Nr. 214 Erstes Blatt
17 7. Jahrgang
Dienstag, 15. September (927
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Monats-Vezugrprets:
8 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger: lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanfchlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Sietzen.
Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Druck und Verlag: Vrühl'jche Umverfität§-Vuch- und 5teindruckerei R. Lange in Stehen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulftrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/n mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Dich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
Die Besoldungsvorlage.
Von Albrecht Morath, M.d.R.
Der Reichsfinanzminister hat am Sonntag in Magdeburg eine Rede an die deutsche Ration gehalten. Das gilt nicht nur von der Form ihrer Verbreitung durch Rundfunk, sondern noch viel mehr von ihrem Inhalt. Dr. Köhler hat seine Worte in erster Linie an die Beamten gerichtet. Er hat aber — und das sei ihm gedankt — sich auch an alle nicht beamteten Staatsbürger gewandt. Gerade diese bemerkenswerten Ausführungen sind aber leider in der Berichterstattung der Presse weniger gewürdigt worden als die ja in der Tat besonders interessanten Angaben über das Ausmaß der Besoldungserhöhung. Es wäre schade, wenn die von tiefem Verantwortungsgefühl getragenen Worte des Ministers über die Stellung des Beamten im Staat und zum Staat und über die Bedeutung des Beamteneinkommens für die Volkswirtschaft ver- hallen und vergessen würden. Sie sind geeignet, ebenso verbreitete wie falsche Vorstellungen über das Beamteneinkommen zu zerstören.
Der Minister sprach von der jahrelangen Rot, die die Beamten ertragen hätten. Er hätte an das Wort des Reichskanzlers Luther erinnern können, daß die Stabilisierung der Reichswährung durch die Beamten erhungert worden sei. Bom 1. Dezember 1923 an bekamen die Beamten durchweg weniger als die Hälfte ihres bescheidenen Vorkriegseinkommens. Was im nächsten i vfafrre gegeben werden konnte, war durchaus unzulänglich. Seitdem wurde die Rot größer und | immer größer, und in den untersten Gruppen . unterschieden sich die Bezüge eines Beamten im I Lagessatz nur noch durch Pfennige von denen eines Erwerbslosen. Gewiß hat man, wenn durch . Geburten oder Todesfälle oder durch lang an» - dauernde Krankheit Beamtenfamilien in besow- ■ dere Rot kamen, auch durch Unterstützungen ge- j halfen, aber es war für einen selbstbewußten | Charakter doch schwer, in solchen Fällen „den I Weg der Bitte zu gehen", wie der Minister sich I gestern aus drückte.
Sn diesen Sohren haben sich nach den rich- 1 ligen Darlegungen des Ministers Sinn und Zweck der Besoldung geändert. Sie war nicht mehr, was sie sein muß, eine Bezahlung von , Leistungen, sondern sie war zu einer kümmer- i lichen Alimentation geworden. Das ist auf die I Dauer nicht erträglich, denn gute Leistun- i« gen können wie überall und in jedem Arbeits- Verhältnis nur bei angemessener Be- f Zahlung verlangt werden. Das widerspricht i'em Ansehen, und es entspricht auch nicht den Interessen des Staates. Denn auf die Dauer lärm kein Staat all die wichtigen Ausgaben in »Kleiner Verwaltung und in seinen Betrieben, in Schulen und Hochschulen und in der Rechtspflege schlecht bezahlten und darum verschuldeten und mit dem Staat unzufriedenen Menschen anber- trauen.
