Nachdruck verboten.
29. Fortsetzung.
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ich die ganze v ,
daß sich vor unseren Augen etwas Niederträchtiges ereignete. Das ist die Wahrheit, meine Herren. Be- trachten wir sie ordentlich, so stimmt alles überein: das Verschwinden des Herrn, der Handkoffer, der einzigartig plumpe Diebstahl, die geheimnisvollen Visitenkarten, die unglaubliche Blödheit des Mannes, alles paßt zusammen. Wir haben uns abermals hinters Licht fuhren lassen, das ist das Ganze."
und Kampfgenossen etwas zuzutelegraphieren. Lei- ich das Komödienspiel zu spät, obwohl Zeit über das bestimmte Gefühl hatte,
Der Assessor war so erstaunt über die schnell angedeutete Möglichkeit, daß er in schweigender Erwartung sttzenblieb und die beiden Herren aniah In der Stimme des Polizeichefs verriet etwas, daß auch er die Ansicht des Assessors nicht annehmbar fOn,kuf den ersten Blick," sagte Krag, „sieht es ganz bestechend aus zu glauben, daß die beiden Männer, die vorhin hier nebeneinander standen, Herr und Diener feien. In diesem Fall war Ihre Meinung die, daß der Italiener der Herr sein müsse, nicht wahr?"
„Selbstverständlich."
„So selbstverständlich ist es doch nicht. Aber wir wollen es annehmen. Dann wird diese Hypothese in erster Linie durch einen Umstand hinfällig.
„Was ist das für ein Umstand?' fragte der Polizeichef. „
„Sie vergessen ja ganz den Handfosfer , entgegnete Krag. „Im Hotel Malmö erzählt man, der Handkoffer des Herrn sei aus seinem Zimmer verschwunden. Ich glaube nicht, daß das an demselben Tage geschah, an dem man den Herrn das letzte Mal gesehen hat. Ich glaube, er ist am folgenden Tage aus dem Zimmer sortgeschasft worden".
„Sie meinen also," fragte der Chef, „daß der Mann, den wir den Herrn nennen, am Tage nach der Katastrophe in aller Heimlichkeit ins Hotel zurückgekehrt sei, um ten Handkoffer zu holen?"
„Nein, das meine ich nicht. Ich halte es für ge- aegeben, daß der Diener ihm den Koffer gebracht hat."
„Sie meinen, der Diener habe die ganze Zeit den neuen Aufenthaltsort seines Herrn gekannt?"
„Wenn nicht die ganze Zeit, so doch jedenfalls wenige Tage nach der Verhaftung des Italieners."
„Aber warum hat er denn dann gejammert und nach feinem Herrn gefragt?"
„Weil er Komödie spielte."
„Und warum spielte er diese Komödie?"
„Weil man ihm befohlen hatte, es zu tun."
„Welcher »man'?"
„Der Herr."
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Roman von Sven Elve stad. Copyright bei Georg Müller, München.
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benommen?"
„Er ist immer unruhiger geworden und hat fortwährend nach Monsieur gefragt. Schließlich gewann man im Hotel den Eindruck, daß er kein Geld mehr habe." ,, „ ,
Bei dieser Bemerkung legte der Assessor die flache Hand auf das Protokoll: „Da haben wir ja die Erklärung, so wie ich sie mir gedacht habe. Der Herr hat den armen Kerl im Stid) gelassen. Wir setzen voraus, daß der Herr identisch ist mit dem alten, gebrechlichen Herrn Raspail, Der im Grand-Hotel zusammen mit dem Italiener verhaftet wurde. Nachdem er durch ein reines Wunder den Händen unserer Polizei wieder entkommen ist, hat er nicht nach dem Hotel zurückkehren wollen, oder er ist in aller Heimlichkeit zurückgekehrt, um seinen Koffer zu holen, und hat dann Reißaus genommen. Der dumme Diener — so hat er gerechnet — hätte ihn auf der Flucht nur aufgehalten, und darum hat er ihn verlassen. So ist der Diener in Not geraten, rmd als er zuletzt kein Geld mehr hatte, hat er diesen einfältigen Diebstahl in dem Juwelierladen versucht. Die mystischen Visitenkarten hatte er natürlich von seinem Herrn. Wir gehen davon aus, daß er etwas vom Treiben feines Herrn weiß und darum hier den Mund hält, weil er nicht gern Gefahr laufen will, zuviel zu verraten."
Asbjörn Krags mißvergnügtes Gesicht verriet, daß ihm die Erklärung nicht gefiel.
Plötzlich griff der Polizeichef in die Diskussion ein: „Es gibt noch eine andere Erklärung. Ist es nicht denkbar, daß diefe beiden Männer, die vor einem Augenblick einander hier vor der Schranke gegenüberstanden, daß diese beiden Herr und Diener waren?"
