Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
greitag, (2.Hujift (92Z
M. 187 Zweites Blatt
ich
in ein kleines Städtchen. Wie das Spielzeug
Warschauer Brief.
Bon unserem Warschauer Mitarbeiter.
Warschau, den 3. August 1927.
Wenn Reden Gold wären, müßte es den Polen ausgezeichnet gehen. Der Staatspräsident Mosciki macht zurzeit eine Rundreise durch die ehemals preußischen Provinzen, um sich den Stand der Dinge selber anzusehen: er wird, wie es heißt, in Gdingen wieder eine grundlegende Rede halten. Pilsudski wird am 6. oder 7. August, anläßlich der Legionistentagung in Kalisch, ebenfalls sprechen. — diese Rede wird sogar durch Radio übertragen werden. Der chandelsminister Kwiatkowski hat in der vergangenen Woche einen dreistündigen Dortrag über die polnische Handelsbilanz gehalten.
Dieses Rede- und Reisebedürfnis polnischer Minister und Staatsmänner wird in politisch gut informierten Kreisen als Symptom neuer Unruhen angesehen. Was gesagt werden wird oder bereits ausgesprochen ist, stellt an sich nichts Neues dar. Der Bevölkerung der ehemals deutschen Provinzen wird kategorisch erklärte Dies Land bleibt polnisch! In einem größeren Zusammenhang gerückt, läßt sich der politische Inhalt all dieser Kundgebungen als eine Westoffensive der polnischen Politik bezeichnen, nachdem der Wojkow-Konflikt mit Rußland endgültig beigelegt ist.
Aus der Nähe besehen, ist jedoch die außenpolitische Thematik unserer wackeren Minister nicht so wichtig, wie sie dem in der Ferne wohnenden Be-
Verroslete Spieße.
Von Max Jungnickel.
Mit der Sonntag-Herrgottsfrühe komme
Litauische Staatssorgen.
Don unserem U-'Beridxtcrftatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI Kowno, Anfang August 1927.
Litauen ist ein kleiner Staat, aber das litauische Problem bildet den Kernpunkt für dre hegemonialen Fragen im Daum zwischen der Weichsel und der Düna. Was die Kownoer Politik selbst anbetrifft, so soll man die verschiedenen Augenblicksphasen nicht allzu wichtig nehmen. Wenn der Staat aus den ursprünglichen Der- fassungssormen mehr und mehr in das diktatorische Regime geschleudert wird, so handelt es sich wohl um eine zwangsläufige Entwicklung. Das öffentliche Gefüge ist hier viel zu locker, als daß der legale Buchstabe den Ausschlag zur praktischen Richtschnur geben könnte. Es herrscht Ruhe im Lande, was aber nicht besagen will, daß die innerpolitische Lage stabilisiert oder auch nur geklärt wäre. Es herrscht Ruhe unter den Kriegsgesehen und unter der Kriegszensur, aber es konnte keine Einigung zwischen den Rationalisten und den übrigen Parteien gefunden werden. Trotz ihrer konservativen Einstellung stehen die christlichen Demokraten u. mit ihnen die Landwirtschasts- pariei, zur Regierung in recht schroffer Opposition. Es steht eine Doltsabstimmung über die Aende- rung der Verfassung bevor, die nach Ansicht der Oppositionsparteien den Sturz der Regierung herbeiführen wird, aber ob nun Professor Woldemaras oder ein anderer die Zügel der Regierung in der Hand halten wird, die litauische Kernfrage in internationaler Beziehung wird dadurch nur oberflächlich berührt werden.
