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Nr. 54 Zweites Blatt

Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag 5. März 1927

Außenpolitische Umschau.

Don Prosesior Dr. Otto Hoehsch, M. d.R.

3n dieser Woche findet wieder die übliche Sitzung des DölkerbundsrateS in ®enf statt. Der Dorsitz liegt diesmal In der Hand von Deutschland und wird durch den Außen. Minister trabt genommen. An sich ist die Tages- Dehnung nicht von allzu großer Bedeutung. ob­wohl sowohl die Danziger, wie die ober- schlesische Schulsrage. w.e die Saar­frage sclbltverstäiidlich uns aus das nächste an- gehern Sonst werden größere Fragen diese Rat«- sitzung nicht bewegen. S« ist auch nicht wahr­scheinlich. daß die chinesische Angelegetcheit her- elnspielt. England hat in seiner Dole an den Dölkerbund vom 11. Februar .auf« tiesste be­teuert, keinen Weg zu sehen, der gegenwärtig dem Völkerbund tue Mögl.chkeit gäbe, an der ^Beilegung der Schwierigkeiten mit Thina mit- -Uwirken . Doch hat es sich in derselben Rote die Tür immerhin offen gelassen, daß. wenn die chinesische Verwicklung nicht anders zu lösen ist. sie schließlich doch auf da« Glei« des Dölker- bundes gebracht würde. DorlLufig w.rd es den Herren in Genf ganz angenehm fein, daß fie sich rmi dieser heiklen Sache nicht zu be­faßen haben.

England hat mit der chinesischen CüÖregie­rung am 19. Februar ein Abkommen geschlossen. In dem ihm Südchina die Konzession von Hankau zurückgab. unter DerhSltnisseu der Verwaltung, die nur eine Zwischenlösung sein können und schUehlich auf die Aufgabe der Konzession von feiten Englands herouskommen werden. Dafür wird England feine Truppenmacht In Schanghai nicht verstärken: wenn die auf der Fahrt be­findlichen Abteilungen ankommen, werden fie nach Hongkong dirigiert. Damit ist die Südregierung tatsächlich von England schon anerkannt. Dieses wartet auf den Fortgang der Kämpfe oder auch auf Derhandlungen um Schanghai zwischen Vör­den und Süden.

3n dieser keine-wea« beneidenswerten Lage, in der England allein steht und gar keine Macht bat. in feinem Sinne etwa- zu erzwingen, hat sich feine Wut. fein verletzter Stolz, die Sorge um die großen WirtschastSinteressen in China gegen Rußland entladen, in einer im Derkehr Der Staaten sehr ungewöhnlichen Rote Dom 23. Februar Selten hat sich die englische Politik so von Stimmung und Vervof.tät beeinflussen lassen, wie darin, und sich daher selten so vergrifsen wie mit dieser Rote, für die jeder Anlaß fehlt und der jede« Mittel fehlt, die darin ausgesprochenen For'oerungen durchzu setzen. Es ist der Sieg der Extremen im Kabi­nett über die Gemäßigten, wie Ehamberlain und Baldwin. ES ist der Sieg einerfifen Idee' deS kapitalistischen und Imperialistischen England«, da« überall da« bolschewistische Rußland gegen sich am Werke sieht.

Rußland hat daraus kühl und reserviert geantwortet. Auch Rußland ist von einerfiten Idee" beherrscht, nämlich daß England nut daran denke, eine Front gegen den Sowjetstaat zu­sammen zu bringen und in diese auch Deutsch­land Here inzuz letzen. Wir sprechen nicht au«, sichtlicher vom englisch-russischen Gegensatz, der die europäische Politik so beschattet. Er wirkt aus Deutschland in den Bestrebungen Englands, im nahen Osten, im Verhältnis zwilchen Polen und Litauen etwas zustande zu bringen, wo­nach englischer Dorstellung England entlaste und aus Rußland drücke, damit Rußland in Thina geschwächt werde.

Wir nehmen diese Bemühungen durchaus ernst, aber wir warnen, sie zu überschätzen. Zweierlei spricht dafür: England ist außerstande, in Konflikten, die da entstehen würden, dem. der sich für England entscheidet. Hilfe zu bringen. Da« empfindet man in Kowno. aber offenbar auch in R i g a. wo mit einem Mal die lang fort-

Zweites Vaterland,

von Albert h. Rausch.

kl.

