Die Außenpolitik der Tschechoslowakei.
Die Ausschlutzfrage.
Prag, 10. Febr. (WD.) Der Außenausschuh deS Abgeordnetenhauses begann oie Debatte über die Erklärungen des Ministers des Auswärtigen. Der Dbg. Evelith (Drl'spartei) erklärte sich namens seiner Partei mit der Außenpolitik Dc- neschs einverstanden, da sie eine opportunistische Politik sei. Die kleine Entente habe einstweilen kein weiteres Programm und es wäre gut, wenn sie eine neue Basis durch eine Aus- einandersetung und Verständigung mit dem italienischen Faszismus und dem russischen Kommunismus erhielte, insbesondere eine Eingliederung Rußlands in das Wirtschaftsleben brauche ganz Europa. Bei der Besprechung der europäischen Abrüstung äußert der Redner die Ansicht, daß die Tschechoslowakei infolge der ungünstigen geographischen Lage und unruhiger Verhältnisse eine schlagfertige Armee nötig habe. Abg. Dr. Czech (Deutsch-Soz. tritt für eine Anlehnung der Außenpolitik a n Deutschland und Oesterreich ein. nicht aus außenpolitischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Die Tschechoslowakei müsse aufhören, sich um die Verhältn sse anderer Länder zu kümmern und zu versteifen auf den Kamp gegen den Anschluß Oesterreichs. Auch der Abg. Kallima (Dn.) erklärt, die anschlußfeindliche Einstellung Deneschs lasse sich nicht mit Friedens» biktaten begründen, da doch nirgends ein Anschlußverbot ausgesprochen worben sei. Auch mit der Sorge um die Erhaltung des Weltfriedens lasse sich diese Einstellung nicht begründen. 3m übrigen würden die Zusammen- schlußbcstrebungen auf die Dauer nicht oufzu- haltcn sein und in dem Augenblick, wo Italien kein Interesse daran haben werde, sich diesen Bestrebungen entgegenzustellen, werde der Zusammenschluß auch erfolgen.
Deutsche Schulsorgen in Iugos!avien.
Belgrad. 11. Febr. (5Ü.) Die deutschen Abgeordneten Dr. Moser und A e u n e r statteten im Sinne der seinerzeit mit dem Ministerpräsidenten getroffenen Vereinbarung dem Hn- terrichtsminifter Dakicevic einen Besuch ob und sprachen mit ihm über die Schul- und Kul- turf ragen der deutschen Minderheit. Die Abgeordneten verlangten die Regelung sol- gender Fragen:
1. Erlaß einer klarem unzweideutigen Verordnung. daß nur die Eltern über die Rationalität bzw. Schulzugehörigkeit ihrer Kinder zu entscheiden haben.
2. Zusicherung, daß an deutschen Schulen nur deutsche Lehrer interrichlen.
3. Wiedereröffnung der seit zwei Jahren geschlossenen deutschen Schulen in Shr- m i c n.
Der Hnterrichtsminifter erkannte die Berechtigung der Wünsche der deutschen Minderheit an und stellte die baldige Erledigung in Aussicht.
Das deutsch-französische Handelsprovisorium.
Berlin, 10. Febr. (Wolff.) Wie die Blätter erfahren, ist seitens der deutschen Regierung der Antrag auf Verlängerung des am 21. Febr. ablaufenden deutsch-französischen Han - delspvovisoriumS gestellt worden. Das neue Kabinett ist bei dem am 7. Februar abgegangenen Antrag von dem Standpunkt ausgegan« gen, daß ein völlig vertragsloser Zustand in dieser Frage nicht zweckmäßig sei. Man glaubt in dieser »Frage der Verlängerung zu einer Verständigung kommen. Das «Petit Journal" glaubt dagegen mritteilen zu können, daß die Erneuerung des Handelsabkommen- auf große Schwierigkei- t e n gestoßen sei, da Deutschland sich bis jetzt geweigert habe, den französischen Weinen die gleiche Behandlung zuzuerkennen wie den spanischen und italienischen. Die Regierung habe sich mit dieser Lage beschäftigt, und das »Petit Journal" glaubt nicht, baß das provisorische Abkommen verlängert werden kann, wenn nicht Deutschland den französischen Weinen die gleiche Behandlung wie den spanischen und italienischen zuerkennt.
