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Nr. 58 Zweites Blatt

Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Donnerstag, 10. März 1927

Die nationale Wendung der deutschen Literatur.

Denn die Dichtung eine« Volles höchster Au-Druck seines nationalen GdornUolllenS sein soll, repräsentativ für seinen Ausstieg, zielsetzend im Niedergang. Sammelpunkt cUcr treibenden Kräfte. so wirb die deutsche Dichtung der letzten Jahrzehnte dieser Degriss-seyung in keiner Weise gerecht. Sei« langem Sammelbecken französischer russischer, nordischer Einflüsse. Tummelplatz well- anschaulicher, sozialer und politischer AuSein- anderseyungen und schliehlich noch der lieber» schwemmung durch ein ungewaschenes Welt» und Menlchh<itsgcsühl östlicher Prägung preisgege­ben. ist sie für das DelkSganze langst gleichgültig geworden, bedeutungslos, wo immer um das Wirkliche und Eigentlich« gelebt und gerungen wurde. Es ift eine schlimme Selbsttäuschung man­cher Schriftsteller, in deren Werken sich die Q3c- we^ungen der Zeit widerspiegeln, wenn sie meinen, sie führten die Zeit so wie Wieland. Herder. Schiller sie geführt haben.

Es mag schwer genug sein, unter diesen Tat­sachen doch auch die Anzeichen einer Wendung zu erkennen. Wenn die Süddeutschen Monats­hefte lMünchen) ihren .Meisterwerken der russi­schen ErzählungSkunst" und .Meisterwerken her italienischen ErzählungSkunst" mit denen sie vor mehreren Jahren da« ru'slsche, da- italienische Gesicht vergegenwärtigen konnten, heute ein Heft .Heimat und Volk. zeitgenössische deutsche ®r- zähler" (Februorhcfi 1927) zur Seite stellen, in dem zum erstenmal wieder die Linien beS deut­schen Gesichts nachgezogen werden, so ist da- nicht nur im Sinne eine» sich wandelnden Tatsachen- bilde- bedeutsam, sondern auch im weiteren Sinne einer künftigen Schicksalsverbindung zwischen dem Weg des deutschen Volkes und dein Weg feiner Literatur. Wie e- im Vorwort der Schriftleitung beißt, soll dieses Heft .für eine neue künstlerische Gesinnung zeugen. die unS alle angeht, für eine Wendung, die noch einmal die deutsche Literatur als wirkende Kraft am Gesamtschicksal der Nation erscheinen läßt Langsam und in der Stille ist eine Dichtung herangewachsen, die wieder natio­nale Verpflichtung im besten Sinne in sich trägt i nicht, als neue Richtung unter vielen anderen, nicht als Ziel und Programm der heute Zwanzig­jährigen. denen die ZweiunDzwanzigjährigen schon veraltet und reaktionär dünken; sondern als orga- nischc Wiederkehr der Formkräfte, wie sie von jeher für da- Veste und Eigentlichste der Völker zeugen konnten und der Zeiten. Diese Kunst steht den Ismen fern, sie ist nicht organisiert in einer Gruppe, einem Bunde, einer Schule, um eine Zeitschrist, sie geht au- allen LanDschaften, au- allen Lebenslagen und Lebensaltern hervor. Ihr Wesen drückt sich darin auS. daß sie an- zweifel- hasten Fernen der Menschlichkeit in die natur­gegebenen Bindungen zurückgekehrt ist. und daß sie andererseits sich vom Beschaulichen, in sich Gekehrten, von der Selbstzufriedenheit der reinen ZustandSschilderung und DeS in sich beschlossenen Schicksal- entfernt ßat; wohl ist sie auS der Heimatkunst älteren Stils hervorgegangen, aber sie strebt auS der Enge dieser Heimatkunst in weitere Zusammenhänge, stellt im einzelnen das Allgemeine dar. im Individuellen da- Verpflich­tende. im landschaftlich Debuirdenen da- Gesamt­deutsche. So wenig die Menschheit chr Nährboden sein kann, so wenig auch irgendwelche örtliche Umgrettztheit und Beschränktheit: vielmehr die in den Urzusommenhängen -wischen Gott, Natur und Mensch neu begriffene und erlebte Volkheit."

