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Nr. 250 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) Samstag, t Gttober (02?

Bismarck und Hindenburg.

*Btm Qhiguft TD i n n t g , ehern. Oberprü fibenten der Provinz DfUnvubcn.

öett DiSma r ckS großer Ze.t hat eS feinen OHann gegeben, dem d d? Volk ein solches □Haß an Verehrung entgegen^. bracht Hütte, wie dem Feldmarschall und Reichspräsidenten Hin­denburg. Sobald man D smarcks und Hinden­burgs Damen zusammen nennt, wird allerdings auch ein Unterschied offenbar. B.Smarck mußte, um zu seinem Werke vorzudrin.^.m, über Tra­ditionen h.nwegschre tcn, er mu'Ue sich fernen Weg drrrch ein tckchtes Gestrüpp von Wider­ständen. Strebungen und Meinungen bahnen, rücksichtslos und unbetümmert um die Interessen, die er verletzte oder opferte. So war er immer ein umfämpfter Mann, und zu feiner einsam en Höhe klang beides hinaus, sowohl zorniger Hatz wie verehrungsvolle Liebe, Dis- mard war eine dämonische Gröhe, und diese Gröhe, soweit sie im seelischen, nicht im geistigen beruhte, offenbarte sich in diesem leidenschait- lichen Kämpscrium. das zwar oft von der poll- tischen Klugheit gebändigt wurde, aber öfter noch mit urgewaltiger Kraft durchbrach.

In Bismarck gewann seine Zeit ihren sinn- gerechten Ausdruck. Es war eine Zeit, die sich in der deutschen Politik durch höchste Dyna­mik auSzcichnet. Aeszerlich offenbart sich das dynamische Wesen dieser Politik durch die drei Kriege. Der erste löste das deutsch: Schleswig- Holstein aus dem Verbände des dänischen Staa­tes. Sr erfüllte die volkstümliche Forderung deS Rationalgeistes, der ftch zu immer stärkerer Tatsreudigleit erhob. Der zweite vertvies das undeutsche Habsburgertum aus dem Gebiete der nationalen Politik unh schuf die imrerdeulschen Voraussetzungen für die Wiederaufrichtung eines deutschen Rationalstaates. Der dritte befx-gte den außenpolitischen Widerstand gegen den herrischen Wiederaufstieg, brachte das in der Zeit tiefster deutscher Ürfraft verlorene Elsaß-Lothringen in deutsche Hmrd zurilck und vollendete das Werk der staatlichen Einigung Deutschlands.

Man muh das Werk DiSmarcks mit dem 'Zustande vergleichen, den Bismarck vorfand, als er sein Werk begann, um die ungeheure Dyna­mik dieser Politik zu sehen. Das Gesicht Europas hatte sich in toeniger als einem Jahrzehnt mächtig verändert. Die Mitte des Eri-teils. die bisher ein weitläufiges, zerrissenes Operationsfeld der verschiedensten politischen Außenernflüsse war, in welcher die Mächte viel mehr ein Objekt als ein Subjekt europäischer Politik sahen, war in dieser Zeit ein geschlossenes politisches Krciftseld ge­worden, dessen Rang ebenso durch die Siege über Oesterreich und Frankreich, wie durch Den wirt­schaftlichen Ausdehnung^ -rang bestimmt wurde. Diese Mitte hatte den alten Habsburgerstaat und das kriegSgewaltige. zu den napoleonischen Tra­ditionen zurückgekehrte Frankreich besiegt und stand jetzt stark, geschlossen und tatenfreubig mit­ten m der Welt der alten Staaten und zwang diese zu neuen Ordnungen.

Hier war das Wesen des Werkes zugleich das Wesen des Menschen. Dynarnisch waren sie beide: die deutsche Politik und der Mensch Bismarck, der sie führte.

