Mittwoch. 6. Juli 1927
Gletzeuer Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 155 Zweites Blatt
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verschwärzte Städte, weißen und glühenden der Bewußtlosigkeit, wenn fein Äörber nog mit Sonnensand, über Einöden und prangende Rosen- dem Lode ringt, und der Lodeskamps hat Pir ryn gärten, über Wasserfälle und weidende Schaf- | keine Schrecken mehr.
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politische Bedeutung hat —, die Art und Weise, w i e Daudet von seinen Anhängern aus der Haft befreit wurde, war g e i st r e ich. Man lacht ohne Parteiunterschied über den irre- gesührten Gefängnisdirektor und hofft gleichzeitig, daß von äußerst rechts keine weiteren Ueberraschungen kommen.
Kamels mit sich trägt? Unter ihnen gehen zur Abendruhe die hingeknieten Dörfer des Maintals und der fränkischen Saale, die über un- g^euren Salzlagern schwimmt und im Herbst eine schwermutsvolle Stille um ihre Ufer hat.
Ihr Schicksal ist so ungewiß, und diese Ungewißheit hat etwas Menschliches an sich. Ihr Schicksal kann ein früher Tod oder eine weite abenteuerliche Reise sein, sie können sich am Dornstrauch verwunden, sie können im nieder- zuckenden Blitz verbrennen oder mitten in einen seidenen Blumengarten niedergehen.
Ich habe an den einen folgende Aufschrift gehängt: „Diesen Ballon ließen davon Maria und Anton", und an den anderen: „Fliege weit zu Robinson Crusoe oder zu dem Knaben Amal- kar, der sich einen Dorn in den Fuß getreten hat und tröste ihn!" —
Man hat gehört, daß solche Ballons nach Holland, in den Böhmerwald und an die Küste von Samland geflogen sind, aber wohin flogen meine? Wer hat sie gesehen über seinem Hausrauch oder über seinem Weg, den er gerade machte, um Gras zu mähen? Vielleicht kommt der eine bis aufs Meer, und ein brauner Mohr fängt ihn, der auf der Rahe eines Schiffes sitzt, in seiner Einfalt glaubend, die Kugel sei ein Engelsschiff von dem Sterne, der mitten im Himmel leuchtet.
Es ist mein Wunsch, daß der Blaue einem weinenden Kinde, das vor der Türe seines
Hauses sitzt, in die Hand flöge, damit es getröstet sei. Und von dem anderen möchte ich, daß er das Sinnbild der Seele bleibe und der Sehnsucht und ziellos hintreibe über „ nacht -
Herden, über Burgruinen und erhobene Kinderhände, mit Wolkenfehen, Regenschauern und Sternschein zusammen fort und fort...
Wie lange das Herz schlagt.
Es ist der medizinischen Wissenschaft gelungen, das Herz eines Loten noch über eine Stunde lang in regelmäßigem Pulsieren zu erhalten, und dieses Organ ist wohl das komplizierteste, aber nicht das einzige, das imstande ist, unabhängig vom übrigen Körper seine Tätigkeit auszuüben, sozusagen zu leben. Die Grenzen zwischen Tod und Leben sind nicht so entschieden, tote wir gemeinhin glauben, aber nach den Ausführungen des Münsterschen Professors Dr. R. Rosemann im Iuliheft von Belh agen & Klasings Monatsheften brauchen wir uns deswegen nicht zu beunruhigen. Auch wenn wir kein sicheres Zeichen dafür haben, daß wirklich alle Teile des Körpers ihre Lebenstätigkeit eingestellt haben: für die praktischen Verhältnisse genügt es völlig, den Eintritt des Todes des ^Gesamtorganismus auf den Augenblick festzulegen, in dem Herz und Atmung still steht, denn wir wissen, daß spätestens in diesem Augenblick das Bewußtsein völlig und unwiederbringlich geschwunden ist, und daß auch die etwa noch Der»
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Die österreichische Regierung und der Anschluß.
Von unserem -^--Mitarbeiter.
Wien, Ende Juni 1927.
