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Nr. 30 Drittes Blatt
Diktatur in Spanien.
Don Dr. Paul Rohrbach.
Madrid, Ende Januar 1927.
Spanien gehört heute zur .Klaffe" der europäischen Diktaturen. Rach der Marneschlacht, die außerhalb Deutschlands viel eher als bei uns in ihrer Bedeutung als Wendepunkt des Weltkrieges erkannt wurde, wollte der .liberale" Ministerpräsident Gras Romanones da- Land Aum Anschluß an die Alliierten drängen, mit der Begründung. Spanien müsse beim FriedenS- schluh mit ein Tisch der Sieger sitzen König AlfonS XTil., der nicht nur dem Ramen nach, sondern auch in Wirklichkeit ein .Köniy-Gentle- man“ ist, hätte bei dem damals in Spanien herrschenden, streng .konstitutionellen" System sich schließlich fügen müssen, wenn seine Regierung, mit der Parlamentsmehrheit hinter sich, es bestimmt verlangte. Wie aber stand es damals mit dem Parlamentarismus in Spanien?Don dieser Fraae müssen wir auSgehen, wenn wir erklären wollen, weshalb Spanien jetzt eine Diktatur ist.
Das parlamentarische System war schon vor dem Kriege in Spanien soweit heruntergekommen. bah es sich für die abwechselnd nach dem sogenannten Schaukelprinzip anS Ruder kommenden Paneisuhrer säst nur noch um die Verfolgung persönlicher Ziele und Ansprüche und um die Dersorgung ihrer Angehörigen und Anhänger handelte. Der Spanier ist leidenschaftlicher Patriot — kein Mensch auf der Welt übertrifft ihn an DaterlandS- licbc. Zu feinem S.aat, zu seiner Regierung und zum Staatsgedanlen aber steht er ganz merkwürdig. Ihm fehlt sehr oft das Gefühl des verantwortlichen inneren Mitbeteiligtseins am Staatsorganismus. Man hört selbst vonGelst- llchen, die um einen Gewissensrat z. B. in Steuersachen angegangen werden, eine Antwort wie diese: Die Regierung betrügt uns so oft, baß eS nicht nötig ist, bafj wir Gewissensbisse haben, wenn wir sie betrügen!
Die lange Mißwirtschaft des Parlamentarismus ist sicher nicht ohne Einfluh auf die Ausbildung dieser eigentümlichen politischen Moral aewesen. Auch von hier auS erklärt sich daher die Parole, mit der die Diktatur eingesührt wurde: Fort mit der parlamentarischen Korruption! Der Parlamentarismus und das Parlament selbst sind in Spanien jetzt vollkommen auSgeschaltet. Es existiert nicht einmal ein Scheinparlament mehr, wie in dem faszlstischen Italien, sondern das Gebäude der Kammer steht einfach leer.
Don der Einführung der Diktatur durch Primo de Rivera wird in ganz Spanien als von der .Revolution" gesprochen. Man sagt: .vor der Revolution" ober .seit der Revolution", wenn man irgendeine Sache zeitlich cinrangleren will. So stark ist daS Gefühl bet politischen Zu- stanbsänderung. Primo be Rivera ist aber nicht ein .politischer General in dem Sinne, wie sonst in vielen romanischen Ländern, sondern ei' ist vor allen Dingen spanischer Patriot. Allerdings ist bie Armee in Spanien schon lange ein stark politischer Faktor. Als der Gras Ro- manoncs als Regierungschef den König in den Krieg gegen Deutschland hineindrängen wollte, soll der fünfundachtzigjährige General Weyler, der großes Ansehen genießt unb als .Liberaler" dem Ministerpräsidenten sogar parteipolitisch nahestand. dem König gesagt haben, bie Armee würbe ihm im Fall der Kriegserklärung ben Gehorsam verweigern. Ob mit ober ohne Weyler ber König wußte, was er riskierte, wenn er bem Drängen des Ministerpräsidenten nachgab. Bei ber Parlamentsmehrheit hätte er keinen Rückhalt gegen Romanones gefunden, denn sie bestand ja nur aus Kreaturen des Kabinetts. Die Armee dagegen entschied, und sie hätte sogar dann gegen bte Beteiligung Spaniens am Kriege entschieden, wenn der König anderer Meinung gewesen wäre!
