Oberhessen.
Licher Beobachtungen.
Unsere neueste Dreipfennig-Briefmarke trägt das Bild von Deutschlands größtem Dichter, das Bild Goethes. Diesen großen Deutschen so einem jeden in unserem Volk bekannt zu machen, ist 'zweifellos ein Verdienst unserer Reichspostverwaltung. Denn es ist wahr, die Zahl derer, die ihn kennen, ist gewiß nicht allzu groß, und noch kleiner ist jedenfalls die Zahl derer, die ihn recht verstanden haben. Ich will erzählen, wie mir's ging. Vor kurzem, an einem verregneten Sonntag — der diesjährige oommer ist ja reich an solchen Tagen — greife ich wieder einmal zu Goethes Werten. Ich lese in .Hermann und Dorothea" und finde eine Stelle, die mich geradezu erschrecken läßt. Ja, bin ich denn als Pennäler so unaufmerksam gewesen, daß ich hiervon gar nichts mehr weiß, oder hatte ich damals so wenig Sinn fürs praktische Leben und für kommunalpolitische Dingo, daß ich über diese Zeilen ganz gleichgültig hinweggelesen habe. Warum hat auch der gestrenge Herr Magister, der sonst so tüpfelig war, uns diese wichtige Stelle nicht auswendig lernen lassen? Sie lautet:
Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt:
denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben
Unrat sich häufet, und Unrat auf allen Gassen her- umlieat,
wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird,
wo der Balken verfault, und das Haus vergeblich die neue
Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. Denn wo nicht immer 'oon oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, da gewöhnet sich leicht der Bürger zum schmutzigen Saumsal,
wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.
Darum hab' ich gewünscht, es solle sich Hermann auf Reisen
bald begeben und seh'n zum wenigsten Straßburg und Frankfurt,
und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
Denn wer die Städte geseh'n, die großen und reinlichen, ruht nicht, künfttg die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sei, zu verzieren.
Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Tore
und den geweißten Turm und die wohlerneuerte Kirche?
Rühmt nicht jeder das Pflaster? Die wasserreichen, verdeckten wohlverteilten Kanäle . . .
Genug! Genug! O Goethe, du Lehrer Deutschlands, Mann der Weltweisheit, wie schlecht haben deine lieben Deutschen auf dich gehört! Hättest du nicht 1797, als du das schriebst, gleich ein Druckexemplar nach Lich schicken können an „einen wohllöblichen Rath" zu Händen der „beyden Bürgermeister" als ewiges Vermächtnis, du hättest ein gutes Werk getan! Ich will ja nicht meinen, daß man das alles, was hier gesagt ist, nun wörtlich auf unsere Stadt übernehmen könnte, aber da ist doch so manches, was zu denken gibt, eine ganze Reihe höchst aktueller Probleme wird berührt in diesen wenigen Zeilen: DieausgebessertenTore, die gut gereinigten Straßen, die w o h l e r n e u e r t e Kirche, der frisch g e • weißte Turm, die tadellosen Kanäle, das berühmte Pflaster.
Hätte Goethe 1797 in l ezug auf Lich von „ausgebesserten Toren" sprechen können, dann wären sie jedenfalls nicht nach wenigen Jahren schon aus Unverstand und Eigennutz niedergelegt und zu anderen Zwecken verwendet worden. Heute kann sie der Fremde nicht mehr loben, die, wenn sie noch da wären, Lich zum sehenswertesten Platz von ganz Hessen machen würden, denn wer das Stadtwappen sieht, das keine Phantasie, sondern die bildliche Wiedergabe der,Oberpforte" ist, der erkennt sofort, daß Lich einst unermeßliche Werte an Baudenkmälern besaß, deren es sich vor vielleicht hundert Jahren in ganz unbegreiflicher Wege entäußerte.
