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Nr. 204 Erstes Blatt

177. Jahrgang

Donnerstag, September (927

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Europa am Scheidewege.

Die Erwartungen, mit denen Deutschland diesmal den Verhandlungen des Völkerbundes in Genf entgegensieht, sind denkbar gering. Das ist vielleicht ganz gut, denn mitleidlose Sach­lichkeit ist gerade in polittschen Fragen die beste Beraterin, besser jedenfalls als jener idealistische Tleberschwang, mit dem ein großer Teil des deutschen Volkes den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund begrüßt hat. Inzwischen freilich sind auch von dieser Seite aus sehr skeptische Aeuße- rungen laut geworden, und es ist doch für die ganze Lage außerordentlich kennzeichnend, daß im Zentrum ebenso wie bei den Deutschnationalen schon mit mehr oder minder großer Offenheit der Gedanke ventiliert werden kann, wieweit dasExperiment von Locarno", das ja mit unserem Eintritt in den Völkerbund im inneren Zusammenhang steht, mißglückt sei. Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten unb nicht in die Weisheit der ewigen Besserwisser verfallen, die sich stolz auf die Brust schlagen und behaupten, sie hätten es ja vorausgesagt, daß Locarno ein Fehlschlag sei. Das ist ganz sicher nicht richttg. Wir brauchen nur an unserem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen, wie es vor drei Jahren noch in Deutschland aussah, und dürfen daraus automatisch die Folgerung ziehen, daß der Weg von Locarno uns doch ein gut Stück weiter gebracht hat. Wir haben «uns innerlich konsolidieren können, die politischen Verhältnisse gewinnen festen Boden, die Wirt­schaft hat sich wieder angekurbelt wenn auch noch niemand zu sagen vermag, inwieweit sich ihr Konjunkiuraufstieg trotz der Belastungen des Dawesplanes zu halten vermag, auch im besetzten Gebiet ist es anders geworden, die Lasten der Besatzung sind zwar geblieben, aber die psychische Belastung der deutschen Bevölke­rung ist doch zweifellos geringer geworden, die Deutschen haben wieder aufatmen können und be­ginnen allmählich, sich als Menschen zu fühlen, wenn sie natürlich auch immer noch der Gefahr ausgesetzt sind, daß bei irgendeiner belanglosen Kleinigkeit die alten Gegensätze in gleicher Schärfe in die Erscheinung treten.

Aber gedacht haben wir uns in Locarno doch noch etwas ganz anderes: was wir woll­ten, war, den Franzosen das Gefühl der Sicher­heit zu geben, ihnen nachzuweisen, daß sie von Deutschland nicht bedroht werden, und dafür zu erreichen, daß wir uns in den uns verbliebenen Grenzen wieder einrichten könnten. Das ist bis jetzt nur zum Teil gelungen. Wenn von amt­licher Stelle die Parole ausgegeben wird, daß die Botschafterkonferenz ihre Zusagen in vollem Umfange gehalten hat, so mag das dem Buch­staben nach richtig sein, dem Geiste und dem Sinn des Locarnovertrages nach ist es zweifellos nicht richtig. Heber zwei Jahre warteten wir auf die Erfüllung des Versprechens der Herabsetzung der Truppenzahl, nun endlich hat der englische Außenminister, der wohl selbst das Gefühl hat, daß er sein verpfändetes Wort einlösen müßte, ein gewisses Entgegenkommen erreicht. Aber was jetzt geschieht, wäre vor zwei Jahren wirklich eine Geste gewesen, heute ist es, wie auch der Reichsaußenminister selbst zugeben muß,un­genügend und kleinlich", zumal da bis zur Durch- fiihrung noch ein weiter Weg ist. Uns sind be­achtenswerte Stimmen zu Ohren gekommen, die bereits herausrechnen, daß die Verminderung um 10 000 Mann, die nun glücklich in Aussicht ge­nommen ist, gut und gerne durch achtzehn Monate hingezogen werden könnte, daß wir also unter Umständen noch sehr lange darauf warten müssen, bis die Desahungstruppen auch nur auf 60 000 herabgemindert sind. Und das. obwohl vor Lo­carno bereits den fremden Kabinetten mitgSteilt war, daß Deutschland sich darauf einrichte, daß die Besatzung höchstens die ehemalige deutsche Friedensstärke erreiche. Damals ist von Paris ausdrücklich erklärt worden, daß dieser deutschen Interpretation nicht widersprochen würde. Hm so kläglicher mutet es an, wenn nun nach einer zweijährigen Wartezeit nur dieser Bruchteil der moralischen Verpflichtung erfüllt wird.