Der Spanier ist. wo es sich um gefühlsmäßiges Urteilen handelt, ber Prototyp beS Menschen von anftänbiger Gesinnung. Abgesehen bavon. baß Deutschlanb hier im allgemeinen Sympachie gen.eßt, hätte es sich nach spanischen Begriffen für ein ritterliches Volk einfach nicht geschickt, mit übet jemanden herzufallen, an bem
OerKrosch mit derMaske
Roman von Edgar Wallgce.
59. flortleyunp. Nachdruck verboten.
Dick erklärte dem Ches der Löschmannschaft in wenigen Worten die Situation. Schon kam ein zweiter Dagen in halsbrecherischer Eile heran, und Die Feuerwehrleute waren Männer, die sich vor Fröschen nicht fürchteten.
Wahrend 5)agn gebunden in bas eine Auto getragen wurde, sah Dick auf die Uhr. Der Zeiger stand auf sechs.
Dick rannte zu seinem Rolls und machte sich auf das schlimmste gefaßt.
Aber Hagn hatte keinen Versuch gemacht, den Wagen außer Betrieb zu fegen. Vielleicht hatte er den Plan erwogen, ihn für sich selbst zu behalten. Drei Minuten spätcr schwang sich Dick barhaupt, chrnutzig, dre Zeichen von Hagns Krallen im Ge> iAt, aus den Lenksitz und sauste nach Gloucester. Er >atte auch dann kaum schneller fahren können, wenn tr es geahnt hätte, daß seine Uhr stehen geblieben sei. In halsbrecherischem Tempo fuhr er durch Swindon und war schon auf der Straße nach Gloucester, als er wieder auf die Uhr sah.
Es war noch immer sechs und sein Herzschlag fetzte aus.
Er fuhr mit der größtmöglichen Geschwindigkeit, dber die Strohe war schlecht und voller Windungen Und einmal geschah es, daß er beinahe aus dem Auto fiel, als er gegen einen Degvorsprung streifte. Ein Pneumatik barst, aber er konnte das Auw wieder gerade richten und fuhr auf dem stachen Reifen »eiter. Die Schnelligkeit wurde dadurch bedeutend eerminbert. Und es wurde ihm heiß unb falt, als tr so Meile um Meile dahinfuhr, ohne ein Zeichen ton der Stadt zu gewahren.
Und dann, als er die Kirchturmspitzen von Glou- Cefter auftauchen sah. explodierte der zweite Reifen.
Aber er konnte nicht hallen. Er mußte weiter, und wenn er auf den bloßen Rödern in Gloucester ankommen sollte. Aber nun wurde fein Tempo im Vergleich zu der wilden Jagd, bie ihn burch Berkshire und Diltshire bis nach Somerset gebracht Halle, unangenehm langsam.
Er fuhr m die Vororte der Stadt ein. Die Straßen waren entsetzlich. Er wurde von einem Straßen-
Gießener Anzeiger kGeneral-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 5. Scbruar 1927
sich schon so viele Feinde sestaebissen batten. Der caballero, btt Kavalier im Wortfinn, ist in solchen Fällen aus spanischem Boben kein leeres Wort', auch bann nicht, trenn es sich um Politik handelt! Die Geistlichkeit stand ebenfalls entschieden auf ber deutschen Se.te. was teilweise damit zusammenhing. daß die katholische Macht Oesterreich Deutschlands Bundesgenosse war. Außerdem erwartete man von einer Niederlage Italiens die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes.
SS war fein Zufall, daß der Umsturz im Sinne der Diktatur von der Armee ausging, denn daS Militär fühlte sich bei ber parlamentarischen Mißwirtschaft bcsonbers benachteiligt. Primo be Rivera hat aber nicht gehanbelt. um bie Interessen bes Militärs zur Geltung zu bringen, sondern um Spaniens willen. Sr hat sich allerbings vorher mit bem Könige verständigt, aber man würbe irren, wenn man ihn grundsätzlich als inneren Diener ber monarchischen Ibee ansehen wollte. Die Frage, ob Monarchie ober Republik, ist für ihn nicht bie erste: er würbe vielmehr sagen. Ich mache bie Reform mit bem Königtum, wenn eS mitmacht, unb mit ber Republik, wenn die Krone nicht will!
