* Personalien. Ernannt wurden mit Wirkung vom 1. Juni: Der Landmesser Reinhard Müller zu Büdingen zum überplanmäßigen Oberlandmesser bei einem Feldbrrcinigungsamt; die Baupraktikanten Wilhelm Wenzel zu Ziehen und Theodor Müller zu Alsfeld zu überplanmäßigen Oberbausekretären bei einem Kulturbauamt: der Bermessungssekretär August Karl Plvch zu Alsfeld, die Bermessungsprakti-- kanten Rudolf Gutberlert zu Lauterbach, Friedrich Hahn zu Gießen, Karl Hofmann zu Gießen, Georg 2 f f l a n d zu Friedberg. Friedrich Konrad K e h m zu Alsfeld, Heinrich Krümme l b e i n zu Gießen, Johann Karl Leber zu Lauterbach, Wilhelm L e r ch zu Alsfeld, Hermann Maser zu Büdingen, Hermann Reitz zu Lauterbach, Karl Schäfer zu Schlitz. Friedrich Wilhelm Schmitt zu Büdingen, Richard Trautmann zu Giehen zu überplanmäßigen Obervermessungssekretären bei einem Feldbereinigungsamt. — Auf sein Rachsuchen tritt der Dorstand der chemischen Prüfungsstatron für die Gewerbe, Direktor Dr. Leonhard Walter zu Darmstadt, in den Ruhestand mit Wirkung vom 1. Oktober 1927 an.
** Wenn man den Hausschlüssel vergißt... Aus R i d d a wird uns das folgende hübsche Erlebnis berichtet: In der Rächt zum Montag wurden die Bewohner des Warenhauses von F. Rappolt rn großen Schrecken versetzt. Gegen 11 Ahr bemerkten vorübergehende Personen, daß auf dem Dach des hohen Hauses ein Mann lief, der plötzlich durch ein Dachfenster in das Innere des Hauses verschwand. Bald darauf wurden die Bewohner durch Geräusch im Hause aus dem Schlafe geweckt. Es entstand Lärm, denn man vermutete in den Lagerräumen einen Einbrecher. Der durch einen Radfahrer herbeigerufene Gendarmerie- Wachtmeister durchsuchte das Haus von unten bis oben, fand aber nur in dem Dachgeschoß einen jungen Mann im Bette, der als Mieter in dem Hause wohnt. Dieser gestand, daß er der Ruhestörer gewesen sei. Er hatte nämlich den Hausschlüssel vergessen und war nun kurz- entschlossen am Blitzableiter des hohen Hauses hinaufgeklettert, an derDach- kandel entlang bis zu dem offenen Dachfenster gelaufen und so in sein Zimmer gelangt. Am die stets unentbehrliche Aktenmappe, die er bei der Kletterei im Ho.e hatte liegen lassen müssen, zu holen, war er dann im Hause ab- und aufgelaufen, hatte die Türe geöffnet und dadurch den ganzen Auflauf vor dem Hause und den Schrecken in dem Hause verursacht.
** Der Ev. Arbeiterverein veranstaltete am Sonntag im Philosophenwald ein Sommerfest. das bei guter Beteiligung in schönster Weise verlief. Reben musikalischen Darbietungen und Gesangsvorträgen des Frauenchors, unter Leitung von Frau M. Schäfer, wurde von Damen des Vereins ein von K. Müller ein- studierter Kostümreigen geboten, der alle Erwartungen übertraf. Diel Freude erregte das Auftreten eines sechsjährigen Deklamators, der Gedichte in Wetterauer Mundart mit erstaunlicher Mimik vortrug. Die Kinder ergötzten sich an schon arrangierten Spielen und an Brezeln, während den Erwachsenen mancherlei angenehme Anterhaltung geboten wurde. Rach Eintritt der Dunkelheit wurde eine Lampionpolvnaise im Saal und im Freien aufgeführt.
** Hoherodskopfsest. Am Sonntag fand auf dem Hoherodskovf das diesjährige 23. H. C.° Sommerfest, das große Stelldichein aller V. H. C.- Zweigoereine, statt. Die Veranstaltung hatte unter der schlechten Witterung zu leiden. Der Besuch war schwächer als in den Vorjahren. Die Leitung und Ausgestaltung des Festes lag in den Händen des Zweigvereins Nidda. Nach einem Begrüßungsgedicht (Verfasser Geh. Rat R ö m h e l d , Nidda, vorgetragen von Frl. Becker) hielt Studienrat L a u k h a r d t (Nidda) die Festansprache, ausklingend in ein „Frischauf!" auf die gute D. H. C.-Sache und die Heimat. Hans-Sachs-Spiele schloffen sich an. Bei Tanz, Kinderspielen und Volksfest schwanden rasch die Stunden.
** Straßensperre in Hungen. Wegen Vornahme von Walzarbeiten wird die Ortsdurchfahrt Hungen im Zuge der Provinzialstraße Hungen — Rodheim vom 7. bis 14.Juli für den Wagen- und Automobilverkehr gesperrt. Die Umleitung des Verkehrs erfolgt über Trais- Horloff—Steinheim—Rodheim.
Sechster Dies fenb achsch er Farn i l i e n t a g. Der sechste Familientag der Bereinigung von Angehörigen der FamUie Dies- fenbach- Diefenbach führte dieser Tage in Darmstadt eine erfreuliche Zahl stimmberechtigter Mitglieder im Mozartsaale zusammen. Die in herzlich-fröhlichem Tone verlaufenen Verhandlungen zeitigten neben den üblichen Berichterstattungen die Beschlüsse: sofort mit der Drucklegung der hn Manuskript fast fertigen Familien- grichichte zu beginnen, in den „Rachrichten" dre wertvollen Vorträge der vorigen Tagungen zu bringen, das Mitgliederverzeichrns allen zugänglich zu machen und hinfort auch die Kosten der Tagung auf die Kasse zu übernehmen. Ein gemeinsames Mittagsmahl bei „Sitte" füllte die Zeit bis zum Beginn der Familienfeier angenehm aus. Es waren dann herzerhebende Stunden gemeinsamen frohen Feierns, als die zahlreich Erschienenen an den mit Blumen in den hessischen Landesfarben geschmückten Tafeln Platz genommen hatten, herzlich begrüßt von dem stellvertretenden Vorsitzenden, Oberlandesgerichtsrat im Ruhestände Georg Dieffenbach. Auch dieses Mal waren wieder durch die Publikationen der Familienvereinigung aufmerksam gemacht, neue Zweige der Familie bei der Tagung erschienen. Geleitet wurde die Feier in Verhinderung des Alterspräsidenten Forstrat Dr. Ludwig Dieffenbach von Regierungsbaurat Wilh. Diefenbach aus Erbach L O. Begrüßungen und Telegramme von Rah und Fern, auch von jenseits des Großen Wassers, fanden freudigen Widerhall, Stadtrat Joh. Diefenbach, Stadtbaurat in Bochum, zeigte in herzlichen Worten, wie wertvoll es ist, Familiensinn zu pflegen — auch schon bei der Jugend — für Herz und Gemüt und nicht zuletzt fürs deutsche Vaterland, denn wenn es in der Keimzelle, der Familie, gut steht, dann ist das ganze Volksganze auch gesund. Geh. Obermedizinalrat Dr. A u g. Balser hatte diesmal den Hauptvortrag in dankenswerter Weise übernommen über den Professor und Direktor der Aniversitätsklinik zu Berlin: Joh. Friedrich Dieffenbach. Einleitend gedachte er mit warmem Danke des Heimgangs eines treuen Freundes der Familie, des Geh. Medizinalrats Dr. Weckerling in Friedberg, der sich in seinem langen Leben hohe Verdienste um den Friedberger Zweig erworben hat. Dann entwarf er in einstündigem, freiem Dorttag ein anschauliches Bild des buntwechselvollen Lebens jenes genialen Mannes, der als Theologe begann, in den Befreiungskämpfen zu Rapoleons Zeit mitfocht, i>en wir im Osten und Westen unseres Daterlandes, dann in Paris, und zuletzt in Berlin finden, wo er der erste deutsche Chirurg von Weltruf wird, durch den sich d'e deutsche Chirurgie nun neben derjenigen der Franzosen und Engländer konnte sehen lassen. Gin Operateur von Gottes Gnaden, ein Freund der Armen, ist er nur 53 Jahre alt 1847 in der Charite zu Berlin am Operationstisch von einem Herzschlag getroffen, tot aufammengefunten. Die letzte seiner zahlreichen Schriften fuhrt, angeregt durch Dersuche eines amerikanischen Zahnarztes, den Titel: „Der Aether gegen den Schmerz". Hätte ihm schon ein Rarkotikum zu Gebot gestanden, was hätte er als Chirurg leisten können, von dem die Berliner Buben auf der Sttahe sangen: „Kennt ihr Professor Dieffenbach, den Doktor der Doktoren? Gr schneidet Arm und Deine ab, macht neue Ras' und Ohren!" Die Familie darf stolz darauf fein, einen solchen Wohltäter der Menschheit ^u den ihrigen zählen zu können. Umrahmt wurde die Feier von dem seelenvollen Spiel der Violinvirtuosin Frl. Elisabeth Dieffenbach, es erklangen meisterhaft die ?-Dur-Romanze und das Rondino von Beethoven, Canzonetto von D'Ambrosio und eine Gavotte von Gossec, verständnisvoll begleitet von Frl. Wilhelmine Weinmann, welche die Festteilnehmer noch durch Stücke von Gneg und Chopin entzückte. Die harmonische Feier klang fröhlich aus in einem von Professor Knoll mit feinem Humor ausgebrachten Toast auf die Damen „derer von Dieffenbach".