Man kann psychologisch zur Entschuldigung der Franzosen mancherlei geltend machen. Man kann darauf Hinweisen, daß die Führer einer nach ihrer Auffassung wenigstens sicheren Armee sich von der Politik gerade zugunsten des geschlagenen Feindes sehr schwer irgendwelche Konzessionen abrinaen lassen, man kann darauf Hinweisen, daß Frankreich heute, wo es seine Währung für ge­sichert hält, nicht mehr in der ängstlichen Stim­mung ist. die vor Locarno und noch mehr vor Thoiry das Land beherrschte, man kann auch gelten lassen, daß das französische Kabinett sich scheut, vor den Wahlen zur Kammer, die ja im Mai erfolgen müssen, uns allzu weit entgegen» >,ukommen, um nicht den Nationalisten Agitations­stoff zu geben. Das alles ist ganz gut und schön, trifft aber doch nicht den Kern der Dinge. Denn der Zweck der ganzen Locarnopolitik war doch der, an die Stelle der Gewalt das Recht zu setzen. Wie schön hat Briand über die Kanonen gesprochen, die nun nicht mehr das oroße Wort hätten. 2lber in Deutschland hat Ins tief in die pazifistische Gedan:?nwelt hinein -iemand mehr den Eindruck, als ob Briand den Willen oder die Macht hätte, eine neue Qlcra der deutsch-französischen Verständigung herbeizufüh­ren. Der Reichsaußenminister hat vor einem halben Jahre schon im Reichstag an Poincare die Frage gerichtet:Q u o v a d i s, Galli a?" und er hat sie bald darauf in der etwas anderen FormelRuhr oder Locarno" wiederholt. Heute ist Europa so weit, daß Deutschland eine

Vriands Rede im Spiegel der Kritik.

Aus Paris war angekündigt worden, daß Briand das recht unerfr-euliche Auftreten de Jvuvenels nicht ohne eine entsprechende Zurückweisung lassen würde. Da sich der Angriff de Jvuvenels gegen Deutschland auf der Inter­parlamentarischen Hnion zugetragen hat, be­nutzte Briand das Festmahl am Schluß der Ta­gung zu seiner Erwiderung, die zugleich ein Be­kenntnis zur Politik von Locarno war.

