Nr. 257 Zweite Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Montag, 10. Oktober (927
Französische EinbürgerungspotttiK.
Don Dr. P. TL Schulz- Wilmersdorf, Paris.
Drc Fragen her Bevölkerungsbewegung sind für Frankreich von zukunst» unb schicksalgcstllten- bet Debedtuni] Die durch den Weltkrieg und die kolonialen Feldzüge besonders m Marokko und Syrien geschlagenen Lücken im Devölkerungö- bestande konnten trotz aller erdenklichen rechtlichen und wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen von innen her, b. b. durch Geburtenüberschuh, nicht au-gefüllt werden. So balf man sich durch Ergänzung von auhen der. also durch Einschmelzung fremden DolkSgutS über die bevölkerungspolitischen Schwierigkeiten hinweg. Die nach dem Kriege entsetzende starke Sin- wanderung von Italienern, Spaniern. Belgiern, Bussen. Polen. Tschechen usw. ermöglichte eine Wiederherstellung des natürlichen Gleich- «Wichts am Bevölkerungshaushalte. zumal die Einschmelzung bei den romanischen und slawischen Einwanderungselementen meist sehr schnell vor sich ging. Enlsällt doch von den über drei Millionen hx Frankreich ansässigen Ausländern fast ein Drittel auf den italienischen Anteil, der biS zur Eroberung der politischen Macht durch den italienischen Faschismus di« angleichungS'ödigsten Reubürger stellte. Die letzte DolkSzäblung schlicht daher mit einem Zuwachs von 60 000 Einwohnern gegenüber dem vorletzten Bestands aus weile ab. Durch eine geschickte EinbürgerungSPolitik also wurde trotz sinkender Tendenz der Geburtenbewegung daS Gleichgewicht im BevölkerunrshauS halte nicht nur wiederhergestellt, sondern sogar überschritten.
Aber bald zeigten sich die Schattenseiten einer allzu großzügigen Aufnahme Fvemdstämmiger in den sranzösischen Staats- verband. Die neuen Mitbürger bildeten zuweilen geschlossene Siedelungen, welche die Erhaltung und Pflege der Sprache unb Sitten des Ursprungslandes begünstigten. So haben sich besonders in Südfrankreich die naturalisierten Italiener zu eigenen Kulturgemeinschasten zusammen geschlossen. ermutigt und unterstützt durch völkische Strömungen in Italien. Anderseits waren die neugewonnenen Staatsbürger beruslich und sittlich nicht immer von der ersten Güte. Kurzum, die französische Verwaltung sollte bald erkennen, dah ungeachtet der Rotwendigkeit von Einbürgerungen eine gewisse AuSwaol unter den aus- nahmewill'gen Einwanderern am Platze wäre.
Hier soll nun daS neue StaatSange- börigkeitSgesetz (code dc nationahtc ct de nationalisahon) einen festen Rahmen schassen ES enthält vom französischen Standpunkt aus unleugbare Borteile unb bedeutet einen zweifellosen Erfolg der Regierung. Die Grundgedanken deS neuen Gesetzes, zu dem di« Ausfuhrungs- bestimmungen soeben ergangen sind, lassen sich wie folgt, zusamnxenfassen , KX
Für die Folge ist nicht mehr lediglich die Staatsangehörigkeit deS ManneS für die Staatsangehörigkeit der Frau xmh der Kinder bestimmend Daneben gewinnt der Wille der Frau recht-erzeugeiiden Wert: daS ist ein Gedanke, der auch in Deutschland bereit- die Fachkreise beschäftigt. Die an einen in Frankreich ansässigen Ausländer verheiratete Französin kann fürder ihr« französische Staatsangehörigkeit behalten. 3a sie kann sogar ihre durch Eheschließung unter gegangene französische Staat-- angehörigkeit zurüderwerben, wenn sie zwei Iahre vor Inkraftsetzung des neuen Gesetze- ihren ehelichen Wohnsitz in Frankreich begründet hat. Allerdings bedarf sie zur Rückerwerbung der französischen Staatsbürgerrechte der Zustimmung des Ehemannes. Einfache Erklärung zu Protokoll de- Standesbeamten genügt.
