Ausgabe 
3.3.1927
 
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(Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Hlt2 Drittes Blatt

Am Rande Tibets.

Don unserem Sonberberichterstatter. Dr. AlphonS Dobel..

Darjeeling, Februar 1927

Ser Anblick ber höchsten Q3etgt der Welt ist so oft beschrieben worden, daft einem falt der Mut fehlt, eS wiederum zu versuchen. Dies« überaus hohe, von W lken umbrodelle Zacken­sette schneeiger Pyramiden also ist da-Dach der Erde", oder schon sein First, wie die Ti­betaner sagen Don meinem Hotelzimmer sehe ich herab auf den in tausend schlanken Cypressen «ast versinkenden Ort, der sich über abgrund- riesen Tälern an den Kamm eineet gen Sikkgvn und Aepel vorgeschobenen Höhenzug^s Häm­mert. dahinter verschwimmen im Dunst des öon- uenoormittageS lerne Dergreihen: in den Tälern liegt noch der QUorgenncbel; den Horizont um» 'chwebcn (tumulUDolkn Io weit ilt alle» in Ordnung. eS könnte der Abhang italienischer Alpen, vielleicht an der 211Diera sein. Aber Öai Wunder ist dies: über den UumuliwoUen, herrlich hoch über dem Horizonte, wirtlich mit­ten am Himmel steht der Himalaja in weiftet Pracht.

Habe ich in Superlativen gesprochen? Wan soll eS nicht tun. Denn selten bestätigt sich so ein Superlativ in der Wirklichkeit. Ich habe daS am Mount Everest erfahren. Denn die höchste Spitze da vor meinem Fenster ist, fast mit Be­schämung schreibe ich es nieder, gar nicht der höchste Berg der Welt: er istnur" der dritt­höchste, nur der Kinchinjinga und ärgerlicher­weise ist er 240 Meter weniger hoch als der Mount Everest. Aber er, dieser Kinchinjinga mit feinen 8600 Metern sieht viel höher und überhaupt viel besser als der Mount Everest auS, der doch 8840 Meter hat. Das ist eS eben.

Auch den Mount Everest habe ich gesehen. ES ist mit Schwierigkeiten verbunden, aber man will doch den Anblick gehabt haben. So lätzt man e» sich etwa« -kosten. Man mietet ein Pony und reitet fröhlicher Dinge davon: ein tibe­tanischer Pserdejunge läuft hinterher. So geht es bergauf; wir sind in Darjeeling schon 2000 Meter hoch, aber unter 2500 ist es nicht zu machen. 3a, und dann sieht man ihn...

Ich habe im Leben manche Enttäuschung ge­sehen: aber dieser Everest ist eine der schmerz­lichsten. Da ragen endlich in fagenhaster Ferne drei weifte Gipfel, wie Stectnaüclköpfe winzig, (c$ sind 170 Kilometer Entfernung I) über kahle Höhen. Der am weitesten rechts geht no<6: eS must eine Felsenwand von 5300 Metern Steile fein. Der Gipfel ganz links ist blendend Weift, eine schöne Pyramide. Doch der in der Mitte, niedriger als die Dachbarn. sieht eigentlich, in solcher Umgebung, nicht nach viel aus und gerade er ist eS, der höchste Gipfel dieses Planeten.

Deshalb tst der 221cunt Everest auch so lange nut seinem Dorberge, dem ©aurifanlar, verwechselt worden. Und deshalb hat er auch feinen ordentlichen Hamen; denn Everest, WaS ist daS? Herr Everest war ein zufällig der Lan­desaufnahme präsidierenLer englischer Degie- rungsrat und sicherlich ohne dem Mount ent- sprechende Geistesgaben. Freilich von Tibet, also vom Morden auS gesehen, soll der Berg einen majestätischen Anblick bieten. Di« Tibetaner nen­nen ihn denn auch mit einem groften und schö­nen Damen'Königin Mutter der Berge."

