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Nr. 52 Zweiter Blatt

Ciehener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 5. Mörz (927

Das Volk ohne Raum.

Don Jürgen Uhde.

Die Auffassung, daß ein Autor unbedingt Eigenes geben muh. halt« ich für ebenso irrig, wie die. daß der deutsche Schriftsteller in be- fonbern geistreichen und femgefchliffenen Wonen möglichst neue Nebensächlichkeiten erwähnen muh New, vielmehr kommt es für das deutsche Dolk darauf an und viel besser stände es um unser Schrittstellertum, wenn alle die deutschen Autoren Zusammen wie eine einzige große Sinfonie wir­ken. wenn sie die wenigen großen Grundthemen deutscher Qebendfragen variieren und in rnög- Iichst knappen und eindringlichen Worten Tag um Tag und. wo angängig. Stunde um Stunde predigen wollten.

DaS Verdienst nun. eins dieser ganz großen Grundthemen und nach meiner Ansicht das wich­tigste deutsche Thema überhaupt, dargelegt zu haben, gebührt Hans Grimm, dem CBerlallcr von .Volk ohne Raum" I Albert Langen 1926), Das. waS dieser Vierzigjährige. der mit dem Erscheinen seiner Werke gewartet hat, bis seine Zeit da war. sagt, ist, und wir wollen uns hier nicht täuschen, das deutsche Thema der Nach­kriegszeit. In einem Dries an mich hat Grimm, tote ld> glaube, die beste und eindringlichste Kritik von Duch und Thema in folgenden knappen Wor­ten gefügt:

.Mein Duch will gar nichts, als in die Köpfe hämmern, dah wir eine gemeinsame Not haben, nämlich die Raumlosigkeit. Ich suche gar nichts, als die Einigungsformel, die zu­gleich keine Phrase ist. Und von dieser ge­meinsamen Not her, die zugleich eine außen- pvlittsche Not ist, ist vielleicht möglich, daß wir ntxb einmal ein Dolk werden, wir waren eS noch nie.

Del einem Dolk, tote dem deutschen, tft es tm Grunde weniger die große geldliche Schulden­last, die den Keim möglichen Derderbens der Nation in sich birgt, alS die ungeheure Schuld­mehrung, die darin besteht, daß jährlich über dreimalyunderttausend Menschen neu geboren und daß von diesen Neugeborenen mehr oft der dritte Teil von unvorhergesorgter Zukunft und vorher- fiesehener Arbeit-Möglichkeit in seiner Entwick- una begleitet fein wird. Man kann bei diesem Dolk ohne Naum, ohne einer der üblichen Nach- kriegsphrasen anheimzusallen, schon sagen, dah saft alle aktuellen großen politischen Probleme hieraus zurückzuführen sind, ilnfere Arbeits­losigkeit ilt erst chronisch geworden seit der Zeit, in der Deutschland 70 500 Quadratkilometer Land genommen wurden und über 400 000 Rück­wanderer in eS strömten. Auch unsere ganze Kulturlosigkeit, oder, sagen wir, unsere teilweise Kulturlosigkeit, unser Sozialismus wenigstens in seiner heutigen Form und die durchaus un« genährte NeligionSsehnsucht. die bei allem Zweisel an allen bisher für sie üblichen Formen, unS doch nie In Duhe läßt, sie alle führen sich natur- notwendig auf daS Dolk ohne Raum zurück. GS ist. alS läge hier der Keim zu einer bösartigen Krankheit, zu der politischen und kulturellen Der- etterung unseres öffentlichen Lebens, denn, dah Menschen, die nicht ihre Luft und ihre Arbeit allein für sich haben, in Streit und zwar in kleinlichen Streit miteinander geraten müssen. daS lehrt unS jede- Paar Familien, die. unS seien sie von den friedlichsten Absichten beseelt, in zu engen Notwohnungen miteinander Hausen müssen.

