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Nr. 39 Zweites Blatt

Der Abschluß der pariser Sntwassnungsverhandlungen. Don unserem Pariser ^.^.-Berichterstatter.

Pari», 3. Jebr. 1927.

Da» Genfer Protokoll vom 12 Dezember 1927 stellte scft. dah von den Im Juni 1925 brr ReichS- regicrung übermittelten, die Zahl von 103 über­schreitenden Wünsche und Forderungen der Alliierten hinsichtlich der Militär schen Abrüstung Deutschlands zwei Forderungen «die Frage der Ostbefestigungen und brr Herstellung bzw. Au-fuhr von Kriegsmaterial) noch nicht er­füllt seien, .dah indessen die Hoffnung durch­aus berechtigt fei, auch diese beiden Punkte im freundschaftlichen Sinne zu lösen" Al» End­punkt für diese .freundschaftliche Lösung' wurde der 31. Januar 1 92 7 in Aussicht aenom- men. der Tag. der da» Ende d.r interalliierten Militärkontrolle in Deutschland bedeutete. Sollten die direlten Verhandlungm zwischen Deutschland und den Alliierten zu keinem positiven Resultat führen so war vorgesehen, dies« beiden letzten Streitpunkte dem Spruche deS BölkerbundrateS oder dem Haager DchiedSgerichtShof zu unter­breiten

Run haben endlich, sozusagen in der letzten Minute, die langwierigen D.-rhandlungen zwi­schen der Reichsregierung und den Alliierten ihren Abschluß gcsunden. DaS Ergebnis ist ein zwischen dem Dcrsailler Militärkomitee und den deutschen Delegierten abgeschlossener D e r g l c ich, der die beiden noch offenen Punkte endgültig regelt, von der Dotschafterkons.renz auSdrucllicy gebilligt ist nud damit, wenn auch eine offi­zielle Rote der Tot chaft'rkon'etenz bi» zurSlunde nicht veröffentlicht ist. ipso iure d i e restlos« Ersüllung der militärischen B e - Stimmungen beS Versailler Vertra­ge- durch Deutschland anerkannt ist.

Ein Vergleich erfordert von beiden Sei­ten Zugeständnisse und Opser. WaS ist durch die deutschen Unterhändler erreicht, welche Opser linö gebracht worden?

Die Lage zu Beginn der Verhandlungen skizzierte sich etwa wie folgt. VS handelte sich In den Verhandlungen nicht um die g roh en Festun­gen im Osten Deutschland» selbst, dir vorn mili­tärischen Standpunkt auS keinen allzu großen Wert besahen. Vor dem Weltkriege hatte Deutsch­land überhaupt nur zwei moderne F e st u n» fl en von militärischem Wert Ini Westen Straßburg und Metz, während sowohl au» strategischen Gründen al» auch aus Mangel an genügenden Geldmitteln für den Au-bau von Festungen wie Königsberg. Küstrin. Glogau ulw. au modernen Festungen nichts grscheyen war. Der Verlaus deS Weltkrieges hat bewiesen, dah diele Aussassung deS deutschen GenetcllstabeS richtig war. Vor diesen eigentlichen Festungen wurden während de» Kriege- und auch nach den Kriege vorgeschobene Stellungen mit Schützengräben, betonierten Unterständen usw. ge­baut. die zum gröhten Teil nach Beendignug deS Kriege» eingeebnet wurden, um den Boden wieder landwirtschaftlich nutzbar zu machen.

Die deutsche Regierung verfocht die Auf­fassung, dah sie zu der Errichtung dieser vor- aefchobenen Stellungen und betonierten Unter­stände berechtigt sei, auch wenn diese nach dem Inkrafttreten des Art. 180 de» Versailler Vertrages gebaut worden sind, da eS sich um Ergänzung-bauten" und nicht, wie die Gegenseite b hauptete. um .Reubauten" handelte. Heber die theoretische und juristische Seite dieser Frage, d. h. über die Interpretation des Art. IW deS Versailler Vertrages ist zwischen den deutschen Unterhändlern und bem Versailler Komitee keine Einigung entelt worden. Jede Partei hat ihren juristischen Standpunkt aufrecht erholten. Man versuchte jedoch auf prakti­schem Wege sich einander näh«r zu kommen, und dieser Weg hat sich auch als richtig erwiesen. Don ben insgesamt in Frage kommenden 88 be-

Gießener Stadttheater.