Nach all dem kommt es bei den einzelnen Beiträgen, deren gemeinsame- Wesen aus einem Vergletch mit der al- Gegenstück gedachten Win­tergeschichte de- Schweizer Heimatdichters Mein­rad Ciencrt .Die Füchse" besonder- deutlich er­kennbar wird, nicht in erster Linie auf die rein künstlerischen Qualitäten an. obwohl etwa von HanS Friedrich BlunckS Erzählung die .Wiede- witte" durchaus zu erwarten steht, daß sie ein­mal dem bleibenden Bestände des deutschen Schrifttum- beigezählt werden wird. Neben die­sem Meisterstück moderner Naturbeseelungrunden die entzückenDe Kindergeschichte von Manfred HauSmann .Dmje Arps" und die beiden, auf die mythischen Kräfte de- Volk- gegrünDetcn Erzählungen der Grenzlanddeutschen Hans Watz-

Gießener Stadttheater.

(Gastspiel des LandcStheaterS:Fidelio".

Bis in feine letzten Lebensjahre hat sich Beet­hoven mit Opemplünen getragen. aber zur Vollendung hat er nur ein Werk gebracht: .Fi­delio". Meist scheiterte sein Vorhaben an den Werten; er suchte das Drama unD bekam Opern.

Einem Mozart wäre es vielleicht eher mög­lich gewesen, aus diesen Opernftoffen unvergäng­liche Werte zu formen, sein Schaffen war dem Tert sachlich hingegeben, er hätte sevbst aus Nebensächlichem Bleibende- erstehen lassen können. Ander- bei Beethoven. Ihn beherrscht die Welt des Stho-, er dient der sittlichen Idee, sitt­liche Verantwortlichkeit bewegt ihn. Und da konnte in ihm kein Stoff mehr Resonanz weckev als da- Leonore-Florestan-Drama, das Hohe­lied der Dattenliebe. ES ist also kein bloßer Zufall, daß wir die Bearbeitung des ethisch am höchsten stehenden Opernstoffe- gerade Beethoven verdanken.

Hier fand er den Menschen im Kampfe mit feinen Trieben, in rücksichtsloser Hingabe an daS vorgefaßte Ziel: Menschen, die das Alltags­maß überschritten in der Durchsetzung ihres Wol­len-, sei eS zum Guten fei eS »um Bösen ge­richtet : Freiheitsdrang, Treue und Rachgier.

Gewiß sind auch im .Fidelio" opernhafte Zuge; einzelne Szenen des ersten Akte- mögen Zeichen de- Buffostile- tragen; und dennoch wird durch sie nicht gerade im Kontrast eine Steigerung der Grundidee deS Werkes gegeben?

Daß Beethoven selbst die Schwächen des Tertbuches wohl erfannte, beweisen die Um­arbeitungen. sie zeigen aber auch die innere Weiterentwi cklung beS Meisters, eine Vertiefung der dramatischen Züge, die ausgeprägte Schärfe der SpraLbehandlung. die Wettung der Aus­drucksmittel.

Mit welcher Selbstkrttik er am Werke schuf: .UebtigenS ift die ganze Sache mit der Oper die mühsamste von der Welt, denn ich bin mit dem meisten unzufrieden und es ist beinahe kein Stück, wovon ich nicht hie und da meiner jetzigen Unzufriedenheit nicht einige Zufriedenheit hätte anflicken müssen."

lick (Feindschaft der Toten) und Joses Friedrich Perkonia (Die Geschichte des Dorfes DoUna» diese- Heft zu einem Gesamteindruck, der nicht

I nur die Kreise der literarisch Interessierten, son- dem die weiteren Kreise derer betrifft, die sich um da- Schicksal des demschen Geiste- sorgen.

Passagieren belaßene Handwagen. Hier in diesem Bcttlerlandc. wo die menschliche Arbeit unendlich billiger, al» die Arbeit der Tiere und Maschinen ist. schleppen schmalfchultrig« Kulis auf ihren Hand> wagen Berge von Lasten, wobei ß« bei Anhohen und Wendungen durch furchtbare, tieriswe, weit über die Stabt hinschallendc Laute sich selbst zu ermuntern versuchenChe-acho . Cheacho .."

