Die Schlußentschadigung.
Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".
Berlin. 10. Aug. Der von der Reichs- vegierung veröffentlichte Gesetzentwurf über die Sch l u hen t s ch ä big u ng der Liquida- tivnsgeschädigten hat, wie nicht anders zu erwarten war, in den Kreisen der Geschädigten grotze Unzufriedenheit, wenn nicht gar @m= pörung hervorgerufen. Bor allem wird darauf hingewiesen, daß die endgültige Regelung der Entschädigung, wie sie in dem Gesetzentwurf vorgesehen ist, in schroffem Widerspruch zu den Zusagen steht, die von den Regierungsparteien den Geschädigten früher gemacht worden sind. Die Verbände der Geschädigten werden in den nächsten Tagen zu dem Entwurf eingehend Stellung nehmen, und dabei der in den Kreisen ihrer Mitglieder herrschenden Stimmung Rechnung tragen. Darauf wird dann der Gesetzentwurf von den gesetzgebenden Körperschaften beraten werden, von denen man hoffen darf, daß sie umfangreiche Verbesserungen der vorgesehenen Gntschädigungsvegelung treffen.
Washington, 9. Aug. (WTB. Funkspruch.) Der republikanische Senator S m o o t, Vorsitzender des Finanzausschusses des Senats, svrach gestern vor der Presse die Erwartung aus, daß die Vorlage über die Freigabe des beschlagnahmten fremden Eigentums in der nächsten Kongreß-Session erledigt werde. S m o o t fügte hinzu, der Finanzausschuß des Senats werde entgegen dem Beschluß des Repräsentantenhauses, das den fremden Eigentümern 80 Prozent zurückgeben wolle, auf seinem in den letzten Tagen fest- gelegten Standpunkt beharren, daß vorläufig keinesfalls mehr als 60 Prozent ausgezahlt werden dürften. Nach seinen Informationen hätten sich die Vertreter der fremden Eigentümer einverstanden erklärt, 40 Prozent des Wertes des beschlagnahmten Eigentums, wie vom Senatsausschuß vorgeschlagen, als Sici)erheit für eine teilweise Befriedigung der Ansprüche amerikanischer Privatpersonen gegen Deutschland in den Händen der amerikanischen Regierung zu belassen, bis 80 Prozent der amerikanischen Forderungen ausgezahlt seien.
Die amerikanische Ausrüstung.
Rapid City, 9. Aug. (WB.) Coolidge billigte das vom Marinedepartement aufgestellte Bau programm, das in offiziellen Kreisen als g e m ä ß i g t bezeichnet wird.
Teilstreik der Postbeamten in Paris.
Paris, 9. Aug. (WD.) 3m Pariser Postamt ifl es heute zu einem T e i l st r e i k gekommen. Die Postbeamten, mißvergnügt darüber, daß ihnen eine in den letzten Monaten zugestandene Zulage voventhalten worden war, beschlossen für heute nachmittag den Streik, und bei Ablösung übernahm die neue Schicht nicht den Dienst, sondern versammelte sich im Hof und beschloß, eine Delegation zum Handelsminister Dokanowski zu entsenden, dem die Postverwaltung untersteht, nachdem der Leiter des Amtes nichts unternehmen zu können erklärt hatte. Handelsminister Dokanowski stellte als Bedingung für den Empfang der Delegation die sofortige Aufnahme der Arbeit. Die Beamten sind inzwischen an ihren Arbeitsstätten wieder erschienen. Der Handelsrninifter hat daraufhin die Delegation empfangen und will, wie Havas berichtet, mit Poincar6 Fühlung nehmen.
Züdflawien und Albanien.
Paris, 9. Aug. (WTD.) Havas meldet aus Tirana, daß der französische Gesandte in Albanien den interimistischen südslawischen Geschäftsträger R i l t s ch i t s ch gestern dem Generalsekretär im albanischen Außenministerium vor» gestellt habe. Dadurch seien die normalen diplomatischen Beziehungen zwischen Albanien und Südslawien wieder £ . ,i ommcn.
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Prag, 9. Juli. (WB.) Das tschechoslowakische Pressebureau meldet aus Belgrad, daß K ö n i g Alexander inkognito nach München abgereist sei, um dort einen Spezialarzt für Magenkrankheiten zu konsultieren.
Sacco und Vanzetti.
Entscheidung Richter Thayers
D c d h a m, 9. Aug. (WB.) Richter Thayer hat es abgelehnt, das Todesurteil gegen Sacco und Vanzetti zu widerrufen und die Hinrichtung aufzuschieben.
