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Nr. 59 Zweites Mail

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbcrhehcn)

z.euag, (i. März (927

Die Kulissen von Genf.

Bon unserem t>. Ä.»6ont>ctberid)tct ft alter. 'Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Senf, 9. März 1927.

Grauer Kältenebel über der KonferenzstaDt. die mie unfreundlicher Feuchtigkeit ihre Gäste empfängt. See und weih beschämte Berge sind von Wolken verdeckt. ab und zu ein Regenschauer es ist kälter als in Berlin. Die Wollenlulisse »erbedt die Natur, so wie die DertraulichkeitS- kulisfe die Politik verbirgt Aber hinter diesen Kulissen von Genf geht doch allerlei vor An­fangs halte es den Anschein, als ob diese Ta- flung. übrigens dereitS die 41 des Bölkerbunds- rate#, nur im Rahmen des bereits so oft ge­übten Genfer Diplomatenverkehrs und nichts- fagenden Diplomatengesprächs sich ablpielen werde. Und wie draußen in der Ratur die kühle BorsrnhlinaSstimmung allen Konturen etwas iln- sicheres, allen Farben eine starke Dämpfung gibt und den Eindruck erweckt, als ob sich diese graue Stadt, die diesmal so enttäuschte, nur aus ge­faxte Gleichgültigkeit eingestellt hätte, so schien auch bei den Genfer Gästen dieses Gefühl der Lethargie zu Überwiegen. DaS Drillantseuerwerk. das am ersten Tage der Vertreter der rumäni­schen Regierung, Herr Titulescu. dazu verwandte, um das Vorgehen seiner Regierung bei der will­kürlichen. entlchädlgungslosen Enteignung in Siebenbürgen zu rechtfertigen, war ebenfalls nicht dazu angetan, erwärmend zu wirken. Auch die Verhandlungen über die oberschlesischen Minder- heitSfchulen ergaben keine besonderen Sensationen, da ja zunächst die Angelegenheit selbst der mehr oder minder sachlichen Behandlung eines Gut- achtcrausschusses anvertraut wurde. 3m übrigen «st hier ja der deutsche Rechtsanspruch so klar, daß ihn niemand in Gens bezweifelt mit Aus­nahme der Polen selbst. Aber die Möglichkeit liegt vor, daß man im Völkerbund sich einfach über den Rechtsstandpunkt hinwegseht und be­hauptet. daß es darauf gar nicht so sehr an- komme, sondern das) hier die allgemeine Wirkung ausschlaggebend fei; da die Wirkung für Polen aber ungünstig fei. müsse Deutschland eben sich nlS der Klügere erweisen und nachgeben.

®erüd)te tauchten in dieser Atmosphäre auf, die der ganzen Unsicherheit und Nervosität der Stimmung bezeichnenden Ausdruck geben. Gewiß bedeutete die Mitteilung Herrn Scialojas über die von Italien vollzogene Ratifizierung des Beffarabischen Adlommens etwas Ungewöhn­liches. Sie entspricht durchaus der Linienführung der neuitalienischen Politik Mussolinis, demon­strativ zu wirken. Kaum hatte diese Mitteilung über einen Vorgang von allergrößter weltpoliti­scher Bedeutung in Gens Verbreitung gesunden, so begann auch schon die Arbeit der Sensations­macher. So wurde als selbstverständlich verbreitet, dah Herr Chamberlain noch in dieser Woche in Gens einen Bund europäischer Staaten gegen Rußland zu gründen beabsichtige. Man suchte bereits festzustellen, welches Angebot und Gegen­angebot bei diesem Handel vor allem für Deutsch­land in Betracht käme. Aber selbst wenn Herr Chamberlain in den Besprechungen mit Dr. 6trefc- mann die englische Anschauung über die gegen- ©artige weltpolitische Lage ausführlich zur Dar­stellung gebracht hat, was ja als durchaus ge­geben betrachtet werden kann, so würde es doch al# Unterbewertung der europäischen Diplomatie unzuschen fein, wenn man annehmen wollte, daß hierbei der englische Außenminister irgend© üche positiven Vorschläge, besonders in der Richtung einer deutsch-polnischen Aussöhnung unterbreitet hätte. Aber Gerüchte pflegen in Gens eben an der Tagesordnung zu fein, wenn zwei Minister allein miteinander konferieren. Man wird sich bei diesen ersten Zusammenkünften jedenfalls auch über die Möglichkeiten der nächsten Zukunft aus- gefprochen haben, die für Deutschland unbedingt doch eine weitere Einlösung des Locamv-Der' fprechens bringen muß. Dabei wird dann der deutsche Außenminister auch nicht verfehlt haben, auf die Möglichkeit hinzu weisen, daß wir in etwa zwei Monaten auf Grund von Artikel 431 des Versailler Vertrages die vorzeitige Räu­mung der zweiten und Dritten Zone verlangen werdcm. Herr Chamberlain, der auch bei der Räumung ein Wort mitzufprechen hat. dürste auftragsgemäß an Herrn Briand diese Ankündi­gung weitergegeben haben, und Herr Briand

