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Waltfamen Umsturz hin gearbeitet zu haben. Zwei der zum Tode "Berurt eilten rich­teten an den Staatspräsidenten ein_ Gnaden­gesuch und wurden zu lebenslänglich em Zuchthaus begnadigt. Der dritte hat sich geweigert, ein Gnadengesuch einzureichen, so daß eine Begnadigung nicht erfolgen konnte.

Schanghai in Händen der Kuomintang?

Paris. 4. Febr. IWB.) Wie die Agentur Jndo Pacific aus Peking meldet, werden von politischen und militärischen Kreisen in Rord- china weiter energische Proteste gegen die englische Politik erhoben. Die Abberusung des Seneralinspelteurs der Zölle. Franilin M. A g l e n. beschäftigte die öffentliche Meinung. Man sei der Ansicht, daß sie zurüctzusühren ser auf den Einfluh Liang Tschais, des Ratgebers Tschangtsolins. und auch auf den Ginfluß Japans, das den Posten des Generalinspel- teurs entsprechend den Vereinbarungen. nach de­nen diese Stelle der Ration Vorbehalten werden soll, die am meisten mit China geschäftlich zu tun habe, mit einem Japaner besetzen möchte.

Die Berliner chinesische Rachrichtenagentur, ein von Anhängern der Kuomintang eingerich- tctes Unternehmen, teilt mit. dah am Donnerstag in Schanghai die Parteigänger des Gene­rals Suntschuansang entwaffnet und ver­trieben worden seien. Die in Schanghai an- sasi'igcn Mitglieder der Kuomintang-Partei hät­ten unter Anführung des Generals Liujuntschin eine Bürgerwehr gebildet, die sich durch Hand st reich der Stadt bemächtigt habe. Eine Bestätigung dieser Rachricht war bisher von keiner Seite zu erlangen. Die Mel­dung muh daher unter allem Vorbehalt wiedergegeben werden.

Die Stellung Amerikas.

Ein chinesischer Protest in Washington.

W a s h i n g t o n. 4. Febr. (WTB.) In Erwide­rung auf eine unformelle Anfrage des hiesigen chinesischen Gesandten Sze mit Bezug auf die vermehrte Bewegung amerikanischer Truppen in Richtung Schanghai wurde heute dem chinesischen Gesandten mitgeteilt, daß keine Absicht bestehe, Truppen zu lan­den, außer, wenn dos Leben amerikanischer Bürger tatsächlich in Gefahr sei. Der chinesische Ge­sandte erklärte, daß er nur um Informationen er­suche, um in der Lage zu sein, irgendeinem mög­lichen Protest des kantonesischen Außenministers Tschen zu begegnen. Es wurde Sze versichert, daß die Tätigkeit des Flottendepartements nur Vor­sichtsmaßregeln dorstelle. Der Gesandte hat sich indessen mit der Auskunft des Staatsdeparte­ments keineswegs zufrieden gegeben, sondern gegen dieanscheinend für Zwangszwecke bestimmten Maßnahmen" Einspruch erhoben.

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Ein Detachement von 2 51 amerikanischen Marinesoldaten und 15 Offizieren ist von Cavite (Dhilippinen) an Bord eines amerika­nischen Dampfers noch Schanghai abgegan­gen. An Bord befindet sich bereits ein Detachement von 150 Marinesoldaten. In Kalifornien sind wei­ter- 1200 Marinesoldaten mit Bestimmung nach Chino bereit. Drei amerikanische Kreuzer sind nach Honolulu abgefahren, die weitere Befehle erwar­ten. Ein weiterer Kreuzer ist abfahrtbereit. Die Times" teilt mit, daß zum Schutze der amerika­nischen Bürger und Interessen in China insgesamt 35 Schiffe und 2500 Marinesoldaten verfügbar sind.

«ine Rede Churchills.