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gefaßt. Diele teilen selbst daraus den Vorwurf für Briand ab: die französische Diplomatie habe sich in und nach Genf allzu sehr an die Wand drücken lassen! Die Seeabrüstungskonferenz in Genf wird mit wachsamen Augen verfolgt. Vielleicht jetzt etwas weniger feindselig als anfangs. Es wurde nämlich in Genf von einer Abänderung der Washingtoner Beschlüsse gesprochen, und das klingt den französischen Ohren immer angenehm. Man geht aber noch nicht so weit, zu bedauern, daß Frankreich cm der Konferenz nicht teilnimmt, und die Genfer Aussichten werden noch immer aus Prinzip unverändert düster beurteilt. Das hindert jedoch nicht, an einen Scheinerfolg, d. h. an eine Wahrung des Prestiges der Konferenz zu glauben. Denn — so sagt man hier — die amerikanische Delegation ist fest entschlossen, aus Genf etwas Heimzubringen, was sich vor der amerikanischen Oefsentlichkeit als Erfolg aufzäumen läßt. Was auch in Gen, geschehen wird, die sachlichen Ereignisse werden sich jedenfalls auf sehr viele Arten auslegen lassen. Und in Amerika wird man sie günstig auslegen.
Die Regierung zeigt auch vor der Kammer eine beachtliche Zurückhaltung. Sie hat ein sehr starkes Vertrauensvotum bekommen, allerdings in einer unpolitischen Sache. Der Fischerstreik in der Bretagne — eine wichtige aber lokale Angelegenheit'— hat als Anlaß zu einem Vertrauensvotum gedient. Es ist charakteristisch, daß man eine so sachliche Frage ausgesucht hat. Denn in den irgendwie politischen Fragen schreitet die Regierung von Kompromiß zu Kompromiß. Kompromisse mit der Kammer und Kompromisse im Ministerrat. Selbst die Heeresvorlage ist nur zustande gekommen, weil man sich nach beiden Seiten verbeugte. Ob freilich die Verbeugung nach links nicht wirklich nur eine unverbindliche Liebenswürdigkeit war, das wird sich erst zeigen, wenn die einjährige Dienstzeit tatsächlich eingeführt ist. Fürs erste hat die Regierung auch hier jedenfalls eine Reihe von Vertrauensvoten und damit — Zeit gewonnen. Die Lage innerhalb des Kabinetts ist sehr charakteristisch. Die rechts stehenden Minister Marin, Barthou und Tardieu stehen im Vordergrund. Sie spielen eine große Rolle sowohl vor der Kammer wie auch im Lande vor den Versammlungen. Sie führen den Kampf gegen die Kommunisten und — debattieren mit den Kommunisten in der Kammer. Manchmal über recht theoretisch anmutende Dinge. Die linksstehenden Minister stehen beiseite. Man hört kaum ihre Ramen, mit Ausnahme Sar- rau t s, der aber, da er die Seele des Kampfes gegen die Kommunisten ist, beinahe für rechtsstehend gelten könnte. Die übrigen sind von ihren Ressorts absorbiert, am meisten Herriot, der jetzt nur in der Kulturpolitik wirkt.
Die Kommunisten haben in der Kammer die ganze Linke in Schatten gestellt. Cs gibt ihrer nur 28, aber sie sind aktiv, sie halten Reden, debattieren mit der Regierung und verursachen Skandale. Sie sind von den Hemmungen der übrigen Parteien frei, und das ist ein nicht zu unterschätzender taktischer Vorteil. Denn sie können alles sagen und tun, was den übrigen tausend Rücksichten verbieten, und sie nützen dies auch gründlich aus. Die Luft haltt wider von ihrem Geschrei und selbst bei dem wilden Kampf der Regierung gegen sie — dieser Kampf mutet bei all seiner Wildheit etwas theovettsch an, da es sich in erster Linie um die nächsten! Wahlen handelt — scheinen sie sich recht wohl zu fühlen. Sie haben iroch nie eine so große Rolle gespielt. „Le Figaro" hat die Interpellationstage — nur am Freitag finden jetzt Interpellationen statt — mit viel Recht „kommunistische Freitage" genannt.