Die Verteidiger Saccos und Vanzettis cr- klärtcn, der Wortlaut der Entscheidung Thayers, durch die der Antrag auf Widerruf des Urteils ab- gewüsen wurde, berechtige die Anwälte der Angeklagten, die Einwände ge l t e n d zu m a d) e n, die sie erhoben hätten, falls eine Entscheidung in offener Gerichtssitzung ergangen wäre. Hierdurch sei die Möglichkeit einer Appellation an den Ober ft en Gerichtshof gegeben.
Ltrafansschnb?
Boston, 9. August. (WTB. Funkspruch.) Ein neuer Strafaufschub für Sacco und Vanzetti wurde heute abend in Aussicht gestellt, als der Gouverneur erklärte, daß er den Antrag de.- Verteidiger auf Strafaufschub in Erwägung ziehe. Gleichzeitig mürbe mitgeteilt, daß die Sitzung des Erekutivrates statt am Donnerstag, bereits morgen abgehalten wird, da der Rat sich in der Frage eines Strafaufschubes zu äußern hat, falls Gouverneur Fuller damit einverstanden ist.
Ter Henker verschwunden.
Paris, 10.August. (WTB. Funkspruch). Nach emer Meldung der „Paris Times" aus N e u y o r k ist der für die Hinrichtung Saccos und Vanzettis bestimmte Henker plötzlich aus Boston verschwunden. Man nimmt an, daß er sich versteckt hat, um die Hinrichtung nicht vollziehen zu müssen, aus Furcht vor Racheakten. Trotzdem werde die Hinrichtung stattfinden, da man sich einen freiwilligen Henker besorgen könne.
( oolidge mischt sich nicht ein.
Rapid City, 9. Aug. (WTD.) In der Soiilmerresidcnz C o o l i d g e s wird nochmals daraus hingewicscn, der Präsident betrachte die Angelegenheit Sacco unb Vanzetti als eine
Angelegenheit, die lediglich von den Gerichten des Staates Massachusetts erledigt werden könne.
Demonstrationen in Neuyork.
Reu York, 9. Aug. (WTB. Funkspruch) Die Reuhorker Sacco-Vanzetti-De- monftrationen erreichten ihren Höhepunkt mit einer um 4 Tlhr nachmittags beginnenden Versammlung auf dem Union-Platz, an der sich etwa 100 000 Personen beteiligten. Die Polizei War auf den benachbarten Häuserdächern stationiert. Es wurden Flugblätter verteilt, in denen Eovlidge und F u l l e r aufgefordert werden, die Hinrichtung zu vetzhüten. Zwischenfälle hckben sich nicht ereignet.
Bombenexplosion in Chicago.
Chicago, 9. Aug. (WD.) Reuter. In dem von 150 000 Italienern bewohnten Stadtviertel explodierte eine D o m b e in der katholischen Kirche. Die Glasfenster und verschiedene Säulen wurden zerstört. Es ist bezeichnend, daß nach der Explosion überall Flugblätter verteilt wurden, in denen zu einer Protestkundgebung gegen die Hinrichtung Saccos imb Vanzettis aufgefordert wird.
Neuer Bombenfund in Neuyork.
Rcuyork, 9. Aug. (W. T. B. Funkspruch) Eine Dhnamitbvmbe mit elektrischem Zeitzünder ,der auf 11 Uhr nachts eingestellt war, wurde heute in einem verfallenen Gebäude neben einem Postamt durch einen Landstreicher entdeckt, der das Uhrticken hörte.
Berliner Kundgebungen für Sacco und Vanzetti.
Berlin, 9. Aug. (WD.) Vor der Berliner amerikanischen Botschaft sammelten sich im Laufe des gestrigen Tages Demonstranten an, um gegen die bevorstehende Hinrichtung Saccos und Vanzettis zu protestieren. Ein Schuhpolizeiaufgebot zerstreute sofort die Ansammlung. In den ersten Rachmittagsstunden wurde ein Demonstrationszug gebildet, der in Hochrufe auf Sacco und Vanzetti ausbrach. Zwei Demonstranten wurden wegen Vergehens gegen das Dannmeilengesetz verhaftet und der Abteilung la des Berliner Polizeipräsidiums eingeliefert. Ein kommunistischer Demonstrationszug zog durch die Konigsstraße. Ein Aeberfallkommando krängte den Zug schließlich in die Landsberger Straße ab, wo der Zug aufgelöst wurde.
