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Nr. XII Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Montag, I. August 1927

Das Beamtenheimstättengesetz.

Man schreibt uns: Vor einiger Zeit ist das Beamtenheimstättengesetz vom Deutschen Reichs­tag in zweiter und dritter Lesung angenommen worden. Die Annahme geschah mit überaus großer Mehrheit. Sämtliche Parteien, mit Aus­nahme der Wirtschaftlichen Vereinigung und der Kommunisten, stimmten geschlossen für das Gesetz. Lei den Kommunisten sah man auch einige Mit­glieder von den Plätzen sich erheben. Der Red­ner der Wirtschaftlichen Vereinigung sprach sich grundsätzlich gegen die Errichtung von Heimstät­ten aus. Sein Ideal ist das Miethaus, wie es vor dem Kriege entstanden ist.

Der Gedanke der Heimstätte wird und muh sich Vahn brechen, wenn unser deutsches Volk am Leben bleiben will. Der Kampf um die Heim­stätte ist der Kampf um das deutsche Kind. In den Mictswohnungen der hohen Häuser haben Kinder keine Bewegungsfreiheit. Die Straßen sind gefährlich und für den Aufeitthalt der Kin­der ungeeignet. Ohne Licht, Luft und Sonne kann keine Pflanze gedeihen: also erst recht nicht der Mensch.

Wir wissen, daß bei den schlechten wirt­schaftlichen Verhältnissen, unter denen die Be­amten leben, nur einem Teil durch das Beamten- heimstättengeseh vorläuftg geholfen werden kann. Aber jeder Anfang ist schwer, wir vertrauen auf die Zukunft.

Die Beamtenspitzengetverkschaften, die im Heimstättcnamt der deutschen Beamtenschaft zu- sammengeschlvssen sind, haben bereits am 1. De­zember 1925 den Vorschlag xu diesem Gesetz ein­gereicht. Bereits vorher sind entsprechende Vor­arbeiten geleistet worden. Es war ein langer Weg, der zur Annahme des Gesetzes durch Reichsregierung, Reichsrat und Reichstag zu- cückgelegt werden muhte. Die Beamtenspihen- gewerkschaften haben ausgehalten in ständiger Mahnung und in Richtigstellung von Mißver­ständnissen und Entstellungen, die von mancherlei Seite gemacht wurden.

Die Beamtenfpihengewerkschaften der Deutsche Beamtenbund, der Allgemeine Deutsche Beamtenbund, der Reichsbund der höheren Be­amten haben zusammengehalten, bis ihre For­derung anerkannt wurde.

Jetzt erwarten wir noch vom Reichsarbeits- ministerium die Ausführungsbestim­mungen. Dann sind endlich die Wege geebnet und die endgültigen Bedingungen zu den Ver­trägen können ausgestellt werden. Bereits jetzt haben über 900 Kollegen einen HeimstättensVor­vertrag mit dem Heimstättenamt der Deutschen Beamtenschaft abgeschlossen. Weitere 6000 In­teressenten sind vorgemerkt. Es sind Deaniten aller Gehaltsstufen des Reichs, der Länder und der Gemeinden vertreten. Bis jetzt hat dos Heim- stättenamt der Deutschen Beamtenschaft 350J ab­gebauten Kollegen auf Grund der Beamtensicche» lungsverordnung zu einer Heimstätte verholfen. Der Weg ist jetzt frei, daß jetzt weit mehr Heim­stätten für die aktiven und pensionierten Beam­ten errichtet werden können. Wir lassen den Entwurf desGesetzes über die Abtre­tung von Beamtenbezügen zumHeim- stättenbau" nach dem Wortlaut der Beschlüsse der dritten Lesung des Reichstags folgen:

Der Reichstag hat das folgende Gesetz be­schlossen, das mit Zusttmmung des Reichstats hiermit verkündet wird:

§ 1. Beamte, Geistliche und Berufssoldaten, und zwar alle auch nach Versetzung in den Ruhestand sowie ihre Hinterbliebenen, können bis zu zwei Drittel des Betrages, um den ihr Diensteinkommen, Ruhegehalt und sonstigen lau­fenden Bezüge, mit Ausnahme etwaiger Dienst- aufwandsentschädigungcn, die Summe von ins- ^samt fünfzehnhundertsechzig Reichsmark für das Jahr übersteigen, zu einein der in § 2 genannten Zwecke abtreten. Hat der Empfänger der ge­nannten Bezüge kraft Gesetzes Unterhalt zu ge­währen, so ist bei Unterhaltspflicht gegenüber einer Person nur ein Drittel des Wehrbetrags abtretbar. Ist dem Abtretenden ein Darlehn ge­währt worden (§ 2), so wird die Wirksamkeit der Abtretung durch eine Verringerung der Bezüge oder n ine 2senderung in der Zahl der Unter« haltsberechtigten nicht berührt.

