wollt hat/
M. Perlmann.
Darmkrankheit, die ihn ein Jahr später hinrafst. Mit ihm starb Deutschland ein guter Freund und großer Verehrer, Rumänien verlor einen glühen- den Patrioten, der, wie er in seinem Testament schreibt »vielleicht manchmal falsch gehandelt, aber immer das Veste für sein Land ge-
Die Selbsthilfe Les Vermieters.
Von Iustizinspektor O. Schröder, Butzbach.
„Niemand darf seinem gesetzlichen Richter entzogen werden I" Sn einem Staat, der diesen Grundsatz in seine Verfassung ausgenommen hat, muh selbstverständlich die „Selbsthilfe" auf ein Mindestmaß beschränkt sein. Die Fälle, in denen nach unserem Bürgerlichen Gesetzbuch die Selbsthilfe möglich ist, sind tatsächlich auch mcht zayl- reich, und in der Regel müssen derartige Selbst- hilseakte unverzüglich durch den gesetzlichen -Richter sanktioniert werden, d. h. es muß eine richterliche Entscheidung nachfolgen. Diese Fälle der Selbsthilfe haben zur Voraussetzung, daß „Dbng- keitliche Hilfe nicht zu erlangen ist und die Gefahr besteht, daß die Verwirklichung des Anspruchs vereitelt oder wesentlich erschwert wird. Sie zu behandeln, ist nicht der Zweck dieser ^Für den Vermieter besteht ein Selbst- hilserecht, das nicht an die vorhin erwähnten Voraussetzungen geknüpft ist und keiner gerich^ lichen Bestätigung bedarf. Da hierüber vielfach Anklarheit besteht, soll es hier kurz besprochen werden. Der Vermieter hat für seine Forderungen aus dem Mietverhältnis ein Pfandrecht an den eingebrachten Sachen des Mieters; für künftige Entschädigungsforderungen und für den Mietzins für eine spätere Zeit als das laufende und das folgende Mietjahr kann das Pfandrecht nicht geltend gemacht werden; es erstreckt sich auch nicht aus die der Pfändung nicht unterworfenen Sachen, also nicht aus Sachen, die für den Bedarf des Mieters oder zur Erhaltung eines angemessenen Hausstandes unentbehrlich sind. Wenn hiernach der Vermieter sich darüber verlässigt hat. daß pfändbare Sachen vorhanden sind, darf er sein gesetzliches Pfandrecht in der Weise ausüben, daß er auch ohne Anrufung des Gerichts deren Entfernung verhindert und, wenn der Mieter auszieht, die Sachen ihm weg- und in seinen Besitz nimmt. Wenn der Vermieter diese Selbsthilfe überschreitet, etwa unpsändbare Sachen a>rg- nimmt, macht er sich nach allgeinein bürgerlichrechtlichen Grundsätzen schadenersatzpflichtig. Sind die Sachen ohne Wissen oder unter Widerspruch des Vermieters entfernt worden, so kann er deren Herausgabe zum Zwecke der Zurückschaffung in das Griindstück und, wenn der Mieter ausgezogen ist, die Überlassung des Besitzes verlangen. Das Pfandrecht erlischt mit Ablauf eines Monats, nachdem der Vermieter von der Entfernung der Sachen Kenntnis erlangt hat, wenn er nicht diesen Anspruch vorher gerichtlich geltend gemacht hat. Hiernach ist es mit der „Selbsthilfe", sobald die Sachen weggebracht sind, wohl meistens vorbei.
Das Recht des Vermieters zum Verkauf der seinem Pfandrecht unterliegenden Sachen richtet sich nach den Bestimmungen des Pfandver- kauss, von denen nur folgende hervorgehoben • werden sollen:
1. Der Verkauf kann nur stattfinden, sobald die Forderung ganz oder zum Teil fällig ist.
2. Der Vermieter kann nur soviel Pfänder zum Verkauf bringen, als zu seiner Befriedigung erforderlich sind.
3. Der Gläubiger (Vermieter) hat dem Eigentümer (Mieter) den Verkauf vorher anzu- zeigen, und der Verkauf darf nicht vor 2lb- lauf eines Monats nach der Androhung erfolgen.