Welches ftnb nun bie bisherigen reformatorischen Ergebnisse ber „Revolution"? Im allgemeinen kann man sagen, bah es in Spanien allmählich anfängt, nicht mehr so „spanisch" zu- xugehen. Der Wechsel ist noch nicht grunb- legenb, aber ist. auch nach bem Urteil unbeteiligter AuLlänber. spürbar. Die Verwaltung arbeitet besser, und bie Staatsautorität, auch bte moralische, steigt. Als ein Beispiel mag angeführt werben, baß bas Verbot bes S^at-
bierenS in den Klubs von Madrid nicht mehr mir aus dem Papier steht, wie früher, sondern durchgeführt wirb. Primo hat seine eigenen Methoden. um sich Respekt zu verschaffen. Als ber General Weyler sich in ben letzten Putsch hatte verwickeln lassen, bekam er eine Gelbstrafe von 100 000 Peseten zudiktiert, und ber Gras Romanones. ber auch kompromittiert war (er ist bet reichste Wann in Spanien), eine von 500 000. DaS geschah burch Dekret, nicht burch Ge- richtsurtnch unb solche Dekrete werden sofort exekutiert. Primo handhabt sie als e.ne Art Ordnungsstrafe, gegen bie eS feine Berufung gibt. Ebenso erfolgen alle Gesetze unb Beiordnungen als Dekret.
Die rabilalen Sozialistenführer würben festgesetzt ober flohen außer Landes, aber mit ben Arbeitern steht Primo sich gut. Streiks sind verboten, aber er schlichtet selbst Differenzen zwischen Qlrbettgebem unb Arbeitnehmern, unb für gewöhnlich zur Zufriedenheit beiber Teile. Das Gewerkschaftshaus in Madrib, bas zwei Jahre geschlossen war, hat er jetzt toteber offnen lassen, aber mit ber strengen Weisung, keine Politik darin zu machen.
Persönlich ist Primo eine joviale Ratur, alter Junggeselle, dazwischen auch liebenswürdiger Schwerenöter auf Volksfesten unb ber- kkleichen. Er geht mit in bie Schiehbube, fährt Äamffd unb amüsiert sich babei von Herzen. Hetzt will er statt bes Parlamentarismus eine beratenbe st ä n b i s ch e Vertretung einsüh- ren. Aus ber Masse kommt babei fein Widerspruch. unb wenn ihn nicht eines Tages unver-- mutet bie Kugel eines Fanatikers trifft, so kann er noch lange regieren.
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Die Bedeutung der Vitamine für die Ernährung des menschlichen Körpers.
Von Professor Dr. Wilhelm Stepp, Direktor ber Medizinischen Universitätsklinik DreSlau.
3m Zusammenhang mit den neuen Forschungsergebnissen des Göttinger Professors Windhaus, über bie wir am Dienstag kurz berichteten, dürften die folgenden, auch für den Laien außerordentlich klar gehaltenen Ausführungen des früher auch in Gießen tätigen bekannten Breslauer Internisten besonderes Interesse, namentlich unserer Frauenwell, finden.
Bekanntlich ist es Ausgabe ber Ernährung, bie mit ben Lebensvorgängen untrennbar ver- bunbenen Verluste an Körpersubstanz zu ersetzen unb während des Wachstums Material zum Reuaufbau ber Organgemebe bereitzustellen. Unsere Durchschnittskost besteht aus einer zweckmäßigen Auswahl von Erzeugnissen ber Ratur, die, zum Teil in unveränderter Form, zum Teil technisch oder küchenmäßig verarbeitet, zur Ausnahme gelangen. Sie alle enthalten gewisse Gruppen von chemischen Substanzen, bie uns als Eiweißstosfe, als Stärke unb Zucker unb als Fette bekannt sind. Mll ihnen zusammen finben sich stets gewisse Mineralstoffe unb Wasser.
