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Nr. 207 Erstes Matt

177. Jahrgang

Montag, 5. September (927

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Giessener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Vie Angst vor der Wahrheit.

Das ist also Vie erste Sensation, die in die Genfer Lage hineinplahte, daß Herr Bänder- velde vom belgischen Kabinett mit seiner eigenen Zustimmung desavouiert wurde und den Vorschlag zur Einsetzung eines deutsch­belgischen Schiedsgerichtes unter einem neutralen Vorsitzenden über die Tätigkeit der Frank­tireurs zurückzog. Die Gründe, die dafür von Brüssel aus gegeben werden, sind recht faden­scheiniger Natur, sie sind sogar so offensichtlich l a l s ch , daß die deutsche Regierung sich zu einer amtlichen Richtigstellung gezwungen sieht und aller Voraussicht nach ein Rotenkamps entbrennen uird. Denn wir wollen doch nicht vergessen, daß l^c Ausgangspunkt dieser ganzen Kommission ein belgischer Vorschlag war, der aus den Kriegs- Seiten stammte, von Herrn Dandervelde jetzt wieder ausgenommen und von der deutschen Regierung sofort angenommen worden ist. Was die Belgier über weiter g e he nd e Ab­richten und Gegenvorschläge der deut­schen Regierung erzählen, ist reine Phrase und ist wohl nur erfolgt, um einen Ragel zu finden, auf dem die Ablehnung aufgehangen wer­den konnte. Herr Vandervelde hat darüber hin­aus anscheinend auch noch seine parteipolitischen Freunde in Deutschland mobil gemacht, die den Vorwärts" zur Ablagerungsstätte seiner Ent­schuldigungsgründe benutzen. Sie wollen uns ernsthaft glauben machen, daß eine Untersuchung uer Franltireurfrage sehr leicht nicht zur Be­friedung beitragen, sondern umgekehrt alte Lei­denschaften und Haßgesühle wieder erwecken könnte. Diele, die unter den Gewalttnahnahmen der deutschen Desahungsbehorden schwer gelitten haben wollen, sollen jetzt mit größter Ungeduld daraus warten, ihre Klagen bei der Untersuchung vorzubringen, wodurch die Erinnerung an er­littenes Unrecht aufgesrischt und bereits einge­schlafener Haß neu aufgepeitscht werden kömrte. Diese Gefahr, die Herr Vandervelde hier sieht, scheint uns doch st a r k k o n st r u i e r t: der Krieg ist nun einmal keine Angelegenheit für Töchter- pensionate, er zwingt tagtäglich zu Maßregeln, die den einzelnen hart treffen. Aber darum han­delt cs sich nicht. Worauf es bei der Untersuchung allein ankam, war die Feststellung, daß Deutschland in seiner Kriegführung nichts getan hat, was zu den geschriebenen oder unge­schriebenen Gesetzen des Völkerrechts in Widerspruch steht, und das, wo im ein­zelnen Falle zu schweren Abwehrmitteln gegriffen werden mußte, dies nur geschah in der R o t w e h r gegen Mordversuche der am Kampfe unbeteiligten Zivilbevölkerun g, also gegen die Franktireurs. Das war das Be- wcisthema, das vielleicht nicht von den Zeugen, aber doch von den Richtern leidenschaftslos untersucht werden konnte. Eine Begrenzung war jederzeit möglich. Wir wollen auch gar nicht bestreiten, daß hin und wieder Uebergriffe vor- gckommen sein mögen, das Entscheidende aber war doch, daß die deutsche Kriegführung in ihrer Linie die Grenze der Humanität nicht überschritten hat, und eine solche Feststellung hätte ganz sicher viel dazu beigetragen, auch bei der leid­tragenden belgischen Bevölkerung eine Fülle von Greuelmärchen zu beseitigen und dadurch die Annäherung der beiden Staaten zu erleichtern.