Aus dem AmlsverküudiguugsbLatt.
* Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 50 vom 5. Juli enthält: Krisenfürsorge für Erwerbslose. — Feldbereiniguna WIeseck. — Straßensperren. — Empfehlenswerte Ausstellungen. — Aushändigung der Reichsverfassung. — Dienstnachrichten.
ProvmMlversammlung des Evangelischen Bundes.
Am Sonntag fand nachmittags im Gemeindesaal der Johanneskirche in Gießen eine Provinz i a l t a g u n g des „Evangelischen Bundes" für Oberhessen statt, die unter der Leitung von Pfarrer D. Fritsch (Ruppertsburg) stand.
Für beit verhinderten Professor Lampas (Friedberg) sprach Pfarrer Eckhard (Wahlen) über das Thema „Das Konkordat und seine Gefahren". Der Redner führte u. a. aus: Die Kirchengeschichte beweist es deutlich, daß Konkordate in ihrem Abschluß und in ihrer Durchführung nie friedlich verlaufen, denn das Papsttum verlangt ja letzten Endes die Superiori- tät über den Staat. Wenn auch das Verhältnis zwischen Staat und Kirche, evangelischer sowohl wie katholischer, geklärt werden muß, so darf das doch nie auf dem Wege des Konkordats mit seiner völkerrechtlichen bindenden Grundlage geschehen: denn das Konkordat schließt eine Menge von Gefahren in sich, die nicht nur dem ausgesprochenen Gegner allein, sondern jedem die Sache objektiv und verständig ansehenden Menschen einleuchten, Gefahren für den deutschen Staat, die deutsche Kultur und die deutsch- evangelische Kirche. Gerade der jetzige Staat befindet sich in einer besonders nachteiligen Lage durch eine Verfassung, die die Gewissensfreiheit festlegt: man darf aber nicht vergessen, daß es sich beim Konkordat um eine außer deutsche Macht handelte, um die Berechtigung, nach römischem Muster Deutschland kirchlich zu durchdringen. Durch die beabsichtigte völlig einseitige^ Lösung der Schulfrage in katholischem Sinn würde die ganze deutsche Kultur bedroht, das bereits abgeschlossene bayrische Konkordat, das jetzt schon großen Anwillen bei allen Teilen der bayrischen Bevölkerung auszulösen beginnt, gibt schlagende Vergleiche ab. Wir brauchen auch in dieser Frage kein Reichskonkordat, das nur der katholischen Kirche, die ja nur rund 1/4 der Gesamtbevölkerung Deutschlands ausmacht, bestimmte Vorrechte gibt, sondern ein Reichsschulgeseh, das beiden Konfessionen gerecht wird und die Schule nicht zum Tummelplatz konfessioneller Propaganda werden läßt. Wenn auch das beabsichtigte Reichskonkordat die Parität wahren will, so ist doch bewiesen, wie diese Parität viel zu wünschen übrig läßt: so geht der Kampf auch gegen die deutsch-evangelische Kirche, das ist das Ziel des Konkordats. Die gewaltige Anterschriftensammlung gegen das Konkordat, die immer noch weiter betrieben werden kann, hat gezeigt, daß nicht in künstlich gemachter, sondern in einer Volksbewegung von elementarer Wucht der Anwille gegen Rom sich Bahn sucht. Sollte in Deutschland nicht deutsches Recht genügen, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat festzulegen; was brauchen wir undeutsches, römisches Recht? Wir wollen Staatsverivag und Reichsschulgesetz, aber kein Konkordat! — Der Vorttag löste große Begeisterung aus, die Aussprache ergab noch mancherlei beachtliche Hinweise, wie den dec Aufklärung der Abgeordneten der polittschen Parteien, die äußerst dankbar sind, wenn sie auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden.