Gerhart Hauptmann:Einsame Menschen".

Wieder ein Hauptmanns Man könnte fra­gen: warum bekommen wir. wenn es Haupt­mann sein soll, nicht die ..Dorothea Angermann" Iu sehen? Es ist doch so viel davon geredet war­en. man hat das Stück auf so vielen Theatern vraufgeführt... Aber dieses neueste Schauspiel wir werden in anderem Zusammenhang noch darauf zu sprechen kommen ist im tiefsten Grunde ein ganz altes Stück: Dorothea ist eine späte Schwester der Rose Bernd, und Haupt» mann kehrt mit ihrer Geschichte zu seinen An­fängen zurück, zum Etil seiner Jugend. Und «S ist schmerzlich zu sagen fast das Beste «n derDorothea Ängermann". dah sie uns an den jungen, starken, kraftvollen Hauptmann Erinnert, der und etwas zu sagen und zu geben Iatte, viel mehr zu sagen und zu geben, als er alle, abgeklärte, gewissermaßen klassische Hauptmann.

Schmerzlich zu sagen, gewiß. Aber gerade, wenn man die In letzter Zeit so häufig zu hö­renden, scharfen, ungerechten, fast vernichtenden Urteile nicht mitzumachen gesonnen ist Ht- teile, die ost mehr billige Beschimpfung, al» begründete Kritik enthielten bann wird man cs begrüßen, wenn so ein \an sich für Hauptmanns Eesomtbilb kaum wesentliches) Drama erscheint, wie dieseDorothea", und das Vergangene und fast Vergessene hcrausbeschwört. Auf dieDo- wthca Angermann" können wir ruhigen Her­zens verzichten die früheren Dramen kön­nen wir nicht entbehren, sie gehören zum festen Destand, find gewichtiger Besitz unfcrcS Schrift­tums DieWeber", derGeyer", derHen­schel", derBiberpelz" und manches andere. Auch dieEinsamen Menschen" aus dem Jahre 1890

Wie ist e» bestellt mit diesem dritten Drama Gerhart Hauptmanns, das allen denen ^geeig­net ist,die es gelebt haben"? So steht eS mit 6m. daß man heute, nach mehr als 26 Jahren, kaum noch etwas darüber sagen kann, was nicht längst gesagt, geflärt, gepriesen und geschmäht worden wäre.

Zunächst: Das Drama war ohne Zweifel ein klarer Fortschritt, künstlerische Entwick­lung nach dem begab.cn, aber sehr krassen Erst­lingDor Sonnenaufgang", nach dem konse- quenten, aber peinlichen, von Ibsen her beein- stutztenFrirdensfcst". Hatte man diese Fa- milienkatastrophe von denGespenstern" abge­leitet, so. war kein Zweifel, daß vieles in den

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 5. Zebrnar 1927

tonierten Unterständen, die zwar nur Raum für je acht Mann haben, aber al» Kommandeur- oder Rachrichtenunternände militärisch höher zu be­werten sind, bleiben 54 erhalten. 34 werden zerstört, davon allein 22 an der südlichen Front von Königsberg, bet f»genannten Frischinglinie. Königsberg bildet« ein besonder«» schwieriges Kapitel, weil außer dem Art. 180 auch die Art. 195 und 196 de» Versailler Vertrags eine Rolle spielten, bi« Anlagen von B.sestigungen innerhalb von 50 Kilometern von der Küste verbieten.

In den Verhandlungen Über die Ostbefesti­gungen einigte man sich ferner Über eine ge­naue Festlegung derj.nigen FestungSzone. in der innerhalb und auch außerhalb (b. h von bet Festung bis zur ReichSarenze) keine Ver­änderungen ober Reubauten vor­genommen werden dürfen. Von seilen der Alliierten wurde jedoch zugestanden. daß bei den bestehenden Anlagen leicht verderbliches Ma­terial. wie Erde. Holz usw. durch Beton erseht werden darf, so daß wenigsten« die In- standhaltung der vorhandenen Anlagen und ihr Schuh vor dem Verfall gesichert ist. Die Fe- ftungSlinie läuft von Königsberg über Lötzen. Küstrin, Glogau usw bis nach dem Süden Deutschlands. SS ist den deutschen Unterhänd­