4. Der Verlauf ist im Wege öffentlicher Versteigerung zu bewirken.
Trotz der „Erleichterung" sind bei diel er Arc der Selbsthilfe doch eine ganz erkleckliche Zahl gesetzlicher Bestimmungen zu beobachten, wenn der Vermieter sich nicht Weiterungen aussetzen will.
Der Mietstreitigkeitcn im übrigen ist stets die Anrufung des ordentlichen Gerichts notwendig, das in dringenden Fällen eine einstweilige Ver
fügung erläßt. Besonders sm davor gewarnt, einem unbequemen Mieter den Gebrauch der Mietsache etwa in der Weise tzu entziehen daß man die Wasser- und Lichtleitung abstellt - oder gar das Dach abdeckt, um chn auszulüften ! Auch hüte man sich, in Fällen, für dre nur die ordentlichen Gerichte zuständig slick), Pvlrzei- vder Gendarmeriebeamte anzugehen. So ist es in manchen Städten sozusagen Ortsgebrauch Morden daß Mieter einen Tor- oder Hausschlüssel dem Däckergehilfen überlassen, damit er morgens früh, wenn er die Brötchen bringt, sich Zugang ins Haus verschaffen kann. Lediglich das ordentliche Gericht hat darüber zu entscheiden, ob der Mieter befugt ist, einen derartigen Gebrauch von einem Schlüssel zu machen. Der Polizei- oder Gendarmeriebeamte aber, der etwa im Auftrag des Hauseigentümers (und sei es selbst der Staat!) den Schlüs'el „beschlagnahmt oder zu beschlagnahmen versucht, seht sich der Gefahr aus, wegen Vergehens im Amt strafrechtlich, mindestens aber disziplinär verfolgt zu werden' seine vorgesetzte Behörde wird nicht imstande sein, ein derartiges Vorgehen zu ent- schuldigen^n Mahnung: Richt zu viel Selbsthilfe!
Aus der promnzialhMMM.
Gießen, den 14. Suli 1927.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter (Pfund) 1,80 bis 1,90 Mk., Matte 30 bis 35, Käse 0,60 bis 1,40, Wirsing 25 Pf., Weißkraut 25, Rotkraut 35, gelbe Rüben 15, rote Ruben 20, Römischlohl 15 bis 20, Bohnen 50 bis 55, Erbsen 30, Mischgemüse 15, Tomaten 50 bis 80, Zwiebeln 20, Rhabarber 15, Kartoffeln 8 bis 9, Birnen 60 bis 80, Kirschen 50 bis 60, Himbeeren 70, Heidelbeeren 30 bis 45, Stachelbeeren 25 bis 40, Johannisbeeren 30, Erdbeeren 65 bis 70, Pflaumen 50, Reineclauden 80, Honig 45 bis 50 Pf., junge Hähne 1 bis 1,29, Suppenhühner 1 bis 1,20 Mk., Eier (Stück) 12 bis 13 Pf., Blumenkohl 10 bis 80, Salat 5 bis 10, Salatgurken 30 bis 60, Oberkohlrabi 7 bis 15, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Radieschen (Bd.) 10 bis 15 Pf.
** Versendung leichtverderblich er Waren. Die Post klagt darüber, daß letzt FriuHtsendungen u. dgl. in großer Zahl als Päckchen eingeliefert werden, deren Inhalt während der Beförderung meist verdirbt, ausläuft und andere Sendungen beschmutzt und beschädigt. Es wird daher darauf aufmerksam gemacht, daß die Versendung von schnell verderbenden und nässenden Sachen, wie Früchten, Beeren. Butter, Fetten usw. in Päckchen während der heißen Jahreszeit, wenn nach dem Wärmegrad die Gefahr besteht, daß der Inhalt verdirbt und Flüssigkeit abseht, unzulässig und im übrigen nur dann gestattet ist, wenn die Verpackung und namentlich die innere Umhüllung zweckentsprechend eingerichtet sind.