Mussolini zum Fall Sacco-Banzctti.
Rom, 9. Aug. (WTB.) „Giornale d'Italia" meldet, daß dec Vater des zum Tode verurteilten Sacco an den Premierminister ein Telegramm gerichtet habe mit der Bitte, sich dafür einzusetzen, daß sein Sohn, von dessen Unschuld er überzeugt sei, nicht hingerichtet werde. Der Premierminister sandte an Podesta, der Heimatgcmeinde Saccos, zur Ue6ermittlung an dessen Vater eine telegraphische Versicherung, daß er sich seit langer Zeit für das Schicksal Saccos und Vanzettis interessiere und daß er alles getan habe, was mit den internationalen Gebräuchen vereinbar sei, um sie vor der Exekution zu retten.
Lustpostkongretz im Haag.
Washington, 9. Aug. (WTB) Reuter. Obwohl die Sowjetregierung durch die amerikanische Regierung niemals anerkannt wurde, ist es ihr doch gelungen, eine Einberufung einer internationalen Konferenz zu veranlassen, zu der auch die Vereinigten Staaten zwei offizielle Vertreter ernannten. Rußland, das seinen Luftdienst ausgebaut hat, ersuchte den Weltpostverein, eine Konferenz einzuberufen, in der die Fragen des Luftpost dien st es behandelt werden sollen. Die Konferenz wird am 1. September im Haag zusammentreten. Amerika wird durch W. Irving G l o v e r, den zweiten Stellvertreter des Generalpostministers, und White, den Leiter der Abteilung für Auslandpvst, vertreten werden. Wie verlautet, werden auf dieser Haager Konferenz verschiedene vorläufige Vereinbarungen getroffen werden, die bis zum Zusammentritt des 9. Wcllpostkongresses in London im Jahre 1929 in Kraft bleiben sollen. Der Generalpostmeister hat heute in einer Erklärung für die Presse ausgeführt, daß die Vereinigten Staaten u. a. für einheitliche Auflieferungs- und Tranfitgebühren für Briefe und Pakete im Verkehr mit allen Ländern, die Luftpostdienste haben, eintreten werden. Außerdem werde Amerika dafür eintreten, bis eine Einrichtung des Transozeanflug- di en st es möglich sei, einen Flugzeu g- dienst zwischen Schiff und Land einzurichten, wobei der erfolgreiche Versuch Chamber- lins zugrunde zu legen wäre, der. wie erinnerlich, zu Beginn des Monats mit Erfolg vom Dampfer „Leviathan" aus gestartet ist.
Brockdocff-Nantzau bei Tschitscherin.
Moskau, 9. Aug. (WTB.) Der deutsche Botschafter ist heute hier eingetroffen. Er wurde auf dem Bahnsteig von Vertretern des Auhenkommissariats und der deutschen Botschaft empfangen. Der Botschafter Graf Drockdorff- Rantzau hatte heute abend bereits eine Unter- redung mit Tschitscherin.
General v. Schönaich Re'kchslagskandidat?
Die „Tägl. Rundschau" teilt mit, die Deut - sch« Friedensgesellschaft beabsichtigt, sich bei den nächsten Reichstags- unZ> Landtagswahlen mit einem eigenen Kandidaten zu beteiligen. Als Kandidat wird Generalmajor v. Schönaich genannt. Die Deutsche Friedensgesellschaft will eventuell auch eine nabestehen de P a rtei unterstützen, wenn diese sich bereit erklärt, einen der Friedensgesellschaft genehmen Kandidaten auszustellen.
Vorstoß gegen die deutsche Sprache im Memelgebiet
Memel, 9. Aug. (WB.) Sicherem Vernehmen nach ist an die einzelnen Lehrkräfte des Lehrerseminars und der Aufbauschule durch das Landesdirektorium ein Schreiben gerichtet worden, nach dem in allen Fächern, mit Ausnahme von Mathematik und Zeichnen, fortan der Unterricht nur in litauischer Sprache zu erfolgen hat, obwohl durch das Memel st atu t. die Gleichberechtigung I beider Sprachen festgelegt ist.
Der deutsche Cransozeanslug.
