Ur. 299 ZMttss Blatt
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Neue probieme für Städtebau und Siedlungswefen.
Don Dr. K. von Mangoldt.
Daß wir in unserem Städtebau- und Siedlungswesen militärische Rücksichten zu nehmen haben, ist ein: Vorstellung, die uns gänzlich fremd geworden ist. So selbstverständlich es für das Mittelalter erscheint, daß jede Stadt, jedes Städtcken mit Mauern und Türmen umwehrt war, ebenso selbstverständlich ist es uns jetzt durch Menschenalter gewesen, daß wir beim Städtebau heute kriegerische Rücksichten (außer bei Festungsstädten und allenfalls in den Grenzgegenden) nicht mehr zu nehmen haben. Aber die Lage hat sich darin neuestens weitgehend geändert, und zwar durch die ungeheure Entwicklung der L u f t- Waffe im Kriege und vor allen Dingen nach dem Kriege. Hier haben wir es mit einer großen, grundsätzlichen Wandlung zu tun. Während man bisher den zur LInterwersung führenden Druck auf eine feindliche Regierung und ein feindliches Volk im allgemeinen nur ausüben konnte, wenn man das feindliche Land besetzte und die feindlichen Armeen niederrang, ist es jetzt möglich, durch den Luftkrieg unter Lleberspringung der Fronten einen gewaltigen Druck auf den Gegner ohne vorherige Riederzwingung seiner Heere und Flotten auszuüben. Man muh nach der ganzen Lage der Dinge annehmen, daß hiervon gegebenenfalls umfassend Gebrauch gemacht wird, und bei der geographischen Lage Deutschlands müssen wir uns auf solche Möglichkeiten Wohl für unser ganzes Gebiet gefaßt machen. Gegenstand solcher Angriffe würden voraussichtlich nicht nur die militärischen Objekte, sondern auch ein weiter Kreis sonstiger, für Leben und Widerstandskraft des betreffenden Volkes besonders wichtiger Anlagen sein, wie z. V. größere öffentliche Verwaltungsgebäude, bedeutende Industrie- und Handelsniederlassungen, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke, Bahnhöfe, Brücken, Straßen u. dgl. Daß bei alledem die bürgerliche Bevölkerung und ihre Wohnstätten schwer in Mitleidenschaft gezogen werden würden, liegt auf der Hand.
Wie können wir uns gegen diese Gefahren schützen? Wer die Weltlage nüchtern betrachtet, wird nicht bestreiten können, daß Deutschland, auch wenn es gar keine kriegerischen Absichten hat, doch leicht irgendwie in einen Krieg herein- gezogen werden kann. Run sind uns durch den Versailler Vertrag die eigentlichen militärischeir Mittel zur Bekämpfung von Luftangriffen, vor allem eine eigene militärische Luftmacht und die Luftwehrarlillerie, untersagt; um so dringender ist es. daß wir wenigstens die uns erlaubten passiven Schutzmittel nach Möglichkeit ausbilden. Ein wirklich ausreichender Schuh wird sich ja auf diesem Wege allerdings nicht erzielen taffen, aber doch voraussichtlich eine erhebliche Milderung der Angriffswirkungen, die unter Llrnständen einmal von entscheidender Bedeutung sein kann. 3n Betracht kommt eine Fülle von Maßregeln, von denen jedoch hier nur auf die auf dem Gebiet des Städtebaues und Siedlungswesens liegenden ein kurzer Blick geworfen sei.
Ohne weiteres ist einleuchtend, daß von größter Wichtigkeit die ganze Art und Weise der Ansiedlung ist. Je mehr die Bevölkerung sich in kleinen Orten und zerstreuten Ansiedlungen über das ganze Land verteilt, und je mehr innerhalb der Städte die aufgelockerte Bauweise in Kleinhäusern mit zahlreichen dazwischen eingestreuten freien Plätzen und Grünanlagen aller Art angewandt wird, um so schwieriger wird es für feindliche Luststreit- fräftc, großen Schaden anzurichten. Unter diesem Gesichtspunkt gesehen ergibt sich also die Forderung, soweit es noch irgend möglich ist, nach einer solchen lockeren Siedlungsweife zu streben. Dazu muß uns die innere Kolonisation mit ihrer stärkeren Besiedlung des Platten Landes und ihrer Begünstigung der kleinen Orte Helsen, und auch die Bestrebungen, durch Umsiedlung allmählich den Umfang unserer großen Städte wieder zu verringern oder
Der Hummer.
