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Montag, 4. Zuti K92Z

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

M. (55 Zweites Blatt

Gietzener HochschuLgeselLscherft

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Tibet ist mit Indien heute durch Telephonlei­tung verbunden». Telephon und Telegraph sind britisches Eigentum. Die Staatsverträge, die Eng­land formell das Kaiserreich Indien mit Tibet schloß, laufen darauf hinaus, aus Tibet einen Pufferstaat zu machen. Bisher tvar man mit der natürlichen Mauer des Himalaya zufrieden und begnügte sich, im Himalayagebiet einige for­mal selbständige Staaten, wie Repal, Sikkim und

Bhutan, durch politische Agenten zu kontrollieren. Der politische Baum Indiens reicht nun mit sei­nen Vorwerken weit über die Himalayakette hin­aus, umfaßt noch das Tsangpogcbiet zwischen dem Transhimalaya. ilnZt die menschenleere, fast wüste Fläche Bordtibets (Tschang-tang genannt) ist die natürliche Mauer zwischen dem britischen Baum einerseits und dem chinesischen und russischen Baum andererseits.

der erhabenen Umgebung mitwirkt, dichterisch er­faßte, ewig gleichbleibende Menschenseele. Man gab Euripides, seine Alkestis, dieses Hohelied der Gattenliebe. Dem jungen König Admeto ist zu sterben bestimmt, wo er doch um alles lieber sein Leben lebte. Bur der freiwillige Tod eines andern könnte ihn vor dem Schicksal bewahren, aber niemand, niemand will für ihn ins Reich der Schatten hinabsteigen. Bicht die eigene Mut­ter, nicht der alte Bater, obwohl schon mit einem Fuße im Grabe stehend. Bur die Frar^ ist bereit, um ihrer unendlichen Liebe willen für ihn zu gehen, nur Bllcstis, obwohl sie damit auch ihre Kinder verläßt. Herakles, zu Gaste bei Admeto, holt sie, von solcher Opferwilligkeit ge­rührt, wieder herauf und wird damit zum eigent­lichen Helden neben der unmännlichen Figur des Admeto, aber das bißchen Handlung geht völlig unter in der einzigen, endlosen Sterbeszene, aus der eigentlich das ganze Stück besteht. Sie soll seinerzeit heftig angefochten worden sein, Uns Heutigen wäre sie in ihrer unaufhörlichen tra­gischen Ausmalung unerträglich, wenn nicht eben dieser versöhnliche Wunderhimmel mit seiner größeren Weite darüber sich dehnte.

Auch mildern die meisterhaft angesetzter, Chöre, die Musik und die rhythmischen Figuren­tänze der Hellerauschule.

Der Schöpfer, der Beubeleber dieses grie­chischen Theaters ist Ettore Bomagnoli, ein ge­nialer Kopf, der den Rotstift mit geschickter Energie zu führen und tote Stellen mit Musik zu umkleiden weiß. Man durfte gespannt sein, wie er nach Syrakus und Pompeji, diesen grie­chischen Bühnen, nun auf der römischen im alten Ostia seinen Mann stellen würde. Hier erwar­teten ihn durchaus andere Aufgaben, hier hört man den Herzschlag der modernen Großstadt, die in einer halben Stunde ihre Massen heraus­werfen und damit das antike Theater wie ein alltägliches besuchen kann, während es sich in Pompeji und Syrakus doch mehr um eine Art Festspiele für Fremde handelte. In Ostia ist auch des feineren griechischen Geistes wenig zu spüren, die römische Säulenwucht herrscht vor, es war eine Stadt des Verkehrs, des Handels, deS Imperialismus. Richt auf traumhafte Oliven­hügel fällt der Blick, er schweift hemmungslos hinaus ins Weite, ins flache Tiberdelta, in die

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Der große Pufferstaat.

An der Grenze Tibets.

Don unserem Dr. A. dl.-Sonderberichterstatter. (Bachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Darjeeling, Iuni 1927.