Seit dem 1. Dezember 1924 hat cs keine Besol- dungsausbesserung gegeben. In diesem Zeitraum war der Arbeitslohn um durchschnittlich 30 Prozent gestiegen. Es war zuletzt dahin gekommen, daß bas Reich einem 24jährigen ungelernten Arbeiter in Berlin vom ersten Tage seiner Beschäftigung im , Reichsdienst an soviel geben mußte, wie ein Schaffner in der vierten Besoldungsstufe, also im vorgerückten Lebensalter Gehalt bekam. Kein Wunder, baß die Verschuldung der Beamten einen beängstigenden Umfang bis in die höchsten Gruppen hinein annahm. Kein Wunder auch, daß die früher kaum aekannten Eigentumsoergehen von Beamten in erschreckendem Maße zunahmen. Eine Mahnung an alle Verantwortungsbewußten sah der Minister in biescn trüben Erscheinungen. Seine Bewunderung sprach er denen aus, die es fertigbekommen haben, in biesem letzten Jahrzehnt anständig und ehrlich durch- ! zukommen. Aber er wies auch die Beamten darauf Ihin, daß das deutsche Volk seinen Lebensstandard der Vorkriegszeit im allgemeinen nicht erreicht habe, und daß auch nach der Besoldungs- , । erhöhung der Beamte sich im Vergleich zu seiner früheren Lebenshaltung Einschränkungen ' auferlegen müsse. Kein Beamter werde, so, sagte er, künftig ein sorgenfreies Leben haben.
Soweit die Kürze der Zeit eine Berechnung gestattet, werden nur die Beamten der unteren p ^Gruppen das Realeinkommen der Vorkriegszeit I; erreichen. Alle übrigen bleiben auch fernerhin dahinter zurück. Wenn der preußische Finanz- I, nrinister jüngst es als Ziel der Desoldungs- ! Neuregelung darstellte, allen Beamten das Vor- 1 kriegscinkommen zu geben, so ist dieses Ziel Lj n i d) t erreicht. Das ist in einer Hinsicht sogar | begrüßenswert. Eine Erhöhung bis zum Vor- ! kriegseinkommen wäre für die unteren Gruppen unzulänglich gewesen. Es muß Aufgabe einer . vernünftigen Besoldungspolitik fein, schon den Beamten der untersten Gruppe die Mittel zum ; bescheidenen Auskommen zu geben. Dem trägt L die Vorlage Rechnung, indem sie bei diesen | Gruppen die weitaus bedeutendste Erhöhung vor- f sieht. Sm Durchschnitt soll nach den Worten des Ministers die Erhöhung für diese Gruppen 25 Prozent des bisherigen Grundgehalts aus- mochen. Dabei handelt cs sich, wie betont werden muß, um die weitaus meisten Beamten. Bei her Eisenbahnverwaltung befinden sich in den ■ Gruppen I bis VI mehr als 80 Prozent des ganzen Personals, bei der Post sind es 77 Proz., und nur bei dm eigentlichen Hoheitsverwaltungen ist die Zahl geringer.
Die Zahlen lehren aber noch etwas anderes, nämlich, daß eine durchgreifende Erhöhung bei den übrigen Gruppen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Gesamtbedarfs ausmacht. Sie
Paktpläne der baltischen Staaten.
Eine baltische Sonderkonserenz in Genf verlangt Neutralisierung oder Garantieverträge.