Man hat in früherer Zeit geglaubt, daß alle Bebürfnisse unseres Körpers burch Zufuhr entfprechenber Mengen ber genannten Stoffe, bie man alS Nährstoffe bezeichnet hat, befrie- bigt werben könnten.
Erst in ben beiden letzten Jahrzehnten hat man sich bavon überzeugen müssen, daß diese Anschauung den tatsächlichen Verhältnissen nicht gerecht wirb, unb baß ber Ernährungsvorgang sich nur bann befriebtgenb vollzieht, wenn neben den genannten Nährstoffen noch andere Stoffe aufgenommen werden, die in kleinen Mengen weit verbreitet im Tier» unb Pflanzenreich sich befinden. Wan hat diese Substanzen, die in ihrem chemischen Charakter zum Teil noch gänzlich unbekannt sind, unter bem Sammelnamen Vitamine zusammen gefaßt.
Ungenügende Zufuhr von solchen Vitaminen hat nicht nur ganz allgemein eine schwere Beeinträchtigung aller Lebensfunktionen im (Befolge, sondern ruft darüber hinaus spezifische I
Krankheitserscheinungen hervor, die für jedes einzelne Vitamin streng charakteristisch sind. Diese krankhaften Zustände haben bie Bezeichnung Avitaminofen erhalten.
Bei ber Benennung ber einzelnen Vitamine knüpfte man an bie charakteristischen Ausfallserscheinungen an, bie als Folge bes Vitaminmangels erkannt würben. Daneben hat ber Vorschlag amerikanischer Forscher, bie Vitamine mit ben Anfangsbuchstaben des Alphabets zu belegen, Anklang gefunben, unb so spricht man auch von Vitamin A, Vitamin B, Vitamin C unb so weiter.
Genauer erforscht sind bis jetzt vier ber» schiebene Vitamine, von benen zwei eine gewisse Verwanbtschaft mit ben Fetten aufweisen unb baher als fettlösliche Vitamine bezeichnet werben, im Gegensatz zu ben betben anderen, ben ^wasserlöslichen. Wir beginnen mit ben beiben fettlöslichen Vitaminen, bem antixerophthalmischen unb bem antirachitischen Vitamin.
Das antixerophthalmifche Vitamin, auch Vitamin A genannt, hat feinen Ramen von bem auffälligsten Symptom, bas sich bei ungenügender Zufuhr dieses Stoffes einstellt: nämlich Trock«*- toerben der Bindehaut und ber Hornhaut bes 2luges, eine Erscheinung, bie (mebUinifcb als Terophthalmine bekannt) in ihrem wetteren Verlauf zu schwerem Hornhautzerfall unb schließlich zur Erblinbung führt. Diese Störung tritt bei allen bisher un.e.suchten Laboratoriumstieren unb auch beim Menschen auf, fobalb das A-Vitamin in ber Dahrung fehlt. Ganz bcfonberS emp- finblich ist ber junge stark wachsenbe Organismus. Währenb des Krieges unb in ber Nachkriegszeit kam bie Terophthalmie in Mitteleuropa, vor allem in Oesterreich bei Säuglingen verhältnismäßig häufig zur Beobachtung. De- fonberS einbrucksvoll ist die Feststellung eines dänischen Kinderarztes, daß das häufige Vorkommen von ßrblin bung bei ben Äinbem in Dänemark auf ungenügenbe Ernährung mit dem Vitamin A zurückzuführen ist. Dänemark, das 2anb der Buller, exportiert den größten
Teil diese- Erzeugnisse- in- Au-land, und die Kinder auf dem Lande erhalten statt Buller Margarine und statt Vollmilch Magermilch. Damit nimmt für den kindlichen Körper etne wich» tige Quelle deS A-DitaminS in Wegfall, denn Margarine und Magermilch enthalten höchstens Spuren von ihm.
