Ausgabe 
30.11.1926
 
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Ur. 280 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 50. November (926

Die Gefahr eines europäischen Krieges im Zahre (9(3.

Europa vor der Katastrophe. - Aus den neuen Dokumenten der Großen Aktenpubtikation des Auswärtigen Amtes.''

Als im Herbst 1912 im Südosten sich die Dollen zum ersten Balkan krieg ver­dichteten, erschien der europäische Friede ftan bedroht. Die Einigung der Großmächte aus Oie Formel, dost sie, Die immer der Krieg ausfallen möge, eine Aenderung des Status quo auf dem Balkan nicht zulassen würden, lleß dann, toenlg- ftens nach außen hin, die Gefahr einet euro- päifchen Konflagralion zunächst wieder in den Hintergrund treten. Der Krieg, den die Türkei, geschwächt durch den Tripollskrieg, gegen die Vielfach überlegenen serbisch-bulgarisch.grlechisch. montenegrinischen Derbündeten dann zul führen hatte endete bekanntlich schnell mit der türkischen Bieberlage Schon am 3. Dezember trat Waffen« stillstand ein, und noch im selben Monat begann öle Friedenskonferenz in London, Auf der gleichzeilig in London stattgefundenen Bot- fchafterkonserenz traten sogleich die Interessen­gegensätze der Großmächte, vor allem die öster­reichisch-russischen, die sich diesmal auf die Abgrenzungsfragen eines autonomen Al­baniens richteten, wieder zutage. Die über­triebenen Forderungeii der S egerstaaten führten im Januar 1913 zu einer Staatsumwälzung in der Türkei, zum Abbruch der Friedensverhand« lungen in London und zur Wiederauf­nahme der Feindseligkeiten auf dem Balkan Die russischen Truptzenansammlungen an der" galizischen Grenze und die österreichischen Lüftungen bildeten ein großes Gefahrenmoment und verursachten in Paris große Nervosität. Dort wurde man nicht müße, die friedlichen Ab­sichten Rußlands zu betonen und die Haltung Oesterreichs aU provozierend zu bezeichnen. Der diplomatische Kampf zwischen Oesterreich und Rußland um Gebietsverteilung auf dem Balkan um Gewinnung eines Adriahafens für Ser­bien u. a. spchte sich zu. Da entschloß sich die WienerRegierung zur Entsendung des Prinzen Gottfried von Hohenlohe, deS spateren österreichisch-ungarischen Botschaf­ters in Berlin, nach Petersburg. Er hatte dem Zaren ein Handschreiben des Kaisers Franz Joseph zu überbringen und im Sinne dieses Treibens auch mündlich auf einen ver­söhnlichen Ausgleich der österreichisch-russischen Spannung hinzuwirken.

Heber die Auffassung, die man über die Lage damals in Paris hatte, sowie über den Verlauf der Mission des Prinzen Hohenlohe, die einen bedeutsamen Schritt der österreichischen Regierung zum Zwecke der Erhaltung des euro­päischen Friedens barstellt, und die auch deutscher­seits nicht nur gebilligt, sondern der durch eine eindringliche Friedensmahnung des Reichskanz­lers von Bethmann Hollweg an die Wiener Regierung noch stärkeren Rachdruck verliehen wurde, sind wir in der Lage, folgende Schrift- ftücfe aus dem in Kürze bei der Deutschen Ver- agsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin erscheinenden 34. Bande Der Großen Akten Publikation des Auswärtigen Amtes zum Vorabdruck zu bringen:

Der Botschafter in Paris, Freiherr v. Schoen, an den Reichskanzler von v e th rn a n n h o l t w eg.

Ausfertigung

Paris, den 19. Dezember 1912.