LPD. Vermeidung und Behandlung derMü ckelrst i che. Die Vertreibung der lästigen Mücken aus den Wohnungen ist verhältnismäßig leicht. Da sie die Zugluft nicht vertragen können, so kann man sie nach mehrfachen Durchlüften schon aus dem Zimmer bringen. Ebenso hilft ein Stückchen Kampfer, das man stark erhitzt, oder das Halten der Rizinuspflanze, die elin Todfeind der Mücken ist. Sm Freien werden die Insekten mit Tabakrauch vertrieben. Waschungen mit einer Mischung von Kölnischwasser und Nelkenöl. sowie eine starke Verdünnung von Schwesel- äther mit Spiritus sind gleichfalls vorzügliche Abwehrmittel. Hat der Quälgeist nicht mehr rechtzeitig vertrieben werden können, so beuge man dem lästigen Süden durch eine feuchte Seifenöin- rcibung ober durch Betupfen mit Salmiakspiritus vor. Raucher verwenden vorteihaft zum Einreiben Asche von Zigarren ober Zigaretten.
WSR. Schulfahrten auch aus Schnellzüge ausgedehnt. Wie die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft mitfeilt, wird zukünftig die Fahrpreisermäßigung für Schulfahrten auch auf Schnellzüge ausgedehnt. Es ist der Beschluß gefaßt worden, diese Tarifermäßigung schon jetzt für den gesamten Bereich der deutschen Reichs
bahn durchzuführen. Außerdem werden zukünftig bis auf weiteres Fahrpreisermäßigungen für Gesellschaftsreisen auf den internationalen Strecken auch für ssO-Züge zugelassen.
* Gewerbeaufsicht. Der Jahresbericht der hessischen Gewerbeaufsichtsämter _ für das Jahr 1926 ist jetzt erschienen und gewährt einen Ueberblid über das Gewerbewesen und zum Teil auch über das Wirtschaftsleben Hessens im Verlauf des vergangenen Jahves. Hessen hat fünf Gewerbeaufsichtsämter, und zwar mit dem Sitz in Darmstadt, Gießen, Offenbach, Mainz und Worms. Aus Statistiken ist die Bewegung des Arbeitsmarktes während des Jahres 1926 zu ersehen, namentlich auch wie sich diese Verhältnisse in den einzelnen Zweigen der Snbuftrie gestaltet hatten. Aus einer Reihe von Beispielen ist deutlich erkennbar, daß sich die Besetzung eines großen Teiles unseres Landes höchst ungünstig für das Wirtschaftsleben auswirkt.
LPD. Aenderung in der Rechtschreibung. Die Worte „Wagen" für Wiegeeinrichtungen und „Wagen" für Fahrzeuge konnten früher nicht verwechselt werden, da das eine mit einem Doppel-a geschrieben wurde. Nach der Einführung der einheitlichen deutschen Rechtschreibung am 1. April 1903 gab die gleiche Schreibweise für die Benennung zweier so verschiedener Dinge zur Verwechslung Anlaß. Der Reichsminister des Innern veröffentlicht nun im Reichsministerialblatt vom 8. Juli 1927 eine Bekanntmachung, wonach im Einverständnis mit den Reichsressorts die Schreibweise für Waagen gleich Wiegeeinrichtungen mit Doppel-a in die amtliche Rechtschreibung ausgenommen worden ist. 6
** Gleisumbau der Straßenbahn. An der Straßenecke Bahnhofstraße—Liebigstraße, gegenüber der Anatomie, wurden gestern in aller Frühe die Gleise ausgewechselt. Der Straßenbahn- verkehr cr^lt dadurch keinerlei Störung, da bis zum Einsetzen des Waaenverkehrs der Umbau vollendet war, und die Stelle wieder passiert werden konnte.
** Auftrieb aus dem heutigen Frankfurter Schlachtviehmarkt: 595 Kälber, 131 Schafe, 398 Schweine.
** Verkauf von Gasmünzen. Für die Inhaber von Vorausbezahlungsgasmessern sind eine Reihe von Gasmünzen-Derkaufsstellen in verschiedenen Stadtteilen eingerichtet. Es wird empfohlen, den Bedarf an Gasmünzen in einer dieser Verkaufsstellen zu decken, wo sie zum gleichen Preise wie im Gaswerk erhältlich find. (Räheres in der gestrigen Anzeige.)
** Deutsches Turn- und Sportabzeichen. Am Sonntag, dem 17. Juli, ist Gelegenheit geboten, die Prüfung für das Abzeichen in Gruppe 5 (Radfahren) abzulegen. Beginn vormittags 8 Ähr Schützenhaus. Anmeldungen bis zum 1L Juli an Gaufahrwart Marx. Gießen.
