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Donnerstag. 8. Septemver (927

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfität§-Buch- und Zteindruäerei «.Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hiümann, sämtlich in Gießen.

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Auf der Suche nach neuen Friedensgarantien.

Polen teilt den Mächten den Entwurf eines Nichtangriffspaktes mit. - Das Streben nach einem Kompromiß. Unmittelbare Verhandlung in der Völkerbundsversammlung.

Das Erwachen der Kleinen

wagt hat. Noch Erinnerung an

des Weltparlaments Hinausge­ist es nicht zu spät, denn die

Schlußfolgerung zieht, daß mit einer solchen Er­klärung alle friedlichen Garantien gegeben sind und daß dann sofort der Augenblick gekommen ist, in dem die Abrüstung beginnen muß. Will der Völkerbund mit Deutschland diesen Weg gehen gut. Die Hauptsache für uns ist jedenfalls, daß nicht lediglich eine neue Ent­schließung angenommen wird und dann mit der tatsächlichen Abrüstung alles beim alten bleibt. Das ist natürlich der Zweck der Polen. Wir glauben nicht, daß die Holländer ein ähn­liches Ziel verfolgen. Aber Deutschland muß jedenfalls Wert darauf legen, daß das Primäre, die Abrüstung selbst, nicht durch intrigan- tische Winkelzüge unerledigt bleibt.

die Segel danach setzen^ toeil es nun einmal sich auf die Wellen

ein Ostlocarno auf Amwegen natürlich genau so, wie er die Rückwirkungen des Westlocarnos be­kämpfte. England hat nur indirekte Interessen, die aber nicht gerade für die Stärkung der fran­zösischen Stellung im Randstaatengürtel sprechen, auch wenn ihm ein im Rückeir gedecktes Polen mit freier Hand gegen Osten nicht unerwünscht sein kann. Der englische und der französische Außenminister selbst wissen jedoch, welche unan­genehme Rückwirkungen ein Erfolg der Polen für ihr eigenes Locarno haben könnte.

Man mutz sich mit Recht fragen, ob es noch einmal gelingt, vom Rate der Großen aus die Haltung der Vollversammlung in einer so tvich- tigen Frage, tvie sie der polnische Vorschlag an- rührte, zu bestimmen. Der Geist der Wider­setzlichkeit ist unter der Masse der Mitglieder vielleicht doch schon zu groß geworden, als daß sich Vorgänge wie beim Genfer Protokoll oder auch bei der Aufnahme Deutschlands, wo die Großmächte diktieren konnten, tviederh ölten. Tleberdies deuten, wie schon gesagt, alle Symp­tome darauf hin, daß unter der Führung Frank­reichs ein Wettlauf um die Gunst der kleinen Rationen beginnt. Dieser Wett­lauf aber ist, schon der S i e g der Anzufriedenen. Darum wir!) nicht der Rat, sondern wahrschein­lich die Vollversammlung das letzte Wort über Polen sprechen. And wenn der schwerfällige Apparat jetzt noch keine Entscheidung fällt, dann wird er sie in der einen oder anderen Weise auf Eis legen bis zur nächsten Tagung.

Deutschland aber sollte, ehe es zu spät ist, den Witterungsumschlag in Genf erkennen und

die rücksichtslose Machtpolitik Frankreichs und Englands ist in Genf noch nicht geschwunden.

I wollen uns über die Einzelheiten der holländi­schen Resolution ebensotoenig, wie über den pol­nischen Antrag, der in irgendeiner Form damit verkoppelt wird, im Augenblick nicht einlassen, dazu wird noch hinreichend Zeit sein. Aber der Gedanke einer Verfemung derjenigen Staaten, die einen Krieg vom Zaune brechen, ist uns Deutschen durchaus sympathisch; schon weil wir ja gar nicht im stände sind, Krieg zu führen. Rur, wenn etwas Derartiges geschieht, dürfen Ursache und Wirkung nicht ver­wechselt werden Man kann in einer Entschließung dem Kriege den Krieg erklären, man kann einen Staat verfemen, der trotzdem Krieg führt; man kann das aber nur, wenn man dann auch die

Um die Führung.

Von unserem Sonderberichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Genf, den "7. September 1927.