Geld und Erfahrung

Novelle oon Max Eyth.

4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Als in diesem Augenblick Major Owen eintrat verabschiedeten sich die Herren mir gegenüber mit allgemeinem Händeschütteln, untereinander mit halb militärischen Grüßen und kaum bemerkbaren Blicken, die jedoch erraten ließen, daß sich unter der Oberfläche einer zu lauten Heiterkeit manches regte, öas der Fremde nicht zu sehen brauchte.

Galgenhumor!" sagte ßongftrect, von der Tür zuruckkommend, mit einem leichten Schatten auf feinem guten, wohlwollenden Gesicht.Taylor hot sein ganzes, großes Vermögen endgültig verloren. Er hat zwei Schwestern, vor fünf Jahren die ersten Damen von Neuorleans, die eine Nähschule anfan- gen wollen, um zu leben. Uebrigens geht es uns allen nicht viel besser. Doch es wird wieder anders kommen! Bei Gott, schlechter kann's nicht werden! Zhr Schiff der Wilde Westen', muß jeden Augen­blick hier fein Herr Eyth. Der Major ist auf dem So/tomt ummrern des Zolls festzustellen. Er hofft, Ihren Pflug um fünfzehnhundert Dollar her­einzubekommen. Natürlich muß er erklären, daß die ganze Sendung aus rohem Gußeisen besteht. Das wird ihm um so leichter, als er noch nichts davon gesehen hat und einen Dampfpflug von einem Bie­nenkorb nicht unterscheiden kann, wenigstens zoll­amtlich. Sie sehen, wir haben schon einiges von un­seren nordischen Freunden gelernt. Im schlimmsten Fall müßten Sie allerdings beschwören, daß die An- gaben meines Geschäftsteilhabers ihre Nichtigkeit

Ich schnappte nach Luft. Jedermann kannte ßongftrect als einen Ehrenmann ohne Furcht und Tadel, und feine treuherzigen blauen Augen sahen so kindlich in die Wett hinaus, daß ihm der größte europäische Spitzbube aufs Wort geglaubt hätte.

Aber, General, das geht wirklich etwas zu wett", stotterte ich.Gußeisen! Seit zehn Jahren trompeten wir in Wort und Schrift in alle Welt hinaus, daß wir den besten Stahl an Stelle jedes Stückchens Gußeisen anwenden, das durch Stahl g» ersetzen ist. Ich habe erst gestern einen Zeitungs-

33. Mittelrheinisches ttreisturnfest

Zweiter und dritter Tag.

reit fei, andere UeberrebungsFünfte in Bewegung zu setzen. s

Wieviel?" fragte ich. Diese Form der Frage" begann mir schon geläufiger zu werden.

Ich denke, mit fünfhundert Dollar ließe sich der Gußeifenzoll erreichen", sagte der Major nachdenk­lich.Das wären noch immer zweitausendzweihun- öert Dollar in Ihre Tasche. Aber bei Jupiter! das muffen Sie selbst regeln, Herr Eyth. Ich habe die Spitzbubengeschichte fatt."

Einer Wohnheimstätte steht ein zu ihrer Errichtung bestimmtes Grundstück gleich, sowie ein Erbbaurecht, das für mindestens 50 Jahre ein­geräumt ist.

§ 3. Dem Abtretenden muh das Recht Vor­behalten werden, den Vertrag bis zur Gewährung des Darlehens zum Ablauf eines Kalender- Vierteljahres zu kündigen. Die Kündigungsfrist darf höchstens ein halbes Jahr betragen. Durch die Kündigung erhält der Beamte nicht das Recht, das bereits eingezahlte Kapital vor dem Ende der Sparperiode zurückzuverlangen.