Die Kinder einer Französin werden ohne weiteres französische Staatsangehörige, ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit des Balers. Dagegen wird den Abkömmlingen von beiderseits ausländischen, in Frankreich ansässigen Eltern ein Option-recht (faculte d'option) g ernährt, wonach sie zwischen der französischen Staatsangehörigkeit und der Staatsangehörigkeit der Eltern wühlen können. Die Mündigkeit für
bte StaaiSangehöngke-tSwahl beginnt mit dem vollendeten 18. Lebensjahre. Da- bürgerliche Recht (Code civü), da- die volle Geschäftssähig- keil aus da- vollendete 21 Lebensjahr festfetzt. erleidet also für bte Zwecke der Ratural isaliortS- erlerchterung eine Ausnahme Allerdings benötigt der noch nicht 21 Iahre alle S.nbürge- rungSwillige bte Zustimmung deS BaierS oder des gesetzlichen Dertreter* SegebetensallS ist ein Familienrat zu l>erufen. Mfen Zustimmung die Weigerung deS gesetzlichen Vertreters ersetzt. DaS Gesuch um Aufnahme in den französischen StaalSverbanb kann bedördl.cherf.ntS nicht zurück- getoiefen werden, wenn der Wahl mündige, -war nicht in Frankreich geboren, aber doch französische Schulen besucht hat ober sonst nach Sprache. Sitte und Bestrebunaen im französischen Kulturempfinden wurzelt. Die militärische Dienftpslicht muh al-dann im französischen Land- ober See- Heer erfüllt werben
Für Bewerber die ihrer militärischrn Dienstpflicht tn französischen Einheiten bereit- genügt haben ober Prüfungszeugnifse französischer Hochschulen besitzen, ist die der Raturalisation vorhergehende Warte- und Probefrist (slagc prcalable) aut ein Iahr vermindert worden, während sie sonst drei Iahre beträgt. Aber auch für die nicht bevorzugten Bewerber fann die dreijährige Wartefrist auf Befürwortung der Landräte (Präfekten, zum Teil erlassen werden, wenn sich der Antragsteller nach seinen .sittlichen unb beruflichen Eigenschaften als wertvolles Glied der Gesellschaft" erweist. Dagegen ist Ausländern, bte der französischen Sprache nicht mächtig sind, die Aufnahme zu versagen. eS sei beim, dast sie besondere Beweise einer Frankreich ergebenen Gesinnung erbringen köirnen
Der Eingebürgerte genießt alle Rechte des AltbürgerS mit Einschluß des politischen Wahlrecht- Dagegen kann er erst zehn Iahre nach
Erwerb ber neuen Staatsangehörigkeit als Der- tretet in die gesetzgebenden Körperschaften, in bte Berus-verbände, Handel-- unb Landwirt- schaft-kammern, in die gerichtlichen vpruchkam- nxm, in die gelehrten Körperschaften uhr». gewühlt ober berufen »erben.
Eine bereit- gewühNe Einbürgerung kann durch gerichtliche- Bers ahnen wieder aberkannt werben, wenn sich ber Reubürger Handlungen wider bte Sicherheit de- Staates zu Schulden kommen läßt Die von ber Regierung eingcbrachte Fällung de- Gesetze- wollte da- gerichtliche BerfallSversähren auch auf die kraft de- Dersailler Beiträge- durch völkerrechtlichen Gelamtatt einverleibten Reubürger (lieS: Elsaß-Lothringer, erstrecken, um eine Walse gegen die angeblich staatsfeindlich gesinnte Heimatbewegung in Elsaß-Lothringen zu schmieden. Aber in letzter Stunde hat man sich einet besseren besonnen unb die gefährlichen Klippen einer Ausnahmegesetz Hebung vermieden. Dagegen hat es für Me farbigen Untertanen in den französischen Schutzgebieten fein Bewenden bei den bisherigen Beschränkungen deS Erwerbe- der französischen Staatsangehörigkeit
Da- behördliche Berfahren für Sinbürge- rung-gesuche ist wesentlich vereinfacht und beschleunigt worden. Geburt-urkunde und Auszug au- dem Personenstandsregister sind allgemein ausreichende Unterlagen für Raturalifa- t ion-anträge. Bereitet die Beschallung des Auszug- au- dem Personenstandsregister Schwierigkeiten. so können notarielle (Srflänmgcn vor dem Standesbeamten ober Tausbescheinigungen, Staat-angebörigkeit-zeugnisse u. bgl m. Ersatzdienste leisten, wie denn überhaupt die sehr nachgiebige Gestaltung der Berfahren-Vorschriften ein hervorstechendes Merkmal des neuen Staat-angehörigkeit-gesetze- bildet.