Der eigentliche Grund, weshalb Belgien den Rückzug antrat und antreten mußte, liegt deshalb auch sehr viel tiefer; er ist auf einen Druck Poincares zurückzuführen, dem wie­der ein Teil des belgischen Kabinetts nur zu gerne nachgegeben hat. Wir haben ja schon einen ähnlichen Fall erlebt, als damals die Ber- handlungen über E u p e n M a l m e d y so weit gediehen waren, daß mit der Möglichkeit eines baldigen Abschlusses gerechnet werden konnte. Damals bekam durch eine Indiskretion Paris zu früh Wind davon. Herr Poincare schoß scharfe Roten nach Brüssel, weil er be­fürchtete, daß jedes Antasten des Versailler Ge­bäudes die ganzen Grundmauern ins Wanken bringen konnte; die belgische Regierung parierte Order, und die Hoffnung, daß in absehbarer Zeit EupenMalmedh wieder in die Arme des Mutterlandes zurückkehren könnte, mußte einst­weilen begraben werden. Auch diesmal wieder ist der Gang ganz der gleiche gewesen, nur mit dem Llnterschied, daß keine 3ndiskreiion vorliegt, sondern daß Herr Vandervelde mit dem deut­schen Gesandteil das Communique über die Ab­sichten der beiden Regierungen zusammel aus­gearbeitet hat. Kaum bekam Poincare Kennt­nis davon, als er bereits seinen Botschafter mobil machte, der den belgischen Ministerprä­sidenten aufsuchen mußte und bei diesem einen willfähr igen Gefährten fand. Auch Eng la n d scheint, wenn wir recht unterrichtet sind, dcü französischen Vorstellungen nachgcgeben zu haben; jedenfalls sind auch von Chamber­lai n s Seite Herrn Vandervelde gegenüber Be­denken geäußert worden. Die franzosis che Maschinerie hat so prompt gearbeitet, daß der belgische Außenminister Vandervelde so­gar aus Genf, wo er Belgiens Wiederwahl in den Rat vorbereiten half, telegraphisch zurück­geholt wurde.

Alle Worte können nicht darüber hinweg­helfen, daß die belgische Regierung einen von ihrem Außenminister gemachten Vor­schlag desavouiert und zurückzieht. Das mühte Herrn Vandervelde in seiner Reputation bei den anderen Diplomaten einen so starkem Stoß geben, daß er eigentlich kaum mehr zu halten ist, und wohl auch klug genug fern wird, im Laufe der nächsten -Seit sein Rückiri t ts° g e s u ch einzureichen, womit gleichzeitig das Schicksal des ganzen Kabinetts Saspar besiegelt

wäre, And das alles nur, weil Poincare Angst vor der Wahrheit hat. Und dcrs ist der ausschlaggebende Gesichtspunkt. Es ist uns ja oft genug gesagt worden, daß das Versailler Dittat auf der Schuld Deutschlands aufgebaut ist, und es ist auch geschichtlich nur so lange zu halten, wie die Lüge von der deutschen Kriegs­schuld bestehen bleiben kann. Deshalb war vom französischen Standpuntt aus diese deutsch-bel­gische Kommission der erste Schritt auf einem sehr gefährlichen Wege. Gelang cs, zu einem Ergebnis zu kommen, dann war damit gezeigt, dah dieser Weg in der Tat gangbar war. und dann Patte Poincare keine Möglichkeit mehr in der Hand, wenn einmal von Deutschland der Anttag gestellt werden sollte, auch über den Ausbruch des Krieges eine gleiche Kom­mission einzusetzen, deren Votum von den Fäl­schungen des Versailler Diktats erheblich abge- touben wäre. Das hat Poincare verhindern! wollen. And das ist ihm vorläufig auch gelungen; gelungen in einem Augenblick, wo man in Genf

wieder einmal Beweise von der Existenzberech­tigung des Lvcarnogeistes geben wollte.

Holländische Urteile gegen Belgien.

Amsterdam, 3. Sept. (WTD.) Die Wei­gerung der belgischen Regierung, die Franktireurfrage durch eine neutrale Antersuchungskommission entscheiden zu lassen, erregte in Holland, das noch kürz­lich anläßlich der Veröffentlichung der deutschen Antersuchungsergebnisse über die deutsche Kriegs- führung in Belgien mit belgischen Pressemeldun­gen über angeblich in Belgien begangene Kriegs- greuel beinahe überschwemmt wurde, erheb­liches Aufsehen. Mehrere Blätter beschäf­tigen sich heute abend in Leitartikeln mit dieser Angelegenheit.Allgemeen Handels­blad" sagt, die jetzige Entscheidung des belgi­schen Kabinetts sei zu bedauern. Das unpar­teiische Urteil der unparteiischen Untersuchungs-

Reden in Gens. Gewalt in Memel.