Frankreichs Dokumente über Versailles.
Paris, 10. Febr. (WB.) In der Kammer besprach beim Titel „Auswärtige Angelegenheiten ' der sozialistische Abg. F o n t a n i e r die Veröffentlichung der Dokumente über die Friedensverhandlungen. Er forderte, daß diese sobald wie möglich bekannt gegeben würden. da Frankreich das einzige Land sei, das noch nichts veröffentlicht habe. Das sei so seltsam, daß man fragen müsse welche Gründe dafür maßgebend seien. Der Ministerpräsident mute erklären, ob er sich der Veröffentlichung di:scr Dokumente widersetze. P o i n c a r £ erklärte hierauf: Keineswegs! In dem Augenblick, wo diese Veröffentlichungen in verschiedenen Ländern erfolgt sind, besteht für Frankreich rein Grund, sie hinauszuschieben. Ich w:rde dem Minister deS Aeußern den Wunsch übermitteln, der hier soeben zum Ausdruck gebracht wurde, und diesen Wunsch teilen.
Der Fremdeniegionär Klems zum Tode verurteilt.
Berlin, 11. Febr. (LU.) Wie die Morgenblätter aus Paris berichten, hat daS französische Kriegsgericht von Meknes den früheren deutschen Hnterofsizier Klems. der sechs Jahre lang in der Fremdenlegion kämpfte und zu Beginn des französischen Marokkokrieges in das Lager Abd cl Krims überlief, zum Tode verurteilt.
Einigung in Nicaragua.
Managua, 10. Febr. lWD.) Präsident Diaz hat mitgeteilt, er sei bereit, zugunsten eines anderen zu verzichten, wenn ein solches Verfahren von den Bereinigten Staaten gebilligt würde. Da der liberale Führer S a - cafa schon vor kurzem mitgeteilt hatte, daß er zugunsten einer dritten Person zurücktreten würde, wenn Diaz dies auch tue, hofft man hier, baß eine baldige Losung der Schwierigkeiten gefunden und in Ri- earagua die Ruhe wiederhergestellt wird In
Die Lhinaoebatte im britischen Unterhaus.
Ablehnung der Abanderungsanträge.
London, 10. Febr (WB.) Die heutige große Ehii.adebatte im Unterbaue wurde von i-em Arbei.e.Mitglied Treve lhan einge eitet, der den be.eits gemeldeten ofsiziellen Abänderungsantrag der Opposition einbrachte. Er sagte, die Opposition wolle nicht, daß Großbritannien mit Rußland streite, weil Rußland diesmal die fortschrittliche Politik in China unterstütze, zugunsten deren sich Großbritannien selbst erklärt hale. Die Ration könne nicht zwei Spiele auf einmal spielen. Mit der Entsendung bti- tischer Truppen sei all:S ins Chaos zurückge- geworfen worden. Regierungen, die sich selbst achte en, un .e.zc.ch. e en niljt Verträge, während ihnen die gepanzerte Faust ins Gesicht gehalten würde. Die Lage der britischen Untertanen in ander?n Teilen Chinas werde durch die Entsendung britischer Truppen nach Schanghai verschlimmert werden, weil die Truppen die Empörung des chinesischen Volkes vermehren würden. Die Truppenentsendung habe es für Chan.berlain unmöglich gemacht, einen Erfolg zu haben, wenn er nicht seinen Beschluß zurückziehe.