Die Himalayakette steht jeden Morgen einige Stunden vor uns im Borden. Der dritthöchste Berg der Welt, der Kinchinjinga, freilich hat um sein Haupt fast immer den wolkigen Schleier, der wie ein weißer Winkel weit nach Osten weht. Um den Mount Everest, den höchsten Berg, zu sehen, genügen die 2000 Meter Darjeelings nicht. Man muß höher hinauf und auch dann ragt jenseits der Bergketten Sikkims, zwischen Bepals Himalahariesen, nur eine kleine meiste Spitze empor von der einem bedeutet wird, es sei der Everest. Doch der Kinchinjmga ist mit seinen 8585 Meter nur 300 Meter weniger hoch als jener und nirgends von indischem Ge­biet sieht man den höchsten Berg in solcher Pracht, wie von uns aus den dritthöchsten.

Hier beginnt man sich nach der Ruhe des Winters aus den Sommer zu rüsten. Denn im Sommer zieht ganz Bengalen, soweit es euro­päisch ist unb nicht uirbedingt in der glühenden Ebene bleiben muß, heraus, wo die Höhe die südliche Lage ausgleicht. Die Temperatur Dar­jeelings unterscheidet sich nicht wesentlich von der Südeuropas. Im Winter liegt Reif, mit­unter auch Schnee. Die Vegetation erinnert an Italien und Iapan. Der zhpressenumsäumttz Ab­hang vor dem Mount Everest-Hotel, in dem ich wohne, köimte ein Stück Riviera sein, wenn inan statt des unendlich tiefen Tales sich das Meer dächte. Der Observatorh Hill und mehr noch die sich daran schließenden Parks haben aber mit ihren reizenden Koniferen und anderen Radelbäumen japanischen Charakter. Das sich auf einem langgestreckten Bergrücken kilometer­weit von Borden nach Süden hinziehende Dar­jeeling macht in seiner Bauart den Eindruck eines europäischen Kurortes: ein paar große Hotels, von öenen nur das Mount Everest- Hoter im Winter offen hält, viele Pensionen und eine Reihe Privatvillen, schließlich das Sommer- schloß des Gouverneurs von Bengalen, der im Winter in Kalkutta residiert, daneben noch cm Truppenerholungsheim und zwei englische Knaben- pensionate. An der Hauptstraße liegen euro­päische Geschäfte, Kaffees und Teeräume, als sei man in Adelboden oder Interlaken. Das einstmals berühmte buddhistische Heiligtum auf dem Observatory Hill ist nun nicht viel mehr als ein Milseumstück, zu dem man geht, um einmal an einem lamaistischen Denkmal gewesen zu sein.

Anders wird es, wenn man den Anhang etwas hinunter zu demBazar" genannten, von Kolon­naden umschlossenen Marktplatz geht. Besonders wenn es ein Samstag oder ein Sonntag ist. Alle Volkstypen des Himalaya sind vertreten. Don öiflim, von Bep al, von Bhutan, ja selbst von Tibet kommen die Leute, hier zu verkaufen und einzukaufen. Es sind breit gebaute, ge­drungene Gestalten mit mongolischen Gesichtern. Irden Mann, auch schon Kinder, schmücken die bunt bestickten, flachen Mühen: niemand ist über­haupt ohne Schmuck, und wenn es nur versilberte Ringe um die Fußgelenke sind. Die wohl­habenderen Frauen tragen fünf und mehr, so daß es bei jedem Schritt flirrt. Die indische tato, die englische Zigarettenindustrie muß sich hier sehr bemüht haben, und der größte Erfolg war bei den Frauen. Iede, auch die einfachste Frau, raucht ununterbrochen Zigaretten. Ich kenne keinen anderen Menschenschlag, dem man so auf den ersten Blick das Gebirgsvolk ansieht. Wagen gibt es natürlich nicht. Die Lasten müssen, soweit nicht Maulesel den Trans­port übernehmen, Menschen tragen. Und was diese Menschen tragen können, geht über jede Vorstellung. Dem Reisenden, der am Bahnhof unten in Darjeeling ankommt, reihen Frauen, ja Mädchen von zehn Iahren, das Gepäck aus der Hand, türmen selbst schwere Koffer sich auf d^n Kopf und schleppen so alles hinauf in die Hotels. Ein besonders auffälliger Unterschied zwischen den Indem und diesen mongolischen Bergbewohnern ist die Heiterkeit, die in schrof-

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Griechisches und römisches Theater.