(pr. 21. Dezember)

An seinem gestrigen Gmpfangstage habe ich Herrn P o i n c a r e in Der Beurteilung der inter­nationalen Lage weniger pessimistisch gefunden wie vor einer Woche. Gr steht aber noch immer mit Sorge vor der großen Frage:W a s will Oesterreich-Ungarn mit seinen weit­gehenden Rüstungen?" Er habe, sagte er mir, diese Frage auch soeben mit dem öster­reichisch-ungarischen Botschafter besprochen und «hn zu überzeugen gesucht, daß für die mili- iärischen Maßregeln der Doppelmonarchie werde In dem neueren Verhalten Serbiens noch in

)Die Große Politik der Europäischen Ka­binette 18711914. Sammlung der Diplomati­schen Akten des Auswärtigen Amtes. Im Auf­trage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Job. Lepsius (f), Albrecht Mendelssohn- Bartholdi), Friedrich Thimme. 5. Reihe. Dritte Abteilung: Band 34 bis 40.Europa vor der Katastrophe. 2m Verlage der Deutschen Der- lagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W8.

Gießener Konzertverein.

Lotte Leonard ist ohne Zweifel eine große Künstlernatur mit starkem dramatischen Erleben.

Dramatischer Gesang kann aber aus zwei Wurzeln erwachsen, aus der innerlichen Span­nung, dem Eigenwillen heraus, ober aus der Ent­spannung, Ausschaltung des bewußten Wollens heraus, der Hingabe an das Werk.

Der innerlich/entspannte Künstler geht im Sachlichen des Werkes auf. Sinnig, liebevoll man möchte sagen, in femininer Art entäußert er sich seines eigenen Jchs und lebt sich in die Rolle des Werkes hinein. Der kleinste, imimfle Zug im Werk wird ihm zu eigen, an nichts geht er vorüber, nichts ist ihm zu unscheinbar für fein Erleben. Die geringste Affektregung saugt er gleichsam in sich auf und. so ganz auf dem inneren Urgründe des Werkes stehend, wächst er mit dem Werke, das Werk mit ihm. einer den andern fördernd. Je stärker das Werk, um so . stärker das innere Aufwallen: beim Werke, das ohne Schaffens Notwendigkeit gezeugt wurde, das kein organisches Leben in sich trägt, wird auch seine Kraft sich verlieren, denn ihr fehll ja der innere Antrieb. Bei starken, 'im Werke gebun­denen Kräften wird auch seine Kraft sich er­heben. aus der leisesten Gefühlsregung bis zum vollsten Ausmaße des Affektes, eine Dramatik- aus dem Lyrischen entspringend, aus dem Emo­tionalen geboren; wie wir sie z. D. bei Schubert im Werke antreffen und bei manchen unserer Großen in der Auswirkung hören.

Dem steht auf der anderen Seite der Künstlerthp gegenüber, der das Werk mit be­wußtem Willen gestaltet,' der nicht dem Emotio­nalen des Werkes hingebungsvoll folgt und, aus den einzelnen Regungen des Werkes heraus ge­

bet Haltung Rußlands eine genügende Er­klärung zu finden sei. Er könne bestimmt erklären, baß von russischer Seite nichts geschehen unb beabsichtigt sei, was Oesterreich-Lingam zu be­unruhigen vermöchte'). Auch bei Den Serben beständen neuerdings durchaus versöhnliche Dis­positionen bezüglich Atbaniens und der Hafen- frage.

Gras Szäcsen habe ihm allerbings ent- gegcngeßalten, Die neueren serbischen Entschlüsse seien bem Wiener Kabinett amtlich nicht bekannt, worauf er, Poincare. bemerkt habe, es scheine ihm immerhin weife, wenn die österreichisch-un­garische Regierung mit dem Vorhanbenlein jener nachgiebigen Stimmung in Belgrad als eines be­stimmten Faktors rechne.---

Die Nachrichten von den ersten Besprechungen der Botschafter In London lauteten erfreulich.

Der österreich-ungarische Minister des Aeußeren, Gras Berchtold. an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg.

Eigenhändiger Privatbrief.