Von Friedrich F r e k s a.
Heinz hatte einen Riesenhummer gefangen. Das heißt: er hatte in Pola ein Monstrum von Sier, das ungefähr sechs Kilo wog, für achtundsiebzig Lire, also vierzehn Rentenmark, glücklich erhandelt. Dieses Ungeheuer zu vertilgen, lud er seine näheren Bekannten ins Brionihotel zum Frühstück ein. Rach einer anregenden heißen Bouillon harrten wir in Spannung des Riesen. Da öffnete sich auf einmal die Schwingtür und entließ die leibhaftige Ev- scheinung unseres Freundes Mr. Schmitz aus Reuyork. Hallo! Das war eine Begrüßung und Freude.
Eine Stille, die den Saal überfiel, ließ auch uns plötzlich verstummen: Eine Riesenschüssel, die von zwei Kellnern feierlich wie die Sänfte eines alten Mandarins erster Klasse getragen wurde, schwankte herein. Lind vor uns auf den Tisch sank nun der purpurn errötete Ritter des Meeresgrundes.
Von Ehrfurcht ergriffen, saßen wir stumm da. 3an Stoudebaker faltete sogar fromm die Hände. Rur Mr. Schmitz aus Reuyork lachte, lachte, so daß schließlich Heinz ihn leise anzürnte: „Laß doch dein kindisches Meckern!" Schmitz machte eine Bewegung, als jage er eine Mücke weg. „Das Sier,“ sagte er, „erinnert mich an meine schönste Alaskastunde. Lind die habe ich nicht in Alaska erlebt, sondern in Reuyork."
Während die Teile des Hummers sich auf unseren Tellern häuften und wir danach trachteten, das nach Haselnüssen schmeckende Fleisch uns einzuverleiben, erzählte Schmitz: „Es war im Gläsernen Saal der Reuyorter Zeitung. Hochspannung. Dreißig Schreibmaschinen hactteii' wie Spechte. Drei Riesentelegraphennachrichtenübermittler schnurrten Morsestreifen ab. Ein Hcmd- ärmelmann telephonierte mit Cincinnati, ein anderer keifte mit Washington. Haustelephone schnarrten Befehle hin und zurück. Mitten im Bienensummen diktierte ich die letzte Reporter« tat: Ein Revolverkampf mit Falschmünzern im Bahnhof Rew-London.
Schlußl Fertig! Der 3unge ist schon da. Ich kommandiere: „Sah für Maschine fünf I" Da tzetweißt die Wand des Arbeitsoampfes, und ich
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 7. September V>27
doch wenigstens nicht größer werden zu lassen, gewinnen unter diesem Gef ichtspuntte eine außerordentlich verstärkte Wichtigkeit. Für die Auflockerung der großen, dich: besiedelten Orte in sich aber kommt man zu der Forderung, daß neue Stadtteile möglichst nur unter Zuhilfenahme einer größeren unbebauten Zone zwischen sie und den alten Stadtteilen angelegt werden sollten, ein Gedanke, den bekanntlich der Entwurf eines preußischen Städtebaugesehes stark verfolgt. Auch die Idee der sogenannten „Trabantenstädte“, die das großstädtische Wachstum auf weit außerhalb gelegene Rebenstädte ablenken sollen, verdient besondere Berücksichtigung. In den bestehenden alten Stadtteilen aber wird man vielfach darauf verzichten müssen, jedes noch freie oder wieder frei werdende Baugelände zu bebauen, sondern wird auch hier auf möglichste Durchsetzung mit freien Flächen halten müssen. Daß das Kleinhaus unter diesen neuen Gesichtspunkten ganz besonders gefördert zu werden verdient, ist selbstverständlich. Der Kampf gegen die Miet- kaserne gewinnt so eine ganz besondere Beleuchtung, und unsere Bauvorschriften und unsere Bodenpolitik werden sich hierauf einrichten müssen. Recht bedenklich erscheinen unter diesem ganzen Gesichtswinkel auch die viel umstrittenen Turmhäuser, weil sie im Falle eines Luftangriffes für den Feind sehr willkommene Richtzeichen bedeuten, und weil, wenn sie getroffen werden sollten, ihr Zusammenbruch einen ganz verhältnismäßig großen Schaden sowohl an sich wie für die Rachbarschaft ergeben würde.
