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Nr. 186 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Cberheffen) Donnerstag, fl. August $927

Die Rationalisierung.

Don Dr.-Ing. h.c. Gothein, Reichsminister a. D.

Angestellten- und Arbeiter-Gewerkschaften ebenso wie Handwerker haben in diesen Tagen sorgenvoll über Vie Gefahren beraten, die ihnen aus der fortschreitenden Rationalisierung er- wachsen. Das Handwerk klagt, es würde in ^er Warenherstellung von der rationalisierten Fa­brik ausgeschaltet und auf Reparaturarbeiten beschränkt. Handwerksmäßig liehen sich im Wettbewerb mit dem maschinellen Großbetrieb Schuhe kaum mehr herstellen. Die maschinell arbeitende Grohkonsektion schalte immer weit­gehender das Mahgeschäft aus usw. Das sind freilich alte Klagen, wie sie jeder technische Fortschritt hervorgerufen hat. Dafür hat dieser dem Handwerk neue, früher ungeahnte Ar­beitsfelder namentlich in der Installation von Gas-, Wasser-, Elektrizitäts- und Radio­einrichtungen, in der Reparatur von Auto­mobilen usw. erschlossen, die ihm noch immer einen goldenen Boden bieten. Im wesentlichen kann man beim Handwerk daher nur von einer für viele sicher sehr nachteiligen starken Lim- schichtung reden. Die Zahl der Handwerker ist aber nicht erheblich zurückgegangen, droht es auch kaum durch die jetzt im Gange befindliche Rationalisierung.

Wesentlich schlimmer liegt es für die techni­schen wie für die kaufmännischen An­ge st e l l t e n. Die große Konzentrationsbewegung in der Industrie, wobei die weniger günstig arbeiten­den Werke still gelegt und der Betrieb auf den vor- teilhaftest produzierenden oder absetzenden konzen­triert wird, macht zahllose bisher benötigte technische wie kaufmännische Angestellte überflüssig, bringt sie um ihre Betätigungsniöglichkeit. Für die letzteren wird das noch durch die Syndikate verschärft, die den Berkaus der Erzeugnisse aller in ihnen ver­einigten Unternehmungen besorgen. In Konzer­nen, die auch den gemeinsamen Einkauf organi­siert haben, ist das noch schlimmer. Selbst wer seine Stellung beibehält, verliert die Chance, einen ge­hobenen leitenden Posten zu erreichen. Wird doch deren Zahl immer geringer. Natürlich trifft das den Techniker nicht minder.

Für die Arbeiter liegt es nicht viel besser. Rationalisieren heißt nun einmal mit we­niger menschlicher Arbeitskraft und unter Verwendung von weniger Ma­terial die gleiche oder eine höhere Menge von Waren her st eilen und ab­setzen. Wenn heut kaum mehr ein Fünftel der im Kalisyndikat mit Beteiligungsziffern aus- aeftatteten Förderschächte in Betrieb ist und die Ge­samtförderung nicht höher ist als vorher, so bedeutet das selbst wenn ein Teil der auf den stillgelegten Gruben beschäftigt gewesenen Arbeiter aus den wei­ter betriebenen angesetzt wird, doch eine riesige Verringerung ^der Gesamtbelegschaft und eine Brach­legung der Wirtschaft an den Orten, wo Kaliwerke stillgelegt worden sind. Das zicht natürlich weitere Arbeitslosigkeit nach sich.

In der E i s e n i n d u st r i e hatte sich im August 1926 gegenüber dem September 1925 die Roheisen­erzeugung um 115 000 Tonnen gleich 16 Prozent, je Hochofen sogar um 31 Prozeznt gehoben. Die Zahl der dabei beschäftigten Arbeiter aber von 21000 auf 14 000 gleich 19 Prozent ver­ringert, d i c Tagesleistung auf den Kopf des Arbeiters war also um 3 7 Prozent gestiegen. Bei den Stahl öf en war gleichzeitig die Produktion um 26 Prozent, die Tagesleistung je Arbetter um 44 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten aber um 11 Prozent zurückgegangen. Inzwischen dürfte sich diese Bewegung noch weiter fortgesetzt haben. In der W a l z w c r k s i n d u st r i e hat sich die Rationalisierung in gleicher Weise vollzogen. Ganz ähnlich im Steinkohlenbergbau, in der elektrotechnischen, in der chemischen Industrie usw.