Die Zeit deS Weltkrieges ist gänzlich ande­rer Wesensart. Deutschland war nach einem Worte DiSmarcks politisch saturiert. Sein Hm- auSwirken in die weitere Welt war jetzt weniger Wille als Zwang ein Zwang, der von dem Wachstum der Bevölkerung ausging. Der Krieg, die Koalition, die ihn herbeiführte, war die Antwort der Welt auf den deutschen Aufstieg. Der Krieg war im tiefsten Wesen ein Ver­teidigungskrieg. Deutschland war eine um­stellte Festung. Die deutschen Offensiven gegen Rußland, gegen den Balkan, gegen die Linie EnglandIndien, gegen Italien, gegen Frank­reich, auch die Vorstöße der Flotte, der Tauch­boote und der Luftschiffe dies alles waren Ausfallkämpse, in denen hie umklammerte deutsche Mitte den würgenden Ring durchbrechen wollte. Dieser Weltkrieg war eine einzige große beweg­liche Verteidigung, ein heroischer Wider­stand. Seinen politischen Charakter kennzeichnete Paul Len sch mit den Worten: Die Koalition hat den Krieg verloren, wenn sie ihn nicht ge­winnt, Deutschland hat den Krieg gewonnen, wenn eS ihn nicht verliert.

Lind der Held und Führer dieses Krieges war Hindenburg. In ihm, in feiner Mensch­lichkeit, gewann diese Zeit ihren wriensgerecht en Ausdruck: so wie Bismarck zu jener dyna­mischen Epoche der deutschen Geschichte ge­hört. und wie sich daS Wesen dieser Epoche in feinem eigenen menschlichen Wesen widerspiegelt, so gehört Hindenburg zu un'crcr Epoche, und so ist sein menschlich-persönlichas Wesen der sinngerechl: Ausdruck für daS Wesen des Kampfes.. den die deutsch? Ration feit dem Deginn deS Weltkrieges zu führen hat.

Hindenburg steht vor uns als das Sinn­bild deS tragischen Heldentums, in welchem sich seit dem Weltkriege deutsche Große offenbart. Groß und ernst steht er vor uns und

vor der Welt. Keine Dämonie hat ihn zur Füh­rung getrieben. In Pflichten ist er geschritten nach Tannenberg, bann an die Spitze der Armee und zuletzt an die Spitze deS Reiches als Präsident des republikanischen Reiches steht er. der kaiserliche Fridm «schall. vor seinem Volke und trägt eine unsichtbare Krone, die ihm in Stille das deutsche Volt verliehen hat.

Bismarcks Dämonie brachte die Geister in Aufruhr, um sie in die gewollte Bahn zu zwin­gen. Hindenburgs Wort ist Einigkeit. Aber in Di-marck wie in Hindenburg ist eS immer Die Stimme des Schicksals. die zu den Deutschen spricht. Beide find sie Symbole ihrer Zeit, und V>er ist Ausdruck deutscher Größe und ihres RingenS um das deutsche Schicksal.

Die Rückführung der Armee.

Von Gustav RoSke, ehern. Reichswehrminifier, Oberpräsideirten der Provinz Hannover.

Eine Unterhaltung über Hindenburg sührten in der Wandelhalle des Reichstags Abgeordnete und Politiker an einem Tage im Jahre 1915 oder Anfang 1916. Wie groß fei der unmittelbar per­sönliche Anteil des gelbbefm an den Siegen über die Russen! Der Erörterung machte ein bekannter sozialdemokratischer Journalist mit der Bemerkung ein Ende:Es ist unangebracht, über die Bedeutung Hindenburgs Worte zu machen. 3m Volksgefühl ist Hindenburg über den Men­schen hinausgewachsen: er ist -um Mythos geworden."

