Nr. \U Erstes Blatt
176. Jahrgang
Samstag, 3l. Juli 1926
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
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Tage der Erinnerung.
Sind eS wirklich erst zwölf Jahre her seit jenen Stunden, da um den europäischen Frieden gewürfelt wurde und Hah, Neid und Unfähigkeit die Völker in einen jahrelangen Streit stürzten, der Millionen vernichtete und Generationen mit einer furchtbaren Erbschaft belastet? Fast will es uns bedünken, als wenn Menschenalter scithem vergangen wären. Wir haben inzwischen so viel erlebt, daß Sinn und Augenmaß für die Zeit verloren ging. Was wir in einem Jahrzehnt durchgemacht haben, das ist mehr, als unsere Dorväter in einem ganzen Leben zu Überstehen hatten. Ein gewaltiges Ringen, das Ehre und Ansehen Deutschlands zur Weltgeltung emporhob. daS uns auch bei unentschiedenem Ausgang für alle Zukunft Bewegungsfreiheit gesichert hätte, das aber im letzten Augenblick für uns verloren wurde; seit dem Versailles, der Ruhreinbruch. die Inflation und der langsame Beginn eines mühsamen Wiederaufstiegs.
Und doch: wir dürfen nicht sagen, daß di« letzten Iahre vergebens gewesen sind. Don dem Unglückslage in Dersailles bis zum Sommer 1926 ist ein Wetter Weg. Wir sind vorwärts gekommen, diel rascher, als damals zu erhoffen war. Gewiß, nachdem wir das Schwert beiseite geworfen und uns bedingungslos der Gnade eines unbarmherzigen Gegners ausgeliefert hatten, mußten wir auf das Schlimmste gefaßt sein, wir dursten nicht erwarten, daß uns auch nur ein Pfennig der Höchstsumme einer eintreibbaren Kriegskontribution geschenkt wurde; wir durften nicht erwarten, daß der Ring der siegreichen Gegner sich um uns lockern und der eiserne Griff an unserer Gurgel sich erleichtern würde. Wir müssen also auch weiterhin zahlen, solange, bis die wirtschaftlichen Tatsachen auch den blindesten Haß besiegt haben. Der Reichsaußen- minister hat vor wenigen Wochen das kluge Wort geprägt, daß es wohl unglückliche Besiegte, aber keine glücklichen Sieger in diesem Kriege gegeben hat. Rein, die Sieger sind gewiß nicht glücklich: England stöhnt unter der Last der Arbeitslosigkeit, eine natürliche Folge, weil die Kaufkraft der Welt geringer geworden ist und eine ganze Anzahl der jungen Staaten ihre eigene Industrie geschaffen habe, die jetzt gegen England arbeitet. Frankreich verstrickt sich immer tiefer in die Inflation, schon richten die Amerikaner sich darauf ein. einen neuen Dawesplan für diesen Siegerstaat auszustellen, und auch ihn unter Zwangsverwaltung zu nehmen. Belgien, Rumänien und Italien werden von Frankreich ins Verderben mitgerrssen, Polen ist dabei, seine zweite Währung zu ruinieren. Sie hatten es sich alle anders gedacht, und'soweit sie politisch klug sind, müssen sie einsehen, daß es eben ohne Deutschland nicht geht.
Es ist also nicht ausschließlicb das Verdienst der deutschen Diplomatie, wenn unsere Stellung unter den Völkern sich so weit verschoben hat, daß man uns jetzt um unseren Eintritt in den Völkerbund bittet, nachdem man vor sieben Jahren noch unseren Antrag auf Annahme ablehnte. Es ist auch nicht unser Verdienst, wenn in der Politik, die sich in dem Namen von Locarno ausprägt, unbestreitbare Erfolge zu verzeichnen sind. Wir haben die Franzosen aus der Ruhr herausmanöveriert, allerdings um den Preis unserer alten Währung, wir beginnen langsam wieder Ellenbogenfreiheit zu gewinnen, sind nichi ausschließlich mehr Objekt der Politik, sondern können auch schon wieder Sub- jekt spielen. Niemand hat es gewagt, den Berliner Vertrag, den wir als Gegengewicht zu Locarno mit den Russen schlossen, ernstlich anzufechten. England und Frankreich sind sogar schon so weit, daß fie* Brasilien samt Spanien aus dem Völkerbund ausscheiden sehen wvllen, nur um uns den Eintritt zu ermöglichen. Wer noch dem Maßstab der alten Großmacht Deutschland anlegt, wird über so kleine Verschiebungen lächeln, mit dem ist aber auch überhaupt nicht zu rechten. Denn das Kunststück, ohne militärische Macht Politik zu machen, ist an sich schon schwierig, es ist doppelt schwierig in einem bis an den Hals in Waffen starrenden Erdteil.