Parlamentseröffnung in Tirana.
Der Auszug der albanischen Großen - Achmed Jogu spricht. - Der Kniesall vor Mussolini. — Aulomobilia. - Die Armee.
Don unserem o-Berichterstatter.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten;, Tirana. Mitte r> •••■6er 1927.
Roch trübt kein Wölkchen den blauen Himmel, der die Fluten der nahen Adria wieberzusi regeln scheint. Rur nacht-, wenn vom <j|ten bie kalte Luft aus den Bergen in die Stadt strömt, ahnt man. baß aus den schroffen Höhen ReuserbienS Schnee gefallen ist. So erzählten wenigstens die Bauern, die am vergangenen Mittwoch zu.n Markte kamen. Aber auch hier, wo sich die ganze Lächerlichkeit der Politik an den grünen Tiscyen Europa- in operettenhaster Weise zeigt, beginnt man nach der politischen Ruhepause des SommerS zu — „arbeite n".
Gestern wurden Kammer und Senat eröffnet. Dor dem Parlamentsgebäude — wenn man dieses langaeftredte Hau-, halb Scheune, halb Bauern- gehoft, so nennen kann — standen in bunter Reihe albanische Dauernwagen, Zweiräder. Motorräder. in Europa ausgediente Automobile und sogar zwei moderne Limousinen italienischen Fabrikat-. Die albanischen Großen waren dem Ruf ihres Königs, will sagen ihres Präsidenten, aber so etwa- versteht man hier nicht, gefolgt, um von ihm zu erfahren, wie er sich die Zukunft des Landes denkt, wie er sie haben will, und wie sie. die Bauern und Herren, eS dann doch ganz anders machen würden Was geht im Grunde genommen auch den christlichen oder mohammedanischen Oranöfe.gneur ber albanischen Berge die Politik von Tirana an. wo italienische Bank. Präsidentenpalast Tennisklub unb Gase Continental Politik spielen? Richts. gar nichts! Aber man kommt dennoch her. um sich zu zeigen, um sich seiner Würde bewußt zu werden und natürlich auch um die Diäten jju schlucken. Unter den Senatsmitgliebem sah ich übrigens einen jungen Mohammedaner. Sohn eines jüngst verstorbenen Fürsten der albanischen Wildnis. Es war ein ganze- Herrchen, mü französischer Schul- unb italienischer Hochschul
bildung, wenn diese auch noch nicht ganz abgeschlossen war. Er war frisch von Bologna bet» übergelommen, um dem „Rummel" beizuwohncn und seine Stimme zu erheben für fein Völkchen, das er nicht kannte unb dem er so Jremb war wie ein Lorb, Mitglied eines seubalen englischen Klubs, ben schwarzen Bewohnern einer afrikanischen Kolonie Großbritanniens. Es war also ein buntes Gemisch, da- sich da versammelt hatte, unb vor dem nun Achmed Zogu seine Stimme erhob.
