Nr. 236 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)Samstag, 8. Oktober 1927
|00 Iahte Riedeselsche Brauerei.
Am heutigen 8. Oktober lann die Frei- herrlich Rtedeselsche Bierbrauerei und Mälzerei in Lauterbach auf ihr 400- jähriges Bestehen fturüdblidcn. Aus di— fern Anlaß Hai das Unternehmen eine Festschrift herausgogeb^. in der nach einem Geleitwort von Kamm erd: rettor S. Roll einige interessante Aufsätze folgen; Braumeister F. O bermeyer berichtet über .Die Brauerei zu Lauterbach, hre Sntstehuna. Entwicklung und ihre heutige De- staÜ-; Oberbuchhalter S. Burg br.ngt auf» fchluhreiche.Statistische Angaben"; zu diesen Artikeln leistete Major d. L. a. D. SartoriuS die archivalischen Vorarbeiten. Pros. Dr. 8. 9 Becker schreibt über »Schenken und Gaststätten im Riebefelfchen und ihre Beziehungen zur Brauerei". Dilderbeigaben nach Zeichnungen von Albrecht Riedesel Freiherr zu Eisenbach in Sassen stellen dar das Brauhaus in Sisenbach. die alte Mälzerei der Burg- brauerei zu Lauterbach, die alte Dotzerttche Brauerei zu Lauterbach.
Arrs der Festschrist entnehmen wir folgende Angaben über die Geschichte diese- Unternehmens^ Der älteste aus gefundene Beleg für die Gristenz der Brauerei (in der damals nur für ben Hausgebrauch und die Hofhaltung gebraut wurde) stammt auS dem Jahre 1498, „eine Rechnung, in der die Anschaffung von Hopfen und einigen Draugeräten erwähnt wird, und zwar handelt es sich hierbei um d.e in der Burg zu Lauterbach zweifellos damals schon seit längerer Zeit bestehende Brauerei, also um die Lauterbacher Burgbrauerei, nach der auch heute noch das Riedeselsche Bier seinen verkehr Südlich en Ramen „Burgbrüu" führt." Mit dem Jahre 1515 tritt die Brauerei in Eisenbach aktenkundig in Erscheinung. Ein neues, gröberes DrauhauS muh zwischen 1525 und 1529 erbaut worden sein und war wahrscheinlich 1527 vollendet. Bon diesem Jahre datiert die Freiherrlich Ried- efelsche Brauerei ihr Bestehen. Damit vollzog sich der Hcbetflang von der Brauerei im -mgft-en hau.-wirtschaitüchen Rahmen zum gewerblichen Betrieb. Schon im 3aöre 1586 erwies sich das neue Eisenbacher Brauhaus als zu klein. Man schritt zu einem Reubau. vermutlich dem heute noch der Amienkapelle gegen- überfteftenben „alten Brauhaus1612 wurde in Lauterbach eine eigene Wirtschaft errichtet, die noch heute bestehende Burgschenke. Später erbaute die Witwe Sidonie Riedesel, geborene von Wersabe ein eigenes Brauhaus in der Burg. 27 Jahre später machte sich infolge des starken Aufschwungs eine Erweiterung der Anlage nötig, die Johann Rieöesel durchführte. Bon 1696 an wurde der Brauerei betrieb verpachtet, und damit setzte ein Abstieg ein, denn während die Riedekel immer ihren Stolz darein gesetzt hatten, ein gutes Bier zu brauen, suchten ihre Pächter nur größtmöglichen Gewinn auS dem ihnen zur Ausübung überlassenen Braurecht zu ziehen; der BierpreiS stieg immer höher, während das Gebräu immer schlechter wurde. Hm die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machten sich ehemalige Riedeselsche Drauereipächter. wie Krömmelbein und Dotzert, selbständig, und diese Konkurrenz führte dazu, dab die Frei- bcrreix Rxedesel ihre Betriebe vereinigten. So wurde 1842 in der Burg zu Lauterbach eine neue Brauerei auf Kosten und zu Ruhen der ganzen Familie errichtet. Nunmehr trat ein neuer, steter Aufschwung ein. der zum Sieg des B.irgbräu über alle anderen Lauterbacher Brauereien