An sich ist es stets als technisch-wirtschaftlicher Fortschritt freudig zu begrüßen, wenn die mensch­liche Arbeit produktiver wird. Aber für die damit arbeitslos Werdenden ist es bitter, schafft scijivere soziale Notstände. Die schwersten, z. B. als durch die Erfindung und Einführung der Spinnmaschine UTtti des mechanischen Webstuhls Hundert­taufende arbeitslos wurden. Aber das war vorüber- gehend. Die enorme Verbilligung, die dieseRatio­nalisierung" im Gefolge hatte, steigerte den Ver­brauch von Textilwaren so ungemein, daß nach we-

Was Liebermann aus seinem Leben erzählt.

Max Liebermann hat kürzlich in dem Vor­wort zu dem Katalog der Jubiläumsausstellung, mit der ihm die Berliner Akademie der Künste huldigt, gesagt, er habe immer der Versuchung, seine Memoiren zu schreiben, widerstanden, weil er es nicht leiden könne, wenn das Persönliche im Leben eines Künst­lers seinem Werk gegenüber zu stark betont werde. Hätte der Meister uns seine Lebenserinnerungen ge­schenkt, so wäre jedenfalls ein ebenso amüsantes wie inhaltlich wichtiges Buch entstanden, denn Lie­bermann ist auch ein Künstler des Wortes, unüber­trefflich in der Erzählung pointierter Geschichten und schlagender Witze; er ist sodann ein tiefer Er- gründer des Wesens der Kunst, der zwar stets theo­retisch das Grübeln über diese Probleme ablehnt, uns aber doch in seinen kunstästhetischen Aufsätzen die wichtigsten Beiträge zum Verständnis des deut­schen Impressionismus geschenkt hat.

In Gesprächen und Aufzeichnungen hat Lieber­mann auch öfters von seinem Leben und seiner Ent­wicklung berichtet, die ja von seiner Kunst nun ein­mal nicht zu trennen sind. So berichtet er in einer autobiographischen Skizze, daß sein Großvater und Vater Kattunfabrikanten in Berlin waren. Von sei­nem Großvater stammt das stadtkundig gewordene Wort, das er bei einer Audienz zu Friedrich Wil­helm III. sprach:Majestät, ich bin derjenige, wel­cher die Engländer vom Kontinent vertrieben hat (nämlich in der Kattunbranche)." Wie so viele große Künstler, war auch der junge Liebermann ein schlech­ter Schüler.Ich absolvierte das Friedrich Wer- dersche Gymnasium", schreibt er.Das Maturitäts- examen bestand ich freilich nur mit Ach und Krach, da ich in der Mathematikungenügend" bekam. Die realen Wissenschaften waren und sind mir ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, und ich konnte mich nur mit der größten Mühe an die Vorstellung gewöhnen, daß die Erde sich drehe. Auch wurde ich nicht wenig geneckt, weil ich als Junge gesagt hatte, » der Mond in der Leipziger Straße am größten (ei. Ich hatte ihn nämlich mal beim Spazierengehen

nigen Jahren die arbeitslos Gewordenen wieder in die Betriebe eingestellt werden konnten. Die E n d - Wirkung war eine wesentliche Der- bessern ng der gesamten Lebenshal­tung. Denn mit der Verringerung der Ausgabe für Kleidung, Bett- und Tischwäsche, konnten die Ausgaben für andere Bedarfsartikel gesteigert wer­den. Aehnliche Wirkungen hat f. Z. die Verdrängung der alten Eisen- und Stahlgewinungsmethoden durch die neuzeitlichen Flußeisenprozesse 'gehabt.

