Einzelbild herunterladen

Nr. 206 Erstes Blatt

177. Jahrgang

Samstag, 5. September (927

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags Beilagen:

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle

Monatr-Vezvgspretr:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger­lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen. Postscheckkonto:

Srantfurt am Main 11686.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Untoerfitäts-Vuch- und 5teindruSerel 8. Lange ht Gietzen. Zchrtftlettung und Seschastrftelle: Zchulftratze 7.

Annahme von Anzetaen für die Tagesnummer di» zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspsennig; für Re­klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspsennig, Platzvorschrift 20° , mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Was uns in Genf erwartet. I

Don Dr. Paul Rohrbach.

Man Tarnt verschiedene Ausgangspunkte neh­men, wenn man versuchen will, abzuschähen, wie sich diesmal die Lage in Genf für Deutsch- land gestalten wird. Besonders geeignet hierzu ist dec Rücktritt Lord Robert Cecils. Ratür- lich hat er nichts mit Deutschland zu tun, wenig­stens nicht in dem Sinne, als ob Deutschland an sich ein Gegenstand des Interesses für die eng­lische Politik wäre. Rur die Rückwirkung, die von den deutschen Verhältnissen auf Dinge aus­gehen könnten, die England interessieren, käme in Frage. Speziell Lord Robert Cecil ist alles andere eher, als deutschfreundlich. Man braucht sich nur an sein gewundenes Verhalten zu er­innern, als die nichtswürdige Lüge von der Leichenverwertung im englischen Parlament das erstemal nach dem Kriege zur Sprache kam. Trotz­dem sind die Gründe, die ihn zum Rücktritt ver­anlaßt haben, auch für Deutschland wichtig.

Ein Schlüssel zu dem Verhalten des Lords liegt zunächst in der Situation, die durch das Mißglücken der Marine-Abrüstungskonserenz zwi­schen England und den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden ist. Hier muß auf Seiten der Amerikaner eine tiefgehende Mißstimmung vor­handen fein. Abgesehen davon, daß auch andere Anzeichen dafür sprechen, ist gerade Lord Robert Cecil seit 2^>r und Tag der entschlossenste Ver­treter einer Politik dauernder Intimität zwischen London und Washington. Außerdem ist er ein Anhänger des Völkerbundsgedankens nicht in dem Sinn?, wie ihn die jetzige offizielle englische Politik benutzt, die alle großen Sachen möglichst aus der Völlerbundsbehand'.ung ausschaltet, son­dern in dem entgegengesetzten, daß er den Völker­bund zu einem englischen politischen Instrument großen Stils machen möchte. England allein ist aber nicht stark genug, den Völkerbund soweit zu beherrschen. Anders wäre es, wenn auch die Amerikaner mitmachten. Rach seinem anfänglichen Zweck fvllte der Völkerbund ein Vollziehungsaus- schuß für Lpe Durchführung des Versailler Dik­tats sein, d. h. ein Instrument zur dauernden Riedechaltung Deutschlands unter französischer Oberleitung. Siere Oberleitung möchte Lord Ro­bert \e il durch eine vereinigte angelsächsische er­setzen. Er war zu dem Zweck sogar vor einigen Zähren in Amerika und machte dort eine große Tour mit vielen Vorträgen und Konferenzen, um den Amerikanern zuzureden, sie möchten doch in den Völierbund lommen. Allerdings scheiterte er damit gänzlich.