Irgendein seiner Kopf hat gesagt, dah eigentlich die Arbeit, und zwar die tägliche Arbeit, unsere wesentlichste Kulturgrundlage sei. Man sollte hinzufügen, dah zur Arbeit Ge­staltung gehört und daß sie, sowie das Dolk ohne Naum unser wichtigstes soziale- Problem beengt. Die Industrie, die Große-, aber große Derlegenheit geleistet hat, indem sie glaubte, den Nährwert de- DodenS ergänzen zu müssen, um bat Dolk in den Stand zu sehen, seinem Zu- wach- an raumverengten Menschen standzuhalten, hat doch gerade die wesentlichste Förderung zu dem heutigen raumlosen Dolk geboten. Die Zu­sammenstellung großer Arbeiterheere ohne indi­viduelle Möglichkeit, Arbeit nach eigenem Ge­schmack zu gestalten, hat den Kulturwert der Arbeit abgetötet. Sie hat auch die Lust, die unS die Welte de- Raumes erst sühlen läßt, ver­giftet. und man geht vielleicht nicht zu weit, wenn man in dem heutigen Sozialismus viel­mehr einen unbewußten Protest gegen eine Recht­losigkeit die vorwiegend in der Ausschaltung des eigenen Persönlichkeit-werte- liegt, sehen will, alS eine klare revolutionäre Idee. Man hat vielleicht recht, in dem Sozialismus h e u t i g e r Gestaltung einen unbewußten Drang nach Raum« getolmxung und im Kommunismus dessen Abart

zweites Vaterland.

von Albert h. Rausch.

I.

Venedig.

Gegen Dozen. auf das sich Abendahnung senkte, bedeckte sich der Himmel von Süden her. Nach rückwärts, dem Drenner zu. leuchteten die scharfen Ränder der glycinenblauen Derge. Der Tag war strahlend und heiß gewesen.

In Trient war es schon Nacht. Die Luft wurde schwül. 6in Offizier, mit dem ich sprach, sagte, daß in Venedig schwere Gewitter nieder­gegangen seien. Wir fuhren unter anhebendem Sdrocco der Ebene entgegen. In großen Zwischenräumen ging Wetterleuchten über die Landschaft, von keinem Donner gefolgt.

Wir kamen um Mitternacht in Venedig an. AlS wir die Treppe zur wartenden Gondel niederstiegen, hob ich die Blicke: der Himmel lag in leichtem Flor. Hier und dort zitterten Sterne, sehr schwach, sehr fern. Kein Hauch bewegte die Lüft, die heiß und bleiern stand. Seirocco.

Heber tote- Wasser ging die Fahrt. Wasser von hartem Glanz, taub, unfreundlich. Die Fassaden der Paläste schienen zurückgedrängt von leblosem Licht. Die Uferiaternen blinkten ohne Helle. Kaum begegnete uns eine andere Gondel. Seltsame, bellemmende Ankunft in Venedig. ...

Zum wievielten Male in wieviel Jahren? Ich weih es nicht mehr. Vielleicht zum achten, vielleicht auch zum zehnten Mal. Ich war nie­mals dem Zauber dieser Stadt verfallen ge­wesen. Kommen und Gehen waren mir nie Er­eignis. Ich hatte mich auch niemals ihrem Zau­ber entzogen. Ich hatte sie mit mir gewähren

-u erblicken DaS, was Deutschland braucht, ist SiedlungSland im weitesten Maße

Eine zweite Frage, die von ®nmm nicht angeschnitten ist. die aber auch über das stoff­liche Element eine- jeden Romans weit hinauS- geht. ist die. wo wir diesen Raum suchen sollen. Sie ist im Grunde nicht fo schwer für Deutsch­land zu beantworten, wie etwa für Italien.

Dekanntllch darf man drei Gebiete heraus- heben. Zunächst das afrikanische. Im frü­heren Deutlch-Südweft. dann aber auch in Trans­vaal selbst und, wenn nicht alle Anzeichen trügen, in Zukunft mehr und mehr in Angola, liegt siedlung-fähiges Gebiet. Da- zweite Land. daS deutschen Zustrom gern ausnehmen würde, ihn aber vielleicht der Gefahr einer Vermengung mit anderen Völkerschaften, ähnlich dem nord- amerikanischen Prozeß. prciSgibt. ist Kanada. DaS dritte aber ist im weitesten Maße Der