Chamberlain,
der sich hierauf, von dem Beifall der Regierungsseite begrüßt, erhob, sagte: Als die gegenwärtige britische Regierung ins Amt kam, sei ihr erstes Bemühen gewesen, mit den übrigen Mächten, die Interessen in China hätten, zusammenzuwirken. vor allem mit den Vereinigten Staaten und Japan, die außer England die größten Interessen hätten, weil die Regierung der Ansicht gewesen sei, daß eine Trennung von den Mächten die Erzielung irgenb- einer Regelung schwieriger und sogar unmöglich machen würde.
Die wiederausgenommenen Verhandlungen zwischen Tfchen und O'Malley hätten zu einer Vereinbarung über die Konzession von Hankau geführt. Das Abkommen sehe vor. daß die Konzession dem britischen Munizipalität zu- rüefgegeben wird, der sie formell der chinesisch
britischen Munizipalität aushändigen werde. Der neue Munizipalrat werde nach dem Muster deS bereits in der vormals deutschen Konzession bestehenden und befriedigend arbeitenden Muni- zipalrates gestaltet werden. Wenn dieses Abkommen unterzeichnet wird und diese Versicherung angenommen werde, würden die ersten Truppen die sich bereits auf dem Wege nach Schanghai befinden, in Schanghai gelandet werden. Dies werde der Regierung als unverzüglich notwendig zum Schuhe deS britischen Lebens bezeichnet, aber
die weiteren Truppen, die vom TRittdmeer und von England kommen, würden in Hongkong konzentriert werden und sich nicht nach Schanghai begeben, außer wenn die» durch die Dringlichkeit neuerer oder größerer Gefahr nötig würde.
Die Truppen würden in den Niederlassungen stationiert werden und würden nur im ernsten Notfall daraus hervorkommen. Es verstoße gegen die Politik der britischen Negierung, an irgendeinem bewaffneten Konflikt zwischen den chinesischen Streitkräften teilzunehmen und sie werde fortfahren, ft r e n g e Neutralität in dem ^Bürgerkrieg zu wahren. Chamberlain schloß: Ich hoffe, daß der Friede go- fichert ist. und daß ein neues und besseres Der- tärfbnis für die britischen Absichten im chinesischen Volke Verbreitung finden wird, daß das chinesische Volk erkennen wird, daß Großbritannien nicht die Absicht hat, es in dem Zustand der Unterjochung, der Bevormundung oder der Minderwertigkeit zu halten und daß wir uns freuen würden, wenn die Chinesen die Verpflichtungen jeder zivilisierten Ne. stierung gegenüber Ausländem in ihrem Lande in vollem Maße übernehmen und uns von den s o- genannten Vorrechten befreien können, die uns zu r Last geworden sind und von den 23er- pflichtungen, deren Ausführung und Sicherung die Aufgabe der chinesischen Behörden selber ist.
Der Abönderungsantrag der Arbeiterpartei wurde dann mit 320 gegen 113 Stimmen abgelebt.
amerikanischen Kreisen wird Tenor Calderon R a m i r e z, der jetzt Gesandter RicaraguaS in San Salvador ist, und der keiner Partei angehört, als wahrscheinlicher Rachfolger Diaz' angesehen.
Diktatur in Chile?
London, 11. Febr. (SU.) Wie aus Santiago de Chile berichtet wird, soll der bisherige Kriegsminister Oberst Ibanez, der im neuen Kabinett Premier- und Innenminister ist, die sofortige Abschaffung des Parlaments beabsichtigen. Der Präsident wird entweder zurücktreten oder sich vorläufig beurlauben, wodurch Ibanez, der von der Armee unterstützt wird, Gelegenheit erhält, die Regierungsgeschäfte unbehindert zu führen. In einem Bericht an die Presse sagt der Kriegsminister, der Einfluß des Parlaments müsse in Chile gebrochen werden, das sei nur durch eine Reu- organisation der Regierung bzw. der Dürgervertretung möglich.
Der Aufstand in Portugal niedergeschlagen.