Die Sozialisten fühlen sich immer unbehaglicher. Sie können bei den Wahlen nicht auf die kommunistische Unterftü^ung verzichten — auch jetzt gab es in den Munizipalwahlen Beispiele dafür —, andererseits wollen sie sich aber nicht mit den Kommunisten kompromittieren. Das drückt sich auch in der inneren Politik der Partei aus. Renaudel, — der für die Koalition mit bürgerlichen Parteien ist, sowie der Paul Boncour nahestehende F r o t haben die kommunistischen Methoden mit scharfen Ausdrücken vor der Kammer gebranbmarft; der theoretisch denkende Leon Blum, sowie Bracke und Maurin exponieren sich jedoch mehr oder weniger für die Kommunisten. Es ist ein wahrhaftiges Glück für die französischen Sozialisten, daß sie niemals einig zu fein brauchen.
Um in den lustlosen und schleppenden Gang der Politik etwas Heiterkeit zu bringen, hat die Vorsehung Daudets Flucht gebracht. Man kann über die Bedeutung der „Action Fran?aise" denken wie man will — man braucht nicht unbedingt darüber etwas zu tertfen, da sie keine
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bleibende Tätigkeit einzelner Teile einem unvermeidlichen Ende entgegengeht. Die außerordentliche Empfindlichkeit unseres Bewußtseins» organs gegen jede Beeinträchtigung ferner nährung gibt uns sogar die tröstliche Gewißheit, daß der Sterbende fein Ende nicht mit Bewußtsein erlebt Mit gütiger Hand zieht Qlatur über die Seele des Sterbenden bereits den Schleier
Spitze Seipel zum dritten Male steht, kann sich dem Volkswillen auf die Dauer nicht wider- ehen ....
Roch vor nicht allzu langer Zeit bestanden bei manchen österreichischen Politikern — und zu diesen dürfte auch der Bundeskanzler gehört haben — Pläne, den unmöglichen Staat Oesterreich dadurch politisch und wirtschaftspolitisch zu sanieren, indem man ihn und die Rachfolge- taaten des alten Oesterreich-Ungarn in einer Donaukonföderativn zusammen- schlösse. Die neuen Staaten, die ihr Dasein dem Friedensvertrag von St. Germain verdanken, hatten aber schon bisher keine rechte Lust, ihre eben erworbene Selbständigkeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete zugunsten einer imaginären Donaukonföderation, in der Wien wieder der Mittelpunkt wäre, aufzugeben. Als nun der ungarische Außenminister im Anfang dieses Monats in einer Rede im Oberhaus mit aller Deutlichkeit von diesen Plänen abrücfte, wurde die Utopie dieses Gedankens ganz vfiensichtlich. Auch der Bundeskanzler dürfte aus dieser Haltung des Nachbarstaates seine Schlüsse gezogen haben.
Diese innere Wandlung, die sich bei den maßgebenden Politikern Oesterreichs in den letzten Wochen vollzogen hat, ist auch dem Auslande nicht verborgen geblieben. Wir nennen in diesem Zusammenhänge besonders einen Leitartikel des „Temps". Er stellt fest, daß zwar das Kabinett fest entschlossen sei, keine Verletzung der Verträge zu begehen, „aber die Regierung müsse in den großen Fragen der Außenpolitik wie dem Anschlüsse, den Parteien Rechnung tragen, aus denen sich die Mehrheit des Rationalrates zusammensehe". Wenn die berufenen Parteiführer- im Rationalrat — meint der „Temps" — sich so zum Anschlüsse bekennen, müsse die letzte Täuschung aufgegeben werden, als ob diese Idee in Oesterreich etwa nur von einer Minderheit vertreten werde. Der „Temps" sieht schon die „Aufsaugung" Oesterreichs durch das Reich kurz bevorstLhen und meint, daß diese Sachlage die ernsteste Beachtung aller derer verlange, die der Meinung seien, daß die Aufrechterhaltung des Status quo in Zentraleuropa die grundlegende Voraussetzung für die Erhaltung des Friedens darstelle.
Rehmt alles nur in allem. Das Deutschtum in Oesterreich ist fest entschlossen, den einzig möglichen Weg zu gehen und in ruhiger sachlicher Arbeit den politischen Anschluß seines Staates an das Deutsche Reich vorzubereiten, sei es mit oder gegen eine Regierung Seipel. Das Parlament hat jedenfalls seinem WilleN Har Ausdruck gegeben!