Tie Schutzleute, die vor reichen Passanten in seidenen Cdalats kriecherisch dienern, schlagen mit ihren Stocken unbarmherzig auf die armen Kuli» ein, rächen sich an ihnen für all die Plage, die sie leibst erleiden mußten. Don überall dringt Geschrei, Winseln, Brüllen und inmitten diese; Värtn» walzt sich, einer Lawine gleich, alle Straßen. (.Raffen und Winkel erfüllend, eine unübersehbare Volks­menge vorbei, vorbei an den cnNoien Standen, Läden, Garküchen alles in ollem den Eindruck eine» Riesennivrktes heroorrufend. Eine fast sakrale 'stutze herrscht allein bei den Geldwechslern, die in 'tzren kleinen Läden stets emsig rechnen, tiefsinnig über ihren Rechenbrettern geneigt, aufmerksam be­trachten sie jede Silbermünze, prüfen sie mit den Zähnen, Flappern sachlich mit den Kassetten und hätscheln die zahllosen Geldscheine, die ihnen Macht und Gewalt über ihre notleidenden, armseligen Mit- brüber verleihen . . .

Doch auch in der Ehinesenstadt gewahrt man schließlich überall Anzeichen der neuen Zeit, der Zivilisation: abend» sind die Hauptstraßen Peking» elektrisch erleuchtet. Don Girlanden umwundene Lampions schmücken die Fassaden der Geschäfte und Läden, während im scharfen Lichte die goldenen Hieroglyphen der chinesischen Schilder noch effekt­voller als am Tage beroortreten. Die Menge auf den Straßen ist nun womöglich noch dichter qe- morden, sic überschwemmt Bürgersteig und Fahr- weg«, hie und da langsam vor den rafenben Auto- mobilen der Ausländer zuruckweitt)eiib. An den Straßcneifen geben Akrobaten und He^enkünstler ihre Kunststücke zum besten. Durch betäubendes Trommelschlagen locken sie das Publikum an. Herz­zerbrechend jammern die Bettler, den Dorübergehen- den ihre verstümmelten Glieder und furchtbaren Wunden norrocifenb. Resigniert und in ihr Schick­sal ergeben, verprügelten Hunden gleich, bewegen sich die Massen der Kulis durch Straßen und Gafftn.

Die gante Nacht bricht der Lärm in Peking, der ..nördlichen Hauptstadt", nicht ab. Nur gegen Mor- gen scheinen die Stimmen etwas müde und leiser zu werden. Die Straßen und Gassen füllen sich fetzt mit Bauern aus den benachbarten Dörfern, die in riesigen geflochtenen Körben, Gemüse in die Stabt tragen. Hie und da kreischt eine zweirädrige, mit einem eigensinnigen Esel bespannte.Arba". Du Dämmerung weicht. Monoton heult der Wind und aus irgendeiner Gaste, wo ein Esel mit seiner Last nicht weiter kommt, schallen harte Peitschenhiebe und der nasale Anruf des Treibers:3ogu . . . 3agu . .

Verein für bas Deutschtum im Ausland.

Der LandeSverbanb Hefsen-Darm- ftadt des Verein- für das Deutsch­tum im Ausland hielt am Sonntag feine diesjährige Jahresversammlung in Frankfurt a.M. ab. Am Vormittag fand zu- nächst eine DorstandSsihung statt, die sich mit dem Voranschlag für daS Rechnungsjahr 1927, sowie den vorbereitenden Anträgen für die Dor- stanbswahl befchäfttgte. Hieran schloß sich ein«

Tagung der Schulgruppenleiter

an. Der Vorsitzende. Professor Hüthwohl- Darmstadt, eröffnete dieselbe und machte zunächst einige geschäftliche Mitteilungen. Die Ar­beitsmöglichkeit des V. D. A. in der Volksschule wurde einer eingehenden Be­sprechung unterzogen. Die Verhältnisse, wie fi<* an den höheren Schulen besteben, lassen sich nicht ohne weiteres auf die Volksschule übertragen: hier ist die finanzielle Leistungskraft der Eltern zu beruckfichtigen. Die materielle Seite der V. D. A.-Arbeit soll aber gar nicht in den Vordergrund gestellt werden, sondern die idealen Gesichts- punkte müssen ausschlaggebend fein, um alle Kreise des deutschen Volkes für die Ziele des V. D. A zu gewinnen. Sr ist eine Gemeinschaft aller Deutschen, ohne Rücksicht auf politische, religiöse oder Standeszugehörigkeit. Seine Tätigkeit soll allein dem bedrängten Deutschtum in der srem-

Der verzauberteWarnungsmann

Don Mar Iungnickel.