Zweites Vaterland.

von Ulbert f). Rausch.

IV.

Neapel.

Von hundert Menschen, die von Rom nach Neapel reisen, wissen noch keine zehn, daß sie eine Grenze überschreiten. Natürlich' Neapel ist feit der Gründung des italienischen Königreiches eine Stadt im Staate, wie jede andere, und seine Jtalian.ti ist unbestreitbar Es gibt sogar Leute, die behaupten, in Neapel beginne erst das eigent­liche Italien: aber das sind gerade Diejenigen, welche für den Hauch einer plötzlich veränderten Welt empsindlich sind und diese Empfindsamkeit ko ausdrücken, wie es ihrer vom italienischen Norden enttäuschten Sehnsucht entspricht. In Wirklichkeit aber ist es eher so. daß gerade das. was heute Italien ausmacht. in Neapel aushört. Denn mit dieser Stadt tritt eine geschichtlich bedingte Wirklichkeit von so unentwirrbarer Mi­schung dem Besucher entgegen, daß jedes Der­gleichen mit anderen Städten sich von selbst ver­bietet. Neapel ist uralte griechische Siedlung, wie schon fein Name bezeugt. Man führt feine Gründung bis in das achte Jahrhundert vor Christus zurück und nimmt an. daß die euböifche Siedlung Kvme eine Niederlassung schuf. Der sie den Namen Der Sirene Parthenvve gab Sine zweite Gründung Neapolis. das ist: Die neue Stadt schloß sich im fünften Jahrhundert an, und das inzwischen zerstörte Parthenope wurde als Palaiopolis. das heißt: die alte Stadt, wieder aufgebaut. Die beiden Städte bestanden wahrscheinlich getrennt nebeneinander und wurden erst nach der Eroberung von Palaiopolis durch die Römer <326 v. Eh.« vereinigt. Die Kriege gegen PyrrhuS und die Karthager sanden Neapel auf feiten Der Römer. In Den späteren Jahr­hunderten bis in die Kaiierzeit. wurde Die StaDt Der Lieblingsaufenthalt Der römischen Aristo­kratie. nicht zum mindesten, weil es feinen griechi­schen Charakter auch Die griechische Sprache bewahrt hatte und damit eine Lust aueftrömtc. Die an Beweglichkeit. Sinnlichkeit und Feinheit

feinerfeits wird etwas beunruh g: dieser ganzen Entwicklung gegcnüberstehen. tpcil er eben cm- sehen muß Daß die Räumung nicht »ehr Der einzige große Wertgegenstand ist. für Den Frank­reich alles, aber auch alle- forDetn kann. Von Dieser Unruhe Dürfte ihn auch nicht Die Versiche­rung Der deutschen Delegation befreit haben, daß im Augenblick für Genf deutscherseits kein weiteres Aktivprogramm vorliegt da er bei Dem Ganzen Dann noch immer nicht weiß, was England in Der RäumungSsragc zu tun beabsichtigt