Schritt für Schritt, mit kleinsten Mitteln müssen wir weiter arbeiten, unser stärkster Bundesgenosse ist dabei, daß die wirtschaftliche Kraft Deutschlands sich als riesenhaft erwiesen hat, daß sie stärker gewesen ist, als wir alle geglaubt haben. Insoweit ist auch die Wirtschaft unser Schicksal, weil von hier aus die Hebel angesetzt werden müllen, die uns Atemfreiheit zum politischen Wiederaufstieg geben sollen, weil von hier aus, wie gerade jetzt die Verärgerung Englands über unsere wirtschaftliche Annäherung an Frankreich zeigt, auch am ehesten die Möglichkeit besteht, eine vollkommene Neugruppierung der Mächte herbeizuführen.
Tage des Gedenkens: trauernd senken wir die Fahnen vor allen denen, die für Deutschlands Größe fielen. Sie haben an den Sieg geglaubt. Unsere Aufgabe aber wird es sein, trotz der Niederlage dafür zu sorgen, daß ihr Glaube an die Zukunft des deutschen Vaterlandes doch noch zur Wahrheit wird.
Der deutsche Stuöenten- tag in Bonn.
(£*itt Flaggenstreit.
Zu dem 9. Deutschen Studententage, der vom 31. Iuli bis 4. August in Bonn stattfindet, sind zahlreiche Dertreter von allen Hochschulen des deutschen Sprachgebietes in Bonn eingetroffen. Die vorbereitenden Derhandulngen des Haupt-
Belgischer Mnisterbesuch in Paris.
Die Seplembertagung des Völkerbundes. Deutschlands Aufnahme.
P a r i s , 30. Juli. (WTB.) Die belgischen Mi- nister Vandervelde und F r a n q u i sind vom Ministerpräsident Poincars empfangen worden, mit dem sie über eine Stunde im Beisein des französischen Handelsministers Bokanowski verhandelten. Vandervelde erklärte, wie Havas berichtet, nach der Sitzung, er könne nichts Genaues sagen. Zwi- schen Paris und Brüssel würden ständig Beziehungen gepflogen. Jedesmal, wenn man sich gemein- famen Schwierigkeiten gegenüber befinde, spreche man sich aus. Das sei ganz natürlich.
Vandervelde hatte auch mit Außenminister Briand eine Unterredung, in der beide Staatsmänner dahin übereingekommen sind, daß der E i n- tritt Deutschlands in den Völkerbund unter fein en Umständen länger hinausgeschoben werden dürfte, wenn er nicht die Politik von Locarno aufs schwerste gefährden solle. Briand soll der Auffassung Ausdruck gegeben haben, daß das deutsche Aufnahmegesuch im September in Genf auf keinerlei Veto stoßen werde, nachdem sich Brasilien aus dem Völkerbund zurückgezogen habe und Spanien davon absehe, zur Durchsetzung eines ständigen Ratssitzes sich dieser Waffe zu bedienen. Darüber hinaus habe Briand Vandervelde davon in Kenntnis gesetzt, daß Paris und Rom bereits gemeinsam in Madrid und Warschau Schritte unternommen hätten, um die spanische und polnische Regierung davon abzuhalten, sich aus Genf zurückzuziehen, falls ihre Forde- rungen auf ständige Ratssitze nicht erfüllt werden könnten. Beiden Regierungen sei für den Fall zu- gesichert worden, daß sie nach Ablauf ihrer Man- bäte beftimmt auf eine Wiederwahl in den Völkerbund srat rechnen könnten der- art, daß ihre Sitze „einen permanenten Charakter" haben würden.
Die Kammer.
Paris, 30. Iuli. (£11.) In der Kammer stellte der radikalsozialistisch« Abgeordnete Pan- dape den Antrag, für die kommende Debatte das Recht auf Einbringung von Ab- änderungsanträgen aufzuheben. Er wies darauf hin, daß von Seiten der Sozialisten, Kommunisten und einem Teil der Radikalsozialisten die Absicht bestehe, durch die Einbringung einer großen Zahl von Zusahanträgen die Diskussion über die Regierungsprojekte unabsehbar in die Länge zu ziehen. Der Präsident der Ge- schästsordnungskommission erklärte, es bestehe lein Zweifel, daß dieser Vorschlag ungewöhnlich sei. Die Kommission beabsichtige in keiner Weise durch einen derartigen Vorschlag die Grundrechte des Parlamentes aufzuheben. Es handele sich hier um eine einmalige Maßnahme, die notwendig sei,
um die beschleunigte Durchberatung der Projekte der Regierung zu ermöglichen.
