Aus der provlnMlhauptftadt.
Gießen, den 12. August 1927.
Der Verfassungstag in Giehen.
Zur Feier des Derfassungstages ließen gestern nachmittag von 12 bis 12.15 Uhr auf Anordnung des Landeskirchenamts die Glocken unserer evangelischen Kirchen ihre ehernen Stimmen über die Stadt erklingen. Die staatlichen und städtischen Gebäude hatten in den Reichs- und Landesfarben geflaggt, oer- einzelt sah man noch an Prioathäusern die Reichsflagge. In den Bureaus der Behörden herrschte Feiertagsruhe. Abends um 8.15 Uhr begann im gutbesetzten Stadttheater
die Verfassungsfeier, zu der im Namen des vorbereitenden Ausschusses Vrooinzialdirektor G r a e f und Oberbürgermeister 2)r. Keller alle Bewohner der Stadt und des Streifes eingeladen hatten.
Die Musikkapelle des 1. Ball. Inf.-Rgt. 15 unter Sic i iifl des Obermusikmeisters Löber eröffnete die V,e;an|taltung mit Beethovens Ouvertüre zu „Eg- mont". Anschließend hielt Provinzialdirektor Graes die Eröffnungsansprache, in der er namens des vor- o reitenden Ausschusses die Festversammlung zu« nächst herzlich willkommen hieß und dann u. a. sagte, wenn man auf das Jahr seit der vorjährigen erfassungsfeier zurückblicke, fo könne man fest- stellen, daß die Festigung der Verhältnisse auf innen- und außenpolitischem Gebiete Fortschritte gemacht habe. Das deutfche Volk habe das, was es zu leisten vermag, für die Rettung des Staates hergegeben. Als erfreulicher Fortschritt fei zu verzeichnen, daß die Frage der Staatsform lange nicht meyr fo umstritten werde, wie noch vor zwei Jahren. Man dürfe nicht um Prinzipien streiten, wenn das Wohl des Staates und des Volkes darunter leide. Man solle ober auch so viel Gerechtigkeit aufbringen, daß man diejenigen nicht verdamme ober als Heuchler ansehe, die den neuen Staat einerseits bejahen, anderseits aber auch das, was ihnen am alten Staat als aroß erscheine, nicht heruntergezogen wissen wollten. Alle staatsbejahenden Kräfte unseres Volkes müßten zufammengefaht werden, in unfruchtbarer Kritik und Ablehnung dürften wir uns nicht erschöpfen. Außenpolitisch sei gewiß kein Anlaß zu Optimismus iieaeben, dennoch dürften wir den Glauben an uns elost, die Hoffnung auf eine Besserung der Ver- «älwisse und auf den Siea der Gerechtigkeit nicht aufgeben. Don jedem Deutschen müsse man aber so viel nationales Empfinden erwarten, daß er nichts unternehme, was uns außenpolitisch schade. Leider aber scheine es noch immer so, daß man hie und da nichts dabei finde, wenn man unseren Wider- sachern Trümpfe in die Hand spiele. Noch lange müsse unser Volk einen-dornenvollen Weg wandeln, aber mit von jedem einzelnen hänge es ab, ob am Ende dieses Weges die innere und äußere Freiheit stehe. Keine Arbeit dürfe uns zu schwer, keine Mühe zu groß sein, unser ganzes Handeln müsse geleitet fein von der Liebe und dem Verantwortungsgefühl für die Zukunft von Volk und Reich. Dann werden wir auch wieder leben als freie Deutfche auf freiem deutschen Boden.
Nunmehr brachte der Gesangverein „Heiterkeit" den Chor „Wogender grüner Rhein" von
Richard zu Gehör, darauf ffridte die Militärkapelle aus Wagners „Lvhengrin" den „feierlichen Zug zum Münster".