** Briefe an die Redaktion. Um unliebsame Verzögerungen zu vermeiden, bitten wir, alle für die Redaktion bestimmten Briefe nicht mit namentlicher Anschrift eines der Redakteure zu Detfeben, sondern allgemein „an die Redaktion" zu richten. Rur bann kann eine schnelle Erledigung gewährleistet werden.
Oderhessen.
Landkreis Giefze«.
fs Obbornhofen, 13. Juli. Der vor Jahresfrist gegründete Kleinkaliber-Schützen- v e r e i n hat sich bei den Linden auf dem Wege der Selbsthilfe eine moderne Schießanlage errichtet, bestehend aus einer in Fachwerkbau hergestellten Schießhalle und einer mechanischen Scheibenanlage. An den nächsten' Sonntagen hält er ein Preisschießen ab, wobei als erster Preis ein Fahrrad zur Verteilung kommt. Der Verein steht unter der Leitimg von Bahnassistent Schmidt und zählt 30 Mitglieder. — Bei der letzten G ü t e r v e r - fteigerung wurden gute Preise erzielt. Es kam der Normalmorgen Ackerland (2500 qm) auf 2700 Mark. Es handelt sich allerdings um erstklassiges Gelände. Für Wiesenland, wonach bei dem allgemeinen Mangel große Nachfrage herrscht, wurde das Ouadratmeter mit 1,15 Mark bezahlt. Ein Baumstück mit einer geringeren Bodenklasse und mit abgängigen Bäumen bestanden, wurde mit 95 Pf. das Quadratmeter bezahlt.
*!* Grünberg, 13. Suli. Gestern nachmittag unternahm das Landwirtschaftsamt
Grünberg gemeinsam mit dem Leiter der lanu - , wirtschaftlichen Beratungsstelle der S.-G.-Farben- inbuftrie in Kassel, Dr. Kling, eine Rundfahrt durch den Dienstbezirk. Es wurden verschiedene Getreide- und Hackfruchiversuche, die bas Amt angelegt hat und überwacht, in Ettingshausen, Reinhardshain und Geilshausen besichtigt, bzw. zu Dernonstrations- und Vortragszwecken photographiert. Snsbesondere wurde die im Dor- jcchr ins Leben gerufene Beispielswirt- schäft bei Landwirt Kriep in Geilshausen einer näheren Besichtigung unterzogen.
XlX Lauter, 13. Suli. Heute fand hier unter sehr starker Beteiligung der Umgegenb die Versteigerung der Gemeinde - Kirschen statt, die in unserer Gegend so berühmt sind. Es wurden sehr hohe Preise erzielt, die teilweise über den Marktpreisen lagen.
D Lich, 13. Suli. Der hiesige Verkehrs- und Verschönerungsverein veranstaltet auch in diesem Sah« wieder einen Blumenwettbewerb. Rach den schönen Erfolgen in den »ergangenen Jahren konnte gelegentlich des ersten Rundganges der Kommission wieder eine zahlreiche Beteiligung der Einwohnerschaft festgestellt werden. Alle Straßen unserer Stadt prangen bereits im schönsten Blumenschmuck, die damit viel zu einer Hebung und Belebung des Stadtbildes beitragen. Wie in den Vorjahren, stehen für die besten Leistungen wieder Preise in Form von schönen Blumenpflanzen in Aussicht.
Kreis Friedberg.
—. — Friedberg, 12. Suli. Eine bedeut same Sitzung hielt der Kreistag des Kreises Friedberg unter Leitung von Kreis direktor Gebhardt ab. Die Iahresrechnuno für 1926 wurde mit einem Abschluß von 1 576 000 Mart in Einnahme und mit 1 464 000 Mark in Ausgabe genehmigt, es bleibt ein Ueberschuß von 115 000 Mark. Der Antrag Wiedermann, im Bedarfsfälle für Rotstandsarbeiten 40 000 Marr vorzusehen, wurde angenommen. Der Voranschlag des Kreiswohlfahrtsamtes mit einer Einnahme und Ausgabe von 610 000 Mark wird angenommen. Der Kreislassenvoranschlag für 1927 zeigt infolge des Ueberganges der Straßen auf die Provinz eine wesentliche Verringerung der Ausgaben, so daß die Kreisumlage auf 135 000 Mark herabgesetzt werden konnte. Der Voranschlag wurde mit 568 500 Mark in Ei' nähme und Ausgabe einstimmig angenomme Sodann wurde mit Rücksicht auf die in Frie berg herrschende Wohnungsnot einftimmig b schlossen, ein Wohnhaus für den Fürsorgear und die Fürsorgeschwestern in Friedberg zu <; bauen.
