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Nr. 28 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag, 3.8ebrnar 1927

Lichtmeß.

Don Friede H. Ktaze.

Dieser frühe Februar brachte sie wieder ein­mal, die Tage, an denen man mit aufgeknöpftem Wintermantel nach Hause rannte. Es war ein schottisch karricrter mit grober Pelerine. Wiewohl der Schnee schuhtief gefroren lag, .starb" man vor Hitze in der Mittagssonne und verlangte stürmisch, als gutes Recht, die ganz neue, weih­nachtliche Jacke mit Pelz an Aermeln und Hals.

2lS ich nachher auf dem Stuhl vor dem Fenster kniete, konnte ich cs förmlich sehen, wie die Sonne auS dem Hyazinthentopf diesen fußen, ganz reinen Dust herauSfiltrierte.

Die Sonne! Die Sonnet Heute an Mariä Lichtmeß tat sie ihren Hirschensprung himmelauf.

.Großmutter, sind die Menschen wie die Hyazinthen", fragte ich. .War ich auch im Win- ter cingegraben. und jetzt blühe ich wieder?'

.ES wird nicht viel anders sein", sagte die Großmutter. .Heute fühlen sie zum erstenmal ganz deutlich die Sonne auf den Augenlidern. Pflanzen und Tier. Sie blinzeln und recken und dehnen sich. Auch der Mensch macht es nicht «nderS."

.Großmutter," ich fing an, meine Arme au dehnen, blinzelte in die Sonne, nieste und lachte: »Ich glaube, Großmutter, bei mir hat es schon früher angefangen. Din ich nicht schon Advent lebendig geworden? Als am Kranz das erste Licht brannte?'

Die Großmutter strich mit die Haare auS der Stirn: .Freilich. Donalind. Das Adventslicht und die junge Sonne sind eigentlich wohl das­selbe. 3m Oktober haben wir die Tulvcnzwiebeln und die Hyazinthen in die Töpfe gep'lanzt. An Advent haben sie sicherlich schon uic weihen Würzelchen probiert. Rur mit dem völligen Her- ouSkommen und Blühen hatte eS noch Zeit."

»Wissen die Blumen an Advent, daß nun dald das Christkind geboren wird?'

.Eie werden schon wissen, daß bald das Licht ln die Finsternis scheinen wird. Sie spüren die Gnade."

Der Haushalt des Reichs­arbeitsministeriums.

von Dr. Cremer, Mitglied des Reichstags.

Vielfach wird die Meinung immer noch ver­treten, daß das Reichsarbeitsministe­rium eigentlich eine überflüssige Folgeerscheinung der Staatsumwälzung sei und schon durch seine bloße Existenz em schweres Hindernis der Verein­fachung und Verbilligung des Derwaltungsbetrieds im Reich bedeute. Richtig ist, daß das Reichsarbeits- mimfteriuin eine außerordentlich umsangreiche Behörde darstcUt, von der weitere recht umfang- reiche Verwaltungen abhängen, und daß zunächst die Rolwendikeit seiner Arbeiten manchem nicht einleuchten mag. Im Reichsarbeilsministerium sind 272 Beamte in Planstellen beschäftigt 15 beamtete Hilfskräfte und 164 nicht beamtete Hilfskräfte, im ganzen also 451 Köpfe. Von dem Reichsarbeitsmini- sterium reflortieren: das Reichsoersicherungsaml, die Reichsarbeitsoerwaltung, die Vcriorgungsdienststel- len, das Reichsoerforgunasgericht. Das Reichs- oersicherungsamtz ist die oberste Instanz für die Angelegenheiten der Sozialversicherung, die Reichsarbeitsverwaltung hat die Ange- legenbeiten der Erwerbslosenfürsorge -u bearbeiten, die Versorgungsdienststellen, denen die Kriegsinoalidenhäuser und die Reichsarbeitskasten ongeschlosten sind, bearbeiten die gesamte Versor­gung der Kriegerhinterbliebenen und der Kriegs- Mdjäbigten sowie die Pensionsangelegenheiten, ins- fre|onbere auch des alten Heeres. Das Reichs- «erforgungsgericht ist die oberste (Serlchts- instanz in allen Derforgungsangelegenheiten. Auch wenn es kein Arbeitsministerium gäbe, würden diese den unterstellten Behörden anoertrauten Geschäfte von entsprechenden Dienststellen zu führen sein.

