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m. 156 Erstes Blatt

(77. Jahrgang

Donnerstag, 7. Zull <927

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Gießener Familiendlätter Heimat im Bild Die Scholle.

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2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger« lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fernsp rech ans chlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:

Frankfurt am Main 11686.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

Druck und Verlag- vrühl'fche Univerfität§-Buch- und Steindruüerei R. Lange in Giehen. Zchnftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm hohe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrift 20 °/n mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Schwere Eifenbahntatastrophe im harz.

Die Harz-Querbahn infolge des Hochwassers entgleist. - Bisher neun Tote geborgen.

Die Ausfchußberatung I der Iollvorlage.

VDZ. Berlin, 6. Juli. Der Handelspolitische Ausschuß des Reichstags beschäftigte sich heute mit den Gesetzentwürfen über Zolländerungen, über Er- höhuna des Zuckerzolles und über Aenderung des Zuckersteuergesetzes.

Abg. Hoernle (Som), fragt die Regierung, wie sie sich die Auswirkungen der Zolländerung denke. Der Redner begründet die einzelnen An­träge, die im ganzen auf Zollfreiheit der Lebens­rnittel hinausgehen und eine sofortige Beseitigung der Jndustriezölle fordern.

Reichsernährungsminister Schiele sieht keine ungünstigen Auswirkungen des autonomen Zolltarifes voraus. Die Regierung werde jede Gelegenheit benutzen, um den autonomen Zoll in einen Dertragszoll umzuwandeln. Gegenwärtig seien die Getreidepreise rückläufig. Außerdem hätten wir vom 15. Dezember bis Ende Juni einen Einfuhrübersch uh von 283586 Tonnen Roggen gehabt. Man komme in das neue Jahr also nod) mit Lieberschüssen, die die Inhaber zu den gegenwärtigen Preisen schwer unter­bringen könnten. Der vorgeschlagene Kar- tosselzvll werde keinen wesentlichen Einfluß auf die Preise haben. Für den Kartoffelbau gebe es eine Gefahrzone. Diese liege im Osten. Dort seien im Jahre 1926 50 000 Hektar we­niger mit Kartoffeln angebaut worden, weil der Kartoffelbau unrentabel sei. Das entspreche einer Menge Kartoffeln, die die gesamte Brutto- einfuhr an Kartoffeln übersteige. Der ge­forderte autonome Taris bedeute eine Steigerung von nur Vt Pfennig je Pfund Kartoffeln. Der Fleischkonsum sei bei uns im Aufstieg und erreiche bald den der Vorkriegszeit. Trotz­dem die Landwirtschaft unseren Fleischbedarf bald werde wieder völlig decken können, komme die Regierung der Bevölkerung doch entgegen, indem sie das Kontingent Gefrierfleisch von 1200 000 Doppelzentner bis 1929 in der Vorlage festlegen wolle. Das möge man doch nicht übersehen.

Abg. Lammers (Jentr.) erklärt, daß seine Fraktion diese Dinge völlig vom unpolitischen und vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachte. Er stehe auf dem Standpunkt, daß bei der innigen Verflechtung von Industrie und Landwirtschaft die Höhe des Agrarzoll­niveaus beeinflußt, ja sogar he rbeigesührt werde durch die Höhe der Jndustrie­zölle. Die Zeit für diese Vorlage sei nicht gün­stig, aber trotzdem könnten wir unsere Ent­schließung danach treffen, was wir für richtig hielten. Die Arbeit, das Gesamtniveau der Zölle neu zu prüfen, müßte mit größter Deschleunigung fortgeführt werden. Die Regierung bitte er um Auskunft, ob dabei das bisherige Zollschema beibehalten oder einer Reubearbeitung unter­zogen werden solle.

Rächste Sitzung Donnerstag.

Keine weitere Metechöhmg.