Doch der Kinchinjinga genügt mir. Eigent­lich scheint Darjeeling von den Engländern 'vor säst einem Jahrhundert) nur gebaut, um diesen Miesen des Himalaya zu betrachten. Wie eine Kanzel ist eS an die äufterste Mordgrenze Indiens vorgeschoben und gewaltige, immer dun­stige Täler, in denen Urwälder sind, trennen uns von der Echneeregion. Hier gelten andere Maste als in den Alpen Europas. Wir sind noch fo Weit, Wie München von den Alpen, entfernt von der groften Himalayaketie unb doch sehen die Diesen von oben auf uns herab. Hier gedeiht tn Zugspitzenhohe noch die Eyprefse unb in Mont- blanchöhe liegt noch kein Schnee.

DichtS erinnert an Indien als die Bries- matien und die Engländer. Die Bevölkerung ist offensichtlich mongolisch und vom Inder grund­verschieden. Sie ist heiter. Endlich gibt es wieder lachende Menschen. Indien ist daS Land

Märtyrer der Liebe.

Roman von 3. Schnelder-Förstl.

14 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Renkell stand, beide Arme ausgebreitet, am Tor unb fing die Atemlos« auf. Annemarie preßte die Arme um seinen Hals, ihre glühenden Bäckchen Ichmiegt«i sich an seine Wangen, ihr frischer, lallen- der Kindermund drückt« sich immer wieder auf den feinen.Baterle!" Sie sah ihm. im Küsten inne­haltend. strahlend in bi« Augen.

Wo ist benn mein Wildfang gewesen? Wo ist er denn gerne fen?"

Renkells Stimme klang weich unb kosend. Er hatte seinen Liebling wieder. Das machte chn für den Augenblick ganz erregt.

Annemarie machte plötzlich ein ganz zerknirsch­tes Mäulchen.

Schau doch, Baterle, die vielen Siu men! Nur bic schönsten, di« größten, habe ich gepfückt, drüben aus der Walbwiej«. Und nun habe ich die Halste ver­loren. Ich wollte dir einen Kranz binden, aber Fräulein Gerhard hat mir gedroht, als sie mich ,ah sic hatte es mir nämlich verboten da habe ich Angst gekriegt und mich in Sicherheit gebracht. Als ich dich dann rufen hörte, bin ich wieder über den Fluß und hab« dort hinten an dem Schlehdorn auf dich gewartet."

-fr strich ihr zärtlich über die zerzausten Locken.

Willst du Mama begrüßen?" frug er unb zeigte nach der Terrasse.

Nein! Bitte, nein! Mama zankt! Ich bin barfuft und mein Kleid hat einen Riß hier", sie zeigte ängstlich nach einer geschlitzten etelk, knapp über den Knien.

, Das macht nichts", tröstet« er.

Aber Fräulein Gerhard!"

.Ist nicht mehr da!" lachte er.

Ist nicht mehr dal" jubelte sie.

Sie frug nicht, wie da 5 gekommen sei. sie strebte zu Boden und umtanzte ihn wie ein übermütiges Lamm.Warle!" riet sie. lief über den Rasen, rosste von den Blumen, die zur (Erbe gefallen waren, so viel auf, als ihre Kinderhände zu fasten vermochten, und ihn wiederum umtanzend, bewarf sie ihn mit Blüten, bis sie keine mehr in Händen hielt.

ohne Lachen. Dielleicht ist dieser schreckliche Emst ei ft Zeichen von Tiefe (oder die Inder find selbst zum Lachen zu bequem?' Jedenfalls paftt der stockemfte Engländer in dieses Dolk besser hinein als er ahnt.

Aber Tibet scheint heiter, wenn man von den Tibetanern hier schlieften tarnt Die Tibeta­ner sind deshalb auch beim Buddhismus geblieben, dem unten in der Ebene die Brah- manen vor eineinhalb Jahrtausenden den Garaus machten. Hier regiert Buddha, nicht der furcht­bare Zerstörer Schiva.

Doch, liebe Leute. waS habt ihr aus Buddhas Lehre gemacht' Gaulama Siddattha, der Buddha, hat der Welt den .arischen Weg der Weishett" gelehrt: das rechte Betragen, die rechte Auf­merksamkeit. den rechten Willen und die rechte Anschauung um dem Leiden zu entgehen. Er hat vor bem Götzendienst gewarnt und nun haben ihn die lächelnden Mongolen zum obersten Götzen gemacht. Es ist ein lieünSwürbiger Götzendienst, gewift! Ich weift nicht, ob noch «ine Religion Blumen opfert. Diese hier tut es.

