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Aus der Provinzialhauptftadl.

Gießen, den 13. September 1927.

Mehr Vogel- und Naturschutz.

Der Vorsitzende des Landesvereins Hessen des Allgemeinen Deutschen Iagdschutzvereins ver­breitet di« nachstehende beherzigenswerte Ermahnung, die er einem Ausschnitt aus Ar. 223 des in Vern erscheinendenV u n d" vor- anstellt.

C© 0 bleiben unsere Schwalben?"

Die Frage wurde von verschiedenen Orten her gestellt. Tatsächlich sind die Schwalben dieses Frühjahr wieder zurückgelehrt, aber vielerorts in einer sehr geringen Zahl. Das nämliche muh noch von verschiedenen anderen Dogelarten ge­sagt werden. Die Vögel haben unzweiselhast aus ihrer Reise nach und von den Winterherber- gen oder in denselben gelitten.

Die meisten unserer schweizerischen Zugvögel wandern nicht über die Alpen, sondern verlassen r.nfer Land bei Genf, ziehen der Rhone entlang bis an das Mittelländische Meer, folgen in der Hauptsache der Rordküste desselben und setzen ungefähr bei Gibraltar nach Afrika über. Die berüchtigten italienischen Vogelherde würden sie dadurch vermeiden. Aber leider steht es in Süd- srankreich und Südspanien mit dem Vogelfang nicht viel besser als in Italien. 2m Departement Vouches du Rhone werden nach neueren Fest- stellungen jährlich zwei Millionen Schwalben ge­tötet. Von verschiedenen Stationen des Medoc werden alleSaisons" 24 OOO Kilogramm Klein- dögel verfrachtet. 3m Var wurden in einigen 3ahren 100 000 Rotkehlchen vernichtet, Und Spanien: in Madrid kommen während einer jeden Zugzeit ungefähr 3 000 000 Kleinvögel täglich auf den Markt!

Daraus kann ersehen werden, dah der Vogel­schutz nod) sehr viel Arbeit hat, und dah gerade das Bestreben des Vorstandes der Schweizeri­schen Gesellschaft für Vogelkunde und Vogel­schutz (S.G.V.D.), die Arbeit auf internationalem Gebiet nicht zu vernachlässigen, ein notwen­diges ist."

Diese in Deutschland nur wenigen bekannten niederschmetternden Ziffern, welche letzterwähn­ter Vorstand für eher zu niedrig erachtet, weil der Eigenbedarf der Vogelfänger darin nicht enthalten ist, sind französischen und spanischen Zeitungen entnommen und bisher unwidersprochen geblieben.

Unbekannt ist auch bei uns, selbst unter den Mitgliedern deutscher Vogelschutzvereine, dah ein Internationales Komitee für Vo­gelschutz", Sitz in Bern, trotz vorauszusehender allergröhter Schwierigkeiten mit allen sich bieten­den Möglichkeiten versuchen will, diesem jeder Kultur abträglichen und des Menschen unwürdi­gen Vogelmord allmählich zu steuern. Acht deutsche Vogel- und Raturschuhvereine sind in diesem Komitee vertreten, worin die erwähnte schweizerische Gesellschaft hervorragend tätig ist. Weitestgehende Mitarbeit zu sicher lange Zeit erfordernder Erreichung dieses idealen Zieles wäre gerade aus Deutschland diesem rührigen Verein (Vorsitzender Dr. Albert Heh in Bern) erwünscht. An warmem Interesse dafür wird cs bei unseren Raturfreunben gewiß nicht fehlen, trotzdem uns vor allem in der Heimat sehr viel besserer Raturschutz und eng damit verbundener Vogelschutz am nächsten liegen, wofür aufbauende Arbeit leider noch von Minderheiten, immerzu geleistet wird, vor allem seitens der betreffenden Vereine. Bereits der Jugend sollte viel mehr Liebe zur Ratur, praktische Kenntnis ihrer Lebe­wesen (Tiere und Pflanzen), Sinn für deren Schutz bei verhältnismäßig wenig Arten überwiegt der Schaden ihren weit gröheren Ruhen beigebracht werden, was schon Pflicht der Eltern, dann aber eine höchst dankbare und dankenswerte Aufgabe dafür talentierter Lehr­kräfte wäre (z. D. bei Schulausflügen).