Aus der provinMlhcmptftM.
Gießen, den 6. Juli 1927.
Niederschlagung und Stundung von Gerichtsgebühren.
Die Riederschlagung und Stundung von Gerichtskosten in Zivilsachen und von Stempeln bildet den Inhalt eines im Einvernehmen mit dem Finanzminister ergangenen Erlasses des Hessischen Iustizministers, der für den nicht zahlungskräftigen Teil der Bevölterung von besonderem Interesse ist. Hiernach werden die Gerichte ermächtigt, auf Antrag Kosten in Zivilsachen, Stempel und Auslagen niederzuschlagen, zu stunden oder ihre Entrichtung in Teilzahlungen zu gestatten. Im einzelnen wäre hierzu zu sagen:
Kosten dürfen niedergeschlagen werden, toenn ihre Beitreibung aussichtslos erscheint und als sicher anzunehmen ist, daß der Schuldner dauernd zahlungsunfähig sein wird. Besteht dagegen Aussicht, daß der Schuldner in einem späteren Zeitpunkte wieder zahlungsfähig werden wird, so dürfen die Kosten nur vorläufig niedergeschlagen werden. Betrifft die endgültige Riederschlagung den Betrag von über 100 Reichsmark, so ist die Genehmigung des Iustizministers einzuholen.
K o st e n können gestundet werden, wenn üjre alsbaldige Zahlung mit erheblichen Härten für den Zahlungspflichttgen verbunden wäre und der Anspruch selbst durch die Stundung nicht gefährdet wird. Die Stundung erfolgt unter Vorbehalt des Widerrufs. Bei Richteinhaltung der Stundungsfrist kann die Schuld ohne Mahnung sofort beigetrieben werden. Statt der Stundung können auch Teilzahlungen bewilligt werden, in der Regel in Monatsfristen und nicht über die Dauer eines Jahres hinaus. Bei nicht rechtzeitiger Leistung auch nur einer Zahlung soll die ganze noch rückständige Schuld ohne Mahnung beigetrieben werden können. Stundungen und Teilzahlungen können von Sicherheitsleistungen abhängig gemacht werden. Die Schuldbeträge sollen verzinst werden.
Ein vorgelegtes Armutszeugnis kann nur als Grundlage für die Entscheidung dienen; es gewährt noch keinen Anspruch auf Riederschlagung oder Stundung. Eine Prüfung der Verhältnisse des Kostenschuldners hat deshalb doch noch stattzufinden.
Bei Eingang eines Riederschlagungs- oder Stundungsgesuchs soll das Finanzamt ersucht werden, die Beitreibung bis zur Entscheidung auszusehen, es sei denn, daß das Gesuch aussichtslos ist, oder offensichtlich nur die Beitreibung verschleppen will, oder daß Gefahr im Verzug liegt.
Sämtliche Gesuche unterliegen dem Eingabestempel, so wett es sich nicht um Eingaben Unbemittelter handelt. Andernfalls sind die Gesuche unberücksichtigt zu lassen. Eine zwangsweise Beitreibung des Eingabestempels findet nicht statt.
Die Beitreibungsversuche uneinbringlicher Gerichtskosten waren stets für den Staat ein unnötiger Zeit- und Geldaufwand. Der Erlaß des Iustizministers atmet aber auch zugleich sozialen Geist. Er gibt zahlungswilligen Schuldnern die Möglichkeit, ihren Verpflichtungen nachzukommen, ohne daß sie durch eine ri£ ? » rose Beitreibung in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet werden.
Gießener WochenrnarkLpreise.