8 4. Landesgesetzliche Vorschriften finden keine Anwendung, soweit sie einer Abtretung nach Maßgabe dieses Gesetzes entgegenstehen.

§ 5. Der Reichs ar beitsminister wird er­mächtigt, im Einvernehmen mit dem Deichs­minister des Innern und mit Zustimmung des Reichsrats Vorschriften zur Durchführung des Ge­setzes zu erlassen.

* Darmstadt, 31. Juli.

Darmstadt ist in den Lagen des Mittel- rheinischen Kreisturnsestes nicht wiederzuerkennen. Ehedem galt es als einestille Residenz": aber schon seit dem Weltkrieg hat der Verkehr in den Straßen außerordentlich stark zu­genommen. Die Gegenwart stellt alles wett in den Schatten: durch die Hauptstraßen flutet ständig ein gewaltiger Menschenstrom. Es sind nicht allein die Turner, sondern es sind auch vielfach deren Angehörige, die nach der hessischen Landeshauptstadt gekommen find: öa&u muß man noch große Scharen sonsttger Gäste rechnen. Das Fest zeigt deutlich, wie große Ereignisse außerordentlich belebend und fördernd auf den Verkehr einwirken. Das Leben in den Straßen, die unzähligen Fahnen, Flaggen und Wimpel, die mit Musik und Gesang ein­ziehenden Turner, die festiche Beleuchtung am Abend haben auch seelisch stark auf die Darm­städter Bevölkerung eingewirkt: hinzu kommt noch, daß endlich der Sommer eingezogen ist und sich das Fest bei schön st em Wetter abspielt. Der Festplah hat deshalb ständig einen regen Verkehr. Sehr zu statten kommt dessen günstige Lage in der Rähe des Hauptbahnhofs: Empfang und ^leberweisung der Quartiere für die An­kommenden vollziehen sich glatt, und es zeigt sich, daß für die Vorbereitung des Festes gute Arbeit geleistet worden ist.

Schon der Beginn ließ erkennen, daß es sich hier um die größte öffentliche Ver­anstaltung handelt, die Darmstadt je erlebt hat, und daß dies keine teere Redens­art ist. Auch am gestrigen Samstag stand die Stadt völlig unter dem Zeichen des Turnfestes, dessen turnerische Darbietungen einen solchen Umfang haben und im einzelnen so zahlreich sind, daß mehrere Veranstaltungen zeitlich zu- fammenf allen mußten. Kreisschwimmwett­kämpfe, Wettkämpfe von Turnern und Ler­nerinnen fanden den ganzen Morgen über statt: es wurde sehr ernste Arbeit geleistet und heiß gekämpft. Bei der großen Zcchl von Preisbe­werbern hatten die Kampfrichter keine leichte Arbeit. Dis in die Rachmittagsstunden dauerten die Wetttämpfe auf den verschiedensten Gebieten des Turnens und die Sitzungen der Kampf­richter.

Rachmittags um 6 LIHr fand die Lieber­gabe des Festes an den Kreisvor­stand statt. Der feierliche Att vollzog sich vor­dem Landesmuseum an den der Paradeptah grenzt, der eine große Menschenmenge aufzu­nehmen vermag. Tausende sammelten sich an, als die Turner mit mehreren Musittapellen anmar- schierten. Turnerinnen in ihrem schmucken blauen Straßenkleid trugen verhüllt das neue Banner des (9.) Mittelrheinkreises, dann folgten Banner­träger, die Hauptausschußmitglieder, die Kampf­richter und die Abordnungen der Vereine. Ob­wohl nur die Spitzen der Organisationen des Mittelrheinkreises vertreten waren, handelte es sich um einen stattlichen und eindrucksvollen Zug: eindrucksvoll wegen des farbenprächtigen Bildes, das die Fahnen, Banner, die Turner und Tur-

Und ich bin für eine solche Verhandlung noch nicht lange genug in Ihrem großen und erleuch­teten Lande gewesen!" rief ich in einer Aufwallung moralischer Entrüstung, die beide Herren höchlich beluftigte.

Aber Sie kommen doch aus der Türkei oder aus Aegypten", meinte ßongftrect nach einer Pause.