Heber die „Mischeheunot und die Mischehenpflege in unseren Gemeinden" sprach Pfarrer B er ck - Roh dvrf, der bekannte Vorkämpfer des Evangelischen Bundes in Hessen. Er zeigte in erschütternden Bildern die furchtbare Rot der Mischehen, wo die letzte Verbundenheit, die in Sachen des Glaubens, bei der Familie nicht vorhanden ist. Daher ist in den Mischehen mit am meisten die religiöse imd kirchliche Gleichgültigkeit zu Hause. JmMisch- ehewesen marschiert Rom: nach kanonischem Recht gilt die nicht vor dem katholischen Priester geschlossene Ehe als ungültig, also als wilde Ehe, jedes nicht katholisch getaufte Kind als unehelich. Wie helfen wir dieser Rot? Mit Kirchenzuchtmitteln können wir nicht arbeiten, aber Seelsorgearbeit und Gemeindearbeit können helfen: wie diese zwei Wege gangbar zu machen sind, ward in klaren Worten gezeigt. — Auch dieser Vortrag ward mit lautem Beifall ausgenommen.
Der Versammlungsleiter selbst sprach noch über „die Arbeit in den Zweigvereinen des Evangelischen Bundes". Der Gvang. Bund darf und will nicht Organisation und Sammelverein sein, sondern evangelische Gesinnungsgemeinschaft, ein großer evan-
Roman von Sven Elve st ad.
Copyright bei Georg Müller, München.
25. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Sie sind ein großmütiger Herr."
„Sehr wohl möglich. Sie werden zugeben, daß gerade dieser Diebstahl außerordenllich gewagt war. Es handelte sich darum, sich geradewegs in den Rachen des Löwen zu begeben. Es war das Gefährlichste und Schlimmste, worauf wir verfallen konnten. In Wirklichkeit war es leichter für uns, einen Handstreich in der Norwegischen Bank zu verüben, als alle Möbel des Polizeichefs wegzuschaffen. Und Sie müssen ferner zugeben, daß die Vorteile, die wir erreichen konnten, in keinem Verhältnis zu der Gefahr standen, die mir liefen. Wahrhaftig, es war ein ziemlich wertloser Diebstahl, denn die Möbel konnten wir ja gar nicht verkaufen oder aus der Stadt hinausbringen. Beachten Sie das alles. Ohne die Hoffnung, irgendeinen ökonomischen Vorteil erreichen zu können, führen wir den desperatesten und gefährlichsten Diebstahl durch, den ein menschliches Gehirn ersinnen kann. Einen Diebstahl beim Polizeichef selbst. Gewissermaßen ist das natürlich ein Verbrechen, aber Sie müssen mir doch zugeben, daß es jedenfalls ein Verbrechen mit Modifikationen ist. Eine andere, südlichere, eine temperamentvollere Betrachtungsweise würde einen feineren und treffenderen Ausdruck für diese Tat gefunden haben."
Krag lächelte: „Sie wollen also behaupten, daß dieser Diebstahl eine Art von Vergnügungsdiebstahl sei. Das Ganze sei in Szene gesetzt, um Spannung und Stimmung, vielleicht Abwechselung zu schaffen."
Das Gesicht des Italieners nahm einen nachdenklichen Ausdruck an:
„Es ist schwer, so stehenden Fußes die Beweggründe zu definieren, die uns geleitet haben. Nur so viel darf ich sagen, daß Verbrechertendenzen in der üblichen Bedeutung des Wortes gar nicht maßgebend für uns gewesen sind. Vielleicht könnte ein verständnisvoller Dichter die Beweggründe so dar- stellen, daß man die Sache zu begreifen vermöchte. Ein hervorragender Psychologe und Künstler."