Wenn ich mit meiner kleinen Tochter durch den Lenzmorgen spaziere, die kleine Hand wil­lig in meiner Hand, dann fühle ich. wenn wir an die blumenwilbe Wiefe kommen, plötzlich, wie ein Ziehen und Zucken durch die Kinderhand geht. Und vogelfchnell ist bas kleine Ding über Den kleinen Zaust geklettert und beugt sich jubelnd über Himmelschlüssel und Gänseblümchen wie eine lauchzende Fermate über ein selige- Lied. Aber nach einer kurzen Weile biegt um di« Gdc «in schnurrbartflatterndeS, stockfchwingendes Wamungszeichen. Unter einer amtlichen Schirm- mußc brummen und kreischen besehlerische Worte. Und verschüchtert, ängstlich verläßt das Heine Mädchen das blühende Spielzeug und legt wie­der furchtsam ihre Hand in die meinige. Das war vorgestern. Und heute? Ach heute war s ganz anders.

Sie sitzt wieder unter den Blumen. Um di« ®de fegt wieder der polizeigewaltige Haltepunkt.

~ Und dal?--Da bleibt mein Heine#

Mädchen ruhig sitzen. Ein psisfiger. spitzbübi­scher Blick leuchtet in ihren Augen auf. Sie greift eine ganze Hand voll Blumen und trägt he. alS ob nichts geschehen wäre, steil vor sich hin, Dem alten Warnungsrnann entgegen. Jetzt lieht sie vor ihm, reicht glücklich tuenD, mit einem leinen Anflug von Angst, Den Blumenstrauß zu leinen alten Händen hinauf, die einen Ordnungs- fnuppel umkrampft haben.--Der Alte weiß

nicht, was er sagen soll. Sin« große Wandlung Seht 'n ihm vor. Sein Beamtenherz stülpt sich langsam umständlich eine bunte Narrenkappe auf. Seine befeßtetifjben Hände nehmen unsicher auS den Kinderhänden den frühlingssrommen Blu­menstrauß. Der wild«, schwarze Haltepunkt er­schimmert zu einer Gnadensonne. Das schnurr- bartslitternde WarnungSzeichen wird ein inniger Noten köpf. Und nun geht er, voll von Glück, ohne ein Wort zu sagen, seinen DewachungSgang um die Wiese weiter. Er hat ganz vergessen, daß er einen Stock hat und eine dicke Dienst­anweisung und vierzig penfivnsberechtigte Jahre. Sein Herz ist verzaubert von der schelmischen Weisheit irrem er kleinen Tochter.

Peling - China; nördliche Hauptstadt.

Don C. Urban.

graue, von her chinesischen Mauer umacbene Hütten- stadt der Erde gleich gemacht und oft bebecfic der 3anb Der mongolischen Wüsten einem riesigen Totenhügel gleich die ihrer Häuser und Hutten beraubte Hauptstadt. Doch unabänderlich wuchs aus Öen Feuersbrünsten und Zerstörungen jedesmal ein neues Peking auf, ein getreues Abbild des alten. Unö heule noch gleicht diese nördliche Hauptstadt Chinos einem altertümlichen mongolischen Noma- benlager, einem altchinesischen Riesendorf, das von drei Reihen Mauern umgeben ist.

3m Zentrum der Siedlung umgibt eine hohe Steinmauer die frühere Residenz der Bogdychane der Sohne des Himmels die ,.D e r b o t e n e Stadt". An ihren Toren halten chinesische Soldo- ten Woche, gekleidet in unförmige, mit grauer Hede wattierte flriegsuniformen, bewaffnet mit über den Rücken hängenden Gewehren. An derselben Pforte, neben der kleinen Wachstation, warmen sich die 21b-

löfungsfolbaten durch Tanzen. Springen und Dol­gen. In deroerbolcnen Stadt" ist cs still und öde. Staubwolken wirbeln durch die hohen, verlassenen Alleen. Hart tönen die Schritte der seltenen Fuß­gänger und das Echo gibt den Scholl der nalalen Sprachlaute der Solbalen und Wächter verdoppelt wieder. Sie belustigen sich in den Vorhallen Der weiten Paläste und in Den Sommerlauben am Würfelspiel und sind gleichgültig an der sie um- gebenden historischen Pracht.