Was er sprach? — Er tat einen tiefen Kniesall vor Mussolini, betonte die italienisch-albanische Freundschast, den SicherheitS- pakt, den „er“ mit Rom abgeschlossen hatte und schwor dem Königreich jenseits der Adria Treue bis in ben Tod. Der Vertreter Südsiawiens. ber nun wieder hier ist, unb der ebenfalls bet Parlamentseröfsnung beiwohnte, wird sich babei an bie Zeit erinnert haben, wo biefer selbe Achmeb in Belgrad dem S. & S. -Staate Aehnliches geschworen hatte. Aber da- ist schon lange her ... In bet „Diplomatenloye“ lächelte der Vertreter 3taüen8 unb freute sich. Wenigstens tat er so. Er schelte auch über daS ganze Gesicht, als Achmc-d Zogu von ber Armee sprach, bie. von italienischen ^>nstrulttonSossizieren geleitet, hier in Tirana einen recht martialischen Eindruck macht, besonder- bann, wenn Mannschaft unb eingeborene Offiziere sich in Gala wer en. Reben ber Redner-Tribüne sah man auch jenen alten Operettengeneral, ber sämtliche Balkan- kriege auf ben verschiedensten Seiten milgemacht hatte, unb bet jetzt in feiner Phantasieuniform den Eindruck machte, als wäre er auf dem Wege au einem Atelier, wo ein Film für europäische Vorstadttheater gedreht werden soll.
Wie lange die Session von Kammer unb Senat diesmal bauern wirb, weiß man noch nicht. SS sinb verschiedene „Anfragen" vorbereitet worben. bie zum Teil von einem italienischen Schrei
ber ins Parlamentarische übersetzt werben. Belanglos igkiten zumeist Ber- betleruna von Handrücken. Legung von leie* grai'beminicn unb vor allem Forderungen von Geld. Geld unb wieder Geld Auto und Motorrad werden von allen Würdenträgern beanspruch: unb ihre diesbezüglichen Wünsche er* innem lebhaft an bie afrikanischer Häuptlinge in bezug auf Feuerwatten und Schn.ips Ln- längst war ein amer.kanischer Aulvmobilagent hier ke.ner von Ford oder den General Motors, ’onbern von irgende ner unbekannten Firma, die hier Geschäfte machen will. Die Italiener hatten chm aber bald klar gemacht, baß sie es nicht bulben würden, daß tt’u? unb so bat er es für gut befunben sich wieder auS dem Staude zu machen. Auch soll fein Paß richt ganz in Ordnung getreten fein unb man ersinn er wäre erst nach dem Äriege auS den nordöstlichen Gefilden der früheren Donaumonarchie über» große Wafer gegangen. Aber bat ist ja auch gleichgültig. Für Autos, besonber» für ital.enische Fabrikate, herrscht hier iebensallS im Augenblick eine gewisse Konjunktur. Das ist vielleicht das Wichtigste ber ganzen Parlamentseröffnung von Ti* rana
Der Fall Djuraschkowltfch ist lang,am In Ver* gessenheit geraten Die Serien erlcheinen wieder im Tenn.Sklub. und baS btplomatifax KorpS lebt in Frieden unb Eintracht Hur wäh- tenb ber sübslawifchen Dahlen wurden im Eafö auf der Terraffe die Zeitungen etwa» eifriger gelesen, unb man erzählte sich MorbSgefch.chten von neuen Aufständen in ber Herzegowina im Sandschak, der. wie zu ben Zeiten beS Doppel- ablcra unb der Türken nun auch für baS iugo* slawische Königreich ein Schandsack geworden ist. An bieten Gerüchten war kein wahres Wort. Rd- tig sinb aber diese Tartarennachrichten. denn ohne sie würbe einen bie Langewelle hier töten.