Florenz.

Roch jedesmal ist mir dieses Befreiung ge­wesen: von Venedig nach Florenz zu gehen. Auch Florenz Ist mit nicht, wie so vielen, die Stabt Italiens: aber welche einladende, welche dankbare Stadt ist c«! Wie lohnt eS die Mühe um sein Erkennen, wie wenig erlegt eS sich dem fremden auf, und wie gegenwärtig ist eS in jeglichem feinet Schätze, nach dem er verlangt. Es ist eine wundervoll zurückhaltende und maß- t»'k Stadt, eine Stadt bezaubernden Gleich­gewichte«, osfenfichtlich und klar im Leben ihrer Gegenwart und doch wie voll Geheimnis Inner­ster Art. wenn man hinabsteigt in ihr mühe­volle« Werden ...

Run fuhren wir ihr entgegen, derGoldnen bi den Arnohügeln". und wir waren fröhlich und ganz voll Hoffnung auf dichte Bläue und abendlich kühlen Bergwind...

Schon lag die Rächt über dem Apennin, die bei Bologna begonnen hatte. S. Luca, vom letz­ten Lichte angestrahlt, stand gegen starkes Gold der reinen abendlichen Himmel, und wies in Blau und Blau der feucht umwobenen Berge... Da winkte alles heraus, schattige Hänge, schmale Wiesentäler mit Dergwasser, Kastanien- und Pappelhaine, Thpressen und Steineichen... und die De [bäume, die milden, treuen Oebäume Tos­cana«. die den Frieden audbreiten über den Weingärten und Ackersluren wie daS Miserere der großen Wesse übet den Herzen der Gläu­bigen.

Lasch kam die Rächt, und wir traten zurück Dom offenen Fenster, dem eben aufwachsenden Mond, der uns in voller Scheibe über dem jonischen Meere leuchten sollte, den ersten Gruß Hinüberfen dend.

Dann stand der Wein Orvietos vor uns. stark und süß. und hals unS durch die wachsende Rächt über die Pahhöhe Himmler gegen die Lichter von Pistoia. Wie seht geliebt auch sie von allen, die im Abend reifen, sie, die ersten Wahrzeichen ToSkanas. den ersehnten Lampen der halb schon entschlummerten Firenze vorge­lagert.

Gibt eS, und sei es noch so spät geworden, ein anderes nach der Ankunft, als noch hinunter­zuschlendern nach dem Arno? Rach dem Dom zu die Schritte zu lenken, das Rachtblau des HimmelSdustes durch die zarten Säulen des

gesponnenen Verhandlungen zwilchen Lettland und Rußland aber einen S chi ed S v er t r a g vor- wärtekommen und dem Abschluß nahegebracht werden. Und da« andere. Wollte Dcutsch- l a n b in diesem englisch-russischen Gegensatz heute für England Partei nehmen, so würde bitfe Option naturnotwendig die Garantie der polni­schen Grenzen in sich schließen.

Dentt man sich einmal diese Sache durch, so ist doch klar, daß England eine solche Politik im Osten zur Versöhnung von Polen und Litauen und womöglich unter E.nbezichung Deutschlands betreibt ober betriebe mit der Spitze gegen Rußland. Damit würde auch d-.e deutsche Po­litik eine Spitze gegen Rußland erhalten, was durchaus ihrem Interesse w.derspricht. Anderer- seit« ist es reine Phantasie, sich vorzustellen, daß au« solcher Verhandlung etwa eine Veränderung der polnischen Westgrenze zugunsten Deullchlaods erwachsen könnte. Der Sinn der Komb.natton ja gerade f ü r Polen, durch eine Anlehnung

an England sich zu sanieren und au« der Iso­lierung herauszukommen. indem feine Grenzen in folchcm Vertrage erst recht abschließend ga­rantiert würden.