DaS antikerophthalmifche Vitamin findet fich in der Ratur ganz besonders in den tierischen Setten, in erster Linie in dem 38tt der Milch, b. h. in der Butter, im Eigelb, im Rinderfett, im Fette ber Seefische, vor allem im fieber- t r a n. Wichtig ist, bah ber wirksame Stoss ein regelmäßiger Bestandteil aller grünen Blatter ist. also ber grünen®emü,e. besonders be# Spinates, ber Salate ufto., überhaupt scheint die Bildung des antixerophthalmiichen Vitamins eine spezifische Fähigkeit deS Pflanzenkörpers zu fein, unb zwar feiner grünen Teile Aleberall. wo wir im Tierkörper bem spezifischen Stoss begegnen, dürfen wir annehmen. daß er auf bem Wege der Pflanzennahrung zur Aufnahme gelangt ist. Zu dieser Anschauung wurde man durch bie Beobachtung geführt, baß ber Gehalt tierischer Organe an bem Vitamin von bem Gehalt der Nahrung abhängt: daS gilt auch für dis Milch! Die Milch ist um fo reicher an bem A-Ditamin, je mehr von biefem Stoff in der Nahrung des Mllchfpenbcrs enthalten ist. Und wenn eine Mutter, bie ihr Kinb stillt, sicher sein will, bah ihre Milch genügenb Vitamine enthält, so wirb sie auf bie Zusammenstellung ihrer Nahrung befonbere Sorgfalt verwenden unb bafür sorgen, daß sie reichlich Milch. Butter unb grüne Gemüse verzehrt.
Mit bem A-Ditamin eng zusammengehend, wenn auch nicht ftänbig vereint, finben wtr ein anberes Vitamin, baS für einen normalen Ablauf ber Knochenbilbung von großer Bedeutung ist. SS führt die Bezeichnung a n t i r a ch i t i - s ch e s Vitamin. Aber ich will gleich bemerken, daß ber spezifische Mangel an diesem Stoff nicht so zwangsläufig zu Rachitis führt, wie der des A-Vitamins zu Terophthalmie. Das antirachifische Vitamin scheint eine besondere Rolle bei ber Ablagerung bes Kalkes im Knochen zu spielen. Eine ganz überraschenbe Förderung Hal bie Frage bes antirachitischen VitaminS burch eine Entdeckung amerikanischer Forschung im Jahre 1924 erfahren, ber zufolge ber für die Knochenbilbung so wichtige Stoff unter bem Einfluß des ultravioletten Lichte- in der Haut gebildet wirb. Damit haben wir auch ben Schlüssel zum Derstänbnis ber Wirkung deS Sonnenlichte- bei ber Rachitis erhalten. Die ultravioletten Strahlen, an benen baS Sonnenlicht besonders in ber Sommerzeit unb im Hochgebirge sehr reich ist, erzeugen in ben ber Bestrahlung ausgesetzten Tellen ber Haut baS für bie Knochen- bilbung so wichtige Vitamin. So erklärt efl sich, daß baS Einsetzen ber rachitischen Knochenver- änberungen mit Vorliebe in bte Zeit be« Jahres fällt, in der die Sonnenscheindauer gering ist, während umgekehrt in den Sommermonaten Heilungsvorgänge sich zeigen. Das Sonnenlicht vermag also die Zufuhr deS antirachitifchen Vitamins direkt zu ersetzen. In der Natur findet es sich im fiebert ran und im Eigelb. Es kann aber auch durch Bestrahlung tierischer und pflanz lcher Gewebe mit ultraviolettem Licht erzeugt werben.