Bei der gegenwärtigen Rationali­sierung sehen wir aber fast überall nur die V e r- drängung von Arbeitskräften, aber keine Verbilligung der Konsumen­ten preise. 9tur die Textil- und Bekleidungs­industrie macht eine rühmliche Ausnahme; hier sind die Preise erheblich unter das Maß dessen herab­gegangen, was das Sinken der Rohstoffpreise nach sich ziehen mußte. Kali- und Stickstoff­preise sind dagegen statt herunter sogar be­trächtlich heraufgesetzt worden, ebenso die Preise für Kunstseide. Die Kohlenpreise haben keine Er­mäßigung erfahren. Die E i s e n p r e i s e bröckeln wohl'fortgesetzt auf dem Weltmarkt ab, im Inland aber werden sie von den Verbänden um 10 bis 15 Prozent, ja, für manche Sorten noch wesentlich höher gehalten. Wo Trusts oder Kartelle den freien Wettbewerb ausschließen, wo gar noch Zölle die ausländisci)e Ware fernhalten, wird der Preis eben hochgehalten, wird die verbilligende Wirkung der Rationalisierung aufgehoben werden.

Eine Rationalisierung, die nur der Kapitalrente und dem Unternehmergewinn zugute kommt, hat aber ihren Beruf verfehlt, wirkt gemeinfchädlich. Ge­wiß ist für uns auch die Neubildung von Kapital ein dringendes Erfordernis. Sie darf jedoch bei der Ra­tionalisierung nicht einseitig auf Kosten der Ver­braucher und der aus dem Produktions- und Der- teilungsprozcß ausgeschalteten Arbeitskräfte gehen. Nur indem sie den Verbrauch durch weitestgehende Verbilligung belebt, vermag sie die Wunden zu heilen, die sie schlägt. Unsere Trust- und Kartell­leitungen sollten sich auch klar werden, daß die Ver­mehrung der Arbeitslosenzahl, ja auch schon ihre Erhaltung auf ungesunder Höhe den Abbau von Steuer- und Soziallasten verhindert lind damit auch die Selbstkosten von Produktion und Verteilung aufs schwerste belastet, uns weitgehend wettbewerbsun­fähig auf den Auslandsmärkten macht, während die Steigerung unserer Ausfuhr auf Vorkriegshöhe un­sere Arbeitslosigkeit verschwinden machen würde.

Das sollten sich auch die Kartelle der Ar­beitnehmer die Gewerkschaften aller Art sagen, die mit Lohnforderungen ebenfalls die Sen­kung des Preisniveaus verhindern, die Arbeitslosig­keit vermehren. Freilich werden sie zu solcher Hal­tung durch die Preispolitik der Unternehmerkarlelle angereizt. Die öffentliche Meinung aber sollte Front machen gegen eine Politik, die auf Steigerung der Preise und Löhne ausgeht, die ein Holzweg ist, der uns in den Sumpf führt.

ErmnermMahrt durch Galizien.

Don unserem Ick-Sonberberichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Kattowih, Ende Juli 1927.

Das weiträumige Galizien ist ein wenig be­kanntes uird bereistes Land, was auf den ersten Blick um so verwunderlicher erscheint, wenn man bedenlt, daß es unverhältnismäßig reich von der Ratur mit Bodenschätzen und land­schaftlichen Reizen ausgestattet ist. Sin wesent­licher Grund dafür, daß nur selten ein Fremder mit Land und Leuten durch persönlichen Augen­schein in Berührung kommen kann, liegt an der politischen Struktur, doch auch nicht minder an den oft mangelhaften Wegeverhältnissen, die das Reisen nicht zu einem Vergnügen ge­stalten.

Wenn man aus dem oberschlesischen In­dustrierevier kommt, ist das Auge entzückt von der natürlichen Anmut und Lieblichkeit der am Horizont sich klar abhebenden Gipfel der West­beskiden. Von eigener Schönheit ist der steile Gebirgsweg, der von dem bekannten polnischen Badeort Zakopane lenttang der tschechoslowaki­schen Grenze an den Fuß der Hohen Tatra führt, die sich in dem dunkelgrünenMorskie Oko" (Meeresauge) spiegelt. Die einsame Maje­stät der Karpathen mit ihren kahlen, steil abstürzenden Kluften wird abgelöst von dem breiten, von unermeßlich tiefen Wäldern ein­gefaßten Dunajectal, wenn man sich in nordöstlicher Richtung Rowh Sacz nähert. Auf dem breiten Flußbett sind zahlreiche Holzflöße zu sehen, welche die Schiffer vermittels selbst­gemachten Steuers flußabwärts der Weichsel zuführen. Weiße Bergschafe kleben wie niedliche Nippsachen -an den steilen Flußufern und drohen, jeden Augenblick viele Meter tief hinabzustürzen. Verfolgt man weiter den Weg auf den alten' österreichischen Heerstraßen aus der Zeit der Maria Theresia nach Osten, so kommt man an vielen Raphthabohrtürmen vorbei, die in 'einem großen Halbbogen von Gorlice in Richtung Zmigrod aufgestellt sind.