Herr Briand ist anscheinend stark nervös, was vielleicht mit darauf zurückzusühren ist. daß er körperlich nicht ganz auf der Höhe ift: wohl aber auch Darin seine Ursache ha daß feine Position gegenüber Herrn Pvinca, reichlich un­sicher geworden ist. Man erzählt sich, daß Briand. als et am Dienstag von Der Anerkennung des rumänischen Anspruchs auf Bessarabien durch Italien erfuhr, die Aeußerung getan hat. Cham­berlain wirft mit Steinen nach Moskau. Offenbar erkennt Der kluge Politiker Die weitreichenden Wirkungen dieses neuen englisch-italienischen Engagements, sieht Die neue Zielsetzung voraus. Die der gesamteuropäischen Initiative sowohl in Richtung auf DaS Mittelmeer, wie auf Den nahen und fernen Osten gegeben worden ist. Und Das läßt in ihm Befürchtungen auf tauchen. Die in Frankreich bereits laut wurden, als im Herbst vorigen Jahres zwischen Ventimiglia und Men- tone auf einmal Drahtverhaue errichtet wurden, und Die stillen Täler Der Seealpen sich plötzlich hüben und Drüben mit militärischem Leben füll­

ten Herr Briand ist nachdenllich geworden. Gar so viele Rückversicherungen Der französisch-euro­päischen Politik, wie Die Kleine Entente und das Polenbündnis zerfallen in nichts'

Wenn man auch nur als interessierter Be­obachter einiges aus Den Unterhaltungen Der Genfer Gäste heraushören will. Io tritt immer wieder zu Tage, daß Die Aussichten für Den Frieden auch in dieser von mildem Pazisismus crfülltcn Athmofphäre rings um den Reforma­tionssaal nicht allzu hoch mehr bewertet werden. Nach wie vor bleibt Die Stimmung zwischen Frankreich und Italien bitterböse. Ja. man weiß nicht einmal genau, ob Frankreich das Inkraft­treten des von ihm selbst in einer anderen Si- luativn gebilligten Befsarabifchen Garantiever- trages Io besonders begrüßt. Rumänien ist in Den italienischen Ring gegen Jugoslawen ein- bezogen worben. Das ist Italiens einer Vorteil. Der anDcrc Dürfte der englische Kaufpreis für Die Garantie fein. Der gewiß nicht billig war.

So sammeln sich in Gens hinter Den Kulissen einer scheinbar ebenso reichhaltigen wie uninter­essanten Tagesordnung politische Spannungen. Die nach Entladung suchen

Was alles mag sich ereignet haben wenn Der Hohe Rat Des Völlerbundes seine längst fällige Tagung in Berlin abhält, in Der deutschen Reich-.Hauptstadt. die durch Englands Interesse an allem, was gegen Rußland mobil gemacht werden könnte, plötzlich zu politischer Bedeutung gekommen ist?

Deutscher Luftverkehr 1927.

Weiterer Ausbau des Flugnetzes. Berlin Rom in 14 Stunden. Die neuen Riesenflugzeuge. - Rachtflugverkehr auch nach West- und Süddeutschland.

Von Dr. Heinrich Winterberg.

Das Nest des deutschen Luftverkehrs, welch letz­terer bekanntlich während der Wintermonate nur in wesentlich eingeschränktem Umfang aufrechter­halten wurde, wird bei der Wiederaufnahme des Vollbetriebes im Frühjahr eine wesentliche E r Weiterung erfahren. In den letzten Wochen ist durch Den Abschluß eines Vertrages zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei eine Luftvcr binDung zwischen Berlin und Prag, die nach Wien weiterführt, vereinbart worden, und zwar will die Deutsche Lufthansa den Verkehr auf dieser Strecke bereits am 7. März erössnen. Am 14. März folgt die Aufnahme des Luftverkehrs aus der Linie Leipzig Chemnitz Prag und mit Be­ginn des oommerflugplans (der voraussichtlich am 19. April in Käst tritt) wird Bremen Ausgangs­punkt der Strecke fein, die dann über Hannover, Leipzig, Chemnitz und Prag bis Wien reichen wird. Cbenso wird von Gleiwitz (O. S.) aus eine Luft­linie über Brünn nach Wien führen. Mit Cinfüh- rung des Sommerflugplans wird es möglich sein, von M a Im ö aus (mit Anschluß an den Stock- bolmer Nachtschnellzug) an einem einzigen Tage über Kopenhagen nach Berlin bis Wien zu flie­gen. Besondere Bedeutung kommt Der neuen

