Rr. 208 Erstes Blaff
\XT. Jahrgang
Dienstag, 6. September <927
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General-Anzeiger für Oberheffen
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Eröffnung der VölkerbundsversEmmlung.
Genf, 5. Sept. (TU.) Um 10.30 Uhr fand die Eröffnung der achten ordentlichen Session des Völkerbundes statt. Wie alljährlich haben sich die Delegationen der 52 Mitgliedstaaten des Völkerbundes in Genf vereinigt. Die Stadt zeigt das übliche Bild der großen Völkerbundstagung. Die meisten Delegationen find erst im Laufe des Sonntags, viele sogar erst Montag früh eingetroffen. An der Spitze der englischen Delegation siebt man Austen Chamberlain und Lord Onslow. Dagegen fehlt die seit Jahren so bekannte Erscheinung Lord Robert Cecils. Auf der französischen Bank sieht man die bekannten Köpfe Briand, Loucheur und Paul-Boncour. Die deutsche Delegation, die diesmal zum zweiten Male an der Vollversammlung des Völkerbundes teilnimmt, weist beinahe die gleiche Zusammensetzung auf, wie im vorigen September, als der feierliche Aufnahmebc- schluß Deutschlands in die Bundesversammlung erfolgte. Der Rückblick auf die einjährige Mitarbeit Deutschlands am Völkerbund zeigt, wenn sich auch keine großen Entscheidungen ereigneten, doch eine äußerst aktive Teilnahme Deutschlands an den Arbeiten des Bundes auf den verschiedensten Gebieten. Leer bleibt auch diesmal wieder der Sitz Argentiniens. Unbesetzt ist auch der Sitz Spaniens.
Das diesjährige Tagungsprogramm
der Bundesversammlung kann kaum als inhaltsreich bezeichnet werden. Eine große Zahl der üblichen Kommissioncbcrichte, eine große Reihe von verwaltungstechnischen und Finanzfragen steht auf der Tagesordnung, von denen kaum eine Frage weitgehenden politischen Charakter außer dem A b - r ü st u n g s p r o b I e m , das infolge der von der polnischen Regierung ein geleiteten Aktion im Mittelpunkt des Interesses steht. In erster Linie ist es neben Sowjetrußland, das etwas außerhalb der Genfer Atmosphäre steht, Deutschland, das von dieser Diskussion unmittelbar berührt wird. So wendet sich die allgemeine Aufmerksamkeit der Haltung zu, die Dr. Stresemann in diesen Debatten einnehmen wird.
Die Tagesordnung
der Eröffnungssitzung
trägt einen rein gefchüftsordnrrngsmahigen Cha- rafter: Wahl der Vizepräsidenten, Einsetzung der verschiedenen Kommissionen, Prüfung der Vollmachten, ferner die Wahl des Präsidenten der Vollversammlung, um die in den letzten ^agen em so lebhafter Streit gegangen ist. Dis fur^ vor Beginn der Eröffnungssitzung ist es noch immer offen, wer zum Präsidenten gewählt werden wird. Die beiden Kandidaten sind bis in die letzten Minuten immer noch der Oesterreicher Graf Mensdorf und der japanische Botschafter Adatchi. Doch kurz vor Eröffnung der Tagung herrschte in dem Reformationssaal, dem traditionellen Tagungsort des Völkerbundes, lebhaftes Streiten. Auf der Tribüne des Präsidenten sieht man in dichten Grrrppnr d'.e führenden Delegationen und die maßgebearden Persönlichkeiten des Völkerbundes stehen. Man sieht 6ir Eric Drummond, Albert Thomas, den deutschen Generalsekretär Dufour: 3m Versammlungsraum selbst ist eine Aenderung der Plazierung der Delegationen vorgenommen worden. Die deutsche Delegation sitzt rechts von der Tribüne auf einer der ersten Bänke, vor der deutschen Delegation Australien und Belgien, links neben ihr auf der ersten Bank vor der Präsidententribüne sieht man d:e französische Delegation und in lebhaftem längeren Gespräch Chamberlain und Briand nebeneinander stehen. Allgemein fällt die große Gestalt des ersten ungarischen Delegierten, Grafm Apponyi, auf, der vor zwei Jähren die so aufsehenerregende Minderhe. enrede in der Vollversammlung hielt. Die Diplomatenlcge ist wieder dicht beseht, ebenso die Logen für das Publikum. Wie alljährlich, sind die Pressetribünen überfüllt. Die rechte Tribüne ist fast ausschließlich für die diesmal außerordentlich zahlreich erschienene deutsche Presse reserviert. Auf der linken Tribüne sieht man die englische, amerikanische, belgische und französische Presse. Kurz nach 10,30 Uhr betritt
der Präsident
des Dölkerbundsrats
der chilenische Delegierte Villegas, die Präsi- tententribüne und erklärt die achte ordentliche Tagung des Völkerbuirdes für eröffnet. 3n län- aerer Rede gab Villegas dann einen beschränkten Ueberblick über die Tätigkeit des Völkerbundes im vergangenen 3ahre. 3n diesem Zusammenhang verweilte er eingehend bei der Weltwirtschaf tskonferenz und den Bemühungen um die Abrüstung. „Wie kann man sich wundern," io führte Villegas dabei aus, „daß eine allgemeine Abrüstungskonvention, die sich auf alle Aationen erstreckt, auf Schwierigkeiten gestoßen ist? Freilich ist es sicher, daß der Vollerbund das Problem unter diesem Gesichtswinkel im ganzen sieht und eine Lösung erwartet. Aber die Arbeit ist ungeheuer und muß etappenweise vollbracht werden. Der Völkerbund hat einen Teil dieser Etappen bereits überwunden und bei cintretender Gelegenheit sich seinen Auf-
- 3cn gewachsen gezeigt. Er hat sich mutig ans Werk gemacht nach dem Arbeitsplan, den seine
Mitglieder ihm vorgeschrieben haben." Für die zweite Lesung sppicht Villegas die feste Lleber- zeugung aus, daß sie erfolgreich sein wird, wobei er die Arbeiten des abgelaufenen 3al)re8 als nützliche Grundlagen charallerisierte. „Wir würden nicht glauben," so betonte er, „daß alles getan sein wird, wenn der Rahmen einer Konvention mit den allgemeinen Grundsätzen aufgestellt sein wird. Die kürzlichen Auseinandersetzungen zwischen den drei Teilnehmern der <5 e e ab* rüstungskonferenz haben uns die Rotwendigkeit einer sorgfältigen diplomatischen und technischen Vorbereitung gezeigt, die es allein gestatten kann, die für jede Ration gegebenen Tatsachen zu formulieren, bevor sie sich in den Rahmen eines Konventionsvorschlages eingliedern lassen. Es ist sicher, daß beim Zu- fammentritt der AbrüstungÄonferenz die Vervollständigung der internationalen Sicherheitsvrgane parallel entwickelt werden wird. Das abgelaufene 3ahr war fruchtbar insofern, als vor allem der Rechtsausschuß und der Abrüstungsausschuß Arbeitsinstrumente von allerhöchstem Rang geschaffen haben." Villegas wies mit Nachdruck auf die drei Leitgedanken: Schiedsgerichtsbarkeit, Sicherheit und Abrüstung, deren Reihenfolge auch für die praktischen Arbeiten an ihrer Verwirklichung gelte. Locarno sei ein Beweis dafür, denn die« beneidenswerte Stärke dieses Werkes beruhe auf der Grundlage der Schiedsgerichtsbarkeit.
Aus der Rede des Ratspräsidenten, die mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, scheint hervorzugehen, daß man sich allgemein von dem Abrüstungsproblem in etwaigen Anträgen aus der Versammlung, die an diese anknüpf en,' das Hauptinteresse der gegenwärtigen Tagung verspricht. Der Eindruck besteht, daß man von vornherein die Atmosphäre zu schaffen sucht,
um etwaige Vorstöße, zwanglos in das durch die erwähnte Dreiheit gekennzeichnete Programm eingliedeim zu können. Rach Verlesung der Eröffnungsrede und Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Vollmachten wurde die Sitzung für l’/t Stunde unterbrochen. Die Versammlung schritt dann zur
Wahl des Präsidiums.
Zum Präsidenten der Vollversammlung wurde Guani, Gesandter älruguays in Paris und langjähriges Mitglied des Dölkerbundsrats, mit 24 Stimmen von 41 insgesamt abgegebenen gewählt. Der österreichische Gesandte Gras Mensdorf, für den die deutsche Delegation stimmte, hatte 21 Stimmen erhalten. Der 3apaner Adatchi hatte vor dem Wahlakt gebeten, von seiner Wahl abzusehen.
Dem Präsidialbureau der Völkerbunds- Versammlung gehören außer dem Schweizer Ehrenmitglied Motta und dem Vorsitzenden des Tagesordnungsausschusses dem Belgier de Droucköre an die sechs Vizepräsidenten der Völkerbundsversammlung S c i a l o j a (43 von 47 abgegebenen Stimmen), Briand, Cham- lain, Stresemann (je 41 Stimmen), Re - mours - Haiti (28 Stimmen), und Graf M a n s- d o r f - Oesterreich (der in einem erforderlich gewordenen zweiten Wahlgang 32 Stimmen erhielt), und die sechs Präsidenten der Versammlungsausschüsse Adatchi-3apan, Dandurand- Canada, D e n e j ch - Tschechoslowakei, van Eh sin g a-Holland, H a mb ro-Rorwegen, B e ch - Luxemburg. Die nächste Sitzung der Völkerbundsversammlung ist auf morgen nachmittag zum Beginn der Generaldebatte über den Jahresbericht angesetzt. Am Dienstagvormittag treten die sechs Versammlungsausschüsse zu ihren konstituierenden Sitzungen zusammen.
Der polnische Nichtangriffspakt
Die Hintergründe.
Sabotage
der europäischen Gesamtabrüstung.
Eigene Drahtmeldung des „Gießener Anzeigers".
Genf, 6. Sept. Die Herbsttagung des Völkerbundes, der man vorausfagte, sie werde keinerlei 3ntereffe finden und geräuschlos vor- übergehen, hat in dem polnischen Vorschlag, einen allgemeinen „Richtangriffspakt" abzufchließen, nun doch noch ihre Sensation erhalten. Man debattiert in Genf eifrig über diese Angelegenheit, ohne daß es bisher gelungen ist, den Vorschlag in eine" namentlich für Frankreich und den Antragsteller selbst zufriedenstellende Form gießen zu können. Rachdem nun die wichtigsten Gesichtspunkte dieser Absicht bekannt geworden sind, muß man sich aber doch die Frage vorlegen, ob man sich in Paris und Warschau eigentlich richtig überlegt hat, welche Konsequenzen dieser Palt auslösen muß. Verpflichten sich sämtliche Mächte, sich gegenseitig nicht anzugreifen und erkennen sie als höchste Gewalt das Schiedsgericht an, dann können sie doch getrost auf ihre gewaltigen Rüstungen verzichten. Wer durch einen Richtangriffspakt vom Mittel des Krieges abrückt, der braucht auch keine Tanks, Bombengeschwader und Riesen- schlachlfchiffe mehr. Aber dem steht doch die rauhe Wirklichkeit gegenüber, die vom ewigen Frieden nicht daS geringste wissen will. England z.B. wird sich niemals verpflichten, gegen Rußland die Waffen nicht zu erheben, wenn das aus diesem oder jenem Grunde doch einmal notwendig werden sollte. Und wie steht es mit den anderen Staaten? Auch sie werden es sich reiflich überlegen, ob sie sich durch Unterzeichnung eines Richtangriffspaktes in eine Situation begeben sollen, in der ihnen nichts anderes als eine absolute Abrüstung übrig bleibt. 3n Paris und Warschau rechnet man aber von vornherein schon mit einem Scheitern des Paktes. Das wünscht man sogar, weil sich dann unter Hinweis auf den Zusammenbruch dieses großartigen „Friedenswerkes" die gesamte europäische Abrüstung, die jetzt in Genf zur Erörterung kommt, sabotieren läßt. Rur darauf kommt es Frankreich und Polen schließlich an.
Pariser Optimismus.
Paris, 6. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der Havasvertreter in Genf berichtet über den pol^ mschen Plan, der Vollversammlung des Völkerbundes einen Richtangriffspakt vorzulegen, das man allmählich nach der ersten äleberraschung, die durch die begangene 3ndiskretion erfolgt fei, beginne, sich ernstlich mit diesem Plane zu befassen. Chamberlain habe zuerst den wahren Charakter der polnischen 3nitiatiöenicht begriffen, es handele sich nun darum, die Mißverständnisse im Laufe der kommenden Besprechungen zu beheben. Polen habe nie die Absicht gehabt, auf einem Umwege das Protokoll von 1924 wieder zum Leben zu erwecken. Seine Vorschläge zielten in ihren Grundzügen darauf ab, die Sicherheit der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes zu erhöhen und besonders den Frieden in Osteuropa sicherzustellen. Die Urheber des polnischen Vorschlages hätten versucht, die begangenen Fehler zu vermeiden, namentlich, in
dem sie nicht den interessierten Staaten zu enge Beziehungen aufzwingen wollten. Es fei auch für den Augenblick nicht die Rede davon, den Staaten eine fakultative Klausel über das obligatorische Schiedsgerichtsverfahren aufzuzwingen. Außerdem sei nicht von Sanktionen die Rede, nicht einmal vom Begriff des Angreifers, so daß der Vorschlag, wie es scheine, mit Leichtigkeit die Zustimmung einer großen Anzahl von Staaten finden werde. Es fei durchaus wahrscheinlich, daß der polnische Plan — ob er nun von Polen allein, oder von einer Gruppe von Staaten eingebracht werde — innerhalb weniger Tage eine konkrete Form annehmen werde, damit er an den ersten politischen Ausschuß des Völkerbundes verwiesen werden könne.
Polens Absichten.
London, 6. Sept. (WTB. Funkspruch) Der augenblickliche Leiter der polnischen Delegation in Genf, Sokal, erklärte in einer Unterredung mit dem Genfer Reuter-Vertreter, es fei gut möglich, daß die Frage des Richtangriffspaktes im Laufe der nächsten Tage in der Völler- bundsverfammlung aufgeworfen werden würde. Die polnische Delegation beabsichtige die 3ni- tiative in der Frage zu übernehmen und sich dabei auf die Entschließung der Versammlung vom 25. September 1926 zu berufen, die die A u s- deh nung der Cocarnooerträge usw. befürworte. Die polnische Delegation fei der Ansicht, daß heute ein gewisses Unbehagen in Europa bestehe, das zu beseitigen äußerst wünschenswert sei und dies könne durch den Abschluß von Richtangrisfsvereinbarungen erreicht werden. Verhandlungen für ein Abkommen dieser Art seien augenblicklich zwischen Polen und Rußland im Gange und entwickelten sich befriedigend.
Die Stellung der Westmächte.
Interessantes zur Vorgeschichte des Warschauer Projekts.
London, 6. Sept. (WTB. Funkspruch.) per- tinax berichtet dem „Daily Telegraph" aus Gens, Chamberlain und Briand stimmten anscheinend darin überein, daß jeder Vorschlag für ein Ostlocarno nur mit Zustimmung und seibst Unter st ü f - jung Dr. Stresemanns in Angriff genommen werden könnte. Aus diesem Grunde habe Briand Mißfallen über den Schritt der IDar- fchauer Regierung ausgedruckt. Er fei fogar soweit gegangen, zu erklären, daß er einen solchen Plan seit langem im Sinne gehabt habe und jetzt erkennen müsse, daß seine eigenen Pläne g e f ä lj r - d e t werden. Die polnische Regierung habe im Juni dieses Jahres ein Memorandum nach Paris geschickt, das anempfehle, die Rheinlandfrage zu benutzen, um den Abschluß eines „7V eichfel - Pak - t es", der dem Rheinlandpakt innerhalb der £o- camooerträge analog fei, herbeizuführen. Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Großbritannien werde sich niemals zu einer Garantie der unsicheren Grenzen Osteuropas verpflichten.
England wünscht dilatorische Behandlung
Genf, 6. Sept. (TÜ.) Von gutunterrichteter Seite verlautete gestern abend, daß in englischen
Delegattonskreisen die Absicht bestehe, die Vorschläge der polnischen Regierung für den Abschluß eines Nichtangriffspaktes zunächst den einzelnen interessierten Regierungen zur Prüfung zu überweifen, und zwar sollen die Vorschläge nach rein juri- sttschen völkerrechtlichen Gesichtspunkten geprüft und ihre Durchführbarkeit erörtert werden. 3n eine sachliche Diskussion der Vorschläge soll auf der gegenwärtigen Tagung des Völkerbundes nicht eingetreten werden. Welche weitere Behandlung die polnischen Vorschläge nach den vorbereitenden juristischen Erörterungen erfahren sollen, wird vorläufig noch nicht in Erwägung gezogen. Eine Annahme dieses Terhondlungsmodus würde allerdings praklifch eine hinhaltende Behandlung der polnischen Anregung bedeuten.
Die Truppenyermmöerung am Rhein.
Briand notifiziert das Zugeständnis der Alliierten. — Kein fester Termin zugefagt.
Gens. 5. Sept. (WTB.) Wie wir hären, hat der französische Außenminister im Romen der belgischen, britischen, französischen, italienischen und japanischen Regierung dem deutschen Reichsaußenminisler eine offizielle Mitteilung über die letzthin beschlossene Verminderung der Besatzungstruppen im Rheinland zugehen lassen. Briand bestätigt darin die Herabsetzung der gegenwärtigen Truppenstärke um 10 000 Mann auf 60 000 Mann und fügt hinzu, daß diese Maßnahme in kürze st er Frist durch- gesührt werden soll. Heber die Einzelheiten, insbesondere über die Erleichterungen, die diese Maßnahme für die Bevölkerung des besetzten Gebietes mit sich bringen wird, ist eine weitere Mitteilung in Aussicht gestellt.
Die offizielle Rottfiziermrg der Verminderung der Besatzungstruppen im Rheinland gibt lediglich den bereits bekannten Beschluß der alliierten Regierungen auf Herabsetzung der gegenwärtigen Truppenstärke im Rheinlande auf 10 000 Mann bekannt, ohne jedoch wie allgemein erwartet wurde, einen festen Termin für die Zurückziehung der Truppen mitzuteilen. Ferner wird gleichzeitig über die weiteren Erleichterungsmaßnahmen keine konkrete Angabe gemacht, sondern! lediglich weitere Mitteilung in Aussicht gestellt. Somit besteht für die Ausführung der von alliierter Seite durch den Locarno-Pakt eingegangenen Verpflichtungen, insbesondere aber über die Regelung der Befatzungsfrage trotz aller deutschen Bemühungen noch immer keine volle Klarheit. Man nimmt daher an, daß in der bevorstehenden weiteren Aussprache D'r. Stresemanns mit den alliierten Außenministern! die eingeleiteten Verhandlungen über die gesamten zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Fragen von neuem eingehend zur Erörterung gelangen werden.
Don französischer Seite versucht man neuerdings die Dinge so darzustellen, als sei in den bisherigen ersten Erörterungen der Rheinlandsfragen in Genf in Ausführung der offiziell eingegangenen Verpflichtungen in der Rote der Botschafterkonferenz vom Rovember 1925 lediglich entart worden, daß man sich einer Diskussion dieser Frage irn Rahmen einer allgemeinen Aussprache nicht widersehen werde. Welchen Verlauf diese bevorstehenden weiteren Beratungen der Außenminister nehmen werden, ist zur Zeit noch in keiner Weife zu übersehen. Don englischer Seite legt man sich gegenwärtig in Genf in der Erörterung der Rheinlandprobleme große Zurückhaltung aus, so daß der englische Standpunkt in dieser Frage bisher noch wenig bekannt geworden ist. Fest- stehen dürfte lediglich, daß von deutscher Seite der gesamte Komplex der Rheinlandsragen zur Verhandlung gestellt und hierauf die deutsche Forderung aus volle Erfüllung der gegebenen Versprechungen mit großem Rachdruck geltend gemacht werden muh. Es muh darauf hingewiefen werden, daß durch die von französisch-polnischer Seite gegentoärtig in den Vordergrund gerückten Abrüstungsund Sicherheitsprobleme unter kernen Umständen die eine eingehende Klärung erfordernden Rheinlandprobleme in den Hintergrund gedrängt werden dürfen.
Drei deutsche Redakteure im Memelland verhaftet.
Memel, 6. Sept. (WTB. Funkspruch.) Chefredakteur £ e u b n e r und Redakteur Warm sind heute morgen etwa um S Ahr von zwei Beamten der Landespolizei in Ausführung des Auftrages der ttriegskommandanlur f e ft genommen und der Staatspolizei zugeführt worden. Sie werden voraussichtlich heule vormittag mit dem um 10.30 Ahr von Memel abfahrenden Dampfer über Ribben nach Deutschland abgehoben werden. Ebenfalls wurde Redakteur Bries- k o r n von der „Memellänbischen Rundschau" heute morgen in Heidekrug fe ff genommen und der Staatspolizei zugeführt. Auf welche Weife er nach Deutschland abgeschoben werden wirb, ist noch nicht bekannt.