Reben der oberen Leitung dieser Geschäfte ist das Reichsarbeitsministerium aber vor allen Din­gen auch mit der Vorbereitung und Ausführung der gesamten Gesetzgebung über d i e so- zialen Verhältnisse und der außerordentlich großen Zahl von Anträgen auf diesem Gebiete be­saßt. Es bat ferner die wichtigen internatio­nalen Beziehungen auf dem Gebiete der Sozialpoliiik zu wahren, ferner ist das Woh­nung». und Siedlungswefen dem Reichs- arbeitsministerium unmittelbar unterstellt. Auch auf diesem Gebiete, auf dem das gesamte Miet-, Wohn- und Pachtrecht unter dem Gesichtspunkte einer Ueberleitung In d i e freie Wirtschaft fortgesetzter Aenderungen bedarf, würde eine zen­trale Bearbeitung notwendig sein, einerlei, ob das Reichsarbeitsministerium bestände oder nicht. Durch die Beseitigung der Behörde allein würden auch keine wesentlichen Ausgabeersp.imisse erwartet wer- den können, und die außerordentlich hohen Aus- gaben, die sich Im Etat des Reichsarbeitsminifte- riums untergebracht finden, ergeben sich in erster Linie aus den Sachaufwendungen, welche auf Grund der bestehenden Gesetze sozialpolitischer Art zu machen sind, und sind keineswegs in erster Linie aus Perfonalausgaben. Unter im ganzen 369 Millionen fortdauernden Ausgaben im Ordentlichen Etat sind die wichtigsten:

200 Millionen Zuschüße des Reichs zu den Renten der Invalidenversicherung,

16,3 Millionen Vergütung an die Reichspoft rür Vertrieb von Dersicherungsmarken und Auszahlung von Renten,

25 Millionen für Wochenhilfe,

50 Millionen für produkioe Erwerbslosen- fürforae.

132 Millionen an Unterstützungen für nicht ruhegehaltsberechtigt ausgeschiedenes Personal früherer Heeres- und Marinebetriebe lowie Witwen und Waisen von solchen.

Dazu kommt eine Reihe von kleineren Aus­gaben ähnlichen sachlichen Charakters. Unter den einmaligen Ausgaben von insgesamt 204,2 Millio­nen finden sich weitere 200 Millionen für unter­stützende Erwerbslosenfürforge, die zugleich als Grundstock für die geplante Arbeitslosenversicherung gedacht sind.

Unter den außerordentlichen Ausgaben von 195 Millionen befinden sich 15 Millionen für Förderung des Wohnunasbaues für Reichsbecnnle, Kriegerhin- krNicbene u|w., 50 Millionen für Förderung des landwirtschaftlichen Siedlungswerks und 130 Mill, für die produktive Erwerdsiofenfürforge. Auf allen

diesen Gebieten handelt es sich um Ausgaben, die unabweisbar find und vielfach hinter dem Bedürfnis aus zwingenden Gründen der beengten Finanzlage de» Reichs zurückbleiben.

Es fei nun noch ein Blick auf die vom Reichs- arbeitsministerium restortierenden zentralen Behör­den geworfen. Da» Reichsverficherungsamt beschäftigt 184 Bianbeamte, 15 beamtete und 64 nichtbeamtete Hilfskräfte mit einem Kostenaufwand von 1,2 Millionen. Die Reichsarbeitsoer- waltung beschäftigt 136 Bianbeamte, 23 beamtete und 80 nichtbeamtete Hilfskräfte mit einem Kosten­aufwand von 1 Million: die Versorgung»- d ie n ft ft e I le n , denen die Verwaltung von un­gefähr li Milliarden laufender Ausgaben de» Reichs anoertraut ist und welche weit über eine Millionen Personen in deren Bezügen zu betreuen haben, wobei teilweise außerordentlich schwierige Ermittlungen und Verhandlungen notwendig sind, 7533 Bianbeamte, 160 beamtete. 1986 nichtbeamtete Hilfskräfte mit einem Koftenauswand von 37,3 Millionen. Das Reichsoersorgungsgericht beschäftigt 113 Bianbeamte, darunter einen Vize- Präsidenten, 12 Senatspräsidenten, 23 Cbcrregie- rungsräte, 3 Regierungsräte, ferner 23 beamtete und 25 nichtbeamtete Hilfskräfte mit einem Kosten­aufwand von 1 Million. Man wird schon zugeben rnüsien, daß diese Regieunkosten für die Verwaltung so gewaltiger Ausgaben nicht als verschwenderisch angesehen werden können: jedensalls bleiben sie hinter den Kosten ähnlicher Einrichtungen in an­deren Ländern erheblich zurück. Man mag es be­klagen, daß der Verlust des Krieges und die wirt­schaftliche Rotlage weiter Kreise der Bevölkerung den Staat und die Steuerzahler zu so außerordent- sichen Aufwendungen nötigen; die Schuld des Reichsarbeitsministeriums ist das nicht, und der in der Oeffenllichkeit oft geführte Kampf gegen dieses Ministerium geht von falschen Dorausset- zungen aus, wenn er es gewissermaßen für diese Ausgaben verantwortlich macht. Das Arbeitsfeld des Reichsarbeitsministeriums bringt e? mit sich, daß feine Tätigkeit auf gesetzgeberischem Gebiet wie auch in feiner Verwaltungspraris von manchen Seiten stark angegriffen wird, jedoch ist es notroen- big, wie hier geschehen, durch einen Ucbcrblirf über fein Arbeitsgebiet sich Klarhet darüber zu verschaf- fen, daß auch auf diesem Gebiet Kritik leichter als verständnisvolle Mitarbeit und sorgfältige Aufmcrk- [amleit ist, die den Zweck verfolgen, daß jede überflüssige Ausgabe vermieden wird, damit den zwngsläufigen und unumgänglichen An- sprächen an die soziale Fürsorge des Reichs Genüge geschehen kann.

Die ukrainische nationale Bewegung in Polen.

Von unserem Warschauer Mitarbeiter.

Die wichtigste Frage der polnischen Innenpolitik ist zweifellos die Minderheitenfrage, und solange Polen diese seine brennendste Fratze nicht geregelt hat, kann von einer inneren Konsolidierung des Staa­tes kaum die Rede fein. Das ist für einen Staat wie Polen eine sehr gefahrvolle Erscheinung und ganz besonders dann, wenn man bedenkt, daß die Minder­heiten längs der sehr ausgedehnten östlichen, süd östlichen und teilweise westlichen Grenzen in säst geschlossener und kompakter Masse gelagert sind, somit also das rein polnische Nationalgebiet, das im Staate zentral gelagert ist, wie mit einem großen und breiten Ring umschließen. Die für Polen gefährlichste Frage des ganzen Minderheitenkom- plexeS erscheint für denjenigen, der die tatsächlichen Verhältnisse in Polen kennt, die Frage der ukrai­nischen Minderheit, die unter den Minderheiten die größte Gruppe bildet. Tie ukrainische Minderheit bewohnt allein ein geschlossenes Gebiet von ca. 150000 1cm und zählt über 6 Millionen Seelen. Das größte von den Ukrainern bewohnte Ole biet ist Ostgalizien, dann kommt Wolpnien, Eholm und schließlich Polesien. Ihre Haltung gegenüber Polen ist durchweg negativ. Diese ihre Haltung, die vor allem in ihrem nationalen Bewußtsein und ihren nationalen Bestrebungen begründet ist und in nicht geringem Maße durch die feindliche Politik Polens diesem Volke gegenüber noch gestärkt wird, ist kürzlich aus dem großen nationalen Parteitag der größten ukrainischen Partei der ukrainischen national-demo­kratischen Vereinigung, kurz Undo genannt, in Lemberg mit großer Wucht und Schärfe zutage getreten.

Die Sonne warf lauter goldne Kringel und Sterne durch die gestrickten Gardinen auf die Blumen. Ich wurde ganz sonnentoll, tanzte und fang.

Eie braucht gar nicht den ganzen Tag heut scheinen!" sagte Tante Male grämlich und stellte den Spinnrocken in die Ecke. Denn an Lichtmeh darf nichts gesponnen werden, weil es sonst die Maulwürfe gar zu arg treiben mit Wühlen. Was ging das aber die Sonne an? Sie war heut grabe so kühn und herrlich. Wie ein bren­nendes Schiff durchsegelte sie eine schwarze, stür­mende Wolkensee nach der anderen und stand plötzlich still und bespiegelte sich in einem selig blauen Teich. .Wenn sich die Sonne heute immer­fort fo wichtig macht," sagte Tante Male,bann stürmt es noch sechs Wochen. Besser sollte eS heute schneien. Dann wirb bas Jahr gut.

3a, nun wußte man wieber einmal gar nicht: ein gutes 3ahr war wohl zu wünschen. Eie klagten all: sehr, der Hafner Eeppel, Gürtler Menzel, bei dem wir meinen Schulranzen ge­kauft hatten und bei dem eben das neunte Kind in der Wiege lag. Hnb auch Scheuerfikchen klagte sehr mit Augen- und Halswcnden und allen zehn Fingern. Denn Scheuerfikchen war stumm.

Aun, bei uns wurde nicht geklagt. Das hätte die Großmutter niemals gelitten. .Donakind," Tagte sie dann nur mit diesen ganz hellen Augen, »jetzt ist mir etwas ganz Herrliches eingefallen: wenn wir uns vier Wochen lang gar keine Butter aufs Brot streichen, dann kannst du jeden Tag der Mutter Menzel einen Topf Milch £ inübertragen. Ober sie sagte: .Wir haben boch gestern das viele Mehl und den Speck aus Schöndorf be­kommen. Gute Male, und bu verstehst doch so großartig einzurichten."

»3ch weih schon," sagte Tante Male dann geschmeichelt und geärgert zugleich, denn sie hatte ganz andere Pläne gehabt.Man weih gar nicht, wie es nächstes 3ahr wird. Mer hier im Hause ist immer Angst, daß die Würmer inS Mehl kommen könnten."

Lind während die Großmutter glücklich zusah. wie Tante Male etliche Säckchen prell füllte und vom Speck ein paar ordentliche Scheiben her- unterfchnitt, erzählte sie die Geschichte von der

Aus diesem Kongreß, auf dem von 250 Delegierten 234 erschienen waren, wurde eine Einstimmigkeit erzieU, die in solchem Maße auf den früheren Partei- tagen nicht zu erreichen war. Diese Einstimmigkeit äußerte sich vor allem in der Stellungnahme de» Parteitages zur Frage der Cowjetukraina und gegen­über der ick, innerhalb der Partei bildenden opposi­tionelle . >nippen, wie die hinter dem Wochenblatt Roda ' -ebende. So wurden zum Beispiel die zwei bedeutendsten Anhänger und geistigen Führer der Siaba", der frühere österreichische Reichstagt-- abgeorbnete Dr. K ost Lewicknj und der Geistliche Stefanowitsch mit 210 gegen 7 Stimmen au» dem Zentralkomitee ausgeschlossen, be;ietzungSweisc in diese» nicht gewählt. Auf Grund diese» letzten großen Parteitage» kann mit Bestimmtheit gesagt werden, daß rund 75 Prozent der ukrainischen Bevölkerung in Polen und 00 Prozent wahlberechtigter Ukrainer in dieser Partei die alleinige Vertretung ihrer großen nationalen Belange erblicken. Damit müssen die Polen rechnen!

Unser Berichterstatter hatte Gelegenheit, den vor kurzem in Warschau weilenden Vorsitzenden der Undo-Partei Dr. Demyter Lewickyj zu sprechen, der in liebenswürdiger Weise ihm auf eine ganze Reihe Fragen, die die Geschichte seiner Partei, ihre Ziele und Bestrebungen, ihr Verhältnis zu den Polen und anderen Minderheiten betrafen, ausführliche und offene Antwort gab. Dr. Lewickyj hat kurz zusammen- gefaßt folgende- ausgesührt:

.Tie Undo-Partei ist eine Schwesterorgani- Nation der seit 1880 bestehenden national-demo­kratischen Partei. Im Rovember 1925 ist durch Zusammenschluß einiger anderer nationaler Partei­gruppen die Undo entstanden. Diese Partei ver­tritt die einem jeden Volke eigensten und heilig­sten Bestrebungen, die eine Selbständigkeit und Freiheit und einen Zusammenschluß sämt­licher national-ukrainischer Gebiete zum Ziele haben. Dieses große Ziel verbietet es natür­lich der Partei, alle diejenigen internationalen Traktate, die ohne Befragen und gegen den Willen des ukrainischen Volkes zuftande- gekommen sind, anzuerkennen und zu respektieren. Weil die polnischen Regierungen und säst ohne Ausnahme sämtliche polnischen Parteien, von der radikalsten Rechten bis zur radikalsten Linken, dem ukrainischen Volke und seinen Bestrebungen feindlich gegenüberstehen und sich zusammen- geschlossen haben, um auf national-ukrainischen Gebieten Polonisierungspolitik zu betreiben, kann unsere Stellung nicht anders als negativ sein. Um nur einige brennendste Tatsachen herauszugreifen sei daran erinnert, daß unser ukrainisches Vor- kriegS-Schulwesen fast vollständig vernichtet wurde, hauptsächlich durch die utraguistische Schul­politik der polnischen Regierungen. So hat zum Beispiel Polen die Eröffnung (eine seit Cefterrcid) noch schwebende Frage) einer ukrainischen Universität, zu der Polen sich im eigenen Gesetz vom 26. September 1922 verpflichtet hat, bis heute nicht nur nicht oorgepommen, sondern nicht einmal den Versuch einer ernsten Regelung ge­macht. WaS die Polen anbelangt, so hat auch der vielversprechende Maiumsturz gar keine Kurs­änderung in der polnischen Haltung herbeigeführt. Im Gegenteil, es ist noch schlimmer geworden, seitdem sich die jetzigen Machthaber bemühen, die verfassungsmäßig gewährten Freiheiten zu unter­drücken und zu schmalem. Aber außer der Re­gierung besteht gerade auf unseren Gebieten noch eine zweite Regierung, die Organifazia Raro- boroa (die polnische nationale Organisation), die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Erscheinungen de« ukrainischen nationalen Lebens mit allen Mitteln zu unterdrücken.

Zu den anderen östlichen Minderheiten stehen wir im freundschaftlichen Verhältnis, mit den Weiß- raffen und den Litauern Haden wir schon lange eine gemeinsame Linie gefunden. Der deutschen Minderheit als solcher und als Vertreter eines großen und auf hoher Kulturstufe stehenden Volkes stehen wir freundlich gegenüber und mit den deutschen Kolonisten in Ostgalizien ver­bindet uns seit jeher eine innige Freundschaft. Beweise dafür gaben wir während des leider nur kurzen Bestehens unseres Staates: sie hatten volle Freiheit und waren den ukrainischen Bürgern in jeder Hinsicht gleichgestellt. Selbstverständlich Haden wir dafür ein Verständnis, daß die Deutschen in Polen dem Staate gegenüber eine loyalere Politik vertreten, was aus ihrer anders gearteten Lage und dafür auch anders bedingten Einstellung

Witwe mit dem Mehl im Kasten uni) dem ewigen Oelfrügkin. während der Hunger im Lanoe war.

3a. und wollten wir das neue Jahr nur wieber in Gottes Hände legen, und die Sonne heute scheinen las en. Der Sturm war doch auch etwas gar Herrliches. Wenn ich freilich auch immer sorgen mußte, ob er auch der Groh­mutter die Herzfchmerzen mitbrachte.

Großmutter! Ich sah sie erschrocken an. Halte sie auch eben nach dem Herzen gegriffen?

.Laß nur, Donakind!" Die Großmutter lächelte, .freilich, der Frühling naht mit Brauten. Aber nichts Großes und Aeues kann wachsen und stark werden, wenn nicht zuvor ein Altes und Morsches stürzt."

Großmutter!" Etwas stach mich im Halse. Wie seltsam sah mich die Großmutter an!

Wenn der alte Stamm stürzt, Donakind seine Art lebt weiter in dem jungen Däumchen. Mit dem Menschen ist eS das gleiche. Es gibt kein Aufhören. Cs gibt nur den ewigen goldenen "Ring an Gottes Hand."

Die Großmutter nahm meine warme pochende Kinderhand in ihre kühlen Hände mit der Haut wie feines zerknittertes Seidcnpapier und den Altersslecken. Eie drückte meine Hand mit den ihren einen Augenblick gegen ihre Brust: .Blut und Wesen" sagte sie sanft.

Ich verstand die Worte nicht. Aber irgendein Unabsehbares schien sich aufzutun. Eine Tiefe oder Weite, die keine Grenzen hatte und doch die Wärme der Heimat und Geborgenheit. Die Augen der Großmutter leuchteten.

Ich hatte eine ganze Weile still bei der Großmutter auf dem Hußbänkchen gesessen, mei­nen Kops an ihren Knien. Tante Male ging ab und zu. Eie richtete das Mittagessen. Heute gab es Hirsebrei und dazu Bratwurst eine halbe Elle lang. Sonst könnte der Flachs nicht g traten. Was aber hätte Tante Male angefangen, wenn über der himmli'chen Bläue der Flachsäcker kein Segen gewaltet hätte.

Bestimmte Gerichte waren bei uns jedesmal der Anlaß zu bestimmten Geschichten. Gab es zum Beispiel Kalbsnierenbraten, zitierte Onkel Kasimir unweigerlich aus der Geographie Da­niels: .Deren Begierde nach 2lierenfett verschie-

und Bestrebung verständlich ist. Doch da» darf uns nicht hindern, trotzdem in wichtigen allgemeinen MinderheitSsragen zusammenzugehen, wozu wir jederzeit gern bereit lind.

Cbivobl die Dahlen vorläufig für unS noch nickt ahucll find und ich noch nickt positiv sagen kann, ob wir unS an ihnen beteiligen werden, kann ich aber bereit» beute bemerken, daß für den Fall unserer Wahlbeteiligung, wir als die stärkste nichtpolnische Gruppe in den Sejm einzieden würden. Dadurch würde sich da» Kräfteverhältnis nicht nur innerhalb der Minderheitsparteien merklich ändern."

Mittelrheinischer Fabrikanlen-Derein.

Der Verein hielt in Mainz unter dem Vorsitz deS Geheimrats H a e u f e t eine gut be­suchte Mitgliederversammlung ob.

Der Vorsitzende berichte:« zunächst über die Reform der Eisenbahngülertarise auf Grund der von der Reichsbahn-Hauptver­waltung herauSge^ebenen Dmlschrift. der Be­ratungen der Ständigen Tarifkommission und des Ausschusses der Xerktr3lnieteffen len, te e.i Vor­sitzender Redner ist. Während die Wirtschaft dringend eine Entlastung durch Frachtermäßi­gung verlange, stehe die Reichsbahn auf dem Standpunkte, daß jede Entlastung einen Aus­gleich in einer Mehreinnahme finden müsse. Von diesem Gesichtspunkte sei einstwesien nur die Ein­schiebung von zwei neuen Tari klassen vorgesehen, die nut eine gewisse Verschiebung, aber keine wirkliche Tarisherabseyung bedeute. In der wei­teren Tera'.ung sei die Feage, ob Kilometer- oder Staffeltarif, erörtert worden, ferner die Ge­währung von Frachter e ch e.ungen auf die nahen Entfernungen, sowie die Herablctzung der Ab- sertigungSge! ühren. Zu einer abschließenden Stel­lungnahme sei man nicht gelangt, weil man sich sage, wenn jetzt auS finanziellen Erwägungen keine wirsiichen Zrochterfe.chterungen möglich seien, man dann vielleicht besser tue, den jetzi­gen Tarif beizubehalten und gründliche Vor­arbeiten zu leiden, um bei einer Besserung der Wirlschas s aze eine wirkliche und bur^greisende Reform durchzusühren. Für spruchreif hielt der Vorsitzende aber die Herabsetzung der Abserti- gungsgebühren im Rahverkehr, die auch der Reichsbahn durch Zurückgewinnung eines Teils des an den Kra.twagentranSport verlorenen Verkehr- zugute kommen würde.

In der DiSkusfion wandte sich Dr. Pricken- Mainz gegen die Rachteile, die der Staffel­tarif besonders dem Schiffahrtsverkehr 'gebracht hat. Er wünschte Feststellungen der Handels­kammern über die tatsächliche Auswirkung deS jetzigen Systems, während Obeeregierungsral Dr. Frisch- Reustadt a d. H. betonte, daß Die Frage der Staffeltarife nach den Warengattungen be urteilt werden müsse. Der Vorsitzende stellte in feinem Schlußwort fest, daß in den WirtschastS- Irelfen die Staffeltarife an sich nicht angefochten würden und daß auch in Der Schiffahrt eine gleichmäßige Berückjich.igung deS Waffeeverkehrs durch Llmfchlagtarlfe gefördert werden könne.

Sodann berichtete Dr. Stratemeyer (Mainz) über daS

Bergebnngerocfen der Länder und Gemeinden, in Dem sich eine starke Kirchturmpolitik geltend' mache. Er b")prach Die bestehenden Mißstände und verlangte bei Ausschreibungen eine unpar­teiische Entscheidung nach der L.istuna, ohne Rück­sicht aus den DetriebSsitz deS Bewerbers, bei der engeren Submission eine Erstattung der manch­mal recht erheblichen Projektkosten. Das in tech­nischer Hinsicht beste Angebot sollte zum Gegen­stand eines Blanketts gemacht werden, für das die zur Submission Ausgesorderten innerhalb einer bestimmten Frist ihre Preise einreichen müßten. Auf diese Weise könne man Die bis­herigen Mißstände in der Hauptsache ausschalten.

Die Ausführungen deS Berichterstatters unterstrich Gustav Schmidt- Kastel unter An­führung einiger drastischer Fälle der Ausschlie­ßung auswärtiger Bewerber durch Gemeinden. Redner wies besonders auch daraus hin. daß Die auS sozialen GrünDen Durchaus begrüßenswerte Ansiedlung von Betrieben aus dem Lande durch diese Politik der Gemeinden unterbunden wird.

Denen Europäern verDerblich wurde." Er hatte mit .Deren einen kannibalisch schwarzen und unfrcunDlichen Dölkerstamm Afrika« im Sinne unD verDarb mir den Geschmack an Diesem KalbS- gericht für alle Zeiten. Bei Hirsebrei wurde Das glückhafte Schiss von Zürich erwähnt. Aber ebensowohl Der SchönDorfer Rachtwächter. Bei Hochzeiten blies er gern Den EhoralValet will ich Dir geben" für einen Raps HochzeitSefsen. Einmal war eS Hirsebrei, und Der Rachtwächter hatte Den Raps vergessen. Die Mütze entführte Der Frühlingssturm, und fo blieben nur die Hände, daraus einen Rapf zu formen. Der Drei aber, aus Dem Küchenfenster heraus eingetan, hatte es in sich, tote jener auf Dem glückhaften Echiff. Der arme Rachtwächter fchleuDerte ihn solange abwechselnd auS einer verbrannten Hand in Die andere, bis er Den Rest geärgert an bte Hauswand klatschte. Da klebt er noch schloß Dante Male die Geschichte, wie es bei allen rich­tigen Geschichten sich gehört.

Rachmittags ging ich an Lichtmeß immer zu Dem Gärtner Menzel hinüber, um zu erfahren, ob Vater Menzel Den toten WachSstock unD Die geweihte weiße Kerze gekauft hatte. Der tote Wachsstock jeDcs Iaht neu. wat Durchaus not- toenDig in Dieser Familie mit den neun Kindern, Er mußte nämlich Der Wöchnerin um Hand und Fuß gewickelt werden, was schön aussah und gruselig zugleich. Aber nun schützte er DaS Reu- geborene gegen Behexen unb alleS sonstige Un­glück.

.Die Kerze, viel weihet als anbere Kerzen, gleichsam burchsichtig von lauter tröstlicher Ge­wißheit, wat eine Wettetketze, Die an Lichtmeß getocibt wutDe. Bei schweren Gewittern und Wolkenbrüchen wartete ich am Fenster:Sieh ood). Großmutter, Die Wetterkerze brennt bei Wenzels! Wie Jesus im Sturm auf Dem Meer, Großmutter!"

ES schien, als ob von dieser fernen, zarten Flamme. Die so unbeirrbar leuchtete durch Tosen und Hagelfchlag als ob von ihr eine starke Zuversicht ausginge. Was auch geschah, man war einbczogen in Die großen Zusammenhänge und geborgen in einer ewigen Barmherzigkeit.