Genf, 3. Sept. (Wolff.) In der heutigen Sitzung des Völkerbundsrates wurden hauptsächlich humanitäre Angelegen- heiten behandelt. Zu dem ersten Bericht über die bulgarisch-griechische Flüchtlings- frage, wobei es sich um die Liquidation und Vergütung für den zurückgelassenen Besitz der zirka 40 000 bulgarischen und griechischen Flücht­linge handelt, gab Chamberlain als Bericht­erstatter eine Erklärung ab, wonach das vor­liegende Beispiel zeige, daß der Völkerbund auch auf dem Gebiete eines rein Humanitären Wir­kens schweren politischen Wirren vorzubeugen ver­möge und dafür gesorgt habe, daß sich zwischen den Beteiligten hier also Bulgarien und Grie­chenland die Freundschaft aufrecht erhalten hat. In dem zweiten Berichte über die Ratifi­kation der unter der Aegide des Völkerbundes abgeschlossenen Verträge spielte die Opium- konvention vom Februar 1925 eine Haupt­rolle, deren bisherige Rachtratifikatton von eini­gen Ratsmitgliedern mit innerpolitischen und for­mellen Schwierigkeiten begründet wurde. Die für das Inkrafttreten der Opiumkonvention erforder­lichen Ratifikationen von sieben Ratsmitgliedern sind hiernach anscheinend in absehbarer Zeit zu erwarten.

Der japanische Vertreter A d a t a erstattete Bericht über eine in Montevideo abgehaltens Tagung eines technischen Ausschusses be3 Hh - gienekomitees für Kinderschuh und über Untersuchungen in verschiedenen südslawi­schen Ländern.

Ein von dem italienischen Ratsmitglied Scia- loja erstatteter Bericht über die Völkerbunds- konferenz zur Schaffung eines Weltnothilfe­verbandes wurde debattelos genehmigt.

Einem Danziger Anträge in bezug auf die Auf Hebung der Beschränkungen sürden Flugzeugbau wurde schließlich mit der Maßgabe entsprochen, daß im konkreten Falle die Kontrolle des Völkerbundes einzusehen hat, die sich nach dem für Deutschland, Bulgarien usw. gültigen Regeln richtet. Damit ist ausdrücklich diese besondere Beschränkung im Flugzeug- und Luftschiffbau auch für Danzig aufgehoben und den Danziger Wünschen vollkommen ent­sprochen, was Staatspräsident Sahm in einem kurzen Dankcswort hervorhob.

Stresemann bei Briand.

Genf, 3. Sept. (WB.) Reichsminister Dr. Stresemann empfing heute nachmittag den Besuch des griechischen Außenministers Mi- chalskopulos und begab sich um 6 Uhr abends zum französischen Außenminister Briand, der heute vormittag zum erstenmal an der gegenwärtigen Ratstagung teilgenommen hat. Die Besprechung zwischen den beiden Staats­männern dauerte etwa 1 i/i Stunden und be­rührte alle gegenwärtig zur Erörterung stehen­den polittschen Fragen. Wie das WTD. hört, hat Briand dabei zum Ausdruck gebracht, daß er entgegen anderslautenden Rachrichten beab­sichtige, bis zum Ende der Völkerbunds lagung an den Genfer Verhandlungen teilzunehmen.

Gesandter Dr. Müller in Genf.

Genf, 3. Sept. (WV.) Der deutsche Gesandte in Bern, Dr. Adolf Di ü l l e r, ist heute nach­mittag in Genf eingetroffen, um auf Wunsch von Reichsaußenminister Dr. Stresemann während der Völkerbundsverhandlungen an den internen B e- ratungen der deutschen Delegation teilzunehmen.

Ein polnisches Dement-.

Paris, 3. Dcpt. (WTB.) Der polnische Delegierte beim Völkerbund, S o k a l, hat dem Genfer Korrespondenten desMatin" zu der gestern vom Genfer Korrespondenten desPetit Parisien" verbreiteten Nachricht, Polen beab­sichtige den Entwurf eines Richtangriffs­paktes vorzuschlagen, erklärt, diese Rachricht sei völlig unrichtig. Die polnische Regie­rung habe keine derartige Absicht; dagegen sei es mehr als sicher, daß der polnische Delegierte bei der Cntwasfnungsdebatte intervenieren werde. Diese Debatte werde vielleicht zurück- greisen auf die Resolution Markowitschs vom 25. September 1926, in der erklärt wurde, daß alle Verträge, die unter den Völkecbundsmit- gliedern abgeschlossen seien, vom Geiste von Lo­

carno getragen werden, d. h., dah sie den gegen­seitigen Beistand, das Schiedsgerichtsverfahren und die Rotwendigkeit der Sicherheit betonen sollen, die allein zur Entwaffnung führen könnten.

Die Juristen beraten.