Berlin, 6. Juli. (Tel.-A.) DieVossische Zeitung" brachte die Rachricht, daß die Reichs­regierung beabsichtige, eine Erhöhung der Mieten bis zu 160 Prozent eintreten zu lassen. Von feiten des Reichsarbeitsministeriums wird hierzu erklärt, daß diese Rachricht jeder Grundlage entbehre. Es bleibe dabei, daß jedenfalls bis zum 1. April 1928 eine Stei­gerung der Mieten über 120 Prozent nicht in Frage komme. Die Grundlage für die bezeichnete Rachricht hatte eine Denkschrift abgegeben, die bereits seit Mai den Mitgliedern des Wohnungs- ausschusses des Reichstages vorliegt. Die Denk­schrift ist aber noch nicht abgeschlossen. Es handelt sich lediglich um einen Referentenentwurf zu einer Denkschrift, die Ende 1925 vom Reichstag gefordert worden war und die eine mehr oder weniger wisfenschaftliche Arbeit ist. Gleichzeitig im Mai ist der Entwurf den Wohnungsrefforts der Länder zugegangen. Mittlerweile ist von allen Seiten eine Mlle neuer Anregungen zu diesem Entwurf eingegangen. Die von dem Berliner Morgenblatt inkriminierten Stellen des Entwur­fes behandeln in zwei Abschnitten die gesetzliche Miete für Altwohnungen und die Miete der Reubauwohnungen, il. a. wird gesagt, daß es au die Dauer nicht möglich erscheine, mit den Mieten unter dem allgemeinen Preisniveau zu bleiben. Zur Frage der Reubaumieten wird erklärt, daß diese ohne Zuschüsse zirka 250 bis 300 Prozent betragen würden. Mit Hilfe der Bauzuschüsse aus öffentlichen Geldern betrügen sie 130 bis 160 Prozent. Es wird dann weiter untersucht, wie eine Senkung auch dieser Mie­ten möglich ist.

Das Reichsschulgefetz.

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 7. Juli. Daß es bei den Beratungen über das Reichsschulgefetz noch zu zahlreichen Aus­einandersetzungen kommen mürbe, haben mir bereits an dieser Stelle des öfteren vorausgefagt. Es ist aber irrig, daraus abzuleiten, daß mir bereits rnieder vor einer neuerlichen Regierungskrise stünden. Gerniß haben die bisherigen Verhandlungen, in deren Mit­telpunkt vor allem zahlreiche Abänderungsvorschläge zu dem Regierungsentwurf standen, noch keine Eini­gung erbringen können. Vor allem bedarf es noch der Klärung der Frage, die die G l e i ch st e l l u n g der konfessionellen Schule mit der S i - multanschule betrifft. Hierbei vertritt vor allem das Zentrum den Standpunkt, daß die Konfe - sionsschule der Simultanschule gleichzustellen sei, während sich die Deutsche Volkspartei dieser Forderung nicht anzuschließen vermag, sondern die

Wernigerode, 6. Juli. (WB.) heute nach­mittag ging über dem har; ein wolkenbruch- artiger Regen nieder, durch den in wenigen Minuten die Harzbäche am Fuße des Gebirges ; u reihenden Strömen anfchwollen. Die Holzemme ist weit über die Ufer getreten. (Ein gro- jer Teil der Stadt Wernigerode sieht unter Wafier, das die Keller der anliegenden Häuser überslywemmt. 2Hit großer Wucht brandet die Holz­emme, vereinigt mit dem Ziellerbach, gegen die telnerne Brücke am Schlachthof. Das Sägewerk in h a s s e r o d e steht ebenfalls unter Wasser. Bei einem etwas tiefer stehenden Haus haben die Wassermassen, die Baumstämme und Wurzeln mit ich führen, das Dach bereits erreicht. Die Feuerwehr von Wernigerode ist'alarmiert worden. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, um dem Wüten des entfesselten Elementes zuzuseben.