5 Friedberg, 13. Juli. Die ersten Fruch Haufen zeigen in der Wetterau an. daß di Ernte begonnen hat. Es ist die Winter gerfte, die seit einigen Tagen geschnitten wir. etwas später als in den Vorjahren, wo fü schon anfangs Juli herangereift war. Die Wintergerste liefert in der Wetterau gute Erträge und wird daher in den letzten Sahnen imrnei mehr angebaut.
’ Friedberg, 13. SuIL Der von der Wiesbadner Lehr- und Kunst-Fllmgesellschaft im Mai auf genommene Friedberger Hei- matfilm kam heute erstmals in den beiden hiesigen Lichtspielhäusern zur Vorführung. Die Aufnahmen sind durchweg vorzüglich geglückt und ergeben nicht nur ein abgerundetes Bild von den malerischen Reizen und den geschichtlichen Sehenswürdigkeiten der allen Freien Reichsstadt, sondern legen auch beredtes Zeugnis ab für die blühende Industrie und den regen Handel und Verkehr im Herzen der goldenen Wetterau. Am Freitag, dem letzten Schultag vor den Sommerserien, wird der Film der Friedberger Schul - i fügend vorgeführt, und dann tritt er feine große Reise in die Welt an, um von der Schönheit des Hessenlandes zu erzählen.
2$. Bad-Rauh eim, 13. Suli. Nächsten Sonntag findet hier das diesjährige vberhessische Posaun em fest statt. Die Festfolge bringt morgens einen Festgottesdienst in der Dankes - kirche, nachmittags einen Waldgottesdienst auf dem Johannisberg. Als Redner werden u. a. sprechen Prälat D. Dr. Diehl und Missionar Lauck.
::Pohlgöns, 13. Suli. Da die efige Kirche in ihrem baulichen Zustand sehr viel zu wünschen übrig ließ, wurde vom Kirchenvorstand
Sn diesem Augenblick sah sie in dem Spiegel etwas, das ihr das Blut stocken ließ... Es war ein Finger, der in den blauen Samt der Portiere zwischen diesem kleinen Salon und dem Speisezimmer gekrallt war...
Weiß geworden bis auf die Lippen, stand sie unbeweglich Shre Knie zitterten, sie stützte sich auf den Sessel... sie fühlte ihr Herz bis an den Hals pochen.
War... das — ein Traum — eine QSifioji? ... Rein, nein, es war der Finger einer großen Männerhand, der die Portiere zusammenhielt.
Was tun? dachte sie, mit fliegendem Atem überlegend. Mein Mädchen ist fortgegangen ... das Telephon ist im Schlafzimmer. Um das zu erreichen, mußte sie das Speisezimmer durchqueren und an dem Finger vorbei... Shr kleiner Salon hatte keinen Ausgang nach dem Flur, es war ein sogenanntes Kabinett mit einem Fenster und einem einzigen Ausgang. Wer konnte sich da ein- geschlichen haben? Sie war den ganzen Tag in ihrer Wohnung gewesen, hatte mit dem Mädchen die Zimmer geordnet und im Speisesaal noch vorhin den Tisch geräumt. Und währenddessen hatte dieser Unbefannte schon auf sie gewartet? Es lief ihr eiskalt den Racken herab... Der Sonntagabend, dachte sie. Verbrechen, die an alleinwoh- nenden Damen verübt worden waren, tauchten auf und erschienen in Bildern vor ihren Augen... Eine Rachbarin in ihrer Villa war nachts aufgewacht, zwei Männer in Masken standen mit Revolvern vor ihrem JBett. Sie knebelten sie und raubten sie aus, gemächlich den ganzen Schmuckschrank ausräumend, ungestört.. .in dem zweiten Stock der Villa einer belebten Straße. Und nebenan schlief deren Mann und die Sungfer im Vorzimmer ... Sie entsann sich der Warnung ihres Freundes Oeste, den Diener nicht zu entlassen. „Wenn einmal etwas passiert, ist doch wenigstens ein Mann in der Wohnung!" Sie war allein auf diesem Stock. Unter ihr die Familie war verreist.
