in vieler Beziehung Deutsch­land zu großem Dank verpflichtet sei und Finn­land bestrebt sei, mit Deutschland die bestehenden Beziehungen ausrechtzuerstalten. Ein ablehnendes Verhalten Deutschlands gegenüber ber sinnlän- difchen Kandibatur würbe in Finnland um so mehr befremden, als die finnländische Regierung gegenüber Sowjetrußlcrnd eine loyale Haltung eingenommen habe.

Hierzu wird aus Kreisen der deutschen Dele­gation darauf stingewiesen, daß bie Sympathien Deutschlands für Finnland hinlänglich bekannt seien, um keines weiteren Beweises zu bedürfen. Die Frage der Kandidatur Finnlands zum Völ­kerbundsrat sei bei der gegenwärtig stündig wechselnden Situation noch nicht geklärt und werde eine Entscheidung erst am Tage ber Ratswahlen in ber Vollversammlung finben dürfen.

Einreiseerlaubnis für Neu-Euinea.

Melbourne, 14. Sept. (Tel.-^lnion.) Die australische Regierung stat beschlossen, bLe Ver­fügung, nach der Deutschen die Einreise in das Mandatsgebiet verboten ist, mit Wirkung von Ende September ab zurückzu ziehen. Deutsche, die nicht früher in Reu-Guinea ge­wohnt haben, bedürfen für die Einreise einer besonderen Erlaubnis, während Deutsche,