Die Straßenreinigung wird ja dank der Wachsamkeit der städtischen Polizei brav und ordnungsmäßig gehandhabt, aber das genügt nicht, um stets saubere Straßen zu haben. Kaum ist die Straße gekehrt, da fährt schon wieder ein Bauer mit seinem Mistwagen vorbei, den er nicht sorgfältig genug beladen hat: was hilft's, wenn auch die meisten Landwirte ihre Sache gut machen, es gibt immer noch unrühmliche Ausnahmen, Leute, die keine Rücksichten kennen, alle paar Schritte fallen die Brocken vom Wagen herunter, Mist, Stroh, Heu oder sonst etwas. Ein andermal, eines Mittwochs, sehe ich die Leute emsig bei der Straßenreinigung, verlor'ne Müh', da kommt eine Schweineherde her unter persönlicher Führung eines herrschaftlichen Schweinemeisters und — Schweine sind nun einmal Schweine — in erschreckend verschwenderischer Fülle laden sie ihren Obolus auf der eben frisch gereinigten Straße ab — ein großer Aufwand schmählich war vertan! Etwas mehr Sora- fall, meine lieben Mitbürger, etwas mehr Rücksicht auf die andern, auf die Gesamtheit, der sich jeder anzupassen und unterzuordnen hat! Es genügt nicht, daß man die Straßen regelmäßig sauber macht, man muß sie auch sauber halten!
Die wohlerneuerte Kirche: Da werden wohl in nicht allzu ferner Zeit die Sünden (die Unterlassungssünden) der Väter heimgesucht werden an den Kindern . . . Schon jahrzehntelang ist die Kirche erneuerungsbebürftig, falsche Sparsamkeit im Vorstand des Marienstifts ließen es nicht zu größeren Instandsetzungsarbeiten kommen, obwohl vor dem Kriege das reiche Marienstift Geld genug hatte, das inzwischen der Inflation zum Opfer ge
fallen ist. Das Marie ^tift ist arm geworden, und menn bie Renovation ter Kirche kommt, ihre Notwendigkeit läßt sich nicht leugnen, dann gibt's Leibschmerzen — beim . irchcnvorstand und beim Steuerzahler.
Der frisch geweißte Turm, die tadellosen K a - n ä l e, das berühmte Pflaster: Da wüßte ich auch manches zu sagen, aber es gibt Leute, die mehr wissen als ich. Darum habe «ch an wohlunterrichteter Stelle geforscht, wie es um diese Dinge steht, und kann folgendes erzählen:
Der Stadtturm ist sehr erneuerungsbedürftig, seit Jahren schon, das hat die Stadtverwaltung auch eingesehen und bereits einen respektablen Fonds an- gesammelt, der noch etwas erweitert werden soll, und dann geht s an die Arbeit: Dann wird er ein neues Kleid bekommen, seine Fugen werden vermauert und seine Treppen verbessert werden, für einen bequemen Aufstieg wird man sorgen, der offene Rundgang, den der Turm früher hotte, wird wieder hergestellt und bann wird man die Freude erleben, daß an hohen Festtagen oder vielleicht sogar allsonntäglich der Posaunenchor hier von hoher Warte herab seine Weisen erklingen läßt, die zahlreichen Besucher unserer Stadt werden dann ohne Mühe den sauberen, schönen Aufgang benutzen können, um, oben angekommen, mit einem herrlichen Rundblick belohnt zu werden — hoffentlich dauert es nicht mehr allzu lange.
Die Kanäle sind auch nicht so tadellos, wie es im Buche steht, aber man darf den Zusicherungen unserer Stadtverwaltung schon Glauben schenken, wenn sie sagt, daß sie auch diesem Gebiet ihre volle Aufmerksamkeit zuwendet.
Äleibt endlich noch das berühmte Pflaster. Ein Spaßvogel hat gesagt, man solle es beseitigen, ehe nicht der Denkmalpfleger sich seiner bemächtige. Heute kommt die Kritik zu spät, denn schon ist die Axt dem Baum an die Wurzel gelegt, mit der Neu- pflafterung der ersten Hälfte soll bereits in den nächsten Tagen der Anfang gemacht werden, das übrige kommt im folgenden Jahr an die Reihe. Dankend freut sich der Autofahrer, noch mehr aber der Hausbesitzer, der hofft, daß die scheußlichen Spritzer, denen die Häuser jetzt ausgesetzt sind, künftig zu den Seltenheiten gehören werden.
Fragt man zum Schluß, welche Lehren man aus dieser Geschichte ziehen soll, bann meine ich, die oberste Schulbehörde sollte anordnen, daß jeder Schüler und jede Schülerin, sei es auf einer Elementarschule ober einer höheren, bas oben angeführte Zitat auswendig lernen müßte, um es zu behalten fürs ganze Leben. Ein segensreiches Beginnen würde das sein, denn soviel ist sicher, unter denen, die heute die Schulbank drücken, sind gar viele, die berufen sein werden, in einigen Jahrzehnten die Politik zu machen. Wer die führenden Männer einer späteren Zeit heute schon finden will, muß sie in der Schule suchen. .