Die Pendule schlug eben 8 Uhr... Der Baron würde sie erwarten... Sie war pünktlich und trat gewöhnlich als erste bei Festlichkeiten ein. Sie stammte aus der Zeit, da Höflichkeit als Zeichen guter Erziehung galt. Würde er mißtrauisch werden. sich beunruhigen, wrnn sie nicht kam? Vielleicht rief er ihr an? Aber wie kam sie an das Telephon? Würde der Unbekannte sie dorthin lassen? Auf was wartet er eigemlich? dachte sie verzweifelt, da er sich nicht rührte...
Vielleicht darauf, daß ich gehe ... und er allein ist? Aber woher wußte er denn, daß sie heute allein war? War denn jemand heute hier gewesen, überlegte sie. Der Postbote? — Sa, und dann gegen Abend der Tapezierer, richtig... Er war gestern dagewesen, um diese Gardinen auf« zustecken und war heute noch einmal gekommen, weil er die Dorhangschnur vergessen hatte... Das Silber hatte noch im Eßzimmer auf dem großen Tisch ausgebreitet gelegen, er hatte dann die Gardinen fertiggemacht, sie hatte gar nicht auf ihn geachtet, wann er gegangen war, sondern das Silber gezählt...
War er denn überhaupt fortgegangen?
Sie erinnerte sich, ihn mit rotep Samtpantoffeln auf der Leiter stehen gefeben zu haben. Und in seiner Gegenwart hatte sie die Etuis herausgeholt mit dem Silber.. .Unvorsichtig war das, aber wer denkt denn auch, daß... Es kann ja auch ein anderer fein... Zweiter Stock, fie kamen jetzt durch offene Fenster in die Wohnungen, mit Strickleitern...
Sn ihrer Angst begann fie vor sich hin zu summen ... Soll ich es wagen? dachte sie... Vielleicht wartete er nur darauf, daß sie durch das dunkle Zimmer kam, um sich über sie zu stürzen.
Soll ich denn auf solche Weife enden?
Plötzlich erhob fie sich entschlossen... Sch werde gehen, dachte sie und ihm das Feld überlassen, er weih nun, wo mein Silber ist... Wie im Traum durchschritt sie ihr Speisezimmer und ging in das Schlafzimmer und warf den Mantel um mit zitternder Hand... Da klopfte es an die Türe...
Die Stimme versagte ihr... das war er... der Unbekannte.
„Gnädige Frau", sagte eine rauhe Männerstimme ...
Sie öffnete die Tür mit einem Ruck und... stand dem Tapezierer gegenüber. Er hatte feine Mühe in der Hand, feine schwarzen Augen fuhren unruhig über fie hin.
«Was wollen Sie hier?" fragte sie tonlos.
„Sch kam her, um mein Handwerkzeug zu holen."
„So", sagte sie gleichgültig, „bann suchen Sie Ihr Handwerkszeug, aber eilen Sie sich, ich muß fort..
Der Mann musterte sie mit seinen kleinen, dunklen, häßlichen Augen, von denen eines schief- stand.
„Sie gehen aus", sagte der Mann, dessen Augen unruhig zuckten... „bann möchte ich Sie nur bitten, den Schlüssel hierzulassen..."
„Welchen Schlüssels'
„Run, von dem Kasfenschrank...“
„Von ... meinem Schrank?"
„Jawohl." ...Er trat einen Schritt näher...
„Aber Sie erlauben doch daß ich wenigstens ausgehe, ich bin eingeladen."
„Das kann fein, aber ausgehen können Sie erst, wenn ich hier fertig bin.“
Der Mann zog einen Revolver aus der Tasche. „Eine Meldung an die Polizei, und es ist aus... Verstanden? Und nun den Schlüssel her..."
Sie nestelte mit bebenden Händen an ihrem Schlüsselbund, den sie ihrem fleinen, goldenen; Täschchen entnahm... „Der kleine da ist es" ... sagte sie und blieb an der Süt gelehnt stehen... die Füße trugen sie nicht mehr, sie fühlte sich ohnmächtig werden...
