Nr. 187 Erster Blatt
177. Jahrgang
Freitag, 12. August 1927
Erich «int täglich, nutzer Sonntags und feiertags.
Beilagen:
Metzener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Monotr>Be;vgrpreir: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter- fcheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanschlüff«: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Siesten.
Postscheckkonto: Krantfurt am Main 11686.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck rmd Verlag: vrühl'sche UniverfitAr-Vuch- und Stetndruckerei R. Lange tu Siegen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstrage 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnammer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20°/o mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantworllich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießern
Die
Berlin, 11. Äug. (WTB.) Der Tag der D e r- fassungsfeter begann heute morgen bei schönem Sonnenschein. Die öffentlichen Gebäude haben in den Reichsfarben geflaggt, die preußischen Amts- stellen zeigen daneben auch die schwarzweiße Fahne. Auf dem Reichswehrministerium in der Wilhelm- straße weht die schwarzweihrote Wehrfahne mit dem Eisernen Kreuz. Die Stadt Berlin hat in diesem Jahre zum erstenmal auch ihre Verkehrsmittel mit Fähnchen geschmückt. Die Autobusse tragen links und rechts je eine schwarzrotgoldene und eine Flagge in den Stadtfarben, die Straßenbahnen zeigen an der Schnur der Führungsstange eine schwarzrot. goldene Fahne. Auch die Eingänge der Untergrund- bahnhöfe sind entsprechend geschmückt. Besonders zahlreich haben in diesem Jahre auch Privathauser aeflaggt. Begünstigt von dem Hellen Sommerwetter hat die verfaffllugsfeier im Reichstag und vor dem Reichstag einen glänzenden und ein- drucksvollen Verlauf genommen. Dor der großen Freitreppe, nach der Siegessäule zu, waren zwei große Flaggenmaste ausgestellt worden, von denen die schwarzrotgoldene Fahne der Republik und die Handelsflagge des Reiches (schwarzweißrot mit der schwarzrotgoldenen Gösch) wehten. Der große Sitzungssaal des Reichstages war in ähnlicher Weise wie bei früheren Anlässen festlich mit Tannengrün und mit den Wappen der Länder geschmückt. An dem Platze des Präsidenten war der Reichsadler angebracht und der Dorspruch der Weimarer Verfassung: „Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu befestigen, dem inneren und dem äußeren Frieden zu dienen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, hat sich diese Verfassung gegeben." Der Tisch des Präsidenten und der Schriftführer ist mit einer großen Reichsflagge bedeckt. Auch die Rednertribüne und die Regierungsestrade sind in den Farben der Republik geschmückt.
Um 11.55 Uhr fuhr der Herr Reichspräsident von seinem Palais in der Wilhelmstraße zunz Reichstagsaebäude. In dem ersten Kraftwagen nahm mit dem Herrn Reichspräsidenten nur der Reichs- kanzler Dr. Marx Platz; im zweiten Auto folgten die Staatssekretäre Dr. M e i ß n « r und Dr. P u n - der und Major v. H i n b e n b u r g. Am Portal be« Reichstagsgebäudes erwarteten Reichsminister v. K e u d e l l, der Chef der Heeresleitung General Heye, der preußische Ministerpräsident Dr. Braun und Reichstagspräsident L ö b e den Herrn Reichspräsidenten, der sich nach kurzer Begrüßung mit den Herren v. Keudell, Heye und L ö b e in die Diplomatenloge des großen Sitzungssaales begab, in der außerdem noch Staatssekretär Dr. Meißner und Major v. Hindenburg Platz genommen hatten. Der Reichskanzler, der preußische Ministerpräsident und Staatssekretär Dr. P ü n d e r nahmen auf der Regierungsestrade Platz. In dem Augenblick, in dem der Herr Reichspräsident von der großen Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrerbietig begrüßt, mit den ihn begleitenden Herren in der Loge Platz nahm, begann die Feier mit dem Vortrag von Goethes „Talisman", vorgetragen von dem Sprech-Chor der Universität Berlin und der Deutschen Hochschule für Leibesübungen unter Leitung von Wilhelm Leyhausen und unter Mitwirkung von Frau Annemarie Loose und Herrn Walter Franck.