Dessau, 9. Aug. (Wolff.) Wie das WTD. zuverlässig erfährt, werden heute die beiden Ozeanmaschinen der Iunkerswerke vollkommen auseinandergenommen werden. Es soll eine genaue Rachprüfung der einzelnen Teile stattfinden, und es sollen hierbei die bei dem großen Probeflug gesammelten Erfahrungen in weitgehendstem Maße technisch verwertet werden. Aus diesem Grunde werden weitere Probeflüge bis zum Abflug nicht mehr stattfinden. Das Dekreten des Flugplatzes ist bis Donnerstag für jedermann verboten.
In einer Besprechung mit Vertretern der in- und ausländischen Presse teilte der Leiter der Junkers- roerfe, Direktor Sachsenberg, mit, daß die Junkerswerke beabsichtigten, ein drittes Flugzeug über den Ozean nach Amerika zu schicken. Die Tatsache, daß die Postsendungen nach Amerika für den Transozeanflug sich gewaltig anhäuften, sei mitbestimmend gewesen für diesen Entschluß. Als Pilot ist der bekannte Pekingflieger Schnäbele in Aussicht genommen. Die Junkers- flugzeuge werden nicht den kürzeren Weg über Südirland nach Neufundland nehmen, sondern aus Gründen der größeren Sicherheit die Schiff- sahrtsroute entlang fliegen. Die Dampfer des Norddeutschen Lloyd und der Hapag werden den Flugzeugen bei ihrer Begegnung Tag und Nacht den Standort bekanntgeben. Es ist anzunehmen, daß alle 400 Kilometer, bestenfalls alle 200 Kilometer ein Schiff gesichtet wird.
Die Iunkerswerke haben sich weiterhin entschlossen, die Uebersee-Expebition nach Amerika von einer großen G. 31-Maschine bis nach Irland begleiten zu lassen. Das Degleitflugzeug faßt 18 Personen. Es soll eine beschränkte Zahl von Plätzen an die Presse freigegeben werden. G. 31 führt einen Sendeapparat mit, der es ermöglicht, in ständiger Verbindung mit den Landstationen zu bleiben.
Dauerflug Könneckes.
Travemünde, 10. Aug. (WTB Funkspruch.) Der Flieger Könnecke, der gestern um 18,30 Uhr mit dem Ozeanflugzeug zu einem Dauerflug ausgestiegen war. erschien von gestern 20 Uhr bis heute früh 6 Uhr fast stündlich über Travemünde. Die Rächt war sehr dunkel, die Wolken lagen tief und es regnete. Könnecke gab verschiedentlich Lichtsignale und warf wiederholt Meldungen ab, daß sich an Bord alles wohl befinde. Zur Zeit (9 Uhr Dorrn.) befindet sich Könnecke noch in der Luft.
Die Flieger Drouhin und Givon startbereit.
Paris, 10. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die Flieger Drouhin und G i o o n mit ihren Flugzeugen „Miß Columbia" und „Der blaue Vogel" sind, wie verlautet, ft a r t b e r e i t und warten nur noch günstige Witterung ab.
Der Lottsriebetrug.
Auch bei der kommenden Klassenlotterie sollte betrogen werden.
Berlin, 9. Aug. Di« beiden verhafteten Lotteriebeamten Böhm und Schlein stein haben im Laufe ihrer eingehenden Vemehmun- gen, die den ganzen Tag über gestern erfolgt) sind, eingestanden, daß sie auch bei der neuen Klassenlotterie, die heute gezogen werden sollte, den gleichen Betrug noch einmalauszuführen beabsichtigten. Damit bestätigen sich die Befürchtungen der Lotterieverwaltung, di« jedoch in richtiger Voraussicht die heutige Ziehung um ca. eine Woche verschoben Hal, um durch diese 'Maßnahme zu verhindern, daß das spielende Publikum erneut um die Hauptgewinne betrogen wird. Die General- direkiion der Lotterieverwaltung hat aus Grund des Geständnisses der ungetreuen Beamten an- geordnet, daß das große Losrad, das noch die Rummern der zurückgebliebenen Lose enthält, gestern geleert wurde. Von den 375 000 Losen befanden sich 278 000 Lose noch in der großen Radtrommel. Eine genaue und sorgfältige Zählung ergab jedoch, daß nur 277 999 Lose vorhanden waren.
Es fehlt also ein Röllchen, das sich sicherlich die beiden Betrüger angeeignet haben, um denselben Trick noch einmal auszuführen.