Erreichen sämtllcher deutschen Dünsche, sondern ein Kompromiß, In dem aber auch Zu­geständnisse von der Geaenleite. d. h. den All»- terten. erreicht wurden. Bei der Deutle.lung des ErgebnisteS darf nicht unterschätzt werden, daß di« Verhandlungen ausschließlich mit dem Versailler Eomitö geführt worden sind, dessen Vorsitzender bekanntlich Marschall Zoch ist. Dieser Rame besagt genug für die schwierige Stellung der deutschen Delegierten. Die Pa­riser Press« ist in ihrer Beurteilung über da» erzielte Ergebnis geteilt ein Fall, der immer wieder eintritt, wenn e- sich um einen Abschluß mit Deutschland banbeiL Die großen Rachrichtenblütter wieMatin" undPent Pa- risien" sind mit dem Ergebnis »ufrieben und er­blicken in ihm einen weiteren Fortschritt auf dem Wege der deutfch-französifchen An­näherung. Die Blätter der Rechten oder die chauvinistische Heyptesfe sprechen selbstverständ­lich von einer .Kapitulation" der Alliier­ten, von dem .Sieg" des .Besiegten" oder be­streiten. wie z. B.Scho de Paris", daß da» KompromißIrgendeine praktische Bedeutung besitze" Zäh und schwierig war das Ringen um di« militärische Abrüstung Deutschland». Ein neuer Kampf, sicherlich noch schwerer und

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lern bei Festsetzung dieser Zone gelungen, die jetzt wichtige Oderlinie nachdem Posen. Thorn usw. zu Polen gehören zu erhal­ten.

In der Frage der Herstellung und Ausfuhr von Kriegsmaterial liegt da» Ergebnis in zweierlei Momenten. Es ist erstens genau festgelegt worden. waS unter Kriegsmaterial gemäß dem Versailler Vertrage zu verstehen ist. zweiten« ist es den beutf-ten Unterhändlern gelungen, die ursprüng.ichen For­derungen der Alliierten, die einen überaus schar­fen Eingriff für die deutsche Industrie bedeu­teten. wesentlich zu vermindern und zu be­schränken.

Zusammengefaßt ist das Ergebnis der Pa­riser Enlwasfnungsverhanblungcn weder eine Ka­pitulation der deutschen Unterhändler vor den Forderungen der Gegenseite, noch das restlos«

hartnäckiger, steht bevor: der Kampf um d i« Befreiung der Rheinlande.

Außenpolitische Umschau.

Von Proseffor Dr. Otto Ho eh sch, M. d.R.

Rach einer Krise von rund sechs Wochen ist die deutsche Rechtsregierung zustande gekommen. In langandauernden Verbindungen ist darin um größte Gegensätze und Grundsätze der deutschen Innenpolitik gerungen worden. Es ist der Gegensatz zwischen rechts und links, in dem mit dem liebertritt der Partei der Mitte von links nach rechts eine neue Aera begonnen hat. Aber das sind unsere Angelegenheiten deS Deutschen Reiches. Oft genug ist damit gru­selig gemacht werden, daß der Eintritt der Rech­ten in die Regierung für Deutschlands Außen­politik. wie heute daS schöne Schlagwort heißt,