Was kümmern sich Millionen Menschen um den Streit Nachgeordneter Generale über ihren mehr ober weniger großen Anteil an dem Siege von Tannenberg! Hilfe in schwerster vaterländi­scher Rot, stärkste befreiende Lat, Rettung des deutschen Volkes vor den russischen Heeren hatten hunderttausend Mänrrer unter genialer Führung erkämpft. Die Tat der Vielen fand den be­geisterten Dank des Volkes in der Umkleidung des Feldherm mit allen guten Eigenschaften, die seine tapferen Armeekorps zierten. So war es, solange Völler Schlachten schlugen. So wurde Hindenburg, der tüchtige General, zum MythoS. Wer seine gütige, einfache und bescheidene Wesensart kennt, weiß, baß er Diese Erhebung nicht erstrebte, fmxbern baß er sie lediglich trägt mit der großen natürlichen Würde, die Dem reckenhaften Manne eigen ist. Selbst sein lauter Protest hätte die Meinung von Millionen Men­schen über ihn nicht geändert. Als nach Dem furchtbaren Ende des Krieges wild erregt über die Schuld an Der Riederlage gestritten wurde, traf hartes Wort manchen früher viel gerühmten Mann. Vor Hindenburg hat die Kritik beinahe völlig Halt gemacht!

Solange Menschen militärische Taten rühmen, Hingt der Rame Hindenburgs, des Schlachten- lenkers von Tannenberg. Mir erscheint mindestens nicht weniger rühmenswert das Verdienst des FeldmarschallS um Deutschland nach dein ver­lorenen Krieg. Dabei handelt es sich nicht um eine Tat von großem Schwung. Er blieb auf seinem Posten an der Spitze des Heeres, als eS galt, den Heimmarsch anzutreten. Das war bei­nahe nur eine Geste und wirkte doch wohl wie ein unerschütterlicher Staudamm, der Fluten, die sonst verheerend wirken würden, bändigt und fängt, so baß sie allmählich zu Tal gelassen wer­ben können.

So wie der große Generalstab Die Mobil- machrmg zum Kriege in gründlichster Arbeit vor­bereitet hatte, war ein sorgfältiger ©emobili* fierungsplan für das Heer longe vor Kriegsende fertig. Danach würbe der '. .bau des Heeres mit seinen Millionen Männern in Mo­naten ganz gewiß ohne nennenswerte Störungen zu betoirfen gewesen fein. Ich weiß aus Ge­sprächen mit militärischen Sachbearbeitern lange vor dem Kriegsende, mit welcher Sorge an eine ordnungsmäßige Demobilisierung gedacht wurde. Als Politiker habe ich mir oft vorzustellen ver­sucht. wie sich die politische Lage unter dem Einfluß Der heimkehrenden, selbstbewußt gewor­denen Frontkämpfer gestalten tonnte.

Jede Annahme, was nach dem Kriegsende werden könnte, ist durch die Anfangs Rovernber 1918 hereingebrochene Katastrophe gegenstandslos geworden.

Die Flotte war in wenigen Tagen, ja Stunden. aus einem gewaltigen Kriegsinstrument zu einer furchtbaren Gefahr für Deutschland ge­worden. als aus Kiel, Wilhelmshaven und an- Deren Marinegarnisonen rebellierende Mann­schaften davonliefcn und die revolutionäre Erhe­bung über daS Reich verbreiteten. Wenige Tage später sind erhebliche Teile der Etappe in Ost und -West au.einankergefallen. War cs im W.sten mit Der Etappe vielfach militärisch schon furchtbar, so spielte sich doch im Osten, wo Die ältesten Jahrgänge ftanben, vom soldatischen Standpunkte das Schmachvollste ab. was je bei einer Truppe geschah. Eine große Armee lief vor Den russischen Roten Truppen, die viel schwächer waren, davon und ließ Milliardenwerte an Kriegsgut in russi­schen und polnischen Händen zurück. Ein Ein­fall der Bolschewiken nach Deutschland drohte. Eine nicht auszudenkendc Katastrophe mußte im Westen entstehen, wenn sich wie eine verheerende Flut das Millionenhcer führerlos über den Rhein hinweggewälzt hätte. 2n Blut unb Brand mußte das Land untergehen.

