Nr. M Erster Blatt
177. Jahrgang
Dienstag, 9. August <927
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
Monatr'vezngrprelr: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger, lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:
Zranlsutt am Main 11686.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnick und Verlag: vrühl'sche Universitäls-Vuch- und Steindruckerel R. Lange in Sieben. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig,- für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20" „ mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein,- für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
Die Saeco-Vanzetti-Bewegung.
Daß die beiden wegen Raubmords zum Tode verurteilten italienischen Anarchisten S a c c o und Danzetti den elektrischen Stuhl werden besteigen müssen, kann wohl kaum noch irgendwelchem Zweifel unterliegen. Wenn der Gouverneur Fuller von Massachussetts nicht noch rm allerletzten Augenblick von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch macht, ist das Sck)icksal der beiden besiegelt, und nach den Ereignissen der letzten Tage ist eine Begnadigung kaum noch zu erwarten. Sicherlich widerspricht es dem menschlichen Empfinden, daß Verurteilte, und seien ihre Taten noch so schlimm, hingerichtet werden, nachdem seit der Urteilssprechung sieben Jahre verflossen sind. Man kann es verstehen, wenn man in der ganzen zivilisierten Welt darüber den Kopf schüttelt und seine Mißbilligung ausspricht. Aber schließlich hat die Angelegenheit doch verschiedene Seiten, von denen aus man sie betrachten muß.
Jedes Land und jedes Volk hat die Justizver- fasiung und die Justizpslege, die bei chm geschichtlich geworden find. Daraus erklären sich die großen Unterschiede, die in dieser Hinsicht vorhanden sind, auch bei Völkern, die sonst manche enge" Berührungspunkte in bezug auf Zivilisation und Kultur aufzuweisen haben. Die Rechtspflege Amerikas ist in ihren äußeren Formen ganz der englischen nachgebildet, und di« amerikanische Rechtsprechung fußt auf der englischen. Im Laufe von anderthalb Jahrhunderten jedoch haben sich einige wesentliche Unterschiede hcrausgebildet, die dadurch zu erklären sind, daß man in Amerika bei den weiten Entfernungen der Selbsthilfe einen gewissen Schein wirklicher Rechtspflege verleihen mußte. Leute, die im stetey Kampf gegen Indianer, gegen Wölfe, gegen Hitze und Kälte lebten und von der Verbindung mit der Außenwelt so gut wie abgeschnitten waren, hatten eigene Ansichten über Taten, die man anderswo vielleicht etwas milder beurteilte. Pferdediebe wurden noch vor wenigen Jahrzehnten im fernen Westen nach dem Urteilsspruch einer schnell zusammenge- trctenen freiwilligen Geschworenenbank unter einem selbstgewühlten Obmann zum Tode verurteilt und gehängt, binnen einer Stunde nach Ergreifung des Täters. Das Widerspiel zu dieser schnellen Selbstjustiz bietet das Auftreten gerissener Advokaten, die m dem schwerfälligen Gang der regelmäßigen Justizpflege nach englischem Muster unendlich viele Schlupflöcher zu entdecken wissen. Das wird ihnen dadurch erleichtert, daß in Amerika zwei völlig voneinander getrennte Justiz- Hoheiten mit ganz selbständiger Rechtspflege bestehen. Für die Ueberschreitung von Bundesgesetzen und für Taten, die auf unmittelbar der Bundesregierung unterstehendem Gebiet begangen werden, sind die Bundesgerichte allein zuständig. Für solche Fälle steht dem Präsidenten allein das Begnadigungsrecht zu. Für Missetaten auf dem Gebiete eines der 48 Staaten und für Verstöße gegen Staatsgesetze sind die Staatsgerichte zuständig. Das Begnadigungsrecht ist Sache des betreffenden Gouverneurs. Das Bundesobergericht in Washington kann auch angerufen werden, um zu entscheiden, ob in dem betreffenden Verfahren irgendwie gegen Bestimmungen der Bundesverfassung verstoßen worden ist, aber nur hierüber, nicht über Tatfragen.