Achmed Zogu hat gesprochen, baS Parlament ist eröffnet, die Straßen sind erfüllt von den Volksvertretern, bie aus allen Tellen des Lanbes hierher geeilt sind. Tirana hat sich belebt. Aber bald wirb eS still, die Rocht finkt herab, aus der Moschee neben dem Präsitenten- valaiS hört man da- Schnarchen der Wache, unb ein rechtgläubige- Kammermitglied. baS zur Feier de- Tage- zu tief in das Gla- geguckt, schwankt, sentimentale slawische Weisen vor sich her summend, um das Wahrzeichen Albaniens, den Galgen, herum.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
D (Broßen-Cinben, 9.Oft. (Bcgcnroailig wirb bie Dl o 11 r e fl r a ß c , bie burch starten Fuhr- wcrksoerkehr sehr stark gelitten balle, in Orbnung gebracht. (Eine llcberbedunfl mit Klein,chlog unter starkem Zusatz von Teer soll in Zukunft bie seither sehr läfhge Staubentwicklung ver- hindern
§ Beuern, 9. Ott. Die hiesige Zigarrensabrik, eine Filiale der Firma Rinn & Klos (Heuchel- heim). hat in letzter Zeit Erweiterungsbauten oorgenommen, um ihren Betrieb xu vergrößern. Im Interesse ber werktätigen Bevölkerung unseres Dorfes ist diese Maßnahme sehr zu begrüßen.
ch Lich, 9. Ott. Das Hau» ber Erben bce verstorbenen Bäckermeisters Heinrich Bogt in ber Oberstadt, da» als eines der letzten mittelalterlichen chäuser mit seinem alten Erker geziert ist, ging für den Preis von 13 500 Mark an den Handelsmann Sommer von Birklar über.
«reis Artcvberg
WSN. cheldenbergen, 9. Okt. Eine 7 9 Jahre alte Frau wurde hier von einer bösartigen Sl u b aufgespießt, zu Boden gedrückt unb übel zugerichtet. Der Arzt stellte einen hoppelten 2km-, einen Bein- und einen Rippenbruch bei ber Frau fest.
flreio Büvingcn.
„?** Nidda, 9. Ort Da in unserem Städtchen, infolge seiner zentralen Lage, das Bett ei Unwesen besonders groß ist, hat der (Bemcinberat bie Einführung von Fürsorgescheinen be- schlossen wie sie von anderen Gemeinwesen mit gutem Erfolge bereits angewendet werden. Sie
Gießener Stabttheater.
Ludermann: „Tic Ehre".
Seht: wir Wilden sinb boch bessere Menschen... wir hier hinten in bei- Provinz; wir haben uns batan erinnert, baß Hermann Suber- mann. der Dichter auS Ostpreußen, in diesen Tagen 70 Iahre alt geworden ist. unb wir sanden. baß bieser Anlaß einer Detenlfeier auf dem Tcheater nicht unwürdig wäre. In Bersin hat man sich nicht erinnert, jwensalls die Theater- direttoren nicht, bie wohl im Falle Sudermann bi« nächsten dazu gewesen wären. Lind es mußte, mit Recht, darüber Klage geführt werden, daß in ber Reich-Hauptstadt — wo an einem Ro- vembertage 1889 der bis bah in völlig unbekannte Subermann zur europäischen Berühmtheit wurde — nach 70 Iähren nur ein einziges Theater ich bereit gefunden hat. an seinem Ehrentage mit einer Aufführung schüchtern ibn zu grüßen. Roch dazu ein unbedeutendes, abfeniae- Theater- chen. ganz wett draußen, in ber Klosterstraße, wohin man stundenlang ’abrci muß ... immerhin sollen ein paar Menschen stchs nicht haben verdrießen lasien. Im übrigen Deutfch- land aber hat man sich erinnert. Auch bei unS. Unb wir fpiden bie .Ehve".
Richt um des Stückes willen, sondern um des Dichters willen — darauf kommt es an. Man kann sich heute wohl keine rechte Vorstellung mehr davon machen, was jene denkwürdige Pre- miöre im alten Lessingcheater für bie Zuschauer von bamals bedeutet hat. Roch Hauptmanns „Sonnenaufgang", kurz zuvor, hatte einen Ic.een- schasilichen Kampf ber Geister für und er entfesselt. Die „Ehre" war schon ein etnmü..'.er, brausenber Erfolg. Deibe Stücke brachten, für damals, etwas unerhört Reues aufs Theater: etwas so Reues. daß man anfangs, unb noch lange nachher, die beiden Qkrfaf cr in einem Atem nannte. Bis man endlich cin ah. wie verschieden sie waren, aus wie verschiedenen Richtungen sie kamen, wie ihre Wege sich trennten ... bis man empfand, daß Sudermann gar nicht mit dem damals modernsten Schlagwort „Rattira- lismus" zu erfassen und 8U_ decken fei ... bis man gewahr wurde, was für ein romantischer Mensch der Ostpreuße eigentlich fei.