Der Polizeichef, der der Unterredung gefolgt war, schüttelte bedenklich den Kopf. „Er simuliert,
sagte er leise. „Er will zur Beobachtung in eine Irrenanstalt kommen, um von da leichter fliehen zu können. Das ist klar."
Der Italiener griff schnell ein:
,^Ich habe ein einziges Wort aufgefangen: simulieren. Meine Herren, davon kann gar keine Rede sein. Ich simuliere nicht. Es ist eine Beleidigung für mich, so etwas anzudeuten. Ich bin ebenso gesund wie Sie, meine Herren. Ich möchte sogar behaupten, daß ich in gewisser Beziehung klüger bin. Wenn ich in Zukunft derartigen Kränkungen ausgesetzt bin, so werde ich es mir sehr überlegen, ob ich mich überhaupt noch äußere."
Die stolze Miene des Italieners war in diesem Augenblick ganz unbeschreiblich. Asbjörn Krag betrachtete ihn aufmerksam. Der Detektiv schien etwas zu wittern: eine Gefahr, etwas Ungewöhnliches, etwas Kommendes ...
„Ich gebe Ihnen recht darin, was Sie von dem Diebstahl bei dem Polizeichef sagen", erwiderte Krag. „Dieser Diebstahl hat Jynen kaum viel eingebracht, und er nimmt sich ganz sinnlos aus in seiner Desperation. Aber nun die anderen Diebstähle, der Spieldiebstahl zum Beispiel —"
„Davon weih ich nichts."
„Aber wir haben ja Beweise genug in den schriftlichen Mitteilungen, die Sie und Ihr Führer hinterlassen haben."
„Ich bin stumm wie das Grab."
„Sind Sie früher bestraft worden?"
„Bestraft, ich! Unmöglich."
Der Italiener schüttelte gekränkt den Kopf.
„Wollen Sie wirklich behaupten," fragte Krag lächelnd, „daß dies das erstemal ist? — Sie, der geriebenste und überlegenste Dieb, den ich je getroffen habe!"
„Nein, es ist nicht das erstemal. Das leuchtet ein."
„Welche Verbrechen haben Sie denn sonst noch auf dem Gewissen?"
„Mein Herr, dieses Wort läßt mich wieder wünschen, daß irgendein dichterischer Psychologe mein- Advokat märe."
Krag wandte sich dem Polizeichef zu: „Ich habe das Gefühl, daß er mit all diesem Gerede eine bestimmte Absicht verfolgt. Vielleicht will er nur Zeit gewinnen."
Der Detektiv sah auf seine Uhr. „Es ist halb fünf", bemerkte er grübelnd.
Dies gab Veranlassung zu einem höchst sonderbaren Auftritt.
Auch der verhaftete Schwindler zog eine Uhr aus der Tasche. Es war eine Uhr an einer weihen Nickelkette.
„Halb fünf", sagte er und nickte.
Der Polizeichef und b'i anderen Beamten sahen ihn erstaunt an. Man hatte ihm schon vorher nach der Untersuchung alle Wertgegenstände abgenom- men, sogar feinen Taschenspiegel. Und nun stand er plötzlich mit einer Uhr in der Hand da.
Da unterbrach einer der Kriminalbeamten die Sttlle mit dem Ausruf: „Himmeldonnerwetter, er hat ja meine Uhr!"
Verblüfft und verlegen fühlte der Mann in seinen Taschen: sie waren leer.
Der Gauner wandte sich ihm zu und sagte mit hinreißendem, scherzhaftem Lächeln, während er ihm die Uhr überreichte: „Es ist Ihre Uhr. Entschuldigen Sie. Sie ist zu schlecht für mich."
Zögernd nahm der 23eamte die Uhr entgegen. Während der Schwindler untersucht worden war und ihm alle seine Wertgegenstände abgenommen wurden, hatte er die Uhr gemaust.
Asbjörn Krag konnte nicht umhin, zu lächeln.
„Nennen Sie bas auch einen Diebstahl?" fragte der Italiener.
„Das nenne ich ein Meisterstück von Taschendiebstahl", sagte der Detektiv, „und ich freue mich sehr, daß wir Sie endlich erwischt haben. Ich denke, die internationale Polizei wird uns beglückwünschen."
