Einzelbild herunterladen

Staatsregierung mit 42 gegen 25 Stimmen für den 11. QIugu ft als R a ti on a l f e i e rt a g .ins. Mit derielben Mehrheit wurde der ver- faisungsändernde Charakter dieses Antrages ver­neint.

Die Stellung der Reichstags.

Berlin, 8. Juli. (Priv.-Tel.) Der Beschluß des Reichsrats hat in parlcnnentarischen Kreisen eine gewisse Ueberraschung hervorgerufen. In Zentrumskreisen wurde angenommen, daß sich der Reichsrat dadurch, daß er sich nur mit dem Verfassungstage als Feiertag beschäftigte, gegen den Zentrumsantrag über die Regelung der kirchlichen Feiertage ausgesprochen habe. Aus Reichsratskreisen, die für den Verfassungstag ge­stimmt haben, wird jedoch versichert, daß dies keineswegs der Fall sein soll. Außerdem hätte ja der Rechtsausschuß des Reichstags Ge­legenheit, noch am Freitag vormittag den Zen- Irumsantrag über die kirchlichen Feiertage zu erledigen. Trotz des Beschlusses des Reichsrats steht jedoch nach Ansicht parlamentarischer Kreise noch keineswegs fest, daß schon der dies­jährige 11. August von Reichs wegen zum Rationalfeiertag erhoben wird. Die vom Reichs­rat beschlossene Initiativvorlage wird zwar von der Reichsregierung unter Hinzufügung ihrer eigenen Stellungnahme dem Reichstag zu- g el eitet werden. Ob die Reichsrcgierung aber noch bis Samstag in der Lage sein wird, die Vorlage dem Reichstag zu unterbreiten, wird von mehreren Blättern für ausgeschlossen gehakten. Der Reichsratsbeschluß dürfte daher kaum unmittelbare praktische Konsequenzen haben. Allerdings wollen die Demokraten und die So­zialdemokraten den Antrag stellen, daß der Reichstag noch in der nächsten Woche zusam­menbleibt. um die Frage des Dersassungs- feiertages auf Grund des Reichsvatbeschlusses zu erledigen.

Das Rerchsschulgesetz.

Noch keine Einigung unter den Koalitionsparteien

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 8. Juli. Gestern fand eine Mi­nisterbesprechung in Verbindung mit einer Sitzung von Vertretern der Koaiitionsparieien statt, in der die noch nicht völlig geklärten Fragen des Reichsschulgesetzes erörtert wurden. Auch die' Fraktion der Deutschen Volks- Parker beschäftigte sich mit "Dem Reichs­schulgesetz. Die Zentrumsfraktion hat sich jetzt damit abgefunden, daß das Schulgesetz nicht mehr vor den Ferien beraten wird. Es wird jedoch in der nächsten Aeltestenratssitzung einen Antrag einbrKgen, in der letzten Septemberwoche eine sechstägige Reichstagstagung rinzuberufen, die in der Hauptsache der Beratung des Reichs- schulgesetzes dienen soll. Das Reichskabi­ne r t wird heute eine Sitzung über das Reichs- schulgeseh abhalten, von der angenommen wird, daß sie den Abschluß der Beratungen über den Entwurf bringen wird. Die Vorlage wird wahrscheinlich noch heute an den Reichsrat überwiesen werden und zwar ohne daß unter den Regierungsfraktionen eine vollständige Einigung in allen Punkten erzielt wäre. Die Kvrnpromißforrnel, um die es sich im wesent­lichen dreht, will in denjenigen Teilen des Lan­des, die keinen ausgesprochen eindeutigen ton», essionellen Charakter haben, der Simultan- ch u l e ihren Vorrang lassen, während die Kon- essionsschule überall da der Simultanschule gleichgestellt werden soll, wo schon heute )ie Schule einen ausgesprochen konfes- ionellen Charakter trägt.

Die Jsllvorlage im Handelspolitischen Ausschuß angenommen.

