Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 5. August 1927.
75. Stiftungsfest des Giehener Wingolfs.
Der Giehener Wingolf feierte am 1., 2. und 3. August das Fest seines 7 5 - j ä h r i g en D e - st a n d e s. Don weit und breit sind Aktive, Bruder aus dem Bund und Philister herbeigeeüt, um die Tage festlich zu begehen. Es mögen wohl 350 Winavlfiten gewesen sein, die die alte Musenstadt zu beherbergen hatte, ein Zeichen dafür, wie tief verankert der Wingolfsgedanke in Akademikerkreisen ist. Aber auch in der Stadt und frei der Giehener Bevölkerung ist es dem Giehener Wm- golf im Laufe der 75 Jahre seines Bestehens gelungen, sich Achtung und Ansehen zu erwerben. Das bewies der reiche Flaggenschmuck, die grohe Anzahl von Privatquartieren, die man bereitwilligst zur Verfügung gestellt hatte und das dichte Zuschauerspalier während des Festzuges am Dienstagabend. Somit waren alleDorcrussehungen lür einen Harinonischen Verlauf des Festes gegeben. Und es darf anerkannt werden, dah es in keiner Weise eine Enttäuschung gebracht hat, so dah der Festausschuß sowie die Tagesleitung und alle Teilnehmer in vollem Mähe zufrieden sein konnten. Heber den Verlauf des Festes im einzelnen wäre folgendes zu berichten:
Eine würdige Einleitung fand das Fest durch einen Akt der Pietät. Am Montagnachmittag legte man an ben beiden Kriegerdenkmäler n in der Stadt tmb im Garten des Wingolfshauses und an allen Gräbern Gießener Wingol- siten auf den Friedhöfen der Stadt Kränze nieder. Anter dessen versammelten sich auf dem Verbindungshause die bereits in Gießen anwesenden Philister und Aktiven zum Festkonvent.Mannigfache Gaben wurden der Verbindung zu ihrem Ehrentage überreicht. EinDeweis für die gut:nBeziehungen des Giehener Wingolfs zur Studenten- schäft ist wohl die Tatsache, dah das benachbarte Korps Starkenburgia eine prachtvolle Bowle übersandte. Geschenke von bleibendem Wert wurden dem Jubilar von den Damen der Verbindung zuteil. Auch die Firma Lehrmund war mit einer schönen Gabe vertreten Den Höhepunkt des Konventes bildete die Ernennung der beiden um die Verbindung hochverdienten Ortsphilister Professor Dr. O. Weimar und Professor H. Lucius zu Ehrenmitgliedern des Giehener Wingolfs. Den Damen stattete die Verbindung den Dank dadurch ab, daß he die Wingolfsfarben einigen von ihnen verlieh.
Am Abend füllte sich die Liebigshöhe mit Festteilnehmern, die sich hier zur B e g r ü - ßungskneipe versammelten, während gleichzeitig die Damen sich gegenüber im Schützenhaus ein gemütliches Stelldichein gaben. Manchen alten graubärtigen Herren konnte man auf der Deorü- hungskneipe sehen, der seit 20 oder 30 Jahren
zum ersten Male wieder sein altes Städtchen im grünen Hessenland ausgesucht hatte und der tief ergriffen war von dem Verlauf der Kneipe, die belebt wurde durch die Aufführung eines eigens zu diesem Zweck verfaßten Festspieles.
Der Gleiberg war die Stätte, an der am Dienstagmorgen die Schwarzkappen nach altem Brauch zu einer Stunde der inneren Einkehr sich zusammenfanden: Pfarrer Paul Klotz- Frischborn fand zu Herzen gehende Worte. Beim Männertrunk im Rittersaal der Burg gab Archivassessor Dr. L. Klemm- Darmstadt einen Ueberblick über die Geschichte des Gleibergs.
3m Mittelpunkt des Festes stand studentr- schem Brauch gemäß der Kommers. Ein stattlicher F e st z u g, geführt von den Chargierten der Gießener und mehr denn zwölf Bruderverbindungen. deren Fahnen dem Aufmarsch ein seierliches Gepräge verliehen, bewegte sich gegen Qtbent) vom Wingolfshause durch die Straßen der Stadt nach dem Saal des Gesellschaftsvereins. Feierlicher Burschensang und froher Becherllang wurden unterbrochen von Reden, die die Eigenart des Wingolfs aufzeigten. Des Vaterlandes gedachte der erste Chargierte.