Wehmütige Erinnerungen tauchen in der Brust jedes alten Soldaten auf, wenn er die zahlreichen Friedhöfe mit den gefallenen deut­schen, österreichischen und russischen Helden aus der großen Durchbruch sschlacht von Gorlice aus dem Jahre 1915 nach 12Jahren wieder erblickt. Die aus den umliegenden Gar­nisonen gerade bei einer Felddienstübung ver­sammelten polnischen Truppenverbände erinnern an die Gegenwart. And bei dem Anblick des übenden Militärs in nächster Rähe der Solda­tengräber auf den Schlachtfeldern von Gorlice und Przemhsl ist es schwer, ein schmerzliches

Lächeln über die pazifistischen Reden militärisch gerüsteter Staatsmänner zu unterdrücken.

Von der Landstraße aus gesehen, sind die Holzhäuser der Bewohner Galiziens fast alle gleichmäßig gebaut. Ein steinerner Unterbau, daraus das Holzhaus, das von einem strohverwit­terten Dache überdeckt wird. Der äußere Ein­druck ist ärmlich. Roch ärmlicher ist jedoch das Innere dieser Häuser, die fast nie mehr als zwei Stuben aufzuweisen haben. Um so reicher ist die Kinderzahl. Fast jede Familie be­steht aus 8 bis 10 Köpfen und mehr. Die Klei­dung ist entsprechend ärmlich und teilweise sehr vernachlässigt. Oestlich des San, wo ausschließlich Ukrainer wohnen, besteht die Behausung aus einem großen Wohnraum, in dessen Mitte ein breiter Ofen steht, der oft gleichzeitig als Schlaf­stelle dient, denn genügend Betten für die zahl­reiche Kinderschar sucht im Innern der Stube das Auge vergeblich. Gleich nebenan, nur durch eine dünne Bretterwand getrennt, haust das wenige Vieh und durch eine weitere Bretterwand ab- getrennt, ist bann unter demselben Dach die Scheune" untergebracht. Es liegt auf der Hand, daß ein im Dorf entstehender Brand eine ver­nichtende Wirkung haben muh, wie die Erfahrung auch des öfteren gezeigt hat.

Der äußere Eindruck der galizischen Ort­schaften ist von armseliger Eintönigkeit. Um einen mehr ober weniger großen Marktplatz mit der typischen orthodoxen Kirche gruppieren sich die Derkctufsläden. Wenige Straßen mit fast ausnahmslos reparaturbedürftigen und fast über­wiegend baufälligen Häusern versanden irgend­wann und irgendwo auf den endlos gradlinigen Landstraßen. Gardinen sucht das Auge an den meisten Fenstern vergeblich. In Anbetracht des bei Regcnwetter auf der Straße herrschenden Schmutzes ist es verständlich, daß auch die Frauen hochschäftige Stiefel tragen. Oft kann man Kin­der antreffen, die außer ihrer ukrainischen weder die polnische, noch eine andere Sprache verstehen. Daß viele Jungens und Mädchen von 15 Jahren und darüber kein Wort lesen und schreiben können, erscheint weniger verwunderlich, da auch ihre Eltern zum großen Teil dieseKunst" gar nicht oder nur mangelhaft beherrschen.

