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Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gdethessen)

Nr. 251 Zweiter Blatt

Montag, 3. Oktober 1927

Der Hindenburg-Tag in Gießen

fol.

Dr.

mit

QC« her

Die Laudes-Universiläl an Hindenburg.

6e. Magnifizenz der Rektor Professor Rosenberg hat genern folgende 3 Tellgramm an den Reichspräsidenten gerichtet:

trug sodann noch ein zweites Gedicht .Hindenburg" von Georg Engel in vortrefslicher Weise vor.

Hieraus ergriff

Nnloersltälsprosessor vr. R o l o s f

das Wort zu seinem F e st o o r t r a g. Er führte u. o. aus: Hindenburg entstammt einem alten osipreußi- schen Adelsgefchlccht, das dem Vaterland schon viele tüchtige Offiziere und Beamte gestellt hatte. Er ging aus dem Kadettenkorps hervor und gelangte nach

Darauf hieb der

Ortsgruppenführer Spie* vomStahlhelm" die grobe Festgemeinde herzlich willkommen und tagte dann in seiner Ansprache u. a. nxUer: Der Herr Reichspräsident, unvergleichlich in feiner Bescheidenheit. Selbstlosigkeit, feinem Opfersinn und Pslichbewubtscin hat gewünscht von össent- lichen Feiern abzusehen und die dafür bcrcifgc- ft eilten Beträge wohltätigen Zwecken zuzusühren. Dennoch Haden wir eS uns nicht nehmen lassen, die'en Weihetag unsere- EhrenmitglledeS im L ahlhelm. de- besten Kameraden im D. O. B. (Deutscher Offizier-Bund) festlich zu begeheiv Selbstverständlich wird niemand unter unS sein Schm.lein für die Hindenburgspende vergessen. Wir wollen kein üppige- Fest feiern, sondern wir wollen diesen Ehrentag dazu benutzen. um eine Schar echt deutsch denkender und handelnaer Manner und Frauen, Mädchen und Gi'iigltnfle aud allen Schieb'.en unserer Stadt ohne Rücksicht auf Rang und Stand hier zu vereinigen al- Bild einer Dc3gemeinschast, wie wir sie imStahl­helm" umfassen, einer BolkSgemeinschaft, die alles Trennende zurückstellt, zersetzenden Klassenhab und Klasseniamps zurückweist und die nach dem großen Dorbild unsere- Hindenburg sich die innere und die äuHere Befreiung Deutschlands ?,um Ziele setzt. So wollen wir im Ausblick zu Hindenburg al- hen besten Deutschen, den ge­treuen Ekkehard, Kraft schöpfen, um überall her- fine Baterland-liebe, Sinn für Zucht und Ord­nung, Ehre und Pflicht zu wahren und un» da- feste Denrauen auf Deutschlands glückliche . lufunft zu erhalten. Da- will unsere heutige Feier. Wenn wir si« in diesem Sinne begehen, dann wird sie ein Geburtstagsgeschenk für unsren 'cichsvrfiioenten-Feldmarschall. da- einen wnr- i igen Platz in der Reihe der Festgaben bean- frueben kann. Wir wollen jeder an feiner Stelle mithefien, um das große vaterländische Ziel zu «rreicheil. DaS wollen wir geloben in folgendem Telegramm an den Reichspräsiden­ten, Generalfeldmarschall von Hin­denburg:

Dem Vater de- Vaterlandes zum 80. Ge­burtslage ehrfurchtsvoll« Glückwünsche. Gott erhalte Ew. Erzellem noch viele Zähre. Die hier versammelten viele hunderte deutsche Män­ner und Frauen geloben treue Mitarbeit an der Schaffung wahrer Volksgemeinschaft"

lich abgeneigt, die in einet Zett anbertr Ledens- und Macht Verhältnisse geschaffene Lage im Mittelmeer- gebiet den (Erforbcrntfien der Gegenwart anzupasfen. Diese Anpassung müßte natürlich durchweinen fried­lichen Ausgleich aller beledigten Staaten ge­schaffen werden, und sie würde, wie jede» Äompro» mitz. nicht alle Wünsche befriedigen. Aber es ist wahr, daß auf diesem Dege die sich grsähttich hau­enden Spannungen neutralisiert werden konnten.

Nicht umsonst hört man immer wieder Andeutun­gen von einer weitherzigen Umgruppierung des englisch-italienischen Kolonial- und Mandats- besitz«» im östlichen Mittetmeer. Nicht umsonst Nagt

eine ähnliche Ausgabe wie Hindenburg, zu er­füllen hatte Wir sind Hindenburg zu graßicm Dank verpflichtet für seine gewaltigen Leistungen noch aufjen, wie nach innen. E» gilt auch für ihn, wa» auf dem Blücherdenkmal zu 'JioftcJ stehtvm Harm und Rrtcg, in Swrz und Not, bewußt und grob, so nh er uns vom yeinbe los." Brausender Beifall dankte dem Redner für seine markige An- proche.

Frau Dr Fischer und Herr Herr mann brachten hieraus in vortrefslicher Weise da» Larghetto" und denDeutschen Tanz" von Mozart zu Gehör. E» folgte dann der ein- drucksvolle Vortrag de» GedichtsMein Glaube" von B v. Selchow durch Studienrat Dr. Mül- I e r. Sehr beifällig ausgenommen wurden auch die letzten beiden Musikvorträge:Tu bist die Ruh' von Schubert undElfentanz' von Popper. Tic beiden künstlerischen Kräfte, Frau Tr. Fischer und Herr yjerrmann, die auch diese Vorträge übernommen hatten, brachten als Zugabe nochmals den Teutschen Tanz von Mozart.

Ter 1. Vorsitzende, Prof. Dr. Rrausmüller, dankte in seiner Schluhansproche allen, die zum Gelingen de» Festabend» beigetragen hatten.

Ehrung durch die allen Soldaten.

Spanien gerade über bk französische Unduldsam­keit hi der TtaroUofroge und bas mangelnde Ent- gegen kommen Frankreich» gegenüber den spanischen Wünschen in Tanger. Es wäre verfrüht, heute schon Folgerungen au» dieser Lage zu ziehen. Aber e» kann deutlich festgestellt werden, daß das oielbe- sprochene Sicherheitsproblem, das noch lange nicht aus den Abrustungsoerhanblungen ausgeidellet fit. emen neuen Brennpunkt gefunden zu haben scheint. Einen Brennpunkt, der nicht mehr in Mittel­europa und auch nicht eigentlich im Osten, sondern im Mittelmeergebiet liegt.

KansteichsZicherheitsbediirsnis am IHirtelmeer.

von unterem diplomatischen L-N.-Berid^terftatter. (Nachdruck auch mit Oeflenangabe, verboten.)

Gens, 1. Oktober 1927.

wjUin bat viel geredet über di« unliebsame Der- ouickung der Abrüstungsfrage mit dem Slcherheitsprodlem, man hat sich darüber (xftntien, welches vor dem anderen zu regeln wäre, und man hat ja auch eine Kompromißlösung ge­lungen die die An der Zusammengehörigkeit von Sicherheit und Abrüstung 6otumenturt. Die deutsche Oeffenttichkeit scheint zu glauben, bafe mit diestr Rompromtfcformel der trogen mitzbrauchlichen Be- Nutzung der Sicherst''tswünsche zur Verhinderung der Abrüstung ein Ende geniadst werde. Aber man aeljt habe! wohl von der falschen Voraussetzung au», daß Front:eich bk Erinnerung an die secu- rik immer nur im Hinblick aus seine Grenzen zu

Der 80. Geburtstag bei Reichspräsidenten von Hindenburg wurde gestern auch In unse­rer Stadt in würdiger OTrle begangen. Dem Wunsche de- Präsidenten entsprechend. hatten die Behörden von ossiziellen Feiern al^gelehen. Da- sür waren von anderer Seite private Ehrungen veranstaltet, die einen denkwürd'^en Verlauf nahmen' über diese Feiern bercht.-n wir weiter unten. Zu Ehren des AeichSpräsik-enten wiesen die Straßen der Stadt zahlreichen «jlaggenfchrnuck aus' die amtlichen ®ebäu'*c hatten ixe Reichs- slagge gehisit. während auf den mi( türischen Ge­bäuden die ReichSkriegSllagge und nach der neuesten Anordnung de- Reich»wehrmin sterS auch die RcichSflagge Schwarz-rot-gold zu sehen war. Am Bormittage um 10V-- Übr fand auf dem Hofe der Zeughauglaserne ein Appell der gesamten Garnison statt, daran anschließend war in der IohanneSkirche für die evangelischen Trup- penangehörigen besonderer Mil.tärgotteSdienst, während die kathvNschen Soldaten der Messe in der katholischen Kirche beiwohnten. 3n der Mittagsstunde versammelte sich bei einem fest­lichen Mil tärkonzrrt . m L ebigDcn'mal eine gr h Menschemnen«. Zn den ^ormittag--Gottes- diensten her Zivilbevölkerung wurde in den Pre­digten. wie auch fürbittenb im Debet de- Herrn Reichspräsidenten von Hrndenbirrz gedacht. Die LandeS-UniversitSl bekundete in cipem Glück- wum'cch-Tclegramm an den Präsidenten ihre ehr­furchtsvolle 6 nebenbeit 3m einzelnen ist fol» gendes zu berichten:

jlänzenber militärischer Laufbahn zu einer der jöchsten Stellen, die cs im alten Heere gab. In ein- jeweibten Kreisen galt er als befähigter, tüchtiger )ffizier von lauterem Charakter Ohne den Krieg, der ihm Gelegenheit gab, seine Feldherrnkunst zu zeigen, wäre H ndenburgs Name aber einer grö­ßeren Oefsentlichkeit unbekannt geblieben. Man stellte ihn vor die austerordentlich schwere Aufgabe, die Vernichtung der deutschen 8. Armee durch die russische Uebecmacht abzuwenden. Hindenburg zeigte, als er diese Ausgabe zu lösen begann, ruhi­ges, klares Urteil, eiserne Entschlossenheit und Kühnheit. Mit rücksichtsloser Verwegenheit ergriff er die notwendigen Mahnohmen. Ter Erfolg gab ihm recht. Er umgmg in der Schlacht bei Tannen­berg mit viel schwächeren Kräften den viel stär­keren Gegner und vernichtete ihn. Diese Schlacht war ein ungeheures Ereignis. Damit errangen die deutschen Truppen mit einem Schlag die moralische Ucbermacbt über die Russen. Das Zarenreich wurde in der Folgezeit niedergerungen. Hindenburg war der populärste Mann Teutschlands Mit der Größe der strategischen Leistung verband sich aber mich die Größe des Menschen. Die innere Pc- scheidenbeit hat ihn nie verlassen. er ist bei aller Vornehmheit der einfache Mann geblieben, nie hat man einen Zug von E tclfeit bei ihm gefunden. Ihm fta-'b aber noch Schweren bevor. Deutschland unterlag trotz oller Siege der U. rme stt. Hinden­burg sah seine Ideale am £kXn liegen Der Augenblick des Zusammenbr'. chs s- Ute an ihn die höchste Anforderung, er mutz'e sich entscheiden, ob er den Gewalten sich zur tuet* igunM stellen wollte, die setzt in Teutlchlard die Macht hatten. Menn er sich ihnen versagte, wenn er die zfrmee sich selbst überließ, bann wäre die größte Unordnung, wo- möglich der Bürgerkrieg, die Folge gewesen. Er hat keinen Augenblick geschwankt. Wie mag sein Herz geblutet haben, als er selbst die Hand dazu bieten mußte, die Armee auszulösen! Er hat sich selbst überwunden. Das Vaterland stand ihm höher als Ne Staatsform. Den inneren Kamvf hat er in der Einsamkeit oiisgefochten. Sein Pflichtbewusstsein und seine Würde haben alle Gegner, die nach dcm Kriege gegen ihn auftrat-n, entwaffnet Seine Vor- nebmbeit und seine Reinheit haben Ihn auch an den Plcitz gestellt, auf dem er heute steht Das deutsche Volk wollte eine ausgeprägte Persönlichkeit als Führer haben. Darum berief es Hindenburg an die Spitze b< 3 Reiche. Der Monn, der In oft im n-.-'j, risch en Lben im rechten Augenblick den richtigen Entschluß faßte, hat dies auch oft schon im politi­schen getan Das Volk hat also damals richtig pe- wählt? Hindenburg steht über den Parteien. Weil man seine Pflichttreue, fein gesundes, klares Urteil kennt, deshalb kann keine feiner Handlungen unbe­achtet bleiben Das zeigt fein Auftreten in der Frage der Schuld nm Kriege. Bei der Betrachtung der Perfönlichkeit Hindenburgs werden mir unwill­kürlich an den alten Kaiser Wilhelm erinnert, her ebenfalls durch seine menschlichen Eigenschaften

Deutschland gememt habe.

Da» ist, roe mir prominente Mitglieder der franzostschen Teicgatien versichert haben, durchaus nicht der Fall. Es sei rin Irrtum, wenn man meint, die frunzosische Delegation heg« dm Wunsch nach weiteren Garantien ^genuber Deutschland. Hier genüg« der Cocarnoocrtrag vollkommen, und in Frankreich sorge sich niemand um die Grenze zu Deutschland. Besorgt um seine Genze mit Deutsch­land muß, so tagte man mir, nur Polen sein. Deshalb versucht man auch, einen Garantiepakt im Osten zu schäften. Besorgt um Frankreichs eigene Gr e n z e n ist man nur gegenüber 3 t a den. Wenn die Franzosen in der vorbereitenden Abrüstungskommifsion über die Abrüstung unter dm gegenwärtigen Bedingungen tatsächlich vorhan­dener Sicherheiten sprechen werden, jo »»erden sie sofort auf den Widerspruch Italien» stoßen, weil Frankreich nach dieser Rictstund wegen des Fehlens jeglicher (Garantien nicht abrüsten kann. Es ist tm (Begenteil sogar dazu gezwungen, die Rüstung zu v e k st a r k e n , rnn im Rotfall an zwei fronten kämpfen zu können Die Reform der italienischen Armee, di« im Jahre 1929 beendigt sein soll, ist so gedacht, daß das italienische Heer, was Bewossnung anlangt, dem französischen gleichwertic, ist und W- gleich einen stärkeren Mannschaftsbestand als Die Armee Frankreichs atstweist.

Di« Franzosen haben um di« Verflechtung und die dufrcdkrhaltung der unteilbaren Einheit zwi­schen Sichert und Abrüstung mir deshalb so zäh gekämpft, weil sie alle mit Sicherheit zu erwarten­den staiienischen Einro-ndungen dadurch widerlegen könnten, daß sie Italien einen TI ittelmeer- pakt zwischen Frankreich, Italien, Südslawien und Griechenland vorschlügm. Ein Pakt, der v o n England garantiert werden konnte. Italien würde die 'Verantwortung für das Aufstiegen der Abrüstungskonferenz durch die Ablehnung eines folchen Paktes gewiß nicht auf sich nehmen. Außer­dem wäre eine solche Weigerung der klar« Beweis dafür, daß nicht Frankreich die 'ÄbriHtung sabotiere. Einen vollen Erfolg von der Abrüsttingskonferenz Dtrfprcchcn sich die Franzosen nur dann, wenn das Sicherheit.'Problem vocher gelöst ist. Aber sie sind auf jeden Fall bereit, mich unter den gegebenen, imvollkommenen Sicherheilsbedingungen über die Abrüstung zu verhandeln, selbst wenn das Ergebnis naturgemäß nicht völlig befriedigend fein kann.

Soweit di« ©tcUunanahm« der französischen De­legation. Die Engländer erklären bemgegen- über, daß sie feine einzige Sicherheitsyarantie n.ehr übernehmen kannten. England hat nichts dagegen und wiwscht c» sogar, daß die europäischen Staaten

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selbst kann neue Verpflichtungen nicht mehr über­nehmen. Die einzig« Ausnahme dürfte berTtittel- m c c r p a t t sein.

So die Engländer. Wir können als Kommen- fnr hierzu wohl sagen, daß der Mittelmeerpakt, für den England die Garantie übernehmen würde, wahrscheinlich anders aussehen müßte, als der P^itt. der dan Franzosen vorschw'bt. Die Fran- zosen wollen von einer Lösung der vielen im Mittelmeergebiet ungelöst schwebenden Probleme nichts wissen. Sie wollen sie einfach beiseite räumen durch die glatte Garantie des gegenwär­tigen Zustands. England dagegen ist nicht grundsätz-

SNcrrn Reichspräsidenten von Hindenburg Berlin.

Die Hessische LandeSuniverfität in Gießen bringt Eurer Erzellenz zur Dvllendung des acht­zigsten Lebensjahre- in Ehrerbietung und Dank­barkeit die herzlichsten Glückwünsche dar.

Der Rektor: Rosenberg."

Fe»er der Deutschen Dolkspartei.

Dl« hiesige Ortsgruppe der Deutschen 23 o (f sparte! veranstaltete am Freitagabend anläßlich des Geburtstages unsere» Reichspräsideoten «ine Familien­feier.

Im Auftrag bt» 1. Vorsitzenden, der durch die lange Stadwerordnetensitzung n'cht gleich anwesend sein konnte, begrüßte Lnndg richtsd'rektor Schudt die Parteifreunde. Er wies darauf hin, daß die Partei, dem Wunsche Hindenburgs folgend, von einer größeren Veranstaltung abgesehen habe, den lag aber nicht vorübergehen lassen wolle, ohne seiner in schlichter Weise zu gedenken. Der wir- kungsvolle und fehr beifällig aufgenommene Vor­trag desCargo von Händel durch Frau Dr. Fischer IKlavier) und Steuerassistent Herr- mann (Cello) leitete die Feier ein. Studienrat Dr. TI ü l le r trug alsdann packend das Gedicht .^Hin­denburg von Salewski vor. Großen Beifall fand auch Frau Prof. Logue ur, die stimmungsvoll ein Volkslied und zwei Lieder von Hugo Wolf fang-, die Begleitung der Gesänge hatte Prof Dr. L a q u e u r übernommen. Studienrat Dr Müller

Anläßlich de- 3). Geburtstage- de- Reichs- präftoenten, Generalieldmarfchall- von Hin­denburg veranstalteten .Der S t a bI b e lm' Bund der Frontfolbaten und der Deutsche Osfizier-Bund am SainSiagabend im Saale de- Lase Leib eine sehr stark besuchte. eindruckS- volle Feier. Der mit Fahnen in den alten Reichs- iaiben und in den hei>t;chen LandeSfarbcn ichmückte Saal war vollkommen besetzt, auf Bühne sah man inmitten guter Dekoration großes Bild de- Feldmarschalls.

Die Kapelle Topp leitete di« Feier einem Atmeemarsch und einer Ouvertüre

Revue der Eitelkeit.

Bon Softe von Uhde.

Berlin, Anfang Oktober.

Sn Berlin ist eure Art Epidemie ausgebrochen, eine recht lietxn-würdige, voll Dust uno Glanz, da- muh man fagcit, aber von ganz verheere.r- der AnsteckungSkraft. ö;e ergreift vorzugsweise da- weibliche Geschlecht aller Altersstufen, bei den Mannern ist sie mehr fehmbärer Art. Un­möglich zur Zeit mit einer Dame in Berlin ein vernüi»fttgeS Wort zu reden, fei sie die würdige ®rDpmutter Rugby spielender Enkel oder ein windigerflappcr. Kaum haben Sie den Mund aufaemaebt. um beispielsweise über Aetherwellen- Umsttz mit ihr zu reden und beginnen: .Haben Sie schon", so sehen Sie sich bereit- stürmisch unterbrochen: .die Modeauästellung ge­sehen, meinen Sie? Aber Gott, natürlich doch, ich bin jeden Tag zweimal draußen!" Und nun ergießt sich ein Suada der hellsten Begeisterung über Sie.

Gehen Sie auf dem Kurfürstendamm spazieren und begegnen Bekannten, so werden Sie nicht mehr begrüßt wie ehedem: .Oh. guten Tag, entzückend, daß ich Sie treffe I sondern ehe Weeden atemloö bei der Hand ergriffen: .Lieb­ste. diese ModeauSsteftung!! Ich bin ganz boul «versiert! Ich träume Tag und Rächt davon I RäcbstenS werde ich mir eineß dieser echt gol­denen Klsider anicheften." Unb der Gatte mit den Rügen befragt, bestätigt'- melancholisch

Wenn- Sie eine Zeitung öffnen: Die Mode der Dame' Denn Sie vor den clegantrn Läden der Eich oder des Westens stehen: Hinweisung auf die Ausstellung? Und wen?: Sie sich mit einem obrer Freunde ein Rendezvous geben, so wagt er fcho:t ganücht mehr. Sie au? irgend einen Tanztee zu bitten, sondern er meint er­geben: .Dir werden wohl auf die Modeausstel­lung geben?"

och habe mir vorgenommen, dieser aktuellen Epidemie nicht zu unterlegen, und da ich meinet Statt nicht so ganz traue, bm ich zunächst der Rettung überhaupt fern geWiebctv Aber das ^efrt ja nicht auf die Dauer, man kommt sich ia in einer Weise antiquiert vor. wenn man für.? Tage nach der Eröffnung immer noch nicht dort

war, man wagt es garmemembea zu sagen. Hnb schließlich begibt man sich, mit Dista-« gewappnet aber doch ein wenig erregt, zum Ausstellungs- gelande am Funkturm.

Eie glauben in den Gärten der Semir am iS zu fein! Der zarteste blaue Himmel der Welt, lauter duftige Tülkvolken verhüllen die faW- kvnsiruktive Form der Halle. Und wa- da schimmert an sanftem Seiden glanz und hellem Leuchten goldener Brokate, an weich riefelnden Spitzen und kostbar schwerem Fall der Pc'.ze. an Blüten, Bändern und Agraffen. daS ist wahrhasttg eine Sinfonie weiblicher ©tcEteiten! Alle Typen Signierter Kleidung sind hier in er­lesenen Modellen vorgeführt, vom aufrauschen- txm Abendkleid, bis zur sportlich herben knappen Linie des Straßenkomplets dazwischen die zur Eleganz unerläßlichen bunbert Klerni^eiten. Man schaut und wandert und vergißt völlig die Zeit.

Gütiger Himmel, wie ist mir denn? 3<b glaube. bie[e verdammte Epidemie hat mich nun auch ervnstytl Mir ist ganz heiß und tn einer Weese deg^rlich daß es schon bedenklich tftl Bielleicht bringt mich die Eau de Cologne- Fontäne wieder zu c'migcr Distanz. Hnb ich stürze in den .Ho f derSchönhett", wo au- schlanken Springbrunnen kvknifckvs Wasser tn cht buntes Decken sprüht.

So, bat man nun wieder ein wenig Haltung? Dann hinauf zum Obergeschoß. Ssemnend erfährt man dort, wie man als Dame seinen Tag zu­zubringen hat. 3n einigen 30 Kojen, di« wiriillch mit eminent guten Gellchl für Har­monie der Farbe und Schönheit der Form aus­gestattet sind -- zieht der Tageslanl einer Däm­on uns vorüber. Da wird uns beifpielswetfe gezeigt, tote wir, auf einer reizvollen Souchetre ruhend, von einer äusterst reichhaltigen Be­scherung träumen, die rrngsheeum aufgebaut ist ferner welches chartTnntte Durchrtnander wir am Morgen unterer Abreise in unserem Schlaf­zimmer zu erzeugen pflegen tote wir mit einigen atem raubend schonen Kavalieren bei einem Reinen, eher ejauiilten Souper sitzen wie wir an B»rd emed Damp'«« flirten mit MÄnrern von ®eift und Format sofern dem Dachte @(<xi5en zu fchenren ist.

Dazwischen gehen totr im Tag der Dame natürlich zum Juwelier oder zum Friseur,

inS Schuh- oder Wäsd-egeschäft. wir beglück­wünschen eine Freundin zum Geburtstag und schliehlich gehen wir auf den Kostümball, kurzum, ein rach' besetzter Tag, das muh man sagen. Wir sind eigentlich eminent tätige Geschöpfe, haben die Manner das immer noch nicht erfaßt?

Oh. aber diese Figurinen, dieses mit zaube­rischen Dessous, märchenhaften Abendkleitern und sogar unwiderstehlichen Bügelfalten befldt'ete. Wachs. (Denn zur Belebung des Ganzen toetbea: hier auch einige Männer gezeigt, Gott sei Dank!) 3n die Gesichter ist zuweilen etwas Individuali­tät gebracht, aber diese Hände! Diese Stellungen! Mich erfaßt immer so was wie eine leichte Be- sihäumung, wenn ich sie betrachte. Srnd wir Frauen denn eigentlich wirklich so töricht?

Man fonnte auch sonst noch einiges fragen; beispielsweise wäre es intereffant. ju ergründen, warum gerade diese kostbare, lururiöse. diese ganz in Gold getauchte Mode, die so außervrdeittllch dazu angetan ist, gesellschaftliche ober sotten wir lieber sagen wirtlchastliche? Schichten zu betonen, warum gerade diese Mode des Lurus tn einer Zeit gwftegl wird, in der so viel gegen soziale Dckserenzierung, und so weiter, unb so Wetter, gesprochen wird?

Aber lassen wir Mete ketzerischen Gedanken, freuen totr uns fieber an der Dollendung der deutschen Erzeugnisse, wirkllch. sie berecht.gt zum Stolz.

Die Besucher der Ausstellung find sehens­wert. eine Revue für sich Die Augen der Frauen zeigen samt und sonders ach meine auch! eine ganze Skala der Begehrl.chkit. und der garae Unterschied liegt in dem Grad der Zu­versicht oder der Hofsinrngsloft 'e.'. diese Schätze zu erlangen. Oh. aber ihre Begleiter! Die einen folgen bereitwillig jebem Schre-. des Entzück^-. und lächeln galant-verhe-.tzungsvoll. die anderen gehen in etftger Reserve nebenher. Hier sieht man augenblicklich, ob die Leute verh-erratet fin£>; ich habe eine gairzr Stunde damit zugebracht, ctraig und allein das Publikum $u studrren, die meisten waren verhetratet.

Aber haben totr nun auch alles gesehen? Sind wir lange genug im Eaf 6 .Samt und Seide" g^dkn, haben torr die Svirale-Manne- qutnä gerutgenb tn uns a uf genommen, die wirk­lich ap to date ftnd und bewirken, daß eenem

ganz stilisiert zu Mule wird, haben wir unS die Schlager aus der AusstellungSrevue .D e r- lin ist Mode" auch ordentlich gemerkt?

Wir können allo von jetzt ab mitreden. Wir können ebenfalls der nächsten Bekannten, der wir begegnen, statt aller Begrüßung ergriffen entgegenrufen: .Oh, ich habe einen Pelz auf der Ausstellung gesehen, einen Pelz!!!" Unb es kommt uns von Herzen, gestehen wir eS nur. Wir find gar nicht so frei von dieser merkwürd gen Epi­demie. und wenn totr auch ein leichter Fall sind, immerhin

Aber draußen, vor dieser Halle der Der- führung, steigt der Funtturm in einen herbst­lich klaren Hunmel, der blauet ist alS alle Tüll- wollen der Welt. Unb da uns nun doch ein wenig sehr samten und brokaten zumute ist, wie wär's, wenn wir tn dte Freiheit echappierten, zu den duftenden märstschen Kiefern, an die kleinen, stillen Deen, di« so rem und Ichün sind und so hoch über aller menschlicher Eitelkeit?

Schriststellerhonorare vor 100 Jahren.

Di« .Opinion" hat einen Artikel ausg: graben, der im Jahre 1835 erschienen ist, und tn dem die Schriftsteller tn fünf Klassen ein geteilt wer­den 1. Diejenigen, von deren Büchern sich diS zu 2500 Exemplaren verkauften Sie erhielten für jedes Werk 3000 bis 4000 Franc. Rur zwei Schriftsteller erfuhren dieses Glück: Victor Hugo und Paul de Kock. 2. Diejenigen, von deren Wer­ken bis zu 1500 Exemplaren abgesetzt wurden Es gab derer vier: Balzac, öoufie. ©ugüne, Sue und Jules 3arm. 3 Diejenigen, von deren Büchern man bis au 1203 Ssemplare verkaufte unb die für ein solches Buch 1000 bis 1200 Franc er­hielten 4. Diejenigen, denen man für 600 b>s 900 Exemplare 500 Franc bezahlte. Es waren ihrer zwöll. darunter Müsset. 5. Diejenigen die für weniger als 500 Exemplare 100 vis 300 Franc erhielten Zu ihnen zählte Thöophile Gautter! .300 Francs für 500 Exemplare!" be­merkt dazu der .Quotibien, der sich mit diesem Qlrtifel beschäftigt. .Während heute «in ern- faches Exemplar einer Schrift von Paul CDaldrn, das nur wenige Seiten enthält, für mehr als 1500 Franc verkauft wird."