Für die neue Ziehung werden nun im Laufe der Woche eine Reihe von umfassenden! Vorsichtsmaßregeln getroffen, die es ein für allemal verhüten sollen, daß ähnliche Betrügereien Vorkommen können. Es werden vorläufig alle Rummern neuangefertigt werden. Außerdem soll jedem Spieler das Recht zugestanden werden, bei Einschüttung der Röllchen in die Trommel zu verlangen, daß seins Rümmer chm gezeigt wird. Diese Maßnahme soll die Gewähr dafür bieten, daß keine Qium» mer unter den eingeschütteten fehlt und so der Spieler seiner Gewinnchance oerLuftig g<*fjt.
Es wurde festgestellt, daß das Lotterielos 330672 schon vor der ersten Ziehung von den betrügerischen Beamten beseitigt und durch ein anderes Los ersetzt wurde. Hiernach muß die Gültigkeit nicht nur der vorigen, sondern auch der jetzigen Ziehung der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie angezweifelt werden, da von der ersten Klasse auch ein Los gefehlt und ui anderes Los doppelt vorhanden gewe- fen ist. Aus den weiteren Vernehmungen konnte festgestellt werden, daß die betrügerischen Lotteriebeamten
Lose durch ihre Frauen unter Decknamen spielen
ließen. Von den veruntreuten Geldern fehlen bisher noch 20 000 Mark, die Böhm, wie er angibt, auf einem Autobus von einem Taschendieb gestohlen worden sein sollen. Wie die „Vossische Zig." hört, werden die veruntreuten 225 000 Mark auf alle Fälle noch einmal zur Ausspielung gelangen. Es wird erwogen, die Nieten der fünften Klasse der vorigen Ziehung, die in versiegelten Päckchen liegen, noch einmal in gesonderter Lotterie zu ziehen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, daß alle diejenigen, die bei der fünften Klasse der vorigen Ziehung Nieten gezogen haben, ihren Einsatz erhalten, so daß sie einen nachweisbaren Schaden nicht erleiden.
Der Fall des Loikeriekollekleurs 3 u f) r e ist vollständig getrennt zu betrachten. Der Kollekteur war auf Grund guter Empfehlungen eingestellt worden. Er war nicht, wie von einzelnen Zeitungen gemeldet wird, vorbestraft. Die Ge
neraldirektion hat ihn sofort entlassen, als er Schulden machte.
Der Finanzminister hat angeordnet, daß eine Llntersuchung des gesamten Materials bei der Generaldirektion der Preußisch-Süddeutschen Klas- senlotterie stattfindet, so daß gegenwärtig zwei Untersuchungen in der Lotterieangelegeüheit erfolgen.
Die eingehenden Untersuchungen, die von dem Staatsanwaltschastsrat Zimmermann geführt wurden, sind nunmehr abgeschlossen worden. Die beiden Verhafteten wurden dem Vernehmungsrichter am Polizeipräsidium vo^eführt, der sie sofort nach Moabit bringen ließ.
Die entgangene Gewinnchance noch einmal geboten.
Berlin, 10. Aug. (WTB- Funkspruch) Voraussichtlich wird nach Klärung des Betruges der beiden Beamten, dem „Berliner Tageblatt" zufolge, die Lotterieverwaltung den Spielern die entgangene (Seance noch einmal bieten, indem außerplanmäßig ein weiterer Gewinn von 100 000.— Reichsmark für die kommende Lotterie gewährt wird, und zwar auch in der Hauptklasse.
Schwere Unwetter.
Elberfeld, 9. Aug. (WTD.) Gestern gingen über dem Bergischen Land heftige Unwetter nieder. In Barmen wurden durch den wolkenbruchartigen Regen verschiedene Straßen unter Wasser gesetzt und die tieferliegenden Keller und Hausflure vereinzelt überschwemmt. Im Stadtteil Wichlinghausen stand das Wasser einen Meter hoch in den Kellern, so daß die Feuerwehr in Tätigkeit treten und die Keller auspumpen mußte. Auch in den Gärten wurde durch die Wassermengen und Hagelschlag großer Schaden angecichtet. In Ronsdors und Remscheid gingen ebenfalls starke Gewitter nieder und richteten großen Schaden an An einigen Stellen schlug der Blitz ein, ohne jedoch nennenswerten Schaden zu verursachen. Die Barmer Bergbahn hatte durch Derschlam- mung der Gleise eine anderthalbstündige Ver kehrsstörung.
