M. WH Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger ffr GZerheffen)
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Am Ende Europas.
Don E. v. LI n g e r n - S i e.r n b e r g.
Algeciras, Ende Suni.
Algeciras ist historischer Boden. Hier tagte vor nun mehr als zwanzig Jahren die große Konferenz der Mächte, die zum Borspiel des Weltendramas wurde... Heute ist Algeciras für Deutschland eine Erinnerung, der Abschluß einer Touristenfahrt nach dem Endpunkt Europas mit dem Ausblick auf den mächtigen Gibraltarfelsen und auf die Küsten des Landes der vielen Geheimnisse, auf Marokko. — Wenn der Zug aus dem zerklüfteten Gebirge von Ronda hinausgleitet, und die Korkeichenwälder von Alnroraima, verläßt, so bleibt das verschlafene Städtchen San-Roque links liegen, und wir erreichen in wenigen Minuten jene abgeschlossene seltsame Welt, die sich mit ihren Gegensätzen um die Bucht von Algeciras ausbreitet. Hier treffen sich in engem Raume Andalusien, die wafsenstarrende Festung Englands und Afrika, denn über Algeciras führt die Weltstraße nach Langer und Fez, hier schifften sich spanische Truppen nach dem Rif ein, uni) im Hafen von Gibraltar schaukeln sich die Ozeanriesen und Kriegsschiffe Englands.
All das Bölkergemisch und alle die verschiedenen Interessen, die hier ineinander spielen, können Algeciras nicht den Zauber der schönen Landschaft nehmen, die Romantik der alten, in Gärten versteckten Häuser, den Lleberfluß an duftenden Blumen, die sonnigen Tage und die wundererfüllten Mondnächte. Wenn der Mond scheint, ist hier die Welt ganz silbern geworden, silbern sind die Straßen und silbern ist das Meer, silbern sind auch die kleinen Wolkensegler, die über den Himmel dahinziehen, beladen mit den Sehnsuchts- trämnen der Menschen. Wenn der Zug am Hafen landet, hängt die Rächt scharf und klar wie eine Glaskuppel über dec Stadt und über dem Wasser. Der Gibraltarfelsen erhebt sich als gewaltige Schildwache zur Mondsichel empor, die sich mit feuchter Glut aus dem Mittelmeer erhoben hat. Lind die Sterne, die breit und pruickhaft am Himmel stehen, lachen zu den Menschen hinab, die sich nicht vom Pflock des Augenblickes losen können. Die Rächte sind weich wie die Malaguena, die das Mädchen dort auf dem Balkon unter leiser Guitarrenbegleitung singt, und des Lebenstempo ist ruhevoll, es scheint, als ob die Sporenstöße des „®u mußt" zu verwunden auf gehört haben und als ob die Dunkelheiten des Menscheninneren von klarem Glanz durchleuchtet werden. Am Quai flüstern, schleichen und rauschen die Wasser, und obwohl sich die Stadt mit allen ihren Leidenschaften im Rücken aufbaut, und die Ozeanriesen mit ihren tausend Lichtern im Hafen liegen, so merkt man doch nur den Widerhall einer großen Stille.
In den schönen Hotels der Stadt, die auf den Fremdenveickehr vorbereitet sind, findet der Gast alle Bequemlichkeiten, die man in den Welthotels zu finden pflegt. Biele Engländer, Herren und Damen aus Gebraltar, haben sich hier ein Stelldichein, gegeben, um der strengen Konvenienz des Festungslebens zu entfliehen. Man flirtet und lacht, tändelnde Paare schreiten durch die Halle in die durchsichtige Rächt hinaus und werden für die Zurückgebliebenen zu Schatten, bis sie hinter dem Borhang des Richt- gesehenwerdens verschwinden. Ihnen nach klingen die schmeichelnden Akkorde eines Orchesters, die sich in den Gärten und auf dem Meere verlieren. Schwarzäugige Spanierinnen, deren Züge von einer violett verhängten Lampe beleuchtet werden, und die sich zu Ehren der Fremden die Montilla ums Haar gelegt und Blumen an den Dusen gesteckt haben, warten auf ihr Schicksal. Gerissene Fremdenführer nähern sich diskret den Herren und offerieren ihnen für mäßiges Geld hundert verbotene Freuden. Korrekte Kellner servieren in geschliffenen Gläsern Cocktails und schwere Weine. Der Maitre d'Hotel dienert vor ^iner Gesellschaft, die nun schon die sechste Flasche Sekt bestellt hat, und die kleinen Boys, die in papagerbunten LLm- formen an den Türen und Säulen herumstehen, schauen mit halb neugierigen, halb blasierten Augen all dem Treiben zu und machen rhre leisen Glossen dazu.
Die Reisemüden ziehen srch rn rhre füllen Zuvor er zurück. Durch die offenen Fenster dringt der Widerhall des Meeresrauschens und dre verworrenen Stimmen aus dem Hafen und begleite den Schläfer in das Traumland hinüber. Derm Erwachen am Morgen ist alles Sonne. Es grbt eine
solche Fülle von Licht, daß auch in der Seele kein Plcte (iir Schatten bleibt und fte sio> der Umgebung einjügr. Zn den Seitengassen lungern Tclg- träumer, Gestalterr aus Bilderbüchern, die sich gedankenlos vom Leben tragen lassen, Frauen mit Blumen im Haar treten auf die Ballone und locken zu Zärtlichkeiten, im Kaffer unter dem Fenster hat sich trotz der frühen Stunde ein Discutier- klub eröffnet. Männer mit breitrandigen Torero- hüten besprechen die allergewöhnlichsten Dinge mit Gesten, als ob es sich um Leben oder Sterben han- handele, man glaubt, sie würden die Messer ziehen und in wildem Ringen auseinander eindringen, aber dann lachen sie fröhlich und sorglos auf und rufen einem vorbeigehenden Mädchen die tollsten Komplimente zu. Die Straßenjugend stellt sich an um den Fremden, sobald er das Hotel verläßt, mit eiserner Beharrlichkeit um einen Perra (einen Groschen) zu bitten, aber der Dampfersieg ist nicht weit, an dem ein schmuckes Schiff bereit steht, um ben Touristen in zwanzig Minuten über die Bucht an das andere Ufer nach Gibraltar zu bringen.
Die Stadt breitet sich auf dem Westavhang des Felsens aus. Beim Eintritt durch die Waterport überreicht ein Polizeibeamler dem Besucher ein Billett ohne alle weiteren Formalitäten, das zu einem Tagesaufenthalt in der Stadt berechtigt. Wenn auch die eingeborenen Bewohner Gibraltars zum großen Teile genuesischer Abstammung sind, aber das Spanische als Umgangssprache benutzen, so ist Gibraltar für Spanien doch ganz Ausland. Das stramme englische Militär, die schottischen Regimenter in ihren kurzen, bunten Röcken, die englischen Beamten, und namentlich die' Damen verleugnen durch nichts ihre ferne Heimat. Die hübsche Mainstreet, die die Stadt durchschneidet und zu dem schönen Park und zu Europapoint hinausführt, ist keine spanische Straße. Indische Läden, die allerlei bunten Kram feilbieten, wechseln mit Maltheser- buden, Shipehändlem, mit Zigarettengeschäften und Londoner Filialen ab. Dazwischen liegen einige Hotels, Kaffees usw. Aber da Gibraltar mit seinen ca. 35 000 Zivilbewohnern eine verhältnismäßig kleine Stadt ist, die an dem Felsen klebt, und da die Raumverhältnisse keine Ausdehnung gestatten, so ist auch die Hauptstraße nicht sehr lang. Man geht vom Waterport bis zum Park nicht mehr als eine Binckelstunde. Der Park mit seinen schlanken Palmen und immergrünen Bäumen ist wunderschön. Der Blick auf die Meerenge ist überwältigend. Das Mittelmeer öffnet hier eine schmale Tür zum Ozean, durch die, einer hinter dem anderen, große Dampfer hindurchgleiten. Es ist die sagenhafte Pforte dcs Herkules. Wenn die Rebel steigen, so wird vor dem geistigen Auge die Vergangen- heil lebendig, und wir glauben, in die Tiefe der Jahrtausende schauen zu können.
Das Betreten des Gibraltarfelsens mit seinen verborgenen Batterien ist den Besuchern nicht gestattet. Dort in der Höhe leben in ungestörter Freiheit die lebten wilden Affen Europas, die englischen Soldaten sorgen dafür, daß es ihnen nicht an Futter mangelt. Die Beamten, die die Signalstaiion und den Leuchtturm bedienen, werden auf schwindelnder Drahtseilbahn in die Höhe gezogen, aber auch sie bleiben auf dem engen, ihnen zugewiesenen Raum beschränkt. Rur die in den Felsen eingehauenen, verdeckten Galerien am über hängen den Rordabhang, in denen uralte Kanonen auf gestellt sind, deren Schlünde die spanische Stadt „2a Linea" und die Berge von Gaucin bedrohen, dürfen unter Führung von Touristen betreten werden, aber es sind Schaustücke ohne militärischen Wert.
Wenn die Sonne untergeht, ertönt von der Höhe des Felsens ein Kanonenschuß, der anzeigt, daß die Tore der Festung geschlossen werden, und daß die Fremden die Stadt zu verlassen haben, es sei denn, daß sie einen Bürgen finden, der ihnen das Lieber nacht en ermöglicht. Da nun jeder Hotelwirt die Bürgschaft für drei Tage übernehmen kann, so genügt es, sich in einem der Gasthäuser anzumelden, aber nur wenige Touristen machen davon Gebrauch, sondern begeben sich wieder zurück auf spanischen Boden. Unter dem Klang von Pfeifen und Trompeten marschiert eine verstärkte Wache durch die Hauptstraße. Ein Sergeant trägt feierlich die alten Riesenschlüssel, um damit die schweren eisernen Tore zu verrammeln, durch die der einzige Weg nach der nahen Linea de la Concepcion führt, so daß aller Verkehr mit der Außenwelt bis zum Sonnenaufgang gesperrt bleibt. Gleichzeitig verläßt auch der letzte Dampfer nach Algeciras
Der Wein blüht.
Von Leo Sternberg.
Das Volk der Rebenhügel riecht es nicht. Ihm ist es der Duft der Jahreszeit, der die Lust erfüllt, die Kleider ihm durchdringt und Haar und Haut. Liguster, Wiesenschaum, Gecs- blatt und Heckenrosen (treuen sich in den Wmd ...
Man steigt zwischen mauerp f ef f erglüh enden Weinbergwänden hinan und tastet witternd in die Ferne, von der es so würzig heranweht ... Ein Lindenbaum? ... Ein wildes Reseden- seld? ...
Endlich gewahrst du die bewimperten Gescheine, die bekrönten Traubenküglein, und die sandig berieselten Rebenblätter darunter, die oen goldenen Blütenstaub mit schützenden Manschetten fangen. Doch zugleich mit dem Quell des Wohlgeruchs entdeckst du auch das heimliche Ge- nist, das Knospenhütchen, Kelch und Stil in filzigen Klumpen zusammenspinnt.
Der Heuwurm frißt sich darin groß. Das schmarotzende Insekt, das im gleichen Rhythmus nit dem Pflanzensafte lebt und webt und ständig sich verwandelt. Als Motte stieg es aus der Erde und versteckte die Eier in die geschlossenen Gescheine. Jetzt seilen sich die schwarzköpfigen Würmer toeinfarben in die Erde hinab. Kaum aber fängt die Traube an zu schwellen, so flattert es wieder als Motte aus dem Grund, die Frucht mit Eiern übersäend, aus denen nun der — Sauer wurm hervorkriecht, sich durch das Traubenfleisch miniert, bis er herausschnellt, eine peitschende Schlange, und sich wieder in die Erde feilt, um als Heuwurmmotte in den nächstem Lenz zu flattern ... Ewiger Kreislauf. Bom Blut der Rebe abgezweigt und abrollend mit ihrem Wachsen und Werden. Denn Vdr- toanbumg ist auch ihr Gesetz.
Doch noch der Wein in ben Fässern will von dem Mutterstocke sich nicht losen. Wenn die Stebe blüht, wird es unruhig in den Kellern. Gr fühlt, wie die goldenen Antennen der strahlenden Blütenfäden die Süße droben aus der
Sonne holen: wie die Antennenbündel der Wur- zelfasern die Kräfte drunten aus den Gründen fangen; wie Himmel und Hölle zu künftigem Trank sich mischt. Da gären im alten Wein die gefesselten Himmel und Höllen ...
Die Iülinacht ist schwül und in den Strauß- wirtschaften fingen die alten Zecher. Sie fingen laut in die Stille und Horen nicht, was über ihren Stimmen aus, duftenden Weinbergen rings die Rebenblüte singt:
„Wie viele werden uns fluchen, wieviele uns segnen ... Wir haben Kriege entzündet und öfter noch Frieden geschlossen ... Goldne Paläste sind in uns versunken und goldne Paläste sind uns entstiegen ... Wir haben ins Grab gestürzt und Geschlechter gezeugt ... Ehen gestiftet und Ehen geschieden ... Mit Tränen der Freude Meere gefüllt und mit Tränen der Trauer ... In Gotter und Tiere Sterbliche verwandelt ... ünb wegen ewig am Schicksal der Erde ..."
t „Sommerfrischler".
Bon Carrh Brachvogel.
„Man".
Aus eigenem Antrieb würde sie ihre schöne und behagliche Stadtwohnung nicht verlassen, denn ihr fehlt jeder Sinn für Ratur. Da „man“ (unsichtbare, aber tyrannische Größe!) aber aufs Land gehen muh, geht auch sie, aber nur dorthin, wo man die meisten „Mans" trifft, das heißt, wo die sommerliche Welt am vollsten und am teuersten ist. Mit Tausenden von Gleichgearteten genießt (?) sie „die grandiose Einsamkeit des Meeres" und in einem Speisesaal, der zweihundert Menschen umfängt, schwärmt sie von Weltabgeschiedenheit" . . . im Gewühl von St. Moritz begreift (?) sie, daß Riehsche zum „Einsiedler von Sils Maria" werden konnte, studiert daneben eifrig die Fremdenliste und macht im Geiste (’) eine tiefe Verbeugung, sobald sre liest, daß ein amerikanischer Mr. Smith oder Mr.
den Hasen. Während die Schraube langsam durch das Wasser arbeitet und das Schiff in die Bucht hinausgleitet, huschen durch die schwarzen Riesenhöhlen der Schießscharten allerlei Lichter, und bald glüht der ganze Westabhang in bunter Beleuchtung. Auf den Kriegsschiffen und in Europapoint flammen Scheinwerfer aus und betasten das dunkle Meer. Dann legt der Dampfer auch schon am spanischen Ufer an. Ge
päckträger laufen geschäftig hin und her, die Hoteldiener begrüßen die Gäste mit familiärer Herzlichkeit, Fremdenführer drängen sich vor und wollen Algeciras bei Rächt zeigen. Junge Spanierinnen, die in Begleitung oder allein am Landungssteg trarlen, lächeln und die milde Rächt lädt den Besucher ein, nicht beteilig vom Endpunkt Europas in die hastende Welt des Rordens zurückzukehren.
Turnen, Sport und Spiel.
KurhausLurnen der D. T. in Bad-Nauheim.
Wie gestern schon durch Anzeige bekannt- gegeben wiirde, bringt der nächste Sonntagabend nach mehrjähriger Pause wieder ein K u r - Hausturnen in Bad-Rauheim, das vom Turnverein 1860 D a d-R a u h e i ml vorbereitet ist und von Gauoberturnwart W. Will (Gießen) geleitet wird. Das Turnen hat, wie die früheren ähnlichen Veranstaltungen, den Zweck, vor einem größeren Publikum, vor allem auch vor den ausländischen Kurgästen, für das deutsche Turner und seine vielseitigen Betrwbsformen zu werben. Programm und Mitwirtende verbürgen in jeder Beziehung ein Gelingen des Abends. Zwölf der besten ©erätetumer Deutschlands werden Kunstturnen in reifster Vollendung zeigen, die Turnerinnenabteilung des Tv. 1860 wird mit den neuen Formen des deutschen Frauenturnens bekannt machen. Unter den mitwirSenden Gästen des Abends befinden sich allein fünf Mitglieder der Amerikariege der D. T., die vor Jahresfrist durch ihre Turnfahrt nach Amerika so viel von sich reden machte. Vom Turngau Hessen nehmen außer Turnlehrer S i n n w e 11 (Dad-Ranheim) noch Karl Reuter (Gießen) und Anton Ries (Ridda), die bekannten Hessen- meister, am Geräteturnen teil. Die Veranstaltung wird die seltene Gelegenheit bieten, einige der hervorragendsten deutschen Geräteturner, die jeder Turner schon des öfteren im Bild gesehen, bei der Arbeit kennen zu lernen. Reiche Anregung kann, wie bei den früheren Kurhausturnen, auch Heuer wieder hinausgetragen werden ins Land, weshalb ein Besuch der Veranstaltung sich lohnt.
Aus dem Arbeiter -Turn- und Spsrtbund.
£. Der kommende Sonntag gehört nochmals den Vorbereitungen zum Kreissest in Frankfurt, bei dem die Bezirksmannschaften um die Kreis, estmeisterschaft spielen. Die bis dahin ermittelte Bezirks Mannschaft tritt am Sonntag auf dein Wiesecker Sportplatz der 1. Mannschaft des Turn- und Sportvereins Wieseck gegenüber. Das Spiel hat in erster Linie den Zweck, das Zusammenspiel der aus verschiedenen Mannschaften zusammengestellten Spieler zu fordern. Da die Leistungen der Bezirksmannschaft bereits am Sonntag auf einer beachtlichen Hohe standen und Wieseck in der Lage ist, auch besonders starken Mannschaften gegenüber standzuhalten, steht ein Spiel in Aussicht, das sicher befriedigen wird.
Auch die Bezirksjugendmannschaft, die am Sonntag gairz hervorragende Leistungen zeigte, tritt auf dem gleichen Sportplatz zu einem Spiel an. In der Wahl des Gegners hat die Bezirksleitung einen besonders guten Griff getan, es ist die 1.Mannschaft Großen-Lin- d e n s, die durch faire Kampf esweise und hochstehende Leistungen in letzter Zeit sehr angenehm auffiel. Auch die Bezirksjugendmannschaften spielen in Frankfurt um den Kreisfest- meisier, wobei der hiesige Vertreter nicht die schlechtesten Aussichten hat. Der starke Gegner Großen-Linden ist deshalb auch mit Absicht gewählt, pm die Lwrchschlagskraft der Iugendspie- ler einer besonderen Belastungsprobe zu unterziehen.
Neuer
Frauen-Weitsprungrekord.
Frl. Gladigsch (Karlsruhe) verbesserte anläßlich einer lokalen Sportveranstaltung in Schwenningen (Württ.) mit einem Weitsprung von 5,60 m den bisher von dec Engländerin Anny G u n n gehaltenen Weltrekord von 5,57 m.
Wien - Gießen.
£ Cs ist das erste Mal, daß die Freie Turnerschaft Gießen eine ausländische Mannschaft als Gast hat, und daß dies gerade eine österreichische Mannschaft ist, bedeutet einen besonderen Glücksfall, da es überhaupt das erste Mal ist. daß Wiener Fußballer in Gießen weilen. Mit Oesterreich verbinden uns Deutsche unlösbare Fäden, die keine Macht der Erde zerstören kann, und die durch den Machtfrieden von Versailles und St. Germain zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden sind. Die gleiche Sprache und Wesensart, die Tatsache, daß wir eines Ramens sind, daß uns nichts trennt als die von Gewaltpolitikern diktatorisch bestimmte Grenzlinie, und die in schwerster Zeit in Blut und Eisen erkämpfte Zusammengehörigkeit schufen den Resonanzboden für eine Bewegung, auf der sich heute alle Parteien und Wirtschaftsgruppen von hüben und drüben treffen. In dieser Frage gibt es nur eine Meinung: Deutschland und Oesterreich gehören politisch und wirtschaftlich zusammen, der Zusammenschluß muß kommen, denn diese Bewegung ist zu allgemein und zu gewaltig, um auf die Dauer hintangehalten zu toerben.
In dieser Zeit des Verbots der Annäherung ist der Sport der rechte Mittler, den hohen Gedanken an die Zukunft,aufrechtzuerhalten, die brüderlichen Gefühle zu wecken und nesie Freundschaftsbande zu knüpfen. Dies soll der große Gedanke des Spiels am Samstagabend fein. Hier können keine gegensätzlichen Meinungen auf politischem und sportlichem Gebiet Geltung haben, sind uns die An- schluhbestrebungen ernst und heilig, dann können wir am Samstagabend unseren österreichischen Landsleuten neue Hoffnungen auf eine glücklichere Zukunft und brüderliche Grüße mit auf den Weg geben, die in naher oder ferner Zukunft ihre Früchte bringen werden.
In rein sportlicher Hinsicht ist ein außergewöhnliches Ereignis zu erwarten. Der 1. Sportklub Wien ist der Pokal- meister Wiens 1 92 6/2 7, also Meister einer Runde, an der mehr als hundert Mamrschaften Wiens und der Provinz teilnahmen. Wien gilt von jeher als eine Hochburg des Fußballs, hier haben sich schon die besten Mannschaften der Welt ihre Riederlagen geholt, so daß es als ein sehr großes Wagnis anzusprechen ist, daß sich die Kreisklassemannschaft der Freien Turnerschaft Gießen einen so befähigten Gegner verpflichtete. Die Frage nach Sieg und Riederlage ist schon im voraus entschieden. Aber hierum geht es ja auch gar nicht. Man darf in die 1. Mannschaft der Freien Turnerschaft Gießen die Hoffnung sehen, daß sie sich bemühen wird, dem Gegner ein ebenbürtiges Spiel zu liefern. Ohne Rücksicht auf die Höhe der Riederlage muh die Mannschaft unter Aufbietung aller Energie ihr Letztes § ergeben, um ehrenvoll aus dem ungleichen Kampf hervor- zugehen. Wenn dies gelingt, ist Gewähr dafür gegeben, daß dieser Tag zu den Glanzpunkten sportlichen Geschehens in Gießen zu zählen ist, und daß auch her verwöhnteste Zuschauer befriedigt den Waldsportplah des D. f. B. verläßt.
Den Auftakt zu diesem Spiel gibt ein Jugendtreffen der befähigtsten Iugend- mannschaften der Arbeitersportbewegung Ober- Hessens: Wieseck und Gießen. Beide Mannschaften treten in stärkstmoglicher Aufstellung an und werden ein Spiel liefern, das in jeder Beziehung befriedigen wird. (Siehe heutige Anz.) Neuer deuts^er SchwimmrekOrb.
Als neuer deutscher Rekord im* 100-m-Rücken- schwimmen ist die von Küppers (Viersen) am
Crabble „mit Kurier" oder gar „mit Auto und zwei Chauffeuren" angekommen ist. Man denke, zwei Chauffeure! Welch ein Vorzug, daß man mit so einem mächtigen Herren die gleiche Lust atmen, ja, ihn vielleicht sogar von fern erblicken kann, ohne zu ahnen, daß er es ist! Durch jahrelange Gefolgschaft, die sie der unsichtbaren Große „man“ geleistet hat, ist ihr der Jargon der jeweiligen Modefrische geläufig. Sie spricht von einer „steifen Brise", von „Kamin" und „Band", als wäre sie ein alter Seebär oder ein bewährter Bergführer, begeistert sich auch vorschriftsmäßig für „Tinten", „Farbenglut“ und „Felsformation“. In Wahrheit ist ihr das Meer ebenso gleichgültig wie das Gebirge. Dürfte sie laut sagen, was sie davon hält, würde sie gähnen: O je, das eine ist eben immerfort Wasser, und das andere sind eben immerfort Felsen!" Doch sie verrät ine Sprache ihres Inneren nicht, sondern betet eifrig nach, was vorgebetet wird. In ihrem Herzen aber zählt sie die Stunden, bis „die grandiose Einsamkeit" oder ein anderes sommerliches Raturprodukt abgesessen ist und sie wieder die erste Gange Stadtstaub intus hat ... .
Sirene.
Sie geht aufs Land, wie anders Leute auf dis Jagd oder den Fischfang gehen, ihn zu jagen, um zu erlegen, aber weder Wild noch Fisch, sondern Bekanntschaften, immer neue Bekanntschaften. »Also sucht sie, genau wie „man“ Orte auf, wo die Leute zusammenströmen und dankbar für „freundliches Entgegenkommen“ sind, unb wenn nicht dankbar für . . . dann wenigstens wehrlos gegen . . . Sie hat aber nicht nur den unbeugsamen Willen, sondern auch das Talent zur Bekanntschaft. Das ist doppelt bemerkenswert in eine Zeit, die mit dec langen Wirtstafel, Sabie d'hote genannt, aufgeräumt und dafür die Abgeschlossenheit der kleinen Tische eingeführt hat . . . Sirene bejammert auch das Verschwinden der langen Wirtstafel sehr, denn da war es ein leichtes Ding, Bekanntschaften anzuknüpfen. Man hatte zwei Rachbarn neben sich und mindestens ebensoviele Anknüpfungs
möglichkeiten gegenüber . . . Doch wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, und schließlich gibt es immer noch Lesezimmer, wo man eifrig dem ins Auge gefaßten Opfer die gesuchte Zeitung reichen kann. Oder man setzt sich in die Halle und mischt sich unversehens in ein Gespräch. Oder man gibt bei den Ansichtskarten ungefragt aber desto lauter seine Meinung über die Wahl des andren ab. Lobt sie oder rät zu einer ungleich schöneren Karte. Lind ob die andren toollen oder nicht, — sie setzt sich und ihren Willen durch, hat nach kurzer Zeit drei Dutzend Bekanntschaften gemacht, hat Begleitung zu Ausflügen, Reunions, empfängt zum Abschied Blumen, Bonbons, gute Wünsche. So lebt und reist sie selig, und weil sie einel Wiederkäuerin des Glücks ist, kommt der Hauptgenuß erst im Winter, wenn sie alle Bekannten daheim mit ihren Sommerbekanntschaften an- prahlen kann. Lauter bezaubernde Menschen hat sie kennengelernt, natürlich nur allerfeinste Familien. sogar eine depossedierte Hoheit hat sie tennengelernt und einen amerikanischen Multimillionär. . . Lind alle waren so intim mit ihr. „fast alle haben sie geweint, als ich abgereist bin!" Ein Wunder mir, daß weder die Hoheit noch der Multimillionär nicht Bruderschaft mit ihr getrunken haben: „Aber so etwas mag ich nicht. Ich bin reserviert und lasse die Menschen an mich herankommen. Rur sich nicht auf drängen, das konnte mir die ganze Sommerfrische verleiden, wenn jemand aufdringlich wäre!"
Mutz-Dirndl.
In den bayerischen Bergen laufen die jungen Damen zwischen Sechzehn und Secktzig vorzugsweise im Dirndlkleid umher, oder richtiger gesagt, in der Maskerade, die sie für ein Dirndlkleid halten. Alpines Knieröckchen, Hofball-De- tollete, Sei den schürze, weiße Stöckelschuhe, a jour- Strümpfe, Spazierstöckchen, Brillant boutons. Bubikops... Da sie zumeist aus Sachsen, Preußen oder von der Wasserkante ftaimrteix, darf man ihnen die Begriffsverwirrung nicht sonderlich Übelnehmen, besonders nicht den Quwn, dis auf diese Art ihre Lebensfreude hrrtörtrrt