Man mutz einmal bei den Delegationen der kleinen Rationen herumgehört haben, wenn man begreifen will, welche tiefe Enttäuschung über die gesamte Völkerbundsinstituttvn und ihre Ar­beitsweise bei denen herrscht, die nun nicht zu dem kleinen Kreis der ausertoühlten Ratsmitglie­der und Grotzmachtsvertreter gehören. Sie alle sehen die großen Entscheidungen, die sie oft genug selbst angehen und dürfen nicht mitreden Lord Robert Cecil, der englische Delegierte, war früher so etwas wie ein Anw alt der Kleinen. Seit er zurückgetreten ist, stteg die Erbitterung der nun gänzttch führerlosen Mit­gliedermasse, die schon einmal tn Deutsch­land den gegebenen Sammelpunkt sah. Eine Hoffnung, die enttäuscht wurde. Jetzt scheint sich ein anderer zu finden, der die Kraft dieser enttäuschten Masse der Kleinen für sich nutzbar macht: Frankreich.

Frankreich wollte gern die Kandidatur Oesterreichs für den Posten des Vorsitzenden der Vollversammlung unterstützen, um den Oesterrei­chem auf diese Weise einmal den Segen der Eigenstaatlichkeit vor Augen zu führen. Rur die schon auf einen anderen Kleinen, Uruguay, fest­gelegte Stimme Englands und ein Appell Cham­berlains an die Einigkeit zwangen auch Frank­reich dazu, dem Amerikaner seine Stimme zu geben.

Wie ernst es die französische Delegatton mit ihrer neu gestellten Aufgabe des Fürsprechers der kleinen Rationen nimmt, das zeigen nicht nur die Bemühungen um eine Garantie für die osteuropäischen Kleinstaaten, das zeigt auch der erste praktische Erfolg: die ständige Fühlungnahme der Vertreter aller dieser Mächte mit der französischen Delegation. Viel geringer ist dieser Verkehr im englischen Hauptquartier aufiallend selten diesmal bei den Deutschen. So nimmt Frankreich eine Rolle auf, die Lord Cecil niederlegte und die Deutschland, vielleicht in Verkennung ihrer Wichtigkeit, achtlos liegen ließ. (Eine ausfallende Bestätigung haben diese Dinge inzwischen in der Tatsache gefunden, daß die Engländer und Franzosen schon am Dienstag- morgen von dem Vorstoß der Holländer wußten, von dem die Deutschen erst am Nachmittag auf Umwegen erfuhren.)

Diese Umstellung ist das sich hinter den Ku­lissen vorbereitende Hauptereignis der gegenwärtigen Genfer Vollversammlung, der man noch in der vorigen Woche das Horoskop ent­täuschender Langertoeile stellte. Run, Ratstagung wie Vollversammlung sind alles andere als langweilig geworden. Das anfänglich graue Bild belebte sich nach dem sensationellen Rücktritt Cecils und de Iouvenels durch die viel be­sprochene Verzögerung in der Ankunft Briands und durch die Abreise Vanderoeldes. Die große Sensation aber war der polnische Vor­schlag des strikten Kriegsverbvts. Wer die Genfer Praxis kennt, iveih, was dieser Vorschlag bedeutet: Ein generelles Verbot wird unter Abänderung des Artikels 15 des Völker­bunds Paktes beschlossen hier ergeben sich Hinderungsgründe für seine praktische Durch­führung, dort tauchen Bedenken auf und so ist man plötzlich soweit, daß die neue Bestimmung spezialisiert auf ein Teilgebiet angewandt wird, womit man bei Ostlocarno anlangt.

Es gehört wohl eine ganz besondere mensch­liche Konstitution dazu, trotz der klaren Erkennt­nis des letzten Zieles einer Aktton wie der pol­nischen. ernst und sachlich zu bleiben.- Der Kampf ist erbittert, wie nur je ein Krieg sein kann, und doch wird er ausgekämpft zwischen stets gleichbleibend höflichen Zivilisten, auf glat­tem Parkett und unter den längst wieder geflick­ten Glasscheiben der bei der Genfer Revolte arg ramponierten weltbekannten Veranda. Unklar bleibt freilich bis jetzt immer noch d i e wahre Absicht Briands und Cham­berlains, auch wenn die Haltung Frankreichs und Englands durchaus nicht so schwer zu er­raten ist. Frankreich, d. h. Poincare, unterstützt

Der polnische Yakfvorfchlag.

Die Prüfung der Juristen.