London, 4. Febr. (WB.) Schatzkanzler Chur­chill erklärte rn einer Rede In Manchester, er ' hege keine Besorgnis über die Lage in China. England habe in China niemals etwas ande­res gewollt, als Handel zu treiben. Es habe sich bereit gezeigt, dem chinesischen Ra- tionalge^ühl bis zur Grenze des möglichen ent- gegmzulommen. Wenn cs aber, fuhr der Schah­kanzler fort, zu Ausschreitungen des Dö­bels kommt, und wenn es dazu kommt, daß Geben und Eigentum britischer Staatsangehöriger, die dort unter dem Schutz seit Generationen aner­kannter Verträge wohnen, gewaltsam ange- griffe n und bedroht wird, dann sind wir verpflichtet, zu ihrem Schuh und ihrer Verteidi­gung die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, wenn wir irgend gesonnen sind, den Ruf aufrecht zu erhalten, den Großbritannien durch so manche Jahrhunderte aufgebaut hat und zu wahren be­müht war. Vorausgesetzt, daß wir nicht nur durch

Richard Hoelscher.

Zum 60. Geburtstag 6eS Künstlers.

Im hessischen Kunstleben der letzten Jahre wogte ein ständiger Kampf der. verschiedensten Richtungen, doch der an sich den Fortschritt er­zeugende Streit ist immer wehr in ein Gezänk um einen der vielen Ismen ausgeartet, wie man scherzhaft die verschiedenen Strömungen nennt. Pointillisten, Kubisten, Expressionisten und noch einige andere Jsten haben wir erlebt, gegen­wärtig halten in dem Kunstgetriebe die Ver­treter der neuen Sachlichkeit das Ruder in der Hand. Reben diesen lauten Streitern gibt es in Hessen nicht wenigeStille im Lande". Künst- ler, die keiner Parteimeinung dienen, die selten einmal mit einem Bilde aus Ausstellungen ver­treten sind, aber bei deren Schöpfungen man un­mittelbar das Empfinden hat, daß sie das Leben unseres Volkes und den Geist unserer Zeit weit toinfamer und sicherer offenbaren als jene Rufer im Streit der Kunstmeinungen. Ein sol­cher^ Künstler ist Richard Hoelscher, der am 5. Februar 60 Jahre alt wird. Unter den hessi­schen Malern der Gegenwart gibt es nur we­nige, die, wie er, eine so enge Verbundenheit ihrer Kunst mit dem wirklichen Leben erkennen lassen, die so das innerste Wesen des hessischen, namentlich des oberhessischen Landvolkes, seine äußere Erscheinung, Denkweise, Sinnesart und seine Gefühlswelt so aus die Leinwand bannen und in Farben wiedergeben können. Hoelscher ist ein Maler, der, tote wenige unter seinen hessischen Derufsgenossen, in seinem Schaffen auch seinen eigenen Stil gefunden und ihn weiter- entwickelt hat. Bei so vielen anderen stößt man auf manches Wesensfremde, während uns bei Hoelscher nur WcsenSeigenes entgegentritt. Es ist dies zum Teil wohl in der Persönlichkeit des Künstlers begründet, er hat nie seine ober- hessische Herkunft verleugnet, ist in der Arena e. obwohl er lange in fernen Ländern ^etocilt hat, seiner Eigenart sowohl als Mensch wie als

unsere eigene Partei, tonbey auch die Mehr­zahl der ruhig und nüchtern denkenden Köpfe unseres Landes unterstützt werden, was wohl der Fall lein dürfte, wird es uns nach meiner Ueberzeugung unter Anwendung von Geduld und Rachsicht und gleichzeitig Festigkeit und Selbst­achtung gelingen, noch vor Ende dieses Jahres eine große Verbesserung unserer Lage in China herbeizuführen.

Die llrbeiislofigfeit in Hrankreich

Eine Nede Poincarss.

Paris, 4. Febr. (WTB.) Die Kammer beriet die Interpellation über die Arbeitslosigkeit und die Lebensteuerung. Der sozialistisch-kommunistische Abgeordnete Ernest L a f f o n t wies darauf hin, daß die heute veröffentlichte Statistik über die Lage am Arbeitsmarkt ein weiteres Steigen der Ziffer der unterstützten Arbeitslosen von 45 000 auf 56 275 im Verlaufe einer Woche ausweise. Der Abgeord­nete beantragte die sofortige Erhöhung der Arbeits­losenunterstützung, die allen wirklichen Erwerbslosen gezahlt werden müsse, Innehaltung des Achtstunden­tages sowie Abschaffung des Ueberstundensystems.