.untragbar" sei. Aber wir finden in den Be­trachtungen der französischen, englischen, übet* Haupt ausländischen Preße au diesem Abschluß der Regierungsbildung dergleichen Wenig oder nicht». Allmählich hat sich auch die Welt drau­ßen daran gewöhnen müssen, daß In Deutschland eine Millionenpartei, die der Rechten, vorhanden ist, bi« ihre Grundsätze und ihren Dillen gemäß ihrer Stärke auch zur Wirkung bringen will. Man hat im Ausland noch mehr erkannt, was eS sür die Stabilisierung der europäischen Ver­hältnisse und für den europäischen Frieden be­deutet. wenn die in der Deutschnationalen Partei zusammengefaßten materiellen und gütigen nationalen Kräste s i ch zur Mitarbeit und ?ur Mitverantwortung an der beut- chen Lolitlk entschließen. DaS Gewicht wird em andere», sicherlich keineswegs In den außenpolitischen Verhandlungen für unsere Ge­genspieler in Pari» und London bequemer zu tragen al» bisher, aber es wird einen Abschluß, wenn er erreicht werden kann, dann auch füt die andere Seite ganz ander» sichern. Di« Internationale Lage, in der die neue Regierung ihr Amt antritt, ist dadurch bezeich­net. daß Rordamerika in zunehmendem Maße sich von Europa de»interes'iert. und daß England, in China Immer mehr und gefähr­licher isoliert feftgelegt, zu machtpolitischem Ein­greifen in Europa außerstande ist. Und daß. da auch auf Italien» Hilf« und Unterstützung nicht zu rechnen ift. die deutsche Außenpolitik in der Hauptsache allein steht. Damit fpitzt sich für die Außenpolitik der neuen Regierung alle» auf die direkte Auseinandersetzung mit Frankreich in voller Schürfe au. (S» ift un­möglich. dem klar gestellten Problem auSzuwei- chen. eS hat auch keinen Zweck und e« würde schädlich fein. Dafür ist wieder notwendig, dl« Lag« In Frankreich so zu «rfennen. wi« .fit ist. Brland ringt mit der Rechten und auch mit Peineare, der Gedanke der Verständi­gung kämpft mit dem Gedanken der Sicherung, ja de» Angriffes. Was die widerstrebenden Kräfte im französischen Kabinett zusammenbindet. Ist die gemeinsam« Sorge um den Franken, die ?iemcinfame Arbeit um die Sanierung deS Fron­en. Einmal wird diese- Ziel ja erreicht werden.

Rach der Ratifikation de- Ächuldenabkommen mit Amerika, die nicht zu umgehen ift. wird der Franken fest fein. WaS wirb bann? Dann hat bie Rechte ble Hände frei für ihre ziel­bewußte Arbeit. Briand zu stürzen und di« beutsch-franzöfischen Beziehungen in ble Krise zu treiben.

Die Interalliierte Kommission verläßt Berlin. Die Einigung in ber letzten ®nt- waffnungSsrage ist erreicht. Inwieweit sieDeutsch- lanbs Interessen gerecht wirb, ober nicht, wird abschließenb erst gesagt werden können, wenn der Gesehentwurs über bie Verbote ber Sin- und Ausfuhr vorliegen unb wenn bie Einigung über bl« Ostsestunaen sich in ihrer Bedeutung völlig übersehen küßt. Im Augenblick ist wichtig, daß ble Dotfchafterkonferenz zum erstenmal die osfizielle Feststellung ausgesprochen hat, daß Deutschland allen militärischen Bestimmungen auS dem Versailler Vertrag nachgekommen ift Damit ist daS Feld für die neue Regierung frei nun an ble große Ausgabe beS IahreS 1927 mit Klugheit unb Tatkraft zu geben: bie Räumung des Rheinlanbes. Dafür toteber Ist beftim» menb, daß die RäumungSfrage in Frankreich nicht mehr au» ber Erörterung schwindet, aber Kampf­objekt ber inneren unb militärischen Politik ift TJeiter. baß von ber französischen Seile die Räu­mung belastet wirb mit ber Forderung, baß sie von Deutschlanb bezahlt werben müsse unb zwar sowohl durch Defchleunigung der Zah­lungen aus dem Dawes-Plan, wie durch daS Zugeständnis einer weiteren Kontrolle des ent- militarisierten Rheinland«- (sog.ätements Stah­les ober ähnliches).

Das ist bie Lage, so knapp unb einfach tote möglich, fo konkret tote möglich gefaßt. Dem

Sinfamen Menschen" (der Mißllang im Titel ist auch schon längst getadelt worben) inRoS- merSholm" sich vorgebildet fand. Dic« und jene russische Rovelle von Garschin, von der im zweiten Akt einmal bie Rede ist, bestimmen ganz klar, worum es sich hier handelt: nehmen wir noch bie berühmte Definition Zolas hinzuEin Stück Ratur, gesehen burch ein Temperament" bann erfassen wir bas Drama im europäischen Zusammenhang, mit den geistigen Voraussetzun­gen, ohne die e» nicht denkbar ist.