Wien, den 5. Februar 1913.

Die uns von verschiedenen Seiten signalisierte persönliche Gereiztheit Seiner Maje­stät des Kaisers Allolaus über unsere angeblich intransigente Haltung zu allen Fragen die der Auftellungsprozeß am Balkan mit sich bringt, hat den Gedanken nahegelegt, durch sozusagen direkte Aussprache von Monarch zu Monarch dieser' Stimmung die Schärfe zu nehmen unb einer ernsten Trübung der höfischen Beziehungen vorzubeugen.

Don biefer Intention geleitet, haben Seine Majestät zu bestimmen geruht, daß Prinz

Vorankündigung

an die Landwirtschaft und Gartenbau betreibende Vevölkerung im Verbreitungsgebiet des Gießener Anzeigers

Zur Förderung des öffentlichen Austausches und der Auswertung von Beobach, tungen und Erfahrungen auf allen Gebieten der heimischen Landwirtschaft, der Vieh­zucht und des Gartenbaues wollen wir wahrend des Monats Dezember eine Reihe von Preisaufgaben in unserer landwirtschaftlichen BeilageDie Scholle" stellen. Je eine oder mehrere Aufgaben werdey jeweils Freitags in der Scholle veröffentlicht werden. Das

Preisausschreiben

mit den näheren Bedingungen erscheint anfangs Dezember an dieser Stelle. Wert- volle Preise zum Gebrauch im landwirtschaftlichen Betrieb sind vorgesehen; sie sollen rege geistige Mitarbeit in landwirtschaftlichen Fragen während der betriebsstillen Winterzeit lohnen.

Wir laden schon heute die in Betracht kommenden Bezieher des Gießener An­zeigers und alle, die es zum Dezember werden wollen, zu nutzbringender Beteiligung an dem geplanten Preisausschreiben ein. Die Wertung geeigneter Arbeiten und deren Besprechung durch Sachkenner wird in der Scholle, die Veröffentlichung des Gesamt­ergebnisses und der Preiszuteilung im Gießener Anzeiger erfolgen.

Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.

Wesentliche Divergenzen seien nicht heroorgetreten. Wäre nicht das Ergebnis der Verhandlungen zwi­schen den Friedensunterhändlern der Balkanstaaten und der Türkei abzuwarten, so wurde man allem Anschein nach in wenigen Tagen zu einer die Lage entspannenden Verständigung ~ unter . den Großmächten gelangen können. Mit Sorge erfülle ihn aber die neuerliche Intransigenz und Kampfes- stimmung der Türken, die indessen, wie er aus­drücklich betonen möchte, von keiner Großmacht mit Sympathie begrüßt, geschweige denn unter- stützt werde. o. Schoen.

Randbemerkungen Kaiser Wilhelms II.:

*) Was weiß denn der Affe von dem, was die Russen an der Galizischen Grenze machen!? Ein­bildung des eitlen Zivilisten, der über Militaria einfach zur Tagesordnung übergeht.

Schlußbemerkung des Kaisers:

Allgemeiner Quatsch! Gallisches Geträtsch!

Hohenlohe, welchem Kaiser Rikolaus zur Zeit seiner Verwendung als Militärattache in ÖL Petersburg wiederholt Zeichen persönlicher Synttxtthie gegeben hat, sich nach St. Petersburg bcgeoe, um ein an den Zaren gerichtetes Hand­schreiben Seiner Majestät unseres aUcrgnä- digsten Herrn zu überbringen unb in Form einer mündlichen Message die friedlichen Absichten unb freundschaftlichen Gefühle unseres Monarchen zu verdolmetschen.