London, 10. Febr. (TU.) Nach einer Meldung der British United Preß bestätigt es sich, daß die Aufftändischen sich gestern abend bedingungslos ergeben haben. Die Regierung hat die Meutereien im ganzen Lande unterdrückt.
lieber die Kämpfe in Lissabon werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Die Revolution, die am Montagmittag in der Hauptstadt ausbrach, wurde von der Marine, einem Teil der republikanischen Garde, der Polizrü und einem großen Teil der Zivilbevölkerung unterstützt. Die Aufftändischen nahmen Besitz von dem Marinearsenal und dem sehr nafye gelegenen Hauptpostamt, wodurch die Entsendung von Nachrichten nach dem Auslande unmöglich wurde. Im Anschluß hieran setzte eine intensive Beschießung seitens der Regierungstruppen ein, die ungefähr 4 Stunden andauerte.' Dabei wurde eine große Anzahl von Personen, meist Nichtkämpfer getötet bzw. verwundet.
Iunggesellensteuer in Italien.
Rom, 10. Febr. (Wolff.) Der Ministerrat hat gestern die Iunggesellensteuer beschlossen, und zwar in der Höhe von 53 Lire jährlich für das Alter von 25 bis 35 Jahren von 50 Lire für das Alter von 35 bis 50 und von 25 Lire für das Alter von 50 bis 65 Jahren. Ausgenommen sind die katholischen Geistlichen und Orbensmitglieber, die Schwer- invaliden, die Offiziere und Unteroffiziere, die einer Eheerlaubnis bedürfen, die mit dem Eheverbot Belegten, die Ausländer, auch wenn sie ihren ständigen Wohnsitz in Italien haben.
Stresemann in San Remo.
Rom. 10. Febr. (Sil.) Reichsaußenminister Dr. Stresemann, der in San Remo ein» getroffen ist, empfing den Besuch des Präfektkommissars. der der gleichfalls in San Remo weilenden Gattin des Ministers ein Blumenarrangement überreichte. Dieser Besuch wurde im Auftrag des Reichsaußenminifters von dem Botschafter Freiherrn von Reurath erwidert. Freiherr von Reurath, mit dem Dr. Stresemann zwei längere Konferenzen hatte, wird heute in Rom wieder erwartet. Einem Vertreter des „Popolo d'Jtalia" erllärte Dr. Stresemann, daß er während seines Erholungsurlaubs ausschließlich seinerGesundhcit leben wolle. Der Minister verneinte auf das bestimmteste die Absicht, mit fremden Staatsmännern politische Rücksprache nehmen zu wollen. Er hoffe, bis zum Beginn der Genfer Tagung in San Remo bleiben zu tonnen.
Die Erwerbslosigkeit.
Berlin. 10. Febr. (WTB.) Die Zahl der HauptunterstützungSempianger in der Erwerbs- losenfürforge in der zweiten Januarhälfte zeigte im Gesamtergebnis einen Rückgang um rund 1 2 000 gleich 0.7 Prozent. Die Zahl der männlichen Hauptuntcrstützuugsempfänger ist zwar von 1 555 000 auT 1 558 000 gestiegen, die Zahl der weiblichen Hauptu.ter Nützung le.ivBnger dagegen von 283 000 auf 268 030 zurückge- flongen. Die Gesamtzahl hat tich von 1 838000
auf 1 826 000 verringert. Die Zahl der Zuschlagempfänger und untevstützungsberechtig en Familienangehörigen ist von 2 078 030 aus 2 089 000 gestiegen.
Die neue Zernsprechordnung Beschlüsse des Berwaktungs-raietz der Neichspost.