Das deutsche Temperament Hauptmanns formt das Stück Ratur nach feinem Willen unb Gesetz. Die Anorbnung unb Gegenüberstellung ber Men­schen im Stück ist typisch, man flnbet sie in mancherlei Abwandlungen immer wieder bei ihm. Da ist ein durch die üblichen und herkömmlichen Bindungen zusammengehal enet Kreis von Men­schen, eine kleine Welt, die eine Einheit dar stellt ober darzustellen bestimmt ist. In diesen Kreis dringt vlöylich, zusällig, von außen her, ein fremdes Einzelwesen ein, wird unversehens Mittelpunkt, um den sich alte» bewegt, sprengt den Kreis und löst die Gemeinschaft auf. DaS ist ba» eine.

Zum andern: die fo eingeleitete innere Ent­wicklung vollzieht sich nicht Schlag auf Schlag, sondern ganz langsam, halblaut, unterirdisch gleichsam. Durch das Eindringen des Fremd­lings, des Gastes aus der Ferne, von weitem, von außen her, verschiebt sich das Verhältnis derer, dieinnen" stehen, im Kreise, im Ge­wohnten und Hergebrachten: es ergibt sich da­bekannte, vor und nach Hauptmann immer wieder konstruierte Dreieck: der Mann zwischen zwei Frauen. Sofort erscheint die Frage nach der Lösung", die alte, immer wieder aufgeworfene, nie geloste wie wird das enden? Wird Haupt­mann das versöhnlich-beglückende. da- zweifel­volle. unentschieden-Aaghafte, dennoch mutige Be­kenntnis derStella" finden: Wir dret? Er kann es nicht. Und auch dergute Ausgang hätte eine Trennung gebracht; das beutet der britte Aki bes Dramas an.

Ium letzten: die Problematik des so ge­schaffenen dreieckigen Verhältnisses (auch hier hat dieHedda Gabler" tiefer eingewirkt, als etwa dieStella") wird verschärft in einem abermaligen, wiederum durch den Eindringling bedingten Frontwechsel innerhalb des Kreises: in ber Gegenüberstellung und Auseinandersetzung zweier Generationen, ber alten und der jungen, der Eltern und ber Kinder. (Auch dies Motiv ist keineswegs erst mit Hauptmann in die Li­teratur eingeführt worden; es ist das erste unb

elementarste Motiv aller jungen und revolu­tionären Dichtung vom Sturm und Drang bis zum Expressionismus; in der schroffsten unb schärfsten Form ber alte Gegensatz zwischen Vater unb Sohn.) Man sieht, wie die Fäden laufen, bie unsichtbar bas Szenengefüge des Dramas verspannen: man spürt, wie sie innerlich unter­em anber verbunden sind, wie ihre Ueberschnei- bung organisch gewachsen ist, wie chre Lösung nicht mähliche Entwirrung sein kann, sonbern nur ein gorbischer Alexanberhieb, der anS Le­ben geht.

Von den zwölf Menschen im Drama sind fünf wesentlich. Innerlich beteiligt. Um die geht es. Die vier DockeratS, die beiden alten, die beiden jungen. (3m Kreise.) Und bie Züricher Studentin Anna Mahr. (Don außen her.) Durch fee, den einbtingenben Fremdling und flüchtigen Gast, wird ber Frieden im Landhaus am Müggelsee zerstört. Besser gesagt: sie ist ber zufällige, äußere Aniah, ber bie längst vorhandenen Bruch­stellen hn Zusammenleben ber vier anbem bloß- legt; sie steht am Kreuzweg, wo jung unb alt sich trennen, wo Sohn und Eltern, zwei Gene­rationen innerlich, geistig, auS Weltanschauung sich scheiden müssen; hier brechen bie Drücken ab zwischen alter unb neuer Zeit. WaS längst verborgen glomm, fladert hell aus. Hi« Pflicht unb Zucht und Ordnung und Sitte hie freier Wille, freie Religion, freies Menschentum, e.ge- ner Weg. Ober, wie Hauptmann es zuspitzend gegenüberstellt: hie alter Glaube und schlichte Frömmigkeit, bie Bibel und GeroksPalm­blätter hie neuer Glaube und Raturbekennt- nt». Haeckel und Darwins Manifest. (Es ist kein Zufall, daß daS Drama in Friedrichshagen spielt, wo damals Wilhelm Dölsche, Bruno Wille und die beiden Brüder Hart das Evangelium einer neuen Zeit verkündeten.)