Uns scheint danach die Lage, so verwickelt Ne ausfreht. vom deutschen Gesichtspunkt doch einfach zu fein. Keine Parteinahme in dem Gegensatz zwischen England und Rußland! Krin sogenanntes Ost-Locarno, keine Garantie der pol­nischen Grenzen! Feste Beziehungen mit Ruß­land! Positive Politik gegenüber Litauen! Ver­tretung der bekannten deutschen Interessen in den Verhandlungen mit Polen!

Ob schließlich da« Gespräch i n Genf zwischen dem deutschen und dem französischen Außenminister direkt zu praktischen Erfolgen führt, ist heute zweifelhaft. Sicher aber ist. daß England« Beteiligung daran, auch beim besten Willen der englischen Staatsmänner, au« der momentanen Lage England« heraus wenig oder nicht« in unterem Sinne fördern kann!

Die falsche Anastasia.

Die Wahrheit über die angebliche Zarentochter. Das Ergebnis der Untersuchungen im Fall Tschaikowsky.

Seit Jahren schon spielt in der deutschen Grohstadtpresse die seltsame Geschichte von der geretteten Großfürstin Anastasia, die als angeb­lich einzige Ueberlebende b r furchtbar n Mord­tat von Iekatarinenburg nach feltlam verworrenen Schicksalen in einem Berliner Sinatorium um hre Anerkenntnis al« jüngste Tochter be« letzten Zaren von Rußland kämpst. eine große Rolle. Die unter dem Hamen einer Frau Tschaikowsky in Berlin Lebende will während der Erichießung der Zarenfamilie in Ieka arinenburg von einem rumänischen Soldaten, selbst schon schwer ver­wundet. gerettet worden fein. Dieser. Tschai­kowsky mit (Hamen, soll sie nach Rumänien ge­bracht haben, wo er fie heiratete, selbst aber bald daraus starb. Die angebliche Großfürstin will dann von dem Bruder ihreS Manne« nach Berlin gebracht worden fein. In einem Anfall von Trübfinn stürzte sie sich dort am 22. Fe­bruar 1920 In den Gandwehrkanal. wurde von der Polizei gerettet und nach ärztlicher Unter­suchung In die Irrenanstalt Dalldorf gebracht. Rach ihrer Entlassung kam fie in russische Emi­grantenkreise. in denen fie sich al« die Groß- sürstin Anastasia auSgab. Man war erstaunt über die körperliche Aeßnlichkeit der Fremden mit der ermordeten Zarentochter und über ihre außer­ordentliche Beschlagenheit mit den intimsten Fa- milienverhältni'Ien am ehemaligen Zarenhosc. Es wurden Konfrontationen mit Verwandten bet Zarenfamilie herbeigeführt, die aber zu keinem einwandfreien Ergebnis führten. Weder die Prin­zessin Irene, noch die Großfürstin Olga, die Schwester des Zaren, haben Frau Tschaikowsky unbedingt alS die jüngste Zarentochter wicber- erfannt. Die russischen Emigrantenkreife versuchten bann die achtzigjährige Mutter deS Zaren, die in Kopenhagen lebende Kaiserin Dagmar, zu be­wegen. die angebliche Enkelin zu sich kommen zu lassen. Aber die greife Kaiserin hält an der Fiktion fest, daß die ganze 3arenfamiUe noch am Geben fei und wünscht deshalb nicht, diese an- fieblich einzig U eberleben de zu sehen. Auch der rühere dänische Gesandte in Berlin Zahle soll auf Betreiben deS Prinzen Waldemar von Dänemark. deS Bruders der Zarin-Mutter. In dem Berliner Sanatorium gewesen fein, um nähere Untersuchungen anzustellen. Diese sind aber offenbar ergebnislos geblieben, denn der dänische Hof hat keine weiteren Schritte unter­nommen. Rachdem diese ganze mysteriöse Ange­legenheit lange Zeit geruht hatte, wurde sie nun in diesen Tagen durch eine sehr sensationell aus­

gemachte Aussayreihe, die der Schriftsteller Paul Burg für mehrere Droßstabtblätter verfaßt har, wieder an die Oefsentlichkrit gezogen, ohne daß hier allerdings irgendwelche neue Momente an­geführt werden konnten. Im Gegenteil, der .Fall Tfchaikowskv" wirb seines Mysteriums durch die folgenden Aus,uhrungen feines Mysteriums ziem­lich re, kos cn t e.bet Di: interef anten Ml.Ge ­lungen gingen uns von einer Seite zu. die der Zarensamilie verwandtschaftlich ausS engste ver­bunden war und persönlich da« größte Interesse daran gehabt Haden würde, eine Zarentochter am Geben zu sehen. In bie'er Mitteilung hrißt es:

Das Geheimnis der angeblichen Zarentochter, von dem in der Presse so viel die Rede gewesen ist, scheint sich allmählich insofern zu klären, als cs nunmehr einwandfrei fcstfteht, daß die Unbekannte, die am 22. Februar 1920 von der Berliner Polizei an der Bendlerbrucke aus dcm Landwehrkanal auf- gefischt wurde, keine der Töchter des Zaren ist. Eine lange stelle von Beobachtungen, Untersuchungen und Gegenüberstellungen, eine genaue Prüfung aller Angaben und Aussagen der angeblichen Großfürstin 'Anastasia haben zu diesem endgültigen Ergebnis ge­führt. Es ermöglichte sich vor allem dadurch, daß bei den Verwandten der Zarenfamilie und den aus der .stataftrophe von Iekatarinenburg geretteten Ange­stellten des russischen Hofes ganz beflirnmie Körper­merkmale bekannt waren, die sich bei der Unbekann­ten oder Frau Tschaikowsky, wie fie sich selbst nennt, nicht nachweisen ließen.

Ausschlaggebend wurden vor allem anthropome- trische Messungen und Vergleichungen der Ohren der Frau Tschaikowsky und der Großsürstin Anastasia durch einen bekannten schweizer Prosesior für Kri- minalwifsenschaft, die grundlegende Unterschiede fest­legten. Auch gani bestimmte Deformationen der Füße, deren man sich bei der Großfürstin Anastasia deutlich entsann, finden sich nicht bei der Unbekann ten alias Frau Tschaikowsky.

Ueberhaupt wurde feftgefteUt, daß dieschlagende Aehnlichkelt" der Frau Tschaikowsky mit der Groß- fürftin Anastasia nur für sernerstchende Personen vorhanden ist. Von den nächsten Verwandten der Zarenfamilie, vom Erzieher Gilliard und desien Gat- tin, sowie von der Hofdame Frl. v. Buxhoevcden ward sie durchaus geleugnet Umgekehrt vermochte auch Frau Tschaikowsky die Verwandten und Be- kannten der Großfürstin Anastasia bei Besuchen nicht zu erkennen.

Die Einwände, daß Kolbenschläge auf den Schä­del und den Kiefer in Iekatarinenburg wesentliche Veränderungen im Aussehen bewirkt hätten, er-

Glockenturmes zu suchen, lange hinaufzu- spähen und die silbernen Rägel der Sterne zu zählen, bie in ben graublauen Grunb zwischen den schwebenden Bögen elngeschlagen sind... und langsam weiter zu wanbeln. bie Via Calzaioli entlang, ober bie Dia Roma, bis zur Piazza Vittorio Emanuele? Da sind an einem Kaffee- hauS Gamben mit bunten Schirmen vor bie Türe gestellt, und zwischen Ihnen spielt eine Musik, eindringlich unb zurusenb... Und man kann nicht vorübergehen... man muß noch einen Dermouth nehmen, ober einen Espresso, muß noch eine Pasta essen unb sich noch ein wenig betrügen lassen von biefen Geigenklängen, bie so anders im Ohre tönen als bei unS zu Haufe, weil fie in anderer Luft verrauschen, unter an­deren Himmeln erblühen, Himmeln der Rächt aus Hyazinth, de« TageS auS Ehrenpreis, unb sich nieberfenfen in Pinienkronen, in Magnolien unb Thujabäume...

Aber eS ist dennoch keine Selbsttäuschung: diese Lust, die von ben Hügeln manchmal nicbet- weht, nach Abenden, bie ein kurzes Gewitter brachten, bringt burch alle Poren bi« in ben Kern bes Wesens, löst unb löst auf, berauscht unb läßt sich schlürfen wie gewürzter Wern... Diese Guft, bie aus der Erbe stiller Oelbaum- gärten das heilige Arom ToScanas nieberträgt, muß Geist unb Seele beS Trinkenden ergreifen, wandeln, offen unb dankbar machen...