Die Kammer nahm darauf nach längerer Debatte mit 350:201 Stimmen das Gesamtprojekt der Geschästsotdnungskommission an. Obwohl ursprünglich auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung die Generaldebatte über die Fi- nan-projekte der Regierung stand, wurde diese jedoch in Anbetracht der Tatsache, daß der Bericht über die Finanzprojekte erst heute morgen im Iournal offiziell veröffentlicht worden war, auf morgen vormittag 9.30 Ahr vertagt.
Der Ministerpräsident wird in der Generaldebatte über die Finanzprojekte nochmals eingehend die Finanzpolittk der Regierung darlegen. Rach Annahme der Finanzgesetzentwürfe durch die Kammer wird der Ministerpräsident noch vor den Parlamentsferien eine Reihe weiterer Finanzpläne vorlegen, darunter den Gesetzentwurf zur Schaffung einer Amortisationskasse für die Bonds der nationalen Verteidigung.
Verkauf des französischen Tabakmonopols?
Paris, 30. Iuli. (TA.) In der Presse tauchen jetzt immer wieder Gerüchte auf, nach denen die Regierung bestimmte Verpflichtungen mit einer amerikanischen Dankengruppe eingegangen sein soll, die auf di« Abtretung des Tabakmonopols hinauslaufen. Die Ausbeutung des Monopols soll einer amerikanischen Finanz- gruppe unter Führung des Bankhauses Morgan übertragen worden sein. Derartige Verpflichtungen sollen bereits vom Kabinett Her- r i o t als Gegenleistung für die Einräumung eines Hundertmillionen-Dollarkre- d i t e s übernommen worden sein. In parlamentarischen Kreisen glaubt man. daß die Regierung einem Verkauf des Tabakmonopols nicht mehr abgeneigt sei. Es ist die Rede davon, daß e i n nationales Tabakamt gebildet werden soll, das finanzielle Selbständigkeit unter staatlicher Kontrolle haben würde. Die Monopolverwaltung würde besondere Obligationen ausgeben, die gegen die Donds der nationalen Verteidigung umgetauscht werden können.
Keine Goldwährung in Italien.
In amtlichen Kreisen erklärt man, daß Italien nicht die Absicht habe, die Goldwährung wieder einzuführen, da dies eine gefährliche Krise für seinen Handel und seine I n d u st r i e, die sich seit wenigen Iahren entwickelt hätten, heraufbeschwören könnte. Andererseits könnte Italien infolge der zwischen der französischen, belgischen und italienischen Währung bestehenden Verbindung gezwungen werden, zur Goldwährung zurückzukehren, wenn Frankreich und Belgien sich dazu entschließen.
ausschusses der Deutschen Studentenschaft haben bereits begonnen. Am Freitag vormittag sind auf dem Waffenstudententag eine Reih« von Fragen des Waffenstudententums besprechen worden. Ferner veranstaltete die Studentenschaft der Aniversität Bonn für die Teilnehmer am Deutschen Studententag einen Degrühungs- abend. Beim Eintritt in den Saal wehten die Fahnen Schwarzweihrot und die Fahnen Schwarzrotgold von den Emporen. Die Bonner Studentenschaft hatte ursprünglich nur eine Schmückung in den Farben Schwaczrotgold besorgt und auch die Stadt Bonn durch ein Schreiben zu einem gleichen Vorgehen veranlaßt. Der Hauptausschuß der Deutschen Studentenschaft hatte jedoch die Anbringung der schwarzweißroten Fahnen veranlaßt, als das Symbol, unter dem die Studentenregimenter im Weltkrieg gekämpft hätten. Der Vorsitzende der Bonner Studentenschaft Mager veranlaßte unmittelbar vor Beginn der Veranstaltung die Rieder- holung der schwarzweißroten Flaggen. Daraufhin verließ der größte Teil der Anwesenden den Saal, so daß die Rede des Vorsitzenden der Bonner Studentenschaft und des Kreises 5 (Westdeutsche Hochschule) vor fast leerem Saal stattsand, in der der Redner betonte, daß der Gemeinschaftsgeist über alle kleinlichen Bedenken siegen müsse. Der Vorsitzende der Deutschen Studentenschaft Bauer drückte fein Bedauern über den Zwischenfall aus. besonders deshalb, weil der politische Flaggenstreit in die Studentenschaft hincingetragen worden sei. Man müsse die inneren Gefühle auch der anderen Seite achten. Er mahnte dazu, die Politik zu vergessen und die Arbeit vor den Streit um Fahnen und Weltanschauungen zu stellen.