Gens, 12. Sept. (SOI.) Sn den letzten Sagen haben mehrfach Zusammenkünfte zwischen den gegenwärtig in Genf anwesenden Außenministern der baltischen Randstaaten stattgefunden, an denen der lettländisch-e Außenminister Zeelens, der estländische Außenminister Akel, der litauische Ministerpräsident Woldemaras und der erste Delegierte Finnlands beim Völkerbund Professor Erich teilgenommen haben. Wie die Tolegraphen-Rnion von zuverlässiger Seite erfährt, ist in diesen Gesprächen «eingehend das Projekt einer Reutralisierung der vier baltischen Rand st aalen erörtert worden. Dieser Plan wird gegenwärtig besonders von dem lettländischen Außenminister Zeelens und den: litauischen Ministerpräsidenten Woldemaras vertreten. Der gegenwärtig zwischen den baltischen Außenministern erörterte Gedanke einer Reutralisierung der baltischen Randstaaten soll verwirklicht werden, so daß diese Garantie einerseits durch die großen europäischen West- mächte (England, Frankreich, Deutschland), andererseits durch Rußland geleistet wird. Sn der Aussprache hat Woldemaras darauf hingewiesen, daß der im vorigen Sahre zwischen Litauen und der Sowjetregierung geschlossene Vertrag bereits die Garantie der Unverletzlichkeit Litauens enthält. Der estländische Außenminister betonte, daß ein allgemeiner Nichtangriffspakt zwischen den vier baltischen Randstaaten einerseits und Sowjetrußland andererseits empfehlenswerter wäre. Der finnländische Delegierte hat dagegen darauf aufmerksam gemacht, daß Finnland als skandinavische Macht sich einem Projekt der Reutralität der baltischen Randstaaten mit Einschluß Firrnlands nicht an schließen könne. Die Verhandlungen sollen in Riga fortgesetzt werden. Sn den letzten Sagen haben mehrfach Fühlungnahmen zwischen den baltischen Außenministern und Chamberlain und Briand stattgefunden, wobei jedoch dieser Gedanke nur in allgemeinen Zügen berührt worden ist.
In Deutschland weiß man, daß der lettlän- dische Außenminister Zeelens derartige Pläne seit einiger Zeit mit großer Energie betreibt, weil er der Meinung ist, daß den baltischen Randstaaten g e - m e i n s a m die Aufgabe zufällt, die Initiative zu einer Sicherung ihrer.staatlichen Grenzen durch die Großmächte, einschließlich Sowjetrußland, zu ergreifen. Diese Pläne des lettländischen Außenministers gehen an sich von anderen Erwägungen aus als die Pläne, die die p o l n i f dj e Delegation in Genf verwirklichen wollte, und die zu einer He gern o n i e im Baltikum und zu einer Sicherung der polnischen We st grenze führen sollten; immerhin wird man deutscherseits darauf zu achten haben, daß diese Pläne nicht von anderer Seite dazu benutzt werden, die diesmal in Genf abgelehnten polnischen Pläne auf Umwegen doch noch zu verwirklichen.
Lettlands außenpolitische Ziele.
Der Vertrag mit Moskau. — Finnische Ratskandidatur.
Genf, 12. Sept. (Sil.) Der lettländische Außenminister Zeelens äußerte sich heute vor der Presse über die außenpolitischen Bestrebungen Lettlands. Er wies zunächst auf die Verhandlungen mit Moskau über den Abschluß eines Richtangriffspaktes hin, für den die Grundlinien im März d. S. vereinbart worden feien. Der Minister dementierte energisch alle Gerüchte, nach denen Lettland sich hierbei zur ilebernahme von Verpflichtungen bereit erklärt habe, die im Gegensatz zu den Bestimmungen des Bölkerbundspaktes ständen. Der Richtangriffs- pakt mit der Sowjetunion stelle noch keinen Garantiepakt dar, jedoch fei der Abschluß eines allgemeinen breiteren Abkommens zur Garantierung des Friedens und der Sicherheit in Aussicht genommen, und zwar zwischen den baltischen Staaten einerseits und einigen anderen an der Aufrechterhaltung des Status quo im Baltikum interessierten
Mächten. Zeelens betonte weiter die engen Politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Lettlands zu Estland, die es auch zu Litauen weiter entwickeln wolle. Wenn auch eine fo •.enge Zusammenarbeit mit Finnland nicht möglich fei. so bestehe doch eine Reihe von Problemen, die ein engeres Zusammengehen sämtlicher Randstaaten erforderlich mache. Cs fei wünschenswert, daß die balttschen Rand- ftaaten im V ö lk e r b und s r a t vertreten seien. Daher werde auch die Ratskandidatur Finnlands von ihnen unterstützt. Heber die Beziehungen zu Polen bemerkte der Minister, daß der Abschluß eines Handelsvertra- ges bevorstehe. Er freue sich, feststellen zu können, daß Polen alle Anstrengungen mache, um den Frieden im Osten Europas zu stabilisieren. Die Beziehungen Lettlands zu Deutschland berührte Zeelens nicht.