führte. Der Absatz der Burgbrauerei steigerte sich in den folgenden Jahren derar., daß völlige Hmstellung notnxnibig war und die Brauerei zu einem Industriebetrieb lm heutigen Sinne wurde 189-1 wurde die an der Zent erbaute neue Brauerei dem 'Betrieb übergeben. Im Laufe der Jahre wx rden dann zahlreiche weitere Verböserungen und Ausgestaltungen dos Betriebs vorgenom- men. 1898 erfolgte der Ankauf der Krvmmel- beinschen Brauerei in Lauterbach, und wenn auch die KricgSzei! und die erften Dac^riegSjahre mancherlei Röte über den Betrieb brachten, so wurde bod> mit Willens- und Tatkraft die Krise glücklich überwunden. Das Verdien st an dem Aufstieg und dem heutigen hohen Stand deS Unternehmens? ist dem Freiherrn Riedesel zu
f ährten in solche mü K leinps läster oder anderen gleichwertigen Befestigungen dahi.n. dah Provinz und Gemeinden je jur Hälfte zu ben Kosten heranzuziehen sind Rur. wenn au- besonderen Gründen die Gewährung os zu einem |©i
Ortsdurchfahrt an die Gemeinde gerechtfertigt werden kann, so kann der Betrag mit Zustimmung deS Ministers des Innern auS brn für Reubauten zur Verfügung ftehenden Mitteln — in diesem Falle beträgt der gemeindIcchr Anteil der Kosten nur 1 , — ausnahmsweise gewährt werden De. Wortlaut dieser Aus- nahmet>.rfchrist lüht aber schon erkennen, dah hiervon nur in den fdtenftesi Fällen Gebrauch gemacht wird unb nach Rlaftgabe der für Oleu- bauten zur Verfügung stehenden Mittet nur im äuhersten Falle Gebrauch getnacht werden kann. Berücksichtigt man nun weiter, dah die Gemeinden außer dem Kostenanteil für die Befestigung der Fahrbahn auch noch die Erneuerung der gepflasterten Fußsteige, die Reuanlage. Erneuerung und Unterhaltung der Gossen und Quermulbat. wie auch der sonstigen Wasferab- (cihma6anlagen aus ihren alleinigen Mitteln zu bestreiten haben, so bedarf eS keiner besonderen Begründung mehr, dah den Gemeinden, insbesondere aber den kleineren leistungHschwä- cheren Landgemeinde^ durch dieses Gesetz eine wesentliche Belastung aufgeburbet worden ist.
Die Entwicklung des KraftwagenverkehrS unb baS damit in den Vordergrund gerückte Problem der Bekämpfung der Staubplage während der tnxfenen Jadresj.nt stellt zwangsläufig jetzt und in nächster Zukunft alle an groben Durchgangs- straben liegende Gemeinden - auch sonstige (Sc- meinben mit einem durch die wirtschaftlichen
Sisenbach und all ihren wackeren Mitarbeitern zuzufchreiben. bw durch moderne Ausgestaltung deS Brauereibetriebs und durch gute Qualität ihre- BiereS dem Unternehmen Wertschätzung in weiten Kreisen verschafften.
Der Bierabsah erfolgt heute unmittelbar durch die Brauerei an zusammen 150 Wirte m Lauterbach und Nachbarschaft, durch Riede rla gen von Ulrich'te n aus an 65 Wirte, von Grebenhain aus an 54 W.rte, von HerSseld an 25, von Gersteld an 27. von Schluchsem an 75. von Schotten an 49 Wirte. Einschließlich verpachteter Wirtfchaftetr werden von der Brauerei insgesamt 458 Wirte beliefert, dazu kommt noch der Fla'chcndierbeiried.
Die Freihenl.a» Riedeselsche Brauerei und Mälzerei zu Lau rbach. deren hier nur in kurzen Auszügen vermerkte Gelchichte man in der Festschrift mit großem Jtuerdfc liest, ist einer der bedeutsamsten und angesehensten Betriebe unserer Provinz, dem man zum Wohle der heiinrichm Wirtschaft am heutigen 3ubi- läuinStage etne weitere glückliche Aufwärtsentwicklung wünschen darf.
Die Kleinpflasterung der Ortsdurchsahrten.