Litauen ist zwischen Deutschland. Polen und wenn auch der schmale lettländische Korridor bei Dünaburg dazwischen liegt, auch zwischen Rußland eingeklemmt, und mit keinem dieser drei großen Staaten, von denen es zwangsläufig wirtschaftlich und politisch abhängig ist. hat es wirklich gute Beziehungen cnrzubahnen verstanden. Mit Polen lebt es noch immer im offenen Kriegszustände, und alle Brücken zwischen den Rachbarstaaten. die früher so eng verbunden waren, sind abgebrochen. Cs besteht zwischen Kowno und Warschau auch kein Eisenbahn- oder Postverkehr, und wer aus Kowno nach Wilna fahren will, das früher in einer zweistündigen Cisenbahnfahrt erreicht werden konnte, der muß heute den großen Umweg über Deutschland oder Lettland machen. HeberaH hat eine neue Zeitendämmerung die furchtbaren Jahre des Weltkrieges vergessen lassen. nur an der litauisch-polnischen Grenze bleiben noch die Schützengräben aufgeworfen und zwischen den verwitterten Holzkreuzen der Massengräber patrouillieren noch immer die Schildwachen. Der Frieden von Suwalki, den Lirauen mit Polen geschlossen, wurde durch den Meberfall des Generals Zeligowsly auf Wilna gestört. Alle Reklamationen Litauens vor dem Völkerbünde gegen den Gewaltakt blieben erfolglos, die Jnterventton Lord Curzons scheiterte, es kam kein Kompromiß zustande, der Krieg dauert, wenn auch glücklicherweise in recht unblutiger Form, art, nur alle Wochen wird ein oder der andere Patrouillensoldat an den Grenzen erschossen. Sollten plötzlich ernstere Kämpfe stattfinden, so würde das nicht den Ausbruch von Feindseligkeiten. sondern nur den Abbruch des de facto, aber nicht de jure bestehenden Waffenstillstandes bedeuten.
Seitens Frankreichs und Englands sind wiederholt, auch noch in allerletzter Zeit, Derstünbi - gungsoersuche zwischen Polen und Litauen norpenonunen worden. Der französische, ans Oberschlesien wohlbckonnle General Le Rond hat soeben Kowno besucht und ist mit großen Ehren empfangen worden. Er erhielt vom Staatspräsidenten das litauische Ritterkreuz erster bis driticr Klasse, wurde auf Banketten gefeiert und hat, wie es heißt, sich inosfi- ziell für eine polnisch-litauische Verständigung eingesetzt. Aber seine Mission endigte erfolglos, er ist unverrichteter Dinge nach Riga weitergcfahren. Als äußeres Zeichen der großen Spannung mag hier ermähnt werden, daß die litauischen Amerikaner dem Oberkoinmandierenden der litauischen Truppen, General Shukanskas. kürzlich ein goldenes Schwert mit dem Motto „Mit diesem Schwert sollst D u W i l n a e r o b e r n" als Geschenk überreichten. Verhaftungen angeblicher polnischer Spione sind an der Tagesordnung, von denen kürzlich wieder drei zum Tode verurteilt, allerdings nur einer hingerichtet wurde.
düng bankrott gemacht hatte. „Ich erlaube ihm, mich zu bestehlen, wenn er nur etwas zustande bringt." meinte der König, und so wurde am 8. Februar 1763 das ..Patent letreffend eine Königliche Preußische Lotterie" von Friedrich nitterzcichi ec. Er erklärt hier die Zahlenlotterie, die nach dem Muster anderer bereits bestehender Lottos eingerichtet werde, für ein Hilfsmittel, „welches, ohne linieren Untertanen zur geringsten Last zu gereichen, seiner Beschaffenheit nach die Vorteile vermehren kann, die Wir durch die Anwendung scires Ertrages ihnen zu verschaffen gedenien".
Die erste Ziehung sand am 31. August 1763 öffentlich am Wilhelrnsplatz auf der Rampe eines Hauses statt, in der die Direktion ihre Geschäfte führte: später wurden die Ziehungen auf dem Rathaus abgehalten, und zwar wurden sie von Waisenknaben ausgeführt: 93 Rurn- mern von gleicher Größe, jede einzelne in eine Kapsel gehüllt, wurden in das Glücksrad gelegt, und fünf hiervon gezogen. Es war eine besondere Idee des Alten Fritz, daß er mit dieser Lotterie, die manche sittlichen Bedenken erregte, ein Mittel verband, um die Bevölkerung des Landes zu heben. Bei jeder Ziehung erhielten fünf arme Mädchen eine Aussteuer von 50 Talern, und da ihnen ein sog. „Annexenschein" übergeben wu.de, nannte der Volksmund die.e Braute annektierte Mädchen". Zunächst warf die neue Zahlenlotterie, bei der durch die Wahl der zu besehenden Rummern den größeren oder geringeren Einsatz, die willkürliche Verbindung der Zahlen dem freien Willen des Spielers sehr viel mehr überlassen wurde als bei der Klassenlotterie. gute Erträge ab, aber bald stellten sich durch schlechte Organisation, auch durch allerlei betrügerische Maßnahmen C a l z a b i g t s, dessen Beamte hauptsächlich aus franzoftschen Qloen- teure rn bestanden, große Verluste ein, so daß der König es vorzog, die Lotterie an den Italiener zu verpachten. Auch 6a f an ob a, der damals in Berlin weilte, wurde von Friedrich um Rat befragt, denn auch er war ein Fachmann auf dem Gebiete des Lotterrewesens, lieft aber in diesem Fall lieber die Hand davon. Eal- zabigi wirtschaftete in der alten Weise weiter,
Aus der Geschichte der Lotterie.