Der Inhalt des Schreibens ist im wesent­lichen folgender:--Es habe Seine Majestät

unangenehm berührt, baß unsere Politik, bie von Anfang an vom Gedanken inspiriert gewesen sei, in die Llmsturzbewegung am Balkan keine weiteren Elemente der Unruhe zu bringen, in Rußland irrig ausgelegt worden sei. Wir hätten uns nicht nur jeden bewaffneten Eingreifens in den Konflikt enthalten, sondern auch zuge­stimmt, an gemeinsamer Beratung mit den Mäch­ten von Problemen teilzunehmen, an welchen

trieben, es erstehen läßt, sondern der das Werk bewußt in seiner Endwirkung erfaßt unb mit In­tellekt unb Reflexion ihm bie zur Wirkung not­wendigen Züge verleiht. Aus dem so sich ergeben­den Selbstbewußtsein des Gestaltenkönnens er­steht bann leicht eine gewisse Ueberlegenheit bem Werte gegenüber, unb bie steigert sich bann oft zum Arttstentum; das Werk ist bann nur noch Mittel zum Zweck, statt Enbzweck ber Kunst­leistung. Die innere bewußte Gespanntheit führt also zur Entfrembung bem Werke gegenüber; der Eigenwille will nur sich selbst bienen; führt ab vom Künstlerischen.

In ber Ueberfteigerung muß solch eine Ge­spanntheit zur Realtion führen; bem übertriebe­nen Expressionismus jüngst vergangener Zeit stellt sich jetzt in ber bilbenben Kunstneue Sachlich­keit" gegenüber. .Unb eine kommenbe Zeit wirb vielleicht eine glückliche Annäherung biefer bei­den äußersten Pole, Spannung unb Entspannung, bringen^ künstlerische Vertreter beider Rich­tungen hat es stets gegeben, unb wirb es auch in Zukunft geben, wenn auch durch die zeit­weiligen geistigen Strömungen variiert; denn sie find zu sehr in ben menschlichen Typen b^ grünbet. Unb es soll nicht bestritten werden, daß je nach ber typischen Veranlagung ein Aus­schlagen nach der einen wie der anderen Richtung möglich unb zulässig ist. Im Gegenteil, ein Ver­kennen bes persönlichen Typus muß sicherlich zu innerem Zwang, zu Hemmungen führen, und das prägt sich am deutlichsten in ber menschlichen Stimme, als ber von ber Ratur gegebenen inneren Künde rin. aus. Rur frei von jedem Zwang, der ja der natürlichen Veranlagung zu­wider ist, kann sie bas Seelische frei audftrömen lassen; nur bann wirb sie auch organisch-technisch

sich so geben ohne Dehinberung ber Tonent­wicklung, ohne die verhängnisvolle Regifter» bilbung, einem Probukt ber Uniformierung durch den menschlichen Willen, bas sich bei typischer Einstellung ohne weiteres verliert. Ist es benn nicht direkt verblüffend, daß eine im Typus ver­kannte Stimme plötzlich da, wv dec Gestaltungs- Wille dem Emotionalen nahekommt, einen ganz anderen Klang gewinnt, frei das Persönliche aus- ftrömen läßt?

Das tourte auch offenbar bei Lotte Leonards eminenten Stimmitteln, zeitweilig von faszinieren­der Klangschönheit, tote in Richard Straußens Waldseligkeit (2. Strophe). Sie beherrscht ihr Organ mit einem fabelhaften Gestaltungswillen. der bie Sängerin in ihr fast zurückdrängt. Alles fügt sich zum Ganzen, zur großen Giwtoirkung; eine Vortragsmeisterin, wie man ihr nur selten begegnet. Unb mit großer Geschicklichkeit weiß sie die Töne bes Kopfregisters in ihrer Wir­kung auszunühen; wie im Refrain ber beiben Schäferlieber von Hugo Wolf. Aber imWiegen­lieb von R. Strauß, ba hätte man ben Kopf­tönen (Diese Welt zum Himmel) noch strah­lendere Expansion gewünscht. Und so reihte sie Gabe an Gabe, Schubert, Wolf, Strauß, jedes­mal mit treffender, wirkungsvoller, geistiger Ein­stellung; mit verklärten, überirdisch entschweben­den Tönen, so in berjungen Rönne, mit ter Aufwallung ihres Temperaments indie Liebe hat gelogen". Hugo Wolfs Welt erschloß sie bis zur feinsten Vortragsnuance mit geistiger Ueberlegenheit. Daß bei solchem Erfolg Zu­gaben verlangt unb gegeben würben, bedarf bei einem Konzert von dieser Bedeutung wohl kaum ter Erwähnung.