Es kosteten auf dem gestrigen Wochenmarkt: Butter Pfd. 1.70 bis 1.80; Matte 30 bis 35; Käfe 10 Stück 60 bis 1.40; Wirsing 25 bis 30; Weißkraut 25; gelbe Rüben das Päckchen 10 bis 15; rote Rüben 15; Röinischkohl 15; Dohnen 50; Spargel 90 bis 1.00; Erbsen 30 bis 40; Mischgemüse 15; Tomaten 30 bis 80; Zwiebeln 20; Rhabarber 20; Kartoffeln 8 bis 9; Kirschen 37 bis 70; Heidelbeeren 60; Stachelbeeren 25 bis 50; Johannisbeeren 30 bis 45; Erdbeeren 60 bis 80; Honig 50; junge Hahnen 1.00 bis 1.20; Suppeichühner 1.00 bis 1.20; Eier Stück 12 bis 13; Blumenkohl 30 bis 1.20; Salat 5 bis 10; Salatgurken 40 bis 60; Ober-Kohlrabi 10 bis 15; Lauch 5 bis 10; Rettich 10 bis 15; Radieschen Bund 10; Himbeeren Pfd. 70.
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Damit ist durch Regierung und Parteien der Weg für Verhandlungen mit dem Reich geebnet, die schon längst von weiten Schichten des Volkes gefordert wurden, um einen zu manchen Unzulänglichkeiten führenden Zustand zu beenden. Bei dm hoffentlich bald beginnenden Verhandlungen werden sich zwar noch manche Schwierigkeiten sachlicher Art ergeben. Wenn aber beide Verhandlungspartner sich vor Augen halten, daß es für die Stärkung des Gedankens der deutschen Einheit nicht gleichgültig ist, ob in Zu- timft der Oesterreicher im Reich und der Reichs- dmtsche in Oesterreich ohne die heutigen Schwierigkeiten in den Genuß der Staatsbürgerrechte treten kann oder nicht, so wird sich bei gutem Willen auch der richtige Weg finden.
Roch aus einem anderen Grunde sind die Ausführungen, die unser Bundeskanzler in dieser Sitzung machte, bedeutungsvoll. Sie stehen zweifellos in einem inneren Zusammenhang mit der Regierungserklärung, die Dr. Seipel in der ersten Sitzung des Rattonalrates am 19. Mai abgegeben hat. Er stellte fest: „Ganz besonders am Herzen liegt uns die Ausgestaltung der Beziehungen zu unseren Brüdern im Deutschen Reiche. Auf allen geifttgen Gebieten kann das Verhältnis nicht mehr enger werden; es ist in unserer gemeinsamen Abstammung, Kultur und Geschichte begründet. Daß wir darüber hinaus auch jede wirtschaftliche und sonstige Annäherung der beiden Staaten fördern und wünschen, die je nach der Zeitlage möglich und zulässig ist, weih alle Welt." Ts liegt kein Grund vor, an der Aufrichtigkeit der Worte des Kanzlers zu zweifeln, wenn sie nuch eine bedeutsame und käum erwartete W a nd- lnng in der Auffassung Seipels von der zu- ffinftigen Gestaltung Mitteleuropas andeuten. Auch andere Anzeichen sprechen dafür, daß der Bundeskanzler frühere Gedankengänge über den dsterreichischen Staat, den Staat wider Willen ted Volkes, und seine Zukunft, wenn vielleicht «uch nicht aufgegeben, so doch geändert hat. Einem so llugen Staatsmann kann es ja schließlich auch nicht verborgen bleiben, daß der Anis chluhwil le des Volkes in Oesterreich wie im Deutschen Reich nicht schwächer geworden ift, sondern sich vertieft hat. Dazu beigetragen hat wohl auch die Tatsache, daß unnütze Kundgebun- Im gegen die bestehenden Friedensverträge und ßür den baldigen staatsrechtlichen Zusammenschluß ter beiden großen Staaten im innereuropäischen Daum aufgegeben wurden. Dafür ist stille Kleinarbeit privater Organisattonen und | jctjt auch der Volksvertretungen (siehe das neue ■ Strafgesetzbuch und den oben angeführten Beschluß • des Rational'vates), auf allen Gebieten des öffent- lüchen Lebens die Verhältnisse einander anzugleichen, geleistet worden. Das Kabinett, an dessen
Zranzöfische sommerbilanz.
Von unserem Z-Derichterstatter.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Paris, 2. Juli 1927.