Saeco und V a nze t ti sind vor sieben Jahnen wegen Raubmords schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt worden. Sieben Jahre lang ist ihren Advokaten gelungen, immer wieder Aufschub der mehrfach angesetzten Hinrichtung und neue Verhandlungen vor allen möglick^n Instanzen bis zum Gouverneur und Bundesobergericht über Tatfragen, wie über Formfehler durchzusehen. Zum Schluß hat noch einmal der Gouverneur einen besonderen Ausschuß aus Juristen eingesetzt, um zu prüfen, ob sich juristisch ein Wiederaufnahmeverfahren oder die Begnadigung rechtfertigen ließe. Das Ergebnis lautete verneinend. Run hat der ©du» verneur angekündigt, daß er der Gerechtigkeit freien Lauf lassen müsse. Es ist richtig, daß sich in den sieben Jahren manche Momente ergeben haben, die vielleicht zugunsten der beiden Verurteilten sprechen mögen. Es hat sich auch ein Dritter als der eigentlich Schuldige bekannt, sein Zeugnis wird jedoch als unglaubwürdig betrachtet. Trotzailem wäre rein menschlich dringend zu wünschen, daß der Gouverneur von Massachussetts — den Präsidenten Coolidge geht die ganze Angelegenheit nichts an - die beiden Verurteilten begnadigte.
Wenn er es aber dennoch nicht tun sollte, so ist daran die geradezu unsinnige Agitation schuld, die in der ganzen Welt auf Grund einer irre« geführten Sentimentalität betrieben wird. Die Amerikaner sehen in dieser Sentimentalität ein Zugeständnis an kommunistische Vorstellungen, was bei der allgemeinen Unbeliebtheit der Kommunisten in Amerika nicht zu einer milderen Beurteilung beiträgt. Wir meinen, daß man in anderen Ländern, namentlich in Deutschland, den Vorgängen in Amerika gegenüber größere Zurückhaltung beobachten sollte, wenn wir verlangen, daß man das gleiche uns gegenüber tut. Mit Sympathiestreiks erwirbt man sich ebensowenig wirkliche Sympathien, wie die Kommuristen in Amerika mit Bombenattentaten Eindruck machen werden.
Abgelehnl.
Boston, 8. Aug. (WTB.) Der Oberste Gerichtshof lehnte den Antrag, das Gesetz zur Sicherung der persönlichen Freiheit auf Saeco und Vanze11i anzuwenden, ab, ebenso die Bestätigung des Dorliegens eines Rechts- Irrtums.
D e d h a m , 8. A ig. (WTB.) Der Richter der Ersten Instanz im Prozeß gegen Saeco und Vrmzetti, Thayer, hat den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt.
Der Betrug bei bet preußischen Klafjenlotterie.
Die bevorstehende Ziehung um 8 Tage verschoben.
Eigene Drahtmeldung des „Gießener Anzeigers".
Berlin, 9. Aug. Die gestern bereits kurz gemeldete Betrugsaffäre bei der Preußischen Klassenlotterie, m die zwei vereidigte Beamte verwickelt sind, zieht immer weitere Kreise und beginnt die Oeffentlichkett in immer größerem Maße zu beschäftigen. Inzwischen haben die Betrüger ein umfassendes Geständnis abgelegt. Beide hatten als Kommissare der Ziehung vereinbart, daß sie auf die von ihnen gespielte Losnummer Hauptgewinne ziehen wollten. Dies machten sie, indem sie
die Röllchen mit den Losnummern schon vor der Ziehung bei sich trugen
und bei dem Griff in die Lostrommel die bereitgehaltenen Röllchen öffneten und zur Verlesung brachten. Zweimal ljatten sie auf diese Weise Erfolg, ohne daß die Aufsichtsbehörde von ihrem Betrug etwas merkte. Der Verdacht, daß irgend etwas nicht in Ordnung war, entstand erst durch eingehende Beobachtungen. Lotterieinspektor Böhm und Obersekretär S ch e i n ft e i n , die beiden Täter, sind inzwischen dem Untersuchungsrichter vorgeführt worden.