heute abend um 6.30 Uhr e n t g l ei ft e ein Zug der Harzquerbahn infolge Hochwassers im Thum- kullental zwischen hasse rode und Schierke an dem steilen Abhang, der den harzreisenden durch seinen wunderbaren Talblick bekannt ist. Die Harzquerbahn hatte bereits alle Borsichtsmahregeln getroffen und zur Beobachtung der Strecke einen Regierungsbaumeister und einen Techniker der harzquerbahn auf der Lokomotive mitfahren lassen. Die Lokomotive und einige Wagen stürzten den Abhang hinunter. Der Lokomotivführer, der Regierungsbaumeister, der Heizer und der Tech­niker sind tot, auch Reisende sind umgekommen.

Der amtliche Bericht.

Die Namen der Todesopfer noch nicht festgcstellt.

Wernigerode, 6. Juli. (WB.) Die Di­rektion der RordhäuserWernigeroder Eisen­bahn gibt bekannt:

Heute, Mittwoch, den 6. Juli, nachmittags 17.40 Ahr entgleiste infolge Dammrut­sches ein Teil des Zuges 105 von Rordhausen BenneckensteinBraunlage. Gegen 15 ilfjr brach in dem nördlichen Harzgebiet eine ilntoetter» katasirophe aus, die in kurzer Zeit den T h u m« kullenbachzu einemreißenden Strom anschwellen ließ. Das Wasser staute sich vor dem Bahndamm und trat über sein Bett weit hinaus. Es bildete sich vor dem Bahnübergang eine Wasser st auung mit Wasserwirbeln, wo­durch vermutlich der .Unterteil des Dammes unterspült wurde, so daß im Augenbllck des Darüberfahrens des Zuges der unversehrt scheinende Bahndamm n a ch g a b. Mit Rücksicht auf gemeldete Hochwassergefahr und die teilweise Ueberflutung der Schienen war die Lokomotive von Station Dreiannen-Hohne ab außer mit dem Maschinenpersonal noch mit einem Regie­rungsbaumeister und einem erfah­renen Bautechniker beseht worden. Der Zug wurde in langsamer Fahrt zu Tal geführt, trotzdem hat diese Vorsichtsmaßnahme das Un­glück nicht verhindern können.

Das Lokomotivpersonal, Lokomotivführer Gierke und Heizer Schmidt aus Rordhausen,

bisherige Bestimmung der Verfassung, nach der die Simultanschule die Regel bilden soll, aufrechterhalten sehen mochte. Um diese Frage zu klären, sind noch eine Reihe von Ministerbespre­chungen vorgesehen, und man hofft, dabei doch noch zu einer Losung kommen zu können. Wenn es dabei vor der Sommerpause noch nicht zu einer Einigung kommen sollte, dann ist während der Herbsttagung auch auf dem Wege interfraktioneller Besprechungen damit zu rechnen. Von einer unvermeidlichen Herbst­krise der Koalition zu sprechen, entspricht nach der augenblicklichen Lage der Dinge keineswegs den Tatsachen.

Die Sommerferien des Reichstags

Berlin, 7. Juli. In parlamentarischen Kreisen wird bestimmt damit gerechnet, daß der Aeltesten- ausschuß des Reichstags heute den Abschluß der Re i ch stagsverhandlungen für diesen Samstag beschließen wird. Es wird angenom­men, daß die Parteien die Beratung aller nicht an einen Termin gebundenen Fragen bis nach den Sommerferien verschieben werden. Das Liquidalionsschädengesetz, das wohl in den nächsten Tagen vom Reichskabinett verab­schiedet und dem Reichstag zugeleitet werden wird, kommt für die gegenwärtige Tagung des Reichstaas nicht mehr in Frage. Was das Zolltarif- g e s e tz betrifft, so wird damit gerechnet, daß die Ausschußberatungen heute zu Ende kommen und das Gesetz am Freitag und Samstag in zweiter und dritter Lesung erledigt werden kann. Die Frage der Behandlung des Reichsschul- ge setz es bleibt noch offen. Es wird der heutigen Sitzung des Aeltestenrats überlassen sein, darüber zu entscheiden, ob eine Sondertagung des Reichstags im September zur Beratung des Ge­setzes einbev.-fen wird.