Wir hätten unS nun kurz mit ben beiben wasserlöslichen Vitaminen, bem antlncuri- iischen und dem antiskorbutischen Vitamin, zu beschäftigen. DaS antineuritische 'Bitarn i n (auch Vitamin B genannt) hat. wie schon der Name sagt, eine besondere Bedeutung für die ungestörte Funktion des Zentralnerven- s y ste m s. Ist es in ungenügender Menge in der Nahrung enthalten oder fehlt eS ganz, so entsteht ein Krankheitsbild. das eine verhängnisvolle Rolle in den Ländern gespielt hat unb noch spielt, in benen bem Reis bie Hauptrolle in ber Ernährung zukommt, also in Ostasien, in Nicberlänbisch-Inbien, in Brasilien, an ber afrikanischen Küste ufto. Es ist Dies bie D e r i b e r i - Iranlfjeit. Der ReiS. ben bie Hausfrau in der Küche verwendet, ist bekanntlich durch ein sorgfältiges Schälverfahren von allen seinen Hüllen befreit. Da das antineurllische Vitamin außer im Keimling unmittelbar unter dem bas Reiskorn umhüllenden Fruchthäutchen gelegen ist, so geht es bei der maschinenmäßigen Derarbei-
dahnwagen aufgehalten, und als er des Polizeimanns Warnung mißachtete, kam er beinahe unter die Räder eines großen Straßenlokomobils, und nun sah er auch, wie spät es war. Es fehlten zwei Minuten auf acht. Und das Gefängnis war noch eine halbe Meile entfernt. Er biß die Zähne zusammen unb betete.
Als er die Hauptstraße einfuhr und die Tore bes Gefängnisses vor sich sah, schlugen bie Glocken ber Kathedrale acht, und Dick schien ber Klana schrecklich, wie der ber Posaunen am Tage des Jüngsten Gerichts. Er wußte, daß Ray Bennetts Tod auf die Sekunde pünktlich erfolgen würde. Bei der Erinnerung an die Herzensanast dieses Augenblicks wurde er aschfahl. Er brachte Den humpelnden Wagen vor dem Gefängnistor $um Stehen unb taumelte auf bie Glocke zu. Zweimal läutete er, aber bas Tor blieb geschlossen. Dick zog seine Socken aus unb bas durchweichte, beschmutzte Dokument war mit Blut überströmt, denn feine Füße bluteten. Wieder läutete er mit der Wut der Verzweiflung. Dann öffnete sich ein kleines Gitter unb bas finstere Gesicht eines Wärters erschien.
„Sie bürfen nicht herein", sagte er. „Wissen Sie nicht, was hier geschieht?"
„Ministerium des Innern!" keuchte Dick heiser. „Botschaft oom Ministerium des Innern. Ich habe den Urteilsaufschub!"
Das Gittertürchen schloß sich und nach einer Ewigkeit wurde der Schlüssel umgedreht unb bas schwere Tor aufgetan.
„Zch bin Kapitän Gordon, von der Staats- anwallschast", sagte Dick. „Unb ich habe einen Aufschub für Jim Carter."
Der Wärter schüttelte ben Kopf. „Die Hinrichtung hat vor fünf Minuten stattgefunden", sagte er.
«Aber bie Kirchturmuhr.'" keuchte Dick.
„üie Kirchturmuhr geht vier Minuten zu langsam", sagte ber Wärter. ,Lch fürchte, Carter ist tot."
XXX VM.
Der geheimnisvolle Mann.
Ray Bennett erwachte nach einem erquickenden Schlafe unb setzte sich im Bette auf. Einer der Wärter, bie bie ganze Nacht bei chm gewacht hatten, ftanb auf unb kam zu chm.
„Wollen Sie Ihre Kleiber haben, Carter? Der Direktor meint, es würde Ihnen nichts daran liegen, Ihre alten Sachen zu tragen."
„Er hat recht", sagte Ray dankbar. „Dieser An- zug sieht ganz gut aus", sagte er, als er die Hosen anzog.
Der Wärter hustete. „Ja, es ist ein guter Anzug", stimmte er bei. Mehr sagte er nicht, aber etwas in seinem Gehaben verriet bie Wahrheit. Es waren Kleider, in denen schon ein anderer Mann gehängt worden war. Und doch zitterten Rays Hände nicht, als er sie anlegte.
Um sechs Uhr brachte man ihm bas Frühstück.
Sein Blick schweifte von neuem zur Schreib- moppe, aber er streckte die Hand nach ihr nicht aus. Der Kaplan kam, ein ruhiger Mann, Kraft in jeder Linie seines beweglichen Antlitzes. Sie plauderten eine Weile, und dann riet der Wärter, Ray möge sich im peflafterten Hofraum ein wenig Bewegung machen.