Ministerpräiioent P o i n c a r c fordert die Kammer auf, eine Lage nicht allzu tragisch zu nehmen, die von kompetenten Persönlichkeiten an gekündigt worden sei. Es sei Sophismus, die augenblickliche Wirtschaftskrise der Wäh­rungspolitik der Regierung zuzufchreiben. In dem bekannten Sachverständigenbericht komme zum Ausdruck, daß die Krise noch stärker sein würde, wenn der Frank im Werte noch weiter gefallen wäre. Dann würden auch Land­wirtschaft, Handel und Industrie in die Ab­hängigkeit von Ausländem gefallen fein. Die augenblickliche Krise sei unvermeidbar ge­wesen. Frankreich habe eine Periode illusionisti' scher Prosperität durchgemacht, die notwendiger­weise eines Tages hätte zusammenbrechen müssen. Diese Prosperität habe es eben der In­flation au verdanken. Die Eile des Handels und der Industrie, französische Franken gegen aus­ländische Devisen umzutauschen, habe die Krise noch verschärft. Auch müsse man bedenken, daß die Ausländer immer die Gewohnheit hätten, in den Ländern mit niedriger Währung zu leben. Die britischen Arbeitslosen kämen sogar nach der Küste der Rormandie, um sich zu erholen. Ein Teil des Rationalvermögens gelange in die Hände des Auslands. Das seien alles wirtschaft­liche und finanzielle Phänonemen der Wahrheit, die verschiedene Länder bereits erkannt hätten. Vor dem Kriege habe Frankreich Immer 200 000 männliche und 50 000 weibliche Arbeitslose ge­habt. 1914 habe man 314 000 männliche und 208 000 weibliche Erwerbslose gehabt. Trotz der Rückkehr von Elsaß und Lothringen habe sich die Gesamtb^völkerungszisser Frankreichs verringert. Sowohl die Heeres- wie die Marineverwaltung hätten zur Milderung der Arbeitslosenkrise Be­stellungen in Materialien gemacht, das Mini­sterium für öffentliche Arbeiten beschäftige be­reits 17 000 Arbeitslose. Wegen der Anwesenheit von ausländischen Arbeitern und wegen des Stillstandes der Arbeiten in den ehemaligen Kampfgebieten gebe es einen Uebrrschuß an Arbeitskräften. Es wäre notwendig, dah s o wenig toie möglich ausländische Ar­beiter nach Frankreich hereingelassen würden, abgesehen von Arbeitern, die in der Landwirt­schaft Arbeit suchten. Die Regierung habe zu­nächst beschlossen, an die ausländischen Regie­rungen im einzelnen sich zu wenden, damit diese ihre Staatsangehörigen warnen, nach Frank­reich einzureisen, um dort Arbeit zu suchen. Eine Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung lehnte Poincarö energisch ab, wobei er darauf hinwies, dah ja jede Kommune nach freiem Ermessen die Arbeitslosenunterstützung erhöhen könne.

Paris. 2. Febr. (WTB.) Dor dem Senats­ausschuß für Handelsfragen hatte Arbeitsminister Falliäres über die Frage der Ratifizie­rung des Washingtoner Abkommens betreffend den Achtstundentag durch den Senat ge­sprochen. Es wurde zwischen dem Ausschuß und der Regierung eine Verständigung darüber erzielt, die Anwendung der Bcstimmünaen dieses' Abkommens seitens Frankreichs von der Ratifizierung des Abkommens durch Deutschland und England abhängig zu machen.

Kleine politische Nachrichten.

Der Gesctzgebungsausschuh b?S hessischen Landtags hat eine Regierungsvorlage, in der die strafrechtliche Verfolgung b:S sozialdemokra­tischen Abg. Rechtsanwalt S t u r m f e 1 s ver­langte, nach längerer Aussprache abgelehnt.

Der mecklenburgische Landtag nahm den im Hauptausschuh abgelehnten Rachtragsetat für 1926 mit 24 Stimmen der Sozialdemokraten, Demokraten und Wirtschaftler gegen 22 Stim­men der Deutschnationalen, Deutschen Volkspar­tei und Völlifchen an. Damit ist die Regierungs­krise behoben. *

Der Verwaltungsausschuh der 3nterna- tionalenRohstoffgemeinfchaft billigte den Anschluß der österreichischen, tfchechollowakr- schen und ungarischen Werke unö beschloß eine weitere Produktionseinschränkung entsprechend der Aufnahmefähigkeit beS Welt­marktes vorzunehmen.