Wohl wahr, und ich überlege selbst gelegentlich, worin eigentlich der Unterschied liegt. Das tröstliche Wort Backschisch erklärt ihn vielleicht teilweise. Dort, einem schmunzelnden Effendi gegenüber, hat man das Gefühl, als sei dies alles, wie es der Schöpfer ge­wollt hat, als habe man es mit einer anderen Gat­tung von Säugetieren zu tun, die nun einmal nicht leben können, wenn fie nicht geschmiert werden. Hier, im Verkehr mit Herren in schwarzen Sonntags- hosen, mit einem Gesicht ernst und ehrenfest und wie uuf Holz geschnitzt, finde ich den richtigen Ton noch nicht.

Das wird kommen, Herr Enth," meinte ßong= street,ich fürchte, das wird rasch genug kommen. (Fine im Grunde aufrichtige Natur wie Sic findet sich bei uns bald zurecht. Man muß uns nur oer= stehen. Sie haben noch keinen Begriff davon, mit

Ehrlichkeit unsere Spitzbuben zu Werke gehen, ßefen Sie die Verhandlungen, in denen der große Boß des Tamanyrings, Mister Tweed, in Neuyork feit ein paar Wochen glänzt. Sie kommen gerade zur rechten Zeit hierher. Wir wissen das alles schon feit fünf Jahren: für Sic ist es eine gute Anfangslcktton. Bitte, beachten Sie die Ehrlichkeit, mit der der Mann feine fünfzig Millionen aus dem Steuerbcutel der Ncuyorker gestohlen hat. Keine Intrigen wie in der alten, verrotteten Welt, aus der Sie kommen, keine Heimlichkeiten, keine Hinter­treppengemeinheiten. Alles offen und geradeaus, was man auf beiden Seiten des Wassers ,fair play' nennt Lch greife in die Stabff affe und hole mir i

Unb bas ist alles, was Sie ba geschrieben haben, so ganz wörtlich zu nehmen?" fragte Long- ftreet, indem er mich zutraulich anblinzelte.Sehen Sie, lieber Herr Eyth, Sie müssen sich in unsere Sitten einleben. Geschworen wird bei uns das Blaue vom Himmel herunter: an bas müssen Sie sich vor allen Dingen gewöhnen. Aus dem hiesigen Zollamt werben an guten Tagen etliche fünfzig Eide Geleistet. Schweinefleisch, Baumwollballen, Stockfische, Sei- benfleiber, Guß- unb Schmiedeeisen, alles was die Barre passiert, wird im Namen des allmächtigen Gottes für das erklärt, was es meist nicht ist. Die ganze Union ist entlang ihrer zwölftausend Meilen langen Grenze von einem Schnellfeuer von Mein­eiden beschützt, die jahraus jahrein ununterbrochen, außer nm Sabbat, gen Himmel knallen. Das ver­langt die Konstitution dieses großen unb erleuchteten ßanbefi unb gehört zum Segen des Schutzzolls. Sie sehen, wir sind ein religiöses unb gesetzliebenbes Volk, seitbem wir tvieber zur glorreichen, unteil­baren Republik gehören unb ein Rubel Schwarzer unsere Gesetze macht. Auch uns, ben alten Herren von ßouifiana, wirb es nicht immer ganz leicht, im neuen Fahrwasser zu schwimmen, bas kann ich Ihnen unter der Hand versichern."

Major Owen trat ein, ein noch junger, hübscher Mann, bem man übrigens bie Strapazen einer har­ten Zeit beutlich ansah unb bei bem unter ber höf­lich löchclnben Oberfläche häufiger als bei ßongftrect ber verhaltene Grimm, bie kochende Bitterkeit gegen die Verhältnisse durchbrach, in denen wir lebten. Der kurze Gruß ber beiben zeigte beutlich bie sol­datischen Beziehungen ber kaum vergangenen Zeit unb zugleich von feiten bes jüngeren Mannes eine saft schwärmerische Verehrung für ben älteren. Man weiß in langen Friedenszeiten soviel von ber Verrohung zu erzählen, bie ber Krieg mit sich bringt Mitten im Kampf und oft genug nach dem­selben sieht man nicht selten auch Blicken unb Früchte anberer Art.