Die Betrügereien bei den Ziehungen der Preußiso.en Klassenlotterie, die so großes Aufsehen erregen, stehen in der Geschichte des Lottos einzig da, wenngleich es freilich in früheren Zeiten auf die fern Gebiet an Schwindlern und Abenteurern nicht gefehlt hat. Der Drang, das Glück zu versuchen, wurzelt ja so fest im Menschenherzen, daß sich die Staaten schon frühzeitig diese Leidenschaft zunutze zu machen und sie auf gesetzmäßige Dahnen zu lenken suchten. Im allen Rom wurden die Auslosungen, die zunächst bei den Banietten der »eichen Leute zum Vergnügen stattfanden, in der Kaiserzeit als Volksbelustigung in großem Maßstab ausgenommen, und Rero reizte die Hoffnungen des Volkes, indem er so große Gewinne, wie einen ganzen Palast oder eine schöne Sklavin, aus- setzte. Heliogabal aber ging so weit, die Verlierer noch zu verspotten, indem er z.D. als „Gewinn" für ein bestimmtes Los sechs Fliegen angab. D.e Sitte, durch Auslosungen Feste zu verherrlichen, kam in der Renaissance wieder auf, und in dieser Zeit setzte sich die Lotto-Leidenschaft im italienischen Volk fest, die auch heute noch mit unverminderter Kraft herrscht. Unter Ludwig XIV. wurden die Staatsiotterien zu einer wichtigen Einnahmequelle, und im achtzehnten Jahrhundert ahmte man diese Regierungsmaßnahmen überall nach, zumal damals die Mode des Glücksspiels die ganze Welt erfaßte. In Preußen bestand eine Klassen- 1 o 11 e t i e, bei der ein festes Kapital in einer ordnungsmäßig festgesetzten Reihe von Gewinnen durch einzelne Ziehungen ausgespiclt wird, seit 1703, aber sie fristete nur kümmerlich ihr Dasein, und das Lotteriewesen nahm in Preußen erst einen Aufschwung, als Friedrich derGrohe noch dem Siebenjährigen Kriege unter dem Zwange, feinem verarmten Staatssäckel neue Quellen zu erschließen, sich ernstlich mit den Lotterieprojetten, die damals in der Lust lagen, beschäftigte. Er verschrieb sich damals einen italienischen Abenteurer Ealzabigi, der schon in Brüssel eine „genuesische Zahlenlotterie" eingerichtet hatte und dort wegen seiner Verschwen-
Wenn man nun in Kowno mit Recht den Polen Mißtrauen entgegenbringt, so glaubt man fälschlicherweise auch in anderen Mächten unehrliche Makler zu sehen und wehtt sich mit seltener Starrköpfigkeit gegen jede äußere Beeinflussung. Dabei führen weder Deut s ch l a n d noch Rußland, und noch weniger die übrigen baltischen Staaten, etwas Böses gegen Litauen im Schilde, sie sind vielmehr daran interessiert, daß diese junge Nation auf der Landkarte bestehen bleibt. Litauen will sich durch keine Gegenleistungen binden, sich selbst überlassen, geht es einer wachsenden Verelendung entgegen. Der kleine Staat mit knapp 2 Millionen Einwohnern ist bei der wirtschaftlichen und politischen Depression kaum mehr fähig, alle die über- zahlreichen Kostgänger an der Staatskrippe zu ernähren, die darauf Anspruch erheben. Tausend und aber Tausende Litauer würden heute nichts in der Welt vorstellen, oder würden irgendwo über den Osten zerstreut leben, durch den neuen Staat aber sind sie etwas geworden. Sehen wir von den Generälen, Ministern und Diplomaten ab, so sind sie doch zum wenigsten Amtsdiener, Polizeibeamte, Zollwächter ober irgendeine andere Staatsstütze. Alle diese Leute wollen sich sozial behaupten und bezahlt werden, aber die Staatskassen sind ohne eine vollständige wirtschaftliche Umstellung des Landes gar nicht in der Lage, dauernd für ihren Unterhalt aufzukommen. Litauen wird sich mit seinen Nachbarn einigen müssen, ober es wirb immer weiter bergab rutschen.