Ray freute stch dieser Annehmlichkeit, er wollte nochmals Den blauen Himmel sehen. Dennoch wußte er, daß dies keine selbstlose Güte war und erriet auch wohl, warum vieler Borzug ihm gewährt wurde, als er Arm in zlrm mit dem Priester im Hose hin- und herging. Man bereitete die Exeku- tionszelle neben der seinen vor und wünschte seine Gefühle zu schonen. Eine halbe Stunde später war er wieder m feiner Zelle. „Wollen Sie noch ein Geständnis machen, Carter? Heißen Sie in Wirklichkeit so?"
«Nein, Herr," sagte er ruhig, „aber es tut nichts zur Sache."
„Haben Sie den Mann getötet?"
„Ich weiß es nicht", sagte Ray. „Ich wünschte ihn zu töten, daher ist es möglich, daß ich es getan habe."
Zehn Minuten vor acht kamen der Direktor und der Sheriff in die Zelle, um ihm die Hand zu schütteln. Die Uhr in der Gefängnishalle ging lang- fam aber unerbittlich vorwärts. Durch die offene -lür der Zelle konnte Ray sie sehen, und der Direk- tor, der dies bemerkte, schloß sie sanft, denn es fehlte noch eine Minute auf acht, unb sie mußte sich halb wieder öffnen.
Nay sah, wie Die Klinke von außen niedergedrückt ward, und eine Sekunde lang verließ ihn die Fassung. Er wendete sich ab, um den Mann, ber jetzt emtreten mußte, nicht zu sehen. Er fühlte seine Hanbe von rückwärts gefaßt unb zusammenge- bunben.
«Möge mir Gott vergeben! Möge mir Gott vergeben!" murmelte jemand hinter ihm, unb bei dem Klange dieser Stimme wendete Ray sich mit einem Ruck um unb sah bem Henker ins Gesicht.
Der Henker war John Bennett.
Bater und Sohn, Henker und Verurteilter, ftan» den einander gegenüber. Mit fast unhörbarer Stimme hauchte John Bennett das Wort: „Ray!"
Ray nickte. Es war seltsam, daß in diesem Mo- ment seine Gedanken nach den geheimnisvollen Fahrten seines Baters zurückstreiften. Er entsann sich des Hasses, ben blefer gegen seinen Beruf gehegt hatte, in welchen ihn Umftänbe gedrängt hatten.
„Ray!" hauchte ber Mann nochmals.
„Kennen Sie biefen Mann?" Es war ber Direk- tor, der so fragte, unb seine Stimme zitterte vor (Erregung.
John Bennett roenbete sich ihm zu.
„Er ist mein Sohn", sagte er unb zog an ben Fesseln, um sie zu losen.
„Bennett, Sie müssen das Urteil vollstrecken!" Nun klang die Stimme fest und schrecklich.
„Vollstrecken? Meinen eigenen Sohn umbrin- gen? Sind Sie wahnsinnig? — Halten Sie mich für wahnsinnig?"
Er schloß Ray in bie Arme unb brückte sein Gesicht sest gegen dessen bärtige Wange.
„Mein Bub! Mein Bub!" sagte er unb strich gegen die Tür donnerten, tarn der Alte auf ihn zu getan hatte. Dann riß er sich plötzlich zusammen' stieß ben Jungen durch die offene Tür in die To- besfammer, folgte ihm, schlug die Türe zu und ver- riegelte sie.
Es gab keinen anderen Ausgang in bem Gelaß, unb er steckte ben Schlüssel in bas Schloß, Damit es nicht von außen geöffnet werden könne.
.Noy sah das baumelnde gelbe Seil, das Zeichen auf ber Falltür und taumelte bebend gegen bie Mauer, die Augen geschlossen.
Dann zerhieb John Bennett bas Seil, zerhieb es, Dafj bie Stücke zu Do-en fielen. Es gab einen Krach, ^-L^oUtüren öffneten sich und in bie gähnende Deffnung schleuderte er bas abgeschnittene Seil. Ray starrte ihn fassungslos an. Und während die Schläge gegen Die Tür Donnerten, kam Der Alte auf ihn zu, nahm fein Gesicht in Die HänDe unD küßte ihn.
-_____ (Fortsetzung folgt.)


