Ur. 2 Zweites Blatt
gettungsfchau.
Der Jahreswechsel gibt der gesamten deutschen Presse Anlaß zu den traditionellen Rückblicken und Ausblicken, die im allgemeinen eine gewisse Zufriedenheit mit dem Ablauf des Jahres 1926 und Zuversicht für die Perspektiven des Jahres 1927, wenn auch meist aus ganz verschiedenen Gründen, zum Ausdruck bringen. So schreibt Heinrich R i p p l e r in der „Täglichen Rundscha u":
„So ist der Weg zu Deutschlands Befreiung und Europas Befriedung von der deutschen Regie tung mit Klugheit und Zähigkeit, ober auch mit Erfolg in diesem Jahre weiter beschritten worden, trotzdem sich die Widerstände häuften. An seinem Ende stehen recht beträchtliche Ergebnisse, deren weitere Auswirkung im neuen Jahre wir mit Sicherheit erwarten dürfen. Wir haben uns trotz aller innerer und äußerer Anfeindungen nicht von dem Wege drängen lassen, den wir als den einzig richtigen und möglichen für Deutschland erkannt haben, und mir hoben auch die fremden Mächte auf der Bahn gehalten, die sie mit uns eingeschlagen hoben. Die so viel ongefeindetc Locarnopolitik hat sich durchgc.ctzt und ist h<ute kein eigentlicher Trennungsstrich mehr -wischen den Parteien. Das hat sich bei den letzten inneren Krisen immer wieder gezeigt, namentlich auch in der Erklänmg der Deutschnationalen, daß sie bereit seien, auf dem Boden der geschaffenen Tatsachen mitzuarbeiten. Die auswärtige Politik beginnt sich — das ist ein wichtiges Ergebnis des ab- aelaufenen Jahres — aus dem Parteienstreit der inneren Politik herauszuheben und gemeinsames Bekenntnis aller auf Bejahung und positives Schoi- fen gestellten Parteien zu werden, wie auch die Stellung des Außenministers heute kaum noch angefochten wird, so daß ihn die zu Weihnachten fällige, und deshalb von der Rechten und Linken prompt gc lieferte Ministerkrisis kaum berührt. Das neue Jahr wird die Entscheidung bringen, ob in Frankreich die Bereitschaft zur Verständigung oder der Wille *ur maßlosen Siegerherrschaft, der, wie Briand tn seiner Neujahrsbotschaft richtig sagte, zum Kriege führen muß, die Oberhand gewinnt. In dem Schlepptempo des Jahres 1926 kann keine wirkliche, die Seelen der Völker erfassende Verständigung zustande kommen, sondern nur ein Flickwerk, das im Augenblicke Schaden verhütet, aber in stürmischen Zeiten zusammenbrechen muß. Eine Locarnopolitik mit Aufrechterhaltung der Besatzung im Rheinland ist ein Unding und macht die bestgemeinten Versicherungen der Friedensoereitschaft zur Lüge. Dos Schandurteil von Landau hat aller Welt gezeigt, daß die Besatzung im deutschen Lande nicht der angeblichen Sicherung, die Frankreich gar nicht benötigt, dient, sondern der Erregung der Leidenschaften des bedrückten Volkes, der Anstiftung von Unruhen und der Vertiefung des Hasses und der Feindschaft. Das Rheinland muß im Jahre 1927 frei werden! Das ist die Forderung, die das verständigungsbereite deutsche Volk am Jahresschluß an Frankreich richtet. Die Wegnahme der Besatzung ist der Prüfstein für die Echtheit des französischen Friedenswillens. Je nachdem Frankreich sich entscheidet, wird das Jahr 1927 Schicksalsjahr. Wenn Frankreich bei der Gesinnung seiner Militärs verharrt, kann dieses Jahr das Jahr der Zerstörung schwerer und ernst ge- mnnter, von allen Völkern gebilligter Friedens- arbeit werden. Wir glauben aber an den Sieg der Vernunft und glauben, daß 1927 uns die Verwirklichung der Versprechungen von Locarno bringen muß, nachdem die Verständigungspolitik die schwe ren Stürme des Jahres 1926 überdauert hat. Mrge nach fünf Kriegsjahren und neun nicht minder schweren Nachkriegsjahren das Jahr 1927 die Tore aufwerfen zu einem ehrlichen Frieden, zu wirklicher Völkerverständigung!"