Angesichts der angedeuteten Verhältnisse fragt man sich unwillkürlich, ob Galizien die Be­wohner hat, die es verdient. Zweifellos ist das Land an unerschlossenen Naturschätzen reich und seine Bevölkerung außerordentlich arm. Eine Fahrt durch dieses Gebiet zeigt, daß wir Wand an Wand mit einer Kultur wohnen, die auf einem wesentlich anders gearteten Wirt­schafts- und Weltanschauungsniveau lebt, deren

in der Leipziger Straße als riesige Scheibe am Him­mel gesehen. In wissenschaftlichen Dingen verstehe ich nur die demonstratio ad oculos. Ucberhaupt be­schäftige ich mich viel lieber als mit spekulativen Dingen mit manuellen.

Auf den Fabriken meines Vaters in Schlesien, wo wir die großen Sommerferien alljährlich ver­lebten, hatte es mir die Modelltischlerei besonders angetan, so daß mir in einer Bodenkammer unseres Berliner Hauses eine vollständige Tischlerwerkstatt eingerichtet wurde. Auch jetzt noch habe id) Hand­werkszeug im Atelier. Natürlich habe ich von Jugend an gezeichnet, und zwar, was ich sah. Fünfzehn­jährig, mit dem Reifezeugnis zum einjährigen Mili­tärdienst, wollte ich Maler werden; ich glaube, be­sonders, um der Schule zu entwischen. Sie war mir ein Greuel, und noch heute ist mein schwerster Traum, ich sei noch auf dem Gymnasium. Mein Vater aber bestand bei ims drei Brüdern darauf, daß wir das Abiturientenexamen machen müßten, bevor wir uns für einen Beruf entschieden; bei mir wohl mit dem ganz natürlichen Nebengedanken, daß ich, erst einmal auf der Universität, von selbst meine Absicht, Maler zu werden, aufgeben würde."

Schon auf der Schule hatte Liebermann bei S t e f f e ck, der damals in Berlin den größten Ruf als Lehrer genoß, Zeichenunterricht genommen, war aber damit nicht weit gekommen. Als er nun als junger Student öfters im Tiergarten spazieren ritt, traf er Steffeck, der ein ebenso vorzüglicher Reiter wie ein guter Pferdemaler war:Er forderte mich auf. In sein Atelier zu kommen und ein Pferd, das er zu porträtieren hatte, mitzumalen. Zum erstenmal hatte ich Pinsel und Palette in der Hand. Der Ver- such fiel nach Steffeck- Meinung überaus günstig aus, und ich war Maler geworden." Als 21jäh- riger kam er als Kunstschüler nach Weimar, erregte aber dort weniger Aufsehen durch seine Bilder als durch seinen Rassekopf, der ihn zu einem beliebten Modell machte. Sein Lehrer Pauwels sah sich seine Arbeiten kaum an, sondern meinte sofort zu ihm:Sie haben einen guten Kopf, Sie müssen mir für ein Bild stehen." Nicht lange danach wollte ihn auch Thumann als Modell haben, so daß es Liebermann bald zu viel wurde.

Mit seiner Kunst erregte er zum erstenmal all­gemeines Aussehen, als seineGänserupferinnen" ausgestellt wurden. Sogar Menzel erkundigte sich nach Dem Manne, derdas ausgezeichnete Bild mit den alten Frauen" gemalt habe. Er sagte dann dem alten Lepke, bei dem das Bild zu sehen war, der junge Mann solle ihn gelegentlich besuchen. Als Lie­bermann, beglückt über diese Auszeichnung, bei ihm erschien, empfing ihn der alte Meister mit den Worten:Wissen Sie, das Bild sollte man Ihnen um die Ohren schlagen! Das ist ja viel zu gut für einen jungen Mann von 25 Jahren. So etwas macht man mit 50!" Er meinte, daß diese früh erlangte Kunstfertigkeit den Künstler zur Veräußerlichung führen könne.

Als Liebermann dann nach dem Kriege nach Paris kam, machten dieGänserupferinnen" auch dort starken Eindruck, und der Maler B o n n a t sagte zu ihm:Bringen Sie das Opfer, sich nahira- lisieren zu lassen, und Sie werden einer der Unfrigen werden." Der allgemeine Sturm gegen Liebermanns Kunst, der solange angehalten hat, setzte aber erst mit der Ausstellung feinesChristus unter den Schriftgelehrten" in München ein. Man sprach von dem Werk so verächtlich, daß Liebermanns Mutter sagte, sie schäme sich geradezu, über die Straße zu gehen. Liebermann hat diese Verachtung seines Schaffens schwerer ertragen, als man ihm anmerkte.