Der Beginn ber beutsch-litauischen Wirtschaftsverhanblungen ist gewiß als ein oielverjprechenbes Ereignis zu begrüßen. Litauen b;aud)t für seine lanbwirtschaftlichen Produkte Absatzgebiete, um wirtschaftlich bestehen zu können, und auch für Deutschland ist Litauen, namentlich als Durchfuhrland, von Bedeutung. Ader zwischen Deutschland und Litauen steht Memel! Stresemann hat mit dem Diktator Professor Wolde- inaras in Genf ein Abkommen getroffen, demgemäß die Wahlen zum memelländischen Landtag spätestens von Anfang September ftattfinten sollen. Der verfassungsmäßige Zustand, wie er durch das Memel- ftatut garantiert ist, soll dann endlich wieder her- gcstellt werden. Die Unterdrückung der verbrieften Rechte der Seutfdjen müßte bann ihr Enbe finben. Wenn nun Professor Wolbemaras persönlich gewiß ein rechtlich benfenber Mann ist, so kann er sich boch nicht ber scharfen nationalistischen Einflüsse erwehren, beren Vertretern baran liegt, baß ber jetzige Zustanb im Memelgebiet, qjo eine ihnen willig ergebene autokratische Landesregierung die Zügel stramm in der Hand hält, möglichst lange am Ruder bleibt. Es ist wahrscheinlich, daß Wahlterror gegen die Deutschen angewandt werden wird. Litauen kann sich nur aus der Isolierung und aus den wirtschaftlichen Kalamitäten retten, wenn cs endlich die Vernunft über den blinden Chauvinismus siegen läßt. Der Tag der Bekehrung scheint aber leider noch in weiter Ferne zu liegen!
odachter erscheinen mag: man tut noch etwas mehr Streusand in das entzündete Auge des polnischen Volkes. Es soll die ungeheuren Sd)ädigungen der Wirtschaft nicht sehen. Kwiatkowski Hai ein herrliches Stichwon: „wirtschaftliche Revolution" er- [unten. Das Pasfivsaldo des Außenhantels ter Monate April, Mai, Juni beträgt 125 Millionen Gold- zloly. Zahlen über den Außenhandel im Monat Juli liegen noch nicht vor: nimmt man aber an, daß sich die Verhältnisse nicht noch weiter oerschlech- tert haben, dann ergibt sich für die vergangenen vier Monate ein Einfuhrüberschuß von ungefähr 160 Millionen Goldzloty. Man kann aber die Einfuhr nicht noch weiter drosseln, man muß sogar nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres die Ausfuhr von Getreide verbieten. Der Fehlbetrag in ter Handelsbilanz dieses Jahres ist fast ausschließlich auf die überstürzte Getreideeinfuhr des vergangenen Jahres zurückzuführen.
Die Folge dieser Entwicklung ist eine allgemeine Preissteigerung. Die Casös und Vergnügungsstätten Warschaus, die Gasthöfe und die Restaurationen stehen leer. Die Preise sind in Warschau leit Mai vergangenen Jahres bis heute um über fünfzig Prozent gestiegen. Rindfleisch, das vor einem Jahr pro Kilo 2,10 Zloty kostete, ist heute erst für 3,10 Zloty zu haben. Die Lebensunterl-altungskosten einer dreiköpfigen Familie sind von 4 Zloty täglich auf 7,50 Zloty gestiegen. Die Gehälter haben mit dieser Preisentwicklung nicht Schritt gehalten.
So verbessert man denn die Welt mit politischen Reden. Kein europäisd)es Volk ist so geduldig wie ber Pole. Ader die Frage ist bod) nicht unangebracht, ob man auf biese Weise auf bie Dauer weiterregieren kann.
Pilsubski ist völlig vereinsamt. Rechts unb links gäbet es. Das Lager bes Großpolen hat wieber mobil gemacht. Im beere, so erklärte neulich ber Abgeorbncte Dombrowski auf einer Führertagung der Nationaldemokratie in Posen, führe eine konspirative Gruppe das Regiment. Das Freimaurertum greife um sich. Die Regierung besitze weder das Vertrauen des Volkes noch der Welt. Polen werde vom Antichrist regiert. Dieser wäre Pilsudski, er sei ein bette. So tönt es von Rechts.