Trotz dieser bau- und siedlunastechnckchen Maßnahmen bleiben für ein von Luftstreitkräften
heimgcsuchtes Land noch genug Gefahren übrig. Gegen die Gefahr giftiger Gase wird man die Häuser vielleicht einigermaßen schützen können, indem man, einem russischen Vorschläge folgend, die Treppenhäuser zu gassicheren Zufl u ch t s r ä u m e n , die mit Bentilations- Vorrichtungen mit reinigenden Filtern versehen sind, ausbildet. Aber gegen die Zer- trüminerungs-, Brand- und Explosionsgefahr wird für Hochbauten wohl kaum ein einigermaßen ausreichender Schutz gefchaffeß werden können. Deshalb tarne stark in Betracht, möglichst gas- und bombensichere unterirdische Zufluchtsräume sowohl bei den einzelnen Häusern, wie namentlich auch für ganze Ortsbezirke zu schaffen. In England ist der Gedanke erörtert worden, die Räume der Untergrundbahnen, die bei den deutschen Luftangriffen im Weltkriege schon vielfach ausgesucht wurden, für diese Zwecke zu entwickeln. Endlich tommt natürlich auch in Frage, Vorkehrungen zu treffen, um im Falle drohender Gefahr möglichst große Teile der Bevölkerung vorübergehend aus den großen Städten heraus- und auf dem Lande und in kleinen Orten unterzubringen. Vielleicht ließe sich hier in Verbindung mit der Wochenendbewegung ein Sicherungswerk schaffen.
Von den Schrecken und Gefahren des Luftkrieges sind unter den Verhältnissen des mittleren, westlichen und südlichen Europas keineswegs nur die Unterlegenen des Weltkrieges, sondern auch die Sieger stark bedroht. Es wäre an der Zeit, daß die europäischen Völker durch eine große, grundsätzliche Neuordnung ihres Verhältnisses untereinander diese Gefahren und die traurige Notwendigkeit, sich auf sie einzurichten, abwenden würden.
Europäischer Mrlfchastrverdand.
Von M. Louis ßoudjeur, ehemaligem französischen Minister und Dölkerbundsdelegierten.
Die finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, unter denen das heutige Europa seit langem leidet, sind mannigfachen Ursprunges; es läßt sich indessen nicht leugnen, daß der Hauptgrund dieser Schwierigkeiten im Weltkriege und in dessen Auswirkungen liegt. Es gibt allerdings noch eine Reihe anderer Faktoren, die fast ebenso wichtig sind, wie der Weltkrieg; hierzu gehören z. B. die schweren wirtschaftlichen Irrtümer, die vor dem Kriege begangen wurden und die man nicht übersehen darf.
Das 19. Jahrhundert brachte eine rapide Industrialisierung der europäischen Wirtschaft. Hauptsächlich infolge der erhöhten Verwendung von Dampfkraft begannen b^e Nationen ihre Industrieproduktion mehr und mehr zu steigern. Hierdurch wurden sie gezwungen, sich ausländische Märkte zu erschließen, um ihren Exportüberschuß unterzubringen. Die Notwendigkeit, die Produktion im Auslande abzusetzen, zwang die Industrieländer wieder dazu, ihre Kunden — die Rohstoffländer — mit Mitteln für die Bezahlung ihrer Wareneinfuhr zu versorgen, während die Rohstofflieferanten ihrerseits veranlaßt wurden, mehr zu verbrauchen, als für sie gut war.