Und nun Paul Meyer- Frankfurt am 5 lü­get So oft man ihm begegnet, um so größer

wir bie Rächstint eres fierten sind. 3m Laufe ber Beratungen hätten wir uns von konzilianter Gesinnung leiten lassen, obwohl uns die Wah­rung unserer elementarsten Interessen nicht leicht gemacht werde Dies alles könne als Beweis bienen, baß unser Bestreben baßin gehe, jebe Ursache zu Mißstimmungen zwischen ben beiden Kaiserreichen zu vermeiden.

---Hvhenlobe ist zwar über den Gang ber Londoner T-ei-ßant lunger orientiert, hat aber nicht den Auftrag, diessalls Erörterungen vor­zubringen, die ben Anschein erwecken könnten, als sei mit seiner Entsendung die Ansicht ver­bunden, einen Druck auf die russische Regierung auszuüben. Seine Aufgabe wird erfüllt fein, wenn er die maßgebendsten Saftoren in der zweifachen Richtung orientiert haben wird: 1. in- betreff ber in Rußland vollkommen verkannten Bedeutung, welche bie durch die Umwälzung hart an unserer Grenze aufgeworfenen Probleme für bie Monarchie besitzen, 2 über das Ab- ßanbenfem irgendwelcher feinbfcliger Tendenzen der Monarchie gegenüber bem russischen Rach- barreiche.

Wollen die leitenden Kreise in Rußland diese Sprache verstehen, wird ihnen die Möglichkeit hierzu gegeben. Wollen sie es nicht, so haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan und finden Trost in dem Gedanken:In magnis voluisse sat est!

Die eben eingelaufen en Telegramme geben ein günstiges Bild von bem Verlause der ersten Audienz Hohenlohes, so baß ich die Hoffnung nicht aufgebe, daß es gelingen werde, über den toten Punkt hntwegzukommen, auf welchem sich die Londoner Botschafterreunion derzeit befindet.

Berchtold.

vcr Reichskanzler von Bethmann holl weg an den österreich-ungarischen Minister des äleußereu Grafen von Berchtold.

Privatbrief. Unsigniertes Konzept.

Berlin, ben 10. Februar 1913. '

Euere Exzellenz bitte ich, meinen verbind­lichsten Dank für die überaus interessanten Aus­schlüsse über die Mission bes Prinzen Hohenlobo nach Petersburg entgegenneßmen zu wollen, die Sie die Güte hatten, mir in bem Schreiben vom 5. b. Mts. zu geben. Seiner Majestät dem Kaiser meinem aller gnädigsten Herrn habe ich entsprechende Mitteilung erstattet.