Luftlinie BerlinRom

zu, Die aUcrDings mit Rücksicht auf Die Schwierig­keiten Der Alpenüberfliegung (Strecke Münck)en MailanD) nur provisorischen Charakter trägt. Die VerhanDlungen zur Schaffung dieser Luftstrecke haben feit Der ersten Fühlungnahme anläßlich der Mailänder Messe etwa ein Jahr geDaucrt und sinD in Dezember 11*26 endlich zu einem befriedigenden Abschluß geführt worden. Cs ist vorgesehen, daß Das Flugzeug morgens 5.30 Uhr in Berlin startet, so Daß^Der Fluggast abends 7.30 Uhr in Rom ein­trifft. Statt 36 Stunden Eisenbahnfahrt wird also Rom (von Berlin aus) in 14 Stunden erreich bar fein. Während Der Verkehr BerlinMünchen ausschließlich in deutschen, der Verkehr Mailand- Rom ausschließlich in italienischen Händen liegt, wird Die Strecke MünchenMailand gemeinsam be­trieben werden. Ob bereits in diesem Jahre die Ein­richtung einer Flugstrecke BerlinM a D r i b (mit Zwischenstationen in Basel, Genf, Marseille und Barcelona) Durchführbar ist, steht noch nicht fest. Jedenfalls wird es, falls die Strecke eingerichtet wird, möglich fein.

Madrid in 21 Stunden

zu erreichen. Für den deutsch-f ch w e d i s ch e n Luft­verkehr ist bedeutungsvoll, daß zwischen Breslau und Stettin eine direkte Verbindung geschaffen werden soll und daß im Anschluß an die Strecke Stettin KalmarStockholm noch Die neue Linie Danzig Kalmar (Schweden) beflogen wird. Während Der Hochsommermonate wirD außerDcm noch eine Strecke von Stettin über Göteborg nach Oslo ein­gerichtet. Die Linie BerlinA m ft e r D a in Wan- Don wird in diesem Jahr, Da Die an Diesem Dienst beteiligten englischen Maschinen nunmehr ausschei Den, ausschließlich von Deutschen Flugzeugen beDient werben. Für ben öst 1 ichen Flugbienst ist bebeu tungsvolt, baß bie Luftlinie nach Moskau nicht mehr, wie bisher, über Morono, jonbern von nun ab über Riga (mit Anschluß nach Helsingfors) beflogen wirb.

Reben Diesem AuslanDDienst wird auch Das innerDcutsche Streckennetz manche Verbessc rung und Erweiterung (z. B. nach Dem Soar­ge b i e t) erfahren, so baß man Damit rechnen Darf, daß Der deutsche Luftverkehr, der bereits im Jahre 1026 internationale Rekordzisfern aufroies, sich im fommenben Sommer im gleichen Tempo weiteren! wickeln wird. Man bars Dies um so eher erwarten, Da mit Beginn Der Sommerflugzeit

eine große Anzahl neuer Riesenflugzeuge

(von Junkers, Dornier, Rohrbach unb Übet) in Dienst gestellt wirb. Der Dornier -Superwal Iber zwanzig Personen zu beforbern vermag-, mit seiner enormen Tragfähigkeit unb feinen starken Maschinen wirb voraussichtlich ben Luftverkehr nicht nur nach Lonbon, fonbern auch nach anberen eng lischen Hafenstädten (ohne Anfliegen Amsterdams) übernehmen. Im Sommer 1926 hatte bic Deutsche Lufthansa, wie hierbei erwähnt sei, 125 Flugzeuge im Verkehr, barunlcr 88 viersitzige, 10 sechssitzige unb 27 mit mehr als 6 Sitzen. In Den Monaten von April bis EnDe August 1926 würben runb vier Millionen Kilometer burdjflogen, das ist bic zehn fache Strcrfc zwischen Erde unb M o n b. Befärbert wurden annähernd 40 000 Fluggäste, die 50 Eisenbahnzüge füllen wurden, ferner 409 000 Kilogramm Gepäck und 430 000 Kilogramm Post unb Fracht. Die Ausnützung ber Kabinenplätze bc trug tfroa 35 Prozent, bic bes Laderaums runb 32 Prozent. Der Frachkoerkehr war befonbers