Wenn er mich nur herausläht, dachte sie...
„Die Türen sind abgeschlossen, gnädige Frau ... seien Sie unbesorgt ... und die Schelle gehf nicht mehr, die ist..."
„Abgeschnitten?"
„Jawohl. Ich mache nur saubere Arbeit." „Sie sind also kein Tapezierer?"
„Bewahre, nur Gelegenheitsarbeiter. Dom Gardinenaufstecken verstehen Sie mehr als ich..."
Sie setzte sich auf ihr Bett... Auch dieses Zimmer hatte feinen anderen Ausgang als durch das Eßzimmer. Was tun?
Der Mann hatte inzwischen in der ganzen. Wohnung die Lampen angedreht, öffnete den Schrank und begann auszuräumen. Alles, was sie vorhin forgfältigft dort hineingetan, das schöne wappengeschmückte alte Silber, die großen Brotkörbe von ihren Großeltern, die Teemaschine holte er heraus und warf alles in das schwarze Tuch, das er auf dem Teppich ausgebreitet hatte...
Wenn nur Oeste ihrer Verabredung gedachte, die fie einmal früher getroffen hatten... Ssic> lebten beide allein, waren Öugenbfreunbe und hatten verabredet, wenn einmal einer vom anderen nichts hören sollte, dann einfach herüberzu- tommen in des anderen Wohnung und nachzu- sehen, denn es gab Zufälle, da man auch das Telephon nicht spielen lassen konnte, wie jetzt... Wenn er doch käme! Sie rief den Freund bei feinem Ramen. Wenn meine Gedanken noch Kraft
und Wirkung haben, muß er fühlen, daß ich ihn brauche! Es schlug neun auf der kleinen Pendule. Sie sah ihn auf und abgehen auf dem Teppich feiner Bibliothek, die Uhr in der Hand... beunruhigt, weshalb kommt sie nicht, warum läßt sie mir nichts sagen? — Hilf mir! stammelte sie in ihrer Verzweiflung... und schaute nach der Pistole, die, den Lauf auf sie gerichtet, auf dem Eßtisch lag...
Großer Gott, wenn er nun käme! Wie schrecklich, allein zu leben, dachte fie mit einemmal. Er wohnt doch nur um die Ecke, in bet nächsten Straße.
Da fuhr sie auf. Sie glaubte Geräusch auf der Treppe zu hören, Schritte klangen. Sie sprang auf. Kam jemand... pochte nicht jemand an die Glastür der Wohnung? Da... wirklich... Donnernde Schläge gegen die Tür, eine Stimme rief ...Es war Oeste.
Der Mann hielt inne mit seiner Arbeit und sah sich um...
Glas brach in Scherben, krachend öffnete sich eine Tur... Die Tür zum Speisesaal flog auf. Der große, breitschultrige Baron Oeste stand vor ihr. Der Mann sprang auf ... aber der andere hatte ihn schon an der Gurgel und rief: „Telephon! Die Polizei ... rasch, rasch, Uschh!"
Ihre zitternden Hande rissen den Hörer ab. Sie rief an...
Ein furchtbarer Kampf zwischen den beiden Männern. Sie lief auf die Treppe und rief um Hilfe vom Balkon. Als endlich drei Polizisten amkamen, war es die höchste Zeit. Oeste war der Arm verstaucht. Der Einbrecher wurde gefesselt und abgeführt. „Es ist ein guter alter Bekannter", sagte der Kommissar. „Wir können Ihnen nur dankbar fein--"
„Beruhigen Sie sich gnädige Frau", sagte der Polizist und wandte sich an die schluchzende Frau, die wie gebrochen im Sessel vor ihm saß.
„Ja, beruhige Dich, Uschh... Kräfte hat der Kerl!" Oeste packte fie bei den Oberarmen. „Ich werde für den Rest meines Lebens ein Andenken an ihn davontragen... Hast Du nun genug vom Alleinwohnen, Uschh?"
Er nahm ihren blonden Kopf in die Hände und sah sie an. „Wenn ich nicht an Deine unheimliche Pünktlichkeit gewöhnt wäre ... es wäre vielleicht anders gekonrmen..."
„Der Sonntagabend" murmelte sie. Und mit einem erlösten Lächeln sah sie zu ihm auf...