Beide Teile begannen daher rasch Verpflichtungen auf sich zu nehmen, die sie nur durch Aufnahme von Anleihen abdecken konnten. Die Verpflichtungen wurden von Jahr zu Jahr drückender, bis endlich große nationale Schuldenlasten entstanden waren
In den letzten Jahren, kurz nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes, griffen eine Reihe von Nationen zu dem Notmittel der Inflation in der irrigen Annahme, ihre Finanzen dadurch sanieren zu können. Diese Politik wurde der Reihe nach von allen europäischen Ländern aufgegriffen, wobei sich jedes Land weigerte, von den so teuer erkauften Erfahrungen des anderen irgendwie zu profitieren. Selbst die scharfsinnigsten Volkswirtschaftler versagten bei dieser Gelegenheit; auch Rathenau — wohl einer der feinsten Köpfe, die ich in meinem Leben kennengelernt habe — verharrte bei der Meinung, daß sich die deutsche Industrie nur erholen könne, wenn Deutschland, einen Jnflationsprozeß durchgemacht hätte.
Wirtschaft und Finanzen sind in so untrennbarer Weise miteinander verknüpft, daß man sie nicht einzeln betrachten darf. Es ist daher auch nutzlos,
die Finanzen eines Landes zu stabilisieren, ohne gleichzeitig Budget und Zahlungsbilanz in Ordnung zu bringen. Derartige Voraussetzungen können jedoch zur wirtschaftlichen und finanziellen Rettung Europas nur dvrchgeführt werden, wenn wir die Nationen als zu einer großen Wirtschaftsgemeinschaft gehörig betrachten, bei der alle Staaten auf verschiedene Art und Weise die ihnen zukommende öffentliche Aufgabe erfüllen und ihren Anteil zur erfolgreichen Durchführung dieser Idee auf sich nehmen.
Ich wünsche keinesfalls ein Gebilde „Die Vereinigten Staaten von Europa" ins Leben zu rufen, d. h. einen politischen Verband der verschiedenen kontinentateuropciischen Nationen herbeizuführen. Jeder weiß, daß heute — und wahrscheinlich auch noch auf lange Zeit hinaus — solch ein Plan undurchführbar ist. Was ich aber anstrebe, ist die Gründung eines Wirtschaftsbundes der europäischen Staaten, der alle Wirtschaftsprobleme von dem Standpunkt des gemeinsamen Interesses der daran beteiligten Nationen betrachtet und demzufolge regelt. Das ist auch der Grund, weshalb ich so warm für die Idee der Weltwirtschafts- konferenz eingetreten bin, und weshalb ich während der Konferenz in Genf alles getan habe, um eine Uebereinftimmung in der Anerkennung des Grundsatzes eines möglichst freien Warenaustausches von Nation zu Nation herbeizuführen.
Obwohl die Derständiung zwischen Finanzexperten und wirtschaftlichen Fachleuten an sich wenig bett eutet, da, wenn es zur praktischen Durchführung der Resolutionen kommt, in vielen Fällen Erwägungen rein politischer Natur hindernd dazwischentreten, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß anerkannt wurde, die allgemeine Blüte Kontinentaleuropas ließe sich eher durch eine gegenseitige Rücksichtnahme auf die Interessen der einzelnen Nationen erzielen, als mit Hilfe einer Verschärfung des Wettkampfge- dankens. Nur durch dieses gegenseitige Verständnis kann eine Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens zwischen den einzelnen Nationen geschaffen werden.