Zweifellos hat Briand mit seiner unüber­trefflichen Rednergabe es wiederum verstanden, feine Zuhörerschaft in Begeisterung zu ver­setzen und Beifallsstürme einzuheimsen. Auch wer seine Rede aufmerksam und nüchtern durchliest, wird manches darin finden, was angenehm be­rührt. Vor allen Dingen läßt sich betonen, daß die Aeußerungen des französischen Autzenmiiri- sters sehr erhÄlich und sehr erfreulich abstechen von der ganzen Haltung der PoincarS, Marin, Iouoenel, Fach e tutti quanti. Aber in demselben Augenblick, in dem man diese Anerkennung gern und unumwunden ausspricht, kommt einem auch die andere Tatsache zum Be­wußtsein, daß Briand heute in der politischen Welt Frankreichs fast vereinsamt ist. Zu ihm halten die Sozialisten, aber diese auch nicht geschlossen. Daß die große Masse des französi­schen Volkes den Frieden wünscht und zur Ver­ständigung bereit ist, wird uns bekanntlich aus Frankreich immer wieder versichert, und es haben sich auch manche deutsche Stimmen, die als un­beeinflußt gelten können, in dem Sinne gemeldet, daß tatsächlich die Friedenssehnsucht in Frank­reich mindestens ebenso groß ist, wie in Deutsch­land und in anderen Ländern. Aber das ändert nichts daran, daß in der politischen Welt, und namentlich im jetzigen Kabinett, Briand vor einer unübersteiglichen und unüber­windlichen Mauer steht, gegen die er vergebens anrennt. Was hat es z. B. für Kämpfe gegeben, bis es Briand gelungen war, den Widerstand der Generale so weit zurückzudrängen, daß sie sich zu dem nach Ansicht der Militärs ungeheuren Zugeständnis herbei ließen, von nmb 60 000 Fran­zosen im Rheinland 8500 als entbehrlich zu be­zeichnen. Gerade dieses Beispiel ist besonders lehrreich für die Stellung, die Briand im politi­schen Leben Frankreichs heute einnimmt. Der Senator de Jouvenel hätte wohl seinen Vorstoß nicht unternommen, wenn Driands Stel­lung stärker wäre. Auch hierin ist ein deutliches Symptom der zur Zeit in Frankreich herrschenden politischen Verhältnisse zu erblicken.

Die eigentliche Antwort B r i a n d s auf die Ausführungen Jvuvenels liegt in dem Absatz, der lautet:Aber bereits jetzt bedeutet es schon etwas, daß dieses System von Abkommen, abge­schlossen zwischen den den Konfliktsgefahren am meisten ausgesetzten Ländern, dessen feierliche Bestimmungen das juristische Verfahren an die Stelle des barbarischen Verfahrens des Krieges setzt, ausdrücklich und das darf man nicht ver­gessen jede Zuflucht zur Gewalt auf sämt - li ch e Grenzen Europas ausschlieht, und zwar im Osten sowohl, wie im Weste n." Jouvenel hatte bekanntlich ausgeführt, wenigstens dem Sinne nach, daß wohl ein Locarno des Westens vorhanden fei. durch das die französischen Gren­zen gesichert würden, daß aber erst durch ein Locarno des Ostens die Friedenssicherung Frankreichs und Europas vollständig sein würde. Wenn Briand dem gegenüberstellt, daß zu dem System von Abkommen, wie er es nennt, auch der Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und Polen gehört, der die Austragung von Streitfällen mit den Waffen ausschließt, so ist das sehr schön und anerkennens­wert. Man muh sich auch vergegenwärtigen, daß heute bereits in Frankreich ein gewisser Mut dazu gehört, solche Ausführungen Überhaupt in der Öffentlichkeit zu machen. Aber man darf auch- nicht verschweigen, daß gerade hier Briand, der sonst gerne zu Heberschwenglichkeiten neigt, sich ungemein vorsichtig ausgedrückt hat. Der Sache des wahren Friedens wäre u. E. besser gedient gewesen, wenn er sich offen und ausdrück­lich zu der oft wiederholten Erklärung Deutsch­lands betamrt hätte, daß für uns ein Locarno des Ostens einfach ein Ding der Hnmög- lichkeit ist. Zwischen einer vollständigen Ver­ständigung Polens und Deutschlands stehen der Korridor und Oberschlefien. Hüd solange diese schwärenden Wunden am Körper Europas nicht geheilt finb. wird es auch nicht zu einem vollen Frieden kommen können.

Was die pariser presse sagt.