Berlin, 7. Juli. I:n Handelspolitischen Ausschuß des Reichstages wurde die Zollvor­loge weiterberaten.

Abg. Dr. Hilferding (Soz.) ging aus die gestrigen Ausführungen des Reichsrrnährungs- ministers Schiele ein, nach welchen das Gleich­gewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie zuungunsten der Landwirtschaft gestört sei. Ein Kartoffelzoll sei sinnlos, weil der Inlandvreis sich lediglich nach der inländischen Produktion richte. Die Sozialdemokraten wollten die Lage der Landwirtschaft dadurch verbessern, daß sie deren Produktionstosten verbilligten und des­halb forderten sie Herabsetzung der Jnduftrie- zölle.

Reichsernährungsminister Schiele geht auf die praktischen Maßnahmen ein, mit welchen der Landwirtschaft geholfen werden könne. Er stellt dann vier Forderungen auf:

1. Ausbau und Rationalisierung derMollerei- betriebe:

2. Standardisierung, Typisierung usw.:

3. durchgreifende Verbesserung der Absatzver- hältnisse, und

4. umfassende Propaganda unter der Bevöl­kerung zur Steigerung des Konsums. Zwischen dem Reichswirtschaftsminisber und dem ReichS- ernährunasminister bestehe nicht der geringste Zweifel darüber, daß eine Imparität zwi- schen Landwirtschaft und Industrie vorhanden sei und daß dies beseitigt werden müsse. Parität müsse geschaffen werden. Dann würden wir in der Lage sein, die Parität mit den an­deren Rationen herzustellen.

Aba. Lammers (Zentr.): Angesichts der enorm hohen Kartoffelpreise müsse man die Er­höhung der Kartoffelzölle ablehnen.

Darauf wurden die kommunistischen Anträge und die Entschließungen ab^elehnt, ebenso die Entschließung des Abg. Breit scheid (Soz.), jetzt von jeder Zollerhöhung abzusehen und im Herbst eine neue Vorlage entspre- chend den Beschlüssen der Weltwirtschastskon- ferenz einzubringen. Mit derselben Mehrheit werden auch die anderen Anträge der Demo- traten und Sozialdemokraten auf Zollfreiheit oder Zollermähiguna abgelehnt. Mit der gleichen Mehrheit wirb gegen die Stimmen der De- mokraten, Sozialdemokraten tzind Kommunisten die Regierungsvorlage unverändert ange­nommen.

Es folgt die Beratung der Senkung der Zuckersteuer und der Erhöhung des Zuckerzolles. Die Zollfreiheit für Zucker wird abgelehnt. Die Erhöhung des Zuckerzolles wird mit 16 gegen 10 Stimmen der Linken angenommen. Ebenso wird di« Steuertrei- heit für Zucker abgelehnt. Die Ermäßigung der »uckersteuer auf 10.50 wird einstimmig an­genommen. Angenommen wird ein sozial­

demokratischer Antrag, die Steuerrück­zahlung nicht nur Großhändlern, sondern auch großen Kleinhändlern zu gewähren, z. B. Kon­sumvereinen.

Der Großhandel sur ZoKfenkrung.

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 8. Juli. Wie wir erfahren, hat der Reichsverband des Deutschen Groß - und äleberseehandels e. V. der Reichsregierung von einer Entschließung Kennt­nis gegeben, die darin gipfelt, daß vom Reichs­verband die zum Herbst von der Reichsregierung in die Wege geleitete Zollsenkungsattiou auf das wärmste begrüßt und mit allen Kräften und zwccicntsprechenden Mitteln unterstützt wird. Dieser Schritt der deutschen Regierung tann aller­dings, wie es weiter heißt, nur dann zum Ziele führen, wenn auch die andern Län­der den einstimmigen Empfehlungen der Welt- wirtschaftskonferenz alsbald beitreten und sich dem Vorgehen der deutschen Regierung ah- schließen, um der freien Betätigung aller wirt­schaftlichen Kräfte Europas wieder die Wege zu ebnen. Die Wiederkehr des Wohlstandes der Völker ist nur dann zu erwarten, wenn die Wirtschaftspolitik er der Welt und die Regierun­gen der verschiedenen Staaten gemeinsam und zielbewußt in dieser Richtung arbeiten.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 7. Juli, 14 Ahr. Auf der Tages­ordnung steht die dritte Beratung des Gesetzent­wurfs über die Arbeitslosenversiche­rung.