Während die strafrechtliche Seite dieser unliebsamen Angelegenheit mmmehr ihren Fortgang nehmen wird, werden die Stimmen aus Spielerkreisen immer lauter, die sich b e - trogen fühlen und die zivilrechtliche Seite ausgerollt wissen wollen. Man muß sich vergegenwärtigen, daß von den 700 000 Spielern 350 000 mit Nieten im Rade geblieben sind, von denen jeder annehmen kann, daß, wenn es recht ^gegangen wäre, sein Los vielleicht mit einem Gewinn hätte heraus- kommen können. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß die ganze letzte Ziehung als ungültig erklärt wird und die Lotterie noch einmal gespielt werden muß. Nun besteht aber eine gesetzliche Bestimmung, nach deralle Ansprüche an der Lotterie bereits nach vier Monaten verjähren. Die Frist war bereits am 14. Juli abgelaufen. Die Rechtslage ist jedoch hier so verwickelt, daß diese Be- sttmmung vielleicht nicht in Anwendung kommt und tatsächlich die ganze Klasie noch einmal gespielt und gezogen werden muß. Es ist aber, wie gesagt, recht schwierig, die Rechtslage zu klären, so daß sich vorläufig alle an der fraglichen Lotterie Beteiligten bis zur end gültigen juristischen Klärung des Falles gedulden müssen.
Das Preußische Finanzministerium, das als Aufsichtsbehörde auch letzte Instanz für alle Entscheidungen über die Gültigkeit einer Ziehung der Staatslotterie ist, wird im übrigen sich eingehend mit der ganzen Betrugsaffäre befduftigen. Wie wir erfahren, ist vorläufig bestimmt worden, daß
die für morgen angesehle Ziehung um etwa acht ~ Tage verschoben wird.
um vorher festzustellen, ob nicht etwa die beiden Betrüger schon für diese Ziehung Unregelmäßigkeiten vorbereitet haben. Der Gewinn S ch e i n ft e i n s ist durch Beschlagnahme fast vollständig sichergestellt worden. Auf das Depot von Böhm ist ebenfalls Beschlag gelegt worden.
Die „Voss. Ztg." melde", daß die verhafteten Beamten in zwei Fällen 150 000 Mark er
beutet haben. Die „Voss. Ztg." erfährt hierzu, daß sich dieser Betrag bereits auf mindestens 2 2 5 0 00 Mark erhöht hat. Man werde aber befürchten müssen, daß Beamte nicht zum ersten Male in dieser Weise Lotterie und Spieler geschädigt haben. Der Betrug ist dadurch entdeckt worden, daß ein Mann
ein Gewinndoppellos über 100 000 Mark bei der Auszahlungsstelle oorlegte und sich, ohne die Scheine nachzuzählen, eilends entfernte.
Der Auszahler schöpfte V er dacht und folgte dem Empfänger des Geldes. Er sah ihn im Gebäude der Gen erallotteriedirektion verschwinden. Da er nicht zurückkehrte, kam der Auszahler zu der Tleberzeugung. daß es sich um einen Boen handele. Er erstattete der Lotteriedirektion Bericht. Boehm, der Vertreter des Technischen Leiters, dem die vorbereitenden Arbeiten jeder Ziehung unterstehen, muß bei der Ausspielung die Losröllchen feiner gekauften Lose beseitigt und mit Scheimstein vereinbart haben, in der genau bezeichneten Reihenfolge das betreffende Los aufzurufen. Bisher ist es erwiesen, daß auf diese Weise die beiden Beamten ein Doppellvs über je 100 000 Mark und ein einfaches über 25 000Mark haben ge» Winnen lassen.