Reichspräsident von Hindenburg richtet im Augustheft der Berliner Hochschulnachrichten die folgenden Worte an die deutsche Studentenschaft: „Der deutschen Studentenschaft wünsche ich für den Studententag in dem schönen, nunmehr endlich befreiten Bonn vollen Erfolg. Möge die akademische Iugend in der Pflege vaterländischer Gesinnung, im ernsten Streben nach fachlicher Arbeit und in der Aeberwindung politischer Gegensätze ihr Ziel sehen.
Kulturfampf in Mexiko.
Mexiko, 30. Iuli. (Associated Preß.) In einer Ansprache an die Abordnung der Gewerkschaften führte Präsident Calles aus, daß die Regierung vollauf mit der Lösung von schwerwiegenden nationalen Aufgaben, wie die Aufstellung des Budgets, die Verbreiterung des öffentlichen Anterrichts, Entfaltung der industriellen und landwirt'1 ältlichen Kräfte Les Landes, beschäftigt war. Calles fuhr fort: In diese Aufgaben vertieft, hat die Regierung das katholische Element fast vergeßen, als gerade im schwersten Augenblick meiner Amtszeit die katholi'che Priesterschaft in ihrem Hah einen Anschlag gegen die Regierung verübte, indem lie in der reaktionären Presse erklärte, daß sie die neue Verfassung der Republik nicht anerkenne, und indem sie allen ihren Anhängern befahl, der Verfassung nicht zu gehorchen und sie zu bekämpfen. Die Priesterschaft erklärte, daß die religiösen Bestimmungen der Verfassung für Mexiko schimpflich und schändlich seien und daß sie nicht befolgt werden sollten. Angesichts dieser Haltung muß die Regierung entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen mit der ganzen Strenge des Gesetzes diese Haltung der Priesterschaft bekämpfen. — Der General- staatsanwalt hat angeordnet, alle Katholiken aus mexikanischem Gebiet zu entwaffnen, um gewiss« nächtliche Versammlungen zu unterdrücken, bei denen neue Gruppen gebildet werden, die gegen die kürzlich erlassenen Religionsgesehe Opposition machen.
Rach einer Havasmeldung aus Mexiko hat die mexikanische Regierung ferner beschlossen, den Geschäftsträger des apostolischen Stuhls in Mexiko, Msgr. Cresci, innerhalb einer Frist von 24 Stunden aus Mexiko auszuweisen. Alle Kirchen waren heute bei der Abhaltung der letzten Messe vor der vom Erzbischof verfügten Einstellung sämtlicher Gottesdienste von Gläubigen überfüllt. Für Sonntag werden von mexikanischen Arbeitern und den ihnen nahestehenden Parteigruppen Demonstrationen zugunsten der von der Regierung befolgten Politik vorbereitet. (Heber die Vorgeschichte des Kulturkampfes werden wir noch eingehend berichten. D. Red.)
Die Arbeitslosigkeit.
Die Arbeitslosigkeit ist das beherrschende Problem unserer Tage. Von feiner Lösung hängt wesentlich die wirtschaftliche und nicht zuleyt auch die politische Entwicklung ab. Richt nur in Deutschland, alle Lander mit stabiler Währung, mit Ausnahme der autarken Wirtschaft Amerikas, leiben seit Iahren unter der wachsenden Zahl ihrer Erwerbslosen. Das liegt einmal an dem völligen Darniederliegen des Exportgeschäftes durch das Dumping der Länder mit infla- tierter Währung, wie Frankreich, Belgien und Italien, zum anderen aber — und dies kommt namentlich für Deutschland in Betracht — am Kapitalmangel und an der Unmöglichkeit schneller Kapitalneubildung. Wenn häufig von feiten der Reichsregierung an Hand der seit März langsam fallenden Erwerbslosenziffer die Ansicht vertreten wird — so erst kürzlich in einem Aussatz des Reichsfinanzministers Dr. Reinhold —, daß diese Arbeitslosigkeit nur eine vorübergehende Erscheinung darstelle, die schlimmsten- salles in wenigen Iahren behoben sein werde, so scheint dies reichlich optimistisch. Angesichts der durch den Krieg und seine Folgen stark veränderten Struktur unserer Wirtschaft scheint man vielmehr mit der Arbeitslosigkeit als mit einem Dauerzustand rechnen zu müssen, wenn nicht durchgreifende Maßnahmen eine radikale Lösung bringen.