Um auf die Frage des ,Bundes" zurückza- kommen: Es ist auffallend, wie sehr durch mensch­lichen Unverstand, ebenfalls in Deutchland, nütz­liche Insektenfresser unter den Vögeln abge­nommen haben, z. B. die Haus schwalbe, auf deren Heimkehr nach Wintersende sich jeder mit Ratursinn begabte Mensch freut. Die neuzeit­lichen Häuserbauten, bieten ihnen keine Rist­gelegenheit mehr: einz.lne f ein' Unterlagen zum Restbau unter genügendem Dachschuh (am besten Ost- urcd Südseite) uni) ungestörtes Brüten wür­den schon viel helfen. Brettchenuntersähe, natür­lich vor allem in den ihnen zugänglichen Ställen. Die oben mitgeteilten Ziffern lassen natürlich keinen Zweifel darüber aufkommen, wo eine Hauptursache des Uebels zu suchen ist und wo die Hebel dagegen anzusehen sind, letzteres um so mehr, als wir alle erfahren haben, wie nötig die Hebung der landwirtschaftlichen Produktion für die Volksernährung und deren Verbilli­gung ist, wie sehr wir wohlgepflegte Wälder brauchen und welchen großen Abtrag andererseits die unheimlich gewachsenen Insektenschäden diesen Zielen tun. Es gilt, diese Gefahren s i ch nicht erst entwickeln zu lassen, und zwar am besten durch weitgehende Rücksichtnahme auf die Ansprüche der nützlichen Insektenfresser: ein Glück, das; einzelne dieser Vogelarten, so die Meisen, nach dem Sprichwort leben:Bleibe im Lande und nähre dich redlich." Es ist nachgewiesen, daß der Tagesbedarf einer einzigen gröheren Meise zur besseren Jahreszeit durchschnittlich täg­lich zwar nur etwa 23 Gramm Insektennahrung bet-. ach, was aber 80 000 Frostspannereiern ent- s.vricht. Man verläßt sich daher sehr viel besser c.'jc die altbewährte vorbeugende Hilfe der In­sel enfresser, als wie, infolge ihrer mangelnden Pssege und gar ihres Maffenmordes, hochgebrach­ten gcwal'igen Insektenschäden durch sehr zwei- schn idire Mittel, wie z. D. Arsenbestäubung vrm Flugzeug aus, begegnen zu wollen, deren

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Wert oder Unwert zu untersuchen sich auch bi« Schweizer Gesellschaft für Vogelkunde und Vogel­schutz verdienstlicherweise angelegen sein läßt.

Gietzener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200 bis 210 Pfennig, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 130, Wirsing 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 15, Rotkraut 15 bis 20, gelbe Rüben 10 bis 15, tote Rüben 10 bis 12, Spinat 25 bis 40, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen (grüne) 15, (gelbe) 20 bis 25, Unterkohlrabi 8 ins 10, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 25 bis 40, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 50, Kürbis 8 bis 10, Pilze 30 bis 35, Kartoffeln 5 bis 6, Falläpsel 5 bis 6, Frühäpfel 10 bis 20, Birnen 8 bis 15, Brombeeren 40 bis 50, Preiselbeeren 50 bis 65, Zwetschen 15, Mirabellen 20 bis 30, junge Hähne 100 bis 110, Suppenhühner 100 bis 120 pro Pfund: Eier 15 bis 16, Blumenkohl 20 bis 130, Salat 10, Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 4 bis 8. Endivien 10 bis 25, Oberkohlrabi 5 bis 15, Lauch 10 bis 15, Rettich 10 bis 20 pro Stück: Radieschen 10 Pfennig pro Bund.

LZornotizerr.

Tageskalender für Dienstag. Stadttheater: 8 Uhr, Gastspiel des Bad-Nauheimer Kurtheaters,Hurra ein Junge!" (Ende 10.15 Uhr). Verein Rudersport: 9 Uhr, Bootshaus, Monatsversammlung. Palast-Lichtspiele:Die Tragödie einer Ehe". Astoria-Lichtspiele:Fox' Lachkabinett".

Von der Deutschen Dolkspartei wird uns geschrieben: In den verschiedensten Städten Deutsc^ands haben in den letzten Wo­chen die Organisationen der Deuffchen Volks­partei zu Versammlungen eingeladen, in denen der Reichsschulgesehentwurf behandelt wurde. Hier in Gießen wird zu dieser Frage in einer öffentlichen Versammlung, die morgen, Mittwoch, abends 81/* Uhr im Cafe Leib stattfindet, Land­tagsabgeordneter Ober-Studiendirektor Dr. K e I - l e r Stellung nehmen. Angesichts des Kampfes, den Hessen um die Erhaltung feiner Simultan­schule führt, verdient diese Versammlung allge­meine Beachtung. (Siehe Inserat.)