Paris, 31. Aug. (WD.) Zu der Rede des Außenministers Briand gestern abend auf dem Schlußbankett der Interparlamentari­schen Friedensunivn schreibt derTemps": Der französische Außenminister, der eine der Persönlichkeiten ist, die hauptsächlich die Politik von Locarno und Genf zustande gebracht

haben, hat gestern gezeigt, wie das auf diesem Gebiet bereits Erzielte nur die erste Grund­lage für eine allgemeine Konstruktion ist und daß man, wenn man von einer unverzüglichen und Verständnisvollen Verwirklichung des großen geplanten Gebäudes hätte träumen können, nun angesichts der entstandenen Schwierigkeiten sich auf eine weniger umfassende Realität hat zurück­ziehen müssen. Ohne Zweifel ist das nur ein Anfang, der an glücklichen Ergebnissen frucht­bar fein kann, wenn sich das so begonnene Werk unter normalen Bedingungen entwickelt. Was ist zu diesem Zweck notwendig? Das hat Briand genau gesagt.

Mehr als jedes andere politische System leitet ein auf der Suche nach juristischen Möglich­keiten begründeter Ariedensgedanke seine Kräfte von dem guten Glauben an die Verträge ab.

Der französische Außenminister hat beredt auseinandergeseht, daß, wenn die Völker sich tatsächlich den Truhen des Friedens sichern wollen, sie bei ihren Vereinbarungen zur Regel zu machen verstehen müssen, den Abmachungen die gebührende Achtung entgegenzubringen, und daß sie sich aus ganzer Seele dem Gesetz anschließen, wonach eine papierene, d. h. eine vertragsmäßig festgesetzte Grenze geheiligt ist, daß man sie ohne einen Hintergedanken achten muh, nicht, um sie zu erschüttern, zu Sophismen greifen darf, so geistreich sie auch ersonnen sein mögen."

DasJournal des D e b a t s" will nie­mals das in Locarno begonnene Werk an sich kritisiert und immer gewünscht haben, daß im Interesse des allgemeinen Friedens soviel Ruhen wie möglich daraus gezogen werde. Es komme nur darauf an, daß der Sinn dieses Wer­kes nicht entstellt werde. Der Irrtum, den der französische Außenminister bisweilen zu be­gehen scheine, so meint das Blatt, besteht darin, daß er das als ein Ziel annahm, was nur ein Mittel ist. Unferet Ansicht nach müssen

die Methoden von Locarno vor allem dazu dienen, das neu aus dem Krieg entstandene Europa zu festigen.

Dagegen scheint, daß dieses Abkommen von der Mehrzahl der Deutschen dazu benutzt werden könnte, den gegenwärtigen Zu st and zu än d e r n. Wenn man nicht acht gibt, wird diese Verschiedenheit in der Auslegung zu sehr ernsten Schwierigkeiten führen. Es wäre nicht das erste Mal, daß eine Regelung, die dazu bestimmt ist, Konflikte zu beseitigen, neue Konflikte geschaffen hat.

DieLiberte" schreibt: Man darf nicht ver­gessen, daß Dinge, wie sie Briand gesagt hat, in Anwesenheit von Deutschen gesagt wurden, die von ihrem Standpunkt aus die praktische Schlußfolgerung aus dem Regime der Wiederver­söhnung und des Vertrauens ziehen.

Es ist vielleicht sogar etwas gefährlich, bei ihnen den Eindruck zu erwecken, daß man in Frank­reich ganz beruhigt ist.

So, wie die Deutschen nun einmal sind, und. unter der Voraussetzung eines guten Glaubens, kann ein vollständig eingeschlafener Nachbar für sie unbewußt eine Versuchung bilden. Es ist besser, wenn man niemals jemand in Versuchung fuhrt. Vor dem Kriege von 1914 hat der Basler Kongreß stattge­funden, auf dem deutsche und französische Abgeord­nete sich umarmten; wer weiß, inwieweit diese Um­armungen in Deutschland den Eindruck verbreitet hatten, daß manes wagen könne".