Durch die Hintertür.
Neber einen „koutincutalenLichcrheitsftakt" zum Lstlocarno
Paris, 12. Sept. (Wolff.) Der Genfer Korrespondent der „Chicago Tribüne" will ankündigen können, daß Frankreich und Polen wahrscheinlich noch vor Beendigung der Völkerbundsversammlung einen „Kontinentalen Sicherheit s p a k t" Vorschlägen werden. Dieses kontinen- lale Protokoll ohne England soll die Antwort auf Chamberlains Weigerung sein, Garantieabkom- inen zu unterzeichnen. Das Protokoll bezweckt, d i e Forderungen der baltischen Staaten und der Kleinen Entente zu bewilligen
Genf, 12. Sept. (WTB.) Bei einem Bresse- empfang betonte der englische Außenminister Sir Austen Chamberlain, daß die Verhandlungen während der nunmehr abgeschlossenen Generaldebatte der Dölkerbundsversaminlung einen wesentlichen Unterschied gegenüber den früheren ergeben hatten, da sie deutlicher, offener und freier geführt wurden. Er bat eindringlich, in den Zusammenkünf- ten der Großmächte (wie sie ja bisher diesmal noch nicht stattgefunden hätten) keinen Angriff auf die Existenz oder auch nur auf den Geist der Völkerbundsversammlung und natürlich erst recht nicht auf den Rat zu erblicken. Im Grunde geschehe dabei doch nichts anderes, als daß man d e m Völkerbund di e etwaigen Uneinigkeiten der Großmächte erspare und damit für beide Teile nur Nutzen stifte, ohne die Arbeiten des Völkerbundes zu beeinträchtigen. Die Zusammenarbeit im Völkerbund mache das gegenseitige Verständnis der Schwierigkeiten und Eigentümlid)keiten jedes einzelnen Landes notwendig. Man solle nicht die unausweichlichen Schwierigkeiten der Geschichte, Tradition und der besonderen Lage dieses oder jenes Landes als bösen Willen auslegen. „Wir wollen nicht Der- pflichtungen übernehmen oder zu übernehmen scheinen, die wir vielleicht nicht halten können." Wenn man ihn trotzdem aufforderle, über diese Frage in die weitere Diskussion einzutreten, so habe er dies nicht geradezu abgelehnt, er halte aber aewifje Entwicklungen der allgemeinen 2(r■ faffung für notwendig, bevor auch nur eine fruchtbare Diskussion möglich* sei. Er sei sich bewußt, daß bereits der Punkt erreicht sei, wo für jedes Volk der Beginn eines Krieges ohne Zustimmung des Völkerbundes trotz aller Vorteile zu teuer fei. Mit Gesehen und Sanktionen werde dergleichen nicht erreicht. Die Völkerbundsgrundsätze gewinnen eine immer stärkere moralische Kraft, die eines Tages nicht mehr bloß moralisch, sondern effektiv sein werde.
Chamberlain begründete dann die Ablehnung der' allgemeinen Schiedsgerichtsbarkeit
und sie gegen R uh land und Deutschland zu schützen. Lin Mitglied der französischen Delegation habe erklärt, Chamberlains Au forderung an die Mächte, sich ihre eigene Sicherheit durch geeignete Mittel zu suchen, habe die Möglichkeit für die Schaffung eines derartigen Abkommens Gegeben. Jetzt könne man ein Protokoll für die ontinentalen Mächte aussehen und es von jeder Macht, die wolle, unterzeichnen lassen. Sollten 3la- lien, Spanien oder andere Mächte sich ablehnend verhalten, so würde das nichts ausmachen. Ratür- lid) werde man jeden derartigen Pakt zunächst England zur Billigung vorlegen. Es seien jedoch De- sürchtungen laut geworden, daß Deutschland Englands Enthaltung als Vorwand benutzen könnte, um die Beteiligung abzulehnen, doch glaube die französische Delegation, daß Deutschland cinwilligen werde.