Es folgte hierauf die
Festrede
des Reichslagsabg, v. Kardorff:
Herr Reichspräsident, meine Damen und meine
Herren!
Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um die Verfassungsfeier zu begehen. Das soll fein jubelndes Fest sein, das soll ein Tag sein der Einfehr und der Sammlung: an diesem Tage soll der Parteistreit ruhen und an ihm wollen wir uns auf das besinnen, was uns alle eint
Wir wollen an diesem Tage denken an deutsche Vergangenheit an deutsche Gegenwart, an deutsche Zukunft: — wir wollen sprechen von deutscher Rot, von deutscher Hoffnung, und von deutschem Glauben an eine bessere Zeit.
Wir feiern diesen Tag, weil an ihm uns wieder fester Rechtsboden unter den Füßen wurde und weil er ein Bekenntnis bedeutet zur Einheit des Reichs, zur freiheitlichen Gestaltung eines neuen staatlichen Seins. Mit diesem Tage hatte das Chaos sein Ende erreicht. Was das bedeutete, werden wir nur begreifen, wenn wir die Blicke zurücklenken nach dem Rovember des Jahres 1918. Die grenzenlose Verzweiflung auf der einen Seite, das Versagen der herrschenden Schichten auf der anderen Seite, sie bilden die psychologische Erklärung für das, was wir damals erlebten und was viele von uns in tiefster Seele verletzt hat.
In toenigen Tagen ward das stolze Reich, das vier Jahre hindurch einer Welt von Feinden getrotzt hatte, ein Haufen von Schutt und Trümmern. Es war mehr ein Einsturz, als ein beabsichtigter und bewußter Umsturz. Eine brutale Ueb^rmacht hat die tapferste Armee der Welt besiegt. An der Front und im Hinterland verhungerten Mann, Frau, Greise und Kinder, und die Rachwirkungen der Hungerblockade sehen unsere Mütter noch heute traurigen Auges an ihren geschwächten Kindern. So gepeinigt standen
Feier des Verfassungstages.
wir plötzlich am Rande des Bolschewismus, die Arbeiterräte und die Soldatenräte beherrschten das Feld.
Da haben uns zwei Männer mit ruhiger unb fester Hand vor dem Untergang bewahrt: Hindenburg und Ebert Hindenburg führte unter über- menschlichen Schwierigkeiten die Armee geordnet in die Heimat zurück, eine Leistung, die vielleicht ihresgleichen in der Weltgeschichte sucht. Ebert schrieb die Wahlen zur Nationalversammlung aus.
Niemand hat die Verdienste Friedrich Eberts besser gewürdigt, als Der Herr Reichspräsident v. Hindenburg, der nach seinem Amtsantritt von feinem Amtsoorgänger gesagt hat: „Unbestritten ist sein Verdienst um Ruhe und Ordnung des Deutschen Reiches nach dem Zusammenbruch unseres Volkes, das wird jederzeit dankbar im deutschen Volke und auch von seinen politischen Gegnern anerkannt werden. Sein Streben war immer darauf gerichtet, dem deutschen Volke treu zu dienen."
Es liegt über dem Leben Friedrich Eberts eine tiefe Tragik. Zwei Söhne hat er dem Vaterlande geopfert und sein letztes Lebensjahr war verdunkelt durch Angriffe, die gegen ihn gerichtet wurden. Die Mitwelt ift ihm nicht gerecht geworden. Aber die Geschichte wird ihn einreihen in die Reihen derer, die sich größte Verdienste um Deutschland erworben haben. Wir wollen heute dankbar seiner gedenken.