Krag nickte eifrig: „Ich fabe auch daran gedacht. Das ist eine Erklärung, die sich hören läßt, aber sie ist in einem Punkte hinfällig."
wahrscheinlich Ferro gogenübergestellt werden würde. So konnte Thollon Gelegenheit finden, Ferro die Mitteilung zu überbringen, die der Herr ihm zu übermitteln wünschte. Sie können auch ganz überzeugt davon sein, meine Herren, daß Ferro diese Mitteilung erhalten und verstanden hat. Solche Leute verfügen über ein besonderes Alphabet. Es besteht aus einem Tasten mit den Fingern, einem Blinzeln mit den Augenlidern, aus der Stellung der Füße zueinander, einer eigentümlichen Art, die Arme zu bewegen, dem Winkel, den das Gesicht mit der Brust beschreibt. All das sind Buchstaben oder Sätze. Wenn wir glaubten, Thollon sei unruhig und nervös, so irrten wir uns. Er war gar nicht nervös. Er war bloß im Begriff, seinem Frcund
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„Gerade diese Tatsache, daß er so ungemein ungeschickt ausgeführt wurde, erklärt alles. Es ist wieder Komödie. Der Herr hat es ihm befohlen.
Hier griff der Assessor lächelnd und zweifelnd ein- „Wissen Sie was, das ist doch unglaublich. Warum sollte ihm der Herr den Befehl erteilen, diesen Diebstahl zu begehen?"
Weil der Herr wünschte," erwiderte Asbjörn Krag, „daß er verhaftet werden sollte. Er wünschte eben, daß die Polizei ihn fing. Sie glauben doch wohl nicht, daß eine solche Bande Überhaupt einen Diener mit sich führt. Ferner ist es ganz sinnlos, zu glauben, daß diese geniale und verwegene Bande ein Mitglied hat, das eine so außerordentliche Dummheit verrät wie dieser Thollon. Er hat eine seltene Fähigkeit, den Einfältigen zu spielen, und dieser Fähigkeit bedient er sich natürlich in seinem und seiner Kameraden Interesse. Aber ich glaube, er ist ebenso klug wie der lebhafte Italiener Ferro, der ihn mit solcher Geringschätzung betradstete."
„Bis hierher können Ihre Schlußfolgerungen stimmen," sagte der Assessor, der sich nun auch für Krags Darstellung zu interessieren begann. „Aber es scheint mir, daß die wesentlichste Frage sein muß: Warum in aller Welt will der Herr noch einen Mann verlieren, warum will er, daß Thollon verhaftet wird?"
Krag lächelte: „Nichts ist leichter zu beantworten als diese Frage."
Der Assessor sah auf.
„Ich sagte vorhin," fuhr Krag fort, „daß ich den anscheinend dummen Diener für ebenso klug halte wie den Italiener. Das ist vielleicht eine Uebertrei- bung. Ferro ist klüger; er ist ein nützlicherer Mann für den Herrn, darin liegt die ganze Erklärung."
,Hch begreife immer noch nicht."
„Es ist sicher ein Fluchtversuch geplant."
„Ach |o/
„Ferro muß aus dem Gefängnis heraus, weil der Herr ihn braucht, und weil man jetzt bald die Berichte über diesen Mann von der internationalen Polizei erwarten kann. Der Zusammenhang ist demnach in Kürze der, daß Thollon sich auf den Befehl seines Herrn hat verhaften lassen. Der Herr wußte, daß Thollon, wenn die geheimnisvollen Visiten- I karten in seinem Besitz gefunden wurden, höchst-
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Der Assessor erhob sich eifrig und heftig von seinem Platz. „Ja, Sie haben recht", rief er. „Sie müssen reckst haben. Jetzt sehe ich das Ganze vollkommen deutlich. Aber ich oin nid# allein an der Nate herumgeführt worden, wir smd alle drei in dieser Lage gewesen, meine Herren."
Krag überhörte die Bemerkungen des Assessors und wandte sich von neuem an den Schutzmann, der die Ermittlungen im Hotel Malmö angestellt hatte. „Hat man Ihnen eine Beschreibung von dem verschwundenen Handkoffer gegeben?" fragte er.
,Za," erwiderte der Schutzmann, indem er seine Notizen zu Rate zog, „eine genaue Beschreibung konnten sie nicht von ihm geben, da sie ihn nicht näher untersucht haften. Es war ein mittelgroßer. fast neuer Lederkofter, braun, mit gram gestreifter Schutzhülle, auch der Handgrift war aus Leder. Am Handgriff war eine hübsche litbogra- phierte Karte befestigt, mit dem Namen Pierre Raspail, und darunter stand Lyon."
(Fortsetzung folgt.)