Zwei große Ereignisse der Außenpolitik, die Rede Poincares in Luneville und die Rede Stresemanns, haben es nicht vermocht, Briand aus seinem Schweigen und seiner Zurückgezogenheit aufzurütteln. Luneville war eine Sensation und ein Mißgriff. Das läßt sich jetzt schon mit absoluter Sicherheit feststellen. Das Schweigen, das in der französischen Presse darauf folgte, beweist es hinreichend. Die Rede Dtrese- marrnd wurde in Frankreich überaus ruhig aufgenommen irrft) man versuchte, so still wie möglich über sie Hinwegzugleiten. Die französische Außenpolitik steht nach wie vor im Zeichen der Unentschiedenheit. Briand hat Paris verlassen — gewiß zum Teil aus gesundheitlichen Gründen — aber diese Reise markiert auch irgendwie sein Richtzusammen stimmen mit Pvincars. In den sozialistischen Kreisen behauptet man dieses wenigstens offen.
Daraus wird man jedoch noch keine allzu optimistischen Konsequenzen ziehen dürfen. Briand zögert und will sich aus Gründen der Innenpolitik so wenig wie nur möglich exponieren. Die französische Außenpolitik zögert gleichfalls. Scheinbar will man nur eins: Zeit gewinnen. Dabei sollen aber auch alle Türen offen bleiben. Man gewinnt den Eindruck, daß durch diese zwei Faktoren die ganze gegenwärtige Haltung Frankreichs bedingt ist.
Die russisch-polnische Entspannung wurde hier mit Freuden aufgenommen. Man glaubt aber, daß man von einer prinzipiellen Lösung der russischen Frage ebensoweit entfernt ist, wie früher. An dieser Auffassung könnte selbst eine plötzliche englisch-russische Annäherung nichts ändern. Diese langsame Beruhigung wird hier als ein ausgesprochener Erfolg der deutschen Außenpolitik auf -
eine wird vielleicht den großen Spessartwald I überschwimmen und im Rauch der Kohlenmeiler | bräunen. An den anderen treibt der Wind vielleicht eine Lämmerwolke, die auf dem Ural aus einem Schneeloch stieg.
Ich wünsche nicht, daß sie im schwarzen Waldgeäst niedergehen und hängen bleiben, bis sie der Regen zerwaschen hat; auch wünsche ich nicht, daß der graue Baumgeier sie erspäht und die gezückte Kralle in ihren Leib schlägt, da er sie fiir einen bunten und fremdländischen Vogel halten könnte.
Unter ihnen werden die gluckernden Sümpfe sein, das grunzende Wildschweinrudel des Fichtendickichts, die kirchenreichen Städte Aschaffenburg, Würzburg und Bamberg, die süßen Lupinen- felder, ein altes Franziskanerkloster unter Lindenbäumen, ein pflügender Bauer im Talgrund, eine Madonnastatue auf einer Weinbergsmauer, fahrende Eisenbahnen und brausende Autos, jubelnde Kinder und müde Wanderburschen.
Ich fürchte fast um die beiden. Allein werden sie sein unter dem auf getanen Raum des Himmels, und wenn dann die Rächt beginnt und die Eisluft aus den oberen Stockwerken pes Weltgewölbes fällt, werden sie vielleicht frieren und zufammenschrumpfen und sich ducken wie Heine neugeborene Vögel. Zwar werden sie näher dem Gestirn sein, dem Dernsteinmond, den ich liebe, und der soeben seine Äachtbahn beginnen will, auf der er die Birkenhaine, die Waldbäche, die Schllfteiche, die Städte und die Dörfer besucht. Wie wäre es, wenn der eine von ihnen sich an sein gläsernes Horn hängen würde? Wird der andere dem Schwarm der Hummeln begegnen, die die Feuersbrünste des Rotllees suchen? Oder wird er in den Strom des Südwinds kommen, der das Haar eines arabischen
itbaltlumme der Mitglieder ittägt 5U 232000.-.
ll 5. Juli 1927. 63450
Ter Cotihittb:
Svietz. G. Kohlheyer.