Genf, 7. Sept. (WTB.) Der von dem polni­schen Vertreter heute dem Reichsaußen.ninister über­reichte Entwurf der Entschließung wurde als streng verttauliches Dokument übergeben und gelangt nicht zur Veröffentlichung. Er bildet jetzt den Gegenstand von Unterhaltungen zwischen den verschiedenen Mächten und wird von ihren Juristen geprüft Der Vorschlag stellt, wie man annehmen darf, lediglich eine allgemeine Deklaration dar, um jeden Krieg als rechtswidrige Handlung zu verpönen. 3m übri­gen aber scheint es sich um ein sehr knapp gefaßtes Schriftstück zu handeln, das in diesem allgemeinen Gedanken mit dem ursprünglich geplanten Richt- angriffspakt in Beziehung steht Die 3uristenbespre- chung über den polnischen Vorschlag dauerte bis gegen 21.30 Ahr. Deutscherseits war IHlnifferial- direktor Gaus daran beteiligt. Die Bemühungen um eine Verständigung über die Fassung des An­trages bezwecken u. a. die Einbringung dieses An­trages nicht mehr durch Polen allein, sondern durch eine Gruppe von Mächten, deren Zusam­mensetzung aber heute noch nicht sestflehl. von diesen wird der Antrag schriftlich an den Präsidenten geleitet werden, der ihn zur Verlesung und ohne Verweisung an eine Kommission jur unmittel­baren Verhandlung vor dem Plenum der Versammlung bringen wird, voraus­gesetzt, daß die für dieses Verfahren erforderliche Zweidrittelmehrheit zustimmt Wenn die noch im Zuge befindlichen Vorbereitungen bis morgen früh )u einem Ergebnis geführt haben, wird die Be­handlung im Plenum noch morgen erfolgen, wobei u.a. auch Reichsminisler Dr. Sfrefemann zum Mort kommen wird. Bei Erfolg dieser Aktion wird voraussichtlich der holländische Antrag auf erneute Aufnahme der Grundgedanken des Genfer Protokolls wegfallen bzw. zurückgezogen werden.

Die Entschließung, die nach dem bisherigen Stand der Dinge im Laufe des morgigen vormit- fags der Völkerbundsversammlung oorgelegt wer­den dürfte, wird voraussichtlich von mindestens vier Mächten, die an den Verhandlungen be­teiligt waren, gemeinsam einqebracht Sie besieht aus einer Präambel, der Konklusionen mit der Auf­stellung von zwei Prinzipien folgen, die von den Bundesmächten zu beachten sind. Die An-

Die Auferstehung des Genfer Protokolls.

Das Genfer Protokoll? Ja, was war das doch noch? Wir vergessen in der ereignisreichen Gegentoart, wo die Dinge sich im Gehirn des Einzelnen stoßen, sehr rasch und müssen schon ziemlich tief in der Erinnerung zurückgreifen, um uns der Zusammenhänge toieder bewußt zu wer­den. Denn seither ist das Genfer Protokoll ein Begriff, ein politisches Schlagwort geworden, das zum Sprachgebrauch der Diplomaten gehört, bei dem wir uns aber nicht allzuviel mehr denken. Wozu sich auch mit Einzelheiten belasten? Es ge­nügt, zu wissen, daß die Mächte des Völkerbundes viele Jahre um dieses Protokoll gerungen haben, daß der Grundgedanke der war, den Frieden noch mehr zu sichern, als er ja eigent­lich in dem Döllerbundsvertrag schon gesichert war, daß aber daneben auch noch allerlei an­dere Ziele mit unterliefen; so der Versuch, Deutschland wenigstens mit seinen entmili­tarisierten Zonen unter eine ständige Kontrolle zu bringen.

Das Protokoll ist zuletzt gescheitert, nach­dem es eigentlich schon unter Dach und Fach war. Die Verhandlungen im Völkerbund hatten zu einem Ergebnis geführt. Man hatte sich auf einen Text geeinigt, der sechs eng gedruckte Seiten umfaßte und mit allen möglichen Ver­klausulierungen belastet war. Frankreich und eine Reihe anderer Staaten hatten schon ihre Unter­schrift gegeben, alles schien in schönster Ordnung, als das Kabinett Macdonald in England stürzte und die konservative Regierung Baldwin-Chamberlain ans Ruder kam, die sich auf das Protokoll nicht festlegen wollte, weil es für die englische Politik doch starke Bin­dungen und den Zwang zur Einmischung in euro­päische Konflikte enthielt. England lehnte des­halb die Anterfchrift ab und damit fiel das ganze Protokoll zunächst ins Wasser. Mit auf diesen Mißerfolg sind die Locarnoverträge zurückzuführen, die an die Stelle der Lücke des Genfer Protokolls treten sollten.' llnö trotzdem kommt erst Polen und jetzt der holländische Außenminister, um der Völkerbundsversammlung noch einmal die Parole von dem Genfer Proto­koll auszugeben!