Auf ter Linken machen sich die polnischen Sozialisten marschbereit. Sie haben einen Aufruf an das arbeitende Volk erlassen. Darin stehen folgende freundliche Sätze: In der Umgebung Pil- sudskis wachsen bie faschistischen Richtungen, hier wuchere bie Reaktion. Man sei rückschrittlid), volks- scinblich. Die Regierung hat willkürlich unb gewaltsam bie Parlamente munbtot gemacht. Die polnische Demokratie ist in Gefahr. Es lebe ter zukünftige Volkssejm. So gehles weiter. Pilsubskis Macht ruht nur noch auf ber Spitze des Bajonetts.
Allenthalben wächst bie Korruption. Im beere wie in ter Verwaltung. Pilsudski stützt sich auf einen Kreis von Vertrauten unb Anhängern, die auf eine recht eigentümliche Weise finanziert werden. Obwohl Pilsudski persönlich eine saubere Weste besitzt und sich nicht bereichert, ist es boch fraglich, ob man bas gleiche von seiner Gefolgschaft sagen kann. Allenthalben hagelt es ..Skanbalpro- zesse". Dort macht man falsche Deklarationen bei ten Zollämtern und betrügt bie Staatskasse um Millionen. bicr geht ein Leutnant mit 80 000 Zloty durch. Anterswo stellt sich ein breitausgebehntes System der Korruption bei Lieferungsoerträgen für die beeresDerroaltung heraus.
Doch die eigentliche Krisis kommt aus terWirt- schäft. Die Staatsbeamten sind vor einigen lagen beim Finanzminister vorstellig geworden und baten um sofortige Bewilligung ter Gehaltserhöhung. Sie erklärten, daß es falfch fei, das Gleichgewicht des Staatshaushaltes auf Kosten der Beamten jju erhalten. Sie forderten eine Erhöhung der Steuer. Polen kann aber nicht mehr Steuern zahlen. Allein auf Konto der Vermögenssteuer hat sich in diesem Jahre ein Fehlbetrag von 60 Millionen Zloty ergeben. Polens Steuerleistung steht hart an der Grenze des Tragbaren. Nichtsdestoweniger muß für die Beamten etwas geschehen. Geschieht für sie etwas, muß die Industrie folgen. Es ist die bekannte Schraube ohne Ende. Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht niemand.
Per Saldo ist der Erfolg der Herrschaft Pilsuds- kis eine Zunahme des Kommunismus. Darüber wird nur ungern gesprochen. Ab und zu werden ein paar Dutzend angeblich staatsfeindliche Agitatoren in die überfüllten Gefängnisse gesteckt. Man weiß, das macht einen guten Eindruck auf bie englischen Freunde. Damit kuriert man aber das
Sozialtagung aus Burg Hohensolms.
„Groß ist bie Rot unseres Volkes, größer noch die unserer Jugend." So lasen die Studenten unb Studentinnen, die an der Werbe- und Schulungs- woche für die Mitarbeit in der Jugendfürsorge teilnahmen, auf dem Tagungsplcm des Instituts für Sozialethik und Wissenschaft der Inneren Mission an der Universität Berlin. Die Tagung war in folgende drei Hauptteile geteilt: 1. Rot und Hilfe. 2. Wo kann der einzelne mithelfen? 3. Das Ziel evangelischer Jugendarbeit.
Am Abend des 3. August begrüßte Paul Kammer, der Burgwart des Schlosses Hohensolms, die erschienenen Gäste. Am andern Morgen sammelten sich die Teilnehmer zur Andacht in der Kirche. Pfarrer Fritsch (Kassel) wies nach Matthäus 9, ' - 38 auf das Christentum der Tat hin.
Pfarrer A b r a m s ch e k - Berlin schilderte an Hand von tieserschü'ternben Bildern aus der Praxis die Qiot der Jugend. Das uneheliche Kind sei im Volk noch immer mißachtet und als ein Mensch zweiter Klasse angesehen unb behandelt. Und bie Rot ber Pflegekinder sei nicht geringer. Unermeßliches Elend spreche aus dem Leben ber auf der Landstraße umherziehenden Jugendlichen, der Pshchopathea und schließlich derer, die vor dem Jugendgericht stehen. Richt das Verbrechen sei ausschlaggebend, sondern die Jugendnot.
