ftnb doch unzureichende Pflaster auf Me große Wunde. Das Jahr schließt sehr ernst.
Auch in anderer Hinsicht ist der Jahresabschluß durchaus unbefriedigend' nämlich hinsichtlich unserer Parteiverhältnisse. Was für ein Hin und Her der Regierungen! Uni) nun endet das innerpolitische Jahr damit, daß die Flügelpa.teien sich zusammentun und gemeinsam die Regierung stürzen I Es braucht nicht oid Prophetengabe, um zu sehen, was zunächst folgen wird: ein erbittertes Ringen um die Regierung. Diesmal wollen anscheinend die Deutschnationalen hinein. Das ist ein Fortschritt gegenüber ihrer früheren Haltung. Aber — sie können nut in die Regierung, wenn es gelingt, mit ihnen eine Mehrheit zu bilden, die sich auf ein gemeinsames Programm einigt Dabei muß jede Partei nachgeben: keine kann afles durchsetzen. Jede Partei gerät dabei gelegentlich ihren Wählern gegenüber in eine schiefe Lage. Erst recht eine Partei, die bisher fast immer in der Opposition war und die alles, was die verschiedenen Regierungen taten, aufs schärfste kritisiert hat Dis sie sich dazu durchringt, eine Koalitionspolitik, die nach Lage der Dinge mindestens auch das 3?n- trum, aber wohl auch die Demokraten, umfassen muß, vor ihren Wählern zu verantworten, das wird schwer halten. Koalitionspolitik ist Kom- promihpolitik. Wer hundertmal, tausendmal jede Kompromihpolitik bekämpft, verspottet hat, dem wird es natürlich nachher schwer, selber welche zu machen. Lind so endet daS Jahr in dieser Hinsicht mit einem großen, ganz großen Fragezeichen.
Das vergangene Jahr verdient also nicht nur Lob. Aber ich sage noch einmal: es hat doch einen kleinen Schritt vorwärts und aufwärts bedeutet Dessen wollen wir uns in Bescheidenheit freuen. Roch immer sind in Europa die politischen Dulkane in Tätigkeit Kein Jahr ohne Revolution. 3n Litauen geschah der letzte Ausbruch. Wer weiß, wie es in Italien, in Spanien übers Jahr aussehen wird? Deutschland muß unter allen Umständen von Unruhen frei bleiben. Dazu brauchen wir — es geht nicht anders — unsere vielumstrittene Reichswehr. Daß sie so, wie geschehen, in den politischen Streit gezogen wurde, ist ein bö'er Passivposten des vergangenen Iahres. Sie muß intakt bleiben, zuverlässig und fest als Schuh des Staates. Aber wir hoffen, daß sie nicht in Aktion zu treten braucht. Die innere Festigkeit des Reiches muh wachsen! Und dazu müssen wir alle helfen!
Die Lage in Nicaragua.
Amerika zieht sich zurück.
Washington, 30. Dez. (Reuter.) Die liberalen Truppen Sacaras bringen weiter in das Innere Ricaraguas ein und bedrohen die strategisch wichtigen Stellungen der konservativen Partei. Gegenüber der Flut weithergeholter Proteste und weit auseinandergehender Meinungen hält das hiesige Staatsdepartement an seiner erklärten Politik des Schuhes von Leben und Eigentum amerikanischer Staatsangehöriger fest. Inzwischen hat der Vertreter der Liberalen Partei von Ricaragua in Mexiko eine Erklärung veröffentlicht, die besagt, Sacaza sei tatsächlich ein Gefangener in der Hand des amerikanischen Admirals Latimer in Puerto CabezaS, wo die amerikanischen Ma- rinebehörden, wie ohne jede Begründung behauptet werd, eine strenge Zenfu r eingerichtet haben sollen. Auch andere Aufrufe zur Un- terstühung der Liberalen Armeen in Ricaragua sind im ganzen lateinischen Amerika in Umlauf gesetzt worden.
Admiral Latimer hat dem Staatsdepartement mitgeteilt, daß die gesamte Zensur über die Radiostationen in der neutralen Zone von Nicaragua aufgehoben worden fei. Der Zweck der Zensur sei gewesen, die Oleutralität in der Zone durch die Verhinderung der Ueber- mittlung von militärischen Befehlen und Meldungen seitens beider Parteien aufrechtzuerhal- ten. Auf Eingreifen des Präsidenten Coolidge, der die absolute Reutralität der Bereinigten Staaten in Ricaragua strikt wahren will, soll vom Staatsdepartement nun auch die Zurückziehung der amerikanischen Marinetruppen aus Ricaragua angeordnet worden fein, abgesehen von einigen Punkten, wo wegen der zahlreichen amerikanischen Int^vcssen zum Schuhe der amerikanischen Bürger kleine Wachen äutüdgelaffen werden.
Anglo-amerikanische Zusammenarbeit.
R e u h o r k, 30. Dez. (Wolff.) In einer Rede besprach der australische Außenminister Bruce die dringende 2lotwendigkeit engster Zus am- men ar beit zwischen den Bereinigten Staaten und dem britischen Reich. Er entwarf ein düsteres Bild der europäischen Lage und sagte, trotz der im Krieg gebrachten Opfer seien bisher sehr wenig Anzeichen für die Verwirklichung der hohen Ideale, für die man gekämpft habe, wahrzunehmen. Er wies weiter auf die Bemühungen Großbritanniens hin, feine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu verbessern und schloß, in die em Geiste der Zusammenarbeit müßten die beiden größten Rationen der Welt dafür wirke-', daß in der übrigen Welt wieder gesunde Verhältnisse hergestellt würden.
Frankreich und der deutsch-italienische Vertrag.
Pariser Presscstimmcn.
Paris, 30. Dez. (WTD.) Zum deutsch-italienischen Schicdsgerichtsvertraa schreibt das „Journal des Defaa! s", gewisse französische Zeitungen weigerten sich, die Annahme zu vertreten, daß es möglich sei, daß Deutschland und Italien eines Tages eine gemeinsame Aktion unternehmen würden, denn, so erklärten sie, es aebe zwischen Deutschland und Italien so viele ethische Probleme, die nicht miteinander vereinbar sind. Die Geschichte habe jedoch nicht den Beweis erbracht, daß derartige ethische Probleme, die unvereinbar schienen, jemals eine Annäherung verhindert hätten. Tatsache |ei, daß Italien seit der Herstellung seiner Einheit sich öfter mit Deutschland als mit Frankreich verbunden habe. Wahr sei auch, daß Italien im Verlaufe des letzten Krieges Deutschland, soweit es konnte, geschont habe und den Krieg erst lange nach Beginn des Krieges mit Oesterreich erklärt habe. Diese Beobachtungen sollten nicht den Zweck haben, zu proklamieren, daß eine deutsch- italienifd)e Allianz notwendigerweise gc schaffen werden ioUe, aber man wurde diese Notwendigkeit herbeiführen, wenn man tue Mögt; ch feit nicht zugeben wollte.
Der „T e m p s" stellt fest, daß es sich um einen Vertrag handele, dessen Inhalt keine Zweideutigkeit zulasse. Dieser Vertrag enthalte keine politischen Klausel, auch keine Geheimklausel, was man ohne Müde verstehen könne, denn die internationale Vage sei so, daß die italienische und deutsche Regierung mehr Ungelegenheiten als Vorteile durch derartige Abkommen erzielt haben würden. Also, so urteilt das Blatt, könne man annehmen, daß der gestern unterzeichnete diplomatische Akt geeignet sei, dem allgemeinen Frieden zu dienen. Das Blatt hält es für möglich, daß seinerzeit weiter- gehende Absichten bestanden hätten, als durch den Vertrag verwirklicht worden seien. Anscheinend sei man aber in Deutschland zu der Auffassung gelangt, daß jede weitgehende politische Abmachung in anderen Ländern Mißtrauen erwecken und das Friedenswerk von Locarno und Genf gefährden tonnte In feiner jetzigen Form bedeute der Vertrag für niemand e n eine direkte oder indirekte Drohung.
Gegen den Schulstreik.
Eine Entschließung
des Preußischen LcstrcrvereinS.
Berlin. 30. Dez. (Wolff.) Die in Görlitz tagende Vertretervcrsammlung des Preußischen Lehrervereins hat eine Resolution angenommen, in der der Dortmunder Schulstreik, wie jeder Schulstreik, aufs schärfste verurteilt wird. Es sei gröbste Verletzung der Erzieherpflicht, Verletzung an der Kindesseele, Unmündige al- Mittel zur Austragung weltanschaulicher Partei- und kirchenpolitTcher Kämpfe zu benutzen. Es wird erwartet, daß der Minister für DolkS- bildung ebenso, wie die preußische Regierung und der Preußische Landtag, in allen ähnlichen Fallen, und vor aflem auch bei den Verhandlungen über das R e i ch s s ch u l g e s e tz. sich mit aller Entschiedenheit dafür einsetzen, bah die Staatshoheit über die Schule und die Freiheit der Lehrerpersönlichkeit unangetaftet bleiben.
der neuerworbenen Gebiete in die Provinz Lüttich den Eupcn-Malmedtzern mit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung nunmehr auch der Schuh der deutschen Sprache, freilich mit gewissen Einschränkungen, zuerkannt. Diese Einschränkungen liegen in der Hauptsache in der willkürlichen Abgrenzung von zwei Sprachenzonen, deren eine, die französische, ihren Kern in dem kleinen wallonischen Sprachgebiet um die Stadt MalmedH hat, doch auch rein deutsches Sprachgebiet einbezieht. Diese Einteilung ist jetzt darum so unhaltbar, weil gerade auch die „preußischen Wallonen" in Malmedy jede Gleichsetzung von wallonisch und französisch ablehnen. Sie wollen nicht nur deutsche Schulsprache, sondern ebenso kräftig die Rückkehr zum Reiche wie nur irgend ein anderer Grenzdeutscher. So zeigt ihr Widerstand denn immer deutlicher, daß die Annektion Eupen-Malmedy für den belgischen Staat eine Belastung bedeutet, die auch in der altbelgischen Oesfentlichkeit, insbesonders von flämischer Seite her, voll erkannt wird. Verhandlungen übereine Rückgabe dcs annektierten Gebietes gegen gewisse finanzielle Zugeständnis e (Einlösung der in den Kellern der Brüsseler Dank lagernden rund sechs Milliarden deutscher Papiermark) erwiesen, daß aud) die Brüsseler Regierung in realpolitischer Würdigung der Lage einen solchen Plan guthieß. Aus Poinc^r's Einspruch hin muhte er kurz vor der beider e t gen Bindung aufg:geben, richtiger aufgeschoben werden. Immerhin ist durch diese Vorgänge erwiesen, daß eine friedliche Grenz- revision, beruhend auf der Einsicht der beteiligten Staaten, möglich ist. Das Der rauen der Eupen- Malmedher Bevölkerung zur deutschen Sache erfuhr, trotz der begreiflichen Enttäuschung, eine gewaltige Stärkung.
Damit verlassen wir die grenzdeutschen Westlande und stellen rückblickend fest, daß die Abmachungen von Locarno die Selbsthllfebewegung weder im Vogesenlande noch m der Eifel gelähmt haben.
Auf Anordnung der Kattowitzer Staatsamvall- schast wurden die Polizeiorgane mit der Prüfung der polnischen S t a a t s z u g e Höri g k e i t einer Reihe von Personen, die der deutschen Minderheit angehören und im Vordergründe des Deutschtums stehen, beauftragt Es wird vermutet, daß diese Maßnahmen im Zusammenhang mit den in der polnischen Presse wiederholt gebrachten Meldungen stehen, nach denen größere Ausweisungen zu erwarten seien.
Vorläufige Aussetzung der Memeler Ausweisungen.
Memel, 31. Dez. (MTV. Junffprudj.) wie aus üowno zuverlässig berichtet wird, sind die Ausweisungen der reichsdcutschen Redakteure vorläufig ausgesetzt worden, bis die eingcleitete Untersuchung beendet ist. Man erwartet, daß die» in zehn Tagen der Fall fein wird.
Bauernrevolten in der Ukraine?
Riga, 30. Dez. (BZ.) Hier verlautet mit Bestimmtheit, daß in vielen russischen Provinzen, ganz besonders in der Ukraine, Bauernreoolten gegen das Sowjet ft) ft em ausgebrochen sind, die durch die große wirtschaftliche Unxu- friedenhei t der Bevölkerung verursacht sind. Ueber eine ganze Anzahl ukrainischer Distrikte soll der K r i e g s z u st a n d verhängt worden Jein. Äa- linin soll die beunruhigenden Gerüchte bestätigt und angekündigt haben, daß von der Regierung sofort scharfe Unterdrückungsmaßnahmen eingeleitet würden.
des gesamtdeutschen Dolles, das sich seiner selbst von Tag zu Tag deutlicher bewußt wird. Immerhin zeigt sich auch im Kampf um den Volks- b oben in einzelnen Staaten ein gewisser W e ch- el der Methode, den bas Beharrungsvermögen des Deutschtums dem Gegner aufgezwungen hat.
Beginnen wir mit dem ältesten deutschen Kulturboden im Westen. Elsah-Lothrin- Scn. Durch die besondere Einstcllung der Elsah- othringer spielt sich ihr Kampf um die Behauptung ihres deutschen Charakters, um mt Wahrung der Volksgrenze in eigentümlichen Formen ab. Sie ist anders als die übrigen vom ge- chlossenen deutschen Vollsboden abgerissenen und einer volksfremden Staatshoheit unterworfenen Grenzgebiete, deren Wunsch, zum R-ciche zurückzukehren. außer Zweifel steht. Eine Klarheit darüber besteht nicht, und wir wissen ebensowenig, welche der denkbaren Lösungen heute die Zu- timmung der elsaß-lothringischen Mehrheit finden würde. Unzweifelhaft ist nur die allgemeine Ablehnung der Pariser Zentralisierung; man will sich nicht verwelschen lassen, will der Art nach deutsch bleiben. Die Autonomiebewegung hat sich im letzten Iahre in Elsaß-Lothringen überraschend ausgebreitet. Heute umfaßt sie fast alle Teile des Volles, auch französisch Sprechende in Lothringen. Sie zwang sogar alte Parteien, ihre Programme ihr anzupassen. Was zunächst nur in einem örtlichen Straßburger Witzblatt«, später in einer anfänglich kleinen Wochenschrift der „Zukunft" Ausdruck fand, wurde mit der Gründung des „Heimatbundes" lebendige Bewegung, die dem französischen Staat gegenüber das elsaß-lothringische Sonderrecht, das Recht auf deutsche Sprache und Kultur fordert. Scharfe Gegenwirkung trat ein; die Heirnatbündler wurden verfolgt, aber die Bewegung konnte nicht erstickt werden. Welche Entwicklungen der elsaß- lothringische Kulturkampf fernerhin noch nehmen wird, bleibt ungewiß- Aber der Gegensatz zwischen den „befreiten Provinzen" und Inner frank- reich ist mit einer Schärfe zutage getreten, die kaum einer 1918 zu erwarten gewagt hätte. Di« Legende der „Befristung" ist zerstoben. Kann der zentralistische Staat Frankreich überhaupt Zugeständnisse machen? Die letzte »2nfor- mations"-Reise Poincares nach dem Elsaß lieh auf ein gewisses Entgegenkommen in der Schulfrage (bekanntlich gibt cs in Elsaß-Lothringen nur rein französische Schulen, erst von der dritten Klasse wird Deutsch als Rebenfach gelehrt) schließen; doch seitdem sind Monate vergangen — und vor allem bleibt bemerkenswert, daß der Rektor der Straßburger Akademie, Charety, der Kultusminister Elsah-Lothringens und der eigentliche Leiter der französischen Kulturassimllation den Wechsel aller Systems (Poincare, Herriot, Poincare) überdauert hat.
Auch das „zweite Elsaß-Lothringen" an der deutschen Westgrenze, die von den Belgiern annektierten rheinischen Kreise Eupen und Malme d h, gründeten einen „Heimatbund" zur Verteidigung der deutschen Kultur und Sprache: ein Selbsthilfeakt, ein Symptom wachsenden Widerstandes gegen die Hebergriffe des fremden Staates, besonders aus der Zeit der Militärdiktatur. Freilich, hier liegen die Verhältnisse ganz, ganz anders als in Elsaß-Lothringen. Richt nur steht der Wille der Bevöllerung, zum Reiche zurückzukehren, eindeutig fest, sondern eS wurde nach oem Abbau der Soldatenherrschaft des Generals Baltia und feit der Einbeziehung
Das achte Iahr feit dem Asammenbrmch der Mittelmächte und der Unterzeichnung ter ^arlle Vororlsdillate liegt hinter uns. Was hat es dem Grenz- und AuSlandteutschtum dessm Un terwerfung unter fremde 6toat3boheit barsten den nachkriegszertlrchen Fr^denszustan verkörpert, acbracht? 3m Mittelpuickt des poli- tischen Geschehens stand der Eintritt des reichsdeutschen Staates in den Genfer -öouer bunte, ein Akt, der im Reich auf das heftigste umkämpft, später aber auch von der deutsch nationalen Partei wenigstens als Tatsache anerkannt worden ist. Auch dreEtel lungnahmc des Grenz- und Auslanteeu.scytums war nicht ganz gleich artig; ateres.ha- MH?« genüter die'em Ak e der Retchsporttrk begre f licherweise zurückgehalten. 2ird zwar pvg.e ch in den Erörterungen, die dem Eintritte m den Völkerbund vorausgingen, für den Eintritt oes Reiches gerate das Schicksal des Grer^- und Auslanddeutschtums und die Mo glicht en. dort für den Schutz der deutschen wie der europäischen Minderheiten zu wirken, geltend gemacht wurde. Ob und wieweit die Hoffnungen, denen sich ein Teil der reichsdeutschen und ter auslanddeutschen öffentlichen Meinung, ferner aber auch nichtdeutsche Minderheitsvölker bingaben und hingeben, gerechtfertigt sind, kann noch nicht beurteilt werden. Das liegt im Schoße bet Zukunft verborgen. Rasche, durchgreifende Ergeb- nisse sind Wohl schwerlich zu erwarten. Andererseits weiß gerade der Grenz- und Ausland- deutsche, zumal wenn er in volkspolitischer Arbeit steht, die Bedeutung der Einreihung tes Reiches in den Völkerbundsrat, nun er vollzogni ist, wohl zu würdigen; er verhindert, daß lunf- tighin die Rechtslage der Minderheiten noch verschlechtert werden wird.
Gab Ende des Jahres 1924 die Stabilisierung der deutschen Währung der Welt Kunde davon, daß die deutsche Wirtschaftskraft trotz politifcfj-mihtan- scher Machtlosigkeit des deutschen Staates, trotz aller Belastung durch das die Reparationsverpflichtungen zusammensassende Dawesabkommen ein selbständiger und sich durchsetzender Faktor geblieben oder wieder geworden war, so darf man mit gewisser Berechtigung die Aufnahme des Reiches in ten Völkerbund als äußeres Zeichen der geänderten moralischen Einschätzung der Welt buchen, als ein Ausdruck der Erkenntnis, daß eine Gesundung Europas ohne vollberechtigte Mitarbeit des im Herzen Europas siedelnden deutschen Volkes nicht durchzuführen ist. Das ist ein Zeichen langsamer Rückkehr der Vernunft. Ihr Wert soll aber nicht überschätzt werden. Frankreichs Gewaltpolitik, die im Ruhrkampf ihren Höhepunkt gefunden hatte, hat wohl einer anderen, diplomatischeren Methode weichen müssen. Die französische und belgische Inflatton, ferner Englands fortdauernd sich verschärsende Wirtschaftskrise haben diese Erkenntnis beschleunigt, daß der Kriegsausgang die Sieger nicht lediglich zu Nutznießern der Arbeit der Besieaten gemacht hat. So trat Europa auf deutsche Initiative hin in das Zeichen der Verständigung, die durch die Namen Locarno, Genf und Thoiry bestimmt ist; in dys,Zeichen eines deutsch-französischen Ausgleichs. Noch sind freilich sehr wesentliche Folgerungen nicht gezogen; noch sind lebenswichtige Forderungen, deren Befriedigung in Aussicht gestellt war, wie die Räumung des oesetzten Gebietes, nicht erfüllt. Die Besatzung von 88 000 Mann ist um ganze 8000 ver- ringert. Nur die erste Zone ist nach langer Verzögerung geräumt. Das Saarland ist noch nicht zurückgegeben.
Es war Staatspolittk, was wir bisher zeichneten. Staatspolittk, die über kurz oder lang ihre Rückwirkungen auf das deutsche Volkstum insgesamt haben wird. Viele grenz- und auslandsdeutsche Gruppen vermochten bereits zu spüren, daß das Ansehen tes deutschen Dolles im Iahre 1926, besonders in Südosteuropa, wieder gewachsen ist. Die Nachfolgestaaten rechnen heute ganz anders als noch vor wenigen Iahren mit der erstarkenden Macht des Reiches, hat ihnen doch der gewonnene Krieg nicht eitel Gewinne gebracht. Die alten Gegensätze der oft- und südostcuropäischen Dölker bestehen noch, neue sind hinzugekommen. Frankreichs osteuropäisches Staatenbundsystem — die Kleine Entente — hat sich gelockert; die französische Inflation hat die französischen Subsidien eingeschränkt; die eigene wirtschaftliche Rotlage fast aller dieser Staaten hat überdies den Blick dafür geschärft, daß man nun einmal zum mitteleuropäischen Witschastskreis gehört. So richten sich die Blicke vieler um die Sicherheit ihrer Staaten besorgten Minister nach Berlin. Mancher Dalkanminister begrüßte darum ten Eintritt des Reiches in den Völkerbund mit wirklicher Freude, weil es ihm künftig nicht mehr verwehrt werden kann, Berlin in seine Kombinationen einzubeziehen. — Künftige Umstellungen beginnen sich abzuzeichnen. Auch sie sollen nicht überschätzt werden; zweifellos aber sind sie im Zuge. Geschehen ist freilich noch fast nichts. Die Lage des deutschen Dolkstums jenseits ter deutschen Staatsgrenzen hat sich alles in allem kaum verbessert, ja. teilweise sogar noch verschlechtert. Wir begegnen noch fast überall Dem gleichen Willen der Staatsvölker, das deutsche Dolksgebiet in ihrem Staate mehr oder minder schnell zu entdeutschen. Ihm hat das deutsche Volkstum bis heute nichts anderes ent- gege zusetzen als ten Selbstbehauptungs- Wellen und das Vertrauen auf die Zukunft
habe, überwunden sei. Der Vertragsabschluß sei Der'erfte feierliche Akt völlig freier diplomatischer Beziehungen zwischen dem Reiche und einer ehemals feindlichen Groß» mü^5)ie eminente politische Bedeutung beS Vertrages wird allgemein darin gesehen, daß zwischen beiden Rationen keine ernsthaften Reibungsflächen beständen, Wohl aber politische und wirtschaftliche gemeinsame 3ntereffen, die aus einer Aehnlichkrit ihrer geographischen Lage und der historischen Entwicklung sich ergeben und ein Zusammenarbeiten zu beiderseitigem Ruhen erwünscht fein ließen.
Unbegründete Furcht.
London. 30.Dez. (TU.) DaS englische Interesse an dem soeben unterzeichneten deutsch- italienischen Echicdsvertrag spiegelt sich in der Wiedergabe langer Berichte auS Berlin und Rom über Wesen und Zweck des Vertrages , wider. Indessen wird auf kritische Aeußerungen im allgemeinen verzichtet. Lediglich der diplomatische Korrespondent des „Daily Herald" schreibt, es habe allgemein Argwohn bestanden, daß der formale Vertrag von einer privaten Abmachung begleitet sein würde, daß Deutschland und Italien in Zukunft als diplomatische Verbündete miteinander arbeiten würden. Die Rachricht, daß Herr Strese- mann feine Ferien in Italien zubringen und dort mit Mussolini zufammentrcfjen würde, habe diesen Argwohn bestätigt. ES habe Tnteffen noch eine andere Möglichkeit bestanden, nämlich die, daß Deutschland ein doppeltes Spiel spiele und die Drohung einer Entente mit Italien dazu benutze, ten Preis herauszuschlagen. den Frankreich für ein französifch-deutscheS Bündnis zahlen müsse. Diese Möglichkeit sei noch vorhanden.
Polens Kampf gegen die deutsche Schule.
Königshütte, 30. De3. (WTB ) Nchdem die Schulabtcilung der Wojewodschaft seinerzeit fast 90 Prozent von etwa 10 000 Anträgen für die deutsche Minderheitsschule a b g e l e h n t hatte, weigerten sich trotzdem viele deutsche Eltern, ihre Kinder einer polnischen Schule zuzuführen. In einigen Ortschaften kam es zu regelrechten Schul streike, so besonders in Hohenlinde. Dor der hiesigen Straffem- mer wurde heute im Berufungsversahren wegen eines derartigen Falles verhandelt. Obwohl die Verteidigung auf die jüngste Entscheidung des Präsidenten Der gemischten Kommission, Calonder, hinwies, b e st ä t i g t c das Gericht das erstinftanz- liche Urteil auf Geldstrafen bis zu 38 Zloty bzw. 16 Tagen Gefängnis mit der Begründung, daß zwar nach der Verfügung der Wojewodschaft vom Jahre 1924 erst weitere Entscheidungen abgewartet werden mußten, jedoch immerhin die Pflicht zum Schulbesuch bestanden habe.
Bilanz des Deutschtums
Dm Dr. Statt S. »on 2o = f4. D°rsid°n!>nn dcs D-E-n e»u6bun»ti. I.
Die Aufnahme in Italien.
Keinerlei Spitze gegen Dritte.
Rom, 31. Dez. ($11.) In den Kommentaren der italienischen Presse zur Unterzeichnung des dcutsch-italienischen Ausgleichs- und Schiedsgerichtsvertrages L'mmt übereinf.inuneixö zum Ausdruck, daß das Abkommen keinerlei Spitze gegen Dritte habe, die besonders die französische Presse voreilig habe durchblicken lassem „Popolo d ' I t a I i a" erklärt, die moralische Bedeutung liege darin, daß der Vertrag jeden Rest der Kriegsmentalität aus den Beziehungen beider Völker ausschalte. Das Buch des Krieges mit seinem Haß und seinem Mißverstehen, ist nunmehr endgültig geschlossen. Ieyt kann man verhandeln und arbeiten. Rach Cem „(Sortiere d Italia" liegt der Hauptwert und die historischc- Bedculung des 2lbkommens darin, daß eine grillige Verfassung, die bis gestern zwischen den betten Rationen vom Kriege her noch gelebt
Der Wirrwarr in Sachsen. .
Bor einer erneutcnAuflösnng des Landtags.
Wenn der Sächsische Landtag am 11. Ianuor wieder zusammentritt, wird er noch immer keine neue Regierung vorfinden, es sei denn, die zehn Parteien würden über Nacht zur Vernunft gelangen und eine Einigung einer neuerlichen Auslösung des eben erst gewählten Parlaments oorziehen. So, wie die Dinge jetzt liegen, besteht absolut keine Möglichkeit mehr, eine arbeitsfähige Koalition zusammenzubringen. Alle nur irgendwie denkbaren Kombinationen sind erwogen, aber stets wieder als unbrauchbar fallen gelassen worden. Der einzige Ausweg, den bisherigen Regierungsblock von der Deutschen Dolkspartei bis zur Alten Sozialdemokratie durch Hereinnahme der vierzehn Deutschnationalen nach rechts zu erweite r n. ist durch die widerstrebenden Altsozialisten verschüttet worden, die sich als Zünglein an der Wage fühlen und darauf bestehen zu müssen glaubten, daß an Stellt» her Deutschnationalen die Linksfozia -