©o steht daS junge Mädchen zwischen Eltern und Kind so steht sie, erst unbewußt unb bi» zuletzt ungewollt, zwischen Mann unb Frau. Auch hier reißt sie bie zuvor schwach überbeefte Kluft entscheibend auf, bringt die Innern Abstände der zwei Menschen ans Licht. Der junge Gelehrte lieht durch sie hindurch daß ihm seine Frau (trotz dem eben geborenen Kindchen, geistig unverbunden blieb, dah sie innerlich im bürger­lich engen, unfreien Bezirk ber eigenen Eltern steht, in einer Welt, van ber er «ich längst los- aefagt hat. Aber Anna ist ihm Gefährtin im Geist, am Werk, ba» er schafft; sie versteht chn. Er will fie halten, well sie ihm hllst. weil er fie braucht, obgleich bie eigene Frau, wohl tapfer, sich bennoch quält unb wunbstößt, obgleich bie Allen feine Gemeinschaft mit Anna gröblich

unb engherzig mißkennen, und obgleich die Leute schonbrüber reden". Rein, dasWir drei" ist hier nicht (unb vielleicht nie) bie Lösung, unb das gutgemeinteIhr beibe". als Anna endlich geht unb gehen muß, kommt viel zu pät. Sie ist fort und der Kreis hinter ihr ist gesprengt, dieGemeinschaft" zerstört, ihr wertvollste- Glied herauSgebrochen und vernichtet.

Telekh inszenierte; er hatte daS Drama ziemlich modern aufgefaßt unb stellte ble Dinge mitten in bie Gegenwart hinein, was unserm Ge­fühl nach verfehlt ober hoch zum mindesten be- benllich ist. Sicherlich finb bie entscheidenden Konflikte, um bie es sich für Hauptmann hier handelt, nicht an irgenbeine Jahreszahl ge­bunden; sie sind zeitlos, und wir haben das auch anzubeuten versucht. Aber gewisse DorauSfetzun- gen stammen eben doch au» jenerGegenwart" um 1900, nicht au» unseren Tagen Der Darwi­nismus stehl für unS heute boch In etwa» an­derem Lichte, als bamals; unsere gesellschaftlichen Anschauungen sind ungezwungener geworden; eine Studentin ist keine halb verdächtige AuS- nahmeerscheinung mehr sür unS. Man sollte diese» Werk nicht aus seiner Umwelt lösen, au- der eS stammt. Es wird dadurch nichts an Gewicht unb nichts von der Weite seines Ausblick- verlieren. - 3m übrigen waren die fünf Akte gut gespielt, toaren innerlich gestuft und aufeinander abge­stimmt, batten Bewegung und Farbe.

Auch fchaufpielerifch war die Aufführung zu­friedenstellend. Den Johannes Dockerat gab Hanke; schwankend, unruhig und unfertig, ner­vös, empfindlich und reizbar; im verzweifelten Kamps um einen Menschen, bet ihm nicht ge­hören bars, um ein Glück, ba- nicht bei ihm bleiben teilt In den drei ersten Akten vielleicht um ein paar Töne zu heftig, aber mit guten Steige­rungen zuletzt. Anna Mahr war Alix K rah­me r; man weiß nicht, ob chr die Rolle sehr vom Herzen kommt; manche» klang etwa- ge­preßt, manches zu unvermittelt; sonst eine acht­bare Leistung, sparsam in den Mitteln, behutsam, beherrscht. Susanne Heym (Käthe): ein schmales, blasses, gequältes Geschöpf, hilflose- Spielwerk bei Lebens. Ausgezeichnet die beiden Allen:

un& V r> l ck, Lenau holle auS ber undankbaren unb nüchternen Mittelfigur de» Braun da- Möglichste heraus. In den Chargen: Kutzhofs (Pastor) und I ü n g I i n g (die Leh. mann).

Das Haus wurde gegen Ende sehr unruhig; auch einige unerklärliche und unangebrachte Hei- terfeitderfolgc waren zu verzeichnen.

Dr. Th.