Es ist den Buddhisten hier zu Lande nicht genug, hunderttausend Duddhabilder zu haben sie stellten sich in Lhasfa auch einen lebenden Buddha, den Dalai Lama auf. Die Eng­länder kennen ihn. Sie haben ja, da sie vor­sichtige Leute sind und die Rückversicherung lieben, auch ihnen der Himalaya als chinesische Mauer Indiens nicht hoch genug scheint, aus Tibet einen halb abhängigen Pufferstaat. den gröftten der Welt, gemacht. Uno der in Lhassa lebend« Buddha betete im Weltkriege mit seinen Klöstern: daft England den bösen Elefanten Deutschland zu Fall bringen möchte. ...

Doch gewöhnlich beten die Tibetaner anberd; der Leser weift schon: o m mani padme hum. Was es heiftt. Wissen auch die Lamas nicht. Dielleicht: oh du Geliebter im Lotus, Amen. Eigentlich ist es Wohl eine Zaubersortnel und alle- kommt daraus an. daft die Worte unauf­hörlich ertönen. Die GebetSmühlen (teils gedreht, teils vom Winde getrieben) schnarren es und an jedem Heiligtum« flattern unzählige Fähnchen, auf denen der geheimnisvolle Satz geschrieben steht.

Aber wir hüten uns, zu spotten Die Zauber­formeln Europas und Amerikas sind ebenfalls töricht, obschon incht geheimnisvoll: ,time is moncy zum Beispiel? DaS Schreckliche an den Asiaten ist eben gerade, daft sie Zeit zur Torheit haben, öic können Warten. Worauf? Dielleicht daft Europa ausstirbt ober sich um­bringt. Wer Weift, was nach tausend Jahren ,om mani padme hum fein wird! Dielleicht daft dort aus dem Kinchinjinga eine tibetanische Dahn fährt und hier unten die Tibetaner Ausgrabungen veranstalten und als Sehenswürdigkeit den Del- fenben die Beste des Palastes zeigen, von dem aus jetzt im Sommer Lord Lytton mit feiner Lady daS gewaltige Bengalen regiert!

Berlin erhall ein neues Aerzlehaus.

Berlin, 2.März. (Priv.-Teb des G. A.) Wie wir erfahren, wird eS von der Berliner Aerztefchaft bereits feit längerer Zeit als un­angenehm empfunden, daft die Bureauräume der verschiedenen Organisationen deS Berliner Aerzte- bundes und der Aerztekamnter, der ärztlichen Tarifgemeinschaft, der Dersicherungskaffe, der Aechtsschuhabteilung ufw. sehr weit voneinander entfernt über ganz Groft-Berlin verteilt liegen, und daft diese Organisationen vor allen Dingen durch mangelnde Bureauräume in ihrer Entfaltung start behindert sind. DaS Projekt elneS möglichst zentral gelegenen Acrztehauses ist bereits vor Jahren aufgetaucht, doch die in Betracht kommen­den Aerzte lehnten damals aus bestimmten Grün­den eine derartige Realisierung des Projektes ab. Die Berlin-Brandenburgische Aerztekammer hat. Wie wir hören, das Projekt nunmehr Wieder oufgenemmen und erörtert es von verschiedenen Gesichtspunkten auS. Bereits in der nächsten Sitzung Wird die Aerztefchaft zu der Frage des neuen Berliner Aerztehatises eingehend Stellung nehmen. *

Ntm geh, mein Wildsang, und mach' dich schön!" befahl er.Ich warte hier auf dich", setzte er bei, als er sah, wie st« erschrak.

Komm mit!" schmeichelt« sie. ,Lch kann mir ja das Kleidchen nicht selbst zunmchen und Fräulein Gerhard ist nicht mehr da."

Sie lachten beide.

Obwohl sie barfuß war, schlich sie doch auf den Zehen über den weißbekleideten Weg an der Ier­raffe vorüber.