Auch in dem Stück seines Schreibens an den Premierminister Baldwin, das veröffentlicht worden ist längere Teile sollen wegen ihrer Schärfe und wegen ihres Eingehens auf intime politische Dinge, namentlich auf die amerikanische Mißstimmung, zurückgehalten sein spielt der Tadel über die Haltung Englands in der Marine- Abrüstungskonferenz eine sichtbare Rolle. Auch die Bemerkungen über die ungünstigen Folgen des Genfer Fiaskos für die Abrüstungsfragen im ganzen sind deutlich, und für den Llnterrichteten ebenso ihr Zusammenhang mit der amerikanischen Politik. Amerika wünscht die europäische Ab­rüstung, erstens aus geschäftlichen Gründen, und zweitens weil die herrschende Partei ihr mora­lisches Prestige dadurch vergrößern möchte, daß sie dem Weltfrieden Dienste leistet und diese dem amerikanischen Wähler vordemonstriert. Das offizielle und das geschäftliche Amerika find darum nicht gut auf den französischen Militaris­mus zu sprechen, von dem die Rheinlandpolttik Poincares und des Marschalls Foch ein sehr hervorstechendes Stück ist. General Allen, dec die amerikanischen Truppen am Rhein be­fehligte, hat den Franzosen schon vor drei Zähren öffentlich gesagt, daß sie eine starke Reduktion, vielleicht sogar einen völligen Erlaß ihrer Schul­den, von Amerika haben könnten, wenn sie ernst­lich abrüsteten.

Run haben sich Baldwin und Chamber­lain durch Frankreich wiederum dahin bringen lassen, daß sie gemeinsam mit P o i n c a r e Deutschland diktieren, es habe über die Besatzungsvcrminderung gar nicht mitzureden, und 10 000 Mann seien genug I Dabei handelt es sich zum größeren Teil gar nicht um die Zurückziehung von Truppen, sondern von bureaumäßig be­schäftigten. oder sonst nicht zum unmittelbaren Waffendienst gehörigen Leuten. Die Politik, die Lord Robert Cecil verlangte, hätte erstens in stärkerer Rücksichtnahme auf Amerika, zweitens in einem stärkeren Druck auf Frankreich, drittens in einer Benutzung des Völkerbundes nicht bloß für Bagatellen bestanden. Formell ist es richtig, wenn Baldwin in feiner Antwort sagt, es habe sich zwischen ihm und seinem Kritiker nicht so sehr um eine Differenz der Ziele, wie um eine der Mittel gehandelt. Es ist aber doch eine prinzi­pielle Frage, ob unter diesen Mitteln nur solche sein dürfen, die den Franzosen genehm sind, oder ob die englischen Methoden unabhängig vom Wohlwollen Frankreichs sein sollen.

Für den objektiven Beurteiler wird es von Mal zu Mal deutlicher, daß die Frage der all­gemeinen, internationalen Abrü­stung zur Kernfrage der europäischen Politik wird. Hält man, wie das jetzige eng­lische Kabinett im Gefolge Frankreichs es tut, diese Frage konsequent von den Verhandlungen des Völkerbundes fern, so ist der ganze Völker­bund nicht viel mehr als eine Attrappe. Lord Robert Cecil dagegen möchte ihn dazu benutzen, um unter englischer Initiative eine fühlbare Ab­rüstung mit Hilfe der Genfer Organisationen liehen sich Bundesgenossen finden in großer Fahrt und bedeutender Aufmachung durchzu- bringen.

Belgien scheut die Aanktireur - Untersuchung.

Brüssel ergreift erst die Initiative und lehnt dann unter falschen Behauptungen gegen Deutschland ab.

Brüssel, 2. Sept. (WB.) Der belgische Außenminister Dandervelde kam, von Genf zurückkehrend, heute früh plötzlich in D r ü f f e I an.

Aach dem heutigen Kabinettsrat, in dem einzig und allein die Frage deS deutschen Vorschlages betreffend die Frank­tireur Untersuchung behandelt wurde, er­klärte Dandervelde, er reife schon heute abend nach Genf zurück. Auch eine Havasmeldung teilt mit, daß Vandervelde morgen früh wieder in Genf sein werde.

Das belgische Communigus über den Kabinettsrat.

Brüssel, 2. Sep. (WTB.) Zu dem heutigen belgischen Kabinettsrat über die Frage der Untersuchung der Ereignisse vom Jahre 1914 betreffend die Franktireurangelegenheit durch einen neutralen Ausschuß ver­breitet die Belgische Telegraphenagentur folgende Mitteilung: Bezugnehmend auf die vom 14. Juli dieses Jahres von Dandervelde abgegebene Er­klärung über die Annahme einer internatio­nalen, wenn auch späten Untersuchung über den angeblichen Franktireurkrieg durch Bel- gien hatdie Reichsregierung am 22. August ihren Gesandten in Brüssel beauftragt, der belgischen Regierung mitzuteilen, daß sie diese Untersuchung a n ire h m e und Vorschläge, sie auf alle Fälle auszu dehnen, die den Krieg betreffen. Die Reichsregierung verhehlte übrigens nicht, daß nach ihrer Meinung die gleichen Methoden auch is bezug auf die anderen Länder angewendet werden könnten. Dandervelde nahm Kenntnis von der Mitteilung^ des deutschen Gesandten und sagte ihm, ej werde sie dem nächsten Ministerrat unter­breiten.

3n der heutigen Sitzung des Rates wurde die Meinung einmütig vertreten, daß man diese Anregungen nicht berücksichtigen könne, beson­ders da sie sich auf den Gedanken der Be­friedung berufen.

Es scheint außer Zweifel, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Untersuchung da­zu angetan sein könnte, die Leidenschaften zu er­regen und Konsequenzen nach sich zu ziehen, die .dem gemeinsamen Wunsche beider Regierun­gen nach Befriedung und nach Besserung der Beziehungen zwischen beiden Ländern entgegen­gesetzt wären. Dandervelde wird diese Er­wägungen in den Unterredungen darlegen, die er während der Tagung der Genfer Dersamm- lung mit den 'Vertretern der Signatar­mächte von Locarno zu führen beabsichtigt.

Anmerkung des W. T. V.: Von unter­richteter Seite werden wir darauf hingewiesen, daß in dieser Angelegenheit am 19. August eine gleichlautend e Mitteilung von deutscher wie von belgischer Seite veröffentlicht wor­den ist. Da die vorstehende Veröffentlichung hier­von abzweigt, könnte sie zu dem Mißverständnis Anlaß geben, daß die deutsche Regierung Forderungen gestellt habe, die über den

in der Bekanntmachung vom 19. August vor­gesehenen Rahmen hinausgehen, was bekanntlich nicht der Fall gewesen ist.

Die liberalen Minister gaben den Anlatz.

Paris, 2. Sept. (WTB.) Rach dem Drüsfe- ler Korrespondenten desParis Soir", eines Blattes, das man als Schwesterblatt desJour­nals" bezeichnen kann, ist die auffallende Rückkehr Vanderveldes von Genf nach Brüssel auf die beiden liberalen Mi­ni st e r des Kabinetts zurückzusühren. Der Be­richterstatter stellt fest, daß es sich bei der En­quete über die Fra kti.eu.srcge um nichts anderes handelt und daß der Vorschlag dieser Enquete von Dandervelde ausgegangen sei. Cs scheine sich um eine ähnliche politische Kundgebung zur Kom­promittierung der internationalen Stellung Danderveldes vor einer Völlerbundstaguna zu handeln wie vor sechs Zähren, eine Kundgebung, dazu bistimmt, den Rücktritt der vier sozialdemo­kratischen Minister und mithin die Auslösung des Parlamentes herbeizuführen.

Eine Erklärung Slresemanns.

Genf, 2. Sept. (WB.) Zu dem von der 6elgif<f>en Telegraphenagentur heute über die Einsetzung einer internationalen En­quetekommission veröffentlichten Kommu­nique gab der deutsche Außenminister den Pressevertretern folgende Erklärung ab:

DaS belgische Kommunique hat mich auf da s äußerste befremdet. Der wahre Sach­verhalt ist vor kurzer Zeit, nämlich am 19. August, in einem mit dec belgischen Regierung vereinbarten Kommunique im gleichen Text und zu gleicher Zeit bekannt gegeben wor­den. Aus diesem Kommunique geht klar hervor, daß die belgische Regierung die Ini­tiative ergriffen hat, indem sie in einer amt­lichen Rote die Ausmerksamkeit der deutschen Regierung darauf lenkte, daß die belgische Regierung mit einer unparteiischen Untersuchung der deutsch-belgischen Streitfrage einverstanden sei. Die deutsche Regierung hat dieses Angebot selbst­verständlich angenommen, ohne daß sie ihrerseits irgendwelche neuen An - träge oder Anregungen auf diesem Gebiete an tüe belgische Regierung gestellt hätte. Cs ist deshalb unverständlich daß in dem neuen bel­gischen Kommunique von einer deutscherseits vorgeschlagenen Ausdehnung auf andere von der belgischen Regierung nicht ins Auge gefaßte Fra­gen gesprochen und daß der deutschen Regierung dabei die Forderung der Anwendung eines glei­chen Derfahrens gegenüber anderen Mächten unterstellt wird. Zch kann die Behauptung des neuen belgischen Kommuniques nur auf eine Derkennung des wahren Sachverhalts seitens des belgischen Kabinetts zurück­führen."

Natürlich wäre das wichtig für Deutschland. Aus dem Rücktritt Lord Robert Cecils ist zu folgern, daß es im englischen Kabinett eine prinzipielle Auseinandersetzung über die Fragemit oder gegen Frankreich?" gegeben hat. Die von Frankreich abhängige auch sür diese Tagung des Dölkerbundes die Richtung hat gesiegt, und daraus haben wir Schlußfolgerungen zu ziehen. Man wird sich weigern, mit uns über die Räumun gs- frage, über die Verminderung der Truppen und alles was damit zusammenhängt, zu sprechen. Man wird behaupten, uns nichts versprochen zu haben, und es ist nicht un­möglich. daß sogar von englischer Seite eine An­deutung fallen wird, als ob die Rücksicht auf den Dawes'-Vlan das Verbleiben der Be­satzung im Rheinland verständlich mache. Allerdings wäre das eine Umkehr der tat­sächlichen Voraussetzungen des Dawes-Planes, denn diese besagen, daß über die Möglichkeit oder Richtmöglichkeit seiner Durchführung, über Abänderungen und dergleichen, durch eine Ver­handlung vor bestimmten Instanzen entschieden wird, und nicht durch den Druck der Bajonette. Gleichviel, die Verständigung gegen Deutsch­land, mag der Dawes-Plan berührt werden oder nicht, ist geschehen, und der vielbemühte Geist von Locarno hat sich allmählich soweit ver­flüchtigt, daß die Flasche, in die er gesperrt war, nur noch wenig nach ihm riecht.

Litauischer Gewaltakt in Memel.

Memel, 2. Sept. (WB.) Den drei reichs­deutschen Redakteuren in Memel und Heydekrug wurde heute von einem Beamten der Landesvolizei ein Schreiben der Kvmman- datur des Memelgebietes an die Poli­zei zur Kenntnisnahme vorgelesen, in dem cs heißt:Zch fordere auf, den Redakteuren Ro­bert Leubner und Ernst Warm vomMe­mel er Dampfboot" schnellstens mitzuteilen, daß ihr Antrag auf Erteilung der Aufenthaltsge­nehmigung in Litauen verworfen worden ist und daß sie bis zum 5. September ix 3. das

Gebiet Litauens freiwillig zu ver­lassen haben, andernfalls sie der Grenzpolizei zum A b s ch u b nach Deutschland übergeben wer­den." Das gleiche Schrciben wurde dem Redakteur Brieskorn von derMemelländischen Rund­schau" in Heydekrug zur Kenntnis gebracht. Die drei Redakteure hatten auf Wunsch des Kriegskommandanten Liormonas ihr bereits im Dezember 1925 eingereichtes Gesuch ipn Aufenthaltsgenehmigung vor ein gen Tagen er­neuert. Seit Bekanntwerden des Wahlergeb­nisses ist etwa 60 Eisenbahnbeamten und 20 Postbeamten, die von Deutschland übernommen waren, aber für Litauen op­tiert hatten, gekündigt worden. Als wei­terer Vorwand wurde eine Sprachenprü­fung vor genommen, die ergeben haben soll, daß die Geprüften die litauisch Sprache nicht ge­nügend beherrschten.

Ein russischer Propaganda-Botschafter.

Paris, 3. Sept. (WTB. Funkspruch.) Wie Matin" berichtet, hat der französische B o t = s ch a fter in Moskau im Auftrage Briands bei Tschitscherin Protest dagegen erhoben, daß der Sowjetbotschafter in Paris, Ra­kowski, ein Manifest unterzeichnet hat, das sich in seinem Inhall gegen die bürgerlichen Regierungen wendet. Tschitscherin habe R a - kowski desavouiert, und Frankreich habe somit offiziell Genugtuung erhalten. Wenn man also auch Rakowski als Botschafter getadelt habe, so habe man anderseits jedoch als Parteimann wegen des gleichen Schrittes ihm beigestimmt. Eine solche Lage sei auf die Dauer unerträglich. Rakowski müsse abberufen werden.

Schlichlungsverhandlungen für die Reichsbahn.

Berlin, 3. Sept. (WTB. Funkspruch.) Die Schlichtungsverhandlungen zur Rege­lung der Dienstdauervorschriften^ bei der Reichsbahn beginnen, demVorwärts" zufolge, am kommenden Montag im Reichs- mcheitsministerium.

Krips der englischen Politik.

Don unserem Londoner Mitarbeiter.

Die Sensation dieser Tage ist der Rücktritt Lord Robert Cecils of Chelwood. Zunächst sprach man nur von seiner Demission, die aber nicht ange­nommen wäre. Dann erörterte man die Gründe sei­nes Rücktritts und nannte Meinungsverschiedenheiten mit Chamberlain wegen der Rheinlandbesetzung. Ihre Richtigkeit wurde bestritten. Das Bedürfnis nach Vernebelung des Tatbestandes war offensicht­lich. Inzwischen ist Baldwin aus Schottland zuruck- gckehrt und die Demission ist nun Tatsache. Cecil begründet seinen Rücktritt mit einer Kritik der Ab- rüstungspolitik des Kabinetts. Er sähe sich außer­stande, diese Politik in Zukunft zu decken.

Run hat es keinen Zweck, die persönliche Seite dieses Konflikts zu stark in den Vordergrund zu schieben. Für den deutschen Beobachter ist die Frage wesentlicher, ob Cecils Rücktritt der Anlaß zu einer materiellen Auseinandersetzung im eng­lischen Kabinett werden wird ober nicht. Hinter den Gegensätzen der Persönlichkeiten verbergen sich sachliche politische Meinungsunterschiede. Cecils Rücktritt weist viel mehr auf die Vereinigten Staa­ten und den englisch- amerikanischen ©egen» fatz, als etwa auf die Rheinlandfrage. Cecil gilt in Der deutschen Deffentlichkeit als ein Vertreter des politischen Idealismus. Wir glauben, zu unrecht. Cecil muß in erster Linie als ein Mann bewertet werden, der das Bedürfnis fühlt, auch einmal die erste Geige zu spielen, nachdem er seit 20 Jahren die zweite nicht ohne Geschick geführt hat. Er ist verschrien, so viel ist richtig, als unpraktischer Jdea- (ift. Als solcher hat er internationale Anerkennung gefunden. Daß er aber gleichzeitig ein gewandter Dialektiker, eine Persönlichkeit mit ausgesprochenem Machtbedürfenis ist, wird vielfach übersehen. Er sagt, er stimme mit keinem seiner Kollegen überein. Das mag in der Form stimmen. Aber man muß sich doch fragen, ob er gerade aus diesem Grunde nicht trotz­dem mit den bekannten Gegnern Baldwins im Ka­binett zusammenarbeitet. Das wird die Zukunft zeigen.

Im Augenblick ist es aber nützlich, den Gesamt- bestand der englischen Außenpolitik kurz zusammenfasiend noch einmal zu behandeln, um zu der Kernfrage zu gelangen, die Cecils Rücktritt In erster Linie bestimmt haben muß. Seit etwa einem Sabre ist eine Abkehr Englands von der Politik von Locarno immer deutlicher geworden. Darüber darf auch die gegenwärtige, auf die Minderung der Besatzung im Rheinland gerich­tete Politik nicht täuschen. Chamberlain pro-franzö- fische Einstellung hat den Sieg über die grund­legende Voraus etzung der sogenannten Locarno- politlf ihrer Dre - und nicht Zweiseitigkeit davonge­tragen. Chamberlain ist französischer als die Franzosen. In keinem Falle, selbst da, wo er zu kritisieren scheint, ist er ein Gegner Frank­reichs. Viel öfter ist er ein geradezu übereifriger Freund. Die gerade jetzt wieder in der Besatzungs­frage zutqge getretene scheinbare Kritik des fran­zösischen Standpunktes entspringt vielmehr dem Be­dürfnisse, die französische Politik. vor allzu miß­fälliger Beurteilung in England selbst zu schützen. Ihre Zielsetzung und ihre Absichten billigt Chamber­lain in jeder Hinsicht. Aber das beherrschende Problem der englischen Politik ist zur Zeit das Verhältnis zu den Vereinigten Staa­ten. Die fiariabareife Baldwins hat in dieser Hin­sicht keinen Erfolg gebracht. Die rethorischen Er­güsse über die traditionelle Freundschaft der beiden englisch sprechenden Rationen können über den Ernst der Lage nicht pinforttäufdien, den Ernst, der darin besteht, daß die Flotte der Vereinigten Staaten in wenigen Jahren auf allen Gebieten die englische überflügelt haben wird. Run sind enolische Seeoffiziere der Auffassung, daß die englische Flotte auch heute noch qualitativ turmhoch über der ameri­kanischen stünde: aber man weiß auch, daß der liebe Gott meist bei den stärkeren Geschwadern zu suchen ist. Im Grunde ist man daher enttäuscht und soraen- vott. Als ultima ratio in dieser Lage Hal sich Cham­berlain wieder einmal an die Franzosen verkauft. Man hat diese Bindung unterstützt durch eine poli­tische Annäherung an Polen. Diese wieder­um war hervorgerufen durch die anti russische Ten­denz der konservativen Regierung. Aber die pro- französische Politik Chamberlains und damit des Kabinetts ist im Grunde unfruchtbar. Die erhoffte internationale (Entfnannung ist nicht einaetreten Englands außenpolitische Lage kann nicht schlechter sein als sie ist.

Auch die Rheinlandfrage spielt selbstver­ständlich mit hinein, jedoch nur als ein Problem von vielen. Die Anwesenheit der enalischen Truppen im Rheinlande bedeutet unausdenkbare Gefahren, sagte soeben der ..Daily Erpreß" an leitender Stelle. Diese unausdenkbaren Gefahren, die bei der heutigen außenpolitischen Lage Englands eine Wirklichkeit sind, lassen sich nur durch einen grundlegenden Stel­lungswechsel der englischen Außenpolitik bekämpfen. Der aber ist nicht möglich ohne Veränderungen im Kabinett. Wer wird Nachfolger Robert Cecils? Die Frage ist heute noch nicht zu beantworten und wird vielleicht gar nicht so schnell beantwortet werden. Baldwin fuhr nach Aix les Bains am Genfer See in die Ferien.

Rückt man die Geschehnisse dieser Tage in deutsche Beleuchtting, dann muß hinzugefügt werden, daß die öffentliche Meinung Englands auch im konservativen Lager mit der rein pro-französi­schen Einstellung der englischen amtlichen Politik nicht übereinstimmt. Die öffentliche Meinung hat selbstverständlich keinen oder nur einen geringen Einfluß auf die amtliche Politik: aber sie wirkt den­noch indirekt. Insofern nämlich, als der Manoel an Volkstümlichkeit der nolitifdien Richtung selbstver­ständlich bei den nächsten Wahlen mitsprechen wird. Auch hier hat man ein verständliches Interesse an