Wie oft. wie oft lehnten wir ihr entgegen, an der Brüstung der Arno-Mauer, wenn bie spärlichen Gichter vom Piazzale Michelangelo unter S. Miniato he rüber blinkten, wenn ber Fluß lautlos in die Brückenbögen strebte unb keines späten Wanberers Schritt mehr auf diesem oder jenem Ufer durch die unbegreifliche Stille hallte.. Die Menschen verlassen früh die Sttaße in die­ser Stadt, oft lange schon vor Mitternacht, unb selbst im Sommer sind zu später Stunde die Tische vor den Kasseehäusern leer, die Kolonna­den an der Piazza nur noch von seltenen Grup­pen belebt, und bie kleinen Gallen wie er­storben. Die sechste, siebente Abenbstunbe ist bie große Stunbe bes Florentiner-: bie Stunde deS ileberblid«, beS Austausch- unb ber Reuig- leiten. Dann lebt bie Piazza, bann wirb sie Agora unb erweist ihre Macht über die Seele: ihre jahrtausend alte Macht bei allen Dollem, denen die G nabe ber Sonne unb ber Wärme zuteil ward.

Als strahlender. als silbern-sprühender begann nach einer Rächt voll tiefen Schlafs ber Sommer» tag, der einzige, ber unS diesmal blieb für diese Stadt, da Rom und größere Feme wintte unb besohl...

Die Senft erlaben aus gestoßen und in die Helle bet RahmenfüNung hingetreten, o welcheS Kniftem stützen Lichtes aus ben Steinen, welches Streichen trocknen Windes um bie Häuserecken, welches Ausbunsten ausgegossenen Sprengwasser- zur Brüstung herauf... Unb dort drüben der Berg von Fiesole, mit seinem Snzian- buft. seinen gelblichen Häuserslanken aus ber Höhe unb den vielen halbverborgenen Villen, bie in ihre Gärten eingebettet liegen, wo eben ber Tau ber Dacht verbunstet unb bas von Silbertropsen schwere Haupt ber Rosen sich lang­sam gegen das steigende Gold aufrichtet...

Eine große Sehnsucht faßte mich, noch eine Stunde allein zu bleiben. So ließ ich bie anberen ohne mich in bie Stabt gehen und blieb, früh­stückend. am offenen Fenster sitzen, das auf den gelben Platz ber Unitä Italiana hinunterwies, wo baS Kommen und Gehen. baS An» unb Abfahren ber Wagen sich mehrte, wo der Werktag begann, geschäftig unb bennoch ohne Hast, bie bet Südländer nicht liebt Wenn er feinen Wagen dahinfliegen läßt, fo ist eS. well fcr ben Rhythmus ber Schnelligkeit liebt: nicht, weil er Geschäften nachhcht. bie er immer noch zeitig genug crlebigen wirb: unb wenn er auch bas Bedeutungslose lauter und heftiger sagt als ber nordische Mensch, so ist es, weil fein Blut rascher klopft, weil feine Sinnlichkeit sich der lleinsten seiner Gesten mitteilt: unb eben des­wegen wieder in bet Aeußerung deS Geschlechtes selbst so seltsam es erscheinen mag spar­samer ist als die unsere.

O wundervolle- Alleinsein in einer solchen hingedehnten, stützen Stunde, o entzückende Ein­gabe an bie Seele dieser so lange, so vielfach vertrauten Stadt, hx beten Bild nun plötzlich wieder alles zeillich getrennte Stieben, dessen Zeugin fie war. nebeneinander liegt. alS gäbe es keine Monate, keine Iahte, als fei uns Men­schen ewige Jugend beschieben. sofern wir nur bie Kraft haben, je Gelebte- in Hauch unb Form lebenbig zu erhalten unb stets zu neuem Er­lebnis bereit zu sein.. Rur zu wissen, daß ich diese Morgenstunde wirklich in Florenz ver­träumte. dah dort, vor mir. bie Flanke von Santa Maria Rovella in Hellem Sepia lag. daß da. $u meiner Linken, die Dia Panzani yinlles unb in bie Via Sorretani urnbog, unb diese wieder an die Heine Piazza be l Olio stieß... und sich dabei zu ent,innen: hier ist ber Gaben des freundlichen Barbiers, ber das Haar mit einer Wichtigkeit zu schneiden Derftefjt, als ob ein menschliches Schicksal davon abhänge, wie hoch ober tote tief er ben Scheitel zieht ... und dort ist der schmale Blumenladen wo es die