>tag, den 7. Juli 1927, achMagS 2 Uhr ich im „Löwen", Heuentoeg 28 ngsioeise gegen Anzahlung: ,3 Mitt, 1 Gsschranl, ein
JTalfenfdjrant 1 KleideiWanl, I'tfiinen, 3 Sofai, 1 Chaiselongue, i, 2 Spiegel, 2 Schreibtische, nangel, 1 3üd)erfd)ran1- einen 1 SW mit 3000 papier, Tornister, fünf Lroibeutel, 100 tmen, 3 SamMiMm, zwei 3 MuM, 1 jittt, 1 Handelsgesetzbuch, einen MtrWW M 6W । -ranzdärm. 6354U
2Im 8. Juni verhandelte der österreichische Rationalrat übet den Gesetzentwurf, womit das Iundesgesetz über den Erwerb und den Verlust der Landes- und Bundes- boürgerschaft ergänzt wird. Bei dieser Ge- ü l,.genheit wies der Redner der Großdeulschen Partei, Dr. Grailer, darauf hin, daß dieses Sesey Anlaß gäbe, wieder einen Schritt auf dem Wege zur Angleichung der österreichischen und der reichsdeutschen Verhältnisse vor- t-äris zu kommen. Er brachte einen Entschlie- ilimgäantrag ein, der einstimmig angenommen wurde. Wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung halten wir ihn im Wortlaut fest:
„Die Bundesregierung wird aufgefordert, mit ter Regierung des Deutschen Reiches in Verhandlungen zu treten, um im gegenseitigen Einvernehmen wesentliche Erleichterungen für die Einbürgerung von Oesterreichern in das Deutsche Reich und die Einbürgerung von Reichs- teutschen in die Republik Oesterreich zu schaffen."
Richt weniger beachtlich ist die Tatsache der mneingeschränkten Zustimmung der Regierung. Bundeskanzler Seipel erklärte, daß auch das Kabinett das größte Interesse daran habe, daß tei Erlangung des Staaisbürgerrechtes von Oesterreichern, die schon längere Zeit im Deutschen Reiche ihren Wohnsitz genommen haben ititö umgekehrt, die möglichsten Erleichterungen Platz greifen. Er erklärte sich namens der Re- ® giert:-’g mit dem vorgebrachten Beschluhantrag rinderst ändert und gab unter lebhaftem Beifall i aller Parteien die Erllärung ab, „daß die Verhandlungen mit der Regierung des Deutschen Reiches unter der Voraussetzung der Reziprozität inöglichster gegenseitiger Erleichterungen in der Verleihung der Staatsbürgerschaft ehestens auf-
Wohin flogen sie?
Don Anton Schnack.
Ich habe vom Main aus zwei runde .Kinderballons fliegen lassen; es war Sonntag, bet 5. Juni, am späten Rachmittag, schon nahe an die sechste Stunde, glaube ich. Cs blies ein leichter Wind aus Südwesten, mit dem ein zärtlicher Akazienduft geschwommen kam.
Der eine Dallon war blau und spiegelte die letbene Fahne, die das siebenjährige Mädchen Maria leise hin- und herichwenkte; der andere Ihatte ein schönes warmes Weinrvt. Die zwtt- 'chernde Schwalbe, die auf dem Drahte saß, her über das Dach gezogen war, schwantte wie ein winziges Pünktchen im Spiegelbild der hüllen auf und nieder. — Die beiden stiegen auf, angezogen von einem sehnsüchtigen Freiheits- bettswillen, in den fanfarenen Schein des durch- irahlten Himmels. Die blaue Kugel zitterte ein Denig — nicht viel zwar —, als besänne sie sich, Dieder auf die Erde zurückzukehren, aber dann irieb sie dahin und flog mit dem Wind, der den Mainfluß entlangwehte.
Sie wird die Flöße sehen und den Abendsfischfang der Fischer von Seligenstadt oder Aschaffenburg, dachte ich. Der rote Dallon flog lerzengerade empor uni) traf, schon fast zu der Winzigkeit eines Stecknadelkopfes geworden, eine Luftströmung, die ihn gegen den schwarzen Dunst Ler Wälder antrieb. Dann wurden beide unsichtbar in der Weite des großen Luftgrundes. —
Der Blaue wird vielleicht das versteckte und toilte Rest ter Eule überfliegen, die ihn mit runden und erschreckten Vogelaugen betrachtet. Der Rote kann den achtzigjährigen Vater Kilian sehen, ter am Holzklotz sitzt und dünne Kiefern- jpäne aus einem harzigen Aste schneidet. Der
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