Der römisch-sachlichen unenDlich überlegen war. Was immer Neapel auch an weiteren Schicksalen erlebte: Verwüstung Durch Die gotischen Horden unter Totila. Eroberung Durch Byzanz unter Belifar. jahrhundertelange Unabhängigkeit unter feinen Dogen, Dann Einverleibung in Das nor­mannische Reich unter Roger I.. Uebergang an Die Staufer (als Gründer Der Universität wird Friedrich II. genannt). Dann an Die Anjou, schließ­lich an Aragon, an Bourbon: wer Spürsinn und Witterung für das . Unumschreibbare'. Das ..Incoinmensurabile" hat. wird heute noch Den heimatlichen hellenischen Hauch über Den Gassen, Den Plätzen. Der auf und nieDertreibenDen Menge Des Volkes verspüren und begreifen. Daß Diese StaDt immer nur mit gewissen äußeren unD inneren Vorbehalten Die Herrschaft Roms hin­nehmen wird. Der kluge Regierer wird Die Eigenart Des Neapolitaners schonen unD bei fei­nen Anordnungen in Rechnung stellen: er wird Das Volk Volk fein lassen und mcht mit Der Fuchtel Dreinfahren, wo nur lange Geduld unD witzige Weisheit Angestrebtes erreichen werden. Denn Neapel ist Die Stadt des Volkes, nach wie vor: ist überhaupt eine Der wenigen StäDte. in Denen es noch Volk gibt. Das macht für Die einen feinen Reiz aus: für Die anderen ist es der Grund zu einer Ablehnung Die es muß getagt wer­den der Dummheit mcht entbehrt. Gewiß: Neapel hat seine schmutzigen Gaffen, es hat seine schmutzigen Weiber und Kinder: aber dieser Schmutz ist so hundertmal sauberer als Die toiDer- toärtige, oft krankhafte DergrunDung nordischen Proletariates, die schließlich nur Der Aus­fluß verdorbenen Stosses, verseuchten Blutes iftl Taucht doch nur einmal Diese bezaub:rnden Kinder in das anspülende Meer, laßt ihre braunen, schlanken Körper in der Sonne trocknen: und es stehen vor euch schön gebildete, zur Liebe zwingende Wesen, Heine Menschen mit wunder­voll getonter Haut, mit prachtvollen Köpfen, glänzenden Haaren, Zähnen, an Die niemals ein Arzt zu rühren braucht, und Augen - wer fchreibt das große Gedicht über Die Augen Dieser Kinder, in denen Lust und Wehmut der Jahr­tausende, auf goldenem Grund gemischt, auf und nieder steigen?

Neapel hat keinen Gewinn durch Den Krieg gehabt. Es hat an Reiz und Strahlung ein- gebüßt. Es ist von Genua überflügelt worden: der kühlere, sachlichere und weniger bequeme Norden hat den heißeren, sinnlicheren, sorg­loseren Süden zurückgedrängt. Zwar wird auch hier manches gebaut, ganze Straßenzüge um- gepflastert, Uferpromenaden ausgebessert, große neue Gewerbeanlagen geschaffen, aber Der süd­liche Rhythmus wird dem nördlichen nicht stand- halten können Blut bleibt CBIut: unD es ist vielleicht Der Vorzug Der neapolitanischen Be­völkerung. daß sie Den Erwerb nicht nur um Des Erwerbes willen ansieht. Vor vielen Jahren erhielt ich von einem jungen Fischer eine Ant­wort. Die mir zu Denken gab. Ich lebte Damals einige Zeit mit Den Menschen des Hasenviertels. Ich suhr mit ihnen aus zum Fischfangs lernte Aetze flicken, ausspannen unD einholen Niemand wunderte sich über meine Freude an diesem Handwerk. Keiner war zudringlich oder neu­gierig. Ich war für sie. wie mir einer sagte, J'artista ehe cerca direttamentc le suc impre-.- sioni, .der Künstler, Der ohne Zwischenträger feine Eindrücke sucht" und sie waren für mich Kameraden bereitwillig, gütig, und von einer Feinfühligkeit, wie man sie nur im einfachen Volke findet. Als ich eines Tages den vielleicht siebzehnjährigen Burschen, mit Dem ich gerade gegen Die sorrentinische Küste ausgesahren war. fragte, ob er Denn nicht, um sein knappes Tages­verdienst von kaum Drei Lire zu erhöhen unD dadurch ein besseres TaschengelD für sich zu haben eine gewinnbringendere Arbeit ergreifen wolle, gab er mir lachend zur Antwort, er denke nicht daran Es fehle ihm ja nichts. Und wie ich mir vorstelle, daß er vielleicht fern von Neapel leben solle. Der schönsten aller Städte auf der Erde. Dabei wies er mit Dem Arm in Die Runde:

-Da ist die Stadt, da ist Der Vesuv, Da ist Der Posilipp, da ist das Meer das große, blaue unb da bin ich. Basta."