Die Geschäftsstelle de» Hessischen Land- gemeindetagS schreibt uns:
Da« unterm 15. Juli 1926 in Kratt getretene Gesetz über das Strahenwesen in Hellen, daS das ehemalige Kunststrasxmgefetz vom 12. August 1896 aufhebt, regelt in seinem Artikel 7 Abs. IV die KostenaufbringungSpslicht beim Umbau von chauffierten OrtSdu rch-
Buntes Allerlei.
Der Tiger alv Spielgefährte.
Eine merkwürdige Defchtchte wird in indischen Blättern aus Mysore gemeldet. Ein alter Mann war mit seinem sechsjährigen Gnkel in der Rähe eines Dschungel-Dorfes von einem Tiger angegriffen worden. Der Tiger schleppte das Kind fort. D.e Dorsleute veranstalteten sofort eine Rachsuche, fanden aber erst nach zwei Tagen daS Kind in der Rähe eines Brunnens, und sahen zu ihrem Erstaunen, wie der Tiger friedlich mit dem Äinbc spielte. Als sie versuchten, das Kind fortzunehmen, fprang der Tiger auf sie zu und griff sie an. wurde aber schließlich dadurch vertrieben, dast die Bauern den Urwald in Brand steckten. DaS Kind, das auf bie’e Weise gerettet wurde, war völlig unverletzt unb zeigte durch die Heiterkeit seines Wesens, dah der Tiger ihm nichts getan hatte. Es erzählte. der Tiger sei so ein guter Spielkamerad gewesen.
(Befangen im Sanbfturm.
DaS schauerliche Erlebnis eines Sandsturmes, den er im Dolf von Aden durchmachte, schildert Walter A Lamb in einem Londoner Blatt: „Die Hitze war furchtbar. Dabei lag etwas Scharfes in der Lust, und die Sonne hing wie ein dusterer Feuerball über dem Horizont, dessen Linien unbestimmt verschwommen. Wir ruderten mühselig durch den Hasen, als mein Freund plötzlich in die Richtung vyn Lahcj wies. Da hl ernte sich, beinahe bis in den Sjimmel, eine riesige graue Wolke auf und verbarg den Anblick der Wüste. .Sand!" schrie mein Gefährte, und in einer Minute war der Sturm über uns. Er kam mit einem Wirbel heihen Windes, der das Wasser zu Wellen aufpeitsche, während ein fables Zwielicht die Stadt umhüllte. Der Sand schlug uns in die Gesichter wie ein furchtbarer Hagelsturm, blendete uns, fuhr in die Ohren, so dah wir nichts mehr hörten, und peinigte den Körper wie mit lausend spitzen Radeln. Am schlimmsten aber empfanden wir es. dah wir durch unsere rasch entzündeten Rüstern kaum noch atmen konnien. Endlich erreichten wir die Küste und flüchteten in eine Hütte, deren Türen und Fenster wir fest verschlossen, in der vergeblichen Hoffnung, den Sand fernzuhaltcn. Wir zündeten die Lampe an und warteten, aber der Sand riefelte auch hier über uns her. Als die Sand- wvlke vorüber war. kamen die Heuschrecken.
QHaii hörte daS Schlagen ihrer Millionen Flügel wie das dunkle Summen einer Dynamomaschine, •unb durch das Fenster beobachteten wir die riesigen schwarzen Massen, die das Licht des MondeS verdunkelten. Da wir fast erstickten, öffneten wir ein wenig das Fenster. Aber schon hatten unzählige Heuschrecken von dem Raum Besitz ergriffen, flogen um die Lampe, die erlosch, bedeckten die Wände und legten sich über unsere Gelichter. So rasch wir das Fenster schlossen und die Lampe wieder an steckten, das ilnglüd war geschehen und der ganze Raum von den Tieren bedeckt. Wir hatten einen langen Kampf mit diesen unerwünschten Besuchern. Als wir uns dann in den Garten hinauswagten, sanden wir in ihm fein Blatt mehr: die Heuschrecken hatten alles ratzekahl gefressen."
„Reforb-Jrefier“.