Wie der „Lokal-Anzeiger" hort, beschäftigt sich auch das preußische Justizministerium mit der Betrugsaffäre. Rach dem Bericht, den der die Untersuchung führende Staatsanwalt dem Justizministerium erstattet hat, war zweifellos der Inspektor Böhm die treibende Kraft bei den Veruntreuungen.
Rach einer Meldung des „Vorwärts" ist die Direktton der Staatslotterie erst durch eine andere Schiebung auf die Spur der beiden ungetreuen Beamten gekommen. Es handelte sich um
die Tätigkeit einer Bande.
deren einer Teil im Zuhörerraum des Ziehungssaales sah und bei Ziehung eines größeren Gewinnes sofort außerhalb des Gebäudes wartenden Radfahrern ein Zeichen gab. die sofort zu den Lotterieeinnehmern fuhren, dem das Los zugeteilt war, und versuchten, das Los zu kaufen. Vor einiger Zett ist es dieser Bande gelungen, einen Gewinn in Höhe von 50000 Mark zu erobern. Erst durch die Beobachtung dieser Bande ist man auch hinter den Betrug der beiden Beamten gekommen.
Die „Voss. Ztg." weiß von betrügerischen Manipulationen eines Lotterieeinnehmers in Berlin-Mariendorf zu berichten, der die Einnehmerstelle erhielt, trotzdem er bereits wegen Betruges, Tlrkundensäl-^ schung und Unterschlagung vorbestraft ist. Der Lotterieeinnehmer soll eine ganze Reihe von Losen zweimal verkauft haben.
Aus Stuttgart wird gemeldet, daß bei dortigen Lotteriekollekteuren bereits von zahlreichen Spielern gegen die Gültigkeit der betreffenden Ziehungen Einspruch erhoben worden ist.
In seiner Begründung führt Richter Thayer an, wonach ein Antrag auf Wiederaufnahme eines Verfahrens innerhalb eines Jahres nach dem Urteils- fpruch, ober noch vor der Verurteilung erfolgen muß, um einem Richter der höheren Instanz die Möglichkeit zu geben, ein neues Urteil zu fällen. Nunmehr hat der Gouverneur Fuller die letzte Entscheidung zu fällen.
Protestkundgebung der Saarbergieute.
Saarbrücken, 8. Aug. (WTB.) Unter der Parole „Gegen Feierschichten, Lohnabbau und airbeiterentla Hungen" veranstalteten die beiden Bergarbeiteroerbände am heutigen Montag in Saarbrücken auf dem Sportplatz im Ludwigspark eine P r o t e ft a t1 i o n. Vertreter der freien und der christ 1 ichen Gewerkschaften sprachen zu ca. 25 000 bis 30 000 Bergleuten, die aus dem gesamten Saargebiet herbeigekommen waren. Sie wandten sich gegen die in den Gruben herrschenden Arbeitsverhältnisse, gegen die Maßnahmen der Bergverwaltung, gegen die Einlegung weiterer Feierschichten und gegen Massen- entlassungen. Sie sprachen für den Schutz der Opfer der Arbeit, der Invaliden und der im Dienste der Allgemeinheit krank gewordenen Bergleute. Folgende Resolution gelangte zur Annahme: ,30 000 in Saarbrücken versammelte Bergarbeiter protestieren gegen die Dauerfeierschichten und die rücksichtslosen Massenentlassungen durch die französische Grubenverwaltung. Sie ersuchen den Dölker- bundsrat, Not und Elend im Saargebiet abzuwenden." Ein Telegramm gleichen Inhalts ging an den Minister für öffentliche Arbeiten in Paris. Nach der Versammlung bewegte sich ein D e m o n st r a - tionszug durch die Straßen der Stadt. Das Bergwerksdirektion:gedäude war von einem starken Landjäger- und Polizeiaufgebot gedeckt. In der Nähe der Bergwerksdirektton loste Bezirksletter Schwarz vom Freien Bergarbeiterverband im Einverständnis mit dem Christlichen Verband, nachdem die Landjäger etwas zurückgezogen waren, den Demonstrationszug auf. Ein Teil der Demonstranten
zog unter kommunistischer Führung zum Regierungsgebäude. Aus dem Wege dahin kam es in der Nähe des Schloßplatzes zwischen Landjägern und Roten Frontkämpfern zu schweren Zwischenfällen. Es wurde eine ganze Anzahl von Verhaftungen oorgenommen. Man spricht von sieben Verletzten. Die genaue Zahl der Verletzten war noch nicht festzuftellen, da viele verletzte Arbeiter in der Masse verschwanden, um nicht festgenommen zu werden. Vor dem Regierungsgebäude forderten die Demonstranten den Empfang einer Delegation. Der Präsident der Regierungs- kommssion weigerte sich, mit anderen Vertretern als Gewerkschaftsführern zu verhandeln. Wie bekannt wird, sollen im Laufe des Nachmittags Verhandlungen stattfinden.
