Zwischen siins und siebe«
Roman von Liesbet Dill.
Copyright bei Morawe & Scheffelt Verlag, Berlin. 13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Manfred fühlte, daß etwas schwer auf ihrem Ge- ryüt lastete. Sie trug heute etwas um sich wie einen stählernen Panzer, durch den kein Blick hindurchdrang ... Sie war nur scheinbar unter ihnen, stellte kleine, flüchtige Fragen, las die alten Bibelverse in dem großen Gesangbuch und ging von einem Altar zum andern, aber innerlich war sie sicher nicht dabei. Das sah man ... „Weißt du noch", sagte sie plötzlich und legte ihre Hand auf Manfreds Arm. Der zuckte bei der sanften Berührung auf ... so scheu und fragend ... „Weißt du noch, als wir damals hier standen?" Wie lange war das her ... Und sie gedachten beide dieses Tages, der ihnen die Erfüllung gebracht hatte und sie frei gemacht ... Und heute? ... Lag alles im Dunkel vor ihnen ... das Morgen ... die Zukunft, das ganze Leben ...
Es war, als ob sie versuchte, sich von etwas loszumachen, das sie beherrschte und zu Boden drückte ... es aber nicht mehr konnte. Die Kraft fehlte ihr dazu ... Sie stand wie unter einer Hyvuose. Es war auf sie gesunken wie eine Last. Als ob sie Opium genommen habe ... Sie litt. Ihre Züge waren wie versteinert, der warme, leuchtend rote Mund so blaß ... ihre Augen wie erloschen. Ihre Stimme klang dunkel und schwermütig. Manfred beobachtete Melitta aus dem Hinterhalt. Und sie schien es zu fühlen ... Es stand etwas zwischen ihnen, ungreifbar und körperlos, etwas, das sie beide sahen und von dem sie beide wußten---
was es war ... Es hatte sich zwischen sie gedrängt. Es ging lautlos mit ihnen durch die alte Kirche, über diesen Friedhof, der die Kirche umgab ... Es war da ...
In der Sakristei ließ sich die Leslie den Heiligenschrein öffnen. Sie war mit allen Einrichtungen der Kirche bekannt. Sie kam oft im Sommer her, um Aufnahmen zu mack)en und stieg dann in den Schrein, der eine ausgezeichnete Dunkelkammer war, um ihre Platten zu entwickeln ... Da stand der heilige Valentin in seinem Schrank, mit seinen rosig gemalten Wangen, wie ein freundlicher rheinischer
Priester, zu dem man sicher gern in bte Deichte ging. Bet den Prozessionen schwankte er unter goldenem Baldachin und Weihrauchwolken in der singenden, betenden Menge ... Er war erst kürzlich seines kostbaren Goldschmucks beraubt worden, deshalb blieb er werktags eingeschlossen in feinem Schrank. Melitta berührte seinen Spitzenmantel ... Wie blau seine Augen sie anleuchteten, so wisiend und verstehend.
„Es kommen meist Befallene her", sagte die Küsterin.
„Von was befallen?" fragte Manfred.
„Von Epilepsie." Die Frau schloß wieder den Schrank.
Die benachbarte Totenkapelle war dem Heiligen Michael geweiht. Dieser Heilige schützte vor Feuersbrunst, sagte die Kastellanin, eine ernste Frau. Don der Decke schwebte eine Madonna im goldgelben Gewand auf einer Wolke, 15. Jahrhundert. Sie hatte zwei Gesichter. Sie drehte niemand den Rücken, weder den Gläubigen, die sie anbeteten, noch den Priestern am Altar, eine sehr anmutige, liebenswürdige Madonna, mit einem Lächeln, das rätselhaft und — zweifelhaft war.---
„Ich wußte nicht," sagte Ethel, „daß Madonnen zwei Gesichter haben." Manfred sah Melitta an, die wie abwesend vor dieser zweigesichtigen Madonna stand, als spräche sie mit ihr ... Aber sie kniete nicht ... Jrn Hinausgehen fiel ihr Blick auf ein großes Buch, das aufgeschlagen auf einem Pult lag. „Es kommt ein Tag, da wird die Sonne finster werden wie ein schwarzes Tuch —", stand in großen lateinischen Lettern geschrieben. Sie wandte sich ab und folgte den andern, den Eindruck abschüttelnd, der sie anwehte ... eisig und mahnend. ...
„Ach, die Sonne", rief sie aus, als sie ctus der kühlen Kirche ins Freie traten. Alles war hell und in Licht getaucht. Im Dorf läuteten die Glocken. Auf der Höhe fuhr man dahin, schweigend und kühl taten sich Laubwälder auf. Ernster winterlicher, deutscher Wald umgab sie, tiefe Einsamkeit ... Golden leuchtete es zwischen ihren braunen Laubkronen, auf dem roten Teppich von Laub spielten scheue Sonnenlichter ... Spinnweben schimmerten auf den Hecken, und zwischen den Bäumen hing's wie Silberschleier. Auf den Höhen wehte ein frischer Wind, der vom Taunus herüberkam und ließ die Schleier flattern ... In Kloster Eberbach, einem alten, ehe
maligen Ztsterzienserttoster, bat in tiefer Waldeinsamkeit zwischen Wiesen und Weinbergen lag, stieg man aus, um in der behaglich erwärmten Wtrts- stube zu frühstücken. An einem Tisch in der Ecke saßen einige junge Männer beim Wein und spielten Karten. Der Wirt kam heran und erzählte vom neuen Jahrgang. Auf den Bergen um das Kloster wuchs einer der edelsten Weine des Landes. Es hatte nicht viel gegeben in diesem Herbst, aber der Wein selbst war erlesen und edel, wie noch selten. Man sprach vom Wein und der Ernte. Während der Bauernaufstände 1525 hatten die Horden, die hier einbrachen und plünderten, das riesige Eberbacher Faß ausgetrunken ... Die Weinberge waren im Anfang des zwölften Jahrhunderts — als eine der ersten Anpflanzungen der Weinrebe in Deutschland — von den Eberbacher Mönchen erbaut worden.