Die begeisterte Zustimmung, bie er anfangs fanb, schlug bald in- Gegenteil um. Es gab auf einmal einen .Fall Sudermann". Der Dichter ber .Ehre wurde das Ziel erbitterter, ver- biffener und gehässiger Angriffe. Man zog gegen ihn vom Geber; jedes Mittel war recht. Unb als er sich wehrte und Gegenschriften wider seine Angreifer richtete, da wurde es nicht besier. sondern schlimmer. Weil er es ungeschickt anfing und seinen streitsertigen und sattelfesten Wider lachem nicht gewachsen war.
Da- ist heute vergessen. (Die Haltung der Berliner Theater mag andere Gründe haben; man liest, daß auch zum bevor sichenden Kleist- tagc nur ganz wenige sich rüsten.) Das ist also vorüber, liegt hinter uns; wir sind ruhiger geworben. Wir streiten heut über andere Dinge. Subermann ist uns kaum noch ein Problem. Unb die .Ehre" auch nicht.
Die Leute von 1899. die in schwächlichstem Epigonentum steckten unb seit langem keinen freien und eigenen Geist mehr unter sich gesehen hatten, die mußten betroffen und bestürzt fein darüber, baß plötzlich einer vom nachsiafsisch hochtrabenden Pegasus herunterstieg, ohne den mindesten Faltenwurf daherkam und nicht einen einzigen fünffüßigen Iambus aus seiner Toga schüttelte, sondern in einem ebenso ordinären wie deutlichen Berliner Straßenjargon ben Leuten bte Meinung sagte unb ihnen etwas zeigte, wo- zuvor keiner zu sehen ober zu zeigen sich getraut hatte.
Daß cs nämlich nicht bloß lauter Schlösier und Schwerter und Könige unb Prinzessinnen. Götter. Helden und Feen in ber Welt gab. sondern auch ganz simple Menschen. Unb bie mutten davon ohne einen .edlen Charakter^'. Aber welche mit viel Gelb, und welche ohne. Welche bn Dor- bcrhaus unb welche im Hinterhaus. Aeußersich reinlich geschieden; wenn man aber genauer hinschaute. sehr unreinlich miteinander verbunden Durch lichtscheue Gemeinschaften und durch kaltes, schmutziges Geld. Schmerzensgeld für beschädigte Glieder unb für beschädigte Seelen, sind daß das. was man .Ehre" nannte, ein höchst zweideutiges. schillerndes Ding fei. daß es verschiedene Ehren gab, echte und unechte, gerade und verkrüppelte, je nachdem man sich stellte, ins Vorderhaus, oder ins Hinterhaus, je nach-
dem, ob man Gell» hatte unb kornmerzienrätliches Ansehen genoß, oder ob man kein- batte unb bloß Heinecke hieß. Dies alles offen heraus zu sagen unb ins greife Bühnen licht zu stellen, war bazurnal eine Tat. bedeutete Revolution
Heute sieht man dergleichen mit anderen Augen an; ein StoffkreiS wie dieser ist unfein« Ungeheuerl.chkell mehr, Menschen unb Dinge, wie sie hier erscheinen, hnb unS geläufig geworden. Wir werten auch künstlerisch Sudermanns Schauspiel ruhiger unb nüchterner, beim wir haben inzwischen ganz andere Revolutionen unb Umstürze des Kunstgefchmacks erlebt unb regen unS nicht mehr auf. Wir wissen .was heute noch gut und gekonnt ist an diesen vier Akten: der sichere Gritt des bühneng-Trechten Stücke- fchreiberr. der Sinn für die wirksame Behandlung sozialer und geistiger Gegensätze, die Gabe, Menschliches menschlich zu sehen unb wiederzu- geben.