Abg. Graßmann (Soz.) bedauert, daß in der Vorlage der Wille zur Selbstver­waltung nicht genügend zur Geltung gekom­men sei. Die Sozialdemokraten wurden sich mit allen Kräften gegen die Ersahkassen zur Wehr setzen.

Abg. Lambach (Dn.) bezeichnet es als er­freulich, daß in der vorliegenden sozialpolitischen Frage eine E inheitssront besteht. Bemerkens­wert sei es immerhin, daß auch prominente sozial­demokratische Gewerkschaftsführer die Sozialpolitik der sogenannten Bürgerblockregierung rühmend anerkennen müssen. Der Redner empfiehlt eine Entschließung, in der die Regierung um eine Rachprüfung ersucht wird, ob später die Zu­lassung von Ersahkassen erwogen werden kann.

Abg. Brüninghaus (D. V.) sieht in der Bestimmung, daß bei der Stellenbesehung in der Versicherung die Versorgungsanwärter nicht bevorzugt werden dürfen, einen Rückschritt. Die Versorgung der früheren Angehörigen der Reichswehr sei ebenso eine Staatsnotwendigkeit wie die Reichswehr selber. Der Redner tritt für eine Entschließung ein, in der die Regierung um Angabe der Stellen ersucht wird, die den Zivil­anwärtern vorbehalien werden können.

Die Vorlage wird in der Fassung der zwei­ten Lesung mit 356 gegen 47 Stimmen bei 16 Stimmenthaltungen angenommen, ebenso die Rovelle zur Reichsversicherungsord­nung, wonach die Krankenkassenversicherungs- grenze auf 3600 Mark erhöht wird. Ange­nommen wird auch die Entschließung der Re­gierungsparteien, die u. a. eine Prüfung der Frage verlangt, ob später Ersahkassen zu- gelassen werden können.

Dor der namentlichen Schlutzabstimmung über das Kriegsgerätegeseh verlangt Abg. Gräf« (Völk.) die Feststellung, ob bei dieser Ab- stimmung die für Verfassungsänderungen erfor­derliche Zweidrittelmehrheit erreicht wird. Di« namentliche Abstimmung ergibt die Annahme des Kriegsgerätegesehes mit 349 gegen 44 Stim­men bei acht Enthaltungen. Dagegen haben ge­schlossen die Kommunisten und die beiden völ­kischen Gruppen gestimmt. Einige Deutsch-nationale Abgeordnete haben während der Abstimmung den Saal verlassen. Präsident Lobe stellt fest, daß auchdie fürVerfa ffau n g s ä n d e r u n g en notwendige M ehrheit erreicht fei.

Es folgt die zweite Beratung des Gesetzes über die Beschäftigung der Frauen vor und nach der Riederkunft.

Abg. Frau Ramitz (Soz.) beantragt die Ausdehnung des Gesetzes auch auf die in der Hauswirtschaft und Landwirtschaft beschäftigten Frauen.

Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erklärt, das Washingtoner Abkommen habe die Landwirtschaft nicht berücksichtigt und darum sei sie auch aus dem vorliegenden Gesetz heraus­gelassen worden. Die Reichsregierung werde so­bald wie möglich in einem besonderen Ge - f e tz den Schutz der in der Landwirtschaft tätigen Frauen regeln.