wiesen sich tri ärztlichen Untersuchungen baliloK Weder ein schwerer Kolbenschlag auf den Schädel noch auf den Kiefer waren tn Narben oder Maten nachweisbar und von den fehlenden Zähnen stellte man sest, daß sie vo.n Zahnarzt der Irrenanstalt Dalldorf gezogen wurden. Lchrifloergleichungen. die die Schriften der Frau Tschaikowsky und der Groß­fürstin Anastasia zum (»legenftanbe hatten, föhnen gleieMails zu Dem Ergebnis, daß es sich um zwei verschiedene Persönlichkeiten in ben Schreiberinnen handelt. Das größte Rätsel ist aber die Tatsache daß Frau Tschaikowsky nur Deutsch spricht. Englisch aber und Russisch vergessen hat während die Großfürstin Anastasia überhaupt nie Deutsch ae- sprachen hat, sondern nur Engliich und Russisch be­herrschte.

E» bleibt hiernach nur noch zu klären, wie Frau Tschaikowsky zu den mancherlei für den Ferner- stehenden mit Recht erstaunlichen Angaben über Einzelheiten au» dem Geben am russischen Hose und über da» Ende der Zarensamilie in Iekatarinen- burg gekommen ist.

Auch hier haben die Untersuchungen Licht ge­bracht Es konnte feftpefteUi werden, daß Frau Tschaikowsky nicht annähernd so geistig minder­wertig und dauernd so leidend war, wie von ihren Anhängern behauptet wird, daß fie Kenntnis von Buchern und Zeitungsartikeln hatte, die die Zaren- familie behandeln und daß sie lange Zeit mit mo- narchistifchen Emigranten in Berlin frei verkehrte. Diese haben im naiven Glauben, fie sei wirklich die Großsürstin, ihr mit Erzählungen. Bildergaben unb Büchern die Lücken in ihrer Vorftellungswrit unbe­wußt ausgefüllt. Und so kommt es. daß sich ihre in der ersten Zeit roaae und tastend vorgebrachten, oft durchaus falschen Angaben nach unb nach immer sicherer und richtiger ausnehmen. Es ließ sich dieses nachweisen.

Will man kurz zusammenfassen, was den Werl der Angaben der Frau Tschaikowsky angeht sagen, daß sie alles weiß, was die zeitgenössische Literatur und die außenstehenden Russen vom Zarenbofe wisien. daß sie aber über ihre eigentliche Familien- intimitäten, Kosenamen, letzte Erlebnisse, FamUien- trabition und Familiendenkweise nichts weiß.

Sic kennt ba« Zimmer bes M-»r es in Iekatarinenburg. weil es in allen Zei'ungen veröffentlicht war. aber sie ist unsätzic. * - Schlaf­zimmer ber Kallerin unb ba« ber G :ßfürstin Anastasia wiederzuerkennen' Wie sehr sie in ihren Auslagen unter bem Einfluß ber Literatur unb ber Außenwelt steht, zeigt baS grrte-ke Bei­spiel. baß sie ein?« Tages behauptete, sie f)?.bt ihren .Onkel Ernst", ben Großherzog von He'seü zuletzt während des Weltkriege- in Petersburg gesehen! Der Großherzog war bekanntlich wäh- renb bcS Krieges an der Westfront unb von einer rufsi'chen Reise ist in Deutschland nie 'tc Rede gewesen, denn wie hätte sie wohl möglich sein sollenI Aber bie Ententepreffe hatte einmal eine derartige Rachricht gebracht unb diese ist in die Informationen ber Frau Tschaikowsky geraten! Kein Wunber. bah sich die fürstliche Verwandtschaft in Deutschland und in Dänemark nach allen diesen bedenklichen .Wahrscheinlich- keitenk' ernsthast wcigert. Frau Tschaikowsky an* zuerkennen I Mit diesen Klarstellungen, bie uns von bestunterrichteter Seite zugehen, ist nun wohl endgültig sestgestellt worben, wer Frau Tschai­kowsky nicht ist. Wer sie ist, welche geheimen Mächte sie treiben, wa« sie ober bie Welt hinter ihr bezwecken, darüber kann man nur Vermu­tungen anstellen vorläufig nicht mehr. Viel­leicht aber teilt sich eines Tages ber Vorhang unb wir hören bann auS dem seltsamen russi­schen Munde, der ^zweiselloS ein afWtierte« süddeutsch, anscheinend ursprünglich frän If >. viel­leicht alemanisch" spricht, wie ein bedeutender Psychiater, ber sich mit ber Sache besaht hat. äußert, Dinge, bie. fag-m wir auch ohne zaristi­schen Glanz - interessant, wo nicht gar sensa» tionell sinb."