Berlin, 10. Febr. (Wolff.) Bei den Beratungen des tierroaltungsrats über die neue Fernsprechordnung wurde vom Reichsvostminister Dr. Schätz! und Staatssekretär Dr. Feyerabend ein weiterer Ausbau und die dringend nötige A v t o m a t i- fierung des Fernsprechwesens für unmöglich erklärt, wenn der Reichspost die Mittel dazu entzogen würden. Der Derwaltungsrat trat den Vorschlägen der Verwaltung wegen Wiedereinführung einer Grundgebühr bei, ermäßigte die Sätze aber auf 3 bis 8 Reichsmark monatlich. Die Ortsgesprächs-Gebühr wird einheitlich 10 Pf. betragen. Mindestens hat jeder Teilnehmer monatlich 20 bis 40 Ortsgespräche au bezahlen. Die Anne bme des JVompromifjantrages bedeutet für die Verwaltung eine Mindereinnahme oon etwa 4 Millionen Reichsmark und ein Entgegenkommen an die Wenigsprecher gegenüber den Dom Arbeitsausschuß oorgeschlagenen Sätzen Im Fernverkehr werden die Gebührensätze auf Entfernungen von 15 bis 75 Kilometer von 45, 90 und 120 Pf. auf 40, 70 und 90 Pf. herabgesetzt. Die weiteren vom Arbeitsausschuß gebilligten Gebühren ermäßigungen: Berechnung aller Ferngespräche von mehr als drei Minuten Dauer nach Einzelminuten, Herabsetzung der Ferngesprächsgebühren in der Zeit von 7 Uhr abends bis 8 Uhr vormittags auf zwei Drittel Ermäßigung der Herbeirufungsgebühr auf 40 Pf. und der Gebühr für Benutzung >er öffentlichen Sprechzellen von 15 auf 10 Pf. und eine Reihe anderer Gebührenermäßigungen fanden ebenfalls die Zustimmung des Derwaltungsrats. Die neuen Gebührensätze treten am 1. Mai in Straft.
Vermischtes.
Die schlimmste Reise dr» .,Präsiden« Harding".
Reu York, 11. Febr. (WT2. Funkspruch.) Der Dampfer „Präsident Har ding" ist gestern nachmittag in Dock gegangen. Der Ka- pttän bezeichnete die zurückgelegte Re.se als die schlimmste seiner 40jährigen Laufbahn. Rach der Abfahrt von Cherbourg wurde das Schiff von einem Sturm von 100 Meilen Stundengeschwindigkeit heimgesucht. Zu- letzt öffneten sich die Rieten und das Wasser drang in die Drennstoffbehältcr ein. Da« Licht ging aus. Die Maschinen stellten die Arbeit ein und die Heizanlage versagte. Das Schiff wurde dauern hin und her geworfen. Schließlich muhte es auf der Höhe von Halfay Anker werfen, bis ein Schleppdampfer es mit Brennstoff versorgte. Alles verfügbare Holzwerk an Bord war aufgebrochen und verbrannt worden, um die MahlzÄten der Passagiere zu bereiten.
Wettervoraussage.
Morgens dunstig, dann Aufklaren in den Temperaturen noch keine wesentliche Aenderuna trocken.
Gestrige Tageslemperaturen: Maximum 6,4 Grad Celsius: Minimum: 4,6 Grad CelsiuS.
Heutige Morgentcmperatur minus 6,3 Grad Celsius.
Bericht über die Wetterlage aas dem hoherodskops vorn 11. Februar vormittags 8 Uhr. Windrichtung: Rordost. Windstärke: Schwcuh. Temperatur: Minus 2 Grad Celsius. Gesamtschneehöhe- 50 Zentimeter. Belchallenheit der Schneedecke etwas gekörnt. Srorttnöglichkeit für Ski: gut.
Winterberg (Saucrtanb):
Temperatur: minus 4 Grao Celsius. Schnee- höhe: 75 Zentimeter. Siioahn. sehr gut.
Bidingen:
Temperatur, minus v v>raö Celsius Schneehöhe: 20 Zentimeter im Tal, in Höhenlagen 80 bis 100 Zentimeter. Sttbahn: gut.
Erndtebrück:
Temperalur.- minus 8 Grad CelsiuS. Schneehöhe 25 bis 30 Zentimeter Ski bahn Gut
Aus der Provlnzlalhauptftadt.
Gießen, den 11. Februar 1922.
Dor der Schulentlassung.
In Kürze werden wieder Taufende von Knaben und Mädchen von der Schule ins Leben entlassen. Sie in der Wirtschaft unterzubringen, ist nicht gerade leicht, und man erschrickt, wenn man liest und hört, wie viele von den bereits vor einem Jahr und länger Entlassenen noch der Eingruppierung harren. Da kann man die bange Sorge der Eltern sehr wohs verstehen, ilnb dennoch Märe nichts verhängnisvoller als ein unfruchtbarer Pessimismus, der es entweder dem .Schicksal" überläßt, wie das Kind mit dem Leben fertig wird, oder gar die erste beste weder den Relgungcn und Anlagen des jungen Wirtschafts- burgers entsprechende, noch für die Zukunft au« sichtsreiche Arbeitsmöglichkeit ergreift, nur aus dem Grunde, damit der Junge oder DaS Mädchen mit dabei ist. Gerade heute muh die Berufs Wahl mit den dazu zuständigen Stellen mit Der größten Sorgfalt durchgesprochen werden, um zusammen mit der Berufseignungsaus'.e'e einen vollwertigen gewerblichen Rachwuchs heranzu bilden, um jeden einzelnen einer befriedigenden Tätigkeit zuzuführen. Richt immer fiaD die Heuti gen Methoden Der Eignungsprüfung^ praktisch brauchbar und einwandfrei. Sie haben noch viele Mängel und lassen sehr oft gerade bei den wert vollen und sich langsam entwickelnden Menschen. Denen der Augenblick der Prüfung einen bösen Streich spielte, ein Minderwertigkeitsgefühl auf kommen, das sie das ganze Leiben über nichr wieder loSläßt. Das spricht nicht gegen die Gig nungsprüfung als solche, sondern muß dazu führen, sie nicht nur nach der technischen, sondern ganz besonders auch nach der psychologischen Seite hin zu vervollkommnen.
Was immer galt, das gilt auch heute noch. Der strebsame, sicißige. berusstüchi.ge und charakterfeste Mensch wird sich schon durchsetzen, wenn man ihm das notwendige Selbstvertrauen mit aus den Weg gibt. Darum ist nichts schädlicher, als den jungen Menschen mit ängstlichem und erschlaffendem Mißtrauen in feine Zukunft zu erfüllen. Mit vollem Recht sagt Dr. Käthe Gaebel: .Es gibt keine absolut überfüllten oder absolut aufnahmefähigen Berufe. Selbst in den überfülltesten Berufen ist der überdurchschnittlich befähigte, energische, fleißige und zuverlässige Mensch gesucht, und auch der ungenügend besetzte Beruf kann mangelhaft befähigte, schlecht vorgebildete, charakterlich versagende Kräfte auf die Dauer nicht verwenden."
Darum ist schon srühzeitig in dem jungen Menschen der Wille zu stärken, den Kamps mit sich selber, seinen schlechten Eigenschaften — dazu gehört auch Pessimismus und Wehleidigkeit - und den Widerwärtigkeiten des Lebens aufzu nehmen und durchzupacken, wenn es gilt, alle Kräfte zu regen und zu meffen. Gewiß ist all: unverschuldete Rot. auch die Lehrstellennot. eu schlechter Lehrmeister. Aber wir sollen un« ihr nicht hingeben, sondern sie zu meistern suchen Selbst ist der Mann, und die Weckung des Selbsthilfegedankens hat auch hier obenan zu stehen.
Roch ein anderes Moment ist zu beobachten. Zur Dollwertigkeit des Menschen reicht auch Ne höchste berufliche Tüchtigkeit. Geschicklichkeit und Regsamkeit nicht aus. Gerade hervorragendes Können kann leicht zum Falle und zur ständigen Gefahr werden, wenn es blickverschlossen für da« Allgemeinwohl den Eigennutz über alle- stellt. Es muß daher in die Richtung deS Guten gelenkt werden durch eine starke, sittliche, in einer festen Weltanschauung gegründete Persönlichkeit. Diese Persönlichkeitserziehung wird in der Heber- bewertung technischer Dinge leider vielfach unterschätzt, teilweise sogar ganz außer acht gelaffen. lind doch ist die charakterliche Festtaung vom Standpunkte des einzelnen wie der Gesamtheit aus betrachtet, eigentlich an die erste Stelle zu setzen. Sie ist das Fundament, das ein gedeihliches Zusammenarbeiten aller wirtschaftlichen Kräfte erst möglich macht zur Wohlfahrt des Ganzen, die zugleich das wohlverstandene Interesse jedes Gliedes darstellt.
Bei dieser Charaktererziehrmg ist die Lehrstelle keineswegs nebensächlich, und e- kommt sehr viel aus die Lehrmeister und Kameraden an. die öa« tägliche ArbeitSm lieu des Heranwachsenden Menschen bilden. Bei der kleinhandwerklichen Lehre ist das Problem verhältnismäßig leichter äu lösen. Die Berufsausbildung in den Großbetrieben, in denen die meisten Lehrlinge stecken, bietet nach der Seite hin ungeheure Gefahren, die man nicht in allem abbiegen kann. Hm so dringlicher ist hier eine Rückgralstärkung burd) Die konfessionellen Vereine, Die in dem jungen Menschen die weltanschauliche Grundlage so tief verankern müssen, daß er allen Stürmen gewachsen ist, und sich in ihm die sittlichen Kräfte behaupten, die ein gute« Elternhaus ihm mit auf den Weg gab.
In dem gewiß schweren wirtschaftlichen Kampfe ist die Persönlichkeitsbildung doppelt wichtig. Setzen wir daher alle« daran, beruss- tüchttge und innerlich wertvolle Menschen zu schaffen. Dann helfen wir mit am Werden eines besseren, glücklicheren Geschlechte«.
Die evangelische Kirchen- gemeinde Giehen im Jahre 1926.
Die Zahl der evangelischen Bevölkerung in Gießen beträgt nach der Volkszählung vom 16. Juni 1923 im ganzen 23 526 Aus der Evangelischen Landeskirche sind im Jahre 1926 56 Personen (Erwachsene unD Kinder) ausgetreten. eine kleine Zahl, wenn man die Gesamtbevölkerung im Auge behält. Diese Ausgetretenen scheinen sich zumeist einer anderen kirchlichen Gemrinschast nicht zugewandt zu haben. 256 Gottesdienste für Erwachsene und 93 Gottesdienste für Kinder fanden in den briden Kirchen (Stadt- und JohanneSkirche) statt. Die Kinderkirche bat seit vielen Jahrzehnten das Helfersystem eingesührt. junge Demeindeglieder unterrichten unter der Leitung des Gemeindepfarrers die Jugend, die in Gruppen einaeteilt ist. Im Sommer sindet im Anschluß an den Frühgottesdienst Christenlehre für die Reukonfirmtertcn statt. Die Militärgottcsdicnste werken in Verbindung mit Gemeindegottesdiensten abarhickt n 29 Gottesdienste fanden im Provinzial-Arresthaus statt. 331 Gottesdienste in den verschiedenen Krankenanstal- ten. Am 1. Oft erlag wurden die beiden Gottesdienste von insgesamt 2545 Personen besucht, am 12. Sonntag nach Trin. von 1211, am 3. Advent von 1256. Am heiligen Abendmahl nahmen insgesamt 5008 Gemeindeglieder teil. Die Zahl der evangelischen Trauungen belief sich <ntf 194


