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Dienstag, 12. Juli 1927

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)

Nr. 160 Zweites Natt

zeigen scheuen.

zu

Greulich!

Rückt man die Dinge unter diesen Gesichts­winkel. dann gewinnen manche Ereignisse ein an­deres Gesicht. Jetzt müssen die drei Anwärter aus die Ministerpräsidentschaft schwere Nackenschlag einstecken. Baldwin aber geht hin und gleicht dann aus. Selbstverständlich denkt keiner an Neuwahlen. Man wird den Mißbegriff des Herb­stes 1923 nicht noch einmal wiederholen, als man vorzeitig an das Land appellierte. Auch besorgen die Liberalen nur die Geschäfte der Konservati­ven. Ihr Geschrei ist nützlicher als große Der- sarnmlungsreden. Lloyd George erspart den Kon­servativen viel Geld.

Sm Herbst, sagen gut informierte Persönlich­keiten, lomrnt es zu einer Reform des Ka­binetts. Dann geht Baldwin. (Wenn er nicht dennoch oben bleibt.) Die vielumstrittene Ober- hausreform aber sollte als ein Fanal betrachtet werden, das richtunggebend ist. Die Konserva­tiven denken nicht daran, zu kapitulieren. Sie wer­den sich, koste es was es wolle, an der Macht erhalten. Sei es auch durch Derfassungsände- rungen. Das Kabinett Baldwin verkörpert die Diktatur der nationalen Vernunft. Daß es eine Diktatur ist, wird man sich eines Tages nicht

des Wortes in seine berufliche Arbeit zurück. Die sudetendeutsche Landwirtschaft erhält hier junge wertvollste Mitkämpfer am Werke ihres ständischen Aufbaues und seiner Durchsetzung im Volksganzen. Slandgestaltung ist aber Volks- g e it a 11 u n g, denn der Stand ist nur als le­bendiges Glied im Sinnganzen des Volkes ver­ständlich. Die Arbeit einer Baucrnvoltshoch- schule darf mit Recht eine besondere Stellung im Rahmen deutscher Erziehungsmöglichleiten be­anspruchen. Aus ihr erhält das deutsche Bauern­tum im Kerngebiet wie im Grenzlande seine Menschen,die als Ackerbauer schicksalsmäßig eine feste und dauerhafte Ehe mit dem Boden führen müssen, weil allein aus diesem Verhältnisse jene irrationalen Kräfte sprießen, die Völkern und Staaten ein besonderes Leben verleihen." Die Bauernvolkshochschule ist eine Zukunft des deut­schen Bauerntums, bleibt unsere Hoffnung für die lebendige Gestaltung deutschen Schicksals und deutschen Volkes.

Frankfurter Theater.

Anläßlich desSommers der QKufiF brachte die Operettenbühne am Eschenheimer Tor Die Siegerin" von Tschaikowsky zur Aufführung. Sicherlich wäre Peter S. Tschu­kowsky selbst sehr erstaunt gewesen, wenn er sich

Grenzkamps und Bauernvolkshochschule.

Von Wilhelm Zieh.

Die Städte schwanken im ewigen Wandel der Dinge das Land ist unvergänglich, un­wandelbar wie die Gottheit selbst." Dieses Wort Sosef Stollreiters gilt heute ganz beson­ders: im Zeitalter der Technik und der groß­städtischen Entwicklung und Massenballung hat es seinen tiefen Sinn. Die Landflucht ist die Sorge unserer Zeit; unsere Sorge ist es, daß der alteingesessene Bauer seine Scholle verläßt, der Arbeit seiner Vorfahren entfremdet wird, der Stadt zustrebt und dort als Ent­wurzelter untergeht. Untere Sorge ist die Zivilisation, die mehr noch als in der Stadt auf dem Lande bodenständiges Wachstum ver­hindert, die Seele des Landvolkes abtotet und damit Einfachheit und Gediegenheit, Innerlich­keit und Frömmigkeit, überhaupt alle Grund­lagen des Bauerntums zunichte macht.

prophezeien. , .x .

Was aber will man denn an leitender Stelle? Dazu muß man zunächst wissen, daß der Premierminister Baldwin nicht zu ienenLeu­ten gehört, die kraft ihrer Leistung und ihrer Herkunft zu den prädestinierten Anwärtern aus die Ministerpräsidentschaft gehörten. Er hatte unverdienten Beifall bei seinem Schuldenabkom­men mit Amerika geerntet. Wurde solchermaßen Schahkanzler (Vorstufe zum Ministerpräsidenten) und, als Bonar Law plötzlich starb, automatisch Ministerpräsident. Er verspielte seine Stellung im Herbst 1923 durch Veranstaltung von Neu­wahlen gegen den Rat seiner Sachverständigen. Die Partei konnte aber, in die Opposition ge­drängt, nicht den Führer wechseln, ehe nicht Neuwahlen statt gefunden hatten. Man soll die Esel nicht wechseln, ohe man nicht über den Strom ist, bemerkte ein heutigerMachthaber über Baldwins verschlagene Abhalsrung. Lind so wurde Stanley Baldwin, der redliche, fried­liche, rauchende Baldwin, Ministerpräsi­dent der größten konservattven Mehrheit seit 50 Jahren. r _ .

Stanley Baldwin ist Nicht so dumm wie er aussieht und nicht so ehrlich, wie seine Freunde glauben. Er machte Churchill zum Schatz- kanzl^r, den eben aus dem liberalen Lager her­übergewechselten Renegaten. Er machte Cham­berlain und nicht Lord Dirkenheald, früher Mr. Smith, zum Außenminister. Er enttäuschte alle Erwartungen. Er bewährte sich als Men­schenkenner. t . .

Mit dieser Wahl hatte er den einzig ge­fährlichen Gegner, Winston Churchill, festgena­gelt, seinen Freund Birkenhead auf ein scheinbar totes Gleis geschoben, in Wahrheit aber mit der größten Aufgabe betraut, die England heute vor sich sicht, die Beherrschung Asiens. Er selbst Baldwin, nun er ist Ministerpräsi­dent bis heute. Er macht seine Sache schlecht und recht. Er läßt andere Leute im Kabinettsrat sprechen, er selbst hört zu und entscheidet, wenn er weiß, wovon gesprochen wurde.

Sitzen im Bad. das bis zum 30jährigen Krieg die Hauptbeschäftigung der Kurgäste war, ver­trieb man sich überall durch Trinken, Musi­zieren und Spielen die Zeit, wollte damit auch den Schlaf verscheuchen, der im Bade für schäd­lich galt. .

Dabei ging es in jenengrobianischen" Zeit­läuften freilich nicht immer anständig und mäßig zu, und so hören wir viel von der einreihenden Lieppigkeit, gegen die heftige Verbote erlaßen wurden. So wurde das viele Weintrinken und Zutrinken, dem sich auch Dürer bei seinem Bade­aufenthalt in Aachen 1520 nicht entziehen tonnte, untersagt; statt der Schlemmer- und Buhllieder sollten geistliche Badegesänge vorgetragen wer­den. Die Badeordnungen verboten Verunreini­gungen des Wassers, ungebührliches Benehmen im Bad, und es war aus den Standespersvnen ein Badegericht eingesetzt, das schon früh nach der Morgensuppe zusammentrat und halb scherzhaft, halb ernsthaft die Liebeltäter abur­teilte, die dann dem durch die Narrenkappe ausgezeichneten Pritschenmeister übergeben wurden.

Nach dem 30jährigen Krieg hat die alte deutsche Badeherrlichkeit ein Ende. DieMor­gensuppe", die man gemeinsam einnahm und die meistens in Wein bestand, verschwindet ebenso wie das Dadegericht. Ein bürgerlicher Geist macht sich geltend, der auf strenge Ordnung und Sittsamkeit hält, und man sitzt im Morgenbad bei Kaffee, Tee und Schokolade und ißt dazu Konfekt. Auch werden jetzt immer mehr die Trinkkuren statt der Bäder Mode.

Wie es in einem bürgerlichen Kurort des Rokoko zuging, wird in Mosers Schrift über das Wildbad von 1758 eingehend beschrieben Zuerst muh man sich beim Bademeister an» melden, sich von ihm unterrichten lassen und ihm dieDadegeräte" übergeben. Dann macht man den Mitbadegästen fein Kompliment, wünscht ihnen Glück zum Bade und empfängt Gegen­besuche. Des Morgens geht es sofort rns Bad: Alle Mannspersonen erscheinen xm Schlafrock, Aappe Strümpfe und Pantoffeln. Man nimmt sanft nur ein Schnupftuch zum Ab trocknen des Gesichts mit, einige auch die Tabakdose. Frauens­personen pflegen im Mantel, Llnterrock uxck) Hemd ins Badehaus zu gehen. Man wartet fein bis

Aber mit solchem Führer kann die Partei las Rennen bei den nächsten Wahlen nicht ma- chen, obschon Dalbw.n für die breite Masse ein ausgezeichnetes Plakat ist, weil er so gemütlich wirkt. Man braucht mehr. Die beiden Mata­doren im Spiel der Konservativen sind eben Churchill und Birkenhead. Zu nennen wäre auch der sehr besonnene Mr. Bridge­man, erster Zivillord der Admiralität. Geht es daher nicht so wie jetzt, dann muß man sich reor­ganisieren, bzw. Mittel und Wege finden, neues Leben in dir übergroße Mehrheit zu bringen. Vielleicht auch beides. Das Gerede von den Neuwahlen ist zum Teil konservative Pro­paganda, wie man mir von leitender kon­servativer Seite sagte. Auf das gleiche Brett gehört die Liebertreibnng der liberalen Erfolge. Sie sind nämlich nicht nachzuweisen. Seit den letzten Wahlen, Herbst 1924, haben die Liberalen sage und schreibe einen einzigen S ih ge­wonnen. Das ist erbärmlich wenig. Lieberschrift: viel Geschrei und wenig Wolle. Wir werden gelegentlich die Statistik der Neuwahlen behan­deln. Sie ist sehr interessant.

Entscheidender und für uns von Wichtigkeit ist aber die Revolte im Kabinett ge­gen Baldwin, von der die Welt fast nichts erfährt. Bisher waren Churchill und Birken­head brav und friedlich. Nun die Partei vor ernste Zukunftsfragen gestellt wird, werden^ sie rebellisch. Man sieht in ihnen vielfach die künf­tigen Führer. Die Frage ist, wer macht das Rennen? Baldwin ist recht geschickt gewesen. Er besitzt Mutterwitz. Er hat nämlich die beiden Freunde Birkenhead und Churchill höchst gewandt an den Staatskarren gespannt. Churchill mußte das Gewerkschaftsgesetz vertreten, da-s war peinlich, und Lord Birkenhead muß sich mit House of Lords Reform herumschlagen. Auch das ist wenig angenehm. Bridgeman aber macht Llbrüstungskonferenz zur See.

Die Gbesi ausresorm in England.

Don unserem W. v. K.-Korrespondentrn.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Es ist nicht immer leicht, der Versuchung zu widerstehen, sich in die englische Parleipolttik zu mischen. Schließlich geht sie uns sogar etwas an. Es ist nicht gleichgültig, ob Baldwin, ob Lloyd George oder Ramiay Macdonald die eng­lische Polittt leitet. Aber die heute sogar in deut­schen Blättern umstrittene Oberhaus­reform, die Übrigens keine sehr großen Aus­sichten auf Verwirklichung besitzt, ist sicherlich kein Anlaß zu besonderem Interesse, wenn man sie auf ihre besonderen Verdienste untersucht. Es ist rwoifelhaft, ob England das Prinzip einer von Wahlen unabhängigen Kammer jemals aufgeben wird. Das System hat sich be­währt Daß die erste Kammer heute überflüssig erscheint, ist Har. Daß sie in Fällen wirklicher Gefahr keinen Schuh gewährt, ist ebenfalls deut­lich. Aber sie bringt in die Gesehesmacherei ein hemmendes Moment, das in England im Grunde als erwünscht angesehen wird. Man muh daran erinnern, daß die englischen parla­mentarischen Einrichtungen viel mehr der Ver­hinderung von Gesehen als etwa der Schaf­fung neuer dienen. Somit gehört ein Obrnchaus in dies System hinein. Es gibt nicht belfere Mittel, um Gesetze zu sabotieren, als eine solche Einrichtung.

In dem Streit um das Maß dieser Brem­sung liegt das Wesentliche des heutigen Kampfes. Wichtiger als die Meinung der Opposition, be­deutsamer als die Fronde im eigenen Lager ist der Kampf innerhalb des Kabinetts selbst. Man muß sich dabei darüber klar fein, daß es hier nicht um die Sache, nicht mn die Oberhausreform, sondern um Personen- fragen geht. Im Liberalen- und Arbeiterlager beobachtet man diesen Streit in der stillen Hoff­nung, es werde dieserhalb um verfrühte Neu­wahlen kommen. Den Zeitpunkt der Neuwah » len wird die Regierung sicherlich nach ibrem Belieben festsehen. Letzter Termin ist der Herbst 1929 Wie dann die innere Lage Englands be­schaffen ist, wagt auch der Klügste nicht zu

IjöwJÄkMn in alter Zeit.

Die Mode der Badereisen datiert nichts erst aus unserer Zeit, auch schon in früheren Jahr­hunderten wollten nicht nur die, denen es ihr Gesundheitszustand gebot, die Kur gebrauchen, sondern man betrachtete allenthalben dieBaden- fahrf als ein Vergnügen, das sich sogar manche Bräute im Ehevertrag alljährlich als ihr gutes Recht ausbedangen. Daher ist es auch in den Bädern stets lustig zugegangen: man amüsierte sich, so gut man konnte, und schlug nicht selten gehörig über die Stränge. Das Familien­bad ist nichts Neues, sondern bereits im fünf­zehnten Jahrhundert Badeten Männlein und Weiblein zusammen, und ganze Familien liehen sich in den heilbringenden Fluten häuslich nieder, wobei die Kinder viele Stunden mitgenommen wurden. Die erste Schilderung deutschen Bade­lebens, die eine gewisse Berühmtheit erlangt Hat, die des italienischen Humanisten Poggio, der 1417 Baden im Aargau besuchte, malt anmutig diese dem Italiener damals noch fremde Lustbarkeit. Mancher besucht täglich drei bis vier Bäder vnb bringt da den größten Teil des Tages mtt Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tan­zen zu," schreibt er.Nichts aber kann reizen­der zu sehen oder zu hören fein, als wenn eben mannbare oder schon in voller Blüte stehende Jungfrauen, mit dem schönsten offensten Gesicht, an Gestalt und Benehmen Göttinnen gleich, zu ihren Instrumenten singen, ihr leichtes zurück- geworfenes Gewand auf dem Wasser schwimmt, und jede eine neue Venus ist ..

Außer diesen Vergnügungen gab es noch ein« andere von nicht geringem Reiz. Hinter den Höfen, zunächst dem Flusse, liegt nämlich eine große, von vielen Bäumen beschattete Wiese. .Hier kommt nach dem Essen alles zusammen und belustigt sich mit Gesang, Tanz und mancherlei Spielen. Die meisten spielen Ball: aber nicht tote bei uns, sondern Männer und Frauen werfen sich jedes dem, den es am meisten liebt, einen solchen Ball zu. in dem viele Schellen find. Viele andere lustige Ergohlichketten muß ich über­gehen, und kann nur sagen, daß ich glaubte, das sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen wor­den den die Hebräer Gan Eden, d. h. Garten der Wollust nennen. Bei dem stundenlangen

wie mit demDreimäderlhaus": Kapellmeister Josef Klein von der Wiener Staatsoper hat aus den verschiedensten Kompositionen Tschai­kowskys die Musik zurSiegerin" zusammen­gestellt. Das an sich recht wirkungsvolle Libretto haben Oskar Friedm ann-Lunzer und Bela Ienbach der russischen Geschichte ent­lehnt, es behandelt den Aufstieg der nachmaligen Zarin Katharina I. zum Zarenthron. Der erste Att (der weitaus beste) spielt im Feldlager Menschikoffs vor Marienburg. 3m zweiten Akt, da Menschikoff seine im Felde gewonnene Braut Martha in sein Moskauer Palais gebracht hat. streckt Peter der Große die Hand nach der schönen Frau aus, und Menschikoff muß nach verzweifeltem Kampf verzichten. Im drittel Att endlich setzt die inzwischen zur Herzogin Katha­rina von Livland ernannte Martha ihre Trau­ung mit dem Zaren durch; sie bleibt die Siegerin. In einem Anfall von besonderer Bescheidenheit haben die Librettisten und der Bearbeiter (teil­weise ist er selber als Komponist beteiligt) das Werk als musikalische Komödie bezeichnet. Jedoch liehen sich die ersten beiden Akte eher als Spieloper ansprechen, und nur der Schluß wird in etwas der Komödie gerecht. Tschaikowskys echt russisches, ^schwermütiges Klangkolorit und sem genialer Melodienreichtuin kamen bei geschmack- und respektvoller Bearbeitung zu starker Gel­tung. Fritz Kehn er, der musikalische Leiter und Adolf Wiesner, der Regisseur der Aus­führung, tonnten sich in den überaus starken Er­folg des Abends teilen. Charlotte Boern er, eine Sängerin von hoher Gesangskultur, brachte für die Titelrolle eine bestechende Erscheinung vereint mit hervorragenden stimmlichen und dar­stellerischen Fähigkeiten mit GustavIahrbecks Menschikoff war ihr ein vollwertiger Partner dessen gesangliche und darstellerische Gelöstheit überraschte. Der zweite Gast des Abends, Ros et Berndt, war eine flotte Marketenderin: famos der Chef der russißyen Geheimpolizei: Norbert Fels. Gute Typen Karl Reul (General) und H. H. Klüfer (Peter der Große). Die farbeit prächtigen DühnenNlder Hans Mohrs und Ernst Müllers verstärkten den vlnstlMischen Gesamteindruck der ausgezeichneten Aufführung.

I Das Publikum applaudierte lebhaft. uw.

man drantommt, läßt sich vom Bademeister oder der Badefrau ausziehen und steigt pünktlich wie­der heraus, empfichlt sich den Anwesenden unter nochmaliger Anwünschung eines gesegneten Bades und wird dann abgetrocknet."

Eine andere Badeordnung von 1762 teilt den Tag folgendermaßen ein:Morgens von 7 bis 8 Ähr sollen sich sämtliche Badegäste zur Kur im großen Saal einfinden. Die nicht ins Bad gehen, sollen sich bis 10 Llhr ehrbar und beschei­den aufführen und mit etwas NüHlichem beschäf­tigen. 10 bis 12 Llhr ist dem Spaziergang bei schönem Wetter und bei Regen dem Spiel, der Unterhaltung und unschuldigen Belustigungen gewidmet. Von 12 bis 1 geht man zum Mittag­essen, von 1 bis 2 zum Kaffee, von 5 bis 8 Llhr zu einem gemeinsamen Spaziergang, 8 bis 9 Llhr Nachtessen: von 9 bis 11 Llhr wäre der Tag mit einem Chren-Tänzlein oder einer angemesse­nen Ergötzlichkeit zu beschließen. Lim 11 Llhr sollen sich alle und jede ins Bett verfügen und eine allgemeine Stille regieren."

Freilich ging es nicht überall so gesittet und ruhig zu, sondern in den Luxusbädern ent­faltete sich gerade im Rokoko ein üppiges Le­ben. Die meisten Gäste kamen nicht zur Kur, sondern um Bekanntschaften zu machen, um sich dem Glücksspiel zu ergeben und ein flottes Leben zu führen. Die Kleiderpracht artete so aus, vaß man sogar kostbare Dadeuniformen trug, mit denen man dann später zu Hause prahlte. Große Badefeste und Badetheater kamen jetzt auf. Kein Wunder, daß in der Zeit der Rück­kehr zur Natur diese Luxusbäder von den Freun­den und Freundinnen ländlicher Einsamkeit ver­abscheut wurden und man Orte aufsuchte, wo es weder Pianos noch Harfen, weder_ Karossen noch Teppiche, weder Musielin-Dorhänge noch Wachslichter, noch Opern-Doiletten gibt.

(Nordmähren).

Gerade eine Würdigung der letztgenannten, der mährischen Schule in Gillersdorf, hat einen besonderen Reiz, weil hier der geschlossene Cha­rakter einer Landschaft und ihrer bäuerlichen Menschen gm einheitlichsten zum Ausdruck kommt. In lieblicher waldiger Landschaft am Rande des Altvatergebirges im deutschen Sprachgebiet ge­legen vereinigt sie alljährlich Bauernburschen und Bauernmädchen in mehreren Winterkursen, wäh­rend sie im Sommer in die Dörfer wandert und dort kleinere Lehrgänge abhält. Ihre Lern- und Lebensgemeinschaft geht von den Grundgedanken Heimat und Bauerntum aus. Von der täglichen Welt als Mittelpunkt sollen die Schüler die größere Welt sehen. Hier liegen ihre Aufgaben für die Gemeinschaft. Lind von hier aus erwächst das tiefe Verständnis für Stolz und Art des Bauern, für seine Pflichten gegenüber Volk und Staat, für feine Einstellung zu letzten Dingen. Bauer sein, ist letzten Endes gottgewollt. Die Volkshochschule will keine landwirtsa)astliche Fach­schule sein, die etwa landwirtschaftlich-technisches Können vermittelt, die dem Landwirt praktische Erfahrung und die Mittel wissenschaftlicher For­schung an die Hand gibt. Sie will vielmehr dem technischen Können und der rein landwirt­schaftlich betriebsmäßigen Leistung eine see­lisch-geistige Ergänzung bieten, sre will nicht den Landwirt, sie will den bäuerlichen Menschen in seinem echten Heimatbewußtsern und in seiner zähen Schollen treue.

Von diesem Blickpunkt aus werden alle Lehr­gegenstände aus dem Gebiet der Naturwisien- schaften oder dem der Geisteswissenschaften an­gepackt, wird unbeschwert von der Menge des Einzelwissens der Eingang in die Grunderkennt­nis gesucht. Biologie, Gesundheitslehre und all­gemeine Lebenskunde, Gesellschafts- und Dolks- wirtschaftslehre, Staatsbürgerkunde und Ge­schichte, Bauernlehre und Volkskunde bekommen hier einen neuen Sinn und eine vertiefte Be­trachtung, für die der Ausgang immer nut die eigene Welt, der enge häusliche und bäuerliche Bezirk des Dorfes, die Heimat und der eigene Stamm sein kann. Singen und Tanz, Turnen und die vielfachen Wanderungen in die mährische Heimat fügen sich organisch und zwanglos in das Leben der Schule ein. Das Gemeinschaftsleben des Kreises hat seinen eigenen Stil und seine schöpferische Gestaltung im Laufe der Jahre ge­funden. Wer von ihr geht, bleibt dennoch dem Kreis der Schule und ihrem Geiste, bleibt ihrem Wollen und ihrem Ziel verbunden und geht als ein Bauer int besten und natürlichsten Sinne

Verband zur Wahrung der Interessen derKrankenkassen

im Freistaat Hessen.

9-* Am Samstag und Sonntag fand die dies­jährige ordentliche Mitgliederversammlung des Verbandes unter dem Vorsitz des Rechnungs­direktors Harth, Darmstadt, in der alten Nibelungenstadt Worms statt. Die Tagung wurde eröffnet durch eine am Samstagnach­mittag stattfindende geschäftliche Sitzung. In die­ser wurden der Rechnungsabschluß des Ver­bandes sür 1926, sowie der des Erholungsheims zurPost in Jugenheim a. d. B., welches dem Verband gehört, genehmigt. Dabei wurde fest- gestellt, daß sich der Besuch des Erholungs­heimes in dem letzten Jahr wesentlich gehoben hat. Alsdann erstattete der Vorsitzende Harth einen ausführlichen Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr 1926, aus dem zu entnehmen war. daß sich der Verband mit allen, die angeschlosse­nen Krankenkassen angehenden Angelegenheiten eingehend befaßt hat. Der Verband umfaßt z. Z. 72 hessische Krankenkassen. Alsdann folgte die Beratung des Voranschlags des Verban­des für 1928, der in Einnahme und Ausgabe mit 3400 Mark abschlieht. Der Beitrag zum Verband für 1928 erfährt gegen 1927 keine« Veränderung. Eine lange Debatte entspann ach alsdann über den Antrag des Mitgliedes des Verbandsvorstandes, Eugen Hartmann in Worms, der folgenden Antrag gestellt hatte: Lim die für den vollständigen Ausbau des Er­holungsheimesZur Post in Jugenheim an der Bergstraße erforderlichen Mittel zu be­kommen, sollen auf dem Wege der Freiwillig­keit jedem Mitglied der dem Verband ange­hörigen Kassen wöchentlich zwei Reichspfennig mit den Beiträgen zur Krankenkasse in Abzug gebracht werden. Die Verbandskassen haben diese Beiträge einzuziehen und allmonatlich oder nach jeder Hebeperiode dem von dem Derbands- vorstand zu bezeichnenden Bankkonto zu über­weisen. Es wird dabei der Wunsch ausgespro­chen, daß die Arbeitgeber je Woche und Mit­glied einen Pfennig auf gleiche Weise freu­willig zahlen. Der Antrag wurde gegen eins geringe Minderheit angenommen. Ein Antrag auf Satzungsänderung wegen anderweiter Re­gelung der Rechnungsprüfung wurde ebenfalls genehmigt.

Am Sonntagvormittag wurde die Hauptver­sammlung durch den zweiten VerbandsvorsihendüN Seum - Nidda in Anwesenheit von etwa 250 Delegierten mit Degrühungsworten an die er­schienenen Vertreter der Behörden und der nahe­stehenden Organisationen eröffnet. Namens der Stadt Worms und der übrigen Gäste sprach Bür­germeister Metzler-Worms. Unter den Er­schienenen bemerkte man auch den Präsidenten! des Oberversicherungsamtes Darmstadt, Herrn von Krug zu Nidda. Es folgte alsdann cm sehr interessanter Vortrag des geichäftsführendei, Vorstandsmitgliedes des HauptverbandeS der Detriebskrankenkassen in Essen a. d. R.» Hein e- mann, über die Genfer Verhandlun­gen, betreffend das internationale Abkommen über die Krankenversiche­rung auf Grund der internationalen Arbeits-

Hier setzt die Erncuerungsbewegung ein; in dieser Front findet auch das Bauerntum, seiner Art und ständigen Bedeutung wieder bewußt werdend, seinen Platz. Lind was die Volkshoch­schulen Dänemaris Jahrzehnte vor dem Kc.ege bereite an inneren Antrieben ihrem Volke be­schert hatten: das deutsche Volk findet erst all­mählich den Zugang zu solcher vertieften Bil- dungs- und Crneuerungsarbeit. An seinen Gren­zen, etwa in Schleswig-Holstein und int Su­detenland, schlägt die Bewegung in der Form typisch ländlich geprägter Bauernvolks­hochschulen feste Wurzeln.

Wer heute sudetendeutsche Art und Arbeit kennenlernen und studieren will, kann an der deutschen Landwirtschaft in der Tschechoslowakei nicht vorübergehen. Wer aber sudetendeutsches Bauerntum beurteilen und werten will, kann die Erscheinungen der sudetendeutschen Bauern­volkshochschule und ihre Bedeutung nicht außer acht lassen. Lind was anderswo in deutschen Landen als Heimatpflege und Heimatbildung Grundlage solcher Schule sein mag, und was naturgemäß auch im Sudetenland verstärkte Be­deutung hat: hier im Grenzland, im Deutschtum eines fremden Staates erweitert und erhärtet sich diese Bildungsarbeit zur Erziehung harter Grenz­landmenschen, deren Schicksal es ist und sein wird, Vorposten des Deutschtums und Kämpfer für ein deutsches Erbe zu bleiben.

In dieser Richtung arbeiten eine Reche su­detendeutscher Volkshochschulen, die Nordböh­mische Kudlich-Bauernhochschule im Geltsch » bade in Nordböhmen, die Deutsche Bauernhoch­schule für das Saazer Land, die Westböhmische Bauernhochschule und nicht zuletzt die Bauern» vvlkshochschule in Bad Ullersdorf

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