Von Gustav W. ®b er lein.

Rach längerer Unterbrechung haben die Theater in Syrakus, Pompeji und Ostia ihre Vorstellungen wieder ausgenommen. In Pom­peji fand die letzte Aufführung am 23. August 1879 statt, es wurde unerwartet der. Feuer- vorhang gezogen. Der Bühne in Syrakus, der größten und herrlichsten der Welt, setzten die kriegerischen Zeitläufte zu, und den Thespis­karren in Ostia deckte samt der Hafenstadt der Sand ein. Es hat einige Mühe und noch etwas mehr Ueberwindung gekostet, den Zeitenschutt wegzuräumen, aber nun sind wir wieder so weit. Es wird gespielt.

Der Spielplan hat keine Aenderung erfahren, Euripides und Aeschylos, Sophokles und Aristo- phanes sind unsere Prominenten, von der furcht­baren Medea bis zum verulkten Sokrates zeigen sich alle unsere Lieblinge/, nicht fehlt der hei­teren, der ernsten Maske Spiel, den Ton auf Maske gelegt, der Chor tut nach wie vor seine Schuldigkeit und die Tänzerinnen scheinen auch während der kleinen Pause von fünfzehn oder achtzehnhundert Jahren nichts anderes getan zu haben. Rur das Publikum sieht etwas ver­ändert aus.

Wenn Originaltreue ein Vorzug ist, dann kann man eigentlich nur dem größten der drei Theater den Vorwurf machen, zu sehr mit der Zeit zu gehen. Es reinhardtelt etwas in Syrakus. Ich glaube nicht, daß fein griechischer Vorgänger dort so gewaltige Hintergründe aufgebaut hat, wo immerhin schon die Ratur mit Dingen vor­arbeitete, die sich vielleicht daneben sehen laufen : önnen, wie dem Meer und dem Himmel. Zwei Kulissen, die in Sizilien wie eine doppelte Cle- mentargetoatt wirken. Freilich, die immense Arena verleitet zur Fremdenattraktion, es mag einen 'Regisseur schon locken, den wohlhabenden Zu- <txiuern, die soeben Hamlet. in Frack gesehen haben, ein Theben in Syrakus vorzuspiegeln. Und wir erlebten die siebentorige Stadt, die tragische Gebärde griff uns ans Herz, es war ein kolossales Schauspiel nur nicht ganz echt. Zur historischen Echtheit fehlte das nicht nur archäologisch inter-

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essante, sondern, wie man auf den fernen Plätzen schmerzlich merkte, einfach notwendige Requisit der Maske.

Anders in Pompeji. Ein Amphitheaterchen von köstlicher Intimität. Denn nicht das große vor den Toren der ausgegrabenen Stadt hat man in Betrieb genommen, sondern eines, das die meisten Totenstraßenbummler übersehen. Welch eine Umwelt aber, die dem Halbkreis der Sitzstufen Relief und Charakter gibt! Der Zu­schauer sieht über die kleine Bühne hinweg un­mittelbar in die heroische Berglandschaft, die etwas an die Gipfelkette des Thunersees er­innert, Pinienschirme, von denen er später nicht mehr weih, wo er sie sah, bleiben tfjm förmlich plastisch im Gedächtnis, drei Säulen, ungleich gebrochen, stehen im beglückenden Blau, hoch über der Szene, und von dieser Höhe schreiten herab die Mädchen, denen er eine Minute später als Schauspielerinnen oder Choristinnen, Sängerinnen oder Tänzerinnen ins Auge sieht. So ist man der Gottheit nicht ferner als den Menschen, lebt in dem Spiel der Wirklichkeit und vermag sich der Erschütterung nicht zu erwehren, wenn eine Schwalbe sirrend durch den Raum segelt.

Wie gleichgültig wird da doch, was und wer gerade aufgeführt wird. Man denkt nicht, es mühte eigentlich Griechisch gesprochen werden, man vermißt die Masken nicht, denn hier toären sie fehl am Ort. Es ist alles so selbstverständlich, so überirdisch schön, als weile man im Gefilde der Seligen, wo niemand nach Ort und Zeit, nach Stand und Titel fragt. Wir stehen, wo andere bei einer anderen Aufführung vor zwei­tausend Iahren gestanden haben, es ist, als habe man nicht nur die Steine ausgegraben, das Pflaster, in dem noch die Radspuren zu sehen, sondern auch die Zeit. Es gibt keine numerierten Sitze, keine Logen. Drei Stufen vor mir sitzt ein König, der König von Italien, neben mir ein lustiger Bubikopf und auf der anderen Seite ein großer Mann, ein Senator. Unö die Schulweis­heit hebt den Finger: Alles anders als damals! Kein Senator hätte sich unter die Plebs ge- mhtgt, vom König nicht zu sprechen, und Frauen war der Zutritt überhaupt verwehrt! Aber du lächelst, du hast das Gefühl, so und nicht anders war es, muß es schon immer gewesen fein.

Vielleicht, dah dabei Unvergängliches neben

Die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen (Gießener Hochschul­gesellschaft) hielt am Samstagnachmittag im Universitätsgebäude ihre übliche alljährliche

Hauptversammlung

ab, die einen verhältnismäßig guten Besuch zu verzeichnen hatte. Die Universität war durch Se. Magnifizenz den Rektor Prof. Dr. Zwick vertreten.

Aus dem vom Vorsitzenden, Provinzialdirek­tor Graef, Gießen, erftatteten Iahres- bericht ging zunächst hervor, daß die Hoch- schulgesellschaft tm abgelaufenen Iahre außer dem Mitglied des Vorstandes, Generaldirektor Bergrat Dr. h. c. Groebler, Gießen, und dem Verwaltungsratsmitglied Geh. Kommerzienrat Dr. Bamberger, Mainz, noch eine größere Anzahl weiterer Mitglieder durch den Tod ver­loren hat. Das Andenken der Entschlafenen wurde in üblicher Weise geehrt. Ferner ist eine Reihe von Mitgliedern durch Versetzung oder Austritt der Gesellschaft verloren gegangen. Da­gegen stehen aber doch weit mehr Reuanmeldun- gen, so daß die Mitgliederzahl von 579 auf 626 gestiegen ist. Unter den neu gewonnenen Mit­gliedern befinden sich viele Kreisverwaltungen, Gemeinden und eine Anzahl von Handelskammern. Reuerdings haben auch einige Verbände aka­demisch gebildeter Beamten die Mitgliedschaft erworben. Außerdem sind verschiedentlich Vor­arbeiten für die Gründung von Ortsgruppen im Gange. Mit der Errichtung von Ortsgruppen erwartet man gleichzeitig auch eine Belebung der Vortragstätigkeit, die sich im Iahre 1926 auf Mainz und Alsfeld auswirkte.

Eine rege Tätigkeit entfaltete im letzten Iahre auch der W e r b e a u s s ch u ß der Ge­sellschaft zwecks Gewinnung neuer Mitglieder. Hierbei und zur Erhaltung des Interesses für die Gießener Hochschulgesellschaft bei den Mit­gliedern spielt das von der Gesellschaft her­ausgegebene Rachrichtenblatt eine wesentliche Rolle. Die finanziellen Verhältnisse der Ge­sellschaft können als günstig bezeichnet werden. Die Einnahmen im Vorjahre betrugen 51 325,81 Mark, die Ausgaben 49 364,81 Mark, das Ver­mögen hat sich gegen Ende 1925 von 7457,70 Mark auf 32 380,25 Mark erhöht. Die zu be­sonderen Zwecken gestifteten 13 400 Mk. wur­den ihrer Bestimmung entsprechend, dem In­stitut für Mineralogie und Petrographie, dem klassisch-philologischen Seminar und dem Bo­tanischen und physikalisch-chemischen Jnssitut zu­geführt. Die aus eigenen Mitteln ausgewor­fenen 4767,80 Mark wurden einer Reihe von Instituten und Seminaren zur Beschaffung von Instrumenten und Büchern, zur Förderung wissenschaftlicher Arbeiten, als Zuschuß zur Er­richtung eines Inhalatoriums in der Ohrenklinik und zum Ankauf einer Anzahl sehr wertvoller kappadokischer Keilschristtafeln zur Verfügung ge­stellt. Für den Bau des Kunstwissenschaftlichen Instituts wurden vom hessischen Staat 25 000 Mark und von der R. Lange-Stiftung 10 000 Mark gegeben. Dem Vorstand und Verwaltungs­rat wurde von der Versammlung einstim­mig Entlastung erteilt und von Se. Magni­fizenz dem Rektor der Universität noch beson­derer Dank für die im Interesfe der Hochschule geleistete Arbeit zum Ausdruck gebracht.

Bei den Wahlen zu Vorstand und Verwal­tungsrat wurden die ausscheidcnden Herren durch Zu.'ruf wiedergewählt, neu gewählt wurden: in den Vorstand Direktor Dr. Humperdingk (Buderus- Werke), Wetzlar, in den Verwaltungsrat General­direktor a. D. W einfach. Beuel a. Rh., General-

Campagna. Die Ratur kommt dem Schauspieler nicht zu Hilfe.

Zuerst beleuchtete auch hier die Sonne den Untergang der thebanischen Dynastie und Anti­gones Verzweiflung, aber der Eindruck war bei dem modernen Publikum nicht tief. Man fühlte, daß hier handfestere, sogar derbere Kunst am Pjahe wäre, römische. Und so rief man Ari- stophanes, den herrlichen Spötter, den Heinrich Heine seinen Vater nennt. SeineWolken", die passenden Masken dazu und Schauspieler, dir reden können. Der Witz des antiken Theaters lag in der Rede, in einer heute fast verlorenen Elo­quenz. Und es gelang.

Wo im fünften Iahrhundert vor Christi ge­lacht wurde, da lachte man 1927, an den gleichen Stellen der Komödie, wo es damals Seiteichiebe auf die Gesellschaft, auf Aerzte und Advokaten setzte, da fühlte man ins heutige Leben gegriffen, ein Beweis, daß die Kunst dort nicht veraltet, wo sie niemals veraltende menschliche Schwäch.u aufs Korn nimmt. Das Wagnis der Masken wurde zu einer Selbstverständlichkeit, nur die 24 rosigen Mädchenwolken wurden nicht verschandelt und auch diese Inkonsequenz gefiel. Auch mußten na­türlich an der saftigen Rede des sogar vor d<ntz Göttern nicht haltmachenden Spötters Striche vor­genommen werden, denn im Gegensatz zum Alter­tum waren natürlich auch die Frauen zum Besuch des Theaters zugelassen. Für diese zarte Rück- sichtsnahme revanchierten sie sich pikanterweise mit einer um so größeren Harmlosigkeit im Auf­treten. Kniefreie Mode und Amphitheater, das wäre überhaupt ein Kapitel für sich. Ein Blick aus den unteren nach den oberen Sitzreihen ent­hüllte mehr Formenschönheit als die vatikanischen Sammlungen und die Voyageurs sahen auch ihre verwegensten Wünsche erfüllt. Ein Aristophanes- jünger behauptete geradezu, das schönere Schau­spiel hätte man von der Bühne aus genoffen, während ein Professor der Archäologie feststellte, der klassische Reiz der Aufführungen liege darin, dah man sich im Altertum zu kleiden wußte.

Streiten wir nicht um Tunika und kniefreie Plisfeeröckchen, Chiton und Hemdröckchen, auch der Gegensatz zwischen moderner Zuschauerschaft und Sokrates in der Maske bat feinen Zauber Eine der rosa Wolken trat vom ehrwürdigen Travertin­pflaster Ostias unmittelbar in ein Auto über und ich muß sagen, sie nahm sich recht bei oratio aus.

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direktor Dr. Sirtes, Düsseldorf und Diplom-Jng. O. G ast e r t, Mainz.

Nach der Erledigung der Tagesordnung berich­tete der Vorsitzende noch kurz über die in der Bil­dung begriffene Ortsgruppe Worms und gab weiter der Hoffnung Ausdruck, daß für die Folge wieder größere Mittel für Hochschularbeiten zur Verfügung gestellt werden können. Vor allein sollen im nächsten Jahre aus Anlaß des zehnjährigen Be­stehens der Gesellschaft aus eingehenden Stiftungen und aus Lereinsmitteln der Universität größere Be­träge überwiesen werden. Die Landesversicherungs- anstalt Hessen hat bereits durch ihren Präsidenten einen Betrag von 10 000 Mk. zum Ausbau des mit der Universität in Verbindung stehenden Lupus^ beim es zur Verfügung gestellt. In der anschließenden Aussprache begrüßte Prof. Dr. Küster-Gießen die Bestrebungen der Wormser Freunde zwecks Gründung einer Ortsgruppe, er erwähnte weiter die von ihm im Interesse des Ausbaues der Organisation in der Pfalz unternommenen Schritte und behandelte zum Schluß noch kurz die Frage der ^Publikation. Provinzialdirektor Graef vertrat die Auffassung, daß es den Ortsgruppen überlassen bleiben müsse, aüd) Mchtmitgliedern den Besuch der Vorträge der Gesellschaft zu ermöglichen. Bezüglich einer durch­greifenden Publikation seien weitgehende Maß­nahmen getroffen. Dr. M e e s m a n n - M a i n z be­dauerte, daß es infolge der schwierigen wirtschaft­lichen Verhältnisse in Mainz noch nicht zur Grün­dung einer Ortsgruppe gekommen sei, er hofft aber auf baldige Ueberroinbung aller Schwierigkeiten.

Der Vorsitzende schloß hierauf die Versammlung mit dem Wunsche auf weitere günstige Entwicklung der Gesellschaft.

Im Ansäfluß an die Hauptversammlung sand im großen Hörsaal der Universität eine zahlreich besuchte

Festsitzung

statt. Nach einer kurzen Begrüßung der Erschienenen durch Provinzialdirektor Graef brachte ©e. Magni­fizenz der Rektor Prof. Dr. Zwick den Dank der Landesuniversität für das von der Gießener Hoch­schulgesellschaft und ihrem Vorsitzenden Geleistete zum Ausdruck! Es sei nicht nur wertvoll für die Uni­versität, daß sie Geld erhalte, sondern es sei auch wichtig, wofür sie es empfange. Erfreulicherweise habe die Universität durch die Gießener Hochschul- gesellschast bereits sehr wertvolle Zugänge beiom- men. Er hoffe, daß die Beziehungen zwischen der Universität und der Gießener Hochschulgesellschast auch in Zukunft immer die besten seien. Anschlie­ßend fanden zwei fefjr interessante Vorträge statt. Zunächst sprach Prof. Dr. Hauer-Marburg über

die gegenwärtige politische Lage in Indien. Der Redner weist zunächst auf die Tatsache hin, daß zwischen Deutschland und Indien insofern eine geistige Verwandtschaft bestehe, ols auch Indien, ebenso wie Deutschland, um die politische Freiheit ringe. Er beschrieb dann weiter die Mannigfaltigkeit der Gestalt in Indien in psy­chischer und politischer Beziehung und gab ins­besondere eine kurze Schilderung von Land und Leuten, Klima und Sprache in Indien. Redner griff dann auf die Geschichte Indiens zurück, Zweimal habe Indien ein Kaiserreich erlebt, nach dessen Zerfall auch eine politische Zerrissen­heit eingetreten sei. Er schilderte dann eingehend die religiösen Einwirkungen, insbesondere den Versuch der Mohammedaner, Indien zu bekehren und gab ein kurzes Bild über die in Indien ftatt» gesundenen schweren religiösen Kämpfe. Sodann besprach er die Ankunft der Engländer und die Ansiedlung von Handelsgesellschaften in Indien, I die zunächst eine Verwirrung der moralischen Haltung der Inder hervorgerufen haben. Die I von den Engländern getroffenen reaktionären!

fern Gegensatz zu dem langweiligen und stets verdrossenen Ernst der Inder steht. Indien ist das Land ohne Lachen. Kaum wo anders in der Welt wird man selbst so wenig lachende Kinder wie in Indien finben. Aber hier ist das anders. Hier lacht uiü) singt alles den ganzen Tag, imb manchen Abend hören wir bis tief in die Rächt vom Hotel aus das Singen und Iohlen der Volksfeste, die mit Tanz und vielerlei Feuerwerk verbunden sind.

Wir sind recht nahe an Tibet. Darjeeling ist nördlicher Endpunkt der Himalayabahn. Man braucht von Kalkutta fast einen Tag und eine Rächt. Der Zug verläßt abends Kalkutta und ist am Vormittag in Siliguri am Fuße der Berge: da beginnt die Bergbahn, die einen durch wunder­volle Urwälder, an prachtvollen Bergabhängen entlang, über aussichtsreiche Pässe diese 2000 Meter hoch bringt. Die Straße nach Tibet zweigt aber schon in Siliguri ab und nimmt einen anderen Weg. Deshalb wurden die Ex- peditionen nach Tibet, soweit sie von Bengalen aus unternommen wurden, in Siliguri und nicht in Darjeeling zusammengestellt, das doch näher an Tibets Grenze liegt.

Man müßte meinen, der bequemste Weg aus der nordindischen Ebene nach Tibet müßte den Lauf des Brahmaputra entlang gehen. Das ist nicht der Fall. Vielleicht hat der Leser auf der Karte schon einmal den Lauf des Brahma­putra verfolgt. An der indisch-tibetanischen Grenze ist auch noch auf den neuen Karten der Fluß- lauf gestrichelt angegeben, d. h. er ist geo­graphisch nicht genau feftgelegt. Man hat sich ja sehr lange darum gestritten, ob der das ganze südliche Tibet von West nach Ost durch- schneidende Tsangpofluß wirklich der Ober­lauf des Brahmaputra sei. Das ist in den letzten Jahrzehnten zweifellos feftgefteUt wor­den. Aber die genaue Vermessung des Laufes zwischen Tibet und Indien erfolgte m. W. auch in den letzten Iahren noch nicht. Der Grund dafür: Die wilden Abostämme, die eine Ärt Pufferstaat zwischen Tibet und Indien bildeten. Mancher Forschungsreisende und vor allen Dingen viele Missionare verloren ihr Leben bei dem Versuche, den Brahmaputra entlang von Assam, der nordindischen Provinz, nach Tibet zu kommen.

Heute freilich ist Tibet nicht mehr das ver­schlossene Land, wie bis kurz vor dem Kriege. Die Fortschritte der Engländer in dieser Beziehung sind bei uns weniger bekannt. Doch kann man heute von einer britischen Zone sprechen, die das gesamte südliche Tibet mit Lhasa, der Hauptstadt Tibets, umfaßt. Richt nur in Schigatse und Gyantse, den beiden Hauptorten des südlichen Tibets, sondern auch in Lhasa selbst sitzen engli­sche Beamten. Freilich nicht in der Verwaltung, aber doch als Agenten Großbritanniens. England spielte sehr geschickt die Selbständigkeitsbestre- bungen des Dalai Lama in Lhasa gegen China aus. Die staatliche Zerrissenhmt Chinas tat das übrige. Die chinesischen Truppen wurden mit eng­lischer Hilfe aus dem südlichen Tibet vertrieben.

Die englische Politik geht nicht auf eine Unter­werfung Tibets aus der militärische, finan­zielle und vor allen Dingen der Menschcnaufwand für ein solches Unternehmen stände in keinem Ver­hältnis zu dem wirtschaftlichen Wert dieser Rie­senfläche Innerasiensaber mit allen Mitteln wird England verhindern, daß sich in Tibet eine andere Macht, also vor allen Dingen nicht Ruß­land oder China, festsetzt. Ob das auf die Dauer glücken wird? Tibet hat politisch Jahrhunderte lang und Jahrtausende fang kulturell zu China gehört. Die Chinapartei ist in den Klosterburgen Tibets sehr stark. Der Dalai Lama hat mit Hilfe seiner britischen Freunde einige dieser Klöster zerstört, aufgelöst und ihre Ländereien eingezogen. Uebrigens mag interessieren, daß eines der eng­sten Bindemittel zwischen Tibet und China der Tee war. Der chinesische Tee, in Form eines Ziegelsteines gepreßt, ist in den chinesischen Rand- ländern bis nach Sibirien hinein Zahlun^mittel wie gemünztes Geld. Der Preis von Vieh und an­deren Waren wird in Teestücken berechnet. Der Tee-Export war in China Staatsmonopol, der Teehandel in Tibet aber Monopol der Priester, der Lamas.

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