Der sozialdemokratische Antrag wird im Hammelsprung mit 204 gegen 145 Stimmen ab­gelehnt und das Gesetz in zweiter und dritter Beratung angenommen, ebenso das den gleichen Gegenstand behandelnde Washingtoner Aeberein- lommen. Angenommen wird auch eine Ent­schließung der Regierungsparteien, die die mög­lichst baldige Vorlegung eines Mutterschuhgesehes für die Landwirtschaft fordert.

Ein Antrag der Regierungsparteien auf Aende- rung des Gesetzes über Einstellung des P e r- so nalabbaues und Aenderung der Personal­abbauverordnung wird angenommen. Der Antrag will die Verlängerung des Gesetzes bis zum 31. Juli 1928.

Abg. Schmidt- Stettin (Dn.) erklärt, durch die Verlängerung des Gesetzes werde kein Beamter geschädigt, denn die Regierung habe die Rückwir­kung der kommenden neuen Vorlage aus alle am 1. April 1926 in den Ruhestand versetzten Beamten zugesagt.

Freitag: Zweite Beratung der Zollgesetze.

Die Reichstagsferien.

Berlin, 8. Juli. (Priv.-Tel.) Der Aeltesten- rat des Reichstages einigte sich gestern dahin, daß der gegenwärtige Tagungsabschnitt a m Samstag dieser Woche zu Ende geführt werden solle. Weil das Re i chs s ch u l g e s e h und das Liquidationsschädengeseh erst in den nächsten Wochen an den Reichs­rat gebracht werden, können s ie erst nach längerer Frist dem Reichstag zugehen. Deshalb ist die Erledigung im Reichstag auf eine im September e i n z u s ch i e b e n d e Tagung verlegt worden. Am Freitag dieser Woche soll neben kleineren Vorlagen die Zollvorlagck und die Bäckereiverordnung in zweitem Lesung beraten werden, so daß damit die Ar­beiten vor der Sommerpause abgeschlossen sein werden. Am Samstag wird der AeUesten- rat noch einmal zusammentreten und den Termin I für die Septembertagung endgültig festsehen.

Dis EifenhahMataBophe im harz.

Berlin, 8. Juli. (WTB. Junffprudj.) Wie demLokalanzeiger" zu dem Unglück auf der harzquerbahn aus Wernigerode beruhtet wird, wurden die Bergungsarbeiten gestern nachmittag wegen schwerer Gewikler unkerbro- ch e n. Reben den vier verunglückten Eisenbahn­beamten sind, nach dem Bericht des Blattes, vier Reisende und ein elfjähriges Mäd­chen gefunden worden. Die Leichen zweier weiblicher Fahrgäste wurden durch ihre Ehemänner als Frau B i e r m a n n, Gattin eines Lokomotiv­führers aus Bremen, und Frau Zehms, Gattin eines Gewerkschasksbeamten aus Berlin, sestgeslellt. Da das Wasser die Token vollständig enkkleidet hat, war es bisher nicht möglich, die übrigen Persona­lien festzustellen. Zwei Frauen wurden geborgen, sie sollen aber nicht zu den Opfern des Unglücks gehören, sondern infolge des Unwetters ertrunken fein. Z w ei Reisende aus Ilsenburg sind ebenfalls von einer Wanderung nach dem Brocken noch nicht zurückgekehrt. 3n dem Bett des Baches fand sich ein Motorrad vor, von dessen Besitzer jede Spur fehlt.

Rach derGermania" dürfte sestslehen, daß irgendein verschulden oder eine Fahrläs­sigkeit seitens des Zugpersonals oder der Be­triebsleitung n i ch t in Frage kommt, sondern daß es sich um ein elementares Ereignis handelt, wie man es in diesem Ausmaße nicht voraussehen konnte. Allerdings dürfte die Katastrophe die Ver­anlassung geben, daß an dieser Stelle der Bahn­strecke bauliche Veränderungen vorgenom­men werden. Der Betrieb von Wernigerode bis nach Drei-Annen-hohne wird auf mehrere läge, vielleicht sogar aus zehn läge, eingestellt werden müssen. Die Beschädigungen an den Bahnanlagen sind so groß, daß die Reparaturarbeiten so lange dauern werden. Auch die Bahn von Schierke nach dem Brocken wird ihren Betrieb einstellen, da auch von dort Unterspülungen der Bahnanlagen gemeldet werden.