DieAction frangaife schreibt: Sei es nun, bah er den Wind der Demission de Jouvenels und Lord Robert Cecils ver­spürt, sei es. daß er sich darüber Rechenschaft ablegt, dcrh die Begeisterung abgeflaut ist, Briand hat auf dem Bankett des kleinen internationalen Parlaments ein ziemlich ver­nünftiges Plädoyer gehalten. Allerdings beeinträchtigt dcr Rücktritt des französischen und auch des englischen Delegierten den Kredit des Völkerbundes.

Man sei überrasch! gewesen, zu erfahren, daß Briand in seiner Rede den westlichen Sicher­heilspakt und den deutsch-polnischen Schieds- gerichlsoertrag auf eine Stufe gestellt habe. Dadurch, daß Briand die Hnnühlichkeit eines ö st l i ch e n Paktes habe beweisen wollen, habe er die britische These angenommen und er habe dadurch hinsichtlich des Werkes von Locarno eine ziemlich beunruhigende Frage aufgeworfen.

Oeuvre" schreibt: Wie wird man sich über die unvermeidlichen Schwierigkei­ten. die noch in den Beziehungen Frankreichs zu feinen Rachbarn auftreten werden, erregen kön­nen, solange England und Frankreich auf diese Weise ihre souveräne Entente bezeugen?

Paris m a t i n a l" schreibt: Briand greife jetzt mit größtem Elfer jede Möglichkeit auf, wenn es sich darum handle, rasch den Frieden zu schaffen.

3n Deutschland erkenne man schon das frische und leuchtende Gesicht des neuen Deutschlands,

das eben denkt, es habe das Recht, ungeduldig zu fein, ja sogar die Pflicht, es zu fein.

Frieden bedeutet, guten Willen aber auch fort­gesetzte Arbeit in seinem Sinne zu zeigen.

DerFigaro" und derG a 'Äp i s", blei­ben, obwohl die Ausführungen BriaVW sehr vor­sichtig gehalten sind, skeptisch, ebenso der Ävenir", der schreibt: Briand weih sehr wohl, daß, wenn der Geist von Locarno ein immer größeres Mißtrauen hervorgerufen hat, dies nicht deshalb geschieht, weil Locarno den Geist des Friedens bedeuten solle, sondern weil

Locarno den Krieg bedeutet, den heftigen Krieg, den unvermeidlichen Krieg, den nahe bevor­stehenden Krieg.

Auch dasEcho de Paris" schreibt: Wir machen Briand nicht zum Vorwurf, eine deutsch­französische Wiederversöhnung versucht zu haben. Wir machen ihm aber zum Vorwurf, eine in der Weise zurechtgemachte Kombination gewählt zu haben, die Frankreich, wenn die Deutschen unglücklicherweise in der Zukunft sich ebenso ver­halten würden, wie sie das in der Vergangenheit getan haben, ähnlichen Schwierigkeiten äusseren werde, die es schon so oft erduldet habe, denn die Bestimmungen von Locarno verhinderten die Alliierten von 1914 sich eng zu verbinden. England dürfe mit Frankreich kein anderes Abkommen schließen, das es nicht auch mit Deutschland abzuschließen bereit sei.

Chamberlain stimmt Briand zu.

Paris, 31. Aug. (WTB.) 3m Hotel de Ville wurde heute nachmittag dem englischen Außen­minister Sir Austen Chamberlain auf Veran­lassung eines Ausschusses der Stadt Paris ein Goldenes Buch, das den Namen trägt Frankreich dem Britischen Reich", über­reicht. Das Buch enthält Aeußerungen aller nam­haften Staatsmänner, Politiker und Intellektuellen über die britisch-französische Entente. Bei der Ueberreicyung waren Außenminister Bri­and und viele offizielle Persönlichkeiten anwesend. Chamberlain dankte und erklärte: Die Poli­tiker können nicht immer ihre Handlungen nach ihrem Herzen regeln, denn der Kopf muß beherr­schend bleiben. Briand hat gestern abend eine Rede gehalten, die man als eine politische Handlung von größter Bedeutung und vom größten Wert bezeichnen kann.