Der Kampf

um den DerfaflungsLag.

Berlin, 7. Juli. Der Interfraktionelle Ausschuß der Regierungsparteien beschäftigte sich mit der Frage des Verfassungstages. Wie das B. T." zu melden weih, wurde eine Eini -

Regierungsbaumeister Meyer, Bautechniler B o t h e , beide aus Wernigerode, fanden ihren Tod durch den Sturz der Ma­schine in den Fluten. Außer der Ma­schine sind ein Packwagen und ein Personen­wagen abgestürzt. Leider sind auch aus dem Personenwagen einige Personen tödlich verunglückt. Im Krankenhaus Wernigerode sind zehn Verletzte untergebracht. Die Ver­letzungen sind im allgemeinen leichter Ratur. Rach Auskunft soll Lebensgefahr bei keinem der Verletzten vorliegen. Mehrere Leichtverletzte konnten nach Anlegung von Rotverbänden wie­der entlassen werden. Durch das langsame Fah­ren und die schnelle Bremswirkung sind die übrigen Wagen sofort zum Stehen gebracht wor­den, so daß Verletzungen in diesen Wagen nicht vorkamen. Die sofort behördlicherseits an­geordnete Hilssaktion hat es ermöglicht, daß die Verletzten sehr schnell dem Krankenhaus Wer­nigerode zugeführt werden konnten. Ueber die tödlich Verunglückten können zurzeit Personal­angaben noch nicht gemacht werden, tveil die Wasserfluten Feststellungen verhindern.

Die Aussage eines Augenzeugen.

Wernigerode, 7. Juli. (WTB. Funk­spruch.) Von einem Augenzeugen, der die Fahrt mit dem verunglückten Brockenzug mitgemacht hat, wird folgende Schilderung gegeben: Der Drockenzug, der neben dem Packwagen noch sie­ben Waggons mit sich führte, fuhr kurz nach 6 Uhr von der Station Dreiannen-Hohne in langsamer Fahrt ab. Hinter dieser Station be­findet sich ein großer Tunnel. Der Zug hatte eben diesen Tunnel passiert, als die Lo­komotive plötzlich ins Rutschen ge­riet und bei einer Biegung aus dem Gleise heraussprang. Ich selbst stand auf der Plattform des dritten Wagens, als der Wagen zweiter Klasse vor mir sich loslöste und mit­samt der Lokomotive und dem Packwagen die Böschung hinab stürzte. Gleichzeitig legte sich der Wagen, in dem ich war, langsam zur Seite und kippte um. Ich siel von der Platt­form herunter unb blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Das Umschlagen des Wagens, in dem ich mich befand, hatte glücklicherweise ver­hindert, daß die fünf weiteren Wagen, die alle voll beseht waren, ebenfalls die Böschung herab» stürzten. Im nächsten Augenblick, als der Wagen umgestürzt war, entftanb eine furchtbare Panik. Alle Fahrgäste liefen aus dem Wagen ins Freie und rannten laut schreiend umher. Von der Lokomottve, dem Packwagen und dem Wagen zweiter Klasse sah man tief unten, mehr als 100 Meter unterhalb der Lins all stelle, die Trümmer aus dem Wasser ragen.

Wie ein weiterer Augenzeuge berichtet, sollen bisher außer den vier Personen vom Personal fünf Passagiere tot geborgen worden fein. Die Wassermassen des Thumkullenbaches haben die Leichen Hunderte von Metern weit weggespült.

gun g nicht erzielt. Es wurde vielmehr be­schlossen, heute im Rechtsausschuh des Reichs­tages bei der Weiterberatung des gemeinsamen Antrages der Demokraten und Sozialdemokraten für den 11. August und des Zentrums antrag es wegen der christlichen Feiertage die Verta­gung der ganzen Frage zu beantragen, und darüber einen Mehrheitsbeschluß herbeizu­führen. Es ist also unter diesen Umständen kaum noch damit zu rechnen, daß der 11. August in diesem Jahre als gesetzlicher Feiertag begangen wird.