Eine Schwenkung Polens?
Berlin, 12. Sept. (TU.) Die T. U. erfährt aus gutunkerrichteten Kreisen, daß die polnische Diplomatie sich gegenwärtig ernstlich mit dem Gedanken trage, der Sowjetregierung die Enthaltung Polens von jeglichen antirussischen Plänen zu garantieren, gegen ein sowjetrussisches Desinteressement an der Milnasragc. Polen sei entschlossen, sein Genfer Fiasko durch eine neue Schwenkung nach der sowjetrussischen Seite hin weiizumachen, und zwar durch die Anerkennung des russisch-litauischen Ga- rantieverlrages von 1925. von einer solchen Politik verspreche man sich einen polnisch-russisch en Garantievertrag, nach dein Muster des Berliner Vertrages.
durch England mit den Besonderheiten in der Konstruktion des britischen Weltreiches. England fei nicht ein zentralisierter Staat, sondern ein Verband von sechs oder sieben freien Rationen, die das englische Weltreich bildeten; jeder dieser Seile Hube eine autonome Regierung, die für sich selbst verantwortlich sei. Er sei im Dolkerbundsrat nur der Vertreter der englischen Regierung und tonne namens des britischen Weltreiches Erklärungen nur abgeben, wenn er von den übrigen Regie- runAen dazu ausdrücklich bevollmächtigt sei. Die englische Regierung sei daher nicht in der Lage, Verpflichtungen auf sich zu nehmen, die von den anderen Regierungen möglicherweise nid>t an* erkannt werden. England könnte nicht für sich einen Schiedsgerichtsvertrag eingehen, denn im Falle der Ablehnung eines Vertrages durch eine oder die andere Regierung des englischen Weltreiches würde die Einheit des Empire gefährdet werden.
Chamberlain wies hierauf nachdrücklich auf die vielfachen, scheinbar unlogischen Verfassungen des englischen Weltreiches hin, die jedoch auf dem praktisch-politischen Sinn des englifd)cn Volkes aufgebaut seien und die sich Schritt für Schritt derpraktischen Entwicklung a n- passen. Die sog. Verfassung Lord Balfours im vorigen Sahre sei keine Verfassung, sondern eine Festlegung von Tatsachen, die heute verwirklicht worden seien. Chamberlain betonte: Sch möchte nicht, daß ein Bindestrich zwischen uns und den anderen Mächten ein Trennungsstrich zwischen England und den Dominions würde. Auf die weitere Frage, ob Großbritannien einem Kontinentalpakt ablehnend gegenüberstehe, antwortete Chamber:- Iain, daß Verträge wie die in Locarno abgeschlossenen, auch a nd erw ärks nützlich sein würdem Wenn das System derartiger Verträge noch weiter ausgebaut werden könnte, so würde es möglich fein, zu einem gegebenen Moment
Englands Stellung zum Völkerbund.
Chamberlain begründet die Ablehnung weiterer Garantieverträge durch das britische Reich.
lehren weiter, daß Ersparnisse bei den oberen Gruppen nicht die Mittel geben können, um den unteren Gruppen irgendwelche wesentlichen Vorteile zu bringen. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, wäre es unverständlich und vom Standpunkt richtiger Bewertung der Leistungen unannehmbar, trenn man die Aufbesserung für die mittleren und höheren Gruppen in Prozentsätzen Vorschlägen würde, die weit hinter denen der unteren Gruvpcn zurückbleiben. Es muß dabei bead/ct werden, daß, wie eine amtliche Denkschrift vor zwei Sahren feststellte, seit 1897 bei jeder Besoldungsaufbchserung die Beamten der mittleren Gruppen schlechter und die der höheren Gruppen noch schlechter als .Me der unteren Gruppen bedacht worden sind.
Allem, was die Vorlage in bezug auf Vereinfachungen sowohl beim Aufbau der eigentlichen Desoldungsskala, wie bei den Sozialzu- tagen und Sonic.'Zuschlägen bringt, wird man zustimrnen können. Auch die Oppositionsparteien sollten sich sagen, daß sie den Beamten keinen besseren Dienst leisten können als den. die Vorlage in möglichster Kürze zur Verabschiedung zu bringen. Daß in Einzelheiten das Bor- geschlagene verbesserungsbedüritig ist, mag sein. Roch ist auch nicht bekannt, wie sie die Verhältnisse der Warte st ands- und Ruhe
standsbeamten und der Altpensivnäre zu regeln gedenkt. Srgendwelches Zurückbleiben hinter den aktiven Beamten konnte hier nicht verantwortet werdem
'oZedeutungsvoll erscheint, was der Minister in feinen Schlußworten über d i e Wirkung der Aufbesserung auf den inneren Markt ausführte. Das Reichsiabinett hat offenbar auch dieser Vorlage einen Platz im Rahmen seines großen Gesamtwirtschaftsprogramms gegeben. Der Minister wies darauf hin, daß bereits das Dawes-Gutachten auf die Rotwendiglett, die Beamtenbezüge zu erhöhen, hingcwiesen habe. Der Verwaltungsrat der Eisenbahn hat vor drei Sahren das Urteil gefällt, die Eisenbahn habe ein zu großes, aber zu schlecht bezahltes Personal. Die Verminderung ist inzwischen e'.ngetreteu, die Eisenbahn al'ein hat 270 000 Arbeiter und 130 C00 Beamte abgebaut. Die Erhöhung der Bezüge aber hat bisher auf sich warten lassem Sie wird zweifellos zu einer Belebung des inneren Marktes bei tragen. Sn Wirtschattskreisen ist doch die Tatsache nicht unbeachtet geblichen, daß die hohen Löhne in Amerika von den Amerikanern in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Prosperität ihrer Wirtschaft gebracht werden. Menn es auch nicht anhängig erscheint, die ganz anders gearteten Verhältnisse Ame.itas ganz in
Parallele zu den Deutschen zu sehen, so darf man doch als sicher annehmen, daß der weitaus größte Teil der den Beamten zufließenden Mittel in die Kassen der Gewerbetreibenden fließt.
Alles in allem wird man sagen können, daß die Vorlage der Regierung sich sehen lassen kann. Die Opposition wird es nicht ganz leicht haben, sich der Anerkennung zu entziehen, daß die Regierung des so oft angeseindeken „Bürgerblocks" eine Vorlage bringt, die, von wahrhaft sozialen Gesichtspunkten ausgehend, die unteren Gruppen besonders bedenkt, aber auch dem Leistungsprinzip bei der Bezahlung der qualifizierten Beamtenarbeit wieder mehr Rechnung trägt. Freilich wird es keiner Oppofitions- partei schwer fallen, ihre Beamtenfreundlichkeit durch über die Vorlage hinausgehende Anträge darzutun. Das ist billig und wird sicher von allen besonnenen Beamten richtig eingeschatzt. Dr. Köhler führte dazu aus, die Reform müsse sich in den Schranken halten, die von den Finanzen gezogen werden. Keine Steuererhöhungen und keine Tarifherauffetzungen: „Ich sage es bem Inland und dem Ausland: die Finanzen bleiben in Ordnung. In diesem Rahmen aber muß das letzte getan werden, um den Beamten wieder endlich die Lebenshaltung zu geben, auf die sie Anspruch haben!"