Die Rede hat auch ein Glaubensbekenntnis enthalten, dem ich persönlich ohne Einschränkung und auch im Ramen des englischen Volkes zu- stimme.

Wir verfolgen eine Entspannungspolitik, die be­gründet ist auf unsere politische Freundschaft, deren Intimität nicht nur Vorbedingung, sondern auch eine Garantie dafür ist, daß wir Vertrauen zu uns selbst und auch Vertrauen au den anderen haben. Die gesamte Welt, besonders aber Frankreich und England, werden aus der engen Verbindung der beiden Länder Nutzen ziehen.

Amerika

und der Rücktritt Cecils.

London, 31. Aug. (Wolff.)Times" meldet aus Washington, es herrsche allgemein Heber- einstimmung darüber, daß Lord Cecils Rück­tritt die Abrüstungsfrage weit mehr in den Vordergrund der internationalen Fragen rücken werde, als es möglich gewesen wäre, wenn er Mit­glied der Regierung geblieben wäre. Kellogg habe mit der vollen Zustimmung Coolidges zu ver­stehen gegeben, daß er nicht beabsichtige, die Frage der Rüstungseinschränkung fal­len zu lassen. Es scheine jedoch nicht, daß die Einberufung einer neuen Konferenz von feiten Ame­rikas möglich fei, solange die jetzige Regierung am Ruder sei. Wenn es geschehen sollte, so müßte es geschehen auf die Initiative einer anderen Macht, wahrscheinlich Großbritanniens. Coolllge würde eine Erneuerung der Verhandlungen be­grüßen, aber diesmal müsse die Einladung vom Auslande kommen. Der Präsident sei nicht geneigt, das Risiko eines zweiten Fehlschlags zu übernehmen.

In Gens.

Genf, 31. Aug. (WTB.) Die deutsche De­legation für die morgen beginnende Rats­tagung traf heute nachmittag in Gens ein. Reichsminister Dr. Stresemann und die Staats­sekretäre v. Schubert, Pünder und Weis­mann hatten jedoch den Zug schon in Lausanne verlassen, um von dort nach einem kurzen Aufent­halt die Reise im Kraftwagen zu beenden. Sie trafen um 19.20 Uhr in Genf ein.

Auch von den andern Ratsmächten sind bereits verschiedene Delegationen eingetroffen. Chamberlain wird Donnerstag vormittag Briand erst am Samstag erwartet. Bis dahin wird Paul-Boncour seinen Platz am Ratstisch einnehmen.

Antwort auf diese Frage haben muß. Denn der Zustand, daß Frankreich nur alle Vorteile des Locamovertrages für sich beansprucht, die Lasten aber nur uns zuschieben will, ist unerträglich geworden. Deutschland hat seinen Anspruch auf Grund des Artikels 431 des Friedensvertrages noch nicht angemeldet. Es wird aber bei nächster Gelegenheit noch einen letzten Versuch machen, um den Siegerstaaten begreiflich zu machen, daß aus dem Locamovertrag heraus die Räumung

des gesamten deutschen Bodens erfolgen muß. Mißlingt dieser Versuch, dann werden wir uns wohl damit abfinden müssen. Die Deutschen im besetzten Gebiet haben bei mehr als einer Ge­legenheit zu erkennen gegeben, daß sie bereit sind, die Zeit auszuhalten, da nach den Versailler Bestimmungen das feindliche Schwert noch über ihnen hängt. 1930 muß die zweite Zone geräumt werden, und fünf Jahre später muh auch der letzte fremde Soldat über unsere Grenzen zurück.

I Wir können es also zur Rot ab tourten; dann I müssen wir aber auch die Konsequenzen ziehen und öffentlich feststellen, daß nicht durch unsere Schuld die Politik von Locarno nur eine Episode gewesen ist unö daß Deutsch­land andere Wege suchen muß. um seine politische, militärische und wirtschaftliche Selbständigkeit zu- rüdgugetoinnen.