„Sie irren sich", entgegnete Ferro gekränkt. „Sie irren sich in allen drei Punkten, mein Herr. Erstens war es kein Taschendiebstahl, sondern ein Experiment, zweitens war es durchaus kein Meisterstück, sondern ein ganz gewöhnlicher Griff, den die Russen viel geschickter ausführen als wir anderen Europäer, und drittens sollten Sie gar’ nicht dankbar dafür fein, daß Sie mich gefaßt haben. Sie werden miet) nämlich nicht lange behalten."
„Glauben Sie vielleicht, Ihre Unschuld beweisen zu können?" fragte Krag.
„Keineswegs", versetzte der andere. „Aber ich werde bald von hier fliehen."
„So, so. Ein kühner Gedanke/'
gelischer Dolksbund, der alle Teile der Einzelgemeinde zusammenfaht.
Der letzte Punkt der Tagesordnung behau* beite die 4 0. hessische Landesversammlung, die im Spätherbst dieses Jahres hier in Gießen abzuhalten geplant ist. Es werden bedeutende Vertreter der evangelischen Kirche sprechen, und eine besondere große Volksversammlung soll das einmütige Bekenntnis dazu sein, daß nach wie vor der größte Teil unseres hessischen Volkes treu an dem alten Dätererbe hängt, am evangelischen Glauben.
Von diesem Gedanken des Bekenntnisses zu Luther und seinem Truhlied von der festen Burg war die ganze Versammlung geringen. bx_
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
* Lollar, 5. Juli. Die schöne Linden- Allee am Nordausgang unseres Dorfes nach dem Staufenberg zu erfreut und erquickt durch ihre schattenfpenbenden Bäume viele Spaziergänger. Leiber befinben sich dort aber zwei unangenehme Weggenossen, nämlich bie mit Schmutz bis obenhin gefüllten und im Sommer unangenehm buftenben Gräben. Die Frage ber Reinigung bieser Gräben ist bisher lebhaft umstritten worben, benn Gemeinde und Kreis lehnen bie Uebernahme bieser Arbeit ab. Unsere Einwohnerschaft fragt sich, ob benn diese Angelegenheit nicht endgültig zur Befriedigung aller auf die Verschönerung unseres Ortes bedachten Einwohner erledigt werben kann. Eine Eingabe an bas Kreisamt in bieser Angelegenheit wurde leider abschlägig beschieden, und zwar auf Grund der Verordnung vom 20. Januar 1924, nach der „das Einführen von Küchenspülwasser, Waschwasser usw. in diese Gräben verboten ist". Die beteiligten Einwohner möchten jetzt nur wissen, wohin sie diese Wässer ableiten sollen. Es erscheint dringend notwendig, baß bie Ge« meinbeverwaltung hier für Abhilfe sorgt.
| Geilshausen, 5. Juli. Am Sonntag fand hier das biesjährige B u n d e s f e st bes Lumda« tal-Sängerbundes, Mitglied bes Hessischen unb bes Deutschen Sängerbunbes, statt. Verbunden damit war bie Feier bes fünfzigjährigen Bestehens bes hiesigen Gesangvereins „Iugenbmu t". Das Fest wurde am Samstagabend eingeleitet durch eine schlichte, eindrucksvolle Feier zu Ehren der Gefallenen des Vereins am Kriegerdenkmal. Der Sonntagmorgen wurde durch das Krittksingen der Bundesvereine ausgefüllt. Hieran beteiligten sich acht Vereine. Nach einleitenden Worten des Bundesvorsitzenden, Lehrer Ziegler, Kesselbach, trug jeder Verein den Pflichtchor („Mein Lieb, das ist ein Röslein hold", komponiert vom 2. Bundesvorsitzenden, Lehrer Eberle, Treis), der sehr gefiel, unb einen selbstgewählten Chor, vor. Als Sachverständiger war Lehrer Blaß, Großen-Linden tätig. An das Singen schloß sich unmittelbar eine öffentliche Kritik an, wobei der Sachverständige feststellen konnte, daß sich die Leistungen aller Bundesvereine seit dem Vorjahre bedeutend gehoben haben; besonders zu bemerken sei der Fortschritt der kleineren Vereine, so daß die Spanne zwischen den einzelnen Leistungen nur noch äußerst gering sei. Nach einer Mittagspause traten die Vereine $um Fesriuge an. Außer den Bundesvereinen beteiligte sich yieran noch eine stattliche Anzahl inzwischen eingetroffener Gastveroine. Dem Festzug, der sich durch die Sttaßen bes schön geschmückten Dorfes bewegte, ritt eine stolze Reiterschar, Mit- glieber des „Reit- und Fahrvereins Rabenau", voran. Wieder auf dem Festplatz angekommen, sang der feftgebenbe Verein unter Leitung seines bewährten Dirigenten, Lehrer Paul, einen schönen Be- grüßungschor, woran sich Begrüßungsansprachen des Vereinsvorsitzenden S d) o m b e r unb bes Bürgermeisters Wagner anschlossen. Dann ergriff ber Ortspfarrer das Wort zu einer kernigen Festrede. Ausgehend von dem Wahlspruch des Vereins ermahnte er vor allem zur Einigkeit und zur Treue gegen das Vaterland und schloß mit einem Hoch auf dieses, woraus die Versammlung bas Deutschlandlieb anstimmte. Der Vorsitzende des „ßumbatal- Sängerbunbes" wünschte Dem Jubelverein Glück und stiftete einen Fahnennagel im Namen des Bundes. Die Frauen und Jungfrauen widmeten eine schöne Fahnenschleife. Hierauf fangen die Bundes- oereine den Massenchor „Mein Vaterland" von Mangold, den Lehrer Eberle dirigierte. Anschließend fand noch das Singen der Gastoereine statt. Damit war der offizielle Teil zu Ende und es entwickelte sich nun ein fröhliches Treiben auf dem
Der Italiener sah Krag ernst an: „Im Schreibtisch in Ihrem Arbeitszimmer liegt ein diamanten- besetzter Ordensstern. Entsinnen Sie sich?"
Krag nickte.
„Schön, diesen Ordensstern werde ich Ihnen binnen drei Tagen stehlen, nachdem ich durch eigene Macht auf freien Fuß gelangt bin. Nennen Sie bas auch Verbrechen?"
„Nein, bas nenne ich Verrücktheit."
„Dann erlauben Sie mir, mich bestimmter aus» zudrücken. Jchwill nichts so Nebelhaftes sagen wie: binnen drei Tagen. Ich werde Ihnen den Ordens- ftern in der Nacht zum vierten September stehlen."
Die Beamten sahen einander an und lächelten. Noch nie hatten sie einer so phänomenalen Frechheit gegenübergestanden. Scherzte der Mann? Er hatte sich mit der größten Sicherheit geäußert. Er schien auch nicht zu spaßen, aber eine gewisse Heiterkeit leuchtete doch in seinem schwarzen, lebendigen Gesicht auf. Und seine Augen suchten die ganze Zelt Asbjörn Krag. Es war offenbar, daß der kühne internationale Schwindler nur mit Asbjörn Krag als Gegner rechnete.
Dieser saß eine Weile schweigend da. Er grübelte über etwas nach. Schließlich stand er auf und sagte zu dem Protokollführer: „Es hat keinen Zweck mehr. Der Mann hält uns bloß zum Narren. Führen Sie ihn in die Fingerdruckabteilung. Aber seien Sie vorsichtig. Es würde ihm ähnlich sehen, wenn er versuchte, seine Drohung wahr zu machen. Er hat wohl schon feine Zelle bekommen?"
„Jawohl , erwiderte der Wachhabende, „die Zelle ist in Ordnung. Er hat sie schon in Augenschein genommen und hat erklärt, zufrieden zu fein.
„Welche Zelle ist es?"
„Nummer 34 auf dem obersten Korridor. Es ist unmöglich für ihn, zu fliehen."
„Gut, bann führen Sie ihn fort. Wenn wir seinen Fingerabdruck unb seine Photographie ljaben, werden sofort die großen Hauptstädte benachrichtigt, in erster Linie Paris. Ich glaube, wir werden bald von seinen Taten in der Gegend ber Boulevards hören."
Drei Kriminalschutzleute bemächttgten sich be» Gefangenen. Dieser machte eine unwillige Bews» gung, als paßte es ihm nicht, berührt zu werden.
(Fortsetzung folgt)