Der Fuchsmajvr begrüßte die zahlreiche erschienenen Ehrengäste, insbesondere Se. Magni- fizenz, den Herrn Rektor der Landesuniversität, Professor Dr. Zwick, den Kommandeur des hiesigen Reichswehrbataillons und Landeskommandanten von Hessen, Oberstleutnant Fritz, und Beigeordneten Dr. S e i b. der als Ver- tneter der Stadt Giehen erschienen war. Die Festrede hatte Herr Professor Praetorius- Darmstadt übernommen. 3n feinen tiefschürfenden Ausführungen gab der Festredner zunächst einen Rückblick über die Geschichte der Verbindung und gedachte der Stifter und anderer Männer, deren Ramen mit den Geschicken des Giehener Wingolfs unlöslich verbunden sind. Er mahnte die Verbindung zum Festhalten an der Tradition, warnte sie vor geistloser Erstarrung, kennzeichnete ihre Führeraufgaben in Gegenwart und Zukunft, ihre Stellung im deutschen Volke und lieh seine Rede ausklingen in einen warmen Appell an die Jungen, in sich nur stets den christlichen Geist der Stifter walten zu lassen. Ergreifend waren die Worte, die der Generalsekretär des Wingolfbundes, Dr. R o d e n h a u s e r, München, der von einer Grenzlandtagung in Kaub nach Gießen geeilt war, über die Aufgaben des christlichen Studenten in unserer Zeit fand. Unter dem lebendigen Eindruck dieser Tagung sprach er von Aufstieg und Riedergang des deutschen Volkes, verwahrte sich gegen die Gleichsetzung von völkischer und wirtschaftlicher Macht und forderte ein freudiges Bekenntnis zum christlichen Idealismus. 3m Ramen der Ehrengäste sprach zunächst Se. Magnifizenz der Rektor, der den wissenschaftlichen Ernst der Rachkriegsjugend rühmend hervorhob und dabei int besonderen des Gießener Wingolfs anerkennend gedachte.
Ferner brachten ihren Dank zum Ausdruck Oberstleutnant Fritz und Beigeordneter Dr. Selb. Einen würdigen Abschluß fand der feierliche Kommers durch den Treuschwur.
Der Mittwvchvormittag war mit ernsten Beratungen ausgesüllt. während der Rachmittag der heiteren Muse gewidmet war. Würdig hat der Gießener Wingolf seinen Geburtstag gefeiert. Der glänzende Verlauf des Festes gibt die Gewähr dafür, dah er den Stürmen der Zeit trotzen wird.
Wettervoraussage.
Wolkig mit Aufheiterung, warm und meist trocken, östliche Winde. Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 22,2 Grad Celsius, Minimum 14,5 Grad Celsius. Sonnenscheindauer: VA Stunden. Heutige Morgentemperatur 16,8 Grad Celsius.
Witterungsaussichten für Sonntag: Keine wesentliche Aenderung.
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Palast-Lichtspiele: „Leichte Jsabell". — Astoria-Licht- spiele: „Die Höschen des Fräulein Annette".
— DerReichsbundderKriegsbeschä- tilgten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen, Ortsgruppe Gießen, veranstaltet am kommenden Sonntag, 7. August, anläß- lich des zehnjährigen Bestehens des Reichsbundes im Philosophen wald eine Feier. (Näheres in der heutigen Anzeige.)
** Personalien. Ernannt wurden am 22. Juli: der Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Ortenberg Dr. Robert Bernhard zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Lick; der Staatsanwalt bei dem Amtsgericht Friedberg Alfred Schneider zum Staatsanwalt bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen: der Amtsgerichtsrat bei dem Amts- gericht Gießen K. Heid unter gleichzeitiger Belassung in der Stelle eines Amtsrichters bei dem Amtsgericht Gießen zum Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen; der Staatsanwalt bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen Gustav K n a u ß zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Gießen; am 26. Juli: der Lehrer Adam K n e i p p in Gießen zum Rektor an der Volksschule daselbst: am 29. Juli: der Oberjustizrat Dr. Malz an in Darmstadt zum Mitglied der Prüfungskommission für das Justiz- und Derwaltungsfach; der Hauptstaatskassierer Eberhard S ch m i 11 zu Darmstadt zum Rechnungsrat bei der Hauptstaatskasse vom 1. August 1927 ab. — Entbunden wurde: am 29. Juli der Oberstaatsanwalt Wünzer in Darmstadt auf sein Nachsuchen von dem Amte eines Mitgliedes der Prü> fungskommssion für das Justiz- und Verwaltungsfach.