Geh leise, Dati! Mama hört uns sonst", flüfterte fie mahnend

Da ging auch er auf den Fußspitzen, eie sahen sich an und kicherten verstohlen.

Als sie, ohne von Nella bemerkt 311 werden, im Hause verschwanden, siel Annemarie dem Vater glückselig aufjauchzend um den Hals und erstickte ihn beinahe mit Stoffen.

Renkell aber schwor bei sich selbst: Vater und Mutter wollte er Annemarie sein! Kein Schatten einer Sorge sollt« in ihre Kindheit fallen.

»

Nun lag aus Elisabeth von Merkens Bett doch ein weiches, duftiges Brautkleid aus weißer, knisternder Seide. Ein Prachtwerk war «s ge­worben! Es mußte sich herrlich um die schlanken Glieder des zarten Mädchenkörpers schmiegen. Hamm stand davor unb bewundert« «s nach Gebühr.

So fein und so 'n dezentes Machen", lobte sie und strebte wieder nach der Tür.

Bleib doch!" bat Elisabeth. .Zch habe dir ja den Schleier noch nicht gezeigt, und du mußt auch . . ."

.Ich kann nicht! Ich kann wirklich nicht, kleine Liese. Ich hab« eine Torte im Rohr unb den Kaffee­kuchen, und bie Hühner sind noch auszunehmen, und der Kapaun zu rupfen! 2er Friedrich ist ein Schaf unb zu nichts zu brauchen."

Ich Helf' dir, Hanna!"

Nein! Heiliger Gott! Du laßt mir ja heute doch alles verbrennen ober verwechselst Salz und Zucker. Ich schaff' es schon. Wär' sauber, wenn ich das nicht mehr 311 weg brächte! Lauf in den Park und sag' dem Friedrich, ^r soll im Keller nachsehen, ob nicht noch ein paar Flaschen Wein versteckt liegen alte ich hab' seinerzeit ziemlich Diele beikite geräumt Ganz hinten in der Ecke muffen st« liegen."

Allgemeiner Deutscher Iagdschutzverern

Der seitherige Präsident des ADID., Fürst zu Stolberg-Wernigerode, hat wegen Erkrankung das Präsidium niederkegcn müssen. In der kürzlich in Berlin staltgehabten Gesamt- vorstandssitzung wurde an seiner Stelle AlsonS Prins von Isenburg in Langenselbold tum Präsidenten unb der seitherige Präsident, Fürst zu Solberg-Wernigerode, -um Ehrenpräsidenten gewählt.

In der Hauptversammlung des ADID. Wurde die bereits angebahnte Einigung mit der Deut- schen Iagdkammer weiter beraten. Die Deutsche Iagdkaminer hielt jedoch an einem Paragraphen der von ihr vorgeschlagenen Satzungen bezüglich der zu gründenden neuen Spiyenorganisation fest Diefer Paragraph war ihr von der Kommisiion deS ADID. ale unannehmbar bezeichnet wor­ben. Es muhten daher bedauerlicherweise seitens deS ADID. die Einigungsverhandlungen als gefcheitert betrachtet werden.

Der bereits seit mehr als 50 Jahren be­stehende Allgemeine Deutsche Iagdfchutzverein Wird nunmehr einen Zusammenschluß der deutschen Jägerei unter seiner Führung in die Wege leiten.

Gießener Jugendgericht.

AIS Iugendschöfsen wirkten mit: Frau Marie Heimes von Gieften und Heinrich Peter 7. von Reiskirchen.

Ein 15 Jahre alter Lehrling bediente sich bei einem an sich harmlosen Streit m Ucbcr- schreitung der Notwehr eines Messers. Er Würbe für nicht schuldig erkannt, da er nicht die nötige Einsichtssähigkeit besaß. Der Bormundschafts- richter wird Erziehungsmaßregeln an­ordnen.

Zwei Jungen, die sich auf der Messe aus einer Hänblerdude allerlei Tand, Abzeichen und dergleichen aneigneten, sind des Diebstahls schul­dig. Auf Grund des Iugendgerichtsgesetzes wer­den an Stelle einer Strafe gleichfalls Er- ziehungsmaftregeln angeordnet. Unter anderem wird ihnen auch das Betreten des Meß» Platzes auf di« Dauer von drei Jahren ver­boten.