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Im Huoenbergschen „T o g" schreibt Frhr. von Medern in seiner Neujahrsbetrachtung:
.Ein Jahr liegt hinter lins, das wir lieber nicht durchlebt hätten. Mißtönend gellte das Geschrei politischen Klüngeltums und berufsmäßiger Volksverhetzer durch Stadt und Land, Verrat häufte sich zu Verrat, schmutziges Denunziantentum wurde zu geiferndem Helfershelfer deutscher Todfeinde. Seit 1918 wurde in keinem der vergangenen sechs Jahre so schamlos und offen Verrat am deutschen Lande in den Spalten der internationalistischen deutschen Presse getrieben, wie in dem Jahre 1926, wo es galt, endlich die entehrenden Fesseln der feind lichen Militärkontrolle zu lösen. Diese Tatsache überschattet alle Ereignisse der Tagespolitik und zeigt
Die Finsternisse im Jahre 1927
Don Dr. Friedrich Krüge r.
Während das Jahr 1926 ein finsternisarmes Jahr war und nur am 14. Januar und am 9. Juli Sonnenfinsternisse brachte, die allerdings in Europa nicht beobachtet werden konnten, wäh- rend eine Mondfinsternis überhaupt nicht eintrat. bringt das Jahr 1927 eine Reihe interessanter astronomischer Ereignisse. Es finden in diesem Jahr nicht weniger als drei Sonnen« und zwei Mondfinsternisse statt, sowie ein Merkurdurchgänge. Die erste Sonnenfinsternis (eine ringförmige) hat sich gleich zu Beginn des Jahres (am 3. Januar) ereignet, doch war sie nur auf der südlichen Hälfte der Erde wahrzunehmen. Dagegen bringt der 29. Juni für Europa, Rordasrika, Rordasien und einige andere Teile der Erde das eindrucksvolle Erlebnis einer totalen Sonnenfi nn st ernis. die von 4 bis 8.46 älhr morgend (mittlere Zeit Greenwich) währt, wobei allerdings erwähnt sei, daß für Deutschland ein kleiner Teil der Gönnen- scheibe vorn Mondschatten unbedeckt bleib:, da wir in der Zone der partiellen Finsternis liegen werden.
Totale Sonnenfinsternisse smd an sich keine Seltenheiten, denn fast alljährlich findet eine solche statt, aber stets anderswo. Der Streifen der Erdoberfläche, der total verdunkelt wird, ist etwa 200 Kilometer breit. Zu beiden Seiten dieser sog. Totalitätszone erscheint die Finsternis nur als teilweise. Die nächste totale Sonnenfinsternis für Deutschland findet erst im Jahr 1999 statt
England dagegen (genauer: Rord-Cngland) wird bei der am 29. Juni stattfindenden Sonnenfinsternis in der Totalitätszone liegen und man wird dort nach etwa 203 Jahren (!) zum ersten- mal. wieder einmal Gelegenheit haben, ein derartiges grandioses Raturschauspiel zu beobachten.
Die Astronomen werden sich die günstige Gelegenheit, die der nächste Sommer ihnen bietet, gewiß nicht entgehen lassen, sind doch, um derartige Finsternisse zu studieren, in den letzten Jahren wiederholt kostspielige Expeditionen aus-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, 4. Januar 1927
Die Erschließung der deutschen Archive.
Don Dr. W. Sy Sols, deutschem Botschafter in Tokio, ehemals Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.
Sie Vollendung der Großen Aktenpublikation des Deutschen Auswärtigen Amtes*) ist ein geschichtliches Ereignis. Im Laufe der seit der Veröffentlichung der „Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch" vergangenen sieben Jahre haben wir alle uns an die Preisgabe diplomatischer Dokumente zu sehr gewöhnt, um im Augenblick des Abschlusses des deutschen Archiv- wertes die Bedeutung dieses Vorganges noch gan$ unmittelbar würdigen zu können. Um zu der grundsätzlichen und tatsächlichen Bedeutung der Erschließung der Archive des Deutschen Auswärtigen Amtes die richtige Einstellung zu gewinnen. müssen wir in die Zeit vor dem Beginn der Veröffentlichung der deutschen Vor- kriegsakten zurückgehen.
Bevor die Deutsche Regierung den Entschluß faßte, aller Welt vorbehaltlos vertraulichsten Einblick in die Führung der Politik des Deutschen Reiches in den letzten Wochen vor dem Weltkriege und weiter zurück, sogar bis zum Frankfurter Frieden von 1871, zu geben, war das politische Aktenmaterial der Auswärtigen QI em ter aller Staaten gegen jeden Einblick hermetisch verschlossen. Hier und da faßte eine Regierung diplomatische Akten zu einem jener Farbbücher zusammen, die mehr dazu bestimmt waren, Zusammenhänge zu Der« jd) leiern als aufzudecken, hier und da durfte ein besonders bevorzugter Geschichtsforscher in die Akten eines historischen Teilgebietes, meist eines schon recht entlegenen, Einsicht nehmen, aber von einer vollkommenen Offenlegung des Aktenmaterials allerjüngster, allerneuester Vorgänge war bis dahin nie die Rede gewesen. Selbst die bei Ausbruch des Krieges von den Regierungen der kriegführender: Staaten her- ausgegebenen Weiß-, Blau-, Rot-, Orange- und Grünbücher verdanken ihre zunächst sensationellen Wirkungen auf das Laienpublikum nicht so sehr tatsächlichen Enthüllungen oder gar historisch schlüssigen Beweisen, als dem für die große Öffentlichkeit völlig neuen Reiz, im Original to 0 r 11 a u t zu lesen, wie die Diplomaten der Großmächte in solchen Zeiten schwerster politischer Krisen miteinander sprechen und verkehren. wie die Regierungen einander zunächst noch mit den Mitteln des Wortes und der Schrist bekämpfen, und wie die miteinander befreundeten und verwandten Monarchen versuchen. ihre persönlichen Beziehungen in die Wagschale der Weltgeschichte zu werfen.
Zum ersten Male einen wirklich tiefen Blick in die Werkstätten der Hohen Politik konnte die Welt tun. als die deutsche Regierung im Herbst 1919 die f »genannten „Kautsky-Akten". öie „Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch""), veröffentlichte. Auch dann noch empfand man unter den Fachleuten der Diplomatie. der Politik und der Geschichtsschreibung wie in der breiten Masse die Aufdeckung der Akten als eine gewaltige Sensation. Danach aber setzte die Fülle der Aktenpublikationen ein, die uns in den letzten sieben Jahren einen so märchenhaft reichhaltigen Unterbau für eine auf unmittelbarsten Quellen beruhende Geschichtsforschung geliefert hat. wie sie in dieser Art noch niemals hat betrieben werden können. Roch niemals haben die Zeitgenossen eines großen
•) „Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871—1914". Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtige:: Amtes herausgegeben von Johannes Lepsius. Albrecht Mendelssohn Bartholdy. Friedrich Thimme. 40 Bände in 54 Teilen Berlin 1924-1926. Deutsche Der- lagsgesellfchaft für Politik und Geschichte.
*') Die Deutsche:: Dokumente zum Kriegsausbruch 1914". Vollständige Sammlung der von Karl Kautsky zusammengestellten amtlichen Aktenstücke. mit einigen Ergänzungen. 3m Auftrage des Auswärtigen Amtes nach gemeinsamer Durchsicht mit Karl Kautsky herausgegeben von Graf Max Montgelas und Prof. Walter Schücking. 4 Bände. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin.
Krieges so schnell und so säst lückenlos d:e Ursachen dieses Krieges kennengelemt und noch niemals so genau über die Verantwortungen um diesen Krieg gewußt wie unsere Generation.
Darum ist die Vollendung der deutschen Akte:chublikatioi:. deren Schlußstein jetzt gelegt wurde, in Wahrheit ein historisches Ereignis, dessen 'Bedeutung nicht genug gewürdigt werden kann. In unserer schnellebigen und an Sensationen gewöhnten Zeit besteht leicht die Gefahr, daß die Mehrheit der Lebenden an einem solchen Ereignis vorbeigeht Das darf auf keinen Fall geschehen. Aktenpublikationen müssen dem Laien zwar auf den ersten Blick trocken und schwer lesbar erscheinen. Wer aber einmal ernstlich versucht hat, ein solches Werl zu lesen, wird erstaunt fein über d i c Weite des Blickes, die es ihm verschafft, wird gefesselt sein von den Momenten höchster Spannung, die nicht der Phantasie des Dichters entstammen, sondern dem Leben selber, er wird oft hingerissen sein von der Tragik der Ereignisse, die tatsächlich geschehen sind, deren Zeitgenosse er war, ohne ihnen in den Arm fallen zu können. und aus deren Ablauf er. hell wie in Scheinwerferlicht, erkennt wie seines Volkes, wie der Menschheit, wie sein eigenes Schicksal wurde. Wer gelernt hat. Aktenwerke zu lesen, wird immer wieder nach diesen Werken greifen, die das Leben selbst geschrieben hat. und wird erkennen, welch eine ungeheure Schule der Zukunft die Gegenwart in diesen Werken über jüngste Vergangenheit geschaffen hat. Allen denen. die aus Indolenz oder Ueberfättigvng an dem großen, feit 1919 entstandenen Aktenkorpus zur Vorgeschichte und zur Geschichte des Krieges vorübergehen, muß gesagt werden, daß sie sich nicht nur an der Gegenwart, sondern viel mehr noch an der Zukunft unseres Volkes versündigen. Roch keiner Generation ist auch nur ein entfernt ähnliches Lehrbuch der Geschichte beschert worden, und nicht nur der Geschichte als einer abstrakten Wissenschaft, sondern der Geschichte als praktischer Lehrmeisterin der Zukunft. Das deutsche Volk, dem dieses große Archiv seiner jüngsten Geschichte in gedruckter, jedermann zugänglichen Form beschert worden ist, hat in diesein Werke ein Mittel politischer Erkenntnis, wie kein anderes Volk. Die große deutsche Aktenpublikation ist geradezu eine Schule politischer Weisheit für alle, die in ihr zu lernen verstehen. Es gibt keinen Fehler künftiger Politik, dessen Vermeidung nicht in dieser Stelle gelernt werden könnte, und niemand, der mit klarem Sinn das Aktenwerk gelesen hat, wird ohne gewaltigen Gewinn an historischer Einsicht und politischer Reife den gegenwärtigen und kommenden Ereignissen einer Weltpolitik gegenüber- treten, in der wir zunächst weniger die Handelnden als das Objekt zu sein gezwungen find, aber das Recht freieren Handelns uns wieder erwerben müssen.
Wenn es möglich wäre, diesen Gewinn an politischer Reife jedem deutschen Staatsbürger der lebenden und der nächsten Generation zugänglich zu machen, so sollte man meinen, daß die deutsche Ration es vermöchte, an der Hand dieses Werkes Jahrzehnte, vielleicht e i n I a h r- hundert politischen Rückstandes wettzu machen Die deutsche Regierung kann diese Erkenntnis fördern, indem sie für die Verbreitung des Werkes in den Kreisen wirkt, denen es schwer wird, zum Ankauf des Werkes die nötigen Mittel zu finden. Sie wird darüber hinaus Sorge tragen müssen, das ungeheure Beweismaterial für Deutschlands Friedensliebe dem Auslande zuzuführen: wir dürfen uns nicht damit bcguügen, es gedruckt zu haben, sondern wir müssen es nun auch allen denen auf den Tisch legen, die über Deutschland belehrt werden sollen, vor allein aber denjenigen in aller Welt, die berufen sind, auf dem Wege der Forschungsarbeit die Wahrheit zu finden und sie überall da wiederherzust eilen, wo sie verletzt und verfälscht worden ist.
auf, daß mit dem Ansturm gegen die deutsche Wein macht die zersetzenden Kräfte im deutschen Volke noch einmal aufgebrodelt sind wie in der November rcDDltc 1918. Dieser Ansturm gegen die Reichswehr, als das letzte Bollwerk deutscher Wehrhaftigkeit und damit letzter Hort deutscher Ehrenhaftigkeit, drückt dem Jahre 1926 seinen geschichtlichen Stempel auf.
Ilm bU Jahreswende ist somit zur Frage ge stellt, ob bei diesen: Ansturm der Schlechten nn Lande wir, die deutschen Menschen, überrannt und zu Unfreien gemacht werden sollen auf der eigenen schölle, oder ob im Zusammenbruch des Unbeut schen die Bahn der deutschen Zukunft freigemacht wird. Auf dem weithin sichtbaren Platze des Reichs Präsidenten steht der alte Recke Hindenburg, der als preußischer Gcneralstabschef geschult ist an dem Pflichtbegriff eines Pork, Scharnhorst, Gneisenau. Wir glauben an ihn, daß er am Ende feines Lebens auch sein politisches Tannenberg schlagen wird Denn in dieser Regierungskrise um die Wende 1926/27 ist viel mehr an schicksalsmäßiger Beben tung für die deutsche Zukunft enthalten, als es bis her die breiten Massen ersaßt haben. Es ist viel mehr noch, als der Konflikt im Jahre 1861 für Preu- ßens Zukunft bedeutete. Denn nicht nur geht es darum, die letzte Waffe uns zu erhalten, sondern mit ihr auch den deutschen Geist der Wehr und Ehr', ohne den man dieses Land vorn Rhein bis zur Weichsel getrost Niemandsland statt Deutschland nennen könnte, und ohne den die Masse Mensch, die in diesem Landraum wohnt, an die europäischen Völker mit Nationalgefühl und Nationalgewisien sich selber meistbiekend verkaufen sollte.*
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Das Organ des Reichslandbundes, die „Deutsche Tageszeitun g", sagt:
„Im Hintergründe des Problemfeldcs liegt, das ganze Feld überschattend, der Dawesplan. In diesem anderen Brennpunkt laufen wiederum alle wirt schasts- und sozialpolitischen Linien zusammen. Eigentliche Entscheidungen über den Plan selber kommen für 1927 allen: Ermessen nach noch nicht in Frage: wohl aber müssen Regierung, Wirtschaft und öffentliche Meinung in Deutschland endlich ziel bewußt diese Entscheidungen vorbereiten. Einmal durch Aufstellung einer den wirklichen Tatsachen entsprechenden Wirtschaftsbilanz, die es auch dein Auslande klar macht, daß die angeblich schon in voller Gesundung begriffene deutsche Wirtschaft nicht nur keine lleberschüsse für die Reparation ab wirft und abwerfen kann, sondern bisher noch nanu hafte Zuschüsse gebraucht, um sich überhaupt auf rechtzuerhalten, zugleich aber dadurch, daß wir endlich unserer Handels- wie unserer ganzen Wirtschafts Politik entschlossen die Richtung geben, die uns der Mangel an Raum ebenso zwingend zeigt wie die Forderung deutscher Tribute an das Ausland. Die Fortsetzung einer Handelspolitik insbesondere, die die heimische Produktion, die die größtmögliche Siei gerung des Ertrags unseres heimischen Bobens preisgibt, bedeutet eine weitere Verengerung unseres Wirtschaftsraums, bedeutet zugleich die Unmöglich (eit, zu einer Zahlungsbilanz zu gelangen, wie auch eine vernünftige Regelung des Reparationsproblcms sie erfordert. Stärkste Entfaltung der heimischen Produktionskraft auf der einen, stärkste Rationalisierung der Arbeit, namentlich noch in der Export Industrie, auf der anderen Seite sind die elementaren Erfordernisse unserer wirtschaftlichen Gesamtlage. Regelung der Arbeitszeit, der Erwerbslosenfürsorge, des Steuer- und Kreditwesens, der Zoll- und Han delspolitik — alle diese Probleme hängen ja auf das engste zusammen: und sie können eine gedeih liche Lösung ^ur in der Richtung-Mden, die den Ideologien des Marxismus wie dem Agitationsbedürfnis der marxistischen Parteien direkt entgegengesetzt ist. Zu grundsätzlicher Entscheidung drängt auch das Problem des Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern und Kommunen. Auch hier wird nicht der Zentralismus der Linksparteien, sondern der Föderalismus die Richtung der Neuordnung weifen müssen, der auf der Rechten feilte stärkste Stütze hat und im Zentrum allmählich wieder zu neuer Geltung kommt."
Die „Kölnische Zeitung" knüpft an das Urteil von Landau an und sagt:
„Wenn auch die französische Regierung das Schlimmste zum Weihnachtsfest durch Begnadigung gutzumachen suchte, bleibt doch der Eindruck, daß heute, sieben Jahre nach dem Friedensschluß, ein Jahr nach dem Abschluß des Rheinpaktes, ein Vier teljahr nach unferm Eintritt in den Völkerbund, in
gerüstet und nach fernen Erdgegenden geschickt worden, wo eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten möglich war. Erinnert sei hierbei an die deutsch-holländische Sonnenfinsternis-Cxpedi- lion, die vor vier Jahren sich nach Java begab, um bei der Sonnenfinsternis vorn 21. September 1922 die Relativitätstheorie (nämlich die Behauptung Einsteins, daß der an der Sonne vorbeigehende Lichtstrahl eines Sterns eine Krümmung erfährt) nachzuprüfen. Ein Jahr später ging eine deutsche Expedition, der die gleiche Aufgabe gestellt war. nach Mexiko, um die Sonnenfinsternis von: 10. September 1923 zu beobachten. And schließlich sei noch daran erinnert, daß zu der Sonnenfinsternis vom 14. Januar 1926 auf Sumatra nicht weniger als acht internationale Expeditionen ausgerüstet wurden. Die Verfinsterung selbst dauerte etwa 3 Minuten! Für die meisten der Teilnehmer nahmen die Vorbereitungen, sowie die Hin- und Rückreise mehrere Monate in Anspruch. Hebet diese letzterwähnte Sonnenfinsternis schrieb Prof. Freundlich vom Astro-physikalischen Institut in Potsdam, der damals die Reife nach Sumatra unternommen hatte, u. a.: „Der Ablauf der ganzen Erscheinung war ungemein dramatisch, die Finsternis selbst so außerordentlich eindrucksvoll, daß. auch unabhängig von allen wissenschaftlichen Zielen. eine mehrwöchentliche Reise verständlich erscheint. nur um einmal im Leben Zeuge dieses wundervollen Phänomens zu fein."
Die dritte (partielle) Sonnenfinsternis bringt der 24. Dezember 1927, doch wird sie. ähnlich wie die ringförmige zu Beginn des Jahres, im Südlichen Eismeer und in den südlichen Teilen des Stillen, des Atlantischen und des Indischen Ozeans zu sehen sein.
Zwei totale Mondfinsternisse, die sich im nächsten Jahr ereignen (an: 15. Juni und am 8. Dezember) werden in Mitteleuropa sichtbar fein. Dagegen wird man in Mitteleuropa am 10. Rovember 1927 den Merkur- Durchgang (nämlich das Dorbeiziehen des Planeten Merkur vor der Sonnenscheibe) nur in der letzten Phase beobachten können.
An Kometen erwarten die Sternwarten für 1927 die beiden periodischen Kometen Pons
Winnecke und Schaumasse, zwei allerdings nur unscheinbare Himmelswanderer. Beim Durchgang der Erde durch die Bahn des Kometen Pons- Winnecke dürfte, wie schon in den Jahren 1915 und 1921. ein erhöhter Sternschnuppen- f a 11 zu erwarten fein. *
So bringt auch das neue Jahr am Himmel manches interessante Ereignis. Das bedeutungsvollste Datum aber bleibt jedenfalls der 29. Juni, an dem wir, vorausgesetzt, daß der Himmel klar ist, Augenzeugen eines unvergeßlichen Schauspiels fein werden.
Eine neue Verfassung der Technischen Hochschule in Darmstadl.
Das Hessische Gesamtministerium gibt bekannt: Auf Vorlage der Technischen Hochschule zu Darmstadt wird die Verfassung dieser Hochschule vom 2. Februar 1895 (Regierungsbl. von 1895, S. 5) aufgehoben und durch die nachfolgenden Bestimmungen erseht: § 1: Die Technische Hochschule soll die wissenschaftliche und künstlerische Ausbildung für technische und naturwissenschaftliche Berufe gewähren. Gelegenheit zur allgemeinen Bildung geben und Wissenschaft und Kunst pflegen durch Forschung und schöpferische Tätigkeit, 8 2: Die Technische Hochschule ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes. Sie ist dem Landesamt für das Bildungswesen unmittelbar unterstellt. § 3: Die Hochschule gliedert sich in folgende Abteilungen: 1. Abteilung für Architektur. 2. Abteilung für Bauingenieurwesen, 3. Abteilung für Maschinenbau, 4. Abteilung für Elektrotechnik, 5. Abteilung für Chemie, 6. Abteilung für Mathematik und Ratur» Wissenschaften. 7. Abteilung für Kultur- und Staatswissenschaften. § 4: Zur Aufnahme als ordentlicher Studierender wird verlangt das Reifezeugnis eines Gymnasiums, eines Real-' ghmnasiums. einer Oberrealschule oder einer diesen deutschen Schulen gleichgestellten Anstalt. Die Studierenden sind der Disziplinarordnung der Hochschule unterworfen. § 5: Die Studentenschaft ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes mit eigener, einen Teil dieser Bestimmungen bil
denden Verfassung, die durch die Senate und da- Landesamt für das Bildungswesen zu genehmigen ist. 8 6: Die Technische Hochschule hat das Recht, zu verleihen: 1. den Grad eines Diplom- Ingenieurs (Dipl.-Jng.), 2. die Würde eines Doktor-Ingenieurs (Dr.-Jng.), 3. die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber, 4. die Würde eines Senators ehrenhalber. Der 8 7 der Verordnung handelt von der Zusammensetzung des Lehrkörpers, 8 8 von den Verpflichtungen der Dozenten, die 8§ 9, 10, 11 von den Ab- teilungskollegien. 8 12 besagt: Der Rektor wird alljährlich vom Großen Senat aus der Zahl der noch im Amte befindlichen ordentlichen Professoren gewählt und ist vom Gesamtministerium zu bestätigen. Wird die Bestätigung versagt, so ist eine erneute Wahl vorzunehmen. Die §8 13 bis 17 umschreiben die Amtsbefugnisse des Rektors. Dem 8 18 zufolge besteht der Kleine Senat aus dem Rektor, dem Prorektor und den Ab- teilungsvorständen. Dem Rektor ist es gestattet, zu den Sitzungen des Kleinen Senats auch andere Dozenten und Personen mit beratender Stimme zuzuziehen. Rach 8 19 liegt dem Kleinen Senat u. a. ob, die Beschlußfassung über die von den Abteilungen ausgehende:: Vorschläge zur Besetzung erledigter Lehrstellen und über die Zulassung von Privatdozenten: vor Stellung der hierauf sich gründenden Anträge an das Landesamt für das Bildungswesen sind die betreffenden Beschlüsse dem Großen Senat mitzuteilen: die Verleihung der Würde eines Doktor-Ingenieurs, die Behandlung von Personalangele^enheiten, die Stipendienverleihung und die Studrengelderlasse. Den Großen Senat (§ 20) bilden die ordentlichen Professoren, die planmäßigen außerordentlichen Professoren, ferner die nichtplanmäßigen Professoren und Privatdozenten, die als Vertreter in die Abteilungen gewählt worden sind § 21 teilt die Gegenstände mit, die der Beschlußfassung des Großen Senats unterliegen. Der Schluhparagraph (8 22) erklärt, daß eine Aende- rung dieser Verfassung nur mit Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des Großen Ee a*s geschehen kann.
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