63 mag fein, daß heute keiner mehr Die gleiche Antwort geben würde: weil auch in dieser Stadt des leichten Sinnes die Bedingungen des äußeren Lebens härter geworden finb und Der Begriff Geld sich gewandelt hat. Aber es

auf den Sirecken HamburgLondon. EssenAmster« dam BrrlmMalmö unb ParisKöln sehr stark.

Es wäre begrüßenswert. wenn es möglich wäre, den jetzigen 1 n t e r f I u g p r e i s . der um 30 Prozent niedriger ist. als ber letzte Sommer^rei». be i z u b e ha l l e n . da die Bentitzung des Flug­zeuges für weitere Kreise in ersier Linie eine Geldfrage ist. Der jetzige Flugpreis entspricht ungefähr bem Eisenbahnpreis 2. Klasie mit Schlaf- tvagenzuschlag. Eine ivcitere Herabsetzung dieses Preises dürste bei wachsender Zahl der Fluggäste späterhin nicht ausgefchlvgen sein. Es darf allerdings nicht vergeßen werden, daß der deutsche Luftverkehr hoher Z >i s ch ü s s e bcDarf. die von Reich, Ländern und Gemeinden geleistet werben unb bie im abge- lausenen Jahr etwa 3>> Millionen Marl betragen haben bürsten. Zur Erhöhung der Benützung des Flugzeugs als Reifemittel durste gewiß erheblich beitragen, wenn ber Luftverkehr sich nicht fast aus­schließlich auf bie Tagstunden beschränkte, sondern wenn auf allen großen Strecken auch

der Rachtflugverkehr dtirchgefuhri ist. Erst dann wird die Handels­lust f a h r t ihre volle Wirtschaftlichkeit erreichen. Die Ergebnisie. die auf der bisher bestehenden ersten Nachtflugstrecke BerlinKönigsberg erzielt wurden, waren ausgezeichnet. Im Frühjahr d. I. sollen nun auch nach Suddeutschland tind Westdeutschland Rachtstrecken eingelegt werden. Die Einrichtung des Rachtslugverlehrs macht natürlich eine umfassende Bodenorganisation notwendig, da die Start- und Landeplätze mit großen Scheinwerfer- anlagcn, Signalapparaten, erleuchteten Windrich- tungsanzeigern, Ansteuerungslichtern ufro. versehen sein müssen. Die bisher gejammclten Erfahrungen werden Den Weg zeigen, den man bei der Einrich­tung des Nachtluftverkehrs jii gehen hat. Jedenfalls ist es bemedensroert, daß Deutschland die e r ft e Nation ist, bic den Nachtflug eingeführt hat.

So wird auch das Jahr 1927 eine weitere Aus­gestaltung und voraussichtlich auch eine Ziffern mäßige Steigerung des deutschen Luftverkehrs bringen, unb cs ist zu hoffen, daß diese Entwicklung keine Störungen erleidet. Dann wird bic Möglich feit geboten fein, das bisherige Lustnetz nodirociter auszubauen, um die Grundlagen für einen Welt- I u f t d c r f e h r 311 schaffen, der über die Ozeane und über die großen Landstrecken bes Ostens nach andern Kontinenten reicht.

Obert)effifd)er Evangelischer Gemeindelag zu Butzbach.