Aus Ser Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 5. Februar 1927.

Mit der Hand über die Stirn ...

Von Reinhold Braun.

Wieder einmal sah ich einer edlen Frau und feinen Mutte rseele gegenüber. Von schönen, ernsten Dingen sprachen wir, und dabei war das Gespräch ganz von selbst auf den Liebes­kreis dieser Frau gdommen.

Wie mutter-weisheitsvoll sprach sie von der Erziehung ihrer Kinder, besonders der einen Tochter, einem sehr schwierigen Charakter, wie sie bei allem Zickzackweg, den die Entwicklung dieses Kindes nahm, nie von dem Glauben lieh: Cs wird sich doch noch zurechtfindenI" Uni) durch manche Schatten sah sie immer noch mit ihrem feinen Mutterauge das Tiefste hervor­schimmern, das gut war. Dieser Glaube an das .Gotteskind" in ihrem Kinde ließ sie fröhlich bleiben, wenn andere verzweifeln wollten, er schenkte ihr das grobe, wahre Geduldhaben. Und strahlenden Gesichts erzählte sie mir, wie sie doch Recht behalten habe und die Tochter ein prächtiger, heute in manchen Dingen vorbild­licher Mensch geworden sei.

Und dann erzählte sie mir von ihrem Gatten, einem überaus vielbeschäftigten Manne.

Eie sprach davon, wie er, vielleicht ganz unbewußt, eine seltsame Geste habe, die man fast immer an ihm merken könne, wenn er beim Heimkommen unter das Gartentor trete.

6r weiß nicht, dah ich meist, hinter der Gardine stehend, schon nach ihm ausschaue. Fast immer fährt er sich mit der Hand über die Stirn. Eine gewisse Scheu verbot mir, ihn wegen dieser Geste zu befragen. Ich glaubte, ihm irgend etwas damit zu nehmen. Denken konnte ich es mir ja. Aber einmal in einer schwierigen Zeit, da er viel Sorgen hatte, durste ich erkennen, dah diese Geste eine tiefe Bedeutung hatte. An einem Mittage sah ich ihn heirnkornrnen, und es war etwas Schweres, fast Müdes in seinem Gange, das ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Aber als er unter das Gartentor tritt, sehr ich die altgewohnte Handbewegung; wie ein Ruck geht es durch seinen Körper, sein Gang ist wieder jugendlich, sein Gesicht hell, und mit erhobenem Kopfe schreitet er dem Hause zu."

Die Kinder kommen aus ihrem Zimmer: ich selbst bin ihm längst entgegengeeilt. Wie leuch­tet sein Auge, wie lieb ist sein Lächeln! Er ist ganz Hausvater! Richts von Sorge, Schatten, Unmut, innerem Echwersein! Wie oft durste ich ihn solcherweis heimlich bewundern' Wohl gab es Stunden der tiefen Zweisamkeit, da er mir von seinen Sorgen sprach, aber wie der Kame­rad zum Kameraden! Die Kinder haben niemals den Vater unmutig, verdrossen gesehen, nie un­harmonisch: darum glich auch ihre Jugend wirk­lich einem Garten in der Sonne. Ja, von unserem Hausväterchen geht es immer wie ein Licht aus!" Mit der Hand über die Stirn ... Ein Aeu- ßerliches und doch ein großes Innerliches! Sicht­barkeit echter ßcbmSmei ..'fung! Die Kunst der schonen, segensvollen Umstel.untzl In unserer Zeit eine Rotwendigkeit, wenn unser persön­liches Leben einen Sinn haben soll, wenn wir uns an des Lebens Kem nicht vorbeisorgen sollen! Wie oft beladen wir unsere liebsten Menschen mit unserer Sorge, obwohl es gar nicht nötig ist. Es gibt Menschen, die sind wie eine Wolke Zeit ihres Lebens. Wohin sie kommen, verschatten sie das Leben anderer: sie sind wie ein Gewicht, das sich an unS hängt, die wir selber vielleicht schon genug zu tragen haben!--

Mit der Hand über die Stirn! Ja, das bedeutet: Höhe gewonnen, das Hellsein und Freudebereiten zur Pflicht erhoben und wahr­haft erkannt zu haben, was Liebe ist. und welches ihr Sinn! Es bedeutet: Herr sein über

die Dinge, den Alltag, den Kleinkram, bit Sorge: es bedeutet: fest zu wurzeln im aristo­kratischen Imperativ! Das aber ist die Schön­heit solches meisterlichen Menschen, daß feine Umstellung nicht Maske ist, wie bei so vielen, sondern, daß diese feine llmftellung aus dem Innern kommt und ein Beweis der innerkönig- lichen Macht ist, die wir Seele nennen! Diese Umstellung ist der Atem der großen wahren Freiheit!