Hier im totenstillen Schloß lebt heute der Präsident der chinesischen Republik, während in Den hinteren Gebäuden Das ständig aufgelöste und immer wieder yifammenbtrufene Parlament zu tagen pflegt. In einem der oerbor genößen Paläste jedoch lebt in großen Ehren --der chinesische Imperator, der vor kur- zom seine Dolljahrigkeit gefeiert hat. Er verfügt über einen zahlreichen Harem, eine große Anzahl Eunuchen und---über gar keinen (Einfluß.

Auch hinter dieser hohen Mauer ist bereits der Wir­belwind der Neuzeit gedrungen. Ja, im vorigen 3aßre bereiteten selbst die Eunuchen dem jungen -Kaiser viel Moleste, indem sie einem allgemei­nenStreik der Hausangestellten" beitralen und höhere Gehälter verlangten ...

Diele Schlösser sind nach bolschewistischem Vorbild in Museen umgemanbeU worden. So gelang es, wertvolle Denkmäler chinesischer Kultur vor der $krnid)tung zu bewahren. Hier befinden sich nun die ältesten Schöpfungen der chinesischen Malerei- und Iuwelierkunst, die berühmten Peking- schen Teppiche und anderes mehr. Das Aeußere dieser Schlösser setzt jeden Besucher in Erstaunen durch künstlerischen architektonischen Schmuck, durch seinen Reichtum an Marmor, bunten Mosaiken, In- frußierungen, Vergoldungen und feinste Schnitz- arbeiten. Einige breite Marmorstufen führen zu dem Haupteingang des Thronsaoles. Unter einem aus lichter, blauglasierter Emaille geschmiedeten Dach mit scharf emporsteigenden vergoldeten Ecken, wächst das Gebäude gleichsam aus dem Marmor- hoben herein. Umwunden von einem Netz fein­sterMarmor - Spitzen", prunken Die Wände mit ihren hellblauen, in mattgoldene Medaillons ge­faßte, Fresko-Malereien, während sich an anderer Stelle, aus leuchtenden Edelsteinen zusammen- gesetzte Mosaik effektvoll abhebt. Aus Schritt und Tritt erblickt man^Phantasiebauten Der Bogdychane: zweistöckige, in Form von Schiffen erbaute Pa- v'llons, aus ganzen Marrn orblöcken zusammen, gestellt, auf den Höfen gigantische Statuen sym- volischer Tiere und Ungeheuer aus Marmor ge­weißelte Storche, Schildkröten, Löwen und Drachen darstellend. Beim Haupteingang in den Thronsaal befinden sich riesige Urnen, wo den Ahnen der göttlichen Dynastie" Dpfcrgabcn hergebracht wer- Den mußten. Schwer und bedrückt wird unwillkür- Uch das ^>rz beim Anblick all dieser beispiellosen Pracht und dieser prangenden Schlösser, die im Has.

stschcn Lande der Sklaverei und Armut aus dem mit Menschentränen jo überreichlich genetzten Boden emporgefproffen sind....

Eng jm die verbotene Stad, schließt sich die massive Festungsmauer des Votschafierquaniers an. das von einem tiefen Graben umgeben ift. In die Mauer sind riesige eherne Irre mit steinernen Wach türmen eingefügt, die von ausländnchcn Wachposten streng bewacht werden. (Eine völlig andere Welt, ein sremdes despotisches Machtbereich beginnt hier. Aus den dunstigen, engen chinesischen Gaffen mit ihren armseligen, bettdhaften Bewohnern gelangt man unerwartet in eine völlig europäische Um­gebung. Beim Anblick der von lieblichen Gärten um­gebenen prächtigen Villen, der rcichausqeßattcten Geschäfte, der hohcitsvollen Gesand-lchaslsgebäude und Banlen glaubt der Wanderer faß auf einen anderen Planeten versetzt zu sein. Weich rollen auf dem sorgsam asphaltierten Pflaster glänzende, von eleganten Frauen gelenkte Autos dahin. Aus den GesanDtjchaftsgebäubcn treten smart gekleidete Ladys und stattliche Gentlemen hervor. Ein unnacfwhm- lidjcs Raffinement europäischer Kultur geht non ihnen aus. Ueberall schallt hier sorgloses Lachen und Scherzen an das Ohr des Fremdlings. Nur jenseits, nur hinter jener von Wachtposten streng bewachten hohen Mauer grinst grauenhafte No, und schreiendes menschliches Elend.

Zwischen dem Gesandtschastsviertel und der Stadtmauer liegen der Bahnhos und der Haupthan delsplatz der chinesischen StadlTschin Men" ein gezwängt. Hier beginnt das eigentliche Peking. Von dem Platze Tschin-Mcn siihrt ein kompliziertes Netz enger, gewundener, schiefer Gassen ms Weite. Die grauen Mauern sind bedeckt mit Hieroglyphen und bunten Reklameschildern von Garküchen, Teebuden und Straßenhaiibroerfcrn. Spitze Treppen-Dächer mit ausroärtsgebogenen schwarzen Ecken ragen stumm in die ^ohe. Unter der Menge erblickt man die schwarzen, seidenen Röcke der reichen Ehincseu, geschmückt mit reichem Pelzwerk, neben den schwarz- blauen und braunen, von Sonne und Wind oer- wetterten Lumpen der Kulis. Alles durcheinander. Farbige Schilder mit grell-goldenen Hieroglyphen, reihenweise aufgehängt, pendeln im Winde hin und her.

Alles schreit, svricht, gcsttkuliert im Gehen. Ver- schiedenarttgster Cärm füllt die Straßen. Laut schwatzend geht eine Gruppe junger Chinesinnen in Hellen seidenen Hosen und Blusen vorüber. Un­natürlich bemalt, mit grelltoten Wangen und Lip­pen, stark gepudett, mit langem, glattzurückgekämm- ten glänzend-schwarzem Haar, das mit goldenem und silbernen Schmuck und bunten Bändern geziert , schreiten sie auf ihren Miniaturfüßchen schwan­kenden Schritts über das unebene Pflaster der Stra­ßen, gleich hellen Blüten auf schwankendem Sten­gel. Der unsichere, kokette Gang der jungen, ihrer Reize naiv bewußten Schönen sieht von weitem rührend aus. In der Nähe aber, geschmückt und bemalt, kommen sie einem wie junge dressierte Zie­gen in einem Zirkus vor . . .

Undefinierbare, den Geruchssinn anwidernde Dämpfe entströmen den chinesischen Garküchen. Im Vordergründe jeder dieser Straßenküchen befindet sich ein aus Lehm erbauter Ofen mit eingemauertem Kessel. Halbnackte Köche sieht man hier aus allerlei Gemüse- und Fischabfällen ..Delikatessen" Herstellen. Dor den Blicken des Publikums versenken sie ihre schmutzigen, schweißigen Arme bis zur Schulter im rohen Teig, formen aus demselben allerlei Pa­steten. während der Dunst in dichten Schwaden Die dunkle, von hungrigen Äulis angefüllte Küche um- Zieht, die gierig die ihnen gereichten Gerichte her­unterschlingen.

Das Straßenleben betörend und verwirrend. In der Milte der Straßen drängen sich durch die dichte Menge mit lauten Rufen die mit Stroh- fanbalen beschuhten Lampazo (auf ihren Schultern Reiter" tragende Kulis), knarren die chinesischen zweirädrigen Wagen, ziehen Kulis, sich unter Den Deichseln biegend, zweirädrige, mit Dutzenden von

Peking blickt auf «ine bunte Vergangenheit zu- rück. Mehr als einmal haben die nomadisierenden Mongolen und kriegerische Mandschurenfcharen diese

von

Samt

Der Schwerpunkt Des ganzen Werke- lag für Beethoven in Der Quartettfzene Des zweiten Aktes, wo Die Impulse Der verfchieDensten Rich-

Zuerst ftvckenD. ahnen D beim Auftreten Leo­nores im Quartetlkanon (Der in Der Aufführung von Den einzelnen sehr fein charakterisiert würbe«. Dann in Den unbezähmlen Ausbrüchen Der Rache Przarrvs. zum Höhepunkt in Der großen Arie Leonores aufsteigenb.

tung: Freiheitsliebe, Gattenliebe unD Rachgier, in höchster Gespanntheit sich entlaßen. Hier steigert sich sein Schassen zur Ekstase

