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geplant, vor allen Dingen soll aber endlich Durchgreifendes auf dem Gebiete des Woh­nungsbaues geschehen.

Es ist ja eine der vielen Sinnwidrigkeiten unserer -Seit, daß, trotz der herrschenden Woh­nungsnot und dem besonderen Mangel an billi­gen Kleinwohnungen, gerade auch auf dem Bau- markt Arbeitsmangel herrscht. Es fehlt eben auch hier an dem billigen Kapital, da Deutschland sonst alles, was an Materialien im Bauwesen benötigt wird, selbst besitzt. Uni) gerade die Be­lebung des BauMarktes, als einer der wichtigsten Schlüsselindustrien, würde eine Belebung der ge­samten übrigen deutschen Wirtschaft, und damit eine wesentliche Entlastung des Arbeitsmarktes zur Folge haben. Sn einer Enquete desB. T." macht Friedrich Minoux, der Vertraute und langjährige Mitarbeiter des verstorbenen Hugo Stinnes, beachtenswerte Vorschläge zur Behebung des beu Daumarkt beengenden Kapitalmangels. Er geht von der Rotwendigkeit aus, um jeden Preis langfristige Kredite in Fprm von billigen Hypotheken zu schaffen, und meint, daß die Stadtverwaltungen die Früchte ihrer groh- zügigen Grund- und Bodenpolitik früherer Jahr­zehnte nunmehr in erster Linie dem Wohnungs­bau zur Verfügung stellen mühten, und zwar der­gestalt, dah der volle Wert des Grund und Bodens als Hypothek an zweiter Stelle einge­tragen werden mühte. Ferner wäre den zu­ständigen Sparkassen derjenigen Kommunen und Kommunalverbänoe, die sich hierzu bereit er­klären, für die Hergabe erststelliger Hypotheken zur Bestreitung der Baukosten von dem Reich und den Ländern freizumachende Mittel zur Ver­fügung zu stellen, und zwar mit der Weisung, bis zu 90 Prozent der wirklichen Baukosten als Hypothek zu gewähren und dabei keinen höheren Zinsaufschlag zu nehmen, als er sich durch die Verwaltungsgebühr rechtfertigt. Auf diese Weise hätte jeder Daulustige nur 10 Prozent für Grund und Boden, einschließlich des Baues selbst, auf­zubringen, wozu eine außerordentliche Zahl deut­scher Unternehmer und Privatleute in der Lage sein dürften. Minoux schlägt weiter vor eine Be­freiung von dem Grunl^rwerb- und Hypotheken- stempel, gebührenfreie Behandlung bei den Grundbuchämtern und Befreiung von jeglicher Grund- und Gebäudefteuer auf eine Reihe von Jahren, was für den Fiskus ja keine Einbuhe wäre, da im anderen Falle diese Einnahmen eben nicht entstehen würden.

Reben dieser Stimme aus Jndustriekreisen verdient in der sehr regen Diskussion über das Arbeitslosenproblem besondere Beachtung ein eingehend begründeter Vorschlag des früheren Reichsministers des Innern Martin Schiele, der naturgemäh von der agrarpolitischen Seite die Frage zu lösen versucht. Gr geht von dem Grundsatz aus, dah die Arbeitslosigkeit ein in der veränderten Struktur unserer Rachkriegswirt­schaft begründeter D a u e r z u st a n d ist, dem man nur durch eine organische Umstellung unserer Produktion abhelfen könne. Die Möglichkeit er­höhter produktiver Gütererzeugung bietet sich seiner Ansicht nach lediglich im Bereich der Ur­produktion, namentlich in der Landwirt­schaft, und hier ist auch eine erhöhte Güter­erzeugung geradezu notwendig angesichts der Tatsache, dah wir auch heute noch im Monats­durchschnitt für annähernd 300 Millionen Mark Lebensmittel einführen. Seine Vorschläge bewegen sich in drei Richtungen: Einmal äuherste Steige­rung des Hacksruchtbaus, dann Bau von Land­arbeiterwohnungen und schließlich Straßen» und Wegebau auf dem Lande.