Die Holzverfteigerung.

Aus einem Orte der Umgebung wird uns ge­schrieben: Run ist sie wieder da, die Zeit der Holz Versteigerungen, mit ihren Freuden und Leiden, die bei den daran Beteiligten sehr ge­mischte Gefühle auslöst. Der eine Teil, der wald- bcsitzcnde, die für alles sich verantwortlich suhlenden Stadt- und Gemeindeoöter, registrieren mit stillem Deranügen jedes Anziehen der Holzpreise. Ein be­hagliches, manchmal auch stolze» Schmunzeln be- Ichließl zumeist diese innerliche Betrachtung über die Rentierlichkeltseines" Waldes. Der andere Teil, der holzoerbrauchende, ist von einer solchen Tatsache meist weniger erbaut, die den mit Sorgfalt aus- gebauten Etat mehr ober weniger ins Schwanken ringt

Aber schön ist sie trotz allem, die Zeitder Holz- Versteigerungen. Wenn im frostklirrenoen Wald (daß es dieses Jahr anders ist, ist niemandes Schuld) die Steigerer, manchmal bis Aur Unbeweg­lichkeit eingemummt, von einem Holzhaufen zum andern ziehen, die einen zaghaft, die andern selbst­bewußt ihre Gebote obgeben, da ist für die überall vorhandenen Spaßvögel reichlich Gelegenheit ge­boten, ihre harmlosen ober derben Witzeleien an den Mann zu bringen. Der Höhepunkt jeder Holz. Versteigerung ist dosFeuer". Ein vorher sorg­fältig ausgewäylter Platz ist von dem nachkommen- den Gastwirt nett hergerichtet, ein träftige», wär­mendes Feuer, ein Wagen mit Getränken, Rauch- und Eßwaren erwartet die hungernden und frieren- den Steigerer. Ist Hunger und Dürft yestillt, geht'» im allgemeinen weiter, hat sich jedoch eine besonders lustige'Gesellschaft zusammengefunden, so geht's auch manchmal hoch her, und gar nicht so selten wurde früher sogar ein Tänzchen mitten im Walde gemacht. Selbstverständlich kam es dabei auch vor, daß am Feuer bann die größtenFichten" gestrichen wurden!

Richt immer geht'» bei den Holzversteigerungen aber so harmlos her. Auch hiebei gibt es Leute, deren Appetit größer ist als ihre Derdauungsmög- lichtest, und die sich im Ueberbieten anderer nicht genug tun können. Dies erregt natürlich, da cs am Oeibbcutel zu spüren ist, den Unwillen der anderen, der dann mitunter wenig zartfühlend zum Ausdruck gebracht wird. Ist ein solcher Zeitgenosse bei irgendeiner derartigen Gelegenheit durch eigene Schuld der Hereingefallene, so hat er als der Ge­schädigte gar keine Veranlassung, auch noch für den Spott zu sorgen, der dann meist von selber zutage tritt. Kommt da zum Beispiel vor einiaen Tagen ein Holzliebhaber eines größeren Dorfes in der Röhe Gießens zu einer Holzversteigerung seines Nachbardorfes. Gefällig, wie man nun einmal fein muß. verspricht er hier und da an Bekannte, die beruflich verhindert waren, an der Versteigerung teilzunehmen, ihnen die.Lasten und Mühen des Holzsteigems abzunehmen. Ganz dunkel regt sich im Unterbewußtsein der Gedanke, diese Gelegenheit zu benutzen, um die eigenen finanziellen Verhältnisse etwas aufzufrischen. Unser Freund fühlt sich noch zu rüstig, um endgültig auf die tätige Mitwirkung im Wirtschastsprozsß zu verzichten. Ist also die Ge­legenheit günstig, kann man sich gut eindecken und bann bei günstiger Konjunktur mit Gewinn ver­kaufen. Gesagt, vielmehr nur gebucht, schreitet er auch schon zur Tat.