deutsche Osten. Dieses .StütT* Land ist für uns auch schon deshalb das wertvollste, weil es den unmittelbaren Anschluß andieReichs- grenze gewährleistet und dadurch in dem sicher­lich unabwendbar kommenden Prozeß .Asien gegen Europa die RcichSgrcnze selber abstützt. Durch Verständigung mit Rußland. daS seit jeher deutsche Siedler verhältnismäßig gern auf genommen Hal, müssen wir unS über Polen hinaus auch die west sibirischen Siedlungsgebiete, die viel aussichtsreicher sind. aU der DurchschnittS- deutfche annimmt, erschließen. Die Frage deSEr­kennen» Deutschlands olS eine- überfüllten VolkeS hängt also wesentlich mit Der Erkenntnis Der Scholle zusammen. Die etwa- andere- ist a!S .Erde schlechthin, und eS hängt weiter zusam­men mit der Erkenntnis de- deutschen Men­sch e n al« einer raumverengten Eriftenz und feiner Kultur als Der deS Osten».

Gehen wir einerneuen Eiszeit" entgegen?

Don Professor Dr. Rich. Hennig, Düsseldorf.

AuS Amerika kommen, unter Berufung auf Ansichten wissenschaftlicher Autoritäten, arg be­unruhigende Nachrichten über bevorstehende u m- wälzende Aenderungen in Den Wärmeverhältnissen unserer Erde. Zwei amerikanische Meteorologen. Prof. Drown und Pros. Humphreys, sollen für die nächsten Jahre bis 1930 ein ilebermab von Regen und allerhand Unwettern auf Grund der Öonnen- slecken-Deobachtungen und. im Zusammenhang da­mit, Temperaturerniedrigung prophezeit haben, die temperamentvolle Meldungen sogar alS be­ginn einer neuen Eiszeit frisieren wollen.

Man lasse sich durch derartige Sensations­nachrichten nicht in- Bockshorn jagen! Der Ame­rikaner muß bekanntlich immer irgend etwa- Nervenaufregendes haben unb bringt alle paar Jahre einmal ähnliche linier ei en bezüglich Der künftigen Witterung zur Welt. Ob die ge­nannten Meteorologen wirklich etwas AehnlicheS gesagt haben unD was. ist zur Zeit von hier aus nicht au kontrollieren. Aber das eine ist unbedingt sicher: dah sie entsetzt sein würden, wenn sie wüßten, was amerikanische Reporter auS ihren zweifellos ziemlich harmlosen Aeuße- rungen gemacht haben! Die Ankündigung der .neuen EiSzeit" ist gar zu charakteristisch laien­haft. Eine neue EiSzeit der Erde, wenn sie unS überhaupt beschieden fein sollte, wird nie und nimmer durch ein paar Jahre schlechten Wetters bedingt, sondern bedarf einer durch viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende fortgesetzten Vermehrung der Niederschläge und Temperatur- emieDrigung, die theoretisch natürlich denkbar, aber bisher auch nicht in bescheidensten Ansätzen wahrnehmbar ist. Wir. unsere Kinder und Enkel und noch ungezählte weitere Generationeu werden eine neue EiSzeit der Erde ganz sicher nicht erleben. Ob man in 3000 oder 5000 Jahren vielleicht Anzeichen einer bedroh­lichen Klimaverschlechterung bemerken wird, braucht unS vorläufig wohl noch keine schlaflosen Nächte zu machen. Im übrigen wird seit vielen Jahrzehnten in leidlich regelmäßigen Zwischen­räumen bald eine AuSdörrung des Erdballs, bald eine neue Sintflut und EiSzeit. bald der .Wärmetod". bald Der .Kältetod^ Der Mensch­heit angekündigt, so daß wir gelassen jede neue Prophezeiung dieser Art, mag sie sich auch auf noch fo viel angebliche .Autoritäten" stützen, mit dem Gefühl .Tut's zu dem übrigen" in den Papierkorb versenken tonnen. Es ist immer wie­der dieselbe Erscheinung: wenn mal ein paar Wochen starke Hitze und Dürre über uns kommen, wie etwa im Sommer 1911 oder 1921, so heißt eS allenthalben, .die Erdachse habe sich ver­dreht" und die Menschheit drohe an Feucht ig- keitSmangel zugrunde zu gehen: wenn aber kalte, regnerische oder stürmische Witterung irgend­einem Lande längere Zeit unbequem zusetzt, so sind die Bewohner auch überzeugt, daß die Erdachse sich verschoben habe und nunmehr eine neue EiSzeit unausbleiblich sei. Und ein paar Wochen später ist alles wieder vergessen, und kein Mensch spricht mehr davon I