Bei den Kundgebungen, die die kommuni- stischenDergleute im Anschluß an die Protestaktion der Saarbergleute vor dem Gebäude der Regierung veranstalteten, sind ün ganzen 35 Landjäger und sechs Pferde verletzt worden. Äe Anzahl der verletzten Demonstranten war nicht sestzust ellen.
Deutsch-südslawischer Handelsvertrag.
Eigener Drahtbericht des .Gießener Anzeigers".
Berlin, 9. Aug. In Berlin werden feit einiger Zeit Verhandlungen über den Abschluß eines deutsch-südslawischen Handelsvertrages geführt, die, einem Berliner Abendblatt zufolge, unmittelbar vor dem Mschluh stehen jo (len. Der Vertrag, desien Unterzeichnung in Kürze erwartet wird, ist für die meisten Positionen auf der Basis der Meistbegünstigung aufgebaut und entspricht im allgemeiner den deutschen Wünschen. Allein in der R i e- derlassungsfrage bestehen noch, gewisse Schwierigkeiten, die vielleicht dadurch aus dem Wege geräumt werden, daß der endgültige Vertrag die Möglichkeit späterer, günstigerer Regelung offen läßt.
Dor der Sitzung des Reichskabinetts.
Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".
Berlin, 9. Aug. Wie bereits angekündigl, wird das Reichskabinett am morgigen Milk woch zu einer Sitzung zusammentreten, der man in der Presse eine Bedeutung beigelegt hat, die vielleicht zu weit geht. So hat es geheißen, daß das Kabinett einen besonderen außenpolitischen Schritt beschließen werde, der sich gegen gewisse Steuerungen richte, die die Gegenseite in nicht gerade sympathischer Weise an die Adresse Deutschlands losgelassen hat. Nach unseren Informationen wird in unterrichteten Kreisen mit einem so weitgehenden Beschluß nicht gerechnet. Die Kabinettssitzung ist auf den besonderen Wunsch des R e i ch s= außenministers angesetzt worden, der fidj mit seinen Kollegen, ganz natürlich, vor der S e p t e m - bertagung des Völkerbundes noch einmal aussprechen möchte: allerdings hatte Dr. Strefemann wohl mehr an einen späteren Zeitpunkt gedacht, und so ist damit zu rechnen, daß auch die Ministerbesprechung nur vorläufiger Art ist und sich vor seiner Abreise nach Genf noch Gelegenheit zu einer weiteren Unterhaltung im Kabinett ergibt. Auch die Ministerbesprechung der vorigen Woche hatte naturgemäß nur vorbereitenden Charakter, sie hat sich sogar in der Hauptsache mehr mit den Fragen des deutsch-französischen Handelsvertrages beschäftigt, wozu übrigens zu sagen ist, daß die Voraussage, der Vertrag werde bis Mittwoch fertig fein, als durchaus apokryph bezeichnet wird.