Rach den üblichen Formalitäten beginnt die Versteigerung. Wunderschönes Buchenholz, ein begehrtes Feuerungsmaterial, kommt zuerst daran. Schlank und glatt liegen die prächtigen Scheiter zu großen Haufen geschichtet da und laden zum Mrttun ein. D'e Bedächtigeren mustern die Ware von allen ©eiten und erwägen den anzulegenden Breis. Anders unser Holzhändler in spe. Mit frischem Wagemut stürzt er sich InS Geschäft und bietet, eingedenk des Grundsatzes alter Fachleute. daS erste sei das billigste. Der erste Haufen ist bereitsfein", auch der zweite und dritte. Hei, das war ein Geschäft: 18, 19 Mark, dann und wann eine Kleinigkeit mehr, größere Zahlen brauchte er gar nicht zu nennen. Im Innern jubelt er und berechnet den Gewinn, das Holz ist ja heute ganz ausnahmsweise billig. 3m stillen beglückwünscht er sich zu dem großartigen Gedanken, der ihn auf Hefen Weg brachte. Unaufhaltsam gehtS von Haufen zu Haufen weiter, die anderen läßt er beim Bieten überhaupt nicht mehr zu Worte kommen.

Künstler stets treu geblieben. Er ist draußen in der Welt nicht weltmännisch geworden und hat keine der vielen Moden in der Malerei in sich aufgenommen; wo sich Einflüsse erkennen lassen, sind sie geistig stark verarbeitet worden. Wie bet Riese Antäus immer seine Kraft aus der mütter­lichen Erde schöpfte, so ist für Hoelscher seine oberhefsische Heimat der Mutterboden für feine Kunst, und Alsfeld, fein Geburtsort, ist ihm wie ein Hasen in den Stürmen des Lebens, in dem er von Zeit zu Zelt immer wieder seine Zuflucht sucht. Goethe sagt im Westöstlichen Diwan:Wer den Dichter will verstehen, muß tn Dichters Lande gehen". Von der Kunst Richard Hoelschers gilt dasselbe: sie erschließt sich am ehesten dem. der die oberbessische Landschaft und das oberhessische Landvolk kennt.

Friedrich August Richard Hoelscher ist als Sohn eines Photographen in Alsfeld geboren. Rach Besuch der Realschule seiner Vaterstadt war er in den Jahren 1883 bis 1887 aus der Akademie der bildenden Künste in Kassel. Man geht wohl nicht fehl, wenn man hier schon, na­mentlich von den Riederländern bet Kasseler Galerie ausgehend, entschiedene Anregungen für den künstlerischen Lebensweg, den Hoelscher spä­ter einschlug, sucht. Die äußeren Verhältnisse gestatteten chm nicht, wie et zweifellos gerne gewollt hätte, sich He Kunst im freien Berus zu wählen, deshalb widmete et sich dem Lehrfach, legte 1887 das Examen für Zeichenlehrer in Ber­lin ab und ging kurze Zeit nach seinem Militär- dienstjahr nach Offenbach, wo er ein Iaht lang Lehrer am Realgymnasium und an der Kunst- gewerbefchule war. Im Jahre 1890 wurde er als Zeichenlehrer an das Reue Gymnasium in Darm­stadt berufen und 1898 zum Oberlehrer beför­dert. Rebenher leitete er noch eine Reihe von Jahren Kurse für Lehrer des Zeichnens, sowie die Aktkutse an der Zentralstelle für die Ge­werbe in Darmstadt und war als Mitglied der Prüfungskommission für Zeichenlehrer tätig. In Anerkennung feiner ersprießlichen Berd enste auf diesen Gebieten war ihm der Pros essortitel ver­

liehen worden. Im Jahre 1914 ist Hoelscher aus dem Staatsdienst ausgeschieden. Gewiß haben die Aemter, die er gewissenhaft versah, chm viel Zeit zu freiem künstlerischen Schaffen geraubt, aber der Drang dazu ist trotz der jahrzehnte­langen Tätigkeit im Staatsdienst in chm lebendig geblieben. Mehrfach hat er sich zu Studienreisen beurlauben lassen, die ihn in seine obethessische Heimat, nach London, Paris, Holland ufto. führten.

Wenn man Gemälde von Richard Hoel­scher sehen will, so wird man sie, wie schon gesagt, sehr selten einmal auf Kunstausstellungen zu sehen bekommen: man findet sie aber in den öffentlichen Galerien, erfreulicherweise sogar in denen der engeren Heimat des Künstlers, in Gießen, Darmstadt, Mainz und Worms. Das Sprichwort vom Propheten, der nichts in seinem Daterlande gilt, trifft hier nicht zu. Man hat doch in dem ständigen Wechsel der Kunstströmun- gen in Hessen erkannt, daß hier eine Kunst aus der Tiefe des Volkes, eine echte Heimallunst xur Geltung kam. Als Schilderer des oberhessi- fc&en Bauernlebens steht der Künstler mit in vorderster Reihe. Er war schon früh eine in sich gefestigte Persönlichkeit, daher hat sich feine Kunst nur langsam und stetig entwickelt. War sie in ihren Anfängen unter dem Einfluß von Heinz Heim noch weich in der Farbengebung, fo hat daS Vorbild von Leibi ihr einen traft- volleren Eharakterzug verliehen, die Farben sind seitdem kräftiger, lebendiger und ausdrucksvoller. Seine Lehrtätigkeit ist vielleicht nicht ohne Ein­fluß geblieben aus feine vorzüglich entwickelte Zeichen- und Maltechnik. Hoelschers Stellung im hessischen Kunstleben wird von dem Kunsthisto­riker Dr. Erich ©rill, nachdem er dessen Schwälmer Dauerntypen, die er in allen Alters­stufen und Lebenslagen malte, charakterisiert hatte, wie folgt festgelegt. ..Sv setzte er ge­wissermaßen jene von dem Vlamen Pieter Br^ughel dem Aelleren. dem sog. Dauernbreughel. hn 16. Jahrhundert begründeten Kunstgattung fort, die später in den Bildern der Teniers

und Ostade oder Adrian Brouwer auSklingt und erst mit Millet um die Mitte deS vorigen Jahrhunderts in Rordfrankreich wieder auflebt, um schließlich von Vautier und Defregger nach Deutschland verpflan.t zu werden. Wie letztere sich bei der Wahl ihrer Typen auf Tirol be­schränkten, wie Leibi sie in der Dachauer Ge­gend und der leider au jung gestorbene Darm­stadter Heinz Heim sie im Odenwald suchten, so findet Richard Hoelscher seine Modelle und Motive ausschließlich am nördlichen Rande des Dogelsberges, wohin er immer wieder zurück­kehrt, um sich von dort Anregung und Stoff für neue Schöpfungen zu holen."

Gemälde Hoelschers in öffentlichem Desitz srnd u. a.Am Guckfenster" undÄaQenberge- rinnen in Gießen. Das Darmstädter Landes- mufeum besitzt:Heimarbeit", Ziehende Schatten". Die Schwestern", ,.Festkränze" und ein Stilleben. Die Städtische Galerie in Worms beherbergt denAlten Geiger". In Mainz, Kassel. Biele­feld und England sind ferner noch bemerkens­werte Bilder des Künstlers. In den letzten Jahren widmete sich Pros. Hoelscher auch der Freskomalerei: das Treppenhaus beS Realgym­nasiums in Darmstadt ist in dieser Weise mit Äibelungen-Fresken geschmückt. Zur Zeit ar­beitet der Künstler an einer umfangreichen Bilderreihe auS der germanischen Mythologie, die für die Augustinerschule in Friedberg be­stimmt ist.

Die figürlichen Darstellungen behaupten in dem Schaffen Hoelschers den Vorrang, doch gibt es auch vorzügliche Landschaften von ihm. ebenso Porträts: doch find Hefe stark in der Minder­zahl. Radierungen bieten u. <l dieJung­mädchenbücher" des Scherl-Verlags und Litho- graphien enchält die Mappe der Freien Ver­einigung Darmstädter Künstler (1901). Abbil­dungen von Gemälden des Künstlers brachten u. a die ZeitschriftenKunst für Alle". Die Kunst".Deutsche Kunst und Dekoration".Rhein­lande". sowieVoll und Scholle. E. B.