Die Engländer sind stets große öl 1er gewesen, unb Wettkärnpse im Verschlingen der meisten Speisen waren im „alten lustigen England" ein beliebter Sport, der noch heute nicht ausgestorben ist. So wird berichtet, dah ein Hafenarbeiter namens Henry hintereinander 20 Mahlzeiten verspeist hat, aus Fleischpudding. Kartoffeln. Kohl und Sohe bestehend. Diese Leistung wird aber durch die Taten früherer Rekord- Fresser uxit in den Schatten gestellt. Der sog. Marquis de Leuville verschlang bei einem Wett- essen vier Riesenbeefsteaks, vier Kalbsschlegcl. vier grobe Würste, vier SchweinckoteletteS, vier Otier en Erraten und fünf Portionen Käse. Aber den Rekord stellte ein Uhrmacher aus DloomSbury auf. der den Ehrennamen eines ^Weltmeisters der Fresser" verdient. Er hatte einmal gerade fein sehr reichliches Mittagsmahl verzehrt, als man ihm zum Späh den Antrag machte, das Essen zu verzehren, das sür eine ganze Gesellschaft bereite: war. SS waren z'vet Riesenpudvings. von denen jeder vier Pfund Beefsteak und Olleren, ein Duyend Austern, Pilze und noch ein Paar Rebhühner enthielt. Diese schmackhaften Gerichte verzehrte der Uhrmacher mit Leichtigkeit und trank dazu nur ein Glas Bier; erst nach Beendigung der Mahlzeit leistete er sich noch ein Glas. Der Mann mit diesem Riefenappetit, der bereits 18c- in der englischen Armee diente, ist noch immer ein fielst get Arbe ter. erfreut sich der besten Gesundheit und des gesegnetsten Riesenappetits.
Berdättnifsc bedingten stärkeren Ärafttoagenrxi- kehr werden in absehbarer Zeil bittrem betroffen werben — vor die Ausgabe der Befestigung der Ortsdurchfahrten mit Kleinpflaster. Jnlvlange tedoch die Gemeinden einmal mit der Hälfte der Kosten der Pflasterung der Fahrbahn belastet werden, zum anderen noch die Fuhstetge und Dossenpflaste- runacn, deren Erneuerung durch die Straften- Pflasterung ganz vGn lewst bedingt wird, unverkürzt zu tragen haben, wird eine durch- arcifcnbc Lösung liefet Problems auf sich warten lassen, ja unmöglich sein Eine nicht gan^ unbedeutende Rolle spielt hierbei noch dte .trage der Rvrmalbreite der Straften-Fahrbahn. Bekanntlich wird seitens der Provinzen eine solche von 5 Meter — von AusnapmefäUtn abge- sehen für hinreichend erachtet die Ortsdurchfahrt einer Gemeinde mehr wie 5 Meter breit ist, z. D. 7 Mater, so hat die Gemeinde, wie man anzunehmen gcixigt sein möchte, nicht die Pftasterungskosten für die Hälfte der Fahrbahn *= 3.50 Meter zu bezahle,», sondern die Kosten des Umbaues mit zur Halste der Rormalbreite — 2,50 Meter 4 2 Meter «= 4.50 Meter Dast dieser Lmstand nicht dazu angetan ist. den Umbau der Ortsdurchfahrten in Kleinpflaster zu fördern, liegt auf der Hand; er wird vielmehr durch die erwähnten Umstände noch eine der natürlichen Entwicklung entgegenwirkende Hcnnnung bzw. Aufschiebung erfahren infolange, all man an den zuständig en ©teilen nicht von der Rottvendigkeit der Abhilfe auf diesem Gebiete überzeugt ist.