Stresemann spricht in Darm­stadt. Am 15. und 16. Oktober findet in Darm­stadt der Landesparteitag der Deutschen Volks­partei in Hessen statt, auf dem auch Reichs- außenminister Dr. Stresemann sprechen wird.

" Veränderungen in der Gießener evangelischen Kirche. In der Organisa­tion der evangelischen Kirchengemeinde Gießen werden demnächst einige Veränderungen ein­treten. Bei der letzten Volkszählung hat es sich erwiesen, dah die Lukasgemeinde ungefähr 9600, die Iohannesgemeinde 7600 Seelen umfaßt. Eine derartige Scelenzahl übersteigt bei weitem die Kräfte eines einzelnen Geistlichen. Aus diesen Gründen sollen die beiden Gemeinden nun geteilt und mit je zwei Pfarrern besetzt werden. ist geplant, in der Kapelle des Alten Friedhofs jeden Sonntag, wie das auch früher einmal bei einem Umbau der Stadtkirche geschah, Gottes­dienste zu veranstalten. Die Stadt Gießen hat hierzu bereits ihre Genehmigung erteilt. Drin­gend notwendig ist es, dah im Süden der Stadt, also im Bezirk der Lukasgemeinde, eine Predigt­stätte eingerichtet wird, da die große Entfernung von den südlich gelegenen Straßen zur Iohannes- kirche alte und kränkliche Gemeindeglieder vom Besuch des Gottesdienstes abhält. Da die Ge­meinde nicht in der Lage ist, eine neue Kirche zu bauen, so denkt man vorerst daran, einen Ge­meindesaal zu errichten, der gottesdienstlichen Zwecken und gleichzeitig auch Gemeindeversamm­lungen dienen soll. Die zweite Pfarrstelle der Iohannesgemeinde wird in den nächsten Tagen beseht werden, die zweite Pfarrstelle der Lukas­gemeinde soU vorerst durch einen Pfarrverwal­ter versehen und erst definitiv besetzt werden, sobald der Gemeindesaal errichtet ist. Da die Matthäus- und die Markusgemeinde nicht allzu sehr gewachsen sind, so denkt man vorläufig nicht daran, hier eine Reuorganisation zu _ schaffen.

** Warnung vor einer Betrügerin. Der Polizeibericht meldet: Am 30. August er­schien in einem hiesigen Rahrunasmittelgrschäst eine Frauensperson und kaufte 200 Eier zum Preise von 26 RM. unter dem Vorgeben, sie seien für ein hiesiges Restaurant. Die Frau lieh sich eine Rechnung mitgeben und bemerkte, das Geld werde sie in den nächsten Tagen bringen. Als der Kaufmann vor einigen Tagen an den Gastwirt seine Forderung stellte, muhte er zu seinem Erstaunen erfahren, dah der Wirt über­haupt keine Eier bestellt und auch keine Person beauftragt hatte, für ihn Eier einzukaufen. Jetzt erst wurde der Betrug entdeckt. Die Betrügerin erschien in dem Laden mit einem Marktkörbchen, sie trug eine große, weihe Schürze mti> machte den Eindruck einer Wirtschafterin. Da auch in Frankfurt a. M. in letzter Zeit eine derartige Schwindlerin aufgetreten ist, dürfte eine reisende Frauensperson als Täterin in Frage kommen, die scheinbar jetzt die kleineren Städte Heimsucht. Es wird hiermit vor der raffinierten Betrügerin gewarnt und ersucht, zweckdienliche Mitteilungen alsbald an die Kriminalpolizei Gießen zu richten.