Der bei dem Unglück ums Leben gekommene Re- gierungsbaumeister Mayer war erst seit zwei Ta­gen im Dienste der Harzquerbahn tätig. Die Fahrt, bei der er tödlich verunglückte, war seine e r st e D i e n st f a h r t auf dieser Strecke. Gestern vormit­tag traf eine Gerichtskommission an der Unglücksstelle ein, die die notwendigen behördlichen Feststellungen machte. Als ein besonderer Glücks­umstand muß bezeichnet werden, daß der Brocken­zug in Drei-Annen-hohne mit Verspätung ein­traf und der verunglückte Zug fahrplanmäßig ohne den Brockenzug abgelassen wurde. Wären die vier Wagen des Brockenzuges angehängt worden, so wäre die Katastrophe durch den erheblich größeren Druck noch viel größer geworden.

Der Arbeitsausschuß deutscher Verbände.

Goslar, 7. Juli. (Wolfs.) Der heutig« Tag der Reichstagung des Arbeitsausschusses deut­scher Verbände wurde eingeleitet durch einen Vortrag des Tlniversitätsprofessors Dr. Pohl (Tübingen) über ein neues V ö lkerrecht auf Grund deS Versailler Vertrages. Pohl ging in seinem Vortrag davon aus, daß Wilson in seiner Rede vom 11. Juli 1918 sich der Welt als Herold und Schöpfer einer neuen Völker­rechtsordnung vorgesteÜt, jedoch diese zum In­halt des Vorfriedens Vertrages OktoberNovem­ber 1918 und zur vereinbarten Friedensgrund­lage gemachte Zusage nicht gehalten habe. Er betonte die Notwendigkeit, im einzelnen her­auszuarbeiten, was der Versailler Vertrag für die Fortbildung des Völkerrechts bedeutet und was er in dieser Richtung nicht bedeutet. Pohl schloß mit der Feststellung, daß die Grundfragen aller Außenpolitik untrennbar mit völkerrecht­lichen Problemen verknüpft sind und zitiert« die eindringlichen Worte des württembergischen Iustizministers Beierle über die Rotwendigkeit allgemeiner völkerrechtlicher Bildung.

In der Rachmittagssitzung wurden zwei Ent­schließungen einstimmig angenommen. In der er­sten weist der Arbeitsausschuß deutscher Verbände darauf hin, daß der Vorwurf von der Schuld Deutschlands am Weltkriege als Lüge ein­wandfrei nachgewiesen sei und fordert von der Reichsregierung, in wirksamer Weise dem In- und Auslande gegenüber zum Ausdruck zu bringen, daß sie einen Widerruf des Artikels 231 des Versailler Vertrages für unerläßlich hält. In der zweiten Entschließung wendet sich die Reichstagung entschieden gegen das franzö­sische Bestreben, die Besetzung derzweiten und dritten Rheinlandzone fortdauern zu lassen und lehnt es ab, das deutsche Recht auf sofortige Befreiung mit neuen Gegenlei­stungen zu erkaufen.

Vorwärts" und Reichsmarine.