Diese von Friedrich Ebert einberufene Nationalversammlung gab uns die Weimarer Verfassung: In einem Augenblick, als wir innenpolitisch bedroht waren durch Bolschewismus und Kommunismus, und außenpolitisch bedroht durch den kommenden Friedensvertrag, schuf sich das deutsche Volk diese Weimarer Verfassung. Sie war ein Bekenntnis zur Einheit des Reiches, zum großdeutschen Gedanken, zur freiheitlichen und friedlichen Entwicklung Deutschlands auf Demokratischer Grundlage.
Wir zeigten der Welt In diesem Augenblick, daß sich Deutschland auf Gedeih und Verderb zu einer Notgemeinschaft verbunden fühlte. Die Weimarer Verfassung hat uns den Dolksstaat gegeben, sie ruft jeden deutschen Mann und jede deutsche Frau zur Mitarbeit am Staate auf. Jeder einzelne muß sich dem großen Ganzen verantwortlich fühlen.
Das deutsche Schicksal liegt heute in den Händen des Volkes selbst. Niemand hat heute das Recht, nur an sich zu denken. Wehr als je gilt heute, daß jeder so handeln sollte, als ob von ihm allein das Schicksal seines Vaterlandes abhinge.
Das ist die historische Bedeutung der Weimarer Verfassung und des heutigen Tages. Das müssen auch diejenigen anerkennen, die aus innerster politischer Ucberzeugung gegen diese Verfassung gestimmt haben, auch Diejenigen anerkennen, die der heutigen Feier fernblieben.
Zwei Fragen sind es, die die Weimarer Verfassung geregelt hat und die bis zu diesem Tage und zu dieser Stunde im Mittelpunkt des innerpolitischen Streites stehen: Die Frage der S t a a t s f o r m und die Flaggen-Frage.
Daß in einem Land mit stolzer monarchischer Vergangenheit viele sich nicht leichten Herzens zur deutschen Republik bekennen können, liegt klar am Tage. Aber Darüber kann fein Zweifel sein, daß ein auf den Umsturz Der republikanischen Staatsform gerichteter Kampf innenpolitisch Den Bürgerkrieg und außenpolitisch ein Zurückgeworfenwerden auf die Tage von Versailles bedeuten würde. Bei Der Gesamteinstellung Der Welt uns gegenüber muß jeDer sich sagen, Daß wir nur durch die deutsche Republik Deutschland zur Freiheit und zum Frieden führen können. Und wir alle müssen bekennen, daß die Liebe zum Vaterlande, zum Staat, zur Heimat uns höher stehen muß als die jeweilige S t a a t s f o r m.
Und Dann Der Kampf um Die Farben. Auch wer wie ich mit heißer Liebe an Sdjmar^meiß-rot hängt, auch wer wie ich Den Wechsel der Farben in Der Stunde der Not aus tausendfachen Gründen für einen Fehler, vor allem aber darum für einen Fehler gehalten hat, weil er unser innenpolitisches Leben um einen anscheinend unüberbrückbaren Gegensatz bereichert hat, der muß das eine bekennen, die gesetzlich festgestellten Reichsfarben Schwarz-Rot- Gold müssen geachtet werden. Ein Land, das seine eigenen Farben nicht achtet, kann keinen Anspruch erheben auf die Achtung Der Welt. Und Darüber hinaus werben wir bekennen müssen, Daß die heute geltenden Reichssarben mit der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts aufs engste verknüpft sind. Denn als die deutsche Burschenschaft nach Den Freiheitskriegen sich Die Pflege Des Glaubens an Die innere Freiheit und die Einheit des Vaterlandes zur Aufgabe gemacht hat, wählte sie diese Farben. Und als diese von hohem Idealismus getragenen Männer in dunkler Zeit ihren Glauben an Deutschlands Einheit und Freiheit mit ihrer bürgerlichen Existenz und mit einem Leben hinter Kerkermauern bezahlen mußten, als sich ein unerhörter Polizeidruck wie ein Meltau auf fortschrittliches und freiheitliches Denken legte, als diese ideale Bewegung ihr Ende erreickst zu haben schien. Da konnte ein Dichter klagend sagen:
Das Band ist zerschnitten, Schwarz, Rot und Gold, Und Gott Hais gelitten, Weiß ich, was er gewollt.