Prinz Friedrich Sigismund von Preußen f.

Luzern, 6. Juli. (Wolff.) Prinz Fried­rich Sigismund von Preußen ist heute nach­mittag an den Verletzungen, die er sich bei einem Sturz gelegentlich des internationalen Pferde­rennens zugezogen hatte, gestorben. Ueber den Hergang des Unfalles des Prinzen werden folgende Einzelheiten gemeldet: Das Pferd des Prinzen blieb beim Rehmen eines schwierigen Hindernisses mit der Hinterhand hän­gen und kam zu Fall, wobei der Reiter so schwer verletzt wurde, daß er bewußtlos liegen blieb. Erst nach geraumer Zeit wurde man auf den Unfall aufmerksam und fand den verunglückten Prinzen auf. Der Prinz wurde zweimal operiert. Rach der zweiten Operation sind Komplikationen eingetreten, die am gestrigen Rachmittag den Tod des Verunglückten zur Folge hatten. Außer fünf Rippenbrüchen und einer Le­berzerreißung soll der Prinz sich auch einen Darmbruch zugezogen haben. Er ver­schied bei vollem Bewußtsein. Die an dem Reichs­turnier In Luzern beteiligten deutschen Reiter haben zum Zeichen der Trauer ihre weitere Teilnahme an dem Turnier abgesagt. Prinz Friedrich Siegismund war der 1891 geborene älteste Sohn des Prinzen Friedrich Leopold und vermählt mit der Prinzessin Marie Luise von Schaumburg-Lippe. Er hinterläßt zwei unmün­dige Kinder.

Deutschland und Polen.

Die Möglichkeiten einer Verständigung.

Warschau, 6. Juli. (Wolff.) Der Sejmabge- oebnete unb ehemalige Minister Stanislaus T h u - gutt erklärte einem Mitarbeiter besKurjer Pa­ra nny": Die seinerzeit für Berlin in Aussicht ge­nommene beutsch-polnische Parlamen­tarierkonferenz ist nur deshalb noch nicht zu- tanbe gekommen, weil man sich über ben Zeitpunkt ihrer Einberufung nicht einig geworden ist. Dies be­deutet aber nicht, daß dieser Gedanke fallen gelassen worden wäre. Im Gegenteil, man sollte daraus zu gegebener Zeit zurückkommen. Nach der Meinung Thugutts müssen auf einer solchen deutsch-polnischen Konferenz vor allem folgende Gegenstände bespro­chen werden: Das Bedürfnis nach einem deutsch- polnischen Handelsvertrag, die Notwen­digkeit, auf beiden Seiten die Ueberzeugung zu eftigen, daß ein friedliches Zusammenleben unerläß­lich ist, endlich die kulturelle Annäherung -wischen beiden Nationen. Freilich hat man sich pol- nischerseits Vorbehalten, daß territoriale Fra­gen nicht zur Besprechung kommen dürfen. Thugutt gibt weiterhin der Auffassung Aus­druck, daß man bei diesen deutsch-polnischen Unter­redungen nicht gleid) bie schwierigst en unb heikelsten Probleme anschneiben bürfe. Es würde, nach seiner Ansicht, vollkommen genügen, anfänglich nur jene Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, bie sich am leichtesten beseitigen lassen.