Rordhausen, 9. Aug. (WB.) Vergangene Rächt gingen über die Gegend des Südharzes und des E i ch s f e 1 d e s schwere Unwetter nieder. In viele Gebäude schlug der Blitz ein. Die Telephonleitungen wurden zum größten Teil zerstört. Daher läßt sich der Schaden in seinem vollen Umfange bis jetzt noch nicht überblicken. In Sollstedt, Brande rode und Berga brannten Wohnhäuser, Stallungen und Scheunen mit vielen Maschinen und Erntevorräten nieder. Der Schaden an Groh- und Kleinvieh ist bedeutend. In das Sägewerk der Finna Vogel in Sorge im Harz schlug der Blitz ein. Das Werk mit großen Holzvorräten und sämtlichen Maschinen brannte nieder.
WSR. Heidelberg, 9. Aug. Bei den gestern hier und in der Umgebung niedergegangs- nen vielfachen schweren Gewittern wurde an den Tabakpflanzungen außerordentlich großer Schaden angerichtet. In einzelnen Gemeinden scheint die ganze Ernte vernichtet zu sein. Der Schaden, der an 6er Tabak- und an der sonstigen Ernte angerichtet wurde, wird auf eine halbe Million geschätzt.
Schwere Explosion in Magdeburg.
Magdeburg, 9. Aug. Heute vormittag ereignete sich ein schweres Explosionsun- g l ü ck auf dem früheren Fort 10, wo eine Feuerwerksgesellschaft einen Betrieb unterhielt. Die Werkstatt ist in die Luft geflogen. Die Dächer der umliegenden Fabriken und Wohnhäuser sind w i e von einem Sturm abgedeckt, sämtliche Fensterscheiben sind vollkommen zertrümmert. Die Inneneinrichtungen der Wohnungen sind zum größten Teil vernichtet. Zementblöcke von mehr als einem Zentner Gewicht wurden dreißig und vierzig Meter fortgeschleudert. Die über 1,50 Meter starke Decke des Forts ist fast vollkommen zertrümmert. Von den Bäumen, die auf dem Fort stehen, ragen nur noch halbe Stämme in die Luft. Bei dein Explosionsunglück wurden zwei Italienerinnen ganz leicht verletzt.'Bei der Feuerwerksfabrik waren noch drei Italienerinnen beschäftigt, die überhaupt nicht verletzt worden sind. Die Leiche einer bisher vermißt gewesenen deutschen Arbeiterin wurde jetzt ungefähr 30.Meter von der UnfaUfteUe entfernt in verkohltem Zustand gefunden.
Aus Aller TBelt
170 000 Mark Geldstrafe.
Wegen umfangreicher Wein- und Rumschmua- geleien verurteilte das Hamburger Landgericht zwei Weinhändler zu insgesamt 170 000 Mark Geldstrafe.
Brutale Behandlung von vier Palästina- Auswanderern.
Aus Marseille wird gemeldet: Vier Bürger von Palästina wollten nach "Amerika auswandern, konnten aber die Einreiseerlaubnis nicht erhalten. Durch Vermittlung eines Landsmannes und nach Zahlung von 40 000 Franken kamen sie auf einen kleinen Dampfer, der am 4. Juli nach Dran abgebt. Unterwegs wurden die vier Auswanderer ihrer Habe beraubt, ohne Nahrung und Wasser gelassen und schließlich, nachdem das Schiff den Hafen von Dran verlassen hatte, über Bord geworfen, indem man ihnen erzählte, man sei in der Nähe von Buenos Aires. Die vier Palästinabürger wurden von Schiffern aufgenommen und nach Marseille zurückgebracht. Gegen den Dampfer „Cette" ist eine Untersuchung eingeleitete worden. Das englische Konsulat hat sich der Sache angenommen und Klage eingereicht. Zusammenbruch eines Marklgebaudes in Schanghai.
Nach einer Agenturmeldung aus Schanghai sollen bei einem Zusammenbruch eines Marktgebäudes in der Eingeborenenstadt Schanghais 60 Personen getötet und ungefähr 1000 verletzt wovden sein. Sämtliche Toten und Verletzten sind Chinesen. Der Einsturz des Gebäudes ereignete sich ganz unerwartet, während tausende Personen beiderlei Geschlechts und jeden Alters sich auf dem Marktplatz befanden.
Wettervoraussage.
Zunächst noch unbeständig, wechselnd wolkig mit Aufheiterung; etwas kühler und einzelne Schauer- regen.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum: 24 Grad Celsius; Minimum: 14 Grad Celsius; Sonnenschein- dauer: 6,45 Stunden.
Witterungsaussichten für Freitag: Vielfach aufheiternd und meist trocken.
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