Etn fünfzehnjähriger Junge wurde in einem Geschäft Wegen Ardertsmangels entlasten. Aus nicht ganz aufgeHärter Ursache, vielleicht unbe­gründeter Furcht vor häuÄicher Strafe, begab er sich auf Wanderschaft und machte sich auf seinen planlosen Irrfahrten mehrerer strafbarer Handlungen schuldig, wegen deren er zu einer Freiheitsstrafe unter Aufrechnung der er­littenen Untersuchungshaft und Strafaufschub unter Festsetzung einer Bewährungsfrist verur­teilt wurde.

Der Lehrling einer hiesigen Frrma lernte auswärts einen Wegen Trunksucht entmündigten Dolmetsch" kennen, der übet Neujahr in der Trinkerheilstätte, in bet et ausgenommen war, einen Urlaub erhalten hatte und der beabsich­tigte. nicht mehr in dies« Anstatt zutückzukehren. Er überredete den Lehrling, ihm 50 bis 60 Mk. Reisegeld zu verschaffen, um übet die Grenze zu kommen. Der Lehrling traf den ..Dolmetsch'' am Bahnhof Tieften, und da ihm an dem mit dem anderen verabredeten Tage eine bedeu­tende Summe zur Einzahlung anvertraut worden war, verabredeten beide, zu entfliehen. Mit Hilfe des amtlichen Rundfunks, bet als­bald in Tätigkeit trat, gelang es, die beiden, die sich unterwegs getrennt hatten, nahe der hollän­dischen Grenze dingsest zu machen. Don dem Gelbe war nur noch ein kleiner Betrag übrig. Der ..Dolmetsch" hatte, in alte Gewohnheiten zurücksallenb, unterwegs bas Geld bei Auto­fahrten und in liederlicher Gesellfchast mit vollen Händen hinausgeworfen. Das Jugendgericht ver­urteilte den Lehrling, der keineswegs unintelli­gent ist. zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten unter Ausrechnung eines Mo­nates der erlittenen Untersuchungshaft, unb ge­währte ihm im übrigen hinsichtlich bes RestcS bedingten Strafaufschub. DerDolmetsch", ein noch unter den W.rkungen des früheren Alkohol- miftbrauchs stehender Reurastheniker wurde we­gen Anstiftung hinsichtlich des Bettages von

3a, Hanna!"

Elisabeth hörte deren Schritt über die Treppe hasten. Die junge Braut stand noch immer und sah nur, daß sie ein Gefühl der Angst nicht los wurde, sooft sie die knisternde Seide unter ihren Fingern fühlte. Und der Traum von gestern nacht! Wie eigen­tümlich! Es war ein Traum, aber ihr war alles so klar, als sei es im Wachen gewesen: Zwei mächtige Tore hatte sie gesehen, nur einen Schritt waren sie voneinander entfernt gelegen. Das eine stand halb­geöffnet und ringsum von Glaswänden umgeben, die eine durchsichtige Mauer bildeten. Sie sah da- hinter Blumen, köstliche Früchte und knospende Sträucher, sah sich selbst über bic weiften Wege tum­meln und hörte ihr eigenes silbernes Lachen, sah sich neugierig unter die geöffnete Tür treten und nach dem andern Tor hinüberspähen.

Mit einem Male klappte das erste zu, sic stand vor einer hohen Mauer, die jeden Einblick ver­wehrte. Zögernd legte sie die Hand aus die Eisen­klinke des Tores, das ins Innere führte. Geräusch­los drehte es sich in den Angeln. Sie schritt hindurch. Kaum hatte sie ihren Fuß über die Schwelle gesetzt, schlug es dröhnend ins Schloß. Es war dunkle Nacht! Sie schrie und rüttelte verzweifelt an den schweren Eisenbändern. Niemand gab ihr Antwort. Nur eine Hand griff unsichtbar aus der Nacht und faßte nach der ihren. Die Hand war kalt und feucht. Sie suchte die ihre loszureißen, aber die andere hielt sie wie Eisen klammem fest.