Man kann daran viel Herumgeheimnissen, man kann unterirdische Verbindungen suchen, die von dem polnischen Wunsch nach einem Ost- Locarno über Paris auch nach Holland Hin­kiefen. Möglich, daß hier in der Tat bestimntte Zusammenhänge bestehen und daß Poincare ein großes Spiel spielt, daß Frankreich jetzt sich zum Führer der kleinen Völkerbundsstaaten auf­werf en möchte, nachdem deren Vertrauensmann Robert Cecil aus der englischen Delegation ver­schwunden ist. Aber vielleicht ist es gar nicht einmal notwendig, allzu viel daran Herumzuge­heimnissen, es liegt schon näher, die Gründe un­mittelbar unter der Oberfläche zu suchen uni) den holländischen Vorstoß als eine Art Revo­lution der Kleinen im Völkerbund gegen die Politik der Großen anzusehen. Die Unzu­friedenheit, die sich in Genf seit Jahren ange- sammelt hat, ist auf ein solches Maß gestiegen, daß sie sich irgendein Ventil suchen muhte, wenn der Kessel nicht platzen sollte. And die be­geisterte Aufnahme, die Ionkheer van Blockland bei seinem Auftreten fand, spricht eigentlich da­für, daß die übrigen Dergewaltigten ihn ver­standen haben. Die Vollversammlung des Völker­bundes, in der ja theoretisch jeder eine Stimme besitzt, hat es satt, sich von den Großen nur als Kulisse benutzen zu lassen, sie will einmal selbst etwas zu sagen haben und läuft jetzt Sturm gegen die Statistenrolle, die ihr seither zugewiesen toar. Insofern ist das holländische Auftreten begreiflich und erfreulich. Merkwürdig ist nur die Richtung, in der dieser Stoß geführt wurde.

Europa stöhnt unter der Last der Militär­budgets. Der Außenminister Lettlands hat am Mittwoch vormittag darauf hingewiesen, daß die Militäretats der europäischen Staaten fast an­derthalb Milliarden Dollars, also mehr als sechs Milliarden Mark betragen, das heißt, fast genau o viel, wie im Jahre 1913. And das, obwohl die größte europäische Militärmacht Deutschland mit seinen ehemaligen Bundesgenossen zur Ab­rüstung verurteilt wurden. Das ist ein Skandal, ein doppelter Skandal, zumal da die Abrüstung Deutschlands ja ausdrücklich im Versailler Ver­tage als eine Vorleistung bezeichnet ist. der die übrigen Staaten nachzufolgen haben. Sie behaupten nun aber, sie könnten das nicht tun, weil ihre Sicherheit bedroht sei, bedroht ausgerechnet von Deutschland, das heute militärisch nicht mal mehr stark genug ist, um Segen einen seiner vielen Nachbarn auch nur defensiv auftreten zu können.

Aber diesem psychologischen Irrtum ist auch ter holländische Minister erlegen, indem er ganz schmucklos den Sah ausspricht, für die Abrüstung fei die Zeit noch nicht gekommen, Europa müßte zunächst moralisch abrüften. Wenn er dabei einen neuen Versuch machen will, den Krieg aus ®er Welt zu schaffen warum nicht. Wir

nähme und Verwirklichung dieser Entschiichung wird nach ihrer Fassung nicht von irgendwelchen späieren Ratifikationen oder dergleichen abhängig ge­macht. sondern hier in Gens sofort du rch A b st imun g im Plenum der Völkerbnndsvcr- (ammlung erledigt. Der Zweck der Ent­schließung ist die Bekundung eines unbedingten Willens jum Frieden und Verwer­fung jedes Angriffskrieges. 3m Zusam­menhang damit wird die A u s nu h u n g aller friedlichen Mittel zur Beilegung von Di fe- renzen besonders betont. Die Bedeutung einer sol­chen Deklaration, deren genauer Wortlaut zunächst noch geheim gehalten wird, liegt darin, daß es sich um eine Kundgebung von etwa 50 Rationen handelt, die damit ihren Friedenswillen in einer Proklama­tion von Grundsätzen zum Ausdruck bringen, die die bisherigen Grundsätze des Völkerbundes feierlich be­kräftigen. Sie liegt weiter darin, daß sie an einem Punkte der Entwicklung erfolgt, an dem in der Frage der A b r ü ff u n t) ein Stillstand, wo nicht ein Rückschritt verzeichnet werden müsse.