** Anmeldung zum Konfirmandenunterricht. 3nfolge der Ferien sind nicht alle Kinder, die in diesem 3ahre den Konfir- mandenunterricht besuchen sollen. angemeldet worden. Die evangelischen Pfarrämter bitten
deshalb, dah diese Anmeldungen nächsten Montag und Dienstag, jedesmal nachmittags von 4 bis 6 Hhr. in den Pfarrhäusern nachgeholt werden. Besonderer Wert wird darauf gelegt, daß an der Feier der Eröffnung des Äonftt* mandenunterrichtes. die für alle Gemeinden am 14. August stattfindet, die Eltern und Kinder vollzählig Anteil nehmen. (Siehe heutige Air- zeige.)
'* E i n neuer 500. Gast ist wiederum im hiesigen Flugplatzcofs eingekehrt. Der auf dem Flug- platz tätige Schäfer Johann Preisendörfer wird heute schon seinen Frerflug nach Frankfurt am Main antreten
Weitere Lokalnachrichten im 2. Blatt
Berliner Börse.
Effekten »Frühvcrkchr.
Berlin, 5. Aug. (WTB. Funkspruch.) Auf die doch eigentlich gar nicht unerwartet gekommene Diskontsenkung in Amerika (die feste Haltung des englischen Pfundes hatte gestern schon darauf hin- gewiesen) ist es im heutigen Frühverkehr bedeutend freundlicher geworden. Bei ganz geringem Geschäft hört man für die Favoriten 1 bis 2 Prozent höhere Kurse. Hapag und Nordlloyd 152 Geld. Farben 318,5 bis 319. Am Devisenmarkt nennt man Paris 124,02, Mailand 89,25 bis 89,30, Madrid 28,60, und das Pfund 4,8590 bis 4,8595.
Kirchliche Nachrichten.
3fr. Religlonsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag,den b.August 1927. Vorabend 7.30, morgens 8.30, nachmittags 4 Uhr. Eabbatausgang 8.55 Uhr.
Gottesdienst der isr. Religionsgefellschaft. Sabbatfeier, den 6. August 1927.
Freitag abend 7.20, Samstag vormittags 8.00, nachmittags 4.30,Sabbatausgang 8.55.Wochengottes'- dienst morgens 6.15, abends 7.15.
Lprechstundetr der Redaktion.
12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittags.
Samstag nachmittag geschlossen
Für unverlangt eingesandte Manuskripte ohne beigefügte« Ruckporto wird keine Gewähr übernommen.
Unzeigenaustrage sind lediglich an die Geschäftsstelle zu richten.
Verantwortlich für Lokales, Provinz und Wirtschaft i. V. Dr. Hans Thyriot.
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Bekanntmachung.
Mit Rücksicht auf die bei trockener Wit teruna bestehende Gefahr der Entstehung von Waldbränden mache ich darauf aufmerksam, daß jealiches Feueranzün^n im Walde und in dessen Nähe sowie das Wegwerfen von glimmenden Streichhölzern, Zigarren- und Zigarettenresten usw. sehr gefährlich und streng verboten ist.
Gießen, den 30. Juli 1927.
Der Oberbürgermeister.
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Bekanntmachung.
Für den inneren Ausbau der Wohnungsbauten an der Sicher Straße sollen unter Zugrundelegung der Reichsoerdingungsordnung nachstehende Arbeiten
öffentlich verdungen werden: 71656
a) Tüncher- und Anstreicherarbeiten;
b) Glaserarbeiten;
c) Schreinerarbeiten;
d) Schlosserarbeiten;
e) Installationsarbeiten;
f) elektrische Licht- und Klingelanlage; g) Steinholzfußbodenherstellungen.
Zeichnungen und Bedingungen liegen bei dem Architekten Herrn PH. Nicolaus zur Einsicht offen, und sind Angebotsformulare dortselbst erhältlich.
Angebote auf Vordruck sind verschlossen, versiegelt und mit entsprechender Aufschrift versehen bis spätestens zum Eröffnungstermine am
Freitag, dem 12. August vormittags 10 Uhr
bei dem Stadtbauamt, Asterweg Nr. 9, einzureichen.
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Gießen, den 4. August 1927.
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