Das Wichttgste erscheint ihm zu sein, den Arbeitslosen dorthin gy bringen, wo Arbeit für ihn vorhanden ist, ihn also auf die Land- , wirtschaft umzustellen Voraussetzung ist natür­lich großzügige Schaffung von Landar- i. beiter heim statten an denen es bislang ja besonders in Rord- und Ostdeutschland leider ? in hohem Maße gefehlt hat. Der planlose Woh­nungsbau in den Städten bedeutet ihm nur eine - Steigerung und eine Verewigung der Arbeits­losigkeit. Man müsse dort Wohnungen bauen, wo Arbeitsplätze und damit Lebensmöglichkeiten Aahrungen vorhanden sind oder geschaffen wer­den können, also auf dem Lande. Me Formen der ihm vorschwebenden Landarbeiterheimstätten wer­den landschaftlich sowohl wie nach den Betriebs- Verhältnissen der einzelnen Gegenden verschieden sein, aber die Rorm mühte die Arbeiterheim­stätte mit Stallung und Gartenland sein und mit einem bestimmten Anrecht auf Pachtland. Von dieser Art von Eigenheimen müßten Hundert- tausende über das agrarische Deutschland ausge­sät werden. Das wäre zunächst eine großzügige Maßnahme zur Beschäftigung Erwerbsloser im Sinne produtttver Rotstanosarbeit, für die Dauer bedeutet es aber auch eine gewaltige Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, mittelbar, weil die Bewohner an der Intensivierung des Hackfruchtbaues mitarbeiten würden, unmittelbar, weil die Heimstätten mit Stallung und Vieh­haltung selbst lleine Zentren intensivster Pro­duktion darstellen würden. Schiele schlägt ferner vor, den neuen Ansiedlern ein sicheres Recht auf Kaufanwartschaft einzuräumen, um damit eine soziale Aufstiegsmöglichkeit zu schaffen, an der es bisher auf dem Lande sehr zum Schaden der Arbeitsverhältnisse leider ge­fehlt hat. °

Schieles hier nur in ganz rohen Zügen mit- geteilter Vorschlag verdient größte Beachtung, stammt er doch von einem der besten Kenner unserer landwirtschaftlichen Verhältnisse. Es wer­den hier Wege gezeigt, nicht nur, um aus der momentanen Erwerbslosigkeit herauszukommen, auch nicht nur, um der Rotlage unserer Land­wirtschaft abzuhelfen, sondern auch um in s o - z i a l e r Hinsicht zu einer Wiedergesundung un» feres Volkskörpers zu führen. Die größte Schwie­rigkeit wird wohl darin liegen, den Industrie­arbeiter aus der Großstadt und den großen Industriezentren des Westens auf das platte Land zu bekommen. Der gänzliche Mangel an geeigneten Arbeiterwohnungen in den Agrar- gegenben Rord» und Ostdeutschlands, die Billig­keit und Anspruchslosigkeit der ausländischen Saisonarbeiter waren bisher hier kaum zu über­windende Hindernis. Durch großzügige Schaf­fung von Landarbeiterheimstätten im Sinne des Schieleschen Vorschlages und durch die dadurch ermöglichte Wiedereingliederung vieler Erwerbs- lo!Sr in das Wirtschaftsleben an geeigneter Stelle wäre schon ungeheuer viel gewonnen.

Oesterreichs Abrüstung.

Berlin, 31. Juli. Wie die Morgenblätter aus Paris melden, haben die Verhandlungen, die !eit dem 8. Juli zwischen der Botschafter­konferenz und der unter Führung des Botschaf­ters Grünberger stehenden österreichischen Son-

derdelegation über die noch nicht erledigten Punkte in der Frage der österreichischen Ab­rüstung geführt wurden, zur Unterzeich­nung eines Abkommens geführt. An Grund der neuen Vereinbarungen werden die Bestimmungen, die sich auf die Zerstörung von Kriegsmatevial beziehen, im Laufe der nächsten Monate zur Durchführung kommen. Die Frage der militärischen Jugenderziehung soll durch dre österreichische Gesetzgebung geregelt werden.

Die Zahl der Besatzungstruppen

Cin deutscher Kommentar zu Chamberlains Erklärungen.

Berlin, 30. Juli. (TU.) Die Antwort Chamberlains im Unterhaus auf die Frage, wann die englische Regierung frie Herabsetzung der rheinischen Besatzungstruppen aus die frühere deutsche Heeresstärke im glei­chen Gebiet durchführen werde, steht, wie uns an zuständiger Stelle mitgeteilt wird, n i ch t in direk­tem Widerspruch zu früheren Erllärungen der Alliierten. Die Rote der Botschafterkonferenz vom 14. Rovember 1925 hatte von einer fühlbaren Verminderung und einer Herabsetzung der Be- satzungsstärke auf eine Zahl gesprochen, die sich ungefähr dennormalen Ziffern" nähere. Diese ungenaue Ausdrucksweise hatte den deut­schen Botschafter in Paris zu einer Erklärung am Quai d'Orsay veranlaßt. Arft diesen Schritt des deutschen Botschafters ist eine Antwort nicht erfolgt. Chamberlain hat jetzt im Unterhaus er­klärt, daß eine Zusage der Alliierten, die Truppen! aus das Maß der früheren deutschen Besatzung zu vermindern, nicht gegeben worden sei. Diese Zusage ist tatsächlich auch nicht erfolgt. Die vorstehende Auslegung der Erllärungen Charmberlains ist dem Wortlaut nach sicherlich unantastbar. Es ergibt sich aber daraus der merkwürdige Fall, daß die Erfüllung einer Zusage, die die Alliierten überhaupt nicht ge­geben haben, nach wie vor nicht ausgeschlossen ist.

Der Ostpakt.

Die Verhandlungen Nußlands mit den baltischen Staaten.

Riga, 31. Juli. (TU.) Die amtliche Sow­jetpresse äußert sich zu der gemeinsamen Ant­wort Lettlands, Estlands und Finnlands auf das russische Garantievertragsangebot und lehnt den Vorschlag ab, daß an den Vorbesprechungen auch die Vertreter aller interessierten Staaten, also auch die Polens, teilnehmen sollen. Eine solche Forderung stelle nach Auffassung der Sowjetpresse den Versuch dar, an die Stelle des G a r ant i e v e r t r a g e s ein An - grif f sbündnis der baltischen Staa- tenunterPolensundEnglands Füh - rung zu setzen. Die Sowjet-Union habe sich wiederholt ablehnend gegen die in dem Memo­randum der balttschcn Staaten zum Ausdruck kommenden Art der Verhandlungsführung aus­gesprochen und sich solchen Versuchen energisch widersetzt. Dieses Verfahren sei nicht geeignet, das Problem der gegenseitigen Neutralität zu lösen, sondern im Gegenteil nur den Frieden in Osteuropa zu gefährden.

Der Tod Dserschinski.

Warschau, 30. Juli. (TU.) Der Moskauer Berichterstatter desKurjer Codziennh" meldet seinem Blatt, daß trotz der wiederholten Demen­tis der sowjetrussischen Telegraphen-Agentur Dserschinski, der kürzlich verstorbene oe- rüchtigte Führer der Tscheka, tatsächlich er­mordet worden sei. Rach den Ausführungen des Berichterstatters soll Dserschinski mit einem Dolch im Rücken auf seinem Sessel aufgefunden worden sein. Auf dem Schreibtisch habe vor ihm ein von demKommunistischen Gehei­men Revolutionsrat" unterschriebenes Todesurteil gelegen, das mit einem Dolch am Tisch festgenagelt gewesen sei. Wie im Zusammen­hang mit dem Tode Dserschinskis weiter aus Moskau gemeldet wird, wurde der ehemalige Privatsekretär Dserschinskis verhaftet. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung soll viel belastendes Material gefunden worden sein.

Englische Industrie und Bergarbeiterstreik.

London, 30. Juli. (Wolff.) Ueber den Richtbeitritt Großbritanniens zu dem geplanten kontinentalen Stahlverband sagt dieDaily Rews" in einem Leitartikel: Die Tatsache, daß Großbritannien im gegenwärtigen Augenblick eine längere Stockung in seiner Koh - lenerzeugung durchmache, habe zweifellos die vertragsschließenden Teile bewogen, den bri­tischen Beschluß, abseits zu bleiben, mit Ge­lassenheit aufzunehmen. Sie seien der Mei­nung, daß die Abschneidung der Kohlenbeliefe­rung die englischen Stahlmagnaten für längere Zeit zu nahezu völliger Ohnmacht ver­urteilt habe. Dies sei traurigerweise wahr. Die Hoffnung auf ein Wiederaufleben der In­dustrie im Herbst schwinde schnell und es bestehe nur geringer Zweifel, daß die Märkte, die von altersher britisch waren, möglicherweise f ü r immer in d i e Hände von Ausländern gefallen seien. Gleichviel, ob es im Interesse Großbritanniens liege oder nicht, in die Stahl­kombination mit seinen Konkurrenten einzutreten, die Tatsache, daß diese Über das britische Fern­bleiben nicht bestürzt seien, werfe ein bedeutungs­volles Licht auf di e gefährliche Lage des britischen Handels.

Kleine politische Nachrichten.

Zur Reichstagung der Deutschen Uhr­macher, die vom 31. Juli bis 3. August in Köln stattfindet, hat der Reichspräsident v. Hin­denburg in einem Briefe folgenden Gruß ge­sandt:Den deutschen Uhrmachern sende ich zu ihrer Reichstagung in Köln meine besten Gruße. Ich wünsche ihren Arbeiten guten Erfolg zum Segen des deutschen Uhrmachergewerbes."

Aus Grund der Rechtslage, wie sie in der An­gelegenheit der Biersteuererhöhung durch den Schiedsspruch vom 23. Juni 1926 geschaffen worden ist, haben zwischen dem Reichsfinanzmini­sterium und dem Kommissar für die verpfändeten Einnahmen Sir Andrew Mc. Fadyean erneute Ver­handlungen stattgefunden, die zu folgendem Ergeb­nis geführt haben:Der Kommissar gibt seine Zu­

stimmung zur Hinausschiebung der Bier­steuererhöhung bis zum 1. Januar 1927, nachdem der Reichsminister der Finanzen ihm bestätigt hat, daß dadurch die aus dem Londoner Schlußprotokoll für das dritte Reparationsjahr sich ergebenden Haushaltszahlungen nicht geschmä­lert werden."

Präsident Coolidge hat zu erkennen ge­geben, daß er für die kommende Präsidentschafts- wahlen im Jahre 1928 sich als Kandidat auf­stellen lassen wird.

Der Genfer Berichterstatter des Reuterbureaus erfährt, daß die Verlobung des Königs Boris von Bulgarien mit der Prinzessin G i o v a n n a von Italien als vollendete Tatsache angesehen wird.

Kunst und Wissenschaft-

Ringende Kunst".

Die GenossenschaftRingende Kunst" wendet sich in einem Aufruf an alle jungen Bühnen­schriftsteller und Komponisten, ebenso an alle jungen Bühnen- und Filmschauspieler, in dem es heißt:

Wir alle, die wir von der gleichen Inter­essensphäre verbunden werden, wissen, wie schwer uns der Weg zur Aufführung unserer Werke gemacht wird. Aber auch darüber hinaus wird uns Hilfe in keiner Beziehung geboten. Selbst­hilfe ist hier am Platze. Diese kann nur auf Grund einer machtvollen Organisation ins Leben gerufen werden, die imstande ist, unsere, Interessensphäre im wahrsten Sinne des Wortes zu vertreten. Die Gründung dieser Organisation wird jetzt von Berlin aus in Angriff genommen. Es ist eine ihrer vornehmsten Aufgaben, der jungen Organisation den Weg zur Aufführung durch Gründung eigener Bühnen zu bahnen. Um der Organisation in ihrem Kampfe den Rücken zu stählen, darfKeiner fehlen", Zuschriften erbittet Bernhard Graf Solms in Laubach (Ober­hessen).

Aus aller Welt.

Grohflugzuge der Deutschen Lufthansa am Baikalsee.

Zwei Verkehrsflugzeuge der Deutschen Luft­hansa, die am 24. Juli mitternachts auf dem Tempelhofer Flugfelde gestartet waren, sind nach einem Flug über Königsberg, Moskau nach der Ue&erquerung des Urals in Jrkutsch am Baikal­see gelandet. Die Gesamtzeit des als Zuver­lässigkeitsflug geplanten Fluges, der Er­fahrungen für einen bereinigentransibi­rischen F l u g" ergeben sollte, beträgt 51/, Tage, trotz eines eintägigen Aufenthalts im Ural, der zu Studienzwecken benutzt wurde. Die zurück­gelegte Strecke beträgt 6700 Kilometer. Mit der Ankunft am Baikalsee ist das vorläufige Ziel der Expedition erreicht.

Wiederinbetriebnahme der früheren Rumplerwerke.

Wie dieMünchener Reuesten Aachrichten" erfahren, ist unter der FirmaBayerische Flugzeugwerke A.-G. in Augsburg" eine neue Aktiengesellschaft errichtet worden, welche die stilliegenden Fabrikanlagen der früheren Bayerischen Rumplerwerke erworben hat und dort den Betrieb derUdet-Flugzeugbau A.-G.", die in die neue Gesellschaft übergeführt wurde, fort­sehen wird.

Erdstoß auf den normannischen Inseln.

Freitag nachmittag um 2,30 Uhr wurde auf der Insel Jersey ein heftiger Erdstoß wahr- genoimnen. Die größten Gebäude in Saint Heller wurden erschüttert. Mehrere Schornsteine st ü r z t e n ein. Personen kamen nicht zu Schaden. Ein leichtes Erdbeben wurde um dieselbe Zeit auf den Bournemouthsinfeln in Südengland wahrgenommen.

Schwere Eisenbahnkatastrophe in Frankreich.

Am Freitagvormittag entgleiste in der Rähe des Bahnhofes Roish le Sec ein Postzug. Die Lokomotive Howie acht Waggons sprangen aus den Schienen und stürzten um. Rach den bis­herigen Feststellungen hat es dabei vier Tote und 17 Schwerverletzte gegeben. Der Ver­kehr auf der Linie ist sofort eingestellt worden. Die Ursachen des Unglücks sind bisher noch nicht bekannt. Der Minister für öffentliche Arbeiten, T a r d i e u, sowie der Direktor der Osteisenbahn­gesellschaft haben sich sofort an die Unglücksstelle begeben.

Bauernunruhen in der Herzegowina.

In einem Dorfe in der Herzegowina wurden Gendarmen von den Dorfbewohnern ange­griffen und aus dem Dorfe verjagt. Die Gendarmen eröffneten bei ihrem Rückzug das Feuer und töteten 18 Einwohner des Dorfes, während 40 durch Gewehrschüsse Verwundungen davontrugen. Von der Gendarmen wurden 50 Mann getötet.

Die Wahrsagerin auf der Anklagebank.

WSR. Limburg, 30. Juli. Vor der hie­sigen Großen ©trafiammer hatte sich die Wahrsagerin" Paula Haberkamm zu verantworten. Da ihre finanziellen Verhältnisse nicht die besten waren, suchte sie eine neue Ein­nahmequelle und verlegte sich auf die Wahr- fagerei. Ein astronomischerKursus" gab ihr die nötigen Kenntnisse, ihr Gewerbe mit Erfolg -u betreiben. Die Kundschaft bestand gewöhnlich aus armen Dienstmädchen vom Lande, die für 50 Pfennig oder mehrere Mark sich die dunkle Zukunft auf decken ließen." Die Zeuginnen, die in großer Menge vertreten waren, stellten entrüstet fest, daß nichts von all dem ein- getroffen sei, was die Wahrsagerin voraus­gesagt habe. Auch die Briefe, die die Reugieri- gen mit entsprechenden Ermahnungen, sich vor diesem oder dem zu hüten, ins Haus geschickt bekamen, und die unter allgemeiner Heiterkeit Kum Teil zur Verlesung kamen, bewahrheiteten ich nicht. Auf die Frage des Vorsitzenden an die Angeklagte, ob sie sich selbst schon einmal das Horoskop gestellt habe, erwiderte sie unter lebhafter Heiterkeit, dah sie diese Gerichtsver­handlung vorausgesehen habe. Von dem Karten­legen hielt sie selbst nicht viel. Die Berufung, die sie gegen die vom Schöffengericht festgesetzten 10 Monate Gefängnis eingelegt hatte, wurde trotz ihrer lebhaften Verteidigung um nur sechs Monate auf vier Monate herabgesetzt.

Wettervoraussage.

Keine wesentliche Qlenberung des verhältnis­mäßig lühlen, vorwiegend wolkigen Wetters mit Reigung zu kurzen Regenfällen.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 16,2, Minimum 12,5 Grad Celsius. Riederschläge: 1,2 Millimeter. Heutige Morgentemperatur. 14,5 Grad Celsius.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 31. Juli 1926.

Abendgang ums Viertel.

Die Last des Tages lag mir noch drückend im Gemüt: der Kopf war mir müde und heiß vom vielen Schreiben: so raffte ich das bunte Paket meiner erledigten Briefe zusammen und trug es, dabei einmal ums Viertel wandernd, zum Postkasten.

Wie herrlich war der späte Sommerabend! Ein leichter Lufthauch trug Blumenduft durch die Straßen, lieh die Bäume leis auf rauschen, der Mond stand am Himmel, und oie Geräusche der Stadt waren nahezu verstummt. Unter roten Schirmen und bunten Lampen saßen in der Gar­tenkonditorei zufriedene Menschen, Geigen- und Klavierklänge drangen durch den Zaun und die blühenden Geranien heraus auf die Straße. Im Hauseingang _ nebenan stand stumm, Hand in Hand, ein Pärchen, und ein Hundebesiher, das Pfeifchen im Munde, sah schläfrig auf feinen schnuppernden Liebling.

Die nächste Straße war ganz musikalisch eingestellt. Aus geöffneten Fenstern drangen oer­traute Klänge in buntem Gemisch, zu^st eine Beethovensche Sonate, etwas toeitfr ein halb forscher, halb gefühlvoller Bariton:Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", aus einem andern Hause ein Choral, dessen Klänge an der Icke zusammenstrudelten mit einem schmetternden Studentenlied, das laut aus einem lampionge­schmückten Garten tönte.Prost, PrositI" Die Biergläser klapperten, und Lachen und Reden schwollen lustig auf. Zwei junge Manner kamen mir langsam schlendernd entgegen; es sah aus, als ob der Zauber der Sommernacht sie ganz in ihren Bann geschlagen hätte. Aber nein, ich hörte im Vorübergehen den einen sagen: Fünfzehn Mark, das ist doch allerhand."Un­verschämt!", bekräftigte der andere. Ein Pärchen blieb gerade vor mir stehen, aber nicht um sich Ku küssen, wie ich dachte, denn es war ziemlich dunkel im Schatten der Linden, nein, sie zeigte an ihrer Bluse entlang und demonstrierte:Also hier eine Spitze, und dann eine grüne Schleife über dem farrierten Einsatz."

Der Mond zwinkerte mir spöttisch zu:Du kommst heute nicht auf deine Kosten, geh lieber schlafen und laß dein Fenster weit offenstehen. Dann kommt die Sommernacht mit ihrem Dlat- terrauschen und Dlumendust bis in deine Träume, ich will auch gern, wenn du es mochtest, in dein Zimmer scheinen und dir etwas erzählen, du weißt, ist scheine nicht nur über deinem Häuser­viertel, und man sieht hie und da doch allerlei." Danke schon," nickte ich hinaus, und war nicht erstaunt, oben mein Zimmer schon voller Mond­schein zu finden. Und dann träumte ich wunder­schön: aber es würde zu weit führen, wollte ich davon noch erzählen. E. v. M.

Gietzcner Wochenmarktprerse.

Es kostete das Pfund: Butter 180 bis 190 Matte 30 bis 35, Wirsing 10 bis 20, Weißkraut 10 bis 20, Rotkraut 20 bis 30, gelbe Rüben 10, rote Rüben 10, Spinat 25 bis 30, Römifchkohl 10, Dohnen, grüne 20 bis 25, do. gelbe 20 bis 30, Erbsen 12 bis 15, Mischgemüse 10, Tomaten 20 bis 80, Zwiebeln 20, Kartoffeln 5, Pilze 20 bis 25 Falläpfel 8 bis 10, Frühäpfel 25, Birnen 16 bis 50, Heidelbeeren 35 bis 40, Brombeeren 60, Johannisbeeren 25 bis 30, Zwetschsn (Bieler) 60, Pfirsiche 50, Aprikosen 60, Mirabellen 50, Reine­clauden 60, junge Hahnen 110 bis 120, Suppen­hühner 120 bis 130, Tauben 80 bis 90, Walderd­beeren 120, Pflaumen 35, Stachelbeeren 25 bis 30; das Stück: Eier 12 bis 13, Käse 10 Stück 60 bis 80, Blumenkohl 20 bis 80, Salat 5 bis 10, Salat­gurken 30 bis 50, Einmachgurken 3 bis 5, Ober- Kohlrabi 3 bis 15. Rettich 10 bis 20: das Päck­chen: Radieschen 5 Pf.

Bornotizen.

Tageskalender für S a ms tag. Gesangverein Heiterkeit: 8y2 Uhr, Vereinslokal, Generalversammlung. Reichsbund der Zivil­dienstberechtigten: 8 Uhr,Stadt Lich", Portrag Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Baron Trenck". Astoria-Lichtspiele:Marccos erste Liebe".

Tageskalender für Sonntag MännergesangvereinLiedertafel" Zusammen­kunft auf derWellersburg". F. R. 80 und ver­wandte Formationen: 3 Uhr nachm.,Hessischer Hof", Ortsgruppenversammlung. Lichtspiel­theater wie Samstag.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Der Erstausführung des Stückes ,,Ru« kein Skandal!" am Dienstag, 3. August, das der Verfasser selbst eine ganz unglaubliche Geschichte nennt, wird der Autor Karl Müller-Ruzika, voraussichtlich selbst beiwohnen.

O Blühende Dahlien. Wenn man jetzt einen Spaziergang an dem Bootshaus der Ruder, gefellschaft vorbei macht, kommt man an den Gar­ten der Firma L. Rob. Döll, Neustadt. Hier stehen etwa 2 0 0 Dahlien st öcke in den verschiedensten Farben in voller Blüte. Vom tiefstem Rot bis zum hellen Blau und Weiß findet man alle Farben. Die Blütenpracht erregt da» Interesse aller Vorbei­gehenden.

O Straßen am freißmaschine. Bei den Straßenbauarbeiten in der Frankfurter Straße wird eine Straßenaufreißmaschine benutzt, was ein für Gießen neuartiges Verfahren darstellt. An einer Dampfstraßenwalze hängt ein schwerer eiserner Wagen, der im unteren Teile eine besondere Kon­struktion mit Stahlspitzen besitzt. Diese Stahlspitzen bohren sich beim Fahren in die Erde und lockern so den festen Chausseeboden.

** DerHessische Fürsorgeverein für Krüppel beabsichtigt bekanntlich in Gießen eine Krüppelklinik zu errichten. Es hat deshalb auch an die Stadt Darmstadt das Ersuchen um Bewilligung eines einmaligen Zuschusses ge­richtet. Die Stadtverordneten bewilligten 1000 Mk.

** Oberhessischer Kun st verein. Die derzeitige Ausstellung von Delgemälben F. Fen - nels und Aquarellen I. Hegenbarths ist morgen, Sonntag, 1. August, zum letztenmal ge­öffnet.

" Eine öffentliche Anmahnung städtischer Gebühren erläßt die Stadtwsse in unserem heutigen Anzeigenteil. ©ä%r>.igc mögen die Aufforderung in ihrem eigenen Interesse be­herzigen.

Sin Zusammenstoß zwischen einem Auto und einem Mototrad- f a h r e r ereignete sich gestern vormittag gegen 11 Uhr an der Ecke SteinstraheAsterweg. Dabei erlitt der auf dem Motorrad fahrende Agent Reise, Plockstraße, einen Unter hchenkel- b r u ch. Der Mann wurde von dem Lenkrr des Autos sofort der Chirurgischen Klii^k zugeführt.