Nein, es sei nichts mit ben fünfzehnbundert Dol­lar, berichtete ber Major. Der Zollbirektor, ein regelrechter Reisesackpolittker aus bem Norben, be­stehe auf bem vollen Zoll von oiertauscndzwcihun- bert Dollar in Gold, wenn ich nicht vielleicht be- I

§ 2. Die Abtretung gemäß § 1 darf nur an ern von Der Reichs- ober Landesregierung be­stimmtes öffentlich-rechtliches Kreditinstitut oder gemeinnütziges Llnteriiehmen erfolgen. Zuständig >ur die Bestimmungen ist. soweit Beamte der ^-rder unb ber Aussicht der Länder unterstehende öffentlich-rechtliche Körperschaften in Frage kom­men, die Landesregierung, im übrigen die Re chs- regierung.

Die Abtretung bedarf des Einverständnisses eiver vom Reichsarbeitsmiaister mit Zustimmung des Reichsrats bestimmten Stelle. Sie ist nur zu­lässig 3ur Beschaffung, Verzinsung ober Tilgung von Darlehen, die durch Hypotheken. Grund­oder Deamtenschulden auf Wohnheimstätten im Sinne des Reichsheimstättengesehcs vvm 10. Mai 1920 (Reichsgesehblatt S. 962) ober anderweitig gegen spekulative Verwertung geschützten Wohn­heimstätten gesichert sind oder gesichert werden sollen.

nerinnen in ihrer Kleidung boten. Auf der breiten Museumstreppe, die sich wie eine festliche Estrade ausnahm, standen die Vertreter ber staat- l i ch e n und städtischen Behörden und sonsttge Ehrengäste. Fanfarenmusik vom Mu- seumsturme_ herab leitete die Feier ein, bei der Musikvorträge und gemeinsam gesungene Lieder wechselten. Die Reden, die von dem Portal des Museums aus gehalten wurden, verbreitete ein Lautsprecher, so daß die Worte weithin deutlich vernehmbar waren.

Zunächst entbot Finanz Minister Hen­rich die Grüße ber hessischen Regie­rung. insbesondere auch noch persönliche Grüße des am Erscheine verhinderten Staatspräsi­denten. Der Minister erinnerte in seiner Rede an die Tatsache, daß Hessen eine alte turnerische Tradition hat. Es hat schon in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Turnen amt­lich gefördert, unb zwar als damals noch bie meisten deutschen Staaten die Turner als gefähr­liche Menschen verfolgten. Wenn auch der Sportsinn in der Gegenwart stark zugenommen und manche unerwünschte Begleiterscheinung ge­zeigt habe, so müsse man doch den Vorzug der körperlichen Vervollkommnung anerkennen. Die Turnerei insbesondere habe nichts von ihrer volksverbindenden Kraft eingebüßt und habe sich als ein wirksames Ferment einer wahren Volks­gemeinschaft erwiesen.

Minister Henrich betonte dann bie Zu­sammengehörigkeit von Surnetei und Vaterland unb bekräftigte dies mit einem dreifachen®ut Heil" auf das deutsche Vaterland, bie Deutsche Turnerschaft, insbesonbere die Turnerschaft vom Mittelrhein.

Bürgermeister Mueller erklärte in einer An­sprache, baß bie Gesundheit des deutschen Men­schen die unerläßliche Vorbedingung für die Lei­stungsfähigkeit des Volkes auf allen Gebieten sein müsse, auch auf geisttgem und kulturellem Gebiet. Er lobte bie Körperarbeit in ber Deutschen Tur­nerschaft. die Pflege von Unterordnung, Selbst­beherrschung unb Gemeinschaftsgefühl: das alles werde zum Wiederaufbau unseres gebenriitigten Vaterlandes dienen. Der Redner überreichte bann allen, die sich um die Durchführung des Festes ganz besonders verdient gemacht haben, Preis- münzenderStadt Darmstadt, und zwar die Preismünze in Silber: der Turngemeinde Darmstadt 1 8 4 6; der Turngemeinä Bes» sungen; der Turngesellschaft Darmstadt 1 8 7 5 ; dem Akademischen Turnverein Ghibel - linia; dem Akademischen Turnvevein Ale-' m a n n i a ; sowie den Herren Karl Roth Her­mann Kalbhenn, Wilhelm Hering,'Wil­helm Hofferberth. Johann Wandel und Johann Lehmann: bie Preismünze der Stadt Darmstadt in Bronze: den Herren Paul Bol- llnger. August Henkel, Hans Fischer, Heinrich Müller, Ludwig Graf, Louis Geher, Rudolf G r ü n e w a ld, GeorgLuckas. Heinrich Wenderoth, Ferdinand Heuerunb Heinrich Langsdorf; die Preismünze ber Stadt Darmstadt in Silber dem Führer des Mittelcheinkreises Arthur Pfeiffer (Wetzlar)