Meine persönliche Ansicht ist die, daß eine wirtschaftliche Organisation Europas und der Welt nach dem sogenannten Horizontalsystem durchgeführt werden müßte. Die Weltproduktion eines jeden Jndu-
sehe ein halbes Dutzend Pfeifenmundstücke nach mir stechen. Zwischen ihnen erscheint ein Cordrock, darüber das derbe, wie mit dem Beil zerhackte Gesicht eines Hartarbeiters, darunter lange Deine und Schaftstiefel und — bin ich verrückt geworden! — das ist doch William Watters aus Agamemnon, Mittelwesten, mein alter Spih- hackenfreund aus Alaska. Sein Händedruck weckt mich aus meinem Dämmern. Er lächelte wie ein Rußknacker, als ich ihm sagte: „Schlecht geht's Dir nicht I“ — „Hatte gute Ausbeute! Bin sieb- zigtausend schwer! Wollte einmal Euer altes Reuyork sehen und dann in Maryland Farm nehmen. Kannst Du mir helfen?“ — „Morgen nenne ich Dir soviel verkäufliche Farmen wie Du willst I“ — „Gut! Dann wird heute gefeiert, aber wo? Es muß fein fein!“ — „Wir fahren Washington Square zu del Octo. Das ist das Beste vom Besten, das Feinste vom Feinen und doch nicht so teuer!"
Dann sitzen wir fünfzig Minuten vor der Stunde, wo sich sonst die Leute in den weichen Ledersessel von del Orto niederlassen, vor einem kleinen, damastgedeckten Tisch mit Silber und Kristall. Ein Kellner bringt die Karte. Mein alter Watters winkt ab und fragt: „Gibt es hier keine Hummern? Du weißt doch, Alter, toemr wir einmal in Alaska ein Fest feierten, aßen wir immer Hummern." In diesem Augenblick sehe ich Hawk, den Sekretär von der ... Partei, eintreten und mir zuwinlen. Ich sage zu meinem Mittelwestmann, der nie am Meere gewesen ist und darum immer Appetit nach allem hatte, was mit Salzwasser zusammenhängt: „Mache deine Hummern ab! Bis sie kommen, mache ich drüben einen geschäftlichen Speech!"
Der ehrenwerte Hawk impft mit mit allem politischen Gift, das er für unsere Zeitung für notwendig hält. Bei jedem Sah haut er mit dem Daumen durch die Luft, daß es mir ganz milchig vor den Augen wird. Wie im Rebel sehe ich die drei Kellner des Lokals und die zwei Jungens daherkommen, einer hinter dem andern. Jeder eine silberne Platte balancierend.
Rach einer Weile — Hawk spritzt noch immer Gift und haut mit dem Daumen — sehe ich wieder die fünf Schatten kommen. Jetzt hält Hawk inne. Er muß Dampf ablassen. Wie er gerade wieder anfangen will, sehe ich nun deutlich und leibhaft die drei Kellner und die zwei
Jungen wieder mit Schüsseln hereinschwanken und von jeder dieser Silberplatten glotzt ein Riesenhummer herunter in den Saal.
Jetzt weiß ich: ein LInglück ist geschehen! Ich mache mich von dem Politiker los und laufe zu meinem Alaskafreund zurück. Der sitzt da, die Hände in den Hosentaschen, die Mundwinkel heruntergezogen und deutet auf einen langen, schmalen Tisch, der sich vor ihm durch die halbe Breite des Lokals zieht, auf eine Reihe von fünfzehn Platten mit Hummern, von denen jedes Tier vielleicht ein Drittel so groß war wie dieses hier, und kommandiert: „Der Fünfte!"
Der bezeichnete Hummer wurde »wischen uns niedergestellt. Der Hoteldirektor stand neben dem Tisch und schaute vorwurfsvoll auf meinen Freund, als wollte er fragen: „Lind die anderen?"
Aber Watters sagte laut zu mir: „Recht merkwürdige Hummern habt ihr hier in Reu- York. Bei uns in Alaska sind sie kleiner und seiner. Da gehen sie in Blechbüchsen, die gerade zwischen Daumen und Zeigefinger hineinpassen. Lind die hier sind außen rot an gemalt wie ein Reklameplakat und nicht einmal weich!"