Die Aufführung Der DarmstäDter war, was Die musikalische Seite anbelangt, ein Ereignis im Gießener MusiHeben. Dem Orchester ist gerade in .Fidelio" ein wichtiger Anteil am Ganzen Vorbehalten. Was Die einzelnen Kräfte des Or­chesters zeigten, war geradezu hervorragend, be­sonders Die Bläser leisteten Ausgezeichnetes. So wurDe Die Dritte Lconorenouvertüre zum instru­mentalen Höhepunkt, so schlechthin vollenDet wirD man sie nur selten zu hören bekommen. DaS ist ein ganz besonDercs DerDienst Des musikalischen Leiters Joseph R o s e n st o ck . eines Dirigenten mit hohen Gaben. Der Der ganzen Aufführung Wohlausgeglichenheit unD Stil verlieh, besonders Die Ensembleszenen waren sehr charakteristisch herauSgearbeitet. Die Ehöre des ersten unD zweiten Finales waren Hangvoll unD befonDers der Eigenart Der Szene angepaßt.

Musikalisch auf gleicher Höhe standen Die Vertreter Der Solopartien, stimmlich Dagegen WurDe nicht Durchweg GleichwerttgeS geboten. Einen in Spiel unD Gesang sein gesitteten Rocco gab Heinrich Hölzlin: Johannes Bischoff (Pizarro) legte starkes Gewicht auf Die Aus- Deutung Der Dramatischen Alzertte: Gotthels P i st o r s Florestan wirkte mit stimmlicher Kraft in der Kerkerarie. Charlotte Massenburg betonte mehr Das Weibhafte als Das HelDische in Der Auffassung Der Titelrolle. unD brachte besonders im zweiten Akte beachtenswerte Höhe­punkte. Iaquino sand in Eugen Vogt einen guten Vertreter in Spiel unD Stimme, feine Partnerin alS Marcelline war Margarete Al­brecht. 3IfreD Karen war ein Minister voll Menschenliebe und Würde: recht angenehm Han- gen die Stimmen Der beiden Gefangenen (Rudolf Strzeletz unD Karl Sbert).

Wenn auch .Fidelio" gewöhnlich nicht als Kafferwper gilt (Das volle Haus bewies für Gießen allerDinas Das Gegenteil), so ist der Kunstwllle des TheaterintenDanten um so höher anzuerkennen. UnD es gab keine würdigere Er­gänzung zu Den bevorstehenden Becthovenfeiern als die Aufführung des .Fidelio", des Meisters einziger Oper -in-

Aber Die Umarbeitung hat dem Werke erst die Stellung gegeben, die eS heute einnimmt: tixire es in seiner ersten Fassung ein bewundertes Werk geworden, durch Die letzte Gestaltung ist es lebenskräftiges Eigentum der deutschen Bühne.

Dazu verhilft ihm Die wirksame DurchgehenDe Dramatische Konsequenz. Gerade Die Pnson. die erst im zweiten Akt vor dem Zuschauer erscheint. Florestan, könnte man als das eigentliche Kraft­zentrum DeS Werkes ansehen. Alles HanDeln LeonoreS. Die übersteigerte Wut PizarrvS hat in ihm den Ausgangspunkt: Der im Kerker Ge- bunDcne, scheinbar schon dem Tode Verfallene, läßt seinen erbittertsten Gegner aufschäumen, gibt Den Hauptpersonen Die Richtung ihres Handelns. Und ift eS nicht wie eine Vorahnung des Kommenden, daß der Zorn Pizarros Dem Rocco gegenüber, well er die Gefangenen herausge­lassen hat. entkräftigt wird durch den Hinweis auf den Geburtstag des Königs? Hier wird seinem HanDeln zum erfterunal ein Hatt geboten, Die Hoffnung aus eine glückliche Lösung von Flo- rrftans Schicksal, auf eine rettende Macht kann erwachen.

Beethovens Musik erscheint mit dem Auf- treten Leonores völlig in eine andere Sphäre gerückt. Handelt es sich doch in Den voraufgehen- Den Szenen um Alltagsmenschen mit ihren kleinen Erlebnissen, für Die Beethoven Die rechten Töne rcj&cS crnft eS ihm auch hier um Die Echcheit DeS AusDruckS zu tun war. beweist z. B. DaS Vorhandensein von Drei verschiedenen, völlig ausgesührlen Kompositionen der Mor- ccllinen-Arie .0 war ich schon mit Dir vereint".) 2ln Der Gestalt Leonores entzündet sich Beethovens crchaftenskraft. bis sie in Hellen Fllmnnen strahlt. Und so wachst Die Musik je höher, in je engerer Beziehung sie zur ©efanttiDce Des ganzen Werkes tritt.