Gauvertreter Roth dankte der Hessischen Regie-

attikel an denNeuorleans Picayune" gesandt, in rc dem ich mit Nachdruck darauf Hinweise/'

rung unb der Stadt Darmstadt für ihre verständnis­volle Förderung der Turnfache. Er begrüßte dann den ersten Vorsitzenden der Deutschen Tumerschaft, -turnbruber Professor Dr. Berger, den zweiten Oberturnwart der Deutschen Tumerschaft, Turnbru­der S t e d i n g - Bremen, den Krcisvettrcter des 10. Turnkreises (Pfalz) und den Kreisverttcter des 11. Tumkreifes (Schwaben), ben Krelsausfchuß des 9. Kreifes, an der Spitze die Kreisvertrcter Pfeif­fer-Wetzlar und Schill-Osthofen, sowie die Kreisoberturnwarte F r e y - Mainz und Friede» Frankfurt. Der Redner legte die Leitung des Mittel- rheinischen Kreisturnfestes in die Händc'der bewähr­ten Führer des Kreises.

Kreisvertrcter Pfeiffer- Wetzlar ülsrnahm im Namen der Kreisleitung das 33. Mittelrheinifche Kreisturnfest und erklärte dabei, daß es nicht nur bas glänzendste Fest fein werde, das man bisher feiern konnte, sondern cs werde auch ein Markstein in der Geschichte des Mitelrheinkreises bleiben.

Die ebenfalls durch den Lautsprecher verbreiteten Ansprachen schlossen jebesmal mit einem dreifaa-en @ut Heil", das bei den Turnern und ber Volks­menge stets ein oicltaufenbftimmiges Beifallsecho sand.

. Die Turnerinnen des Mittelrheinkreises haben ein Banner gestiftet, das nunmehr geweiht wurde. Eine Turnerin sprach einen Prolog, worauf Fräulein Schmuck, bie Tochter des ver­storbenen Kreisoertreters. das Banner emhüllte, bas von Rechtsanwalt Kalbhenn im Namen der Darmstäbter Turnerschaft übernommen wurde.

Rach Beendigung ber Feier begaben sich bie Turner nach bem Festplatz, wo inzwischen sich bie Fe st Halle zu füllen begann. Wiederum war sie vor Beginn ber Abendveranstaltung über­füllt. obwohl sie im ganzen etwa 6000 Menschen aufzunehmen vermag, wenn man wohl 1000 Stehplätze miteinrechnet. Der Erbauer ber Halle. Stadtbaurat unb Bürgermeister Duxbaum, suchte, was von ben Darmstädtern mit Humor bemerft wurde, lange Zeit vergeblich nach einem Sitzplatz, bis er schließlich noch einen Unter­schlupf am Pressetisch sand. Die abendliche Ver- anftaltung vollzog sich in ungefähr demselben Rahmen wie die früheren: zunächst traten in einem Konzertteil bie turnerischen Vorführungen in ber Dor der gründ, dann wurde das F-estspiel und bie Stellung der Brunnenfiguren wieder­holt. wurden ferner Stabübungen, Freiübun­gen. Tänze und akrobattsche Leistungen geboten, bie sich hier vor einem sachkundigen Publikum abspielten, das sie mit lebhaften Beifallskund­gebungen aufnahm Ein glanzvoller Abschluß des Abends war ein prächtiges Feu or werk großen Sttls, wie es Darmstadt wohl noch nicht gesehen hat, das auf dem Festplah vor Tausen­den von Besuchern abgebrannt wurde.

Der grohe Festzug.