G e n f, 3. Sept. (WB.) Das I u r i st e n k o m i t e e zur Beratung der grundsätzlichen Fragen, ob und unter welchen Bedingungen der Völkerbunds­rat einen von ihm gefaßten Beschluß auf­heben oder abändern kann, ist heute nach­mittag unter dem Vorsitz Fromageots zu einer ersten Besprechung zusammengetreten. Alle Rats­mächte waren durch ihre juristischen Delegierten ver­treten. Die Beratungen galten zunächst der Zusam­menstellung sämtlicher Rechtsvorgänge betreffend das polnische Munitionsdepot auf der W e ft e r p l a t t e.

Cecil über seine«! Hüdhitt.

Budapeft, 4. Sept. (WTB.) Der Londoner Korrespondent desPefti Hirlap" hatte eine Unterredung mit Lord Robert Cecil, der sich über die Gründe seines Rücktritts u.a. folgendermaßen äußerte: Der Hauptbeweggrund meines Entschlusses war, daß in der Frage der all­gemeinen Abrüstung die Mehrheit des eng­lischen Kabinetts und ich nicht einer Meinung waren.

Ohne eine allgemeine Verminderung der bewaff- neleu Kräfte und ohne ihre Begrenzung durch internationale Verträge ist der Friede der Welt nicht gesichert. Die heutige Lage ist so, als be­reiteten sich die Rationen abermals auf einen

Krieg vor.

Die drei großen Seemächte bestellen weiter ihre Kriegsschiffe. Auf der Seeabrüstungskonferenz will kein Staat nachgeben. Von den Großmächten will keine von einer Abrüstung hören, und auch ich selbst habe von meiner Regierung für die Seeabrüstungs­konferenz Weisungen erhalten, die sich im scharfen Gegensatz zu meiner Abrüstungspolitik befanden. Das britische Interesse hätte es erfordert, für die Abrüstung auf der Seeabrüstungs- konferenz einzutreten, da doch von dem Frieden

Dortmund, 4. Sept. (WTB.) Die 6 6. Ge­neralversammlung der deutschen Ka­tholiken begann heute vormittag mit einer Feier der heiligen Messe in dem von Zehntausenden von Teilnehmern mit unzähligen Fahnendeputationen gefüllten Stadion.

Bischof D. Kaspar Klein- Paderborn hielt die Festpredigt. 3m Anschluß an die Messe fand in der Westfalenhalle die erste geschlossene Versammlung statt, in der das Präsidium des diesjährigen Katho­likentages gewählt wurde. Zum ersten Präsidenten wurde gewählt Ministerpräsident a. D. Steger - wald.

Nach dem Bericht des Zentralkomitees nahm die Versammlung eine Entschließung an, in der die Forderung erhoben wrid, daß die Bekennt­nisschule durch die Gesetzgebung des Reiches und dcr Länder verankert werde. An die katholischen Mitglieder des Reichstages wird die Mahnung gerichtet, mit Einsetzung aller Kräfte die Gesetze im Sinne der berechtigten katholischen For­derungen zu gestalten und

keiner Lösung zuzustimmen, die nicht die Gleich­berechtigung der Bekenntnisschule mit anderen

Schularten gewährleiste.

Nachmittags veranstalteten die katholischen Arbeiter eine außerordentlich stark besuchte Kundgebung. Als Vertreter der preußischen Staats- rcgierung begrüßte Wohlfahrtsminister Hirt- s i e f e r die Versammlung. Nach Begrüßungsanspra­chen von Bischof D. Klein- Paderborn und Dr. Stegerwald ergriff Reichskanzler Dr. Marx das Wort zu einer Ansprache, in der er u. a. ausführtc, die christlichen Arbeiter seien treue Katho­liken. Aber ebenso fest und unerschütterlich stünden sie zu unserer Verfassung, zu unserer deutschen Republik.

3n einer Versammlung der katholischen öffentlichen Beamten nahm noch einmal Reichskanzler Dr. Marx das Wort. Er betonte

der Welt nicht nur das Sein oder Nichtsein der europäischen Zivilisation, sondern auch der Bestand der Machtstellung des britischen Reiches abhängk. Zur außenpolitischen Lage Großbritanniens kann ich erklären, daß die Nebelschleier zerstreut sind, und diejenigen, die an einen nahen Konflikt mit den Sowjets dachten, sich geirrt haben. Trotz aller Kompliziertheit der Lage dürfte es weder mit den Sowjets, noch mit China zu einem Konflikt kommen.

Litauens GLWattpotttik in Msme .