Pfarrer Fritsch- Kassel sprach darauf über rechtliche Grundlagen und Organisationen der Jugendfürsorge (Öffentliche und private 3u* gendhilfe).
Am Rachmittag berichtete Lic. Dr. Beckmann (Wiesbaden) über die evangelische Jugendfürsorge. Einleitend sprach er von der Erziehung in ber Anstalt, der Bildung von Vereinen und Kuratorien. Jin folgenden behandelte er vier Punkte aus der evangelischen Jugendfürsorge: 1. Arbcitsgebie'e. 2. Organisationen. 3. Arbeitsmethoden. 4. Eigenart der evangelischen Jugendfürsorge.
Pfarrer A b r a m s ch e k (Berlin) behandelte das Thema „Fürsorge für Waisenkinder und Uneheliche (Einführung in das Vormundschafts- Wesen)." ilm Fürsorger eines Kindes zu sein, müßte man die Seele des Kindes kennen und außerdem das Gesetz, was noch vielen neten* sächlich erscheint. Man inüßte Bescheid wissen über das Recht des Kindes, seine Aussicht und das Elternrecht.
Dr. Rehm (Hanartt sprach über ..Jugenbge- richtshilse und Schuhauf icht". An Stelle des Ver- geltungsgedarckens müßte der Bes^erungsgedanke treten, der besonders in Amerika, aber auch schon in Deutschland Erfolge aufzuweisen habe.
Direktor Horning (Reuwied) berichtete über ..die Fürsorge für die wandernde männliche Jugend." Die Zahl der Wanderer auf der Land-
ohne jede Buchhaltung, machte Schulden über Schulden und suchte die Bevölkerung auf jede Weise heranzuziehen. Man sang damals in Berlin die Verse: ..Die Pest gab die Ratur dem Oriente, unbillig ist sie nie: dafür gab sie dem Okzidente die Zahlenlotterie." Rachdem der Italiener vollständig abgewirtschaftet _ hatte, wurde die Lotterie 1755 an zwei hvhe Staatsund Hof beamte verpachtet, und nun nahm sie eine gute Entwicklung und warf reiche Einnahmen ab. Die Spielleidenschaft wurde dadurch aber sehr gefördert, so daß in den Regierungs- kreisen immer wieder Bedenken geäußert wurden unb Friedrich Wilhelm 11. sogar an eicke Abschaffung dachte. Da mau aber nicht die Einnahmequelle verlieren wollte, wurde die Zahlenlotterie 1791 wieder unter Staatsregie genommen und sand immer weitere Verbreitung. Während der Franzosenzeit belegte die fremde Verwaltung bie Lotterie mit Beschlag, und als die Beamten daraufhin alle zurücktraten, wurde sie wieder verpachtet. Rach dem Abzug der Franzosen aber war der rechte Moment gekommen. um diese Art des Glückspiels abzuschaffen. Am 23. Mai 1810 sand die 275. und zugleich letzte Ziehung statt: sie wurde beseitigt, weil sie, wie es im Erlaß heißt, „nachteiligen Einfluß auf die Moralität hat und Veranlassung zu Traum- beuterei und anderem Aberglauben gibt". Versuche mit anderen Arten ber Auslosung. _ wie mit einer „Quinen-Lotterie" und einer „Güter- Lotterie". bei der Landgüter und Grundstücke ausgespielt wurden, scheiterten. Rur die verhältnismäßig unschädlichste Art der Ausspielung, die Klassen-Lotterie, die gegen die Zahlenlotterie ganz zurückgetreten war, hielt sich und wurde am 1. Oktober 1813 dauernd eingeführt. Sie hat sich für den Staat als eine ergiebige Einnahmequelle bis auf den heutigen Tag erwiesen und kann als „ein Sicherheitsventil gegen aufregendere Glücksspiele" bezeichnet werden.
Nebel nicht, dem nur ein wirtschaftlicher Aufschwung abhetfen würbe.
Ader man berauscht lieh an großen Projekten. Man läßt ten Völkerbunb Pläne zur Kanalisierung ter polnischen Flüsse ausarbeiten. Man spricht von neuen Eisenbahnlinien. Wo aber bas Gelb Herkommen soll, vermag niemanb zu sagen.