Dem Hessischen Landtag Legt bereits ein Antrag vor. wonach verlangt wird, die obige Gesetzesbestimmung dahin zu ändern, dast dte Kosten des Umbaues der Fahrbahnen in solche mit Kleinpflaster innerhalb der Ortsdurchfahrt zwischen Gerne.nde und Provinz im Ttcr- l) ä 11 n i « d o n ’/> ä u 1 3 geteilt werden. Wenn schon dieser Antrag beweist, dass sich die Erkenntnis von der Rottoendigkelt einer Milderung der gemeindlichen Belastung durchzuringen le- ginnt, so kann jedoch die durch den erwähnten Antrag erstrebte Regelung der Äoftenfrage für die Gemeinden, insbesondere aber für die kleineren Landgemeinden, keineswetzs befriedigen. Bedeutet eS nicht fchon eine vollkommen hinreichende Belastung für die Gemeinden. wenn sie neben den Unterhaltungskosten für ihre übrigen Rebenftraften die Erneuerung und Unterhaltung der befestigten Futzsteige und Go'sen der Ortsdurchfahrt im Zuge der Pro- vinzialstrahe aufzubringen haben? Und ist eS bei den heutigen DerkehrSverhältnissen nicht gerechtfertigt. die Pflasterung der Fahrbahnen innerhalb der Ortsdurchsahr^cn aus Kost en der Allgemeinheit — in diesem Falle zu Lasten von Staat und Provinzen — ausführen zu lassen? Rur eine dahingehende Abänderung deS Gesetzes trägt den Belangen der Landgemeinden Rechnung und kann diese befriedigen; das mit der Annahme deS vorliegenden Antrages geschafsene Stückwerk wäre nicht geeignet, die aufgeworfene Frage Hjrer Lösung wrientlich näherzubringen mancher im Interesse des Verkehrs sowohl, wie im Interesse der Volksgesundheit dringend nottvendige Umbau c iner Ortsdurchfahrt mühte noch auf Jahre unterer Kostenanteil mit , ein- schliestlich der erwähnten Redenkosten immer noch für die Gemeinden untragbar ist.
Der Borstand des Hessischen Land- gemeindetags hat sich bereits wiederholt mit dieser Angelegenheit besaht, und eS wird seine Aufgabe fein, immer wieder darauf zu bringen, dah den berechtigten öintoenbunge ■ der Gemeinden Gehör geschenkt und d.e unhaltbare Bestimmung im Art. 7 deS StratzengeseyeS geändert ttriro.
Aus Dem -lmtsvcrkündiftungHblatt.
• DaS Amtsverkündigungsblatt 01 r. 7 1 vom 7. Oktober enthält: Wahl der Vertrauensmänner und Ersatzmänner in Der An- gestclltenversicherung. — Dtraßensperrc. — Hessischer Schutz verein für entlassene Gefangene — ZJnstallationswesen. — gelDL^ereinigungen S:e.n- heim. Lardenbach und Lauter. — Die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben.
ümLrsolgundMe.
Roman von Robert Misch.
Copyright by Carl Dunker. Berlin SW 62.
11 Fortsetzung Nachdruck verboten
Isa griff noch dem kleinen, roten Lederband, der innen mit gebatikter Seide gebunden war. Lor- hin hatte sie ihn schnell in ihre Ledertasche gesteckt, damit die neugierigen Äugen und Hände Ihres Lehrers nicht darin ft.bcrn sollten; und sie glaubte in Lenzens Blick Zustimmung zu lesen. Wahrscheinlich hatte er ihr etwas cingZchrieben '21 uf der Rückseite des Vorsatzblattes stand denn auch In seiner zierlichen Künstlerschrif^ das Abschiedswort von Hamlets Slater an feinen Sohn, den er zur Roche mahnt:
„Ade, ade — gedenke mein!
Jos. Lenz.
Leise hauchte sie einen Kuß auf die Zeilen.
Dann glitt dos Buch langsam in ihren --motz. War es nicht töricht, nach diesem kapriziösen Herzen zu greifen?! Hatte man ihr nicht von seinen wechselnden Launen und Stimmungen, auch von manchen Liebschaften erzählt, die schnell geknüpft und schnell gelost waren? Uebcrafl flogen ihm die Herzen der Frauen entgegen. — Wollte sie nicht f e l b ft eine Bühnensonne werden?! Sie brauchte einen Trabanten, der gehorsam um sie kreiste, nicht eine andere Lonne, die ihre eigenen Bahnen zog Unb wahrscheinlich würde er auch sie ebenso schnell wieder vergessen, wie sich diese zarten, unsichtbaren ftäben zwischen ihnen angesponnen. Wie vielen Frauen mochte er nicht schon unter fein Bild geschrieben haben: „Abc, gedenke mein!" Es war gut, daß er fort ging, kaum, daß es begonnen.