Aber es sei weiter Daran erinnert, daß am 7. März 1848 von Preußen der Antrag gestellt wurde beim Bundestag über dem Palais Taxis in der Eschenheimer Gasse die schwarz-rot-gol
dene Fahne zu hissen; es sei daran erinnert, daß Der Kaiser Friedrich als Kronprinz in Versailles sich für diese Fahne ausgesprochen hat und daß kein geringerer als Heinrich von Treitschke sie die Farben der deutschen Sehnsucht genannt hat. And endlich: diese Farben sind das Sinnbild des großdeutschen Gedankens.
And an diesem großdeutschen Gedanken wollen wir doch festhalten, und wir wollen auch heute der lieber Beugung Ausdruck geben, daß auf Die Dauer keine Macht Der Erde stark genug sein wird, zu verhindern, daß eines Tages das deutsche Deutsch- Oesterreich mit dem Heimatlande, in welcher staatsrechtlichen Form auch immer, vereint und verbunden sein wird.
Und wenn ich somit fordere, ■ daß die heute geltenden Reichssarben geachtet werden, so fordere ich zugleich das gleiche Maß von Ach- tungauchfürSchwarz -weiß-rot. Schwarz» weiß-rot mit der Gösch ist Die gesetzlich festgesetzte Handelsflagge, unter der die deutschen Schiffe die Meere durchqueren. Schwarz-weiß-rot ist das Sinnbild der deutschen Vergangenheit. Als das Reich geeint, wählte es diese Farben. Wenn während des Krieges stolze Siegesnachrichten nach der Heimat Drangen, Da flaggten w:r Schwarz-weiß-rot. Unter dieser Flagge hat die deutsche Ware auf deutschen Schiffen sich den Weltmarkt erobert Diese Flagge war geliebt von der Heimat und geachtet von Der ganzen Welt.
Dir werden ein einheitliches Volk nur werden, wenn wir uns gegenseitig achten, begreifen und verstehen lernen. 2Hit der Liebe zu dem Deutschland von heute müssen wir die Achtung für das Deutschland der Vergangenheit verbinden.
Die Paulskirche ist nicht zu denken ohne den Idealismus der deutschen Burschenschaft, und das Reich des Fürsten Bismarck ist nicht zu denken ohne die Paulskirche, sie bereitete den Acker vor auf dem Die Saat Des großen Staatsmannes aufgehen konnte. Und wemi die Eäsur zwischen einst und jetzt breit und tief ist, so ist doch auch Die Weimarer Verfassung nich. zu denken ohne die Reichsverfassung des Fürsten Bismarck.
Unsere Geschichte ist reich an Tragik und tn ihr liegen die Höhen und Tiefen dicht nebeneinander. Und es ist doch auch ein gut Stück Tragik deutscher Geschichte, Daß, als der Einheitstraum im Jahre 1871 erfüllt war, sich in Den kommenden Jahren zwei dunkle Schatten auf Das politische Geben dieses Volkes legten, Die vielen keine FreuDe am alten Reiche tret Den liehen. Diese beiden Dunklen Schatten waren Der Kampf gegen die plötzlich erstarkende Arbeiterbeweg ung und Der Kulturkampf.
Die bürgerliche Gesellschaft hat Die 21 r - bei ter betoegung nicht verstanDen. man glaubte sie mit dem Sozialistengesetz bekämpfen zu müssen. Die Rachwirrungen spüren wir noch heute. Rur wenn es uns gelingt, Die breiten Arbeitermassen als tragenden Pfeiler in Den heutigen Staat einzubauen, sie mit FreuDe am Staat unD Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber Dem Staate zu erfüllen, nur Dann wer Den wir besseren Zeiten entgegengehen. Es liegt nicht so, daß die eine Schicht auf Kosten Der anDeren gerettet werDen kann. Wir werden gemeinsam gerettet werden, oder wir werden gemeinsam untergehen.