,e Die Taubstummen aus Hessen und Hessen-Rassau haben sich zu einem Verbände zusammengeschlossen, der die Rechte der Taubstummen wahrt und namentlich die so­ziale Fürsorge ins Auge faßt. Dieser Verband ist am Sonntag in Gießen zusammengetreten. Die geschäftlichen Verhandlungen fanden vormittags in der Reuen Aula statt und wurden von Pfarrer Hofmeher in Offenbach geleitet. Insbesondere wurde verhandelt über die Gründung eines Taub­stummenheims und andere Einrichtungen der so­zialen Fürsorge. Hm 11.30 Uhr fand für die katholischen, um 1.30 Uhr für die evangelischen Taubstummen Gottesdienst statt. Hierauf wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Der Abend brachte

eine gesellige Veranstaltung im Saalbau Sauer. Ungefaßt 200 Taubstumme waren hierbei ver­sammelt. Pfarrer Dechtolsheimer hielt die Ansprache. Hierauf wurden turnerische Hebungen vorgeführt. Es ist erfreulich, daß die jungen Taubstummen sich in den Leibesübungen sehr hervortun. Die turnerischen Vorführungen er­folgten zumeist durch Mitglieder des Turnvereins der Frankfurter Taubstummen. Ferner fand eine Verlosung statt. Es war interessant, zu beob­achten, wie die Taubstummen sich durch die Zeichensprache miteinander unterhielten: in dem großen Saale herrschte trotz der zahlreich Er­schienenen allgemeine Stille, die nur gelegentlich durch Laute unterbrochen wurde, die den Hören­den unverständlich sind. Aus alle Fälle bewies die Tagung, daß die Taubstummen in vielen Fällen intelligente Menschen sind. Die meisten von ihnen haben einen Beruf erlernt; so finden sich unter ihnen Schreiner, Holzbildhauer, Photo­graphen, Schneider, Schuhmacher und Schneide.in­nen. Das gemeinsame Schicffal fügt die Gehör­losen eng aneinander. Sie unterhalten mitein­ander Beziehungen, die sie übet weite Strecken ausdehnen.

** Vom eigenen Fuhrwerk über­fahren. Gestern nachmittag ging einem Fuhr­mann beim Passieren der Rodheimer Straße bas Pferd durch. Der Mann stürzte dabei vom Wagen, der ihn überfuhr. Mit Verletzungen an den Armen und Schultern wurde der Verunglückte von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz mit dem städtischen Sanitätsauto in die Klinik gebracht. Das Gefährt wurde zum Glück bald gestellt, so daß weiteres Unheil nicht ange­richtet wurde.

** Vom Dach g e ft ü r 31. Gestern mittag er­litt die in einem Hause der Schloßgasse bedienstete Marie Gluck aus Köln einen schweren Unfall. Das Mädchen stürzte beim Teppichklopfen auf einem flachen Dache ab und trug dabei einen komplizierten Beinbruch davon. Die Bedauernswerte wurde von der Wache der Arbeiter-Samariter-Kolonne mit dem städtischen Sanitätsauto nach der Chirurgischen Klinik verbracht.

** Den flotten Kirmesbursch' wollte am Kirchweihfest in Grüningen der Knecht eines dortigen Landwirtes und Händlers mimen. Mit den 3 Mark Zehrgeld, die er sich von feinem Arbeitgeber vorher hatte schmken lassen, konnte er dendicken Wilhelm" natürlich nicht markieren. Deshalb stahl er seiner Herrschaft, als diese ab­wesend war, das nette Sümmchen von 1600 Mark, mit dem er nun auf dem Tanzboden erschien und kräftig das Tanzbein schwang, wobei er aber auch nicht vergaß, die anderen Kirmessreuden zu ge­nießen. Als der Landwirt mittlerweile heim- gekehrt war, bemerkte er den Verlust des Geldes, und er ließ alsbald durch die Gendarmerie Rach- sorschungen anstellen, bei denen der biedere Knecht in eifriger Weise behilflich war. Erst als der Mann merkte, daß man gegen ihn mißtrauisch wurde, verschwand er in einem unbewachten Au­genblick behende, wobei er sich so sehr beeilte, daß er von dem gemausten Gelbe den Betrag von 1100 Mark noch im Hofe des Bestohlenen verlor. Vis jetzt ist es noch nicht gelungen, des Täters habhaft zu werden.