Die sechs Dolksbeauftragten, die in Berlin regieren sollten, waren sich darüber Har, baß weder Die innervolitischen Geschäfte noch die mili­tärischen Dinge ohne sachkundige Männer deS kaiserlichen Apparates zu bewältigen waren. 3n zahlreioen Fällen sind Die leitenden Männer des alten Systems in jenen Tagen von ihren Posten fang- und Hanglos abgetreten. Es blieben sach­kundige Leute in hinreichender Zahl, um, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten, weiterarbeiten zu können. Da sie die Dinge beim Heere als be­fände rs schwierig erkannten, baten die VolkS- deauftragten, die .Unabhängigen Sozialdemokraten eingeschlossen, den letzten königlich preußischen Kriegsminister, im Amte zu bleiben, und in einem von den Volks beauftragten Ebert, Scheidemann, Dittmann, Landsberg und Darih unterzeichneter. Telegramm an den Feldmarschall v.Hinden­burg wurde gesagt:

»Wir bitten, für das gesamte Feldheer antzu- orbnen, baß die militärische Disziplin, Rühe und straffe Ordnung im Heer unter arten Umß&noen aufrechtzuerhalten sind, laß daher den Befehlen der militärischen Vorgesetzten bis zur erfolgten Entlassung unbedingt zu gehorchen ist urrb daß eine Entlassung von Heerescrngehorigcm auS Dem Heere nur auf Befehl Der militärischen Vorge­setzten zu erfolgen hat. Die Vocgestchben haben '23affen und Rangabzeichen beizube halten. Wo sich Soldatenräte und Vertrauensräte gebildet haben, haben sie die Offiziere in ihrer Tätigkeit zur Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung rückhaltlos zu unterftüßen.

Das Telegramm drückte die lleberzeugung aus, daß beim Feldheere die Autorität des Fekd- marschallS so groß geblieben sei, Daß seine An- ortirung in bezug auf Erhaltung von straffer Diszipftn und Ordnung §oüge gegeben werden würde.

Der Geist im Feldheere war im allgemeinen ein ganz anderer als Der in der Etapve. Dor Dem Feinde fpar sich jeder Mann barüoer klar, daß es ohne Die Autorität ordentlicher Führer nicht gehe. Auch in Der Marine war Die Diszi­plin aller Formationen, die als kämpfende Truppe anzusehen waren, ausgezeichnet: am besten auf Den U-Booten.

Große Hebertoinbung muß eS Dem alten kaiserlichen General gekostet bähen, sich einer RevolutionSreglerung zu unterstellen: schwer tragbar war es für den Inhaber bisher unbeschränkter BesehlSgewalt. neben ftch im Hauptquartier einen öolbaienrai zu dulden. Er blieb auf seinem Posten, weil Damit Dem deut­schen Volke und Dem Vater lande ein D.enst ge­leistet wurde. Damit wirkte Der Marschall vor­bildlich für zehntausende Generale unb Offi­ziere. die an Pflichttreue hinter ihrem Führer nicht xurüdßanhen, trotzdem viele in jenen Tagen und Wochen schwerste Unbill ertragen mußten. Hindenburg an Der Spitze bes Hauptquartiers deS beim fluten Den Heeres war für Offizier unb Mann, aber nicht weniger für Millionen Men­schen in Der Heimat, eine Beruhigung. Deren Bedeutung nicht überschätzen und nicht abzu­wägen ist. Selbst wenn er ledig« ich aiS ragen De» Zeichen wirksam gewesen wäre, bleibt seine Tat, im Amt zu bleiben, groß unD war von tiefster Wirkung im Sinne einer ruhigen Entwicklung Der Dinge.

Aus die btimfcßvcnDcn Regimenter wirkte die alte Autorität meist nur so lange. biS sie in Den Standort eingerückt waren. Es mar für mich, der ich bann mit ihnen zu tun bekam, vielfach kaum begreiflich wie rasch Die Mannsäxiften Der RevolutivnSpsychose verfielen, wenn sie heimat­lichen Boden betraten. Auch Die au3 dem Weston heimkehrenden Truppen waren deshalb in ißren alten Verbänden weder für die Bekämpfung der inneren Unruhen noch zur Sicherung Der Ost- grenze zu verwenden. Deshalb mußte im Fe­bruar 1919 von der Ratdonalversammluirg be­schlossen werden: .Der Reichspräsident wird er­mächtigt, das beftebenbe Heer auf zu lösen unb eine vorläufige Reichswehr xu bilden"