Und dann Der Kulturkampf. Auch seine Auswirkungen spüren wir noch heute. Uns ist, wie es ein moderner Historiker gesagt hat, das furchtbare Erbe des reformatorischen und des nach- reformatorischen Zeitalters, Der konfessionelle Zwiespalt, in Die Wiege gelegt. Wir müssen bestrebt fein, Diesen Gegensatz in gegenseitiger. Toleranz auszugleichen unD zu übertoinDen.
Wenn wir an Diese beiden großen politischen Kämpfe Denken, Dann werden wir sagen müssen: Vestigia terrent. Wir dürfen diese Fehler nicht noch einmal wiederholen.
Wir brauchen den konfessionellen Frieden, und wir brauchen den sozialen Frieden.
Sind die von mir erwähnten Gegensätze ein Hindernis für Die positive Arbeit zum Wieder- aufbau unseres VaterlanDes, so kommt ein weiteres Erschwernis hinzu: wir sinD kein Einheitsstaat.
Wohl hat Die Weimarer Verfassung uns auf Dem Wege zum Einheitsstaat ein großes Stück vorwärts gebracht. Militär-, Steuer- und Eisenbahnhoheit sind an das Reich übergegangen, aber vieles bleibt zu tun übrig. Wir werden auf diesem Wege unter Schonung des historisch Gewordenen und organisch Gewachsenen weiter fortschreiten müssen. Richt diejenigen sind die wahren und wirllichen Hüter Der Verfassung, Die sich grundsätzlich gegen jede Aenderung sträuben, sondern sehr viel mehr Diejenigen sind die wahren Verfassungsfreunde, die aus Den Erfahrungen lernen, Die man mit Dieser oder jener Verfassungsvorschrift gemacht hat, unD Die gewillt sind, wo es Rot tut, Die bessernde Hand an sie zu legen.
Freilich werden wir an eine Reform der Verfassung erst Herangehen föimen, wenn sich Die Verhältnisse in Deutschland beruhigt haben, und Dann werden wir das ernste, Dringendste Problem zu lösen haben, das Verhältnis zwischen Preußen und dem Reich. Auch Die Bismarcksche Reichs
verfassung ist bezügllch Des Verhältnisses Preußens zum Reich doch nur ein Torso gewesen, unD an Dem Gegensatz zwischen Preußen unD Dem Reich, zwischen Preußischem Landtag und Deutschem Reichstag ist die deutsche Kriegspolitik während des Weltkrieges gescheitert.
heute brauchen wir eine Stärkung der Reichsgewalt und vor allen Dingen eine klare Abgrenzung der Machtbefugnisse von Reich, Cän- dern und Gemeinden in verwaltungsrechtlicher
und finanzieller Hinsicht.
Das Rebeneinander, das Gegeneinander und Durcheinander muß aufhören. Der dadurch bedingte Leerlauf der Reichs- und Staatsverwaltung muß ein Ende finden. Aber darüber hinaus brauchen wir auch eine Vereinfachung des De- hördenapparates, wie wir ihn aus alter Zeit übernommen haben. Die deutsche Industrie ist auf Dem Wege Der Gesundung infolge einer energisch Durchgeführten Rationalisierung. Rur eine energische Rationalisierung des gesamten deutschen Behördenapparates wird uns eine schnell und billig arbeitende innere Verwaltung geben. Und wenn wir auf eine Stärkung der Reichsgewalt gegenüber Den Ländern Wert legen, so glaube ich, daß wir gut daran tun werden, im Reiche die Stellung DesReichspräsi- Deuten, Der vom Volke gewählt ist, zu heben unD zu stärken.
Parteien müssen nach den Wählern sehen. So sind sie dann oft gezwungen, für Gesetze zu stimmen, die sie ablehnen nach bester Ueberzeugung, wenn sie völlig frei und unabhängig entscheiden könnten. Ich habe das Gefühl, das Volk will nicht von anonymer Fraktionsmehrheit regiert werden, es will nichts wissen von einer Souverän i t ä t d e r F r a k t lo n , die man neuerdings ver- sucht hat, zu proklamieren. Es will von Männern regiert werden, die den Mut der Verantwortung tragen gegenüber den Parteien und den Wählern, die sie gewählt haben. Und dieses Ziel ist zu er» reichen, wenn wir den Weg der Reformierung der Reichsverfassung, im Sinne einer Stärkung der Stellung des Reichspräsidenten, gehen.