Oberstudienrat L R Pros. Hüter hielt nun die Hauptrede des Abends. Er erinnerte einleitend an die Zeit der Vorbereitung und der Beschlußfassung der Weimarer Verfassung und gab dann feiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß er im Zeichen der Farben Schwarz- Rot-Gold zu den Versammelten sprechen könne. Der Redner erinnerte weiter an die Rot- und Elendstage der jüngsten Vergangenheit, an das grausame Versailles, den Rühreinbruch der Franzosen, die noch immer andauernde Besetzung wertvoller Teile des Deutschen Reiches durch fremde Truppen: des Rheinlandes Strom, der nicht Deutschlands Grenze sei, und wichtiger Teile unserer engeren Heimat, sowie an die Zeit des Bürgerkriegs. Trotz mancher Unausgeglichenheiten und widrigen Dinge, von denen er verschiedene Einzelheiten zum Teil mit berstender Kritik erwähnte, wolle man in dieser Stunde aber einem frohen Optimismus huldigen. Formal hake die Republik vollständig gesiegt: denn zu deir Herzensrepublikanern, die seinerzeit die Weimarer Verfassung geschaffen hatten, seien die sog. Vernunft-Republikaner hinzugekommen. und diesen seien im letzten Jahre noch „die Muh-Republikaner^' gefolgt, womit der Redner die Deutschnationale Volkspartei meinte, deren Politik er dabei mit kriüschen Bemerkungen betrachtete. Runmehr lieh der Redner eine weit abgesteckte Betrachtung der deutschen Geschichte folgen, die immer nur „eine Fürstengeschichte" gewesen sei und ging dabei die einzelnen Epochen unter dem Gesichtswinkel republikanischer Einstellung durch. Hierbei kritisierte er in der Hauptsache die Fürsten und daber insbesondere wiederholt mit ausgesprochener Schärfe die Hohenzollem, namentlich auch den früheren Kaiser Wilhelm II. Bei diesem Teil der Ansprache fiel gar manches Wort, das in den Kreisen der sog. „Vernunft- und Muh- Republikaner", deren innere Umstellung sich nicht so rasch vollzieht, sehr peinlich berührte und jedenfalls leider nicht dazu beigetragen hdt, das Moment des bisher Trennenden noch weiter in den Hintergrund zu schieben. Tlls der Redner in diesem Zusammenhang mit großer vchärfe das frühere monarchische Regime und seine Spitze erörterte und dabei stark parteipolitisch sich aussprach, kam es zu einem Zwischenfall. Der Kommandeur unseres Bataillons und die in seiner Begleitung befindlichen Offiziere, sowie die zahlreich erschienenen Unteroffiziere und kurz darauf auch die Militärkapelle verliehen den Theatersaal, wobei bei dem Fortgang der Kapelle Pfuirufe aus dem Publikum ertönten. Der Redner feierte zum Schluh Giehen und Oberhessen, die einen Friedrich Gottfried Welcker, Weidig-Buhbach, Georg Büchner-Darmstadt, Karl Vogt, Rübsamen, Gutfleisch und Wilhelm Liebknecht ihr eigen nennen konnten, deren Wirken er gleichfalls verherrlichte. Mit dem Bekenntnis zur Republik und der Aufforderung, an die Ideale des neuen Dolksstaates zu glauben und an ihrer Erringung mitzuarbeiten, schloß der Redner seine von starkem Beifall gefolgten Ausführungen.
Rach einem Gesarrgvvrtrag deS Gesangvereins „Eintracht", der ilthmannS Chor „Sturm" dar» bot, brachte Provinzialdirektor Graef das Hoch auf das deutsche Vaterland aus, dem der gemeinsame Gesang der Nationalhymne folgte. Damit hatte die Veranstaltung ihr Ende erreicht.
Anschliehend bewegte sich das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in einem Fackelzug unter Vorantragen der Reichsbannerfahne durch die Hauptstrahen ter Stadt, dabei gefolgt von einer Gruppe Kinder und Jugendlicher mit großer roter Fahne.
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Abonnements-Konzert der Reichswehrkapelle: 8V, Uhr „Liebigshöhe". — Palast-Lichtspiele: „Der Feldherrnhügel". — Astoria-Licht spiele: „Die Flucht in den Zirkus".
** Auszeichnung zweier Mitglieds r der Stadtverwaltung. Durch Verfügung des hessischen Ministers des Innern wurde den besoldeten Beigeordneten der Stadt Gießen Dr. Setb uni> Dr. Frey die Amtsbezeichnung „Bürgermeister" verliehen.
" Personalien. Ernannt wurden am 23. Juni: der Finanzrat beim Ministerium der Finanzen Wilhelm Lucius vom l.Juli 1927 ab zum vortragenden Rat bei diesem Ministerium unter Verleihung der Amtsbezeichnung „Oberfinanzrat" und der Finanzrat beim Ministerium der Finanzen Karl Mei sing er vom 1. 3mti 1927 ab zum ständigen Hilfsarbeiter bei diesem Ministerium unter Belassung seiner seitherigen Amtsbezeichnung: am 5. August: der Lehrer Heinrich Traut zu Langd, Kreis Gießen, zum Lehrer an der Volksschule zu Hattenrod, Kreis Gießen: am 10. August: der Oberforstrat im Ministerium der Finanzen, Abteilung für Forst- und Kameralverwaltung. Dr. Karl 11 r ft a b t, und der Oberfinanzrat im Ministerium der Finanzen Otto Lippert, beide vom 1. August ab, zu Ministerialräten.