Erst später erkannte er, wie naturnotwendig die­ses mangelnde Verständnis seinen der Zeit voraus­eilenden Arbeiten gegenüber war.Wie ich die Gänserupferinnen" machte," sagte er einmal,da hielt man mich geradezu für blödsinnig. Als ich bann zehn Jahre später das Schusterbild gab und ähnliche Sachen, da sagte Pietsch:Früher hat der Lie­bermann doch wenigstens technisch was gekonnt, jetzt ist er ganz verludert." Und als dieNetzflickerinnen" tarnen, da hatte ich erst recht alle gegen mich, und selbst Menzel war entrüstet." Unentwegt aber hat er weitergearbeitet mit jener echten handwerklichen Ge­sinnung, die die Grundlage aller großen Kunst ist, und sich nicht beirren lassen.Ich bin in meinen Lebensgewohnheiten der vollkommenste Bourgois: ich esse, trinke, schlafe, gehe spazieren und arbeite mit der Regelmäßigkeit einer Turmuhr", hat er einmal gesagt. Stets hat er nur auf die Güte des

Verhältnis zum Staate, zur Wirtschaft, zur Fa­milie und zur Kirche grundverschieden ist.

Der natürliche Reichtum Galiziens ist zu bekannt, als daß darüber ein Wort zu ver­lieren wäre. Billige Arbeitskräfte gibt es massenhaft im Lande. Die zahlreichen Kinder­scharen fast vor jedem Hause sind ein Beweis für die einzige Landesindustrie, die in voller, kon­kurrenzloser Blüte steht. Wieviel Kapital könnte sich der polnische Staat selbst schaffen, wenn er Blut in den toten Wirtschaftskörper hineinpumpen würde. Es berührt geradezu ver­zweifelt armselig, in welch primitiver Art das Holz im Lande bearbeitet und fuhrenweise ui die weit entfernte Stadt gefahren wird, wobei an Markttagen die ganze Familie mit dem Wagen mitpilgert, bei einem Derkaussobjekt von wenigen Zloty. Primitiv ist die L a n d b e st e l - 1 u n g. Die wenigen Landwirte, die auf dem Acker zu sehen sind, bewegen sich in einem fast bis auf die Erde herabreichenden Pelz. Roch primi­tiver ist die Viehzucht. Männer im besten Alterarbeiten", indem sie oft nur einer Kuh oder ein paar Schafen ober Gänsen beim Fressen den ganzen Tag über auf der Weide zusehen. Für jeden westlich kultivierten Menschen drängt sich angesichts dieser Eindrücke mit geradezu elementarer Eindringlichkeit die Frage auf. wes­halb diese Menschenkräfte nicht herangebildet und zu hochwertiger Arbeit emporgezüchtet wer­den, um wertvolle Arbeit zu leisten, die letzten Endes der ganzen Ratton zugute kommen würde. Freilich würde damit gleichzeitig die sogenannte Aufklärung" unter das Volk kommen. Das not­wendige ausländische Kapital erfordert poli­tische Konzessionen, wie die augenblick­lichen Verhandlungen mit den angelsächsischen Geldgebern beweisen, die Kirche könnte in ihrer absoluten Stellung bei der urteilsschwachen Land­bevölkerung zurückgedrängt werden, kurz und gut: die politischen Gegengründe mögen st ä r k e r fein als die wirtschaftlichen Forderungen des Landes.

Die Naphtha - und Holzgewinnung ist so unrationell eingerichtet, daß Polen seine Konkurrenz, die es auf Grund seiner Boden­schätze auf dem Weltmarkt ausüben könnte, selbst ausschaltet. Die hohen Transportkosten, die teure Vorf rächt, der zeitraubende, schwer­fällige und verteuernde Zwischenhandel ver­nichten die Konkurrenzmöglichkeit, welche die primitive Produktion mit Hilfe von billigen Arbeitskräften geschaffen hat.