Schon drei Monate vorher hatte die Bil­dung von Freiwilllgenverbänden unb Grenz­schuhformationen begonnen. Wenn die Besprechung, wegen der Ausstellung einer zuverlässigen Regie­rungstruppe zwischen Ebert und dem General Grö- ner mit Kenntnis unbunter Zustimmung des Feld- marschallS stattgefunden bat, dann legte er, wäh­rend unter seiner verantwortlichen Leitung der Rückzug deS Feldheeres erfolgte, mit den beiden anderen Männern gleichzeitig den ersten Krim zur neuen Reichswehr. Ich hatte, als ich bald Darauf die Verantwortung für die militärischen Angelegenheiten des Reiches übernahm, den Ge­danken in Die Tat umzusehen.

Es fällt mir auf, Daß fast nie die Rode davon ist, baß Hindenburgs militärisches Wirken mit Der Rückführung DeS Feldheeres nicht be­endet war.

Weil gegen unsere Ostgrenze russische und polnische Scharen an6raubten, wurden Grenz- schutzverbände zusammengerafft und Freiwilligen- f-ormafronen nach Osten geworfen. AIS ule oberste Heeresleitung den Rücktransport deS HoereS im Westen als beendet ansehen konnte, ftedelte sie von Kassel nach Kolberg über. Der Sieger von Tannenberg und vielen anderen Schlachten über­nahm von neuem die Wacht geg*n Osten, nicht mehr als der Schlachtenlenker und Führer txn Hunderttau senden alter Soldaten, sondern nu», hielt er mit seinem Rainen eine bunte und manchmal recht wilde militärische Gesellschaft in O dnung und verhütete damit noch Schlim­mer £ als wir an der Ost grenze hinnehmen müß en. Die militärische Gewalt war damals Derart geteilt. Daß mir im Raume von neun Gene, alrommanbos das VerfügungSrecht zustand, während Hindenburg in allen Angelegenheiten deS Grenzschutzes befahl.

Mit gemeßener Ruhe und abgeklärter Würde, erfüllt nur von Dem einen Verlangen, seinem Volke und Vaterland zu dienen, blieb Hinden­burg bis zum 25. Juni in Kolberg. An diesem Tage hat er Dem Reichspräsidenten angezeigt. Daß er den Oberbefehl nieder liege und sich ins Privatleben zurückziehe.

Sein Dienst für Deutschland als Soldat war erst zu Ende, als Die Unterzeichnung des Doku­ments von Versailles seiner Mission restlos rin Ende gemacht halte. , i

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Ein Bild aus Masuren.

| Don Erika von und zu Ruthenbeck.

Wenig Menschen kennen Masuren, selbst Dem größten Teil Der Bevölkerung Ostpreußens ist das schönste Gebiet im Süden ihrer Heimat fremd geblieben.

Dieses Land trägt einen besonderen Charakter und übt einen Zauber auf jeden aus, der sein Wesen in Die tiefe Eigenart dieser Landschaft zu senken vermag. Klar ruht das Bild auf Dem Grunde meiner Seele und taucht immer wieder in mir empor, von einer tiefen Sehnsucht ge­rufen.

Don Insterburg kommend, rastet man zuerit in Angerburg und macht Dort einen kleinen Gang zu einem HelDenfriedhof, Der einzig schön ist. Ec liegt unter dem weilen, offenen Himmel auf einem sandigen Hügel, eingefaßt von einer niedrigen Tannenhecke und rings umspült von Dem Wasser des Mauer-Sees. Ein weithin ragendes, schlich­tes Kreuz erhebt sich über Die Gräber, Die als Wahrzeichen blaue Stranddisteln tragen. 5)ic Wogen schlagen an die sandige Höhe im gleich­mäßigen Rhythmus ihrer Schwere.

Mit einem kleinen Motorboot erreicht man in zwei Stunden Steinert, einen 50 000 QKorgen großen Besitz, Der herrlichen Waldbestand hat. Der Park ist zur Besichtigung freigegeben. Un­endliche Alleen mit uralten Eichen geben ihm das Gepräge. Dann geht es weiter mit Dem Dampfer nach Upalten, einer schmalen etwa 300 Morgen großen Insel. In der Mitte liegt ein kleines, bescheidenes Gasthaus. Sonst wirkt Die Insel wie ein heiliger Hain, mit Eichen, Fichten und Erlen bewachsen, in Deren Kronen Die Reiher horsten. Lieber den Wegen sind alle Bäume ineinander verschlungen und verwachsen, so Daß man nur wie durch Domgänge schreitet.

Das schönste ist aber doch Die Wasserfahrt. Das Schiff gleitet durch enge, zu beiden Se en von Schilfbändern begrenzte Kanäle, die Die Seen miteinander verbinden. Zu scheinbar unenD- lichen Weiten öfsnen sich diese, nur einen blauen Waldrand sichtbar laffenD, der die HimmelLkuppe am Horizont trägt Inseln breiten sich aus, kleine.

mit Schilf bewachsene und größere, mit dichten Laubbeständen, immer wieder den Eindruck von uralten Hainen gebend.

Schwirrend heben sich Waldvögel auf, Fisch­reiher suchen von ihren Horsten aus Deute, oder Kraniche gleiten in langgestrecktem Zuge an mir vorüber. In breiten Fluten lagert das Sonnen­licht in Den Wellen, Die das Spiegelbild lautloser Segel fangen und unaufhaltsam dem Bug des Schiffes entgegenströmen.

Die Ufer treten näher zusarnmen. Manchmal steigt ein Fischerdorf auf mit einem hochstreben- Den Kirchturm und mit flachgebauten, Holzhäusern und Wasserstraßen, auf denen schwarze Kähne ruhen. Die Masuren treiben viel Segeljagd. Eie sprechen eine unverständliche Sprache, ein Ge­misch von Polnisch und Litauisch, und feßen dunkel und oft ganz fremdländisch aus.

UnD wieder flaches Gelände, Wiesen und landeinwärts Heide und Moor. 3n Gruppen oder einsam wurzelnd stehen Die Kiefern, stolz und schweigend in sich selbst befestigt. Rur ihre Aeste rauschen und greifen tiefer in den Himmel ein. ßangfam sinkt der Abend nieder, rotes Licht der untergehenden Sonne liegt auf Den schwarzen Wassern gebreitet. Der Wind ruht still mit em* gezogenen Flügeln.

Lautloser gleiten lastentragende große Schiffe Die Seen hinunter, bis Dunkelheit von allen Ufern zieht.

Wer Den Weg nach Tannenberg ostwärts nimmt, möge durch dieses Tor hindurch in das fremde Masuren schreiten.

(Eine Sudermann-Erinnerung.

Hernkann Sudermann konnte an seinem 70. Geburtstag, am 30. September, auf eine an Erfolgen reiche Laufbahn zurückschauen, aber in seinen Anfängen hat er es schwerer gehabt als viele andere, hat Rot und Enttäuschungen gründ­lich kenncngeiernt. WaS ihm mit seinem ersten Drama passierte, hat er einmal launig erzählt. Als Student m Königsberg verfaßte er ein Drama, das erDie Tochter des Glücks" nannte. Seine Heldin," so erzählt er den Inhalt,war Der hochmütige und adelsstolze Sproß eines rui­

nierten alten Geschlechts, Dem von einem schur­kischen Industriellen der Boden unter Den Füßen fortgezogen wird. Sin edler Demokrat, Der sich aus Der Hefe des Volks zum großen Gelehrten emporgerungen hat, tritt als Retter dazwischen, vermag zwar die Familie vor Dem Untergang nicht zu schützen, erobert sich aber Die Hand Der gebeugten Tochter. Auf einem Kirchhofe trifft er im 5. Akte mit ihr zusammen und führt sie bei himbeerfarbener Abendbeleuchtung von welcher ich mir eine große Wirkung versprach ins Leben zurück. In der Auswahl charakteri- fterenDer Züge war ich nicht blöde. So besinne ich mich. Daß ich Den edlen Demokraten, um Die Rücksichtslosigkeit seines struggle-of-lifer-tumS zu zeichnen, mit hohem Stolze von ftch sagen ließ: ..Und wenn mich hungerte, so stahl ich!"Um Dem Werk eine seiner inneren Bedeutung würdige Außenseite zu geben, erzählt Sudermann weiter, schrieb ich es mit meiner schönsten Reinschrift nach zweifacher Umarbeitung zum drittenmal nieder, unD zwar auf dickes, weißes Papier, wel­chem ich handbreite Ränder einfalzte, weniger um darauf Verbesserungen anzubringen auch Shakespeare verbesserte nie als um den Ein­druck einer gewissen Fülle zu erwecken. Dann begann ich die Aufführung ernstlich ins Auge zu fassen." Da die Schauspielerin Hermine (Staat- Delia ihm einen unauslöschlichen Eindruck ge­macht hatte, schickte er das Stück ihrem Gatten Emil (Maar, der damals das Berliner Residenz- Theater leitete. Als er Dann gerate vor 50 Jahren im Jahre 1877 aus Dem fernen Ostpreußen in Berlin einzog. um ftch die Welt zu erobern, wartete er erst, daß unter den Theatemachrichten eine Rotiz erscheinen werde. Die Die Aufführung keines Stückes ankündige. Als aber nichts erfolgte, wagte er sich ins Theater und schließlich in die Privatwohnung des D:rektvrs. um sich nach der Aufnahme seines Werkes zu erkundigen. Er wurde das erstemal vertröstet, mußte sich aber nach zwei Monaten zu einem neuen Gang in die Wohnung des Direktors entschließen. Claar entschuldigte sich: .Die Manuskripte werden ja bet mir aufs sorg­fältigste geprüft. Was wir irgend brauchen fön- nett. Das behalten wir. Aber ... die Sache ist

wahrscheinlich in Vergessenheit geraten."Am andern Vormittag," so schließt Sudermann seine Geschichte,erhielt ich rin Paket, welches den StempelDirektion des Residenz-Theaferi" trug. Als ich eS öffnete, erkannte uh meine Hand­schrift, doch hatte sich daS Manuskript in merk­würdiger Weise verkleinert unö verschmälert. DaS Wort deS Direktors war in Erfüllung gegangen. Was man irgend brauchen konnte, das hatte man behalten: die wertvollen, weißen Rän er waren abgeschnitten der Rest gehörte wieder mir." B.

Der Gibraltar-Tunnel.

Ibenez de 3bero tritt soeben mit einem äußerst interessanten und seiner Ansicht nach zu verwirllichenden Projekt des Gibraltar-TunnelS hervor, einem technischen Problem, daS ebenso wie Der Kanal-Tunnel in steigendem Grade die Oeftentlichkeit beschäftigt. Der Konstrukteur weist nach, daß es verfehlt wäre, die beiden am dichtesten -usammenliegenden Punkte der spani­schen und afrikanischen Küste als Endstationen der Tunnels zu wählen; die Luftlinie zwischen Punta de Guadelmeri auf Der spanischen und Punta de Ciros auf der afrikanischen Seite be­trägt zwar nur gegen 14 Kilometer, dafür müßten aber bei dieser Linienführung Tiefen von gegen 1000 Meter aufgesucht werden. Der Ingenieur schlägt vielmehr einen Tunnel vor, der in her Bucht von Daqueros anfangen und in der Rähe von Sanger enden soll. Die Gesamtlänge dieser Strecke würde 48 Kilometer und 200 Meter be­tragen; davon entfallen 38 Kilometer auf Die Unteriee-Strede unD 10 Kilometer unD 200 Meter auf Die Annäherungswege. Die Tunnelfahrt würde anderthalb Stunden Dauern, gegenüber Drei Stunden Dampferfahrt. Der Tunnelbau Dürfte nicht länger als sechs Jahre Dauern unD wird auf ungefähr 330 Millionen Pesetas ver­anschlagt. Das ist in großen Zügen baä neueste Gibraltar-Tunnelprojekt, an dri'en Verwirklichung Europa nicht minder in tere liiert ist als die beiden Länder Spanien und Frankreich, die es zunächst angeßt