Der heutige Sonntag des Kreisturirfestes begann bereits inn 5,30 Uhr morgend mit einem Wecken, und um 7 Llhr nahm das Turnen ber Gaue, sowie das Siegen­turnen ber Vereine und das Degenfech­ten seinen Anfang. Don 8 Ahr ab wurden! die Wettkämpfe im Spielen, bie Vor-, Zwi­schen- und Gntscheidungskämpfe der volks­tümlichen Meisterschaften, bie tags zu­vor begonnen hatten, fortgesetzt. Wetter fanden! Wettkämpfe der Turnerinnen und turnerische Vorführungen ber verschiebensien Art statt. Eine Iugendfeierstunbe in ber Pauluskirche war ebenfalls angekündigt. Ilm 11,30 älhr begann dann die Aufstellung zum Festzug.

Den Höhepunkt des Kreisturnsestes bilbete, rem äußerlich betrachtet, der Festzug. der nicht allein durch seine Länge (mehrere Kilometer), fonbern, auch durch die Zahl der Beteiligten, die auf etwa 30 0 0 0 geschätzt wird (was nicht zu hoch gegriffen sein dürfte) und nicht zuletzt durch die wirkungsvolle Gestaltung eine macht­volle Kundgebung der Deutschen Turnerschaft des Mittelrheinkrei- s e s war. In ihrem glatten Verlauf und in der tadellosen Disziplin dieses ungeheueren Massen­aufgebotes zeigte sie deutlicher als alles andere den Geist, von dem die Deutsche Turnerschaft beseelt ist. Es war gewiß keine Kleinigkeit, in der Schwüle ber Mittagszeit stundenlang durch die Straßen zu marschieren, aber man sah. wie gern dieses Opfer gebracht wurde einer großen I».1

eine Million heraus ungezählt. Sie, Mister Schatzmeister, drücken die Augen zu und erhalten hierfür dreimalhunderttausend Dollar. Abgemacht?' sagte der eine. .Abgemacht!' sagte der andere. Das war die Formel für alle Geschäfte des großen Mannes, der Neuyork bis gestern regierte. Möglich, daß er jetzt ins Zuchthaus wandert. Alle zwölf Jahre schüttelt sich das unglaublich faule Volk der wirk­lich achtbaren Leute, und das Geschmeiß fällt ab. Wahrscheinlicher ist aber, daß er das Geschäft nach einigen Monaten wieder aufnimmt. Ein andrer, wenn nicht er, tut es sicher." ,

Ich erzählte, was ich mit Olcott in Washington vereinbart hätte.

..Sehr schön," sagte ßongftrect,für einen Anfang sogar recht brav gemacht! Olcott? Olcott? Ich erinnere mich des Namens. Major, wissen Sie, wo wir einem Olcott begegnet sind?"

Wenn es der Artilleriehauptmann ist, der uns bei Ehattanooga gegenüberstand," sagte Owen,so ist es wenigstens ein braver Soldat. Der Mann stand bei seinen zerschossenen Kanonen, bis der letzte Artillerist am Boden lag. James Olcott. Ich ließ mir den Namen von ein paar Gefangenen sagen, die zu seiner Batterie gehört hatten. Er selber ent­wischte uns schließlich doch."

Sarnes Olcott!" rief ich erfreut,das stimmt! Da glauben Sie wohl auch, daß ich an den richtigen ÜRann geraten bin, der unsre Sache ehrlich vertreten wird?"

"Was das betrifft," meinte ßongftrect gedehnt, ^rten roirs ab! Bei Ehattanooga hätte ich dem Mann mein Vermögen samt Weib und Kind anver- ttaut, in Washington würde ich keinen roten Cent an ihn wagen. Für den Augenblick hilft uns Ihr tfreunb jedenfalls nichts. Sie müssen sich entscheiden: entweder bleibt der Pflug unter Zollverschluß, bis öer Kongreß zu einer Entscheidung kommt das mag sechs Wochen dauern oder sechs Monate ober fedjs Jahre, fein Mensch kann es wissen oder Sie entschließen sich, die viertausendzweihundett Dollar zu zahlen. Einen dritten Ausweg sehe ich nichts wenn Sie dem Zolldirektor keinen Privätbesuch machen mögen. Was wollen Sie tun?"

"Aber so viel Geld habe ich nicht hwr", bemertte ich sorgenvoll.

(Fortsetzung folgt)