Hochverehrte Anwesende, Deutschland mit seinen offenen Grenzen und mit feinen Strömen, deren Quellen im Ausland« liegen, ist das Herz von Euro pa. Die Staaten Europas sind heute aufeinander angewiesen und hängen in ihrem wirtschaftlichen Gedeihen voneinander ab. Dieses Europa wird nur dann gesunden, wenn in seiner Mitt< ein gesundes Herz schlägt.
Darum fordern wir von der Well im eigenen Interesse und im Interesse von Europa unser Recht auf Freiheit. Wir wollen den Frieden mit allen Mächten, wir sind immer ein friedliebendes Volk gewesen, wir wollen den Frieden schon darum, weil wir wehrlos und entwaffnet sind.
Wir haben unseren FrieDenswillen b e to ie s e n Dadurch, Daß wir in Den Völker- bunD eingetreten sinD, Daß wir Den Friedens» vertrag noch einmal anerkannt haben, unD wenn wir Dann berücksichtigen, Daß wir entwaffnet sinD, Daß unsere Entwaffnung anerkannt ist, unD unsere Reparationslasten im Dawesplan geregelt sind, weit über Die Grenzen D,er Deutschen Leistungsfähigkeit hinaus,
dann haben wir ein Recht, bitterste Beschwerde vor der Welt darüber zu führen, daß noch heute fremde Besahungstruppen in der zweiten und dritten Zone stehen.
Man hat seit Dem Frieden von Versailles Schmach über Schmach auf uns gehäuft, zahlreiche Versprechungen sinD uns gegeben worden, zahlreiche Versprechungen sind nicht gehalten worden. Man tut der deutschen Republik Unrecht, wenn man ihr das vorwirft, daß sie Schmach hätte auf sich nehmen müssen, nicht sie hat Den Weltkrieg verloren, sonDern sie hat, wie ich an anderer Stelle gesagt habe, harte und undankbare Aufgaben zu erfüllen, den verlorenen Weltt krieg zu liquidieren. Aber wenn wir mjt tiefer Bitternis an die Schmach denken, die man uns angetan hat, dann lassen Sie mich folgendes in voller Offenheit sagen: Rach meinem Dafürhalten ist vor der Welt und der Geschichte die Schmach derer, Die einem entwaffneten Volke fortgesetzt unD DauernD Diese Schmach antun, größer a l s unsere Schmach, Die wir über uns ergehen lassen müssen, weil wir wehrlos unD entwaffnet sinD. Es hat auch einmal eine Zeit gegeben, nach Dem Jahre 1871, wo eine Deutsche Okkupationsarmee Teile von Frankreich beseht hielt, damals haben wir bewiesen, und das haben die französischen Staatsmänner dankbar anerkannt, Daß wir ein edles Volk sind, das nicht fähig ist, den am Boden liegenden Gegner zu schmähen. Die Geschichte Dieser Okkupation ist geschrieben worden und jeder Deutsche kann darauf stolz sein, mit welcher Rücksicht und mit welcher Humanität damals die Deutsche Armee, die deutschen Besahungstruppen ihre Aufgaben erfüllt haben. Den besiegten Feind zu ehren ist das Zeichen großer Kultur, und wo sehen wir diese Zeichen der Kultur der Grande Ratton uns gegenüber?
Die Geschichte des Ruhreinfalls, die Geschichte Der Besatzung am Rhein wird auch einmal ge- schrieeben werden u,nö dann wird Die Welt Darüber staunen, mit welcher beispiellosen Rücksichtslosigkeit Dort die Besahungstruppen geglaubt haben, ihres Amtes walten zu Dürfen, unD ich sage es noch einmal:


