Nr. 153 Erster Blatt
177. Zahrgang
Montag, 4. Juli <927
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener FamilienblLtter Heimat im Bild Die Scholle.
Monots-Vezugrpreir: 2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Siehe«.
Postscheckkonto: Zrankfnrt am Main 1168«.
Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: Vrühl'sche Universiläts-Buch- und Zteindruckerei R. Lanze in Sietzen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klameanzeigrn von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20 % mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.
Eröffnung der Koblenzer Rheinausstellung. Koblenz, 2. Juli. (WB.) Anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „Der Rhein, sein Werden und sein Wirken" fand heute nachmittag in dem mit Fahnen und Lorbeer festlich geschmückten Stadttheater ein Festakt statt, an dem zahlreiche hervorragende Vertreter des öffentlichen Lebens teilnahmen. Oberbürgermeister Dr. Russell begrüßte die Gäste. Alles, was die Menschen mit dem Rhein verbindet, so führte er aus, soll uns zeigen die wesentlichen kvirt- schaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Probleme des Rheins. Das letzte Jahrzehnt hat dem Rhein unermeßliches Leid gebracht; erst jetzt beginnt er langsam zu genesen. Die Geschicke des Rheins aller Jahrhunderte, vor allem aber des letzten Jahrzehnts, zeigen die Wertbedeutung dieses Stromes. Reichsverkehrsminister Dr. Koch übermittelte die Grüße und Glückwünsche der Reichsregierung und gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß> sich an der bisherigen Stätte, am Zusammenfluh von Mosel und Rhein sachkundige Männer vereinigt haben, um dem In- und Auslande zu zeigen, wie der Rhein wurde und welche Werte er schuf und schafft. „Wenn wir heute," so fuhr der Minister fort, „an dieser festlichen Stätte die Stadt Koblenz zu der wohlgelungenen Ausstellung beglückwünschen, so tun wir das um so lieber, als wir wissen, wie sehr gerade dieser, früher blühenden Stadt durch den Krieg und seine Rachwirkungen schwere Wunden geschlagen sind. Denn für uns ist die Ausstellung ein Symptom dafür, daß die Stadt Koblenz trotz cl er noch bestehenden schweren Hemmungen gez teil!t ist, sich die Grundlage für eine bessere Zukunft zu schaffen. Wir können daher nur wünschen und hoffen, daß es den Anstrengungen der Stadt gelingt, die traditionelle Bedeutung, die ihr als Sih der Verwaltung der Rheinprovinz zukommt, zu erhalten."
Ms Sohn des Rheinlandes übermittelte dann StaatZserretär Dr. Dönhoff die Grüße und Wünsche der preußischen Staatsregierung. Leider tonn e die preußische Regierung eine materielle Unterstützung nicht gewähren, da die notleidenden Gebiete zu zahlreich und die zur Verfügung stehenden Mittel zu klein sind. Sie wünscht aber aufrichtig, daß alle Hoffnungen, die sich an das Werk knüpfen. in Erfüllung gehen. Das Rheinland läßt sich nicht denken ohne Zusammenhang mit dem Deutschen Reiche. Der Weltkrieg hat den Gedanken der Befriedung der Völler wachgerufen. Es kann nichts förderlicher sein, als wenn an den lckfern des Rheins die Völ.cr sich besser als bisher schätzen und achten lernen. Das ist der beste Weg, um einen wahren Frieden herbeizufühcen.
Der Vertreter der Riederlande und Ier Schweiz, Ministerialdirektor He ringer aus dem Haag, gab seiner besonderen Freude Ausdruck, daß er bei dem Festakt ein Wort warmherziger Sympathie erklingen lassen und nicht nur für die niederländische Regierung, sondern auch für die Schweiz sprechen könne. Das Deutsche Reich, die Riederlanie und die Schweiz haben sich zusammengefunden, um den Strom, der die drei Länder verbindet, zu würdigen und zu ehren. Die Schweizer und niederländische Regierung legen Wert darauf, allen, die ihre Kraft für das Gelingen der Ausstellung eingesetzt haben, ihre besten Wünsche auszusprechen. Mit einem herzlichen Glückauf schloß der Redner ferne warmherzigen und mit großem Beifall, aufgenommenen Worte.
Darauf nahm der Schirmherr der Ausstellung, Oberpr.äsident Dr. Fuchs, das Wort zur Eröffnung der Ausstellung. Er be- tonie, wie er mit besonderer Freude als Ober- Präsident der Rheinprooinz, dem das Wohl von Millionen von Bewohnern anvertraut ist, und der amtlich die vielseitigsten Beziehungen zum Rhrinstrome hat, das angetragene Amt des Schirmherrn der Ausstellung übernommen habe. Möchten sich alle in das Werk gesetzten Hoffnungen erfüllen, möchte ein reicher Erfolg die Meister und Gesellen lohnen. Er schloß mit den Worten: „And nun öffne deine Pforten, große Schau von des Rheines Werden und Wirken, erhalte und stärke die Liebe zu unserer rheinischen Heimat. Bringe Glück und Segen uns, die wir trotz allem bauen und vertrauen auf eine glückliche Zukunft in einem freien Vaterland." Mit „Rienzis Gebet" von Richard Wagner schloß der Festakt im Stadttheater. Darauf begaben sich die Gäste zur Städtischen Festhalle und zur Rheinhalle, um dort unter Führung der Leiter der einzelnen Abteilungen die Ausstellung zu besichtigen.
Die Besichtigung der Osiunterstcmde.
Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".
B e r l i n, 4. Juli. Wie schon kurz gemeldet, wird Anfang dieser Woche General von Pawelß von Königsberg aus über Küstrin nach Glogau reisen und die zerstörten Unterstände besichtigen. Zu dieser Reise hatte er die militärischen Sachver- ständigen der alliierten Mächte bei ihren Berliner diplomatischen Vertretungen eingelaüen, die sich jedoch tagelang nicht entschließen konnten, die Einladung anzunehmen, so daß es fast den Anschein hatte, als würde aus der geplanten Besichtigungsreise nichts werden. In der ausländischen Presse fiel das Zögern ebenfalls auf, und man vermutete schon, daß vielleicht wieder die Botschafterkonfe-
Der Kampf um den Kartoffelzoll.
Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".
Berlin, 3. Juli. Die Freitagsitzung des Reichsrats verlief, obwohl es verschiedentlich so hingestellt wird, als wäre dieselbe eine Überraschende Sensation, wie man erwarten konnte. Der Reichsrat nahm den Antrag der preußischen Regierung auf Beibehaltung des Kar- t o f f e l z o l l s mit 37 gegen 31 Stimmen an, womit also, wie schon kurz gemeldet, die vom Reichsernährungsminister Schiele geplante E r- Höhung des Kartoffelzolls auf 1 Mark ab - gelehnt worden ist. Weiter lehnte der Reichsrat die Vorlage über die Erhöhung deS Zuckerzolls mit 41 gegen 23 Stimmen ab und nahm lediglich den Gesetzentwurf über die Ermäßigung der Zuckersteuer unverändert an. Dieses Resultat mußte in einer Institution, in der alle Länder des Reiches mit ihren persönlichen Interessen vertreten sind, in dieser Form ausfallen.
Damit ist in der Frage der Zollerhöhung eine ganz ähnliche Situation eingetreten, wie unlängst bei der Frage des Mieterschutzgesetzes. Das Reichskabinett hat sich nämlich nunmehr zu entscheiden, ob es gewillt ist, sich das Ergebnis der Abstimmung des Reichsrates zu eigen zu machen, oder ob die Reichsregierung, nachdem sie sich erneut mit dieser Frage beschäftigt hat, eine eigene Vorlage im Reichstag einbringen wird, so daß es in diesem Falle zu einer Doppelvorlage kommen mühte.
Das Reichskabinett ist zwar nicht vollzählig, aber in seinen Reihen sowohl wie innerhalb der vier Reigerungsparteien ist man sich einig darüber, daß die Regierungsvorlage in der Gestalt, die sie in langwierigen Verhandlungen des Interfraktionellen Ausschusses gewonnen hat, vom Reichstag angenvm- mest werden muß und wird. Man konnte auch in der Presse Angaben darüber finden, daß der Reichslandwirtschaftsminister Schiele in höchster Empörung sofort mit seinem Rücktritt und damit mit der Sprengung der Reichsregierung gedroht habe. An alledem ist, wie wir aus gut informierter Quelle vernehmen, kein wahres Wort. Innerhalb der Reichsregierung ist man sich einig, eine formelle Kabi- nettssihung hat gar nicht stattfrnden können, da verschiedene Minister abwesend waren.
Daß man sowohl im Kabinett wie innerhalb der Regierungsparteien allen Grund hat, der Abstimmung im Reichsrat kühl gegenüberzustehen, läßt sich darauf zurückführen, daß zu den Ländern, die gegen die Erhöhung des Kartoffel- und Zuckerzolls gestimmt haben, Sachsen gehört. Die Abstimmung Sachsens beruhte noch auf Instruktionen, die die vorige Regierung des Landes Sachsen ihr» Vertretung im Reichsrat gegeben hatte. Seither ist eine neue Regierung auf Grund der ganz Großen Koalition von den Deutschnationalen bis zu den Altsozialisten gebildet rvorden, und in dieser Regierung hat der Deutschnationale Krug zu Ridda das Wirtschaftsmini sterium inne, also in wirtschaftlichen Fragen den ausschlaggebenden Kabinettssih. Es gehört nicht allzuviel Prophetengabe dazu, um vorauszusagen, daß bei der nächsten Gelegenheit die Vertretung Sachsens im Reichsrat anders stinmren wird, als am Freitag.
Run war das Stimmverhältnis im Reichsrat am Freitagabend beim Kartoffelzoll 37 gegen und 31 für Erhöhung. Das Land Sachsen verfügt über vier Stimmen, wenn man diese nun von der Mehrheit ab und der Minderheit zurechnet, dann wird sich bei der weiteren entscheidenden Abstimmung im Reichsrat eine Mehrheit von 35 für und eine Minderheit von 33
gegen die Regierungsvorlage ergeben. Es ist richtig, daß das eine sehr kleine Mehrheit wäre, aber im Reichsrat ist man daran gewöhnt. Außerdem wäre es nicht unmöglich, daß sich der Einfluß der Zentrumsmitglieder des Reichskabinetts und der Reichstagsfraktion des Zen- truTns noch in gleicher Richtung in Baden geltend macht, wo das Zentrum in der Regierung, also in der Instruktion der Vertreter im Reichsrat ausschlaggebend ist. Was die Erhöhung des Zuckerzolls anbetrifft, so erklärt sich die große Mehrheit gegen die Erhöhung des Zuckerzolls aus der Haltung Bayerns, das jedoch keineswegs grundsätzlich gegen die Erhöhung ist, sondern am Freitag nur deswegen dagegen gestimmt hat, weil es eine Vertagung der Entscheidung darüber herbeigeführt wissen will, um erst einmal feststellen zu können, ob die Senkung der Zuckersteuer mit der Bereitstellung der Mittel für die Beamtenbesoldung vereinbar ist. Rur aus dem Grunde hat Bayern dagegen gestimmt.
Wenn also, wie verabredet, am Montag die Zolltarifnovelle im Reichstag zur Beratung gestellt wird, dann kann man bestimmt mit ihrer Annahme rechnen, und der Reichsrat wird dann
erneut vor die Frage gestellt werden, ob er Einspruch erheben will oder nicht. Rach Lage der Dinge ist mit Bestimmtheit darauf zu rechnen, daß der Reichsrat keinen Einspruch erheben wird, womit dieser Sturm im Wasserglase vorüber sein dürfte. Ein anderer Weg, gewiß nicht der leichtere, wäre, wie oben schon gesagt, der, daß das Reichskabinett in einer Doppelvorläge einmal der Abstimmung im Reichstag Rechnung tragen würde, und zum anderen seine eigene Vorlage einbringen würde. Möge sich nun das Kabinett entscheiden wie es wolle, eins muß nun aber doch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden. Das Zentrum sitzt in der Reichs- regierung, stellt den Chef des Reichskabinetts und ist zwar nicht die größte, aber seinem Einfluß nach die st ä r k st e Partei in der preußischen Regierungskoalition. Die preußische Regierung stimmt im Reichsrat fast unentwegt gegen die Reichsregierung. Man darf sich nicht wundern, wenn ein solches Verhältnis auf die anderen Koalitionsparteien auf die Dauer ungünstig einwirkt und den Versuchen der Oppositionsparteien, die Regierungskoalition zu stören, mindestens einen gewissen Schein von Berechtigung verleiht.
Amnestiedebatte im Reichstag.
Berlin, 2. Juli. (V. D. Z.) Der Reichstag tritt in die zweite Beratung des von ö^n Kommunisten eingebrachten Gesetzentwurfes über Amnestie für politische Straftaten ein. Der Ausschuß hat den kommunistischen Entwurf a b g e l e h n t und beantragt eine Entschließung, in der angeregt wird, im Gnadenwege noch mehr als bisher Zuchthausstrafen zu mildern, die vor der Milderung des Aepublik- schuhgesetzes vom 8. Juli 1926 verhängt wurden. Weiter wird die Begnadigung angeregt in den Fällen, die nur deshalb nicht unter das Am- nestiegeseh fielen, weil das Urteil nach dessen Inkrafttreten gefällt wurde. Schließlich regt die Entschließung die Einzelbegnadigung solcher politischer Gefangenen an, die infolge cklner - fahrenheitoderVerführung, oder weil sie die Tragweite ihrer Handlungsweise nicht überblickten, zu ihrem verbrecherischen Tun gekommen sind.
Abg. Höll ein (Komm.) macht dem Reichsgericht den Vorwurf, daß seine Rechtsprechung in Hochverratssachen einseitig gegen die Kommunisten gerichtet ist.
Abg. Dr. Frick (Rat.-Soz.) bezeichnet das letzte Amnestiegesetz als unzulänglich Die damals ausgenommenen Fälle von 1923 müßten endlich auch amnestiert werden. Der Redner beantragt zu der Ausschußentschließung eine Ergänzung, in der ersucht wird, aus Anlaß des bevorstehenden BO. Geburtstages des Reichspräsiden- t e n im Benehmen mit den Ländern eine umfassende Amnestie, insbesondere für politische Straftaten vorzubereiten.
Abg. Dr. Rosenberg (Unabhängiger Sozialist) erklärt, es sei nicht zu leugnen, daß von der politischen Justiz Rechts unö Links mit Der» schiedenem Maß gemessen werde. Er wisse aus eigener Erfahrung, daß die offizielle kommunistische Partei heute nicht die geringste Realgefahr für den Staat darstelle, daß sie mit ihrer romantischen Phraseologie bei der Arbeiterschaft diesen falschen Eindruck erwecke.
Abg. Landsberg (S.) erklärt, das letzte Amnestiegeseh habe seine Freunde nicht befriedigt. Während darin Zuchthausstrafen von der Amnestie ausgenommen wurden, fei Ehrhard, dem
wegen Meineids das Zuchthaus drohe, amnestiert worden. Aus dieser einseitigen Justiz ergäbe sich die Rotwendigkeit zur Beruhigung des Rechtsgefühls, periodisch Wiederkehrendel Amnestien zu beschließen. Die Sozialdemokraten würden dem kommunistischen Amnestieantrag zustimmen, ohne von der Amnestie die Straftaten der Schwarzen Reichswehr, der Organisation Consul und der Bahrifchen Einwohnerwehr! auszuschließen.
Im Hammelsprung wird mit 164 gegen 95 Stimmen der kommunistische Amnestieentwurf aß* gelehnt und die Ausschußentschließung unter Ablehnung des nationalsozialistischen Grgän- zungsantrages angenommen.
Cs folgt der Teilbericht des Haushaltungsausschusses über die von dcm Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten gestellten Anträge» auf
Erhöhung der Beamtenbesoldung.
Diese Anträge, die vom April, Juli oder August ab für die Beamten Abschlagszahlungen! auf die in diesem Jahre vorgesehene Besoldungsreform verlangen, sind vom Ausschuß abgelehnt worden. Der Ausschuß beantragt, daß die Vorlage der Besoldungsreform, sobald sie dem Reichstage zugegangen ist, dem Haushaltsausschuß zur Bearbeitung überwiesen wird. Sollte die Vorlage vor dem 1. Oktober nicht vom Reichstag verabschiedet werden können, so wird den Ausschuß vor dem 1. Oktober in einer Ermächtigung an die Reichsregierung Beschluß fassen, in welcher Höhe Abschlagszahlungen auf die künftige Besoldungserhöhung am 1. Oktober 1927 ausgezahlt werden können.
Abg. Scholz (D. Dp.) erklärt im Ramen der Regierungsparteien, daß diese die schwere Rotlage der Beamten anerkennen und von der Regierung eine Vorlage erwarten, die einen! Ausgleich für diese Rotlage bietet. Sie erwarten, daß die Besoldungsreform sich auch auf die Ruhestands- und Warte- standsbeamten erstreckt und daß sich auch die Länder und Gemeinden dem Beispiel des Reiches anschließen. Rach den Erklä-
r e n z eingeschaltet werden sollte, bis dann Ende der Woche die Regierungen ihr Machtwort sprachen und zur nicht geringen Freude der übrigen Sachverständigen dem Belgier und dem Fr a n z o s e n befahlen, General von Pawelß zu begleiten.
Interessant ist die Abneigung der Experten gegen die Reise nach dem Osten insofern, als sie um ihre gesellschaftliche Stellung in Berlin fürchten. Mit anderen Worten, sie geben offen zu, daß sie sich wegen der Besichtigung der militärisch völlig wertlosen Unterstände lächerlich machen und in der Hauptstadt in eine peinliche Situation kommen könnten. Immerhin, zwei Herren werden sich nun davon überzeugen können, daß die den Polen drohenden Gefahren beseitigt und die Betonklötze gesprengt sirch. Sie werden hierüber ein gemeinsames Protokoll anfertigen und ihren Regierungen zuleiten, so daß damit dann ein weiterer Restpunkt als erledig angesehen werden kann.
Neue irauzösische Sorgen.
Paris ,3. Juni. (WB.) Die französische Kolonialgesellschaft hat in einem Telegramm P r o t e st gegen die Absicht erhoben, Deutschland einen Sitz in der Mandatskommission zuzuerkennen. In diesem Telegramm heißt es: „Erregt über die Rachri cht, daß demnächst ein deutsches Mitglied in die Mandatskommission eintreten soll, protestiert die Kolonialgesellschaft energisch gegen eine derartige Eventualität. Besorgt um die Reaktion der öffentlichen Meinung, hält die Gesellschaft die Verwaltungskontrolle der Mandatskommission durch einen Vertreter der früher Kolonien besitzenden Mächte für gefährlich. Die Gesellschaft lenkt die Aufmerksamkeit
auf die unmittelbaren und künftigen Rückwirkungen einer Maßnahme, die der Ruhe des Mandatslandes schadet und infolgedessen den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der unter Mandat gestellten Bevölkerung behindern dürfte. Diese Maßnahme ist um so mehr zu kritisieren, als sie nicht auf Grund der freien Meinungsäußerung getroffen zu sein scheint.
Schwierigkeiten in Genf.
Bor einer Vertagung der Krcuzcrfrage.
Washington, 3. Juli. (2DIB.) Die amerikanischen Vertreter auf der Dreimächtekonferenz wurden angewiesen, sich gegen den britischen Vorschlag, die Kreuzertonnage auf 690 000 Tonnen festzusehen, zu wenden. Der amerikanische Vorschlag sieht eine Tonnage von 300 000 Tonnen vor. Es verlautet, daß, wenn Großbritannien auf der Ziffer von 6 oder auf 500 000 Tonnen bestehen sollte, Gibson gezwungen fein würde, seine Bemühungen für eine Verständigung e i n z u st e 11 e n. Gibson werde sich dann lediglich auf die Zer st örerund Unterfeebootsfrage beschränken, so daß die kreuzersrage auf das Jahr 1931 vertagt werden würde. In diesem Jahre sollen nämlich die fünf Mächte des Washington er Abrüstungs- abkommens zusammentreten, um die Bestimmungen des Abkommens einer Revision zu unterziehen. Man hosst, daß die britischen Delegierten die Konferenz nicht zum Scheitern bringen, sondern ein Kompromiß vorschlagen werden. Eine Festsetzung der Tonnage auf 400 000 Tonnen würde, wie man glaubt, für die vereinigten Staaten annehmbar sein.
Der serbisch-albanische Konflift beigelegt.
Die erfolgreiche Vermittlung der Mächte.
Tirana, 3. Juli, (haoas.) Das Albanische Pressebureau veröffentlicht folgende Mitteilung: Der französische Gesandte in Tirana, dem die Wahrnehmung der jugoslawischen Interessen in Albanien übertragen worden sei, habe im besonderen Wufiragc der jugoslawischen Regierung Samstag vormittag 11 Ahr den albanischen Minister des Aeußern aufgesucht. Er habe sich im Hamen der jugoslawischen Regierung die seinerzeit von dem jugoslawischen Geschäftsträger überreichte Roke z u - rückgeben lasten und eine neue Roke überreicht, die die von der albanischen Regierung als Beleidigung betrachteten Ausdrücke nicht enthält.
Als Erwiderung auf diese Rote erklärte die albanische Regierung, daß sie, um ihr Entgegenkommen j und ihren Friedenswillen zu zeigen, die Freilassung des verhafteten serbischen Dolmetschers Dschruaskowiksch angeordnet habe. Damit ist der albanisch-jugoslawische Zwischenfall erledigt. Dschuraskowitsch ist am Samstagabend freigegeben worden. Er wurde vom französischen Gesandten übernommen und reiste von Tirana nach Durazzo ab. Die albanische Regierung hat die Forderung gestellt, daß Dschuraskowitsch als Dragoman in den Dienst dec südslawischen Vertretung in Tirana gestellt wird.