Wie ich die Lage in Rußland auf Grund» von Informationen beurteile, bie ich für zu­verlässig zu halten Anlaß habe, ist aber mit Bestimmtheit darauf zu rechnen, daß bie Kräfte, die hinter der panflawiftischen Hetze stehen, die Oberhand gewinnen werden, wenn Oesterreich- Ungarn in einen Konflikt mit Serbien hinein­treiben sollte. Daran würde auch ein größeres ober geringeres Verständnis für die Gesichts­punkte voraussichtlich nichts ändern, die in einem! solchen Falle für das Vorgehen ber k. u. k Re­gierung maßgebend fein würben. Auch muß man bei objektiver Prüfung zu dem Ergebnis kom­men, daß es für Rußland bei feinen traditio-, ncllen Beziehungen zu den Dallanstaaten bei­nahe unmöglich ist, ohne einen ungeheuren Ver­lust an Prestige einem militärischen Vorgehen! Oesterreich-UngamS gegen Serbien tatenlos zu­zusehen. Die Vertreter einer friedlichen Rich­tung, die wir in ben Herren Zeokowzow unb Sasonow zweifellos erblicken dürfen, würben von dem Sturm der öffentlichen Meinung einfach fort- getoeht werden, falls sie versuchen sollten, sich ihm entgegenzustellen. Die Folgen eines russischen Eingreifens liegen aber offen zutage. Sie würden auf einen kriegerischen Konflikt des von Italien voraussichtlich nicht mit großem Enthusiasmus unterstützten Dreibundes gegen die Mächte ber Tripelentente hinauslaufen, bet dem Deutschland bas ganze Schwergewicht des französischen und englischen Angriffs zu tragen hätte. Eure Exzellenz werden es verstehen, baß diese Perspektive es mir zum Pflicht macht, an Eure Exzellenz die Bitte zu richten, mich über die Wege gütigst unterrichten zu wollen, die die Po­litik der k. und k. Regierung im weiteren Verlauf dieser Krisis zu gehen beabsichtigt. Ich möchte nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit aus ein Symp­tom hinzuweisen, das meines Dafürhaltens dis allerernsteste Beachtung verdient: Ich meine d i e Haltung der englischen Politik in der letzten Zeit. Wahrend der Annexionskrisis stand England als treibendes Element hinter Rußland und verfolgte eine Prestigepolitik, die einen fried­lichen Ausgleich damals auf das äußerste er­schwerte. Heute bildet England ein vermittelndes Element, durch welches wir immer wieder ver­mocht haben, einen beruhigenden und hemmenden Einfluß auf Rußland auszuüben. Ich möchte das gegenüber den Stimmen betonen, die, wie ich weiß, laut geworden sind und unserem Streben,

wird die Freude an seinem Können als Musiker und Pianist; wie er bie stimrnungsschaffenden Vorspiele behandelt, wie er jeden Stil sicher trifft, mit welcher Delikatesse er begleitet, das steht nahezu einzig da. -in-

Horn-Quartett Kalbhenn.

Wohl zu keiner Zeit des Kirchenjahres ist das Innere so empfänglich, wie im Erwarten der Adventszeit. Das Rahen des beutschesten aller christlichen Feste läßt die Herzen höher schlagen, unb ein jeber wirb wieber innerlich jung. Wenn man sich bann in ber Abendstunbe zu schlichter Feier unb innerer Sammlung im Gotteshause zusammenfinbet, unb wenn man bann in stiller Andacht allen den Melodien lauschen kann, bie unserem kirchlichen Iahreslauf bas Gepräge gel en, bann erklingt in unserem Innern etwas mit, waS über Wort unb Melodie hinausgeht, ein Schim­mer des Erschauerns, bes Weltentrücktseins, bes Liebermenschlichen, bes Lieberweltlichen.

Lind das war das Erlebnis derer, die sich in der Iohanniskirche zusammengefunden hatten und bem sich ganz Hingaben, was bas Horn- quartett des Pfarrers Kalbhenn ihnen bot Man konnte seine stille Freude über das ausge­glichene Zusammenspiel haben; weiche, säst orgel- artige Klänge. In der Vortragsfolge geht Pfar­rer Kalbhenn seine eigenen Wege, indem er die beste Form des Chorals wählt, die ihm unser größter evangelischer Kirchenmeister, Ioh. Seb. Dach, gab. ilnb bann abweichend von ber Art, wie man sonst die Choräle blasen hört. DaS war Versenken, Vergeistigen, und um so frischer und eindringlicher wirkten sich bie Sätze in ihrer einzigartigen linearen Kunst aus. Unb ba8 alles wieber zum Wohle ber Mitmenschen, ein rechtes Adventswerk! g.