** V. H. C. In einen der schönsten Teile des Westerwaldes lenkte am Sonntag der D. H. C., Gießen, seine Schritte. Von Herborn, dem alter­tümlichen Städtchen, ging es in sanfter, aber steter Steigung, unterwegs hübsche Ausblicke genießend, so il a. auf Dura Greifenstein, nach dem an­mutig gelegenen Schönbach, wo das Frühstück ein­genommen wurde. Heber einen Höhenrücken mit wiederum prächtigen Ausblicken wanderte man sodann unter dankenswerter Führung zur Be­sichtigung der Steinkannnem, zweier Höhlen aus vorgeschichtlicher Zeit, in eine wildromantische Waldschlucht. Auch den in der Rähe befindlichen interessanten Kalksteinbrüchen wurde ein Besuch abgestattet. Dem lieblichen Erdbachtale, das von bewaldeten Bergen umrahmt ist und später in das Amdorfbachtal übergeht, abwärts ging es auf guter, vielgewundener Straße durch die freundlichen Dörfchen Erdbach und Hckersdvrf nach dem malerisch gelegenen Forsthaus Reu­haus, wo ausgiebige Rast erfolgte. Der Weg zum Endziel Herborn führte über eine Dergnase mit reizvollen Blicken auf den großen Scheider Wald und später auf Herborn und das Dilltal.

AusstellungGesundheit, Wohnung und Siedlung".

Darmstadt, 12.Sept. Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteil­nehmer und K r i e ge r h i n 1 e r b l ie b e n e n besteht jetzt zehn Jahre. Aus diesem Anlaß hat die Ortsgruppe Darmstadt des Bundes in Verbindung mit einer Reihe anderer Verbände eine AusstellungGesundheit, Wohnung und Siedlung" im stiidt. Saalbau veranstaltet, die nicht allein wegen ihres Umfanges, sondern auch wegen der vortrefflichen Anordnung und klaren Uebersicht der Ausstellungsobjekte die' starke Beach­tung verdiente, die sie sand. Der Eröffnung ging eine akademische Feier voraus, in der zunächst der Ausstellungsleiter R a u ck (Darmstadt) das Wort ergriff und den Zweck der Ausstellung barlegte; es sollten den Kriegsbeschädigten alle Hilfsmittel, na­mentlich technischer Natur, oorgesührt werden, die dazu dienen können, ihnen das Leben erträglich zu machen, gleichzeitig sollte die Aufmerksamkeit der Be­hörden (Versorgungsämter usw.) auf Neuerungen, die in dieses Gebiet fallen, aufmerksam gemacht werden. Der Minister für Arbeit und Wirtschaft Raab feierte in einer Ansprache den Gedanken der Selbsthilfe und der gemeinsamen Arbeit, der dem Reichsbund zu so vielen Erfolgen oerholfen und auch diese Ausstellung geschaffen habe. Er über­mittelte Grüße des Staatspräsidenten, der gegen­wärtig im Ausland weilt. Es folgten dann noch zahlreiche Begrüßungsansprachen von behördlichen Vertretern und Abordnungen befreundeter Ver­

bände. Mändnsr (Berlin) übermittelte Grüße des Bundesvorstandes und hielt eine längere Rede, in der hauptsächlich Fragen der Bodenreform und der Siedlung behandelt wurden. 9m Anschluß an die Eröffnungsfeier fand ein Rundgang statt. Die Ausstellung bietet in Plänen uni) Modellen Siedlungen (namentlich der Hess. Wohnungsfür- sorgegesellfchaft), Kleinhäuser, Wohnungseinrichtun- gen, Hausrat, sanitäre Einrichtungen, Krankensahr­stühle, künstliche Glieder und eine größere Abtei­lung für Gesundheitswesen (Krüppelfürs arge, Be­kämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrank­heiten, Zahnpflege usw.).

Gerichtssaal.

Sechs Iahre Zuchthaus für Schulhauseinbrüche.