Des wetteren will man wissen, daß das Kabinett sich morgen mit innerpolitischen Konflikts st offen beschäftigen wird. Dagegen spricht allein schon die Erfahrung, daß man bei 32 Grad im Schatten kaum an Kabinettskrisen zu denken pflegt. Dor allem aber find diesmal selbst die bewährtesten Krisen- macher von Berlin abwesend. Aber auch von^ ter sachlichen Seite her liegen keine Anzeichen dieser Art vor. Dor September wird V. sicher niemand mit dem Schulgesetz besch tigen. In dieser Frage ist bisher nicht einm eine bestimmte Stellungnahme der Parteien c. folgt, vielmehr haben nur die interettirrten Stt des- und Kulturorganisationen ihren Stmrdpu zum Ausdruck gebracht. Wie wir hören, sind i" Auffassungen innerhalb der Deutschen Dott Partei stark geteilt, doch überwiegt der Geda daß das Reichsschulgesey zustande kommen m Selbst in der Demokratischen Partei sitzen nL; nur Gegner des Gesetzes, vielmehr haben auch hervorragende Leute dieser Partei auf dec Basis, die die Deutsche Volkspartei eingenommen hat) sich mit dem Gesetz einigerftanöen erklärt. Schließlich verlautet noch, daß die Sozialdemokratie im Augenblick gar nicht daran denke, in die Regierung einzutreten oder die jetzige Koalition zu zerstören,' jedenfalls werfen die Wahlen i.)re Schatten bereits so weit voraus, daß vor dem nächsten Frühjahr solche Wünsche nicht zu erwarten sind. Im Augenblick sind also Krisengerüchte absolut abwegig, zumal ja auch der bevorstehende 80. Geburtstag des Reichspräsidenten eine gewisse Burgs riedensttrnmung geschaffen hat. Daß innerhalb der Regierungskoalition gewisse sachliche Gegensätze bestehen, ist bekannt. Wenn aber nicht aus der außenpolitischen Erörterung irgendeine außerordentliche Lage entsteht, ist mit Seirsottonen vorläufig nicht zu rechnen.
Die Reichssarben am Dersassungstage.
Berlin, 8. Aug. (WB.) Wie der Amtliche Preußische Pressedienst meldet, hat der ständige Ausschuß des preußischen Landtags am 8. August der Rotverordnung des preußischen Staatsmini st eriurns zugestimmt, die folgenden Wortlaut hatte: „Die Beflaggung der D ie n st g c b ä u de der Gemeinden und Gemeindeverbände gehört zu den örtlichen Geschäften der allgemeinen Staatsverwaltung. Das gleiche gilt in Ansehung der Schulgebäude für die Unter» haltsträger der nicht vom Staat allein unterhaltenen Schulen." Die Zustimmung des Ausschusses geschah mit 15 von 29 Stimmen. Gemäß Artikel 55 der preußischen Verfassung hat somit die oben angeführte Rotverordnung Gesetzeskraft erhalten. Zur Ausführung der nunmehr mit Gesetzeskrast ausgestatteten Rotverordnung hat das pveuhische Staatsministerium folgende Anordnung getroffen: „Reben sämtlichem staatlichen Dienstgebäuden haben auch die Gebäude der Selbstverwaltungskörper am 1 1. 21 u g u ft in den R eichs - und Landesfarben zu flaggen. Gemeinden und Gemeindeverbänden ist es unbenommen, neben ter Reichsflagge die Stadt- oder Provinziakfarben zu zeigen. Diejenigen Schulen, die am Versa s- sungstage wegen Ferien geschloffen find, haben auch an dem Tage zu flaggen, an dem die Ver- sassungsfeier in der Schule veranstaltet wird."
Berlin, 8. Aug. Die Versa ssungs- feier wird diesmal in Berlin vom Reiche, vom preußischen Staat und von der Stadt Berlin gemeinsam veranstaltet. Die HauptveranHaltung wird die abendliche Festsitzung in der Funk- halle fein, wobei die Festrede der preußische Kultusminister Dr. Becker halten toi b. Hier an schließen sich Ansprachen des Reichskanzlers Dr. -Marx und des Berliner Oberbürgermeisters I Dr. Böß an.