Kürzlich wurde von einem einsichtigen pol­nischen Politiker Ostoberschlesien daspolnische Elsaß" genannt. Es scheint fast, daß Galizien mit feinen mehreren Rkillionen Ukrainern nech ein weiterer schwer verdaulicher Kieselstein ist. Zweifellos ist auch unter österreichischer Herrschaft dieser Landesteil sehr vernachlässigt worden und es hat den Anschein, als ob eine bewußte dilatorische Behandlung Galiziens von polnischer Seite fortgesetzt wird.

Die hier mitgeteilten Eindrücke sollen weder anklagen, noch entschuldigen, sondern lebiglid) feststellen, was ist. Man müßte aUerdings außer­ordentlich optimistisch ober arrogant sein, um zu glauben, daß jetzt das Vernünftige, das Not­wendige und das polittsch Klügere getan wird. Lins scheint, daß das Problem Galizien nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck für Personen bzw. politische Parteien war und bleiben wird.

Raymond Poincare.

Don unserem ständigen Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Paris, Anfang August 1927.

Es sind gerade vierzig Jahre her, daß Bar-le- Duc den jungen Generalrat Raymond Poin - car( in das Palais Bourbon entsandte, das dem republikanischen Deputierten in verhältnis­mäßig jungen Jahren zum Sprungbrett für die höchsten Qlemter Frankreichs wurde. Nicht poli­tischer Ehrgeiz, sondern verwandtschaftliche Be­ziehungen und die zwei Jahre vor der orbent* lichen Legislaturperiode leeren Wahlkassen des Departements führten Poincare auf den Weg, den er zu Segen und Linsegen seines Volles bis auf den heutigen Tag weiterging. Die Geschichte wäre wohl einen anderen Weg gegangen, wenn Poincare seinen ursprünglichen Neigungen fol­gend die militärische Karriere eingeschlagen, die Rechtsprofessur erstrebt oder sich dem Finanzfach

Werkes geachtet und nie auf die Richtung nach einem seiner humorvoll tiefsinnigen Worte:Die alte Rich­tung ist gut, wenn sie gut ist, und die neue Richtung ist gut, wenn sie alt ist."

Szene im Löwenkäfig.

Im Budapester Zirkus hat sich ein unge­wöhnlich spannender Auftritt zugetragen. Dort tritt allabendlich der Dompteur Labero auf, der auch in Deutschland bekannt ist. Sein Trick be­steht darin, daß er Löwen, Tiger und anderes Getter durch Blick und Gestehypnotisiert", so daß die Bestien ihm gegenüber machtlos scheinen. Nachdem er dies einige Abende erfolgreich voll­bracht, glaubte auch der Budapester Kunsthändler Laudon dem Hypnotiseur hinter seine Schliche gekommen zu sein, und er erbot sich, einmal La- bervs Nolle durchzuführen. Labero schlug etwas anderes vor: Wenn Laudon Mut beweisen wolle, möge er mit ihm zusammen eine Flasche Sekt im Löwenkäsig trinken. Diese Wette kam zum Austrag. Laudon wollte zunächst die Löwen, die eben Gefüttert waren, etwas besänftigen und streckte nach Laberos Beispiel den Arm durch das Gitter, um sich mit den Tieren anzusreun- ben. Aber die bewiesen für das Entgegenkom­men gar kein Verständnis, sprangen zu und brachten dem Vorwitzigen mehrere Pranken­schläge bei, die glücklicherweise nur Fleisch- wunden hervorbrachten. Ein Arzt legte einen Nvtverband an. Nun handelte es sich aber um den eigentlichen Austrag der Wette: die Flasche Sekt im Käfig zu leeren. Auch hierzu verstand sich der tapfere Kunsthändler, wenn auch viel­leicht nicht leichten Herzens. Jedenfalls hat er mit Labero den Sekt getrunken, während die Löwen gereizt umhersaßen und die Zecher un­freundlich anknurrten. In der Folge verlief nun alles glücklich: beide kamen unbehelligt aus dem Käsig, der Kunsthändler hatte seine Wette ge­wonnen und ging zur Erholung und zur Hei­lung ins Krankenhaus, wo er sich einige Tage wird aufhalten müssen.