Als sie erwachte, fühlte sie, wie ihr Haar ganz durchnäßt war. Sie konnte sich eines minutenlangen ©rauens nicht erwehren. Hanna hatte irellich über den Traum gelacht und ihn nicht «rnft genommen. Such' chn im Traumbuch, kleine Liese", war alles gewesen, was sie als Erwiderung bekam. Die gute Alle war von so gesundem Denken, daß 2räume am Morgen erledigt waren. Mochten diese noch so ver­führerisch sein oder noch so dräuend erscheinen, sie achte nie ihnen irgendwelche Deutung unter» pischieden.

Elisabeth aber hatte es feine Nahe gelassen. Sie mußte misten, was das Tvatmibuch sagte. Es gehörte dem alten Friedrich und war voll von Nisten uni) Flecken und umgefnirfenen Nändern, kurz, man merkte: es wurde viel benützt. Unb da hatte die angsterfüllte Braut denn auch gefunden, was unter

Donnerstag, 5. März (927

60 Ml., im übrigen wegen Hehlerei zu einet Gefängnisstrafe von einem Jahre verurteilt Er nahm die Strafe alsbald an.

Ein hiesiger junger Menfch hat sich bet Teilnahme an xtoei Schlägereien schuldig gemacht, wegen deren früher bere.tS fünf andere, nicht mehr jugendliche Angeklagte zu mehrmonatigen, inzwischen verbüßten Gesängn. Istras en Dcrurteill worden sind, weit es sich um Aoheiten brutalster Art handelte. Die Intelligenz deS Jugendlichen ist b. .-.en seiner Komplizen zum mindesten eben­bürtig In Anbetracht der gemeingefährlichen Handlungsweise must auch der heutige An­geklagte in möglichster Airpassuinz an die Strafen feiner fünf 21 utätet zu einer Strafe verurteilt werden, die eine Mahnung zu künftigem Wohl- verhalten in sich trägt Er erbält eine Ge­fängnisstrafe von drei Monaten, von denen er zwei Monate zu verbüßen hat. wäh­rend ihm hinsichtlich eines Monates bedingter Strafaufschub gewährt wird. Mit Bedauern muhte der Dorsitzende seststellen. daft der An- genagte zugeben mußte, in der Berufungsver­handlung der Komplizen gegen da- erstinstanz­liche Urteil bemuftt zum Zwecke derTau- schung de- Gericht» die Unwahrheit gesagt ,u haben, während er jetzt trotz ent* gegenstehender Aussagen glaubwürdiger Zeugen den Anspruch aus besondere Glaubwürdigkeit zu erheben versuchte.

Schöffengericht Wetzlar.

O Ein in Untersuchungshaft befindlicher Kaufmann auS W e i d c n a u war der Unter­schlagung in mehreren Fällen beschuldigt. In einem Falle hat er ein QHotorrab, das er aus Teilzahlung getauft, an dem die Lieferfirma sich aber bis zur vollständigen Bezahlung des Kauf­preises da» Eigentumsrecht vorbehatten hatte, weiter verkauft, obwohl noch 500 Mark daraus zu bezahlen waren. In einem anderen Falle bat er in feiner Eigenschaft als Dertreter einer Berliner Firma Geldbeträge einkastlert unb nicht abgeliefert, sondern verpulvert. Auch «ine Re- llameschrcibmaschine. seiner Firma gehörig, hat er eigenmächtig verkauft und den Erlös für sich verwertet. Der wegen des gleichen Deliltes vor­bestrafte Angetlagte war geständig unb wurde zu drei Monaten Gefängnis unb den Kosten des Verfahrens verurteilt. Zwei Monate der Unterfuchungshast wurden angerechnet.