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Der Frühling zog nun fubelnb und mit vollen Händen spendend in die Großstadt ein. Er zauberte die Blätter aus den Straßen- und Tiergarten- bäumen hervor, bestickte mit der Hilfe freund! chcr Stadtgärtner die Parkwiesen unb die Rabatten der großen Avenuen mit Krokus. Primeln und Anemonen. In den Kärben der Marktfrauen unb der ältlichen Blum nmädchen blühte es bunt auf; zuerst erschienen die Veilchen, die Tretbrosen und ge
triebenen Maiglöckchen, bis bann der Mai selbst sein anmutiges Sonnengoldnetz über die riesige Stadt warf, und Mädchen und Frauen mit den Blumen an Farbenfreudigkeit wetteiferten.
Im Konservatorium arbeiteten sie in ben Gesangs- unb dramatischen Klassen im Wetteifer mit dem Frühling auf die geplanten Vorstellungen hin, die an zwei Abenden des Junis in einem gemieteten Theater ftättfinben sollten.
Isa ftubierte den Habanera Akt der Carmen in ber Kneipe des Sillas Pastia. Ein heißer Wettbewerb um diese Rolle zwischen ihr und einer glut- äugigen Polin war entbrannt, in dem sie mit Hilfe Lukrins dies Fräulein von Lubzewska besiegt hatte.
Der Direktor hatte zwar anfangs kopfschüttelnd seine Bedenken geäußert, sie schon nach einem Jahr Unterricht auftreten zu lassen Es sei auch gegen die Tradition (Die darin bestand, die Schüler recht lange zu behalten, also ihr erstes öffentliches Auftreten hinaus,zuschieben.) Und bann sei für bas große Haus, das man bicsmol gewählt hatte, die Stimme noch nicht tragenb genug.
Aber Luk'rin, ber ihn ganz in ber Hanb hatte — fein ehemals io großer Buhnenname war eine 3ug- kraft bcs Instituts geworben — setzte es schließlich durch, zumal die Mittellage der jungen Polin nicht sehr stark war, unb gerade diese Rolle starke Mittel- töne forderte. Nun arbeitete Jia mit dem Hostchou- fpielcr Börklitz und mit Sukrin, zu dem sie außer den üblichen Stunden zweimal in ber Woche in feine Wohnung ging. Rach ber Stunde trank sie bann mit bem Kammersänger und seiner meist anwesenden Gattin den Tee.
Ein paar Mal hatte sie Butrin mit Lenz geneckt, der auf feiner großen Gastspielfahrt mar. Isa lächelte dann nur ihr geheimnisvolles Lächeln und zeigte auf die zwei Starten, die sie im Laufe ber erften vier Wochen von ihm erhalten.
Die erste war wenige Tage nach seiner Abreise aus Königsberg gekommen. Es war fein 3.1b als Hamlet, mit einem kurzen Gruß. Die zweite ohne Ansicht plauderte von seiner Rheintournce und war aus Mainz. Er ließ auch Lukrin grüßen unb schrieb -um Schluß: Ich habe bem tragen Direktor von C'hncn erzählt. Madonna, von Ihrer Feuerkrone unb von Ihren Chansons unb Ihrer süßen Stimme. Er hat sich sofort den Namen notiert
Lukrin lachte gereizt: „Sehr freundlich — aber was denkt sich Herr Lenz eigentlich! Zunächst wird sich der Direktor noch zwei Jahre gedulden müssen — und überhaupt Mainz! Na ftu ganz schöne Oper, „Aber ich hoffe, wir fangen gleich größer an — Hamburg, München, Frankfurt “
Es war m:rlwürdig schwül heute, ein vorweg- genommener Sommertag. Lukrin, sonst immer im hellgrauen Saktoanzug, trug heute ein blauseidenes Hemd mit Umschlagskragen und Geibengürtel unb barüber ein gelbseibenes Hausjakett, entschuldigte sich auch deswegen mit ber „ekelhaften Hitze". Diese machte ihn wohl auch zerstreut unb nervös Schließ- Ich fegte er mit einigen chromatischen Akkorben über bie Tasten, bann lehnte er sich plötzlich in ben Stuhl zurück.
„Es scheint, Mabonna, Sie interessieren sich für Herrn Lenz."