Diesmal ist daS Gerücht nun etwas be­stimmter als sonst aufgekommen, well die letzten Monate allerdings ganz ungewöhnlich reich au Unwettern aller Art in sehr verschiedenen Tellen der Erde waren. In Deutsch­land war der Sommer 1926, bei ungefähr nor­malen Mittelt emperaturen, ganz extrem reich an schweren Gewittergüssen und, zumal in seiner

ersten Hälfte, mit einem Uebermaß an Regen auSgestattet (wenn auch im Mat strichweise aus­gesprochene Dürre herrschte). Der Herbst hat demgegenüber eine Häufung schwerster Stürme, vornehmlich in Amerika, gebracht, wie sie in dieser raschen Aufeinanderfolge und dieser Schwere anscheinend nie zuvor beobachtet worden sind. Seit dem 17. September wurden in nur sechs Wochen Florida. Mexiko. Kuba, die An­tillen. Panama, Brasilien und Paraguay nach­einander durch Orkane heimgesucht, die ganze Städte und Stadttelle in Trümmer legten, also eine zerstörende Straft bekundeten, wie sie in anderen Erdteilen noch nie beobachtet worden ist. Aber auch in Europa hat Der Herbst mit heftigen Stürmen unD Sturmfluten der deutschen Meere eingesetzt, und noch stehen wir mitten drin in dieser sehr großen Unruhe des LuftrneerS, die sich möglicherweise nach längeren Pausen den ganzen Winter hindurch sortsetzen wird.

Ob die seit Weihnachten 1925 ft a r f g e - steigerte Sonnenkleckentätigkeit mit Den vielen Unwettern dieses Jahres zusammen­hängt, ist nicht sicher zu sagen. Die Möglichkeit hierzu besteht jedenfalls. Und da die Astronomen vermuten, daß im Jahre 1927 die Sonnenflecken­tätigkeit noch lebhafter werden wird, wäre es denkbar (wenn auch keineswegs erwiesen), dah wir an den gehäuften Wetterkalastrophen noch geraume Zeit zu leiden haben werden. Aber die Witterung der Erde wird auch wieder friedlicher werden und die Sonne ihre Fleckenzahl und -große wieder vermindern. Bis zu einem grund­sätzlichen Umschwung der Witterung oder gar einer neuen Eiszeit ist noch ein sehr weiter Schritt. Sine zeitweilige Vermehrung der Wetter- ParoxhSmen gibt eS. solange die Erde steht, und wird es auch weiter geben. Irgendwelche Sorge um Die Kultur unD Wirtschaft Der Menschheit brauchen wir unS Darum noch lange nicht zu machen.

Eine DauernDe Verschlechterung unseres europäischen KlimaS kann wohl überhaupt nur eintreten, wenn etwa eine- Tages Der Golf­strom einen anderen Weg einsch 1 a gen sollte. Aber warum sollte er Dies tun? Er strömt seit vielen tausend Jahren dahin, und es ist nicht einzusehen, warum er dies nicht noch ein paar weitere tausend Jahre tun soll. Kleine Schwan­kungen in der Strvmrichtung und der Temperatur des Golfstroms kommen vor und mögen sich auch vorübergehend in unserer Witterung aus- wirken. aber bei der großen Tiefe der vom Golf­strom durchfluteten Meere mühten schon ganz ungeheuerliche Grdkatastrophen und Umwälzungen in Der Erdrinde vor sich gehen, um die feit Jahr- zehntaufenden eir * hielten Kräfte wirklich nach­haltig umzutoan.

Dah Aender einschneidender Art in den Meer es ström unge n vor sich gehen können, soll Dabei nicht bestritten werden. Wir haben gerade in Den letzten Jahren ein sehr bedeutsames und lehrreiches Beispiel hierfür erlebt. Anscheinend infolge von gewaltigen Seebeben hat sich Der warme Nordäquatorialstrom. Der im Stillen Ozean in ungefähr westöstllcher Richtung auf Die mittelamerikanische Küste zuströmt, feit einiger Zeit südwärts verschoben. Darauf­hin Ist das Klima von Ecuador, zum Teil auch von Peru, recht erheblich beeinflußt worden. Während früher ein großer Teil der Küste des Landes im Bereich der von Süden kommenden. kalten .Peru» Strömung lag, ist jetzt Die Temperatur des Meer- wasserS um durchschnittlich 5 Grad erhöht und

lassen. Nur einer Ankunft entsinne ich mich genau, der allerersten. Das war frühmorgens, gegen fünf Uhr. ... vor vielen Jahren, von Paris her. ES war im Mai, und daS Licht brach gerade über den Dächern auS. Sin L.cht wie ein Regen auS Mandelblüten, und in feinem verhaltenen Glühen schwammen, von ihm auf­gelockert. Taulende von fieinen Lämmerwollen. Durch deren Spiegelbild in fiiberblauem Wasser glitt die Gondel, leicht, fröhlich: eine Gondel der Erwartung, und der Knabe, der sie antrieb, fang mit plötzlich erwachenden Glocken. Er fang zwilchen kaum geöffneten Lippen, aber feine Worte verstand ich nicht. AIS wir am ®emüfe- marft vorbeikamen, flog eine Lohe hellroten FeuerS über Die auf geschichteten Früchte und Kräuter und die Rialtobrücke nahm Den starken Sprung von Ufer zu User durch purpurnen Brand, der in hemfelben Augenblick verschwun­den war. als wir am Fondaco bei TedeSchi in Den Seitenkanal einbogen, um unter der Seufzer­drücke durch zur Riva Degli Schiavoni zu ge­langen.

Qlun fuhren wir die gleiche Strecke. Und wie eS mir so oft schon im Rückwärtsdenken erging: ich begriff nicht mehr, dah ich eS fein sollte. Der an jenem Maimorgen auf diesen Wassern seine Einkehr in Venedig hielt. Vierzehn Tage war ich damals in der Stadt geblieben, von morgend bi­ndend- unterwegs: ausgerissenen Auges, aufge- rllsenen Herzens von Wunder zu Wuillrer eilend: und dennoch nicht Eingenommen, nicht überwältigt. Glicht von den Palästen, in deren glänzenden Fronten sich tief die blauen Schatten fingen, nicht von Den Kirchen, Deren Prunk mich erdrückte, nicht von Den Bildern, Deren Ueppigkeit keine Macht über mich hatte ja vollkommen befremdet und fast feindlich vor Dem Ueberichwang des Tinlo- rettofchen Paradiese-. Ueberall schreckte mich ein Zuviel.... jene» Zuviel, daS fast immer vor­

herrscht, wo patrizischer Geist menschliche Haltung und Gepflogenheit bestimmt. Unvergeßlich aber bleibt Jene eine Stunde mit ihrer wundervollen Entdeckung deS Zufalls, als ich, planlos durch die Seitenkanäle gleitend, aussteigcmd wo eS mir gerade gefiel, in einen kleinen, grasbewachsenen Klosterhof geriet, über dessen EingangStor Die Worte hingemeißelt waren:

O BEATA SOL1TUDO O SOLA BEATITUDO

Ich habe bei jeder späteren Wiederkehr versucht, die stille Stätte wiederzufinden: es ist mir nie mehr gelungen, und niemand konnte mir sagen, wo ich gewesen war. Aber ich weih: ich bin wie selten um jene Zeit ausgehenden, erraffenden Lebens in jener vergoldeten Abendstunde ganz bei mir gewesen, in langem AuSruhen. entrückt belastender Fülle: mitten in der Mitte meines SeinS, sichtend, klärend, mich. besinnend . . . und ganz gewiß, dah mich nicht noch so großer Uebersluh der Schönheit je fortschwemmen könnte aut dem Gleichgewicht der eignen Seele, in dem der Wert Der Dinge, der Wert Der Welt geprägt wird... Palazzo Durale, Rezzönico, FöScari, Samer della Ea Grande, Grimani, Ei d Orv. Dendramin. . . Eta. Maria Della Salute. I 5rari, 6. Giorgio Maggiore, S. Giovanni e Paolo, San Marco: sie vermochten mich nicht in Der ersten Verwirrung zu halten. Die nur eine Verwirrung des durch Ueberiluß Unüberschau- baren war. Sie vermochten daS Staunen vor Der Fvrmsehnsucht und Formsülle des MenfchengeifteS zu vermehren oft Entzücken, oft auch Wehmut auSzulösen: aber sie wiesen niemals den geraden Weg zum Urgrund alles Schöpfertumes. zu Gott.

Wie muhte, ich all dies ost Gedachte wieder durchdenken, während wir nun in der heißen, stummen Nacht dahinfuhren, vorbei au Brücken, an Geländern, an moosbewachsenen Stufen, an wundervollen, vergessenen Portalen, die wer

seil nicht ganz zwei Jahren hat eine gewaltige Steigerung Der niedergehend.n Regenmengen ein­gesetzt. Die Wirkung ist übertoiegenh wohl uenher Art. Sie hat die rouftenbilDenDe Kraft des kalten Peru-Stroms in Den Küftenbezirken Derart ab- gefchwächt und zurückgeDrängt. Daß sich Die 10 000 Quadratkilometer große Sechura-Wüste jetzt mit Vegetation zu bedecken beginnt* E- wird Durchaus von dem weiteren Verhalten der aenannten Meeresströmungen abhängen, ob Die Klimaänderung und Umwandlung Der Wüste von Dauer sein wirD oder nicht.

Aehnliche- kann sich theoretisch auch in Europa einmal ereignen. unD e- kann eine toeit- gehende QknDerung unserer Witterung zum Schleckteren eintreten, ohne daß e- Der etwa- stark laienhaften Vorstellung einer .Verschiebung her Erdachte" bedarf Aber Die Wahrscheinlichkeit Dafür ist bei der riesigen Breite hc* Gol strom- so gering wie nur möglich Kein Anzeige i Dafür liegt vor, und man mag getrost 1 Million gegen 1 wetten. Daß von Den heute lebenden Europäern niemand Zeuge einer solchen. Durch Verlegung her Meere-ströme bedingten Klimaumw.'nd'.ung sein wird. Da- Gespenst Der . neuen EiSzei:" aber möge nun gar niemanden schrecken Diele- Ge­spenst hat mit seinesgleichen Die Aehnlichke t. daß es nur Dem oberflächlichen Beurteiler Schrecken in Die Glieber jagt, und Daß eS spurlos oer- fchwinDet. wenn man ihm zu Leibe geht und es kritisch unter die Lupe nimmt.

Oberhesfen.

L'anMreie Gictzen

Wieseck. 2 März Da- Evange­lische Pfarramt Wteseck schreibt uns .Der Gemeinberat-bericht Des L-Be« richterstatterS in Nr. 49 Des .Gieß Anz" ent­hält eine Reihe von Aeuherungen. Die im Inter­esse einer für da- Gemeindeganze nötigen Zu­sammenarbeit von Kirche und Gemeinde und im Interesse Der Wahrheit richtig gestellt werden müssen. Bei Dem Rechtsstreit ging eS nicht um Die bauliche Unterhaltung Der Kirche, sondern um Die Frage Der Baulast an den kirchlichen Gebäuden, also auch Pfarrhaus mit Neben­gebäuden. Die evangelische Kirche hat nichtum Gewährung eine- vorläufigen Kredits ersucht, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu lonne.i", sondern wiederholt an Zahlung langst fälliger Schulden der Gemeinde an die Kirche erinnert. Bereits am 14. Mai 1926 hat sie in einem aus­führlichen Schreiben an Die Bürgermeisterei Dar­auf hinyewiefen, daß in den Voranschlägen 1926 beiderseits der Entscheidung des OberlandeS- gerichtS vom 20. April Rechnung getrag n wer­den müsse. Dies ist nur seitens der Kirchen­gemeinde geschehen, nicht aber seitens der bürger­lichen Gemeinde. Ein formeller Einspruch hier­gegen von Jetten deS Damaligen Spezialvikars unterblieb auf Die mündliche Versicherung des Bürgermeisters hin, daß Die Sache auch ohne das ihre Erledigung finden werde. Don den feit Be­ginn des RechtSstretteS durch die Kirche in Fragen der Baulast gemachten Dorlageir find bis yeute nur die in Der Abstandssumme von 1000 Mark enthaltenen 961,33 Mark nach hm Stand vom 19. Juli 1924 zurückerstattet. Daß seit­dem das Grundstück gründlich erneuert wurde und dazu Anleihen in her Höhe von 16 000 Mark aus­genommen wurden, wußte Der Gemeinderat min­destens seit jenem Schreiben vom 14. Mai 1926. Auch sind sämtliche Ausgabebelege von dem Bürgermeister in seiner Eigenschaft alS auS- führendem weltlichen Mitglied de- Kirchcnvor- stände- seinerzeit mitunterschrieben worden. In genanntem Schreiben sind verschiedene Posten an­geführt, die schon damals die angeforderte Ab­schlagsrate von 1000 Mark rechtfertigten, toenn diese jetzt endlich beschlossen wurde, so trägt |tc al- vorläufiger Kredit für die Rechnungsjahre 1925 und 1926 nicht nur einen falschen Namen, sondern ist auch völlig unzureichend. Hat sich doch seither schon der Betrag für Zinsen von Daudarlehen weiter gesteigert und die Gemeinde durch Hinausschiebung deS Zeitpunktes der Ueber- nahme dieser Darlehen sich mitverantwortlich Dafür gemacht, daß zu den Zinsen auch noch Kosten kommen z. B. von feiten der als Haupt­gläubigerin in Betracht kommenden Dezirksfpar- kasse Gießen. Der Vorwurf. .Der ©emeinherat sei völlig im unklaren Darüber gelassen wordern, wie sich Die Ausgaben tm einzelnen zusammensetzen und daß ihm nur zugemutet wird, Gelder zu bewilligen", muß demnach mit aller Entschieden­heit zurückgewiesen werden. Die noch nicht für Ratenzahlungen, sondern erst für die endgültige Regelung der finanziellen Beziehungen zwischen Kirche und Gemeinde nötige Aufstellung Der Ein­

weih wie lange keine- Pförtners Hand mehr geöffnet, fein JeiDener Schuh mehr heimlich durch- fchritten, keine golDne Zechine mehr verbotenem Besuch erschlossen ... O Feste von Venedig, lang verblühte Feste: nicht die Hälfte dessen, waS heißer Wunfch, waS nachllingende Phanta'ie auS euch machte, und doch so wirklich, so verschwen­derisch und königlich, well ihr Die Kraft habt, soviel Träume zu entzünden, so viel Lust aus dem Dunkel der Sinne heraufzulocken, soviel Mittelmäßiges und Niedriges deS Keinen Geben« in vorgestellten Bildern aufrauschen zu lassen ...

Und nun im Rückerleben aller Tage, aller Nächte, die ich je in dieser Stadt erlebt kam auch das Seltenste zurück, das mir hier be­gegnete. ein Nichts und doch ein Alles: so tief als Beispiel, als frühe, frühste Mahnung an oen fast noch Knaben blieb es in mir haften, eine Jugend, ein halbe« Leben lang. Ich habe es nie ausgezeichnet, kaum erzählt. So mag c« hier gebucht sein.

Bei meinem zweiten Aufenthalt in Venedig fünf Monate nach meinem ersten wohnte ich. Die Ankunft eine« Freundes au« ©rica/tn- land erwartend, in einem her großen Gasthöfe am ÄanaL Ich kannte niemand, wollte niemand kennen. Fast wie ein Schüler eine Aufgabe, wiederholte ich, verbefsernd, berichtigend, ergän­zend, da« Erlebni« meine« Besuches Im Früh­jahr. Es war September, noch verweilte stiller, blauer Sommer über Der Lagune, hie Tage waren oftmals glühend, die Nächte lau und warm und lässig. Es waren wenig Fremde in der Stadt. Der Speisesaal das Gasthofes war hall» leer. An einem Pfeller, mir gegenüber, stand der Tisch einer Frau, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sie war nicht das. waS man schön zu nennen pflegt. Sie war weniger und bedeu­tend mehr. Sie konnte dreißig, f'.e konnte auch vierzig Jahre alt fein. Sie war immer allein.