Von den Gemcinbctagen, bic die hessische Lau- desgruppe desDeutschen Evangelischen Gemeinde' tages" in diesem Jahre in jeder der drei Provinzen hält, sand der erste am Sonntag in Butzbach statt. In der herrlichen Stadtkirche leitete ein

Festgottesbienst

unter dem Zeichen der Passionszeit mit Pfarrer Schneider als Liturgen bic Tagung würdig ein. Zu feiner Verschönerung trug wesentlich der E 0 a n- (1 e l i f d) e Kirchengesangoerein unter Lei­tung von Studienrat Werner bei. Die Fest­predigt von Hosprediger Widmann- Gedern be­antwortete in schlichter, packender Weise auf Grund non Eph. 4, 15, 16 die Frage:Wie kommt es zu einem wirklich lebendigen Gemeindeleben'!'" Es schloß sich daran der V 0 r t r a g von Landesjugend- Pfarrer Lic. von der Au-Darmstadt an über Secljorgcrbienft von Gemeindegliedern in drei Jahrhunderten der hessischen Kirchengeschichte". Ein schon in Dutenhofen und Allendorf a. d. Lumda be­handeltes Thema wurde hier von einem Sachkun­digen auf Grund eigener Studien mit großer An­schaulichkeit erörtert.

Um 2 Uhr eröffnete der Vorsitzende, Professor D. Matthes» Darmstadt, bic

Gemeindeversammlung im Saale des HotelsDeutsches Haus" mit einem Rückblick auf bic von der starken Persönlichkeit Emil Sulz es ausgegangene Evangelische Gemeindebe- roegung, die gerade in Hessen, dank auch der Tätig­keit des jetzigen Breslauer Gcneralsupcrintcndcnten D. Dr. o d) i a n , eine besonders rührige Landes­gruppe hat. Ihr Ziei ist, daß alles, was in der neuen hessischen Kirchenoerfassung von Gedanken der Gemeindcbewegung steht unb bas ist das meiste aus dem Buchstaben zum Leben komme. Sein Gruß galt außer Öen Butzbachern, deren Kir- chcngei'angverein unter seinem bewährten Dirigenten ist mir unzweifelhaft. Daß der ©runDtrieb Dieser Menschen Der gleiche geblieben ist: mögen auch Die Umstände im Augenblick nicht gestatten, ihm zu folgen. UnD Das Volk, als ganzes genommen, hat trotz Der schlechteren Zeiten nichts von seiner unenDlichen LiebcmsroürDigkeit verloren.

Als ich im Oktober 1925 einige Wochen in Neapel zubrachte, ergab es sich. Daß ich an einem SonntagabenD Die Prozession Der Vir- gine Del Rosario zu sehen bekam. Die, wie man mir sagte, nur alle hunDert Jahre einmal Durch Die Straßen getragen wird. Ich war geraDe in Die kleinen ft eilen Jpaffcn zwilchen Der via Roma unD Dem (Saftei S. Elmo hinausgeschlenDert, als an einer Biegung Die Statue Der Madonna, von Priestern unD Meßknaben geleitet, unter Weih- raudjqualm an mir vorübergetragen tourDe. Alle Menschen ftanDen vor Den Haustüren, in Den Torbogen, auf Den winzigen Baikonen Der oberen Geschosse. Viele knieten nieder, anbere ver­neigten und bekreuzigten sich vor Dem endlosen Iug, Der zwischen Walzer- unD Marschmelodien (wie nah ist Diesem heidnischen Volk noch Die Gottheit!), vom Lichte unzähliger Kerzen und Lampions überflittert, dahinwankte... Neben mir. Den Kopf fast an meine Hüfte lehnend und mich oft aus strahlenden, vorn Wunder des Er­eignisses seligen Augen anschauend. hatte ein kleines, unendlich zartes Mädchen seinen Platz eingenommen. Es rührte sich nicht und hielt mit Der Hand zwei Der Heinen Gebet bilder fest umschlossen, welche Die Heilige Jungfrau im weißen, blumenbestickten KleiD und hellblauen Mantel Darfteflten und von Meßknaben verteilt würben. Plötzlich, mit einem Aufschlag Der über­großen Augen. Der Die Erinnerungen eines gan­zen Lebens überdauert, reichte es mir Das eine seiner bei Den Bilder,Da ich keines habe" ...

»AlnD Du? sagte ich, während ich sein feines Kinn mit Der S>anD nahm,wirst Du Denn das schöne Bild nicht entbehren?

»Ata ho due, war Die rasche Antwort..« Aber ich habe ja zwei!"--

Immer wie Der mußte ich mich Darüber wun­dem, mit wie wenig Haß von Der armen Be­völkerung Dem Fremden begegnet wird, den man schon um des Umstandes willen, daß er von