Berlin, 7. Juli. (WTB.) heute fand die Be­rufungsoerhandlung in dem Beleidigungsprozeß des Chefs der Marineleitung gegen den frühe­ren oeraniworUichen Redakteur desSB o r m ä r t s", jetzigen Stadtrat Reuter, statt. Die Beleidigung der Reichsmarine wurde in zwei Artikeln erblickt, in denen derDorwätrs" die Nachricht kommentiert hatte, daß die Offiziere gelegentlich des Gesuches des Kreuzersh a m b u r gx in San Franzisko ge­hustet hätten, als von der deutschen Republik gespro­chen worden sei. Das Blatt hat u. a. vonflegelhaf­tem Verhalten der Offiziere", vonTaktlosigkeiten" undGemeinheiten" gesprochen. Der als Zeuge ver­nommene Kommandant derHamburg", Kapitän zur See Groß, erklärte, daß die kommentierten Vorgänge durchaus unwahr seien. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Reuter, unter Auf­hebung des erstinstanzlichen Urteils, das auf 500 Mk. Geldstrafe wegen formaler Beleidigung lautete, zu 15 0 0 Mark Geldstrafe. Dem Chef der Ma­rineleitung wurde die Publikationsbefugnis des Ur­teils imVorwärts" und in derMorgenpost" zu­gebilligt.

Gegen die Verabfolgung von Alkohol auf Kredit.

Berlin, 8. Juli. (DDZ.) Abgeordnete der Deutschnationalen Dvlkspartei, der Deutschen Volkspartei und des Zen­trums haben im Reichstag einen Antrag ein­gebracht, der die Reichsregierung ersucht, zwecks Eindämmung der mit der Verschuldung infolge von Zechschrllden verbundenen sozialen und sitt­lichen Schäden ein Gesetz vorzulegen, wonach Verbindlichkeiten aus kreditweiser Verabfolgung von alkoholischenGe-

tränten in öffentlichen Schankstätten nicht klagbar sind.

Neue Zwischenfälle an der französtsch-italienischen Grenze.

Paris, 8. Juli. (WTB. Funkspruch.) Dem Journal" wird aus Rizza geineldet, daß sich neue Zwischenfälle an der französisch-italieni­schen Grenze ereignet haben sollen. Der aus Ventimiglia kommende Schnellzug habe un­weit der Grenze anhalten müssen. Hm den Zug vor etwa auf demselben Gleis noch ver­kehrenden anderen Zügen zu schützen, habe ein Eisenbahnbeamter vorschriftsmäßig Spreng­patronen auf die Schienen gelegt. Ein Karabinieri, der dies bemerkte, habe den Eisen­bahnbeamten jedoch nach Ventimiglia a b ge­führt. Im Tale des Tin^e-Flusses soll eine aus 30 Mann bestehende italienische Ab­teilung in französisches Gebiet ein­zudringen versucht haben. Von französischen! Zollbeamten angehalten und zurückgewiesen, hät­ten die Italiener erklärt, sie kämen nach Frank­reich, um sich dort zu verproviantieren.

Aus aller Welt.

Internationale Zusammenarbeit der Universitäten.

Am Donnerstag ist in Genf eine Unter* fommiffion der Internationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit, die Unter* fommiffion für die Beziehungen zwischen deitz Uniberfitüten, zusammengetreten. Auf der Tages­ordnung stehen verschiedene Fragen, die im Laufe des Jahres vom Institut für geistige Zusammen­arbeit behandelt worden sind, so u. a. die Fraget internationale^ älniversitätsstivendien, die Frage der gegenseitigen Anpassung der Llniversitätslehrgänge usw.

Politik und Sport

Das rumänische Ministerium des Innern hat die ungarisch-rumänischen Fußballwettspiele ver­boten. Zur Begründung dieses Verbotes wird angeführt, daß neulich in Budapest bie Ungarn im Zeichen des Betrages von Trianon über die französischen Fußballspieler einen so ver­nichtenden Sieg davongetragen hätten, daß auch die Turniere ungarischer Fußballspieler in Bukarest als ein Kampfmittel der unga« rischen Irredenta betrachtet werden mühtnt

So heiß war es gestern in Berlin.

Gestern nachmittag gegen 3 L(hr geriet auf dem Reuköllner Güterbahnhvf ein Waggon Preßkohlen infolge der großen Hitze äirch Selbstentzündung in Brand. Gin Löschzug der Feuerwehr hatte fast eine Stunde lang mit den Löscharbeiten zu tun.