WSR. Frankfurt a. M.. 12. Sept. Als in der Rachkriegszeit die Zimmerleute nichts zu tun hatten, weil nicht gebaut wurde, ging es auch dem Karl Redzierski schlecht, ein Mann, der sich in der Vorkriegszeit und auch im Felde sehr gut geführt hatte. Er wurde Spezialist in Schulhauseinbrüchen. Diese Tätigkeit brachte ihm früher bereits 31/« Jahre Zuchthaus ein, die er 1925 verbüßt hatte. Rachdem er sich einige Zeit gut geführt hatte, geriet er wieder auf die schiefe Dahn und er verfiel auf seinen alten Trick. So galten seineBesuche" den ver­schiedenartigsten Schukhäusern, u. a. in Mann­heim, Würzburg, Höchst, Wiesbaden, Mainz, Aschaffenburg, Friedberg, Darmstadt, Hanau, Gießen, Marburg usw. Jedesmal, wenn er von seinem -Hauptquartier", das er in Frankfurt aufgeschlagen hatte, einen Abstecher unternahm, besuchte" er gleich mehrere Schulhäuser; so z. D. in Offenbach gleich vier Stück in einer Rächt. In Friedberg versuchte er einen Kassen­schrank dadurch aufzubringen, daß er Pulver ins Schloß schüttete, wäch gefährliches Unternehmen glücklicherweise beim Versuch blieb. In Aschaf­fenburg verübte er auch einen Einbruch irn Gerichtsgebäude und stahl dort Wertpapiere, die als Mündelgelder verwaltet wurden. Bei seiner Festnahme hatte Redzierski ein solches Papier im Besitz. Erst kurz vor der Verhandlung be­quemte er sich dazu, einzugestehen, wo er die anderen untergebracht hatte. Bei all seinen Streifzügen, die schließlich 3 4 Fälle umfaßten, blieb die Beute gering. Der Staatsanwalt be­antragte 15 Jahre Zuchthaus: das Gericht er­kannte auf eine Zuchthaus st rafevonfechs Jahren und fünf Jahren Ehrverlust. Als strafmildernd wurde angesehen, daß er eine ge­wisse Scheu hatte, in bewohnte Gebäude einzu­dringen, daß er voll geständig war und sich In einer Lage befand, in der es schwer hält, wieder hochzukommen.

Spionageprozeß.

Leipzig, 12. Sept. (WB.) Der Ferien­strafsenat des Reichsgerichts verhandelte unter Ausschluß der Ocffentlichkeit gegen den 24- jährigen Kaufmann Wilhelm Steeg aus Ober-Ingelheim, den 28jährigen belgi­schen Kaufmann Edmund v. Claret-Wies- court, den 26jährigen Ober fünfer Hans W 0 rf von der 1. Kompagnie der Rachrichten- abteilung, abkommandiert zur Briestaubenstation Kassel, und den 46jährigen Magazinarbeiter Heinrich Müller aus Hvlzhausen bet Fried­berg. Den Angeklagten wurde zur Last gelegt, daß sie 1925 und 1926 in Mainz und anderen Orten Spionage zugunsten Frankreichs trieben. Steeg und der Belgier Claret-Wiescourt ver­anlaßten Worf, ihnen militärische Geheimnisse auszuhändigen. Müller überbrachte als Kurier die Rachrichten dem französischen Spionage­bureau. Steeg, Claret-Wieseourt und Müller versuchten, weitere Re.chswehrsolda'en für den französischen Spionagedienst zu gewinnen. Rach zehnstündiger Verhandlung wurde das Urteil gefällt: Wegen Vergehens nach § 1, Absatz 2, des Spionagegesehes wurden Steeg, Claret- Wiescourt und Worf zu je 3 Jahren Zuchthaus, 5 Jahren Ehrenrechtsverlust und Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt: Mül­ler wurde zu einem Jahr und ach t Mo­naten Gefängnis und drei Jahren Ehren- rechtsverlust verurteilt. Bei Müller werden acht Monate Untersuchungshaft angerechnet, bei Stceg ein Jahr, bei Worf ein Jahr acht Monate. Claret-Wiescourt ist erst vor kurzem verhaftet worden, so daß bei ihm die Untersuchungs­haft nicht zur Anrechnung kam. Die bei den Angeklagten beschlagnahmten Spionagegelder wurden als dem Reiche verfallen erflärt.

Rundstma-Progra nm

des Frankfurter Sendr-s.

(Aus der .Radio-Hmschau".) Mittwoch, 14. September.

15.30 bis 16 Uhr: Die Stunde der Jugend. 16.30 bis 17.45: Konzert des Hausorchesters. 17.45 bis 18.05: Die Büchecstunde. 18.30 bis 19: Stunde des Südwestdeutschen Radio-Clubs. 19 bis 19.30: Stenographischer Fortbildungs­kursus für Anfänger und Fortgeschrittene (Dittat von 80 Silben auswärts). 19.30 bis 20: Die Schachstunde. 20 bis 20.15: Senckenbergviertel­stunde:Trinkwassersuchen auf geologischer Grund­lage", Vortrag von Dr. Franz Michels. 20.15: Die Deutsche Spieloper.

Sprechstunden der Redaktion.

12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittag» Samstag nachmittag geschlossen

Sommerkur fUr

Nervenkranke

und Nervös-Erschöpfte. Spezlalkur ans lall HofheUn im Taunus de, Frankfurt a. M. - Prospekte durch Dr. M. Schulze-«ahteyss, Nervenarzt.