** Derfassungsseiern fanden am gestrigen Tage nach den bisher frorliegenben M:l- öungen an zahlreichen Orten der Provinz Oberhessen statt, wobei jeweils in den im Mittelpunkt der Veranstaltungen stehenden Reden auf die Bedeutung des Tages, auf die Begründung der Weimarer Verfassung im Jahre 1919, hingewiesen und zu einmütigem Zusammen stehen aller Volksgenossen zum Wohle des Vaterlandes auf gefordert wurde: es würde zu weit führen, auf sämtliche Feiern in der näheren und weiteren Umgebung einzeln einzugehen.
* Erledigte Stelle. Erledigt ist eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer an der Volksschule in Lang-Göns, Kreis Gießen: Dienstwohnung wird demnächst frei.
** Frühzeitiger Wegzug der Schwalben. Don einem unserer Leser wird uns folgendes geschrieben: Noch vor 8 bis 10 Tagen hatten wir unsere Freude daran, an den späten Nachmittagsstunden zu beobachten, tote die Alten mit der jungen (zweiten) Brut Flug- übungen veranstalteten. Auffallend war dabei, daß diese Hebungen nicht familienweise ftatt- fanden, sondern in größeren Scharen. Aber ein
Versammeln auf den Dächern und Telegraphendrähten wie in sonstigen Jahren vor dem 'Wegzüge im September hat man diesmal nicht bemerkt. Aus einmal waren sie fort. Anfangs war ich im Zweifel und glaubte mich getäuscht zu haben. Deshalb setzte ich meine Beobachtungen noch zwei Tage fort, begab mich auch an die Lahn, wo sonst die Schwalben auf ihrer Jagd so munter über den Wasserspiegel dahineilen, aber nirgends ist noch eine zu setzen. So früh haben uns die Schwalben noch nie verlassen.
*• Die Geschäftsstelle der Hindenburg-Spende hat bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß die Einreichung von Unterstühungsanträgen an die Hindenburg- Spende verfrüht ist. Trotzdem gehen ihr noch Dauernd Bitten und Gesuche vor allem von Kriegsbeschädigten um Gewährung einmaliger oder laufender Unterstützungen zu. Die Geschäftsstelle macht erneut darauf aufmerksam, daß sie nicht in der Lage ist, auf derartige Zuschriften etwas zu veranlassen, um fo weniger, als sie nicht berechtigt ist, über die aufkommenden Gelder zu verfügen. Ihre Aufgabe ist lediglich die Aufbringung und Verwaltung der dem Herrn Reichspräsidenten unter dem Namen „Hindenburg-Spende" zu feinem 80. Geburtstage darzubringenden Ehrengabe.
•’ Ein schwerer Unglü ckssall ereignete sich gestern vormittag gegen 9 Uhr auf dem Gülerausladebahnhof Großen-Linden. Dort waren Arbeiter des Bergwerkes bei Großen- Linden damit beschäftigt, aus einem Güterwagen Eisenbahnschienen für die Dergwerkskleinbahn auszuladen. Dabei fiel ein mit Schienen bereits beladener Kippwagen plötzlich um, wobei der 40 Jahre alte Arbeiter Philipp Faber von dem umstürzenden Wagen und den Schienen getroffen wurde. Der bedauernswerte Mann erlitt einen komplizierten Unterschenkclbruch und außerdem auch noch innere Verletzungen. Die erste Hilfe leistete Dr. Speck-Großen-Linden. Auf seine Anordnung wurde die Freiwillige Sanitäts- kolonne vom Roten Kreuz in Gießen herbeigerufen, die den Verunglückten mittels ihres Sanitätsautos in die Chirurgische Klinik nach Gießen verbrachte. Dort ist bei Bedauernswerte infolge seiner schweren Verletzungen heute morgen verstorben.
** Ein Autovergaserbrand entstand gestern nachmittag gegen 43/t Uhr an einem in dem Autoschuppen der Kolonialwarenhandlung Geisse, Kaplansgasse, stehenden Kraftwagen. Der Brand hatte eine starke Rauchentwicklung zur Folge. Die alsbald benachrichtigte Feuerwehr erschien schnellstens an der Brandstelle, brauchte aber nicht mehr in Tätigkeit zu treten, da die Flammen mittlerweile von beherzten Männern mit -Hilfe eines Total-Loschers gelöscht worden waren. Schaden ist nicht entstanden.
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