Spectator.
zrreis Friedberg.
* Butzbach, 31. 3uli. Sn der dieser Tage abgehaltenen Aufsichtsratsihung der Ver - einsbank für Butzbach und Amgegend e. G. m. b. H. wurde der Abschluß für das erfte Halbjahr 1927 vorgelegt. Das Institut hat sich auch in dieser Zeit weiter günstig entwickelt. Die Bilanzsumme beträgt 649866 Mk. gegen 455 796 Mark am 31. Dezember 1926. Die Kreditoren and Debitoren haben sich bedeutend erhöht. Der ilmfah ist aus 13,7 Millionen gestiegen. Die Mitgliederzahl hat sich im verflossenen Halbjahr von 176 auf 373 erhöht.
Griedel, 31. Juli. Dieser Tage sand hier eine gutbesuchte Bersammlung der Mitglieder und Spareinleger der früheren Spar- und Darlehenskasse Griedel, die seit diesem Frühjahr mit der Bereinsbank für Butzbach und Umgegend verschmolzen ist, statt. Mehre re Herren der Bereinsbank Butzbach waren erschienen und erstatteten Bericht über den augenblicklichen Stand der Aufwertung. Dank der soliden Geschäftsführung des früheren Vorstands und Aufsichtsrat der Griedeler Kasse ist es möglich, daß mit einem verhältnismäßig günstigen Prozentsatz aufgewertet werden kann. Die Geschäftsguthaben können sogar voraussichtlich mit 50 Prozent aufgewertet werden.
L Melbach, 31. Juli. AuS der jüngsten Gemein deratssitzung ist zu berichten: Beim Einbau der Wassermesser wurde nur einer für jeden Schulsaal eingesetzt, der den Gesamtverbrauch von Schule und Lehrer anzeigt. Die Gemeinde xahlt von dem Verbrauch ein Drittel, während der Rest von dem Lehrer beglichen wird. — Die Gebäudesonder- steuer wird für Reubauten, die im laufenden Jahre erstehen, erlassen. — Eine besondere Gemeindebiersteuer wird nach einem früheren Beschlüsse nicht erhoben. — Die letzte Pumpe, die uns an die Vergangenheit mit dem mühseligen Wassertragen erinnerte, ist nun aus dem Dorfbilde verschwunden. Bei der Errichtung einer Milchkühlanlage war der Antrag gestellt worden, das Wasser mittels Pumpwerks aus dem Gemeindebrunnen zu entnehmen, welchem Antrag stattgegebcn wurde.
Starkenburg.
LPD. D a r m st a d t, 30. Juli. Der Sohn des Ministerialrates Dörr, Rudolf Dörr, der vor einigen Tagen bei dem Flugzeugunglück bei Amöneburg tödlich verunglückte, wurde am Samstagnachmittag auf dem alten Friedhof mit den letzten fliegerischen Ehren b e i g e s e tz t. Mehrere Flugzeuge flogen über dem Grabe die Ehrenrunde. Für die Deutsche Lufthansa, Südwestdeutsche Luftverkehrs A.-G. und die Hessische Flugbetriebs A.-G. wurden Kränze niedergelegt.
Kreis Wetzlar.
§ Krofdorf, 31. Juli, In der letzten G e - meinberatsfitjung wurde u. a. folgenbes verhandelt. Die Gemeinde übernahm für die elektrische Ortsnetzerweiterung in der Wiesen
straße die übliche löprozenttge Verzinsung. Dieselbe Zinsgarantie wurde für den Anschluß der neuen Turnhalle beschlossen unter der Bedingung, daß für etwa zu zahlende Garantiebeträge der Turnverein der Gemeinde gegenüber haftet. — Die Wagen- h a l l e für die K r a f t p o st l i n i e Gießen — Krofdorf — Fellingshausen genügt nicht für die Unterbringung der auf dieser Strecke verkehrenden vier Kraftwagen nebst Anhänger. Der Gemeinderat beschloß, sich an den entstehenden Kosten der Autohallenerweiterung nach dem früheren Verteilungsschlüssel zu beteiligen. Dasselbe wurde beschlossen hinsichtlich der auf dem Posthof in Gießen auszubauenden Reparaturwerkstätte. — Die Vertretung nahm Kenntnis von dem Rücktritt des Gemeindeverordneten und stellvertretenden Gemeindevorstehers Schleenbecker. — Schließlich wurde der Haushaltsplan für 1 92 7 durchberaten und in Einnahme und Ausgabe auf 210 900 Mark festgestellt. Der vorjährige Abschluß stellte sich auf 165 160 Mark. Die Erhöhung ist in der Hauptsache auf die von 27 000 auf 54 000 Mark gestiegenen Kosten der Erwerbslosenfürsorge zurückzuführen, an denen die Gemeinde inbefien nur mit einem geringen Betrag beteiligt ist, sobann auf die Kosten der Kanalisation und einigerWegebauten, die aus Anleihemitteln bestritten werden, soweit nicht der Zuschuß aus der produktiven Erwerbslosen- fürforge dafür ausreicht. Der Fehlbetrag im Haushaltsplan ist gegen das Vorjahr um rund 5000 Mk. gestiegen und beträgt für 1927 53 164,78 Mark. Die Erhöhung des Fehlbetrages ist in der Hauptsache auf den höheren Beitrag zur Landesschulkasse und auf die Herabsetzung des staatlichen Beschulungsgeldes zurückzuführen (rund 2800 Mark). Es wurde deshalb einstimmig eine Umlage von 335 Prozent auf die Grundvermögenssteuer und die Gewerbesteuer beschlossen. Daneben wird mit einem Einkommensteueranteil von 8900 Mark und einem Anteil an der Umsatz- und Körperschaftssteuer von 5200 Mark gerechnet.
' —/— W i ß m a r, 31. Juli. In der letzten G e - meinderatssitzung wurde neben der Erledigung des Haushaltsplanes für 1927, über den wir bereits berichteten, noch folgendes verhandelt. Die von der Finanzkommission burchgeprüfte neue Ver- g n ü g u n g s ft e u e r o r b n u n g wurde angenommen. Das für die Waldwirtschaft erforderliche neue Betriebswerk soll durch die Oberförsterei entsprechend ihrem Angebot angefertigt werden. Der Gemeinderat wünscht, daß die durch die Firma Schneider in Gießen eröffnete AutoIinie behördliche Förderung erfährt. Das Wasser gelb für gewerbliche Ziegeleien wurde auf jährlich 10 Mk. festgesetzt.
Wi b mar, 31. Juli. EinemSchwindler in bie Hände gefallen ist eine hiesige Witwe. Derselben wurde anfangs d. I. bie Sozialrente entzogen, weil sie es ablehnte, eine Sicherheitshypothek auf ihr Hausgrundstück eintragen zu lassen. Kürz lich erschien nun bei ber Witwe ein junger Mann, der angab, es sei ein neues Gesetz erschienen, nach welchem bie Witwe bie Rente in erhöhtem Betrage toicber erhalten könnte, wenn sie einen Halbmonats, betrag ber früher bezogenen Rente zurückerstatte. Er ließ sich gleich 2,50 Mark bezahlen unb erklärte sich großzügig bereit, bie restlichen 2,50 Mark aus feiner Tasche beizusteuern. Die Frau mußte leider erfahren, baß sie einem Schwindler in bie Hände gefallen ist.
O A tz bach, 31. 3ult Die Feuerwehren sa l 1 k a s s e der Rhetnprovinz, in der auch die sämtlichen Feuerwehren der Bürgermeistereien Atzbach und Launsbach versichert sind, hat ihren Geschäftsbericht für 1.926 herausgegeben. Rach demselben gehörten der Kasse Ende 1926 insgesamt 1563 Wehren der Rheinprovinz an gegenüber 1368 im Vorjahre. Von den 1563 Wehren entfallen 5 auf Berufs-, 45 auf Fabrik-, 256 auf Pflicht- und 1257 auf freiwillige Wehren. Die Kasse hat im Jahre 1926 für Unfälle aus diesem Jahr 34 972,65 Mk. und für Unfälle aus früheren Jahren 44 035,25 Mk., zusammen mithin 79 007,90 Mk. gezahlt. Dazu traten noch 6450 Mk. Abfindungen und 18 216,73 Mk. Kurkosten.
00 Garbenheim, 31. Juli. In ber letzten Geineinberatsfitzung wurde neben der Erledigung einiger geringfügiger Punkte beschlossen, bie alten Papiermarkanleihen der Spar- und Darlehnskasse zu Garbenheim mit 10 000 Reichsmark aufzuwerten. Die 10 000 Mark sollen mit 5 Proz. verzinst unb mit 2 Proz. zuzüglich ber ersparten Zinsen, allmählich getilgt werben. Sodann wurde ber Haushaltsplan für 1927 beraten. Der Plan schließt ab in Einnahme unb Ausgabe mit 123 300 Mark gegenüber 60 500 Mark im Vorjahr. Die Erhöhung entfällt mit 36 000 Mark auf den Bau des elektrischen Ortsnetzes und 24 000 Mark auf den beabsichtigten Schulsaal. In beiden Fällen werden die Kosten durch Anleihen gedeckt. Im übrigen hat der Haushaltsplan gegenüber dem Vorjahr eine kleine Entlastung erfahren. Es war deshalb erfreulicherweise möglich, bie Umlage von 350 Pro,z. auf 320 Proz. der Grundvermögenssteuer bzw. 300 Proz. der Gewerbesteuer zu ermäßigen.
I Aus dem Kreise Wetzlar, 31.Juli. Der Bezirksausschuß zu Koblenz hat den Schluß der Schonzeit für Birk-, Hasel- und Fasanenhähne und -Hennen auf den 29. September festgesetzt, so daß der 30. September der erste Jagdtag ist. Die Schonzeit für Reh- kälber hat der Bezirksausschuß auf das ganze Jahr ausgedehnt.
Strafkammer Gießen.
Gießen, 29. Juli. Ein Händler aus Zell war vom Amtsgericht wegen Rückfallbetrugs zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er bei dem Verlag der Preuh. Lehrerzeitung eine zehnmal einzurückende Anzeige bestellt, aber nicht bezahlt hatte. Das Gericht war der Auffassung. : daß der Angeklagte von vornherein die Absicht gehabt habe, nicht zu zahlen, dazu infolge seiner schlechten Vermögenslage auch gar nicht imstande gewesen sei. Auf seine Berufung hob die Straf
kammer das Urteil auf und sprach den Angeklagten frei: es hielt bei der geringen Höhe der Jnseratkosten den Beweis, daß von vorherein die Absicht bestanden habe, den Verlag zu betrügen, nicht für erbracht.
Eine Wirtshausschlägerei in Gettenau im Februar 1. I. hatte ein gerichtliches 2lachspiel gegen einen Landwirt und einen Schlosser aus Gettenau, die andere Dorfburschen übel zugerichtet und deshalb wegen Körperverletzung zu mehreren Wochen Gefängnis verurteilt worden waren. Sie legten gegen ihre Derurtei- lung Berufung ein und behaupteten, in Rotwehr gehandelt zu haben: doch ergab die Berufungsverhandlung das Gegenteil, so daß es bei dem Urteil 1. Instanz verblieb.
dßegen Diebstahls von 60 Mk. zuungunsten eines Kameraden war ein Studierender des Polytechnikums in Friedberg verurteilt worden. Er hielt sich auf dessen Zimmer auf und probierte dessen Airzug an: in einer Tasche des Rockes befand sich das Geld, das nach seinem Weggang verschwunden war. Da er größere Geldausgaben machte, so fiel der Verdacht auf ihn. Er wurde von dem Konvent seiner Korporation zur Rede gestellt und gestand hier den Diebstahl zu. versprach auch die gestohlene Summe in Raten zu zahlen. Später widerrief er vor der Polizei sein Geständnis und behauptete, er habe lediglich aus Furcht vor einem Ermittlungsverfahren und vor seinem Vater den Diebstahl auf sich genommen. Das Gericht 1. Instanz schenkte diesen Angaben keinen Glauben und kam zur Verurteilung. Auch die Strafkammer stellte die Schuld des Angeklagten fest und verwarf die Berufung.
Am 23. Mai 1926 fuhr der Kaufmann Sch. aus Kröffelbach mit seinem Motorrad in großer Geschwindigkeit durch Ruppertenrod an einer größeren Menschenansammlung vorbei und fuhr dabei ein achtjähriges Kind an, dos Hautabschürfungen und innere Verletzungen davontrug. Das Amtsgericht verurteilte ihn daher wegen fahrlässiger Körperverletzung. In der heutigen Hauptverhandlung benannte der Angeklagte weitere Zeugen für feine Anschuld, so daß die Sache vertagt werden mußte.
Schöffengericht Gießen.
Gießen, 29. Juli.
Ein junger Männ hatte an den Vater eines durchaus ehrbaren Mädchens, mit dem er früher ein Verhältnis hatte, einen mit einem falschen Rainen unterzeichneten Brief geschrieben, in dem er dessen Tochter schwer verleumdete. Die Folge davon war, daß er sich heute wegen schwerer Arkundenfälschung verantworten mußte. Mit Rücksicht auf sein Geständnis unb seine bisherige Anbest ras theit wurden ihm mildernde Am- stande zugebilligt. Er wurde zu 10 Tagen Gefängnis verurteilt. Ein Mitangellagter, der der Beihilfe beschuldigt war, wurde mangels Beweises freigesprochen.
Ein wegen desselben Delikts vorbestrafter junger Mensch hatte sich wiederum an mehreren Kindern unsittlich vergangen. Die Verhandlung fand unter Ausschluß ber Oeffentlichkeit statt. Mit Rücksicht auf seine Jugend billigte das Gericht dem Angeklagten noch einmal mildernde Umstände zu und erkannte auf!Jahr8Mo- nate Gefängnis. 2 Monate ber erlittenen Antersuchungshaft wurden auf die Strafe in Anrechnung gebracht.
Eine weitere Strafsache, bei der er sich auch um ein Sittlichkeitsverbrechen handelte, mußte wegen Erkrankung der Hauptbelastungszeugin vertagt werden.
Amtsgericht Gießen.
Gießen, 30. Juli.
Anfang Januar rempelte ein vielfach vorbestrafter Arbeiter namens B. von hier, als er nach Einbruch ber Dunkelheit auf feinem unbeleuchteten Fahrrad von Krofdorf nach Gießen fuhr, unterwegs eine Reihe von Leuten ohne jeden Grund an. Einem Bildhauer von hier rief er zu: „Achtung, ber hat Gelb" unb trat nach ihm. Da biefer schnell zur Seite sprang unb hinter einen Baum flüchtete, würbe er nicht getroffen. Weiteren Belästigungen entging er dadurch, baß er mit seinem Stocke zum Schlage ausholte. Kurz darauf traf B. einen anderen Mann, dem er zurief, er solle verschwinden, sonst würde er ihm hinter die Ohren schlagen. Er fuhr direkt auf ihn zu, so daß ber Mann bte Straße verlassen unb über ben Graben auf bas Ackerlanb gehen mußte. Schließlich rief B. einem ihm entgegenfommenben Radfahrer zu, er solle machen, daß er aus bem Wege komme, sonst fliege er herunter. Auch fuhr er, obwohl ber andere sein Rad beleuchtet hatte, direkt auf ihn zu, so daß dieser gezwungen war, in einen zufällig nach bem Selbe führenden Weg einzubiegen, um nicht von bem Rade heruntergeworfen zu werden. B. erhielt durch Strafbefehl wegen der Nichtbeleuchtung seines Rabes eine Gelbstrafe von 10 Mark und wegen seines rohen Verhaltens gegen die ihm entgegenkommenden Leute eine Haftstrafe von 4 Wochen. Sein Einspruch dagegen wurde verworfen, da er trotz ordnungsmäßiger Ladung im heutigen Termin zur Hauptver- Handlung ohne genügende Entschuldigung ausgeblieben war.
Gießen, 29. Juli.
Gegen einen Kaufmann von Leihgestern, der erst einige Zeit hier wohnt, ist Anklage wegen Betrugs unb Unterschlagung erhoben. Er wirb be- schulbigt, einen hiesigen Schneidermeister in betrüge- rischer Weise gegen das Versprechen sofortiger Barzahlung zur Lieferung eines Anzugs zum Preise von 120 Mk. veranlaßt, dann aber nur 70 Mk. dar- auf gezahlt und einen in Zahlung gegebenen Wech- fei nicht eingelöst zu haben. Dann soll er von einer Hamburger Firma gelieferte Drogen im Werte von über 660 Mk., an denen sich bie Verkäuferin bis zur völligen Zahlung das Eigentumsrecht vorbehal-