DerKurjer Poranny" knüpft an biefe Erklä­rungen Thugutts längere Betrachtungen, indem sich bas Blatt mit bem Gedanken Thugutts einver­taub e n erklärt. Nach ber Auffassung besKurjer Poranny" bi!bet bie Außenpolitik des Nachkrieas- deutschlands einen Gegenstand ernster Sorgen Po­lens. Das Blatt weist hier vor allem auf bas beutsch-sowjetruf fische Abkommen hin, bem es aber keine große Belastungsfähigkeit zuge- tehen will, um bann zu schließen: Der Komplex ge­meinsamer deutsch-polnischer sozialer unb zivilisa­torischer, ja sogar politischer Belange ist zweifellos bebeutenb realer unb ber Gedanke daran muß allen Versuchen einer deutsch-polnischen Verständi­gung voranleuchten, einer Verständigung, die viel­leicht noch nicht nahe ist, die aber zweifellos eine geschichtliche Notwendigkeit barstellt.

Die SchulprüfuugLN in Oberschlesien.

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers'.

Berlin, 7. Juli. Wie wir erfahren, liegt die Entscheidung des Präsidenten der Gemischten Kommission Calonder in der Frage der ober­schlesischen Schulprüfungen noch nicht vor. Wann dieselbe getroffen werden wird, steht noch nicht fest, man darf aber hoffen, daß sie nicht all­zu lange mehr auf sich warten läßt. Die Prüfung der Kinder, die am Schulstreik beteiligt waren, hat, wie wir bereits berichteten, in der Art ftatt- gefunden, daß polnischerseits von den 1600 in Frage kommenden Kindern 400 zur Prüfung vorgeschlagen wurden. Von diesen wurden durch den Schweizer Schulrat Maurer 225 als f ü r d i e polnischen Schulen geeignet bestinnnt. Man muh dabei bedenken, daß 1200 Kinder den Polen nicht geeignet schienen, zur Prüfung bestellt zu werden Es sind also nur 15 Proz. von den überhaupt in Frage kommenden Kindern als für die polnische Schule geeignet festgestellt worden, ein Resultat, das wohl kaum eines Kom­mentars bedarf und in jeder Beziehung geeignet ist, ein beredtes Bild von den Verhältnissen in Polnisch-Oberschlesien zu geben.

Keine Wendung im Memellaud. Wie Litauen seine Genfer Versprechungen erfüllt.

Eigener Drahtbericht desGießener Anzeigers".

Berlin, 7. Juli. Rach in Berlin vor­liegenden Rachrichten scheint es die litauische Regierung mit der Erfüllung der Verspre­chungen, die der litauische Ministerpräsident Woldemaras am 15. Juni vor dem Forum des Völkerbundsrates gegeben hat, nicht sehr ernst zu nehmen. Die kulturelle ilnterbrüdung des Deutschtums im Memelland nimmt ihren Fortgang, was in den Protestschreiben der memelländischen Parteien gegen die Kün­digungen von 34 deutschen Lehrern besonders augenfällig illustriert wird. Dazu kommt die Unterdrückung der öffentlichen Mei­nung durch die Zensur der deutschen Zeitungen. Während die litauischen Blätter nach Herzenslust Hetzen dürfen, wird es den deutschen Zeitungen des Memellandes unmöglich gemacht, Berichtigungen der unwahren Be­hauptungen der litauischen Presse zu bringen. Auch in der Frage der Landtagswahlen scheint Litauen an die Erfüllung seiner Verspre­chungen nicht zu denken. In Gens hatte Herr Woldemaras erklärt, die litauische Regierung könne zu ihrer Freude feststellen, daß die Haupt­schwierigkeiten. die die Wahlen verzögert hät­ten, glücklich überwunden seien. Jetzt wird plötz­lich das Ausschreiben der Wahlen an die Be­dingung geknüpft, daß der Magistrat von Memel die Wählerlisten berichtige und auch die groß-litauischen Bürger ein­trage, eine Bedingung, von der in Genf mit keinem Wort die Rede war. Wenn erst bi« Wahlen ausgeschrieben sein werden, wird sich der Magistrat von Memel schon an die Genfer Abmachungen halten. Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, daß das Ver­halten der litauischen Regierung zu allem qnde- ren, als zu einer Besserung der deutsch-lttam-