schönsten Gardenien gibt für ba« Knopfloch be« Abendanzugs ... unb ba wohnt ein kleines Fräulein, ba« dir bie herrlichsten Krawatten näht... unb weiter biefe« unb jenes unb alles lächelt bich an unb ist dir freundlich gesinnt und will dir irgend ein Gutes erweisen ... unb schließlich der alte Schuhputzer, immer noch der­selbe. der dich, und seiest du rwch so eilig, nicht au« dem hohen Stuhl berunt erläßt, ehe der goldgelbe Glanz deS polterten Leders dir den Simmel ins Gesicht spiegelt--dies alleS nur

au wissen und doch ganz still am Fenster zu fitzen: o welche« wundervolle Wiebererleben der ganzen Stadt bedeutet es. wie steigert es die Gust am Dasein, wie beflügelt es Seele und Sinne mit Gütigkeit und macht dich gerecht und voll Dank gegen dein Schicksal: magst du noch so vieles getragen haben, das bich in lastende Verneinung niederzog.

Und während du so die Gedanken schweifen läs'est, von Rächstem zu Rahem. die Straßen auf und ab. vorbei an geliebten Palästen, deren edle und keusche Strenge dich hundertmal bezauberte und dir Symbol wurde (für alle anderen seist nur du genannt, Palazzo Antinori). vorbei an anderen, in deren tiefen Fluchten der Urwald der Gemälde wuchert. Rausch ber Farbe, ent­rätseltes Geheimnis ber Lichter unb bet Schab­ten, Bild-Süße aller lebenbigen Kreatur . . . vorbei an Ufersäumen unb hm über Brücken, in die Hügel hinaus mit ihren Wein- und Oefr baumgärten: wächst ber Wunsch, dein AuSruhen mit Bewegung zu vertauschen . . hinauszuwan- bem an irgendeinen Ort, ber dir ben lieber- blick gewährt, bas Zusammen fassen aller Bilder, bie sich in deiner Seele aus reihen . . Du fühlst: bu muht an der Rampe des Piazzale Michel­angelo stehen und in daS Geschichtete von Dä­chern, Kuppeln, Türmen niederschauen. über runbe, ruhende Wipfel hinweg, hinan zu flim- menben Cyprcllen ber jenseitigen Hügel, ober bu muht die Straße toanbem von Fiesole nach Settignann. im Mittag, oder gegen Abend, wenn öir die f nkende Sonne die Ahnung des ligurischen Meeres herweht auS breitem Golde ihre- Rie- dertzregs . . Hügel unb Stabt bies ist so eine« wie nirgendwo auf der Welt. Flügel aus- brettenbe unb Flügel faltenbe Seele, erfüllt in bie- fern und erfüllt in jenem: untrüglich wahr unb ohne Möglichkeit, sich jemals selber zu ent­rinnen, sich jemals selbe» zu verleugnen: ba8 ist Florenz, dieGoldene in den Arnohügeln'*. die Ewige, Gegenwärtige, vor der sich jeder neigt mit dankender Gebärde, der um das Ge­heimnis europäischer Heimat toeiffr