Memel, 4. Sepi. (WTB.) Dem Vernehmen nach find alle Schritte, die Ausweisung der drei reichsdeutschen Schriftleiter aus dem Memelgebiet rückgängig zu machen, ver­geblich gewesen. Es bleibt dabei, daß sie am Mon­tag das Gebiet verlassen müssen. Proteste von feiten der Verlage unter Hinweis auf die schweren geschäft­lichen Schäden der Unternehmen nutzten ebenso­wenig, wie der Hinweis beim Landesdirektorium als der zuständigen Stelle für die Aufenthaltsertei­lung, daß in der Ausweisung ein Verstoß gegen die Memelkonvention liege. Beim Kriegs­ministerium in Kowno war auch starker Ein­spruch erhoben worden. Die deutsche Ge­sandtschaft in Kowno hat bei der litauischen Re­gierung energische Schritte unternommen, ist aller­dings bis jetzt noch ohne Antwort geblieben.

Wie weiter bekannt wird, sind am Samstag zwei Reichsdeutsche aus dem Memelgebiet abgeschoben worden, und zwar ein Herr Schulz aus Trökuls und der Buchhalter Esch- mann von der Zellulosefabrik in Memel. Esch- mann, dessen Aufenthaltsgenehmigung zwei Tage vorher abgelaufen war und der das Gebiet nicht verlassen hatte, wurde in Haft genommen, bann mit einem Dampfer nach Ridden gebracht und dort über die deutsche Grenze abgeschoben. Wie weiter be­richtet wird, find heute fast sämtliche reichs- deutsche Zeitungen in Memel beschlag­nahmt worden. DieKönigsbergir Allg. Zeitung" wurde für dauernd für das Memekgebiet verboten.

u. a. Die Pflichten der Beamten dem Staate gegen­über. Mit wahrer nationaler Gesinnung könne man es nicht für vereinbar halten, wenn man über die Verfassung wegwerfend rede und die von ihr anerkannten Farben ver­ächtlich behandele. Rationaler Stolz solle auch diejenigen, die sich mit unserer Staatsform nur schwer abfinden könnten, davon abhalten, eine für uns so beschämende Haltung einzunehmen, wie man es kürzlich erlebte.

Zu Beginn der heute nachmittag abgehaltenen ersten öffentlichen Dersammiung be­grüßte Präsident Dr. Stegerwald die Ehren­gäste, darunter den österreichischen Bundeskanzler Dr. Seipel, den Reichskanzler Dr. Marx, den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Hel d, den badischen Staatspräsidenten Dr. Trunk, die Reichsminister Dr. Köhler und Dr. Brauns und die preußischen Minister Dr. H i r t s i e f e r, Steiger und Schmidt. Nachdem die Ver- sammlung beschlossen hatte, an den Papst und an den Reichspräsidenten v. Hindenburg Telegramme zu senden, nahm der

Nuntius Pacelli

das Wort zu einer Festrede. Er führte u. a. aus: Kettelers innerste lleberjeugung sei es ge­wesen, dah die wahre und endgültige Lösung der sozialen Fragen nur möglich sein werde auf dem Boden des Christentums.Richt als ob die Kirche," so fuhr der Runtius fort,die Aufgabe hätte, die unmittelbare Führung des Wirtschafts­lebens zu übernehmen, wohl aber verkündet sie, wie für alle Gebiete menschenlichcn Zusammen­lebens, so auch für das der Wirtschaft, die un­verrückbaren sittlichen Rormen. Die katho­lische 3 d e e verlangt von dem Arbeiter e b r licheundge wissenhafte Pflichterfül- l u n g. Gerade darum aber wäre es gegen das innerste Wesen des christlichen Gedankens, toenn der arbeitende Menschenbrude-r zum Sklaven, zum Objekt der Wirtschaft her-

Deutscher Katholikentag.

kommissron würde zur Beendigung der unfrucht­baren unö bös«i Polemiken, die Hah- und Rache- gesühle lebendig erhielten, stark beitragen können. Cs sei nun sehr zu befürchten, daß die Leidenschaften, die das Werk der Ver- söhnung erschwerten, durch diese Weigerung viel stärker entfacht würden, als durch die Vornahme der angeregten Antersuchunq selbst. Der deutschfeindlicheTelegra^f, der stets im Sinne der belgischen These die Auffassung vertrat, dah es in Belgien keinen Franktireur­krieg gegeben habe, führt unter dem Titel Brüssel retiriert aus, das Drüsseler Kabinett stellte sich selbst mit seiner inkon­sequenten Stellungnahme in ein sehr schlech­tes Licht. Qn<ui könne nunmehr damit rechnen, daß die wankelmütige Haltung der belgischen Re­gierung als Argument angesehen wird, das für die deutschen Rechtfertigungsver­suche in der Franktireurangelegenheit spricht und das von den Deutschen in der ganzen Welt auch entsprechend ausgenutzt werden dürfte.