Isa schaute überrascht auf. Wie brutal bas klang! Als ob man mit plump-zynischer Hand ihren Leib betastete. Unb nach einer Pause ber Verblüffung, entgegnete sie kühl, währenb sie ihr Her; plötzlich pochen fühlte: _
,Zch interessiere mich für den Künstler Lenz.
„Na ja ... Sie würden mir ja auch nicht die Wahrheit sagen. — Also fangen wir an'"
*21 ber er war zerstreut, entschuldigte sich auch gleich wieder mit ber Hitze. An bem kleinen Tisch, cm bem sonst immer seine Frau ben Tee bereitete, auf einem silbernen Rechaud, machte cr sich heute selbst zu schassen. Seine Hände zitterten, während er die Spiritusflamme entzündete
„Wo ist denn Ihre Frau Gemahlin?"
,^lch glaube, ausgeqangen .. sie macht einen Besuch — oder zur Schneiderin ... ich frage sie nie, wohin sie geht. In ber Ehe muß man sich gegen'eitm Freiheit lassen."
Er lachte grell unh unnatürlich sein Blick flackerte IniP unb spöttisch über sie hin
3(a fühlte sich pl tzlich unbehaglich befangen; am liebsten wäre sie jetzt gegangen Aber he blieb am Klar» er fitzen und markierte m t halber et mme eine schw-eriae Stelle der Partie, während er seine Arbeit am Rebentilch fortsetzte. Er goß das kochend^ Wafter über ben Tro — einen wundervollen Tee, ben ihn eine englische Verehrerin sch ckte, unb ber einen feinen Duft ausbauchte. Dann schloß er plötzlich bas Fenster unb rief, hinter ihren Stuhl tre
tend, währenb er sanft bie Hände auf ihre Schultern legte:
„Sie haben falsch intoniert, Kindchen ... cs fehlt da noch an Seele. Ueberhaupt sind Sie der Partie geistig und stimmlich noch nicht gewachsen. Es fehlt die Wucht, die Leidenschaft, bie Tiefe. Mit den Künsten des „joli tambour" unb bes „Mädchens vom Alstergrunb" kommt man dieser Rolle nicht bei."
„Warum lassen Sie mich bann fingen? Der Direktor glaubt a u ch, baß es noch zu früh ist."
„Ach, was versteht ber! Ich kann Sie da hin- bringen, ich allein“, lachte er plötzlich, während er ihr sanft übers Haar strich. — Mit einer Hand- beweg >ng lud er sie ein, neben ihm Platz zu nehmen. Widerstrebend, mit einem leisen Angstgefühl, lieft sic sich auf ber kleinen Eauseuse nleber, auf ber sie sonst neben ber Dame bes Hauses faß.
Er blickte sie fest an: „Ich habe alle meine Schülerinnen, mit benen ich es gut meinte — natürlich mußte Stimme und Begabung ba sein — vorwärts gebracht. Aber dazu gehört Hingebung — Hingebung."
,,3d) lebe nur für meine Studien.“
,Ha, ja“ — er lächelte gequält — „Sie törichtes kleines Mädchen. Aber — wie kann man Liebe unb Leidenschaft verkörpern, ohne sie empfunden zu haben! Wir Künstler müssen alle geliebt unb gelebt haben, ehe wir bie Leibenschaft verkörpern können.“
Sie schüttette leicht ben Kopf.
„Das glaube ich nicht."
„Weil Sie weber bie Well, noch bas Leben, noch die Bühne kennen. Ober wollen Sie ewig kleine Chansons fingen?“
„Vielleicht reicht mein Talent nicht weiter'»
„Nein, nein — nur muß man ben Funken wecken Jetzt schwärmen Sie für biesen Linz ... cd), wideriprcchen Sie doch nicht' Cr hat übrigens in ff en ein Verhältnis“, lachte er höhnisch — „Auch sonst, auf feiner Tournee, verschmäht er keine Blume, bie er pflücken kann.“
Sie zuckte bie Achseln; ihr Antlitz brannte in heller Glut
„Was geht mich bas an!“
„Ach, leugnen Sie nicht! Aber Sie werden ihn nicht Wiedersehen. Er hat sie längst vergessen."
(Fortsetzung folgt..