„Aber, Alter! Das sind doch die richtigen Hummern! Du mußt sie auslösen!" Er kostete und zog ein Maul: „Rein, die richttgen in Blech schmecken anders als die hier. Das ist irgend so eine Reuhorker faule Feinheit. Warum müssen wir den vielen Kalk noch mitkaufen und uns plagen?" — „Die Dleckchüchsenhummem waren doch auch einmal in Kalk!" Er erwiderte höhnisch: „Wenn du Beefsteaks bestellst, kaufst du dann auch das ganze Knochengerippe mit?" Er aß mißtrauisch rmd fragte unwirsch: „Was kostet so ein roter Kalkhummer?" — „Zwei bis drei Dollars!" — „Also muh ich für die ganze Kolonne dreißig bis fünfundvierzig hinlegen!" Er farm nach. „Wird uns auch der Sack mitgeliefert?" fragte er endlich. „Aber um Himmelswillen, hast du denn alle gekauft?" — „Ich rechnete mit meinen vernünftigen Alaskahummern in Büchsen und von denen habe ich fünfzehn bestellt, weil wir uns doch ordentlich satt essen wollen. Rachher habe ich dem Kerl nicht zeigen wollen, daß mir die Sache zuviel wird." — „Wenn ich mit dem Mann spreche," schlage ich vor, „wird er sicherlich die andern zurück-
striezweiges sollte also durch einen in Genf sitzenden Zentralausschuß geregelt werden, der die Erzeugung dieses Industriezweiges innerhalb des Weltnetzes verteilt und darauf achtet, daß die Preisbildung möglichst stabil bleibt, so schwankend die Nachfrage an sich sein mag.
äch sehe den Tag kommen, an dem jede Industrie der Welt — und besonders in Europa — auf solche Art organisiert ist, wo jede eine Art Vorsitzenden besitzt, der mit feinem Fingerspitzengefühl die erforderliche harmonische Atmosphäre zu schaffen weiß und die wirtschaftliche Animosität zu zerstören versteht. Die Kontrolle dieser großen Trustgebilde hätte in den Händen des Völkerbundes zu liegen, der die Interessen des Konsumenten und des Arbeiters im Auge behält und darauf achtet, daß diese Belange nicht übersehen werden.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Deutschland in dieser Beziehung den anderen europäischen Ländern voraus ist. Das wichtigste Beispiel einer Konzentrationsbewegung dieser Art ist der Zusammenschluß der deutschen chemischen I n d u st r i e zu einem riesigen Trust. Aehn- liche Konzentrationsbewegungen machen sich auch in anderen Industriezweigen bemerkbar, und die dadurch erzielte Verminderung der Gestehungskosten ist sicherlich dem Aufschwung des Exportmarrtes günstig. Die europäische Rohstahlgemeinschast, die im vergangenen Jahre zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg abgeschlossen wurde, ist ein ähnliches Gebilde; auch sie war ein Schritt in der richtigen Richtung, obwohl ich damals gern gesehen hätte, daß alle Stahl produzierenden Länder daran teilgenommen hätten. Ich bin der Meinung, daß von den industriereichen Ländern Europas je nach der Natur ihrer Erzeugnisse große Wirtschaftsblöcke geschaffen werden müssen, und daß unser Kon- tinent in Trusts oder Kartelle ähnlich den deutschen Organisationen industriell gegliedert werden muß. Damit werden dann automatisch die Zollschranken fallen, deren Aufrechterhaltung man bisher für den Schutz der nationalen Industrien als unumgänglich notwendig betrachtet hat. Ich glaube indessen, daß erst entsprechende nationale Organisationen in den einzelnen Ländern geschaffen werden müssen, bevor ein europäischer Zusammenschluß erfolgen kann.
Man muß es Deutschland zugute halten, daß es als eines der ersten Länder sich bereit erklärt hat, die Idee einer europäischen Freihandelsunion durchzuführen. Seine Staatsmänner sind davon überzeugt, daß Deutschland nur durch eine Erweiterung der Wirtschaftsgrenzen Europas feinen Handel in einer Weise ausbauen kann, wie es zur Bezahlung selbst mäßiger Reparationen unbedingt notwendig ist.
Ich sehe keinen Grund, irgendwie pessimistisch in die Zukunft zu blicken, hege vielmehr bezüglich der wirtschaftlichen Zukunft Europas eine durchaus optimistische Auffassung. Ich glaube, daß die wertvollen Erfahrungen, die wir allmählich sammeln, uns in den Stand setzen werden, menschlichere Methoden zu finden, um die bestehenden Gegensätze in vernünftigerer Weise als bisher aus dem Wege zu räumen.