Wegen schweren Diebstahls stand ein Ehe­paar aus Oberscheld unter Anklage, di« Ehe­frau außerbem noch wegen Beleidigung. 3ic Angeklagten wurden beschuldigt, fortgesetzt han­delnd aus einer verschlossenen Wohnung und auS verschlossenen Schränken unter Zuhilfenahme von Dietrichen bzw. anderer Werkzeuge eine größere Menge Kleidungsstücke, Haushallrmgsgegen- stände u. a. entwendet zu haben Die Beleidi­gung erblickte die Anllage in einer Aeufterung der an genagten Ehefrau gegen die Ehefrau deS Bestohlenen. Beide Angellagten bestritten den Diebstahl. Das Gericht sah nur die Ehefrau als deS einfachen Diebstahls überführt an. Dem­gemäß lautet« das Urteil gegen den Ehemann auf Freisprechung, gegen bie Ehefrau we­gen fortgesetzten cinfadxn Diebstahls und wegen Beleidigung auf insgesamt sechs Wochen Ge­fängnis unter Auferlegung der Kosten desDer- fahrens.

Aus dem AmtSvcrründigungoblatt.

* Das Amtsverkündigung-blatt Ar. 15 vom 1. März enthält: Gelet; über die Zuckerung der Weine. Maul- und Klauenfenche in Gieften, Lich unb Alten-Buscck. Feldberrini- gung Lindenstruth. Straßensperre. Dienst- nachrichten.

(4cid)ßimrt)C9.

Ein böser Husten ist oft der Vorläufer wei­terer unb schlimmerer Leiden. Achten Sie da­her auf den scheinbar harmlosen Husten recht­zeitig. damit sich nicht ein chronischer oder ein Bronchialkatarrh entwickeln kann. Bei Husten, Heiserkeit, Schleimanhäufung, rauhem unb schmer­zendem Hals, starkem Auswurf unb katarrhali­schen Erkältungen helfen Aeichel'S Hustentropfen. baS millionenfach erprobte Aozept, überraschend schnell unb sicher

Tor plötzlich zufallendes" geschrieben stand: Innewerden eines großen Geheimnisses.

Bist du letzt zufrieden?" lacht« Hanna.

Und Elisabeth lachte mit, denn eines Geheim« nif|es innezuwerden, hatte immer einen eigenen '.Re 13.

Als sie bie Stimme des Alten heraufklingen hörte, fiel ihr deren Auftrag erst wieder ins Ge­dächtnis. Sie mußte ja mit Friedrich wegen des Weines sprechen. Eine Kußhand flog von der Tür her noch rasch zu Reichmanns Bild, das in einem zierlichen Rahmen auf dein ovalen Tische am jenfter stand, dann eilte sie die Treppe hinab und durch bie Hintertür in den Park, 'aber Friedrich war nicht zu finden. Sie rief mit ihrer vollen All- stimm« seinen Ram«n in den (Barten, da kam Ant­wort aus dem Parterre des -Hauses. Mit flinken Füßen lief sie dorthin. Er faß fast verdeckt inmitten »ines Berges von Strängen unb Girlanden und tugte strahlend nach dem Treppengeländer, das ein einziges grünes Schlangengewinde darstellte. Der qiof-c Saal im Erdgeschoß, der in den Tagen des Glanzes rauschend.- jefte geleben und an manchen Abenden die Zahl der Gaste kaum zu fassen ver­mocht hatte, war in einen feierlich kühlen Wald oerwanbeh. Elisabeth schlug die Hände zuiammen und lubelte wie ein Kind.

Friedrich, ich dank« Ihnen! Ach, wie danke ich Ihnen!"

Sie nahm dessen grauen stopf zwischen ihre ffänbe und strahlte ihn an.

Vergessen der Ira um von dem dunklen Tor und der schwarzen Nacht dahinter, ausgelöscht da- 6)rauen vor der feuchten Hand, die nach ihr gefaßt, vorbei das Bangen und die Angst vor dein Etwas, das jedes Weib empfindet, wenn es sich einem Manne zu eigen gibt, von besten Existenz es vielleicht erst seit kurzen Wochen weift.

Elisabeth fetzte sich zu Friedrich, mitten zwischen all das grüne Gezweig«,.und reichte ihm (orgfatn entwickelten Bindfaden, der sich trotz aller Mübe immer wieder verwirrte. Nebenbei pflückte sie Aessi chen klein, damit er sie nur den Kränzen ein zu fügen brauchte. Zwischenhinein platzte Hannas Altstimme.

Ich hab's ja gewußt, daß du heute alles ver- gißt, kleine Liefe."

(Fortsetzung folgt.)