Belm Paddeln tödlich verunglückt

Ein mit zwei Personen besetztes Paddelboot stieß beim Passieren der Speyerer Rhein- brücke an ein Joch und kenterte. Während es dem einen der Insassen gelang, sich an das Doot zu klammern, wurde der andere stvom- abwärts getrieben. Auf die Hilferufe eilte sofort ein Rettungsboot herbei, doch gelang es nur, einen Insassen'zu retten. Bevor das Rettungs­boot zu dem abgetriebenen Mitfahrer gelangen konnte, ging derselbe unter. Seine Leiche konnte noch nicht geborgen werden.

Explofionsunglück in Belgien.

In einer Dhnamitfabrik bei Llrnhout er­eignete sich ein schweres Explvstvnsunglück, bei dem sechs Arbeiter getötet wurden.

Schweres Zugunglück in Argentinien.

Bei einem Zugzusammenstoß zwischen einem Passagierzug und einem Sonderzug mit chileni­schen Kadetten, die sich zur Beteiligung an dem argentinischen Rationalfest am 9. Juli in Buenos Aires unterwegs befanden, find 30 Personen getötet und 100 verletzt worden.

Schiffsunglück auf dem Huronsee.

Aach einer Meldung aus Sudbury am Onta­rio brach auf einem Motorboot in der Georgian Bai auf dem Huron-See Feuer aus. Dabei er­tranken der Millionär W. H o d g k i n s, der Vorsitzende der Brownell Improvement Com- Pagnv in Chicago, sowie zwei Mitglieder der Schiffsbesatzung. Vier andere Personen retteten sich durch Schwimmen.

(Ein gefährlicher kreditschwindler.

Die Berliner Kriminalpolizei fahndet nach einem elegant gekleideten jungen Mann, der sichJoachim von Reichel" nennt und viels Berliner und auswärtige Firmen durch Kredit- schwindeleien schwer geschädigt hat. Er leistete jedesmal eine kleine Anzahlung und gab für den Rest Wechsel oder vereinbarte Ratenzahlungen. So kaufte er z. B. zwei Motorboote im Werte von je 3000 Mark, um sie innerhalb 24 Stunden für den halben Preis weiterzuver­kaufen. Auf die gleiche Weise setzte er sich in den Besitz einer Zimmereinrichtung. Der Schwindler ist aus seiner Berliner Wohnung mit drei Koffern Verschw unden.

Große Metalldiebstähle bei Siemens L Halske.

Die Firma Siemens u. Halske wurde durch ungetreue Arbeiter und Angestellte im Verein mit Dieben und Hehlern durch Metalldiebstähle um rund 12000 0 Mark geschädigt. Ins­gesamt sind 24 Personen verhaftet.

Rückflug derColumbia nach Amerika?

Aus einer Mitteilung des Managers Lewines ergibt sich, daß Grrogoungen darüber angestellt wer­den, ob die beiden Flieger die Rückreise auf der Columbia" nach den Bereinigten Staaten a u f dem Luftwege antreten wollen. Lewinc hat diesen Plan Chamberlin mitgeteilt, der jedoch a b g e l e h n t fat, da er die Verantwortung dafür nicht übernehmen wolle. Nach einer Auslassung soll Lewine nun beabsichtigen, einen französischen Piloten zu nehmen aus Dankbarkeit für den guten Empfang, den er, Chamberlin und die anderen amerikanischen Flieger in Frank­reich gefunden haben. Die Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen.

Das versinkende Dorf.

Die rücksichtslose Ausbeutung der saarländi­schen Gruben durch die französische Gruben­verwaltung zeitigt immer schwerere Folgen. Be­sonders' heimgesucht wird der Ort Schnap- p a ch bei St. Ingbert. Ganze Ortsteile ver­sinken mehr und mehr. Zahlreiche Häuser muß­ten bereits niedergelegt werden, da folgenschwere Einsturzgefahr bestand. In anderen Häu­sern mußten die Wohnungen geräumt werden. Mit der Räumung deS gesamten Ortes muß über kurz oder lang gerechnet werden.