Die Resolutionen der Genfer Weltwirtschaftskonferenz fanden bereits die begeisterte Zustimmung der deutschen, österreichischen und belgischen Regierungen. Ich sehe daher den Tag kommen, an dem alle anderen Nationen Europas in derselben Weise zur Durchführung der in Genf empfohlenen Entschließungen zusammenarbeiten werden, und hoffe, daß die westlichen Länder früher oder später eine Wirtschaftsentente oilden werden, die nicht nur England, Frankreich, Belgien, sondern auch Jtalten, Holland und Deutschland umschließen wird. Können ähnliche Ententegebilde im übrigen Europa, z.B. in den Balkanstaaten, geschaffen werden, dann wird auch ein dauernder Frieden gesichert fein. Wirtschaftliche Verständigung ist tatsächlich das einzige Mittel, um jene friedliche Atmosphäre zu schaffen, ohne die politische Allianzen und Abkommen zwischen den einzelnen Nationen wertlos sind. Europas Diplomatie hat tatsächlich die Methoden des Rachefriedens bereits so weit aufgegeben, daß wir, meiner Meinung nach, wenigstens den Weg zu der gemeinsamen Plattform gefunden haben, ohne die wir die sehr schwierigen Probleme der interalliierten Schulden und der Reparationsverpflichtungen überhaupt nie zufriedenstellend lösen können.
nehmen!" — „Rein, dann muß ich Reugeld zahlen. Lieber esse ich acht Tage Hummerw Sie halten sich doch?“ — „Wenn du sie aufs Eis legen läßt!" — „Lind wenn ich sie verschenke?" — „Das macht sich großartig!"
Eine Gesellschaft von Damen und Herren betrat das Lokal. „Lobster! Hummer!" riefen die jungen Mädchen, als sie unseren Paradetisch erblickten.
Der Hoteldirektor kam nach einer Weile und sagte: „Sie haben zwar alle Hummern bestellt, aber vielleicht werden Sie mir gern einige ab- lassen für die Gesellschaft da drübew Darf ich über sechs verfügen?" Watters kniff das rechte Auge zusammen und sagte: „Der Kauf bleibt fest auf fünfzehn!" Der Hoteldirektor zog sich zurück.
Wieder durchschritt eine Gesellschaft'den Saal. Wieder riefen die Damen: „O, ah, Lobster!" Wieder bestellten die Herren Hummer. Wieder kam der famose Hoteldirettor zu uns. „Alle Herrschaften wünschen sofort Hummer. Können Sie sich nicht entschließen, mir diese abzulassen?"
Watters rieb sich die Hände. Munter sagte er: „Ich habe wohl alle Cure Hummern, die • Ihr hier in der Gegend habt, gefangen? Wenn Ihr die Hände richtig hochhebt, will ich die Bedingungen diktieren: Erstens, der Hummer, den wir gegessen haben, kostet nichts. Zweitens, zwei Beefsteaks, die wir noch essen, kosten nichts. Drittens, zwei Flaschen Claret kosten nichts. Eine Flasche Whisky kostet nichts. Außerdem erlegt Ihr fünf Dollar Reugeld, damit Ihr künftig besser an Euer Geschäft denkt. Lind dann sorgt dafür, daß Ihr richtige Hummern habt, solche in Blechbüchsen, die zwischen Daumen und Zeigefinger gehen, keine Kalkhummern mit dem ganzen Gerippe!"
Der Hoteldirektor verbeugte sich. „Ich werde um das Wohl der Alaskayerren ängstlich besorgt sein!" Dann winkte er dem einen Jungen und befahl: „Sammle die Karten! Alle Hummern werden heute um einen Dollar hinauf- geseht!"
Watters schaute ihm lächelnd nach und sagte, als die Beefsteaks und die Flaschen kamen: „Ja, ja, die Reuyorker glauben fein zu sein, aber wir alten Knaben aus Alaska find doch rwch feiner l“