Wir sehen auch, was schwach ist unb verfehlt unb was schön damals rncht mehr neu war: die Kian eir e äu \crfte Grenze get ebene Freude am Blust unb Knill unb e sektvollen Feuerwerk, die psychologischen Verzeichnungen unb Voraussetzungslosigkeiten, bas Unechte zwischen dem Echten, dolle vertriebene unb nwahrfcheinl i ch? n?b?n dem Lebendigen. DaS alles sehen wir. das alle- wissen wir; es ist oft unb immer wieder gesagt worden. Trotzdem spielen wir heute dieses Stück, um seines Dichters willen, der längst darüber hin- ausgewachsen ist.
Die Ausführung, die Goll inszeniert hatte, hinterließ zwiespältige Eindrücke; einzeln? Teile gerieten vortrefflich, vor allem der zwecke Akt. der, von ein paar Schönheitsfehlern abgesehen, präzis unb geschlossen gespielt wurde. Der folgende Auszug war schwankend unb vergatterte tn der Stimmung, well man unnötigerweise d e paar dvastisch-komischen Partten breit heraus- strich, anstatt sie umrufdringllch vorübergleiten zu lallen. Es hätte überhaupt vieles gedämpfter, gefallener unb unbetonter gegeben werden sollen; die Effekte, die Subermann vorgesehen hat, sind so beschallen, daß sie keinesfalls verpusten oder überhört werden tonnen. Im übrigen war die Regie breit, ausmalend, auf Einzelheiten nächt
offne Sorgfalt bedacht unb mit wirkungsvoll angebrachten Abgängen und Aktschlüssen wohlaus- geftatlet
Eberhard Hennig spielte den Robert H c i - necke, den ins Hinterhaus Heimgekehrten, ben ©einen Fremdgewordenen, dem Voederhaufe halb widerwillig, halb glücklich Verpflichteten. Wenn er in großen Teilen allzu theatralisch wirkte, so wird man manche- davon ohne Zweifel seiner Rolle zulchreideii müssen, wie sie nun einmal fest steht; jedenfalls bot feine Darstellung in ben ruhigen, verhaltenen Momenten da- vorrellhaf- tere Bild. Gin paar erfrischenb kräftige Aue- brüche wären bei etwas mehr Zurückhaltung und Oetonomie in bet Anlage der ganzen 'Partie schöner zur Geltung gekommen. Eine gewisse sprachliche Schärfe fiel unS besonder- im zweiten Aki auf Tanner t. der ben Staubt gegen» spielet hatte, arbeitete schauspielerisch mü sparsamsten Mitteln unb hinterließ doch ein klares unb lückenlose- Bild — Den Ehnrus machte Geste cs, er schlenderte als Gras Traft (ber von den älteren Franzosen übernommene Raisonneur und Gott aus ber Maschine, mit kühler und leidenschaftsloser ileberlcgenbr.t durch die Szenen, erzählte wohlpointierte kleine Geschichten an Sudermanns Statt und trat den Stil feiner heute schon au-gestorbenen Rolle recht verständniS- v-ll.
Dagegen griffen Gehre und Kurzhoff um einen vollen Ton vorbei unb machten aus ihren Kavalieren bllliae Karikaturen; weniger wäre hier erheblich mehr getreten. — Recht gut war Volck -Kommerzienrat, in der betont hochmütigen Unnahbarkeit unb HerzenS kälte des Emporgekommenen. — Die sympathischste Erscheinung im Stück, die jung? Lenore, bie tapfer und unbekümmert ja sagt zu thvem Her* «n. wurde von Susanne H e y m mit warmer Ratürlichkeck gespielt — Bei den Heineckes gingen Luise Jüngling (Mutter) und Alix Krahmer i2llma- mit naturalistischer Deutlichkeit in Gebärde und Wortfall durch die Stube. Golls alter Hernecke dürfte getoinnert, wenn er etwas weniger als komische Figur gegeben würde. • i
Der Besuch hätte bester fein können; der Beifall fiang nach den Aktschlüssen feßr frisch.
Dr.Th.