Gegen ein Ostiocarno.

Die Berliner Auffassung.

Berlin, 8. Sept. (TA.) In Berliner poli­tischen Kreisen lehnt man vorläufig eine Stel­lungnahme zu ben Genfer Meldungen ab, da sich die einzelnen Mächte zu strengster Verschwie­genheit über die Einzelheiten des panischen Vor­schlages verpflichtet haben. Immerhin verlautet so viel, daß die deutsche Delegation nur einer Formulierung ihre Zustimmung geben könne, die die berechtigten Lebensnotwendig­keiten des deutschen Volkes berücksich- ttgt. Unter allen Amständen wird deutscherseits darauf geachtet toerden, daß nicht unter dem Titel neuer Friedenssicherungen der von polnischer Seite immer wieder unternommene Versuch, eine Stabilisierung der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Grenzverhältnisse im Osten zu schaffen, verwirklicht werden kann. Deutschland, das der ihm durch den Versailler Vertrag auferlegten Abrüstung aufs genaueste nachgekommen ist, wird andererseits alle Bestrebungen unterstützen, die die völlige Abrüstung der anderen bishernochwaffenstarrendenMächte sicherstellt. Auf alle Fälle wird man gegenüber dem aus französischer und polnischer Quelle stammenden Versuchsballon äußerste Zu­rückhaltung üben müssen. Auf die Rhein­landräumung hat Deutschland auf Grund des Art. 431 des Friedensvertrages ohnehin einen unwiderlegbaren Rechtsanspruch. Eine Ver­quickung der Frage der Rheinlandräumung mit den polnischen Wünschen würde in der deutschen Öffentlichkeit nicht verstanden werden.

Der angebliche Wortlaut.

Verbot des Krieges. Friedliche Regelung internationaler Konflikte.

London, 8. Sept. (WTB. Funkspruch.) Perti- nax drahtet demDaily Telegraph" aus Genf: Folgendes ist der Wortlaut des polnischen Vor­schlags, der der Versammlung zur Abstimmung unterbreitet wird:

Die versammluna zieht die Solidarität in Be­tracht, die die internationale Gemeinschaft vereinigt. Sie hat die feste Entschlossenheit, die Aufrechterhal­tung des allgemeinen Friedens zu sichern; sie nimmt zu Protokoll, daß Krieg niemals als ein Mittel zur Regelung von Konflikten zwischen Staaten gebraucht werden darf, und daß infolgedessen ein Angriffs­krieg ein internationales verbrechen bedeutet. Sie ist der Ansicht, daß ein feierlicher Ver­zicht auf jeden Angriffskrieg die Wirkung haben würde, daß eine Atmosphäre allgemeinen ver­trauens geschaffen würde, die den Fortschritt der im Hinblick auf die Abrüstung unternommenen Ar­beit begünstigt. Die Versammlung erklärt daher folgendes:

1. 3n irgendeiner Weise zum Krieg zu greifen zwecks Regelung internationaler Konflikte ist verboten und wird verboten sein.

2. Alle Konflikte, welcher Art sie auch sein mögen, die zwischen Staaten entstehen, kön­nen nur durch friedliche Mittel ge­regelt werden und daher forderk die Ver­sammlung die Mitglieder des Völkerbundes auf, die obige Erklärung zu Protokoll zu nehmen und sich in ihren gegenseitigen Be­ziehungen nachihrenGrundsähenzu richten."

Die Möglichkeit einer Revision der Friedensvertrüge.

London, 8. Sept. (WTD. Funkfpruch.) Daily Mail" veröffentlicht heute ein Schreiben, das Lloyd George vor kurzem an den ungarischen Korrespondenten Foeldiak gerichtet hat und das das BlattEin Staatsdokument von äußerster Bedeutung" nennt. Es heißt darin, die britische Öffentlichkeit erkenne voll an, daß weder das ungarische Volk noch sein Premierminister für die Katastrophe des Jahres 1914 verantwort­lich waren. Lloyd George erklärte dann nach-