Pilsubski hat neulich von einem in Neuyork wohnenben amerikanischen Polen ben Betrag von 6000 Dollars vermacht erhalten. 6000 Dollars beben ten für Polen viel Geld. Man muß sich bei der Betrachtung polnischer Zahlenangaben stels darüber klar sein, baß Polen ein völlig verarmtes, burch po- litische Großmachtbünkel ruiniertes Land ist. Die getarnte Einfuhr im ersten halben Jahre 1927 bezifferte sich auf 827 Millionen Goldzloty unb bie Aus- fuhr auf 716 Millionen. Das sind ganz geringfügige Beträge. Polen hat ungefähr 28 Millionen Einwohner. Das kleine Belgien mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern führte aber im Jahre 1925 für 3,5 Mil- linrben Mark Waren ein unb für runb 2,9 Milliar- ten Mark exportierte es. Multipliziett man jetzt ben polnischen Außenhandel für bas erste Halbjahr ber Einfachheit halber mit zwei, so ergibt bas als wahrscheinliches Außenhantelsergebnis für bas Jahr 1927 runb 3 Milliarden Goldzloty ober 2,4 Milliarden Mark, verglichen mit 6,4 Milliarden Mark für Belgien. Daraus erhellt, wie empfindlich die polnische Gelb- unb Finanzwirtschaft für Fehlbeträge ist, die dem Kämmerer einer deutschen Großstadt ein geringschätziges Achselzucken abnötigen würde.
eines Landsknechts ist es hingestellt. Ein oer- wucherter, blumenschäumender Graben, halb aus- getrocknet. halb verwildert, mit Büschen darin und Vogelmelrdien. Hier ein zerrissener Schuh, dort eine zerschlagene Kaffeekanne.
Einmal war er wohl gefährlich, dieser Graben. Jetzt ist er Spielplatz und Schuttabladestelle. > Ein Stückchen dahinter pilgert die Stadtmauer. Vierhundert Jahre läuft sie schon um das Rest herum. Das ist eine schöne Zeit. Wenn man so lange um die Stadt läuft, kann man müde werden. Die Stadtmauer kriecht nur noch. Zuletzt haut sie sich hin und liegt nun da, grasüberwuchert, wie ein grauer Wanderer, der nicht mehr wachzukriegen ist. Fliedersträucher wachsen auf ihr, Birkenstämmchen, Dienensaug. Wenn man lange stillsteht, darauf Hinsieht und horcht, glaubt man, den Spuk der Geschichte zu sehen.
Rein, das ist kein Sputt Das ist ja Wahrheit. Da sitzen sie: zwei richtige Hellebardiere. Der eine hat seine Waffe in die Erde gespießt und stützt sich auf das hölzerne Ende, das Kinn auf die übereinander gefalteten Hände gelegt. Der andere sitzt am Graberrand, den rostigen Spieß überm Knie, und tüftelt im Kreisblatt herum. Ich merke, wie mein Gesicht immer verdutzter wird. Ebe ich mich in den Arm beiße, um zu fühlen, ob ich wach bin oder träume, frage ich keck in die Morgensonne hinein: „Ra, was macht ihr denn hier?"
Da antworteten sie, wie auf Kommando: „Wir sind die Kirchenwache."
.Kirchenwache?" fragte ich halb ungläubig zurück.
„Ja, alles, was Beine hat, ist in die Frühmesse gelaufen. Wir sitzen hier und passen auf, daß kein Gesindel kommt und maust."
Und nun fixieren sie mich, ob ich Gesindel bin oder nicht. Fragen mich aus. Und nun lassen sie mich ins Rest hinein. Ach, lieber hätte ich mit diesen Gesellen am Grabenrand Würfel gespielt. Es hätte mir nicht leid getan, wenn ich meinen letzten Groschen verloren hätte. Aber ich wäre, auf eine halbe Stunde, mal im Dreißigjährigen Krieg gewesen.
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«-amStag.lZ.Aug, abends 81, Ubr, Stadt Wetzlar:
Monats- oerfammlung.
De BehSrden-An genedten sind ba«v besonders dringen geladen.
Ter Vorstand.
LamStag.dcn 13., abends 8'/,Ubu
Gcmütli-es
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v. H- V. SamKaa, 13. Ana 8'1, Uhr abeuds un Kaelm-Verelnshaa?:
Monats- oersammlung.
1L g.: Neuregelung der ArdeiiSre't und । tzeberslnndeubttadl-