Sie gingen durch die feuchten Höfe in den verschlafenen Klostergarten, der still, wie ein Kirchhof, weltvergessen zwischen Mauern träumte. Unter den hohen Zypressen schienen die Geister der toten Mönche umzugehen. Schatten glitten an der hellen Mauer neben ihnen her, die nicht ihre eigenen zu sein schienen ... In den dunklen Gewölben der Kellereien standen riesige, schwere, hölzerne Weinpressen aus dem 15. Jahrhundert an den Wänden, darunter gärte der Wein: eingeheimst in großen Bottichen ruhte er nun still. Totenstille auch hier, kein Mensch zeigte sich in den Gewölben. Gespenstisch liefen ihre Schatten an den kalten Wänden entlang und zeichneten sich vor ihnen ab auf den Stein- fließen ...
Auf lehmigen, regengeweichten Wegen glitt der Wagen hinab in die Rheinebene. Die Wälder blieben zurück. Durch mittelalterliche Städtchen, kleine Dörfchen mit verbogenen, krummen, engen Gassen wand sich der Wagen wie eine Schlange zwischen Hecken ... Endlos lange, helle, schnurgerade Landstraßen führten quer durch das Land nach dem Rhein ...
„Was haft du, Melitta?" fragte Ethel. „Du bist so still ..."
Die fuhr aus ihren Gedanken auf. „Ich? Ich bin nur müde ...Ich weiß selbst nicht, von was? Ich freue mich an allem, was ich sehe ... Es ist, wie wenn man ein altes Bilderbuch durchblättert, eine Seite nach der andern ... Alles hab' ich früher fo oft gesehen, und nie sah ich's fo — wie heut' ...
Es ist mir, als sähe ich es heute zum letztenmal ..." Sie sprach von einem neuen Buch, das sie gelesen hatte und das ihr nicht aus dem Sinn wollte. „Das Leben einer Frau in vierundzwanzig Stunden" .. Unser Leben hängt oft von einer einzigen Sekunde ab, von einem Entschluß, den wir, kaum gefaßt, schon bereuen und den wir auszuführen uns mitreißen lassen, ohne zu wissen, warum." Manfred hörte schweigend zu. Er achtete genau auf alles, was sie sagte und tat ... Wie fremd klingt ihre Stimme auf einmal, dachte er.
Ein grüner, glitzernder Streifen tauchte auf, Brücken und Türme der alten Festung, die Brückenköpfe, grünüberwucherte Festungsglacis---
Die lange, rote wilhelminische Brücke mit den Römertürmen, die schlank, leicht und elegant über den graugrünen Rhein flieg. Nichts dob. einer Feenbrücke ... Am Tag wirkte sie nüchtern und ernst. Am Brückenkopf wartete eine buntzusammengewür- feite Schar auf die Straßenbahn. Blonde Wandervögel in Manchesteranzügen mit froftroten Knien. Gitarren und wallenden, weizenblonden Mähnen die Jugend vom Rhein, die in die Wälder zog wie die alten Germanen einst. Pfeifenrauchende E:>g ländertrupps in Kakimänteln, schwarzäugige G'c mefen und deutsche Polizisten. Der Fez eines M rokkaners, der am Brückenkopf Wache stand, warf einen blutroten Farbfleck in das Bild ... Siahlbk.'. schimmerte die Luft, Möven flatterten auf dem Wasser, Flöße schwammen auf dem Rhein.
Melitta schaute den flatternden Möven nach, die über den Rhein zogen ... Zieht heim, ihr Naben .. Blau und dunstverhüllt ragte der Feldberg dort drüben ... Die alte Stadt, eine roaffenftarrcnbc Garnison, besetzt vom Feind. Vor dem Rathaus standen französische Kanonen, die ihre Mäuler drohend gegen die Straße reckten. Soldaten in graublauen Mänteln, Offiziere mit Spazierstöcken und Käppis, fremd, dunkelhaarig, jetzt die Herren hier ... Sie trennten das Rheinland in zwei Teile. Die Rechtsrheinischen kamen selten noch über die Brücke.
Am Ufer stand hochmütig und gleichgültig ein rosenrotes Renaissanceschloß, schon und frostig, die alte kurfürstliche Residenz. Türme ragten aus dem graublauen Dunst, das Gerüst des alten Domes, das den riesigen Bau eng umklammerte bis zur Turmspitze, stieg über den blauen Dächern empor...
(Fortsetzung folgt.)
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Gießen, den 18. September 1927.
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Heute verschied nach kurzem Leiden mein lieber Gatte, unser guter Vater, Großvater und Schwiegervater
Herr Karl Schleenbecker I.
fD au vertue i Hier im 77. Lebensjahre.
Die trauernden Hinterbliebenen:
Frau Elisabeth Schleenbecker nebst allen Angehörigen.
Krofdorf, den 12. September 1927.
Die Beerdigung findet am Donnerstag, dein 15. d. M. um 4 Uhr in Krofdorf statt
Danksagung.
Wir danken auf diesem Wege allen denen, <iie uns beim Heimgange unseres lieben Entschlafenen ihre Teilnahme bewiesen haben.
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