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Nr. 155 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen) aiviuay, |5. juiü 1927

Die Genfer Ratstagung.

A»tze»poli1ischr -tmichau.

7km Professor Dr Otto Hoctzsch. TI. d. 2t.

Siegreicher Vormarsch bet öübarmeen in Sfrr.u »onfliU bet ägyptischen Legierung mit «nglani. Abbruch bet Beziehungen zwischen 3u- gaHatrtcu und Albanien sirmorbung bei rufft- 'chcn ©eUnben in Warschau rt ift etwa» reichlich w2ü 'n h<r groben Politik vorgebt unb her G.-f?r-ch»uosi Kit ble Staatsmänner in Oen* 1 bie/i Woch wächst mehr unb mehr Die Tot­gänge in Shina unb Aegypten behängen nur immer toteher ble merkwürdige Situation bei englischen Weltreiche- das trotz ungeheurer Tlachtwitrel seiner groben organischen Schwierig­keiten nlch: Herr zu werden nermag Die ägyp­tische Angelegenheit berührt auch indirekt die Anziehungen Srmlanbe zu Italien Die Lede Mussolinis mit ihren ungerechtfertigten Ausfällen gegen Deutschland sie galt jn in erber Linie Frankreich. ober daneben war he auSaclöst durch die Erregung darüber, daß England Italiens - 21nd<uiunli eine» italienischen 21 innen> Id stark zurück- gewiesen und haß es seine Beziehungen zu Italien absichtlich gedämpft und aogekühlt hat.

Im Augenblick steht England mit Frankreich fest zusammen, mit einem Fronkrerch. das heute alles in allen genommen und auf die einzelnen wichtigen Punkte gesehen, an Macht fiürfci als England Dadurch und da irgendwelche Hoff­nungen aul italienische Unterstützung auch nicht vorhanden find, liegen die Folgerungen für Deutschlands Position in seinen besonderen For­derungen wobl aul der Hand.

Der eng ix Konflikt ist nicht toeiter-

gcgaiigen. Aus Auhlanb sind zwar scharfe Worte flCybrt worden, aber fein Wille unb keine Stirn- . Ikberlpunnung de» Konfliktes Deutschland hat anläßlich bei Besuche» Tschit- scherins in Berlin nicht» andere» tun können, als erneut feinen Willen zur unbedingten Neu­tralität ouszusprechen Dabei tritt da» Stern- Problem immer deutlicher hervor. England dürfte aus der Welt kaum einen Bundesgenossen sinden, wenn es seinen Konflikt mit Rußland immer weitert reiben wollte. Aber was auf der Welt andererseits für England spricht, ift die Abnei­gung eben aus der ganzen TDclt gegen die kommunistische Agitation. Indem Ausland im­mer noch an der Tkrquidung zwischen der dritten Internationale und einer russischen realen Staatspolitik fefthält, macht e» sich selber seine Lage nur schwer und erschwert denen da» po­litische Handeln. die neutral bleiben und freund- schastliche Beziehungen zu TufUanb pflegen wol­len Wir hnb überzeugt, daß bic Staatsmänner, die in Moskau wirklich die Geschicke leiten, sich darüber ganz klar sind, unb daß auch fie wissen, wie die dritte Internationale, die kommunistische Agitation mit ihrer Wühlerei und ihrem Lärm dem russischen Staat selbst schädlich Ift. Aber sie finden weder in der Innenpolitik, noch in der Außenpolitik den TDeg au» diesem Zirkel, au» dieser Ideologie, die noch an der Weltrevo- tton fefthält und den Weg zu einer wirklichen russischen Realpolitik erschwert Hier liegt der entscheidende Punkt, und jedem englischen An­griff. jeder englischen Aktion gegen Rußland kann Sowjetrufiland die Zähne auSbrcchen wenn es den Gedanken der Weltrevvlution beiseite legt und entschlossen russische Politik macht, wobei e» ja Rußland durchaus überlassen bleibt, in wel­cher Weise e« seinen Staat und seine Wirtschaft einrichten will. Dann wird sich auch leicht der Weg zu einer gesestigten internationalen Stellung und. nicht au vergessen, einer internationalen Zusammenarbeit finden, die Rußland ja not­wendig braucht.

Alle diese Gedanken werden schwächer ober stärker in die Gespräche der Staatsmänner her- einsiingen. Die Tagesordnung ift ja nicht sehr bedeutung»voll. obwohl u a. vor allem die Memeler Frage aus ihr steht, die Litauen ver­schleppen will, und in der Litauen, die litauische Tlllitärbihalur da» Verhältnis zu Deutschland, immer unangenehmer gestaltet Aber da» wich­tigste find ja die allgemein- politischen Gespräche der drei Minister und dabei die bekannten For­derungen Deutschlands die Erledigung der Frage der Ostsestungen. unb die Besatzungssrage min­desten» in der Herabsetzung auf die normalen Ziffern.

Sie Kunst der deutschen Tertretung beruht nun darin, für die besonderen deutschen Forde­rungen im Rahmen von Gesprächen, die natur­gemäß die ganze Weltpolllik umfassen und in die-

Neue Kunst

Berlin-Darmstadt-München.

In den letzten Iahyehnten hat die deutsche Kunst. namentlich die Malerei, eine eigentüm­liche Entwickelung durchgemacht: sie ist stark ab­hängig getreten von den Einflüssen gewisier Streife der Intellektuellen Die Künstler haben allzu sehr auf da» gehört, was ihnen von Lite­raten als Ziel unb Aufgabe ihres Strebens hin- gestellt wurde. Tur so ist es zu erklären, daß Kunstströmungen wie der KubiSmuS. der Er- presiioni-muS und die Reue Sachlichkeit solchen Einfluß gewinnen konnten. Es ist sonderbar, daß bic Künstlerschaft sich in sv großer Zahl und fo willenlos durch Schlagworte gefangen nehmen und sich gewissermaßen Die Gesetze ihres Schaffens von literarischen Kunstrichtern, nach deren einseitigem Geschmack, vorschreiben lieh. Aber schon Lessing erklärte .Der wahre Kunst­richter folgert keine Regeln aus seinem Ge- schmacke. sondern hat feinen Geschmack nach den Regeln gebildet, welche die Tahir der Sache erfordert " Nachdem dicke Mvdeströmungen und noch einige andere in der Literatur abgellungen sind, beginnt nun auch die bildende Kunst, sich au» den Fesseln einseitiger Anschauungen zu befreien: bic Künstler -- gerade die jüngeren Künstler fangen wieder an, auS ihrem innersten Wesen heraus zu schaffen, nach den Regeln, die die -iatur der Sache erfordern unbefümmert um bic Zeitströmung. Das ist etwa der Ge- fanticinbrud. den man von der jetzt auf der Mathildenhöhe in Darmstadt eröffneten Aus­stellung .Reue Kunst Berlin-Darmstadt-Mün. chen" empfängt. Es geht vorwärts: wenn auch nicht ftürmifcb, fo doch in einer gefunden ®ra- wickelung.

Waren früher oftmals die Ausstellungen an dieser Stätte mehr ober weniger geschlossen in

fern Rahmen den anderen ebenso naturgemäß nicht allzu wichtig vorkommen, die günstige Si­tuation auszuspähen, den für Deutschland vor­teilhaften Zufammenhang zu finden, die Stellen, an denen mit Erfolg deutsche Aktionen eingesetzt werden können. Dazu ist notwendig, daß schon vorher das Terrain vorbereitet ist unb daß eine zusammenhängende Arbeit getan ist. Gewiß kann man für eine so wichtige Konferenz nicht den Plan dis m das einzelne abtterfen und überlegen. Aber man kann unb man muß die Zusammen­hänge und bic einzelnen Fragen in einem solchen Plan, m einer Konzeption wirklich fallen, durch­denken unb dann im gegebenen Augenblick dar­aus bic Folgerungen elastisch unb entlchlußlichcr ziehen Da» *inb ja eigentlich Selbstverständlich­keiten für da» diplomatisch-politt'che Metier. Aber sie müllen ausgesprochen werben, zularnmen mit der naheliegenden Frage wie für die deutschen Staatsmänner im Rüdvlick auf bae Fest- unb Reiseprogramm der letzten Wochen die Zeit unb bic Sammlung zu einer solchen Vorbereitung her- auskommen soll!

Londoner Kaleidoskop.

Von unserem W v. K.-Mitarbeiter ^Nachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten!) London. 10. Juni 1927.

Der Mord an dem russischen Gesandten in Warschau. Woikow, ift der Gegenstand aus­führlicher Drahtungen der Morgenblätter aus Warschau. ES ist sehr amüsant, zu beobachten, mit welcher Virtuosität die englische Berichterstat­tung die Gelegenheit benutzt bei völliger Wah­rung berichterftattungSmäßigcr Objcftimtät dieses Attentat gleichsam al» da 6 Walten der g öttlichen Vorsehung hinzustellen, indem sie an die Rolle Woikows bei der Ermordung der Zarenfarnilie erinnert 3m übrigen hält sie lisch natürlich an das Tatsächliche unb schildert den Vorgang mit jenem gutgefoitften Gleichmut, der die Quelle her Legende von der englischen Unerschütterlichkeit ist. Dennoch ist es unverkenn­bar. daß da» Ereignis al» solches in benkfähigen politischen Kreisen wie ein Blitz eingeschlagen hat.

Die Times begegnet benn auch gleich der Gesahr, daß etwa England mit der Verant­wortung für den Mord Woikows belastet werben könnte. Wer aber die Dinge unvoreingenommen betrachtet, muh zu dem Ergebnis gelangen, baß eS England gewesen ist. da» mit seinem Vorgehen ncqvn die ruffifdxm diploinati'chcn Vertretungen im Auslände diese gleichsam für vogelfrei erklärt hat. Man mißt alle Sowjetruhlanb be­treffende Dinge in London mit einem anderen Maßstabe al» sonst. Wieder müssen wir an die Vcrfehmung des deutschen HamCn s in der Welt während unb nach dem Kriege er­innern, müssen unsere Leser daran gemahnen, baß die insamfte aller Propaganbalügen. nämlich jene von der LeichenverwertuNW im Kriege, erst wt Zeit der Anwesenheit von Stresemann und Mar, bei der Unterzeichnung der ßoeamooer- träge tn London, in einer höchst lendenlahmen amtlichen Erklärung vor dem Unterlaufe zu­rückgenommen ist. 3n England mißt man nach zweierlei Maß. nach zweierlei Recht. Man besitzt eine politische Moral mit doppeltem Boden.

Nichtsdestoweniger ist es natürlich gewiß, daß die englische amtliche Politik mit der Tat al» solcher nicht ba» Minbeste zu tun hat, ja, bah ihr dieses Vorkommnis recht ungelegen ist. Andererseits aber wächst die Zahl derer, die je eher je lieber den Konflikt mit Ruhland vorn Zaune brechen mochten.

Für den deutschen Betrachter ergibt sich gleichzeitig wiederholt die Beobachtung, bah man aus der korrekten Haltung der englischen amt­lichen Kreise durchaus feine Schlüsse auf die künf­tige Politik Englands ziehen darf. Wir werden in den nächsten Tage sicherlich Aeußerungen zu hören bekommen, aus Denen die völlige Aufrichtigkeit, die Lauterkeit und Klarheit der englischen Politik gegen­über Rußland heroorgeht. Gleichzeitig muh man Mittel und Wege finden, die unmittelbare Konflikt»- gefahr zwischen Polen und Rußland zu beseitigen, den Frieden zu retten, ohne aber, wohlgemerkt, da­bei nur einen Schritt breit von dein großen Ziele der Vernichtung und Ausrottung des Eawjetsysiems innerhalb und außerhalb Rußlands abzuweichen. Der englische Leu kann warten. Auch er bleibt, genau genommen, den Gewohnheiten des Kätzchens treu, das seine Krallen zu keiner Zeit besser zu ver­bergen weiß, niemals weichere -ammetpsotchen machen kann, als wenn es mit der gefangenen Maus spielt. Rein ästhetisch gesehen ist die englische

Diplomatie auch heute wieder aus einem Höhepunkt ihrer Leiswngrmoglichkeiten angelangt

Aber England ist nod) nirtn fertig. Der Deutsche verlangt bei polnischen Betrachtungen in der Regel die Nennung von Terminen. Er mochte sich auf po­litische Ereignisse rme aus ein Theaterstück freuen tonnen, um schon tage unb wochenlang ein woh­lige» Gruseln oorcmpfinben zu dürfen. Nachdem er sich bann qeraume Zeit geängstigt oder gefreut bat »laut die Empfindung ab. unb er läßt sich von bm

von dem Ausbruch des Weltkriege».

Ander» der Engländer Geschäft unb Politik find eine Wir. die wir die Wirt'chatt als ein gesondertes Gebiet betrachten, vergessen immer wieder, dah auch in dem friedlichen Mann der Londoner Sim immer noch ein gutes Stück von kaufmännischem Dreibein er tum. von den alten ..Merchant Aoventurcrs" lebt, oder n» Deutsche übertragen, von dem Ge st der deutschen Hansa Er letzt daher, sportlich ausgedrückt stets auf mehrere Pferde n mehreren Rennen zugleich, unb der Wettbewerbgedanke im eng- lifchen Sport, bas Wetten auf Gewinn, ist n cht etwa als Entartung-erfcheinung zu werten, son­dern vielmehr al» die Quintessenz, als die Grund­lage des Svortgeiste» überhaupt. Das Wetten ist nicht au» dem Sport, fonbern der Sport ist aus dem Wetten entstanden.

Diese» von Hasardeuren großen Kalibers ge- schafsene Weltreich sieht sich im Augenblicke des­wegen zum Warten genötigt, weil es die Hetzjagd auf Sowjetrußland wegen der Unaus­geglichenheit feiner eigenen reichspolittfchen unb Der europäischen Lage noch nicht starten kann. Der Buchmacher John Bull hat noch nicht ge­nügend Leute zusammen, die an einem Einsatz beteiligt sind. Da ist z. B. Der italienisch- jugoslawische Konflikt zu nennen. Auch er wirb in England mit Sorgfalt behandelt, um ihn. wenn möglich, in die alles beherrschende Richtung der englischen Politik zu lenken. Mit Betonung schreibt heute der diplomatische Korre­spondent de» ..Daily Telegraph' . bah man in englischen maßgebenden Streifen bic Dinge durch­aus nicht als fo ernst betrachte, wie Die Pariser Presse das täte. Wan vertraue auf den mäßigen­den Einfluß Der an Ort und Stelle gemachten Vorstellungen. Von London au# gesehen, stellt sich der albanische Konflikt mehr als ein kom­pliziertes politisches Geschäft, denn al» eine Ge­fahr bar.

Ebenso wenig darf man die Bedeutung der ägyptischen KrisiS aus Anlaß Der Beibe­haltung des englischen Oberftfommandierenben in Der ägyptischen Armee überschätzen. Durch feine Stellung im Sudan ist England heute befähigt. durch Aufstauung des

Wasicrs ganz Aegypten verhuiigem zu loffen. Wir Deutschen die wir die Wirkung der eng­lischen Hungerblockade am eigenen Leibe ver­spür: haben, sollten doch an der Bereitschaft Eng.and» zur Anwendung äußerster Brutalität im Falle einer nationalen Ge ahr wenigsten» für die nächsten Hunden Jahre nicht nebr zweifeln. Und wie man den Acgnpiern Da» Wasser, so kann man Den cudatrifanerr. da» (Bild abichnciden und ihnen möglicherweise auch den Abfast ihre- (Bälde» unb ihrer Diamanten sperren. Man gewöhne sich daran, daß England trotz aller friedkingcn Reden und aller zur Schau getragenen Sanftmut im tief- sten Grunde eine männliche, eine aktive eine Frei« bculcrpolitik treibt.

Ist aber unsere Auffassung richtig, dan ungland mit al.en Mitteln bcftrebi ift. dis Sawjetsystcm zu vernichten, dann entsteht bic Schiußfragc nach dem $ e r b ä 11 n i (f n g I a n b » unb Deutsch­land». Politisch gesehen scheint die deutsche Frage von der Tageskarte bet öffentlichen Meinung ge­strichen au (ein. Richt'-destowcniger muß e» auf- fallen, mit welcher Ausführlichkeit der Empfang der amerikanischen Fliestet in Berlin in englischen Blät­tern. zumal der ..Time»", behandelt worden ift. Daß man den Besuch Tschitlcherin » mit ge- spanntrster Aufmerksamkeit verfolgt hegt au- Der .'land. Auch verkennt man in politischen stressen nicht, daß die Ermordung des Svwsetgesandten in Warschau Polen Rußland gegenüber in die Defensive gedrängt hat Trotz aller unter- stellten, aber nicht ausgesprochenen Billigung de» Waltens der Vorsehung in Warschau bleibt für die polnische Regierung ..ein vrdenresl. ,n tragen pein­lich". Ein (fleianbtenmord ist unb bleibt eine fatale Angelegenheit DieTimes" betont zwar mit Be­dacht, daß Sowjetrußland nur dir propagandistische Seite de» Morde» auszubeuten trachte unb daß man offensichtlich nicht aftionebereit wäre Aber c» läßt sich doch nicht leugnen, daß die Möglichkeit einer lotchcn propaaandistisclien Verwertung für die Mo»- kaucr Machthaber einen erheblichen Machtzuwuch» bedeuten könnte. Daher wäch st her Wert des Deut 'dien Kelche« Si ist unverkennbar, daß

e*

tato nicht in Europa, sondern in Asien, d. h. in China, erwartet. f)ier ift Der Träger de» russi­schen Willens der christliche Oicncral iiengjuh- jiang, von dessen vorzüglicher Artilleiie die Time»* beule früh zu berichten wußte. Aber Ruß­land läßt sich in Asien nicht bekämpfen, und man gelangt aücn Gegcngrunben zum Trotze immer wie­der zu Dem Schluß, daß wir Deutsche in Genf er­neut vor die Schicksalsfrage einer Option für Englands Rußlandspolitik gestellt werden. Das aber ist unb bleibt eine Entscheidung über Krieg und Frieden.

Turnen, Sport und Spiel.

1. F. C. Nürnberg Deutscher Fußballmeister.

Bei Dem gestern Im Deutschen Stadion in Berlin ausgetragenen Endspiel um Die Deutsche Fußballmeisterschaft 19 2 7 siegte her 1. F. E. -Nürnberg über Hertha B. S. E. mit 2:0, Halbzeit 1:0.

Das Entscheidungsspiel war das 18. seiner Art. Ungefähr 50 000 Zuschauer füllten daS Ber­liner Stadion, während noch ungefähr 10 000 Menschen vor den Toren auf eine günstige Ge­legenheit harrten, vom Spielverlauf etwas zu erfahren. Beide Mannschaften, die mit je einem Mann Ersatz antraten, wurden beim Betreten Des Spielfeldes von jubelndem Beifall her Zu- schauermenge begrüßt und unter ein Kreuzfeuer der Photographen genommen.

Die Witterungsverhällnifse find gut. Es herrscht mäßig schwacher Wind. Hertha wählt in her ersten Halbzeit den Platz mit dem Winde. Nürnberg hat den Anstoß und geht sofort zum Angriff über. Schon in Der fünften Mi­nute gelingt es Kalb, das

erste Tor für Nürnberg zu erringen. Es kommt zu kritischen Situa­tionen, die indes immer wieder zu einer Klärung führen. Nürnberg macht entschieden einen ruhi­geren Eindruck und ift leicht überlegen, wäh­rend sich Hertha immgr noch nicht zusammen- finhen kann. Erst nach Der 20. Minute gewinnt Hertha etwas an Terrain, ist aber immer noch sehr aufgeregt. Den Nürnbergern macht die Wseitstaktik der Berliner viel zu schaffen. Die

Nürnberger scheinen diese Taktik gor nicht zu bemerken benn immer und immer wieder geht der Ball kurz vor dem Schuß tn» Abseits. Gegen Schluß der ersten Halbzeit wogt der Kamps mit wechselndem Gluck E» ergeben sich besonder« für Nürnberg sehr kritische (Situa­tionen: verschiedene Vorlagen auf das Tor wer­den durch die glänzende Abwehr Stuhl- f a u t h S zunichte gemacht. Mit 1 0 für Nürn­berg gehen beide Parteien in die Pause

Die Qlümbetger Mannschaft wird bei ihrem Wiedsrerfchernen von ihren Anhängern mit Ova­tionen begrüßt In den ersten Minuten her zwei­ten Halbzeit ist Nürnberg im Angriff. Einen gefährlichen Angriff von Träg mit wunder­voller Flanke rettet der Berliner Läufer MuI -

l e r. Die fünfte Nürnberger Ecke landet auf dem Tornetz Bei einer weiteren gefährlichen Flanke Trägs hält Hochgesang Müller mit den Händen fest. Ein unverhoffter Schuß Hochgesangs streift knapp über die Latte. Dann kommt Hcrtya ettvaS auf. Nürnberg erlebt einige bange Minu­ten Eine wundervolle Kombinatton her Ber­liner endet mit einem scharfen Schuß Sobecks, der gllfnzenh gehalten loird. Bei einer weiteren Kombination erweist sich Stuhls au ths große Klaffe erst richtig. Er wirft sich auf den Elfmeter­punkt und kämpft mit drei Berliner Stürmer um den Ball und bleibt Sieger Nürnberg kommt allmählich wieder auf. Die sechste Ecke wird von Götze sehr gut gefangen In her 21 Minute legt Wieder einen Ball an Träg wunderbar durch, der Verteidiger verfehlt, Träg windel sich durch und schießt au» fünf Meter Entfernung unhaltbar

Da» zweite Tor für Nürnberg.

ihrem Gesamtbild, prägte sich auch eine bestimmte künstlerische Weltanschauung stärker aus, fo treten dafür jetzt die künstlerischen Individualitäten mehr in Den Vordergrund. In ihrer Eigenart sind schon die Drei otäDtc geschieden, aber innerhalb Der Gruppen, die übrigens räumlich getrennt find, müssen hem Betrachter zahlreiche Gemälde auf­fallen. die Da» Neue in Der Kunstentwick düng unserer Tage zur Schau tragen. Sensationell wirkende Bilder sind zwar nicht Darunter, jedoch manches. DaS sicher auch über Die Gegenwart hinaus zu fesseln vermag. Dies gilt insbeson­dere von Den Leistungen Der Berliner Grupc. deren markanteste Vertreter im ersten Saale vereinigt sind. Der Führer unter ihnen ist Eugen Spiro, der auch tatkräftig für das Zustandekommen der Berliner Abteilung der Aus­stellung gewirkt hat. Spiro stellt Den neuen Typ des Malers Der Nachkriegszeit dar. der in hie Ferne schweift und Die Landschaften des Südens nicht mehr traditionell mit den Augen her Ro­mantiker betrachtet, sondern sie aus feinen feeii- fchev" Stimmungen heraus nachfchasst. So sind ein Straßenbild und eine fühsranzöfische Land­schaft Ausdruck eines starken Temperamcttts. das sich verhalten äußert in dem bleifarbenen Himmel, der auf her Landschaft lastet, aber unmittelbar hervortritt in dem lebhaften Farbenspiel des Lichtes, das von Den Wänden her Häuser re­flektiert wird Gin Fvauenbildnis von Spiro läßt das Feinnervigc seiner Kunst noch stärker in die Erscheinung treten; unterstützt wird hier seine künstlerische Absicht noch durch eine ganz vorzügliche Technik. In das Auslatch mit ihren Motiven verweisen ilo. Charlotte Derendt mit einer italienischen Landschaft. Franz Dvm- scheit mit einer Landschaft bei Pans. Phll. Frank mit seinem Bild Denettanischer Kanal, Heinrich Heuser mit einem Karussell in Lureni- bourg, Mar Neumann mit einer Siziliani­schen Landschaft. Robert Scholz mi: einem Marktplatz in Tanger. Erich Waste mit mehre­

ren italienischen Landschaftsbildern und Magnus Zeller mit einem Pariser Straßenbild. Ihnen allen ist, bei sehr verschiedenen Persönlichkeits­werten. eigentümlich eine völlig unromantische Auffassung ihres Vorwurfs, jedoch sind sie auch nicht gebannt durch daS Schlagwort Der Sachlich­keit: bei Den meisten läßt sich feststellen, daß sie ihre Kunst auf Farbenwirkungen gründen und darin sich wieder Den Impressionisten nähern Es ist gewifsermahen eine Anknüpfung an die Kunst der Vorkriegszeit, die die neueste Ent­wickelung darstellt. Wie beim Impressionismus stehen öfter» Probleme der Lichtbrechung und der Farbenwirkungen im Vordergründe, so u. a. bei BatoS und Felixmü Ilers Kinder­darstellungen, Willi Jäckels GÄnrgslandschaft. Wilhelm K ohlh os s S Sttlleben m l Kamel und Otto SchvffS Bad" den Mädchen im Walde Nicht durch Zufall ist Lovis Corinth. Oer nun nicht mehr Der Gegenwartskunst angehört, mit drei bedeutenden Gemälden vertreten. Gin fesselndes Seibstpvrträl zeigt den verstorbenen Künstler im Jahre 1919. aus späteren Jahren 'stammen zwei Landschaften, ein Garten am Walchensee und ein Garten in West end. die glänzende Leistungen impressionistischer Kunst sind.

In der Darmstädter Gruppe find alle hessi­schen Künstler zusammengefahl. wenn auch Die Landeshauptstadt bei weitem die Mehrzahl stellt, sv lebt doch cm Teil sehr beachtlicher Talente über ganz Hetten hin verstreut. Wer hie hessitchr Kunst ftäridig verfolgt, wird nicht überrascht lein, benn so grundjtürzend hat sich die Malweife in den letzten Jahren hier nicht geändert, auch wird er nur wenigen neuen Namen begegnen. Es hat zwar im vergangenen Jahre keine größere Aus­stellung auf der Mathildenhöhe ftattgefunben. hoch find auf kleineren Unternehmungen, auf Gruppenausstellungen. Die meisten her hessischen Künstler vertreten gewesen. Bemerkenswert ist. daß die ältere Generation mit ihren Leistungen jetzt wieder stark in den Vorder gründ tritt, ob­

wohl die ihr zugehörenden in der Minderzahl find und sich mancher von der Ausstellung sem- gehalten hat. Don jenen älleven Künstlern sind insbesondere Richard Hölscher, Ernst Eimer und Georg Altheim zu nennen. Hölscher bietet ein Porträt dcS Prälaten D. I)r. Diehl, da» in seiner künstlerischen Ehrlichkeit stark überzeugt und von außerordentlicher seelischer Ausdrucks­kraft ist: es gehört mit zum besten, wa» auf der Ausstellung an Porträtkunst zu sehen ist. Alt- heim» Kunst gründet sich auf der feinen Zeich­nung und auf her Leuchtkraft seiner Farben. Sein Bild .Kranichstein" ist typisch für feine Art. hie ganz auf Tiefenwirkung eingestellt ist. eS ge­währt einen Blick in eine weite Flachlandschaft, unb cs spricht für AltheimS Kunst, daß er bet einförmigen Gcgenb nördlich von Darmstadt einen besonderen Reiz zu verleihen vermag. Ech'e Werte bergen auch Die GemälDe Eimers .Alter Winkel" unDAuf Reisen". Der Alte Winkel ist ein Teil einer Dorf st raße mit Fachwerk­bauten: er trägt in sich schon eine poetische Stimmung. Darüber ist jedoch ha» vorzügliche koloristische Können des Künstler» nicht zu über­sehen. Durch lebendige Farbenwirkungen, geschult an s ran^ösischen Vorbildern, zeichnet sich ein Straßenbild von Anna May-Haas auS. DaS sorgfältige Abwägen von Farbenwirkungen unb eine reiche Stufenfolge von Abtönungen findet man auf den Bildern einer Reihe von Künst­lern. Die auf ihrem Entwicklungsgang den Es- prefs'wnismus hurchfchritten haben, wie Karl Gunschmann IBlick von der Mathildenhöhe). Willi Hof f erbert 'Selbftbildn.S). Alexander Pofch iAkt mit Früchten). Walther Reihel (©oranger Hang). Marcel! Richter ^Einfame» Haus-, Paul Thesing iStilleben) und Lothar Toller (Blick auf Häuser). Heber ihre Eigen­art ift weseittlich Neues nicht zu sagen, fie waren auf fast allen Ausstellungen, die in den letzten Jahren m Darmstadt sta»sanden, fast ständig vertreten. Aktstudien finden sich ziemlich zahlreich