Das Deutschland vor dem Kriege war auf dem besten Wege zum reinen Industriestaat. Unfern Bedarf an Nahrungsmitteln konnte die heimische Landwirtschaft nur zu geringem Teil aus sich heraus decken. Es maßte vielmehr eine sehr erhebliche Einfuhr von Agrarprodutten aller Art hinzutreten, um das deutsche Volk zu ernähren. Dor dem Kriege konnten wir uns auch diese Einfuhr gestatten, da eine wachsende deutsche Exportindustrie die zur Bezahlung der fremden Lebensrnittel nötigen Auslandguthaben bereitstellte. Rach dem unglücklichen Ausgang des Krieges ist dies ganz anders geworden. Einmal drängen in die stark verengerten Grenzen des Deutschen Reiches Tausende arbeitsfähiger Vollsgenossen, die vordem im Auslande, in den deutschen Kolonien und in den abgetrennten Gebieten Beschäftigung gesunden hatten. Zum anderen machte die durch die Inflation verursachte Verarmung des deutschen Volkes es für viele bisher von ihrem Vermögen lebende Angehörige des Mittelstandes notwendig, sich ihren Lebensunterhalt wieder durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen. Dann war auch nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages das stehende Heer fortgefallen, das ständig 700 000 Mann vom Arbeitsmarkt sernhielt. In den Zeiten der Inflation konnte die Industrie dieses Heer der Arbeitsuchenden leicht avffaugen. Sobald aber die Stabilisierung unserer Währung das Exportgeschäft drosselte und die nun erst offen zutage tretende Verarmung des deutschen Konsumenten die Unmöglichkeit ergab, daß der innere Markt den Fortfall des Auslandgeschästes ausgleichen konnte, stand die Industrie vor der Rotwe.idig- feit, ihre Betriebe durch rücksichtslose Rationalisierung der neuen Lage anzupassen. Die in der Inflationszeit durch die auf die Geschäftswelt abgewälzten finanz- und steuertechni sehen Verwaltungsausgaben stark aufgeschwemmt«mBi'.r. aus wurden entleert, die technischen Betrieb durch Umstellung der Fabrikationemethoden und Einführung rationellerer Maschinen von dadurch überschüssig gewordenen Arbeitskräften entlastet. Das Dawes-Abkommen mit seiner ungeheuren Belastung für die deutsche Industrie und das rücksichtslose Anziehen dcr Steuerschraube zugunsten einer Ausbalancierung des Äc>" ietats nahmen der deutschen Wirtschasl nie Mö.- .Kit zur Reubildung des notwendig llcn Bett bj- kapitals. Auch einer der größten Arbeitgeber cer Vorkriegszeit, die Deutsche Reichsbahn mußte sich als Reparationsvfnnd auf wirtschaftlichste Geschäftsgebarung umstellen. Die Folg der veränderten Verhältnisse war ein ungeheures Anwachsen dcr Erwerbslosenzifser, die am 15. Februar 1926 mit 4 390 859 AnterstüNungsempfän- gem ihren Höhepunkt erreichte. Seitdem ist zwar die Zahl der Erwerbslosen in stetiger Kurve wesentlich gesunken — am 15. Iuli betrug sie 3 427 160 — aber es besteht aus den oben erläuterten Gründen nur geringe Aussicht, si. in kurzer Zeit so herabzudrücken, daß sie aufhört, eine außerordentlich schwere Belastung unfertr wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse s«i bilden.
Die Reichsregierung hat in monatelanger Arbeit ein sogenanntes Arbeitsbe^chaffungspro- grarnm zutage gefördert, das wohl geeignet erscheint, der Arbeitslosigkeit als momentanen Krisis beizukommen, das aber nicht das Hebel bei der Wurzel packt. Vor allen Dingen hat man sich endlich zu der Erkenntnis durchgcrun ten, daß man mit dem bisherigen System der Erwerbslosenfürsorge oder gar mit Mitteln dcr Wohlfahrtspflege für die Ausgesteuerten -«.us die Dauer nicht weiter fenvpt. Beides wirkt be- 'onders psychologisch auf den Arbeitswillen und c Arbeitsfähigkeit der Erwerbslosen geradezu ruinös. Die Regierung will nunmehr durch Bereitstellung und Finanzierung von öffentlichen Arbeiten wieder eine möglichst große Anzahl von Erwerbslosen einer produktiven Beschäftigung zuführen. Das bis ins einzelne detaillierte Programm sieht, wie hier schon früher bargelegt wurde, vor allem die Inangriffnahme von großen Eisenbahnbautcn vor. die die Reichsbahn aus Kapitalmangel zurückgestellt und die nunmehr vom Reich finanziert werden